Q Mittwoch den 1. Bktober. HB ff eTi} WM W 1902. — Nr. 146. AM (Nachdruck verboten.) Die Viper. Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel. (Fortsetzung.) „Ob sie es wird haben wollen!" fuhr der Graf von £ . . . fort. „Erst unlängst äußerte sie sich zu mir: Man hat mich noch niemals porträtiert. Ich sterbe vor Sehnsucht, ein Bild von mir zu haben, doch fehlt mrr der Mut zu sitzen. Sie haben ihr die Sitzungen erspart, lreber Rakenius." , „Wenn dem so ist," sagte der junge Maler lächelnd, „warum sollte ich diesen Zufallswurf, der mir nach Ihrem Ausspruch gelungen ist, nicht ausnützen, meme Herren? „Entschieden", meinte Eduard A. ... „Endlrch, Sre arbeiten, nm zu leben, und die Gräfin ^ " O ich spreche nicht davon, das Brld zu verkaufen. Dann wäre das Bild geradezu ihr aufgedrungen. Aber ich kann es ihr anbieten, falls es ihr gefällt, und sre es anzunehmen für würdig erachtet." „Ob sie es annehmen wird, das weiß rch allerdings nicht. Aber ich bin sicher, daß es ihr gefallen wrrd", begann der Graf von X. . . von neuem. „Sre tonnen jedenfalls den Versuch wagen. Schicken Sie ihr diese Studre, ohne sich zu unterzeichnen, und ohne sich rrgendwre zu nennen. Ich werde ihr übermorgen einen Besuch abstatten- Es ist ihr Empfangstag. Sie wird unbedingt von der ano- nhnren Zusendung sprechen, und ich werde Ihnen berrchten, welchen Eindruck es auf sie gemacht hat. Sollte der Eindruck ein günstiger sein, dann erzähle ich ihr, was vor- gesallen, und sage ihr, daß ich derjenige war, der Ihnen zu dieser Sendung geraten hat." „Nehmen Sie den Vorschlag an!" rief man von allen Seiten. „Dank dem Grafen sind Sie dann in keinem Falle kompromittiert." , „Also, meine Herren, nachdem Sre mrr alle dazu raten, will ich diese Studie hinschicken. Sie ist mir überdies nicht mehr von Wert, da Sie mir sagen, daß sre ern Porträt ist. Ich habe kein Recht, die Gräfin Doroukofs ohne ihre Zustimmung in die Mitte anderer Frauen zu stellen auf einem Gemälde, das bestimmt war, ausgestellt zu werden. Solche Dinge sollen zwar schon vorgekommen sein, doch mißbillige ich es von meinem Standpunkt aus." Diese Unterredung wurde von einem Bedienten unterbrochen, der Madeira und Zigarren anbot. „Es rst die Stunde Ihres Lunch, meine Herren", wandte sich Georg an seine Gäste. „Haben Sie die Güte, ihn bei mir abzuhalten." Während man seiner Aufforderung nachkam, trat Georg einige Schritte abseits- nahm eine Bleifeder und kritzelte auf ein Stück Papier in aller Eile folgende Wörter „HH Hrbe gesiegt. Man hat sie erkannt-, .Sie heißt Gräfin Olga Doroukoff. Ich will versuchen, noch Weiteres über sie herauszubekommen. Gedulde Dich! Auf bald'" Er übergab das Papier heimlich dem Bedienten und trug ihm auf, es sofort dem gnädigen Fräulein zu über«, bringen. 24. Kapitel. Nachdem er sich dieser Pflicht gegen seine Schwester entledigt hatte, kehrte Georg wieder zu seinen Gästen zurück und sagte, an einem Glase Madeira nippend: „Ja, unter anderem, mir fällt selbst gerade ein, Sis haben vergessen, mir die Adresse der Dame zu nennen,: der ich das Bild zusenden soll. Ich bin über Berliner High-Life-Namen nicht so orientiert wie Sie, meine Herren, und der bloße Name der Gräfin Doroukoff giebt mir nicht genug Aufklärung." „Das beweist, mein lieber, großer Künstler", entgegnete der Graf von X. . ., „daß Ihr Kopf mehr zu denken hat als der unsrige — oder vielmehr an etwas Wichtigeres zu denken hat. Die Gräfin wohnt in der Voßstraße 52. Jeder Mensch kann Ihnen ihr Palais zeigen. Es ist das ehemalige Haus des gewesenen russischen Attachee, Prinzen Tschigorin, jenes Russen, mit dem sich ja vor Jahren ganz Berlin wegen einer Spielaffaire beschäftigt hat, und der plötzlich vor drei Jahren Berlin verließ, um sich auf seine Güter — ich glaube im Kaukasus — zurückzuziehen.'< „Ja, ja, ich erinnere mich noch", unterbrach ihn Eduard A. . „Tschigorin verschwand dann infolge einer gewissen peinlichen Geschichte, in die seine Gemahlin, die schone Prinzessin Alexejewna, und fein Sekretär, ein verdammt hübscher Bengel, verwickelt waren. Das Palais blieb eine Zeit lang unbewohnt, wurde dann zum Verkauf ausgeboten und vom Grafen Doroukoff gekauft." „Ah, es giebt also noch einen Grafen Doroukoff"!, fragte Georg mit möglichst harmloser Stimme. „Gewiß, mein Lieber, und sogar einen ganz echten, sehr authentischen Grafen, aus sehr altem Adel und unverfälscht reiner Rasse, eine Persönlichkeit, die an Adel und Ansehen sämtliche russische Fürsten in den Schatten stellt." „Um Rakenius vollkommen aufzuklären", sagte der Graf von F. . ., „können wir noch hinzufügen, daß das Vermögen des Grafen ebenso bedeutend wie sein Name berühmt und geachtet ist." „Und daß seine Frau sehr hübsch rst", fugte der Baron von N. . . . bei. „O! Hübsch, der Ausdruck klingt wohl zu schwach. Sie können ruhig und gefahrlos sagen: schön. Als srch voriges Jahr einige Narren zusammenthaten — rch war auch darunter — eine Liste von Weltdamen aufzusetzen, dre um den Schönheitspreis des Auslandes in ^ondon konkurrieren sollten, wurde einstimmig die Gräfin Doroukoff, geborene Fürstin Balaljewna, eine Rose uns dem Kaukasus^ au die Spitze derselben gestellt.^ — 582 — „Haben Ausländerinnen auch tot der Konkurrenz teilgenommen?" fragte Georg. „Nein, die waren ausgeschlossen. Es hat sich bloß um die im Auslande lebenden Russinnen gehandelt." „Also ist die Gräfin eine geborene Russin?" „Jawohl; eigentlich stammt sie aus dem Kaukasus, halb Russin, halb Armenierin. Man sagt sogar, daß ihre Vorfahren, auch hochadlig, ungarischen Ursprungs waren. Es muß auch in ihren Adern noch etwas Magyarenblut fließen", fügte er lachend hinzu. „Also ein heißes, lebhaftes Blut? Ich frage blos wegen meines Porträts! Es ist ja noch lange nicht fertig, und ich kann dem Fleisch noch mehr Kolorit, der Farbe des Gesichts einen ausdrucksvolleren Ton verleihen." „Thun Sie es immerhin", riet der Graf. „Der Teint Ihres Modells ist ein äußerst warmer. Ein sehr heißes, sehr ungetrübtes Blut scheint in ihren Adern zu pulsieren. Alles verrät eine brillante Gesundheit und läßt eine heißblütige Natur, die echte leidenschaftliche Magyarin vor- aussetzen. ... Ich spreche als Beobachter einem Künstler gegenüber, und da ist dies schon erlaubt zu sagen. Ich muß aber noch rasch hinzufügen, daß im Verhalten, in den Manieren der Gräfin nichts diese Heißblütigkeit, diese Leidenschaftlichkeit verrät. Denn sie ist von vollendeter Haltung und Zurückhaltung, — vielleicht sogar sehr zurückhaltend in einer Zeit, wo sich viele anständige Frauen manche Redefreiheiten gestatten. Aber diese Reserve paßt eben zu ihrem strengen Gesicbtsansdruck, zu dem großen Ton, den sie führt, und zu der ganzen hohen Stellung, die sie einnimmt. Man begreift von ihrem Standpunkte aus, daß sie, um gewisse Dinge anzuhören, oder gar zu sprechen, zu sehr von ihrer Höhe herabsteigen müßte. Sie bleibt auf ihrem Platz, auf ihrem Piedestal, auf das sie ihre Geburt, ihr Reichtum und ihre beinahe göttliche Schönheit gestellt und erhoben hat." „Donnerwetter! Ist das eine Lobrede!" rief Georg lächelnd. „Und verdient es der Graf, der Gatte eines solchen Weibes zu sein? Steht er auf gleicher Höhe mit dieser Gottheit?" „Er stand wenigstens auf ihr. Alles und jeder bewunderte ihn vor fünf Jahren noch am Tage seiner Hochzeit. Er war ein blendender Kavalier, mit stolzen Mienen, und verstand seinen Namen und Titel auch würdig zu tragen. Denn durch irgend einen Anlaß des Kaisers Nikolaus I. haben er und seine Nachkommen das Anrecht aus das Prädikat „Durchlaucht". Aber damals warf er seine letzten leuchtenden Strahlen, die Sonne versank, und er ist sehr rasch hinab in das Flachland gestiegen, wenn man den Posten eines Botschaftsrates in Berlin herabsteigen nennt. Gott, ich bitte Sie! Man heiratet nicht ungestraft im Alter von 45 Jahren nach langem, sehr bewegtem Leben eine Frau von 22 Jahren wie die, deren Bild wir Ihnen soeben entworfen haben." „Liebt er sie nicht mehr?" fragte Georg. „Es heißt, er liebe nur mehr, Whist zu spielen, doch in facto liebt er sie noch rasend. Man sieht ihn alle Tage gegen 5 Uhr den Diplomatenklub betreten; da findet er noch seine drei ständigen Whistspieler, und die Partie beginnt. Sie ist ganz verdammt hoch- nebenbei bemerkt, und es werden hohe Differenzen verzeichnet. Um sieben diniert er im Klub, selten zu Haus, und um neun beginnt die Partie von neuem, um bis Mitternacht zu dauern." „Nun, das muß ja für die Gräfin sehr angenehm sein, einen solchen Mann zu haben", rief Georg lachend. „Hat sie zum Trost wenigstens Kinder?" „Nein, und alles läßt vermuten, däß sie «auch, keine mehr bekommt, jetzt nachdem die Sonne sank." „Ja, was macht sie dann mit ihren Wenden?" „Sie liest, zeichnet oder malt; denn sie ist Künstlerin Lurch 'amd durch, lieber Freund. Deshalb wird sie auch Ihr Bild, oder lieber Ihre mit Chic aus dem Kopfe entworfene Studie sehr verlocken, ich bin überzeugt davon." „Wgemacht, ich werde es ihr schicken", beschloß Georg. Er war jetzt so gut als möglich unterrichtet und glaubte nun das Gespräch auf ein anderes Thema lenken zu können, um nicht den Anschein zu erwecken, sich zu sehr Mit der Gräfin Doroukoff zu befassen. Man kehrte tiochuräts zu dem Gladiatorenkampf, der ja die Veranlassung zu dieser Zusammenkunft gegeben hatte, Kurück, um noch einen Blick daraus zu werfen, ließ noch einige Bemerkungen fallen, und bann trennte tnan sich. Sobald der letzte seiner Gäste sich verabschiedet hätte, suchte Georg sofort seine Schwester auf. Er teilte ihr alles mit, was er herausbekommen hatte und schloß mit den Worten: „So, jetzt werde ich handeln!". „Ja, wie? Was willst Du thun?" „Ich werde mich unverzüglich zu ihr hinbegeben. Es ist 5 Uhr. Der Graf beginnt seine Whistpartie im Diplomatenklub : er wird nicht stören." „Und Du glaubst, daß sie Dich empfangen wird?" „Gewiß, sobald ich ihr meinen Namen nennen lasse. Sie wird dann sehen, daß ihr die List an jenem Wend nicht gelungen ist, daß ich sie erforscht und herausgefunden habe, und sie wird Angst bekommen." „Ich halte sie für keine Frau, die sich so leicht einschüchtern ließe. Sie wird Dir einfach sagen lassen, daß sie heute nicht empfängt, oder — noch einfacher — daß sie Dich nicht kennt, und Du bist dann gezwungen, einfach umzukehren._ Ich würde es lieber sehen, wenn Du hingingest, wenn sie Dich auffordert oder bittet, sie zu besuchen." „Auf ihre Bitte? Nimmst Tu denn an, daß sie —--"• „Warum nicht? Folge doch dem Rate Deiner Freunde und schicke ihr das Bild. Nur setze Deinen Namen darunter. Ter Anblick dieser Leinwand, Dein unterschriebener Name werden ihr einen heftigen Stoß geben. Sie wird sich sagen, daß Du vor keinem Schritt zurückschreckst, daß Du der Mann bist, zu wagen und zu wollen, daß sie mit Dir rechnen muß. Und dann wird sie Dich holen lassen; ich bin fest überzeugt. Verliere also keine Zeit. Unterzeichne Dich sehr leserlich und deutlich und schicke ihr unverzüglich das Bild. Du giebst dem Boten den Auftrag, es einfach abzugeben, ohne etwas zu sagen, gerade so, als wenn man es erwartete." „Und wenn sie wirklich die Absicht hat zu schreiben- wie soll sie wissen, wo — —" „Wo Du wohnst? Indem sie einfach im Adreßbuch nachsieht. Und schließlich wird ihr ja jeder Mensch die Adresse des Malers Georg Rakenius sagen können. Du bist bekannter, als Du glaubst, mein lieber Georg." Er gehorchte ihr auch in diesem Falle, und eine Viertelstunde später verließ die Studie das Atelier von Halensee, um nach der stillen Voßstraße überzusiedeln. Um 8 Uhr, als Georg eben sein Abendbrot eingenommen hatte, wurde ihm ein Brief übergeben, den ein Bedienter für ihn abgegeben hatte. Er erbrach ihn sofort. Sein Inhalt lautete: „Mein Herr! Man hat bei mir ein Bild abgegeben, das Ihre Unterschrift trägt. Es ist jedenfalls zu verkaufen, und Sie haben vermutet, daß ich es kaufen könnte. Ich werde mich vielleicht dazu entschließen, doch müssen wir uns vorher über den Preis einigen. Ich weroe Sie heute gegen neun Uhr empfangen. Hochachtend Olga Doroukoff." „Was sagst Du nun?" fragte Georg seine Schwester, indem er ihr den Brief zeigte. „Das ist geradezu unverschämt." .„Was thut's? Du hast erreicht, was Du gewollt." „Das ist wahr." Um 9 Uhr betrat Georg Rakenius das Palais der Gräfin Doroukoff. 25. Kapitel. Menschen, die im gewöhnlichen Leben in der Regel schütztern sind, werden oft kühn, ja sogar oft verwegen, sobald sie den Entschluß gefaßt haben, ohne schwach zu werden, direkt aufs Ziel loszugehen. Dasselbe war der Fall mit Georg, der nun entschlossen war, in der Gräfin nur eine Frau seinesgleichen, wenn auch nicht durch Geburt, so doch an Bildung zu sehen der sich bei seinem Eintreten durch keinen Luxus, durch keinen Pomp, womit sich einige Existenzen umgeben, beirren lassen wollte. Der Künstler verschwand gänzlich, um dem Weltmanne Platz zu machen, der sich über nichts wundert, der es wenigstens nicht zeigt, der zwar oft, aber im Geheimen bewundert, ohne sich jedoch den Anschein zu geben, zu bewundern. Dem Schweizer, dem Hüter des Palais, warf er seinen Namen hin, und sagte, daß ihn die Gräfin erwarte. Dann durchschritt er festen Schrittes, mit hocherhobenem Kopse den Hof und gelangte in ein riesiges Vestibül, wo man schott durch zwei Tam-Tam-Schläge seine Ankunft avisiert 583 Satte, Mehrere livrierte Diener des Grafen erhoben sich bei seinem Eintreten. Er wollte eben von neuem seinen Namen nennen, als ein Zimmerlakai, ganz in Schwarz, englisch geileidet, auf ihn zutrat, und ihm, während er ihm half, den Ueberrock abzulegen, zuflüsterte: „Ich habe den Befehl, den gnädigen Herrn zur Frau Gräfin zu geleiten. Wollte mir vielleicht der gnädige Herr folgen." Er öffnete eine riesige Flügelthür, die in das Vestibül führte, und schritt Georg voran. Sie durchschritten einen Vorsaal und zwei große Salons mit hocheleganten Plafonds, die Wände sehr luxuriös mit Gemälden behängt. Hierauf hob der Kammerdiener eine Portiere, rief mit vernehmlicher Stimme: „Herr Georg Rakenius!" und zog sich dann zurück, um den eben hierher geleiteten Besuch eintreten zu lassen. Georg trat ohne Zögern ein- Er befand sich in einem viel kleineren Salon, als die, die er eben durchschritten, einer Art Boudoir, das ganz abgeschlossen und sehr kokett, wenn auch sehr überladen, eingerichtet war — erhellt von einer einzigen Lampe, die ein Schirm aus Spitzen ganz verhüllte. (Fortsetzung folgt.) Georg Büchner in Gießen. (Nachdruck verboten.) An einem der ersten Tage des Oktobers im Jahre 1833 war es, da wanderte ein junger Student schweren Herzens, in der hessischen Universitätsstadt Gießen ein. Er hatte allen Grund, niedergeschlagen zu sein. Ihm blühte das Los vier Semester an einer Universität verleben zu müssen, die ihm in keiner Weise Ersatz für das bieten konnte, was er verlassen. Aus dem schönen Straßburg kam er an die alma water, die man noch kurz zuvor als die rüdeste in Deutschland zu bezeichnen pflegte. Und wahrlich, man kann dieser Bezeichnung, so kraß sie auch erscheinen mag, nur zustimmen. Hatten sich auch in den Jahren, da Georg Büchner, denn dieser war der junge Student, als Hörer in den Büchern der Universität inskripiert war, manches gebessert, konnte man auch die Verhältnisse, die nur wenige Jahrzehnte vorher timt Christian Laukhard in seiner tragisch-komischen Geschichte „Eulerkappers Leben und Leiden" so trefflich und nichts verhüllend geschildert worden waren, als vergangen und glüMch überwunden bezeichnen, ein Abglanz jenes Renommistentums herrschte auch noch zu diesen Tagen, und Georg Büchner, der stets eine etwas verschlossene, weil zu tieferen Gedanken und Grübeleien geneigte Natur war, fühlte sich auch jetzt noch abgestoßen von dem Leben und Treiben der Gießener Studenten. Aus welch' anderen Verhältnissen kam er aber auch heraus! Trug er doch nicht nur die Erinnerung an die zwei in Straßburg verlebten, schönsten Jahre seines Lebens mit sich, ihn begleitete auch das Bild seiner Braut, die er verlassen mußte, um den Gesetzen seines Vaterlandes Hessen zu genügen, die ihm ein zweijähriges Studium an der Landesuniversität vorschrieben. Die Stadt des jungen Goethe, das ganz französisch gewordene Straßburg, iu das ihn sein für französisches Wesen schwärmender Vater geschickt, hatte er verlassen müssen — und nun auf einmal hinein in das damals so kalte und nüchterne Gießen, doppelt kalt und doppelt nüchtern für den, der sich,, wie es bei Büchner der Fall, von dem ganzen aufdringlichen studentischen Leben der Zeit, so abgestohen fühlte. Dazu kam ein innerer Widerstreit, der dem Jüngling, Büchner stand als er nacy Gießen kam im zwanzigsten Lebensjahre, manch' bittere Stunde bereitete. Er war dem Wunsche seines Vaters folgend, sowohl in Straßburg, wie rn Gießen Hörer an der medizinischen Fakultät. Aber sein Herz zog ihn zu einem anderen Fach. Büchner war vne kein zweiter ein inniger Naturbeobachter und Liebhaber der Natur. Für Naturschönheiten konnte der ernste, *xeJ angelegte junge Mann, sich im höchsten Grade be- gerstern. Und diese Begeisterung hatte ihn seine ganze ^ugendzert hindurch begleitet. Der Dichter von „Dantons Jv-«. Ult$ t,on »Lenz", jener Novelle, in der die Natur- fchrlderungen an erster Stelle genannt werden müssen, war schon in seiner Heimatsstadt Darmstadt gerne in dre prachtvollen Wälder der Umgegend gewandert und hatte dort ganze Tage dem innigen und einsamen Beschauen der Natur und ihrer Schönheit gewidmet. So war sein ganzes Herz ber den Naturwissenschaften und ihnen wollte er seine Kraft, sein ganzes Können widmen. Mer der Wille des Vaters hinderte ihn daran. Diesem kam es darauf an, seinen Sohn zunächst einen festen, sicheren Lebensberus zu schassen. Den glaubte er ihn in dem Stande, den er selbst angehört, als Mediziner bieten zu können und auf seinen Wunsch und Befehl wurde Georg Büchner Mediziner. Diese inneren Zwiespalte waren es, welche dem jungen Büchner, als er in Gießen einzog, das Herz schwer machten. Tiefe Schwermut drückte ihn nieder, zumal da auch körperliche Leiden, Büchner war nervenkrank das ihrige dazu beitrugen. Wir müssen diese Verhältnisse uns vor Augen halten, um den Schritt zu verstehen, den Georg Büchner that, als er kurze Zeit in Gießen war, und der doch mit allem, was er bisher gedacht und auch in Briefen an seine Eltern und an seine Braut kundgethan, im striktesten Gegensätze steht. Er, der noch im Juiti 1833 an seine Eltern schrieb: „Ihr könnt voraussehen, daß ich mich in die Gießener Winkel- Politik und revolutionären Kinderstreiche nicht einlassen werde", stürzte sich jetzt Hals über Kopf in die Bewegung, die er noch kurz zuvor mit dem bittersten Sarkasinus gegeißelt. Es ist hier notwendig, einen kurzen Blick auf die danialigen Verhältnisse in Oberhessen, wie überhaupt in Hessen zu werfen und die Bewegung, die von den zwei oberhessischen Städten Gießen und Butzbach ausging, näher zu betrachten. Von den Tagen der großen Revolution in Frankreich „kriselte" es auch iu Deutschland und eine eigentliche innere Ruhe wollte sich nicht mehr einstellen. Nur einmal wieder vergaß man sich und sammelte alle auf dem gleichen Wasfenplatze: als es galt, das Joch Frankreichs abzuschütteln und Deutschland wieder frei zu machen. Als dieses geschehen, als der Tag der Leipziger Schlacht, der 13. Oktober 1813, war auch der Geburtstag Georg B-üchuers- das Sehnen der deutschen Patrioten gestillt, da kehrte man wieder zurück zu der inneren Ausgestaltung des Reiches, resp. seiner Einzelstaaten, und laut erscholl der Ruf nach einer Konstitution, laut lehnte man sich auf gegen die Bedrückungen, die namentlich die kleinen Fürsten ihren Unterthanen auferlegten und vorerst noch mit Worten forderte man das, was man später mit Waffengewalt zu erlangen dachte und teilweise auch errang. Es war vorerst nur ein Gähren im Volke und eine gewisse Nachgiebigkeit gegen berechtigte Wünsche, die Einsichtigen wenigstens forderten nur das, was später Anastasias Grün in dem Berschen: „Dürft ich wohl so frei sein, frei zu sein" aussprach, hätte manches Unheil und unnennbares Unglück in vielen, vielen Familien verhüten können. Stets hatte an diesen Bestrebungen Butzbach und Gießen einen hervorragenden Anteil. Von hier aus wurde die Agitation in das hessische und speziell oberhessische Landvolk hineingetragen. Daß speziell Gießen einen hervorragenden Anteil an der Bewegung hatte, ist ja nicht zu verwundern. Denn Universitätsstädte, wo sich junge Leute aus allen Klassen der Bevölkerung, aus allen Lebenstierhältnissen und auch aus aller Herren Länder vereinigen, sind stets ein fruchtbarer Boden für alle derartigen Bestrebungen gewesen. Es kommt hinzu, daß gerade die Besten der Gießener Studenten sich der revolutionären Bewegung anschlossen, weil schon hierdurch naturgemäß eine Ausschließung von dem rohen Treiben der anderen Studenten bedingt war. Vom Jahre 1830 aber gab es auch für Hessen keine Ruhe mehr. Schon dieses Jahr sah in Oberhessen Meutereien aufrührerischer Bauern. Das folgende Jahr brachte in Nachwirkung des Hambacher Festes ähnliche Volksfeste in Butzbach und ganz besonders in Wilhelmsbad bei Hanau, einem auch jetzt noch sehr besuchten Badeorte, wo mehrere tausend Personen versammelt waren, um der Befreiung des Vaterlandes, von Fürst und Gewalt, zuzujubeln. Der Sommer 1833 aber brachte den Ausbruch. Das verunglückte „Frankfurter Attentat" am 3. April, an dem auch einige Gießener Studenten, sowie der Apotheker Trapp aus Friedberg teilnahmen, führte zu einem großen Hochtierratsprozeß. Aber man konnte den Verhafteten nichts anhaben, und 1834 wurden sie bereits aus dem Gefängnis entlassen. An der Spitze der Gießener Studenten stand damals der Privatdozent Dr. Hundshag en- Er stand natürlich mit deut sogenannten Butzbacher KreiZ, dem der be- — 584 — Auflösung der Charade in vor. Nr.: Rosenkranz. Redaktion: Curt Plato. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'Mn UniversitSts-Buch- nnd.Cteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Die geheime Presse war in vollem Betrieb. Unbekannt | den Behörden, woher sie kamen, überschwemmten Massen I von Flugschriften, Broschüren usw. das Land- Man hatte I sich schon an vieles gewöhnt, und bte gewöhnlichen Er- I zeugnisfe dieser Art fanden kaum mehr Beachtung. Da erschien plötzlich im Jahre 1834 eine Schrift, bte alle | Geister wieder in Bewegung brachte, die „bte bei weitem I gefährlichste und strafbarste" der ganM Epoche genannt i wurde, und welche sich „der hessische Landbote betitelte, 1 mit dem Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palasten . j Der Verfasser dieser Broschüre war niemand anders, als i Georg Büchner, der dadurch mit einem Schritt mitten in der ganzen Bewegung stand. Buchner I hat die in ihrer Art bedeutendste Schrift ftner Zeit (ich werde auf ihren Wert noch zu sprechen I kommen) auf Anraten Weidigs ab gefasst. August Becker I schrieb sie ab, da nach seinen Aussagen BüchnersHaud- | schrift zu unleserlich war, und brachte sie zu Weidig. Dieser „verbesserte" sie in seiner Art und gab ihr den 1 Anstrich, der sie auch gesinnungsverwandten Mannern I abstoßend macht. Büchner und Schütz, ebenfalls em Gte- i Mier Student, der auch Mitglied der geheimen Gesellschaft, der Becker und Büchner angehörten, war, brachten ie zusammen nach Offenbach in die Preller'sche Druckeren Ende Juli wurden dann die gedruckten ltzemplare durch Schütz und Minningerode abgeholt. Einen Teil hatte -Nin- ningerode, dem sich noch ein Gießener Student zugesellt, । nach Butzbach und Gießen mitgenommen, den anderen Teil i übernahm Schütz, um ihn nach Darmstadt zu überführen. Die Polizei war indessen auf die drei Träger aufmerksam geworden und als Minningerode Gießen betreten wollte, wurde er ungehalten und vor den Univerfttatsrichter geführt. Dort erklärt er ganz gemütlich, er habe von selbst hierher kommen wollen, da er eine hochverräterische Schrift aufgefangen und diese der Behörde habe überbringen wollen. Unterdessen war der größte xeti der Schrift aber schon in den Händen der Landbevölkerung, «jn der Nacht, im Schutze der Dunkelheit wurde sie verbreitet. Ungesehen von wem flogen die kleinen Blättchen plötzlich m die Stuben der erschrockenen Bauern, die nicht wußten, was sie mit dem Dinge anfangen sollten, und — e§ dem nächsten Gendarmen übergaben. So geschah es, daß thal- sächlich der größte Teil der Auflage wieder in die Hande der Behörde kam. Büchner, erschreckt über die Verhaftung seines Freundes Minningerode, eilte noch in derselben Nacht nach Butzbach, um Weidig um Rat zu fragen. Unterdessen hatte der Universitätsrichter Georgi, es ist derselbe, der später die Verhandlungen gegen Weidig so unrühmlich leitete, auch der Wohnung Büchners einen Besuch abgestattet und Haussuchung ab gehalten, aber nichts Kom- wegte Leben. Ich habe in diesen Zeilen in der Kürze Georg Büchner als Politiker zeigen wollen — wie er als junger Gießener Student an einer Bewegung teilnahm, die einen guten Kern hatte, aber durch einige Hitzkopfe zur remen Revolution umgestaltet wurde. Dabei mußte der Dichter Mchner, als den wir ihn wohl zuerst zu betrachten haben, zu kurz kommen. Vielleicht ist nnr Gelegenheit gegeben, dies später nachzuholen. — Mit mingen Worten möchte ich dann noch auf bte genannte Schrift ,Mer hessische Landbote" eingehen, um mein oben gegebenes Versprechen zu lösen. , Die Broschüre ist mit Recht als die erste sozialistische betrachtet worden. Büchner hat den Versuch gemacht, bte materiellen Interessen des Volkes mit denen der Revolution zu vereinigen. Er ging von der Idee aus, zunächst bte i materiellen Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen, und dann es höher hinauf zu den geistigen zu fuhren.^ Was, die Sckrift wie sie uns fetzt überliefert (Karl Emil Franzos Lt ie in einer Ausgabe „Sämtliche Werke" von Gg. Büchner, Frankfurt a. M. 1879 lückenlos abgedmtckt um- anaenehm macht, ist! das Hrnernziehen bet Bibel, lenes, i/biee Zusammenstellung widrige Breitmachen biblischer Vbrasen Büchner hat dies nicht verschuldet- Das Ware aanz gegen seine Ideen und seinen Entwickelungsgang Wchtet Weidig hat das Manuskript mit. seinen Sen verbessert oder verschlechtert. Denn einerseits I (st eben dies Hineinziehen der Religion nur als eme ^er- I schlechterung zu bezeichnen, während auberersetts ansthe - I nend auch manche Stellen gemildert und dort wo Buchner I zu scharf gewesen mit seiner Feder besänftigend eiiige- | wirkt hat. . Alles in allem ist jedoch die Schrift ein denkwur- I big es Dokument aus jenen „tollen Jahren", bte m ihren I Auswüchsen die heutige Generation nur öflw Spotte reizen I können, in ihrer Gesamtheit aber eme wichtige Staffel in E ll’ClvvIr» kannte Pfarrer Dr. Weidig Vorstand, üt regster Ver- । bindung. Konferenzen wurden m Butzbach selbst, m . Großenlinden, Langgöns u. a. Orten abgehalten, um den wünschenswerten persönlichen Meinungsaustausch aufrecht zu erhalten. In diese Kreise geriet nun Georg Büchner, als er Gießen betrat und in dem Studenten August Becker, ernem Angehörigen der theologischen Fakultät, einem etwas verkommenen Subjekte, in dem aber doch em guter Kern stak, einen Freund gefunden hatte. Es ist auch hier eigentümlich, daß Büchner, der seine alten Freunde, die er aus der Gymnasialzeit kannte und die nun rnGteßen studierten, von sich tveggestohen, an diesem Menschen, an dem ihn wohl zuerst nur das Psychologische ^teresfterte, einen treiten und aufrichtigen Freund ftnden. mußte. Dieser Becker nun führte ihn bald in das revolutionäre Treiben ein uttb Büchner folgte ihm gerne. War ihm. doch lebe Abwechslung, jede Aufregung, die ihn von fernen Grübeleien ablenken konnte, nur willkommen. Durch Becker wurde Büchner bald auch mit Weidig bekannt und diese zwei so entgegengesetzte Naturen, nahezu rn den gerrng- füaiqsten Ansichten verschieden, waren bald durch das eme große Interesse einer allgemeinen Umwälzung vereint. Beide wollten freilich auf ganz verschiedenen Wegen ihrem Ziel zustreben. Weidig war Monarchist, ihm schwebte em einiges Deutschland mit einem Kaiser vor, Buchner war im Gegensatz Republikaner. Der Pfarrer Weidig stand dem Atheisten Büchner gegenüber — und so ließen sich Zuge ihrer inneren Verschiedenheit weiter verfolgen. strebungen. . _ , Georg Büchner aber wurde der Boden m Gießen doch bald zu heiß. Er wandte sich wieder nach Darmstadt, wo er in fünf Wochen sein großartiges, geradezu grandros wirkendes, Drama „Dantons Tod" verfaßte. Aber auch hier konnte er sich von den Banden, tn bte er sich rn Gießen verstrickt, nicht frei machen. Oeffentltch zwar setzte er seine Studien in der Anatomie fort um, ferne Eltern, die er trotz seiner geschilderten Thatigkeit iN Unkenntnis über sein Verhalten, gelassen hatte, zu tauschen. Fnsaeheim blieb er aber mit fernen politischen Freunden in Gießen und Butzbach in Korrespondmz, ja, er gründete, sozusagen unter den Augen ferner Eltern, bte als ton servativ von einem solchen Treiben nichts wissen durften, in Darmstadt eine geheime Gesellschaft, ^Elche sem mt Landboten aufgestelltes Programm zu verwirklichen. uchte. Dock bald wurde ihm auch hier der Boden zu heiß. Er bemerkte, wie er von allen Seiten beobachtet wurde und als eines Tages eine Vorladung vor den Untmisuchnngs- richter kam, ergriff er bie Flucht und begab ftc^ ttneber nach Straßburg Dort ergab er sich eifrig fernen Studien, sodaß er schon im Jahre 1836 sich als Privatdozent m Zürich niederlassen wollte. Doch der Tod kam ihm Mvor, Am 13. Februar 1837 endete dieses kurze und reich be- promittterendes gefunden. Mchner zurückgekehrt, pvchi auf sein gutes Recht. Er weiß, daß man nichts hatte ftnden können das ihn in irgend einer Welfe belasten konnte, und stolz erhobenen Hauptes geht er zum Universitäts- richter — um sich über die stattgehabte Haussuchung zu beschweren. Dieser hatte wohl Verdacht, aber kerne greifbaren Beweise in der Hand, und mußte sich noch alle Mühe geben, den in seinem Rechtsgefuhl gekrankten Indenten, der sogar an das Hofgericht appellieren wollte, zu beruhigen. Die anderen Teilnehmer an der Verschwörung wurden nach und nach gefänglich emgezogen — und wahrlich, sie haben hart gebüßt für ihre Be-