Montag den 1. September. Nr. 130 1902. M KL Km tat ®GPM' AWMMNM k< ii «MW ■Bai NU • WeFtn t » ',1 BI Sfeitt Ohr — Carla. Der Sturtn vvrschlai urm, der jetzt sein ganzes. Leben zerhraA Offiziere. Seit Anfang des Jahres befand sich unter den Offizieren von Sam Houston-Fort auch einer von deutscher Herkunft, ein deutscher Freiherr, Herwarth vvn Schöneck. Im übrigen nahm man, im Regiment von ihm Nur wenig Notiz. Gleich im Anfang hatte er seine Sonderlingsnatur herausgesteckt. Er liebte nämlich die Zurückgezogenheit. Nur die wenigen Dienststunden brachten ihn mit den Kameraden zusammen. In der übrigen Zeit blieb er entweder, nur litt Gesellschaft seines! Kieners, in seitrem Häuschen, oder man sah ihn in seinem Civilanzug einsam an den Ufern des Antouioflusses mit dessen zahllosen Windungen ttttfr Brücken Kerumstreisen oder am Abend unter dem gewöhnlichen Volk Unter freiem Himmel auf der Bank einer Volksküche sitzen, vor seinem Stuhl ein Holzkohlenfeuer. Auch! von seinen Vielen deuticheu Landsleuten, die es in der Stadt gab1, und von den benachbarten deutschen Niederlassungen schjien er Nichts wissen zu wollen. .Ein amerikanisches Offizierkorps' ist nicht wie ein deutsches. Wer will, kann darin seine eigenen Wege gehen und eben davon Machte Herwarth den ausgiebigsten Gebrauch. Wenn er an die Vergangenheit Nachte, so dachte er auch! an jenen Abend. Wie ein Unsinniger war er von ihr davon- geflohen, fort durch! die Nacht, als müßte er sich selber entfliehen. Eine Stimme, die seinen Namen rtef, schlug an sein Ohr — Carla. Der Sturtn verschlang sie, der (Nachdruck verboten.) Miß Cookson aus New-York. Won Keinrichi Lee. (Fortsetzung.) Neuntes Kapitel. Wom Atlantischen bis zum Stillen Ozean hallten die Wereinigten Staatett von dem Ruf der Werbetrointnel wieder Und in deit eleganten und scheinbar nur zum Luxus und tzUM Vergnügen bestimmten Kasernen, Kadetten- und Offiziersschulen dieses Landes erwachte plötzlich ernstes Leben. • Eine sehr ansehnliche derartige Anlage ist Sam Hou- stotr-Fort in der Stadt Antonio in TexaA Sam Houston- Fort liegt, umschlossen Von einer herrlichen Aussicht, auf einem Berge über der Stadt. In einem großen, luftigen Bau, vor den hübschen Zimmern freundliche Veranden, sind hier die Mannschafetn einkaserniert. Bor der Kaserne befindet sich ein von sch!önen Anlagen, in denen Rehe Und Mntilopen weiden, uinringter Platz, aus denen die Soldaten ,in den freien Stunden Ball spielen und andere Unterhal- itungen treiben und ringsum das Terrain der Kaserne herum zieht sich ein Kranz von reizetrden Landhäusern mit hüb- schen Gärten und einem großen schattigen Platz zum Lawn- Tennis und sonstigen Spielen. Das sind die Hauser der Ein Eisenvahnzug sauste heran. Das! brachte ihn zur Besinnung. Wohin wollte er — was wollte er? Warum hatte er. sich nicht unter die Räder M worsett? Nein, kein Sensationsstück für die Feitungen sollte sein Tod sein. Still und' unauffällig mußts er kommen — etz der nun sein.Erlöser war. Niemand' sollte wissen, daß der Gefallene, wenn man ihn finden würde, der letzte derer vott Schöneck war. Auch Carla durste darum Uicht erfahren-, wo er sich hingewendet hatte. - Am andern Morgen — er haste das Hotel sofort nach Begleichung der Rechnung und Erledigung alles dessen, was noch! sonist nötig war, verlassen — kam wieder die ruhige Vernunft über ihn. Zurück nach Deutschland, in die früheren Verhältnisse — das blieb ausgeschlossen, das stand fest. Aufs Gerate« wohl ein Abenteurerleben anfangen, zuletzt vielleicht Kellner werden — auch dazu wär er nicht veranlagt. Schwirrten nicht aber die Gerüchte von einem bevor« stehenden Krieg durch das Land? Wenn er Soldat würde? Dann nahm sich! vielleicht eine mitleidige Kugel seiner an. Er war preußischer Offizier gewesen. Vielleicht konnte ihm d as' etwas Helsen. Noch! an demselben Tage reiste er ttach Washington, Tort war die Neutschs Botichaft. Außerdem entsann er sich btik selbst von seiner überseeischen Dienstzeit her einen vielvermögenden Bekannten Und Gönner zu besitzen. Drei Wochen später waren alle seine Angelegenheiten) seine Entlassung aus dem deutschen Dienst und seine Aufi nähme in die amerikanische Armee erledigt. Auch seinen Namen wollte er ninänbetn und mit einem schlichten bürger« lichen 'vertauschen — schon, um allen Nachforschungen ettfe hoben zu sein. Aber aus der Botschaft beruhigte Man ihst darüber, denn giW amerikanischer Offizier wär er davor sichergestellt. Nur noch seinem Anwalt in Berlin hatte er von seiner Veränderung Kenntnis gegeben. Sv war er denn wieder Soldat, freilich nur der Söldner eines fremden Landes!, das ihm gleichgiltig war, aber gleichst viel. Lange konnte der Ausbruch des Krieges nicht mehr auf sich warten lassen- und dann war sein Zweck erreicht. Sterben! Und einen anständigen, honnetten Sol«! datentod. War sein Leben wirklich so arm, so inhaltlos geworden daß es keinen Wert mehr für ihn harte? Er hatte sich, diese Frage vorgelegt und sie mit kaltem Blute geprüft. Warum war es so arm, so inhaltlos geiworden? Weil die Ziele, auf die es' gerichtet gewesen- imMer nur äußerliche waren. Auf Rang und Rerchtum war es angelegt und nun ihm diese Grundlage entzogest fie brauchte ihn nicht so nötig, daß sie nicht für ihn an einem anderen Wesen Ersatz finden würde. Melleicht aber mußte er noch seinem Unglück dankbar sein. Es hatte ihn darüber belehrt, worin des Lebens wahre Güter bestanden — nur daß die Lehre zu spät kam, gerade bei Thoresschluß. Mitten in der Stadt gab es einen Platz', den Marno- Platz, auf dem neben dem neuen Postgebäude eine stattliche Ruine stand, die Ueberreste des einstigen spanischen Missionshauses. Tie Annalen der Stadt sprachen bon diesem Trüm- merwerk mit Stolz. Während des Unabhängigkeitskrieges hatte sich hier eine kleine Schaar von Texanern drei Tage lang gegen eine zwanzigfache feindliche Uebermacht verteidigt, und Mann für Mann bis auf den Letzten waren sie gefallen — voll Todesfreudigkeit, denn sie fielen für eine teure Sache. Wenn er fallen wurde, dann war es für eine Sache, die ihm gleichgiltig war — und wie sein Leben, so würde auch fein Tod keinem Wesen, das er lieb gehabt hatte, nützen. Selbst der Trost blieb ihin versagt. Nein, der Trost blieb ihm nicht versagt. Das Land', für das er fallen würde, war das ihre, war ihr Vaterland, und sie liebte es, sie war darauf stolz. So warf ihm das Schicksal doch noch ein Mmvsen mitleidig in den Hut, eine letzte Zehrung auf den letzten Weg. Immer und immer dächte er an sie; jetzt erst war sie ihm auf ewig verloren — denn an seiner Stelle war jetzt ein Anderer. Wer er dächte an sie nur noch mit dem ruhigen Mute eines Sterbenden, der dem Tod unerschüttert ins Antlitz sieht und der von allem, was die Welt Lockendes gehabt hat, schon Wschied genommen. Schon länger als drei Monate trug er nun seinen Offiziersrock, aber die Kunde, auf die das ganze Land mit fieberhafter Ungeduld wartete, wollte nicht kommen. Manchmal, auf seinen einsamen Spaziergängen, sah er hier Und da auf einem Hause eine schwefelgelbe Fahne wehen. Tas bedeutete, daß in dem Hause ein Pockenkranker lag. Tie Pocken wären in San Antonio chronisch und die Gesundheitsbehörde strengte sich dagegen nur ziemlich ober- stächlich an. Vielleicht kam eines Tages die schwefelgelbe Fahne auf seinem eigenen hübschen Häuschen zu fchjweben, dann brauchte er auf den Krieg nicht länger zu warten. Mer es bedurfte der schwefelgelben Fahne nicht. Es Sber Morgen des! 23. April. Sechs Wochen später, ang JUUi lag im Häfen von Tampa in Florida eine Transportflotte vdn dreißig Dampfern zum Ausläufen fertig, auf dem ein l^p ed itiouskorps von 15000 Mann versammelt war. Much; das Detachement von Texas befand sich darunter. Herwarth hatte eine Kajüte mit einem Kameraden zusammen, aber in der ersten Nächt, nachdem dis Floste in See gegangen war, stieg er auf Deck. „Wer da?" rief ihn: die Steuerwachje zu. Er steche dem Wachtposten, einem Schwärzen, ein Goldstück zu, und als dieser in ihm' einen Offizier erkannte, salutierte er. Herrlich glänzte der dichtbesäte, dunkelblaue Sternenhimmel in seiner hellen Pracht und in der Flut sprühten Millionen goldene Funken auf. Nur das dumpfe, hämmernde Geräusch der Maschine und das Aufrauschen des Wassers Unter der Schraube dräng durch die Stille. Was wollte der einsame Offizier? fr agte sich der Posten, warum blieb er nicht in seiner Kajüte? Noch, immer stand Herwarth an der Bordwand und sah hinaus in die goldene Nacht. Er dächte an DeutschDand, er dachte an Carla, er dachte an seine begrabene Liebe und er dachte an die erste Schlacht. Zehntes Kapitel. „Zimmer für Tage, Wochen, Monate. Pensionat inter- uational. Familienpension", stand mit eingravierten Buchstaben auf dem breiten polierten Stahlschild eines stillen vornehmen Hauses in der Nähe des Großen Gartens zu Dresden. Inhaberin dieser Pension war die verwitwete Frau Major von RaszinS'kä, eine kleine, aber dafür sehr distinguierte Dame in den Fünfzigern. Tie Majorswitweu-Pen- sionen sind in Deutschland leider nur ziemlich knapp bemessen, Und so sah' sich Frau von Raszinska eben genötigt, ein Gewerbe zu betreiben. Da sie aber darauf bedacht blieb, in ihre Pension nur Personen von Wand und Wür-- den aufzunehmen, so bärste sie sich damit trösten, daß sie wenigstens in gleichwertiger Gesellschaft blieb. Schwerlich hatte es jemals in der Pension von Frau von Raszinska ein Mitglied gegeben, das nicht einen vollwichtigen Titel trug oder doch wenigstens von Adel war. So kam es denn, daß, als sich eines Tages eine Dame bei ihr meldete, die sich Frau Von Angern nannte, und die, wie sich herausstellte, eine verwitwete Frau Geheimrat war, diese Dame eine offene Aufnahme bei Frau von Raszinska fand. Sie verlangte für sich zwei Zimmer, was sich insofern machen ließ, als Frau von Raszinska ihr Nachtlager in das Badezimmer verlegte, und über den Preis ging die Frau Geheimrätin wie über etwas ganz Nebensächliches! hinweg. Nur wünschte sie dafür, nicht an der allgemeinen Pensionstasel, sondern allein für sich in ihren Zimmern zu speisen, was ihr denn auch trotz der damit verbundenen Umständlichkeiten mit dem Gedeck und den unbequemen Portionen, die man einem einzelnen Esser vorlegen muß, m anbetracht dieses Preises bewilligt wurde. Frau von Angern hätte eben frische Trauer, sie hatte ihren Mann verloren, wie sich Frau von Raszinska und die übrigen Herrschaften sagten, deshalb wünschte sie möglichste Zurückgezogenheit, und solche Gefühle mußte man ehren. Ottilie kehrte von Nizza zurück. Mit dem anbrechenden Frühling und der Beginnenden Reisesaison waren Berliner Bekannte von ihr in Mzza ein» getroffen, sie war ihnen eines Morgens aus der Promenade in die Arme gelaufen, sie wurde von ihnen mit Fragen überschüttet, und sogleich sann sie auf Flucht. Eine merkwürdige Sehnsucht nach Deutschland überkam sie. IN ihrem Garten in Berlin fingen jetzt die Bäume an zu blühen und die Vögel zu singen, im Tiergarten, der ihrer Villa gegenüber lag, tauchten wieder helle Kleider auf, und von den Spielplätzen und Sandhaufen darin tönte wieder lustiges Kindergeschrei. Es waren dies Tinge, auf die sie früher freilich kaum geachtet hatte, die fie aber bei der ganzen Wandlung, die jetzt mit ihr vorgegangen war, mit einer Art von Sehnsucht erfüllten; dort unter den Bäumen, die jetzt zu blühen anfingen, war sie einst zufrieden und glücklich gewesen. Tort fand sie den Frieden, den sie verloren hatte, vielleicht wieder. Sie dachte jetzt auch viel an den Verstorbenen. Sie dachte an die Stunde, als sie ihn vor sich; liegen sah — weiß, stumm und tot. Damals hatte etwas mitten durch den Schmerz des Abschieds wild jubelnd in ihr aufgeschrieen — nun war das still geworben. Manchmal war es ihr, als ob! der Tote nicht ganz von ihr geschieden, als ob fie zärtlich und hütend wie im Leben noch fern unsichtbarer Geist umschwebte, U'nd er sah in ihr Herz, und kein Geheimnis, war ihm mehr darin verborgen. Was sie in jener Stunde an ihm gesündigt hatte, das hatte er ihr längst vergeben. Was sie aber an Anderen gesündigt — das ihr zu vergeben, dazu hatte er nicht die Macht. Er sah sie nur mahnend an, mähnend Md wartend, als verlangte er etwas von ihr, etwas) was ihm und ihr selber keine Ruhe ließ, bis es erfüllt war — und keine Andere konnte es erfüllen, als sie selbst. Es ließ ihr keine Ruhe, nachts drängte es sich in ihren Schlaf, es fraß M ihrer Gesundheit und deshalb' wunderten sich die Bekannten in Mzza auch! über ihr blasses) schlechtes Aussehen. We wurde von ihnen gefragt, ob sie leidend sei. Ja, sie war es — aber wer ihr Helsen konnte, das war kein Arzt. Wenn sie an das Geschehene zurückdachte, so schien es ihr manchmal wie ein Traum oder als wäre nicht sie selbst, sondern eine Andere jenes Weib' gewesen — damals jenes Weib, das sich; ihm an den Hals geworfen und, ihr ganzes! Selbst vergessend, von Neid, verletzter Eitelkeit und Rach!- sucht entflammt, ihn ins' Verderben gestürzt. . . Es war kein Traum, es war geschehen, und sie wär die Urheberin,: Geliebt hatte fie ihn. Er hätte ihre Liebe nicht erwidert. Nur Freundschaft war es, was er für sie hatte. Sie hätte sich getäuscht — und das hätte er ihr ohne Rückhalt gesagt. So niedrig wär sie geworden.. Sie durste nicht hinuntersehen in den Abgrund, wenn sie vor Scham! nicht vergehen wollte. Was sje quälte ,— war es die Schani, war es die Reue, war es die Unmöglichkeit, das Geschehene wieder gut zu machen, auch wenn sie den Willen dazu hatte? (Fortsetzung folgt.) 519 Napoleon III* und die Frauen. Die kürzlich in deutscher Sprache erschienenen Auszeichnungen, welche der General Baron Gourgaud von Gesprächen und einzelnen Aeuherungen Napoleons I. aus Sanct Helena hinterlassen Lat, gaben, schon als sie in Frankreich veröffentlicht wurden, Anlaß zu mancherlei Erörterungen über das Verhältnis des großen Korsen zu den Frauen. Fleißige Zusammenschreiber, wie Frädöric Masson und Joseph Turquan, haben schon früher Bände damit gefüllt, jedes einzelne bekannte Liebesabenteuer des Kaisers aufzuzählen, so baß wir von Gourgaud in dieser Hinsicht Uichts neues erfahren. Wir wußten auch bereits^ daß Napoleon, so wenig er die Frauen missen konnte, im Grunde gering von ihnen dachte oder wenigstens sich diesen Anschein gab. Es mag empfindsamen Gemütern daher eine Art Trost sein, daß gewisse Schriftsteller gerade in seinem Verhalten den Frauen gegenüber die Motive des schließlichen Unterganges des Helden gesucht haben. Sie teilen das Drama, welches das Leben des Kaisers bedeutet, in mehrere Akten, gleiche Abschnitte, setzen die Peripetie, den Umschlag in seinem Schicksale, hinter die grausame Verstoßung seiner ersten Gemahlin Josephine und leiten aus dieser Handlung sein späteres Unglück, seinen Sturz her. Ein ebenso bequemes^ wie oberflächliches Verfahren, dessen Willkür sich am leichtesten durch einen Vergleich mit der Rolle Nachweisen läßt, welche die Frauen im Leben des zweiten Kaisers aus dem Stamme der Bonaparte, Napoleons III., eingenommen haben- Denn wenn man in der brutalen und cynischen Behandlung der Frauen die Ursache für das Ende des Oheims finden will, so ließe sich mit gleichem Rechte und gleicher Einseitigkeit erwidern, daß dasjenige des Neffen durch! seine Weichheit und Nachgiebigkeit gegen das weibliche Geschlecht zum mindesten beschleunigt worden ist. In der That: in jeder Phase seines wechselvollen Lebens sehen wir Napoleon III. unter der Einwirkung einer Frau — oder der Frauen überhaupt. Nicht, daß diese Einwirkung immer aus seine Entschlüsse und Handlungen eine entscheidende Bestimmung ausgeübt hätte, wohl aber zeugt sie von dem ständigen Bedürfnisse des Mannes, mehr als bloßen Sinnenrausch, vielmehr gewissermaßen eine Ergänzung, das Ausfüllen einer Lücke im eigenen Dasein bei den Frauen zu suchen. Ihre idealen Eigenschaften, ihre Schönheit, Anmut, ihr leichter Sinn ziehen ihn an, erholen ihn von den schweren Sorgen und Plänen, die sein Gehirn wägt, geben ihm neue Kraft und Freude zum Leben. Er ist der Typus des „Homme ä femmes". Allmählich beginnt das Urteil der Allgemeinheit dein Charakter dieses Herrschers gerechter zu werden, von dem schon Bismarck unvergleichlich treffend sagte, man überschätze seinen Verstand auf Kosten seines Herzens. Alle, die ihn kannten und ihn geschildert haben, die Fleury, Canrobert, Gallifet usw., hören nicht auf, seine Gutmütigkeit zu rühmen. Sie hat sich den Frauen gegenüber stets am stärksten bewährt. Man kann, in diesem Sinne, sagen, daß sein Verstand das Gebäude seiner Macht errichtet, sein Herz aber es gestürzt hat. Diese Gutmütigkeit, die von Sinnlichkeit nicht frei ist, erscheint als das Erbteil seiner Mutter Hortense de Beauharnais. Ja, man möchte auf deren Mutter Josephine zurückgreifen, um sie zu erklären, und eine Verwandtschaft zwischen ihr und der angeborenen liebenswürdigen Nonchalance der in den Tropen erzeugten Großmutter zu konstatieren. .Das ist allen dreien, Josephinen, Hortense und Napoleon III. gemeinsam: schrankenlose Uneigennützigkeit, eine bis an Schwäche grenzende Hingebung, wenn das Herz einmal gesprochen hat. Und das Herz sprach bei allen dreien oft viele, wechselnde Sprachen. Napoleon III. hatte seiner Mutter in echter Kindesliebe angehaugen. Sie war die Vertraute seiner ersten kleinen Leiden und Schmerzen. Sie hatte den wesentlichsten Zug seines Charakters früh erkannt, als sie ihnen einen „doux entete" — einen lanften Starrkopf — nannte. Sie wußte, mit welcher fatalistischen Zähigkeit er an seine Mission, das Erbteil seines Oheims einst anzutreten, schon glaubte, als noch mehrere besser berechtigte Verwandte zwischen ihm und dessen Schatten standen. Hatte er die Mutter in seine Unternehmung pon Straßburg nicht vorher eingeweiht, so überraschte dieses sie gewiß kaum. Entsprach die Art, wie der Putsch vorbereitet und insLeniert worden war, doch nur allzusehr der Eigenart des Sohnes, dem jede Art von Furcht, auch die Furcht vor der Lächerlichkeit, fremd war. Der Tod der Königin Hortense bedeutete für Louis Napoleon mehr als nur den Verlust einer zärtlichen und zärtlich geliebten Mutter. Er enthüllte ihr zugleich die Verirrungen ihres Lebens, die Existenz eines im Ehebrüche mit dem Grafen Flahault erzeugten Stiefbruders de Morny und stürzte so ihr Bild von dem Piedestal herab, das er ihr in seinem kindlichen Innern errichtet hatte. Als er, Kaiser geworden und aus der Höhe seines Ansehens stehend, zusammen mit seiner Gemahlin Eugeuie das Schloß Arenenberg besuchte, wo er seine Jugend verbracht Hatte, wo seine Mutter gestorben und begraben war, das dann hatte veräußert werden müssen, nun aber von der Kaiserin zurückgekauft und ihm geschenkt worden war — da bereiteten ihm die braven republikanischen Thurgauer einen begeisterten Empfang. Und manche ehemals schöne und junge Thurgauerin, die jetzt, zur Matrone gereist, im Gedränge dem festlichen Einzuge der Majestäten zusah, mochte mit verstohlener Wehmut oder mutwilligem Lächeln um dreißig Jahre zurücDenken, als der Prinz auf flinkem Rosse bald in diesem, bald in jenem Städtchen des Kantons einkehrte, mit den Männern kameradschaftlich der edlen Schützen kunst oblag, mit den Frauen scherzte und liebte. Damals war er noch ein flotter Bursche gewesen, ein ausgezeichneter und kühner Reiter, ein Meister im Schlittschuhlaufen und auch sonst in allen Leibesübungen gewandt. Diese Leidenschjaft für den Sport brachte ihm bald insofern praktischen Nutzen, als sie ihm in England die Thore der vornehmsten Kreise öffnete, trotzdem er picht mehr war als ein verschuldeter, immer in Geldnot steckender Prätendent, den in Frankreich niemand mehr ernst nahm, seitdem er in StraWurg und Boulogne den Spott der ganzen Welt erregt hatte. Prinz Louis Napoleon fand Zutritt zu jenem klernen aristokratisch^ Zirkel, in dem der vielgenannte Graf Grimaud d'Orsay als anerkannter Herrscher thronte, und der englischen Lebe- und Sportwelt die Gesetze geschrieben wurden. In diesem Milieu lernte er jene Frau kennen, die Jahre lang die Gefährtin seines Lebens blieb: Miß Howard, eine vielbewunderte Königin der Halbwelt, von königlicher Haltung auch, und gewohnt, mit königlichem Glanze aufzutreten. Es liegi uns kein Bild von ihr vor, wohl aber manchs Schilderung ihres Aussehens. Alle bezeichnen sie als eine Schönheit ersten Ranges und bestätigen, daß sie nach außen hin vollkommen den Schein der vornehmen großen Dame zu währen verstand. Sie geleitete den Geliebten nach Frankreich, nachdem die Revolution von 1848 seine Verbannung geendet hatte, und blieb ihm zur Seite, als er zum Präsidenten der Republik gewählt worden war. Wie allmählich in ihr der Ehrgeiz wuchs, wenn nicht eine rechtmäßige Gattin, so doch eine mächtige, erklärte Favoritin zu werden, und wie nun ein verborgener, aber erbitterter Kämpf zwischen ihr und den Freunden des Prinzen entstand — das 'ist früher schon einmal ausführlich an der Hand der so inhaltreichen Memoiren des Generals Fleury erzählt worden. Sie wurde schließlich Napoleon selbst unbequem, indem sie ihn geflissentlich öffentlich kompromittierte, bei Truppenbesichtigungen ihm im Vierspänner wie eine Herrscherin nachfuhr, ungebeten auf einem Luilerienballe erschien, kurz, allerhand Dinge that, welche seinen Gegnern unnötigen Stoff zu Angriffen boten. Es kam zum Bruche, aber Napoleon erwies sich auch bei dieser Gelegenheit als ein dankbarer Freund. Der Kaiser lohnte mit einem wahrhaft kaiserlichen Geschenke und dem Gräfintitel die Liebe, die der mittellose Prätendent genossen hatte. Die Freunde atmeten erleichtert auf und rückten Napoleon nun energisch! die Notwendigkeit vor Augen, im Interesse der Befestigung seiner jungen Macht eine Heirat mit einer ebenbürtigen europäischen Prinzessin zu schließen. Der geringe Eifer, mit welchem er diesen Plan aüfnahm, und zu verwirklichen suchte, entsprang der Abneigung des an ein ungebundenes Junggesellendasein gewohnten Vierzigers gegen eine Konvenienzehe, beweist aber wiederum, daß er nichther kalte, berechnende Verstandesmensch war, als der er verschrieen worden ist, Nach zwei Seiten werden Verhandlungen angeknüpft, zuerst mit der entthronten schwedischer: Königsfamilie Wasa um die Hand der Prinzessin Carola. Sie scheiterten, da diese schon dem sächsischen Thronfolger Albert versprochen wär. Aussichtsvoller erschien die bei dem englischen Hofe anaebrachte Werburrg 520 um eine Nichte der Königin Viktoria, die Prinzessin Adelheid Hohenlohe. Die Königin selbst war dem Projekte günstig, stellte indessen die Bedingung, daß die Prinzessin protestantisch bleiben sollte. Vielleicht wäre es trotzdem g‘u einer Einigung gekommen, hätte nicht abermals das Herz des Kaisers den Ausschlag gegeben. Es zog ihn zu Eugenie von Montijo, und neben dem Gedanken an ihren Besch schwanden alle an der Hand des gothaischen Kalenders aufgestellten übrigen Kombinationen in nichts zu- sammen. Noch ist das Buch zu schreiben, welches die Geschichte der Ehe des dritten Napoleons und Eugeniens schildern wird. Noch ist nicht der Anteil fest zu umgrenzen, den sie am Gange der Politik und damit am Untergange des zweiten Kaiserreiches gehabt hat. Eins aber steht fest, daß Napoleon seiner Gemahlin erst dann überhaupt eine Teilnahme an der Staatsleitung einräumte, als, nach einigen Jahren ungetrübten Glückes, sie die Entdeckung seiner Untreue gemacht hatte. Es läßt sich hier nur andeuten, warum der Kaiser in diesem Punkte nicht so unbedingt schuldig erscheint, wenn man auf die schweren Folgen hin- weist, welche die Geburt des kaiserlichen Prinzen sür seine Mutter nach sich zog. Je mehr der Kaiser altert, je wankender seine Gesundheit wird, desto mehr empfindet er das Bedürfnis nach leichter, ausruhender Zerstreuung. Willige Diener, die an keinem Hofe fehlen, sind schnell zur Hand, aber so eifrig sie die heimlichen Abenteuer ihres Herrn vor .fremden Ohren und Äugen zu schützen bemüht sind, so dringt doch so manches an oie Oeffentlichkeit. Die Liaisons des Kaisers bilden von jetzt ab sozusagen einen eisernen Bestandteil des Boulevardllatsches. Man erzählt sich lachend, daß man dem Kaiser die Nachricht von der Schlacht bei Sadowa in die Wohnung der Courtisane Margot Bellanger bringen mußte, und seine BWehungen zu der Gräfin Casttgltons enden, infolge der Eifersucht der Kaiserin, mit emem offenen Skandale. Es ist die Furcht vor dieser Eifersucht, das Grauen vor den lauten Szenen, die Eugenie ihm bereitet, welche ihn immer mehr zu verhängnisvollem Nachgeben auch auf dem Gebiete der Politik führen. Auf diesem Wege läßt sich in der That ein Zusammenhang zwischen der Schwäche Napoleons III. gegen die Frauen und dem Ausgange seines Schicksals zurechtzimmern. Bom psycho- logtschen Standpunkts aus gewährt dieser Kausalnexus gewiß mannigfaches Interesse. Für den Historiker aber bildet er doch nur einen einzigen dünnen Faden in dem tausendfach verknüpften Gewebe der geschichtlichen Notwendigkeit. A. v. W. vermischtes. Eine immerdlüherrde Pflanze. Die Mehrheit der Pflanzen hat eine bestimmte Blütezeit, die zuweilen sehr kurz bemessen ist, wie bei dem berühmten Beispiel der „Königin der Nacht" und bei anderen Kakteen, während Aber Wochen oder sogar Monate verteilt, wie z. B. bei den Hortensien. Es giebt aber vielleicht nur eine einzige Pflanze, die zu jeder Zeit des Jahres Blüten hervorbringen kann. Sie ist ein Mitglied der Primel-Familie und führt den Artnamen Primulaobconica. Ihre Blüten haben eine blaßlila Farbe. Auch die Zahl der gleichzeitig erzeugten Blüten kann sehr groß sein. Die Zucht hat diese Pflanze in neuerer Zeit noch sehr verschönt sowohl in der Größe als in der Farbe der Blüten. Man kann sie jetzt in rein weißer Farbe haben oder auch in fast beliebigen Schattierungen von Lila und Fleischfarben bis zum dunkelsten Rosenrot. Für Dekorationen ist diese Primel ungewöhnlich geeignet, da sich die abgeschnittenen Blüten lange im Wasser halten und ihre feinen Farben höchst gefällig wirken. Da sich aber selten bei einem Wesen nur Vorzüge finden, so ist auch diese Pflanze mit einer bedenklichen Untugend behaftet. Sowohl die Blätter wie die Blüten sind nämlich giftig, eine Berührung führt zu einem Hautausschlag, der einer Flechte gleicht. Alle Leute, die zu derartigen Hautkrankheiten neigen, sollten jede Berührung mit der Pflanze vermeiden. Manche Personen leiden durchaus nicht davon und können sich mit der Primula obeontca soviel zu schaffen machen, wie sie wollen, ohne einen Schaden davon zu haben. In den wärmen Monaten gedeiht fie ausgezeichnet im Freien, ist, aber nicht sehr widerstandsfähig gegen Kälte, sodaß sie im Winter in ein Gewächshaus gebracht werden must Ein Mitarbeiter einer naturwissenschaftlichen Wochenschrift versichert, daß er einen großen Topf dieser Pflanze über fünf Jahre lang in dauernder Blüte besessen hat. äu' Zeit sich m< Uankeelandes ..... der Traum des Fürsten, sein verrostetes Wappenschild durch das Geld semer Gattin wieder vergolden zu lassen, zunichte geworden. Prinz und MiMoniirin. Die nordamerikanische Presse äußert sich mit großer Genugthuung über die in letzter Zeit sich mehrenden Fälle, in denen reiche Töchter desj Uankeelandes sich ganz energische weigern, Heiraten mit ausländische Adeligen, von deren Dollarsehnsucht sie sich Überzeugt zu haben glauben, etnzügehen. Früher war das anders. Da fragten sich die transatlantischen Schöne oder deren Eltern nicht erst lange, ob der adelige Freier von jenseits des Wassers auch ungehalten hätte, wenn Miß Jessie, Consuelo, Carrte usw. keine Hunderttausende oder gar Millionen mitbekommen würde. Den Newyorker oder Chicagoer Parvenüs lag eben daran, sich eines Schwiegersohnes mit klingendem Titel rühmen zu können, und da war ihnen kein Preis zu hoch Heute dagegen sind die englischen Lords, och französischen Barone und Grafen, selbst die russischen Fürsten und italienischen Herzoge keine so begehrte Ware mehr. In den Töchtern des freien Columbia ist der Stolz erwacht, und dieser veranlaßt sie, in erster Linie nach den wahren Empfindungen zu forschen, mit denen der vornehme Bewerber ihnen naht. Vor kurzem! löste die Bostoner Milliardärstochter Anita Men ihre Verlobung mit einem Grafen, weil sch durch Zufall in den Besitz! ehte§' untrüglichen Beweises dafür gelängt war, daß der noble Bräutigam es nur auf ihr Vermögen abgesehen hatte. Jetzt berichtet der „Newyork Harald" ein ähnliches, noch romantischeres Gefchichtchen. Mit inniger Befriedigung erzählt das Blatt, daß wieder einmal eins amerikanische Millioneuerbin es ausgeschlagen habe, die Gattin eines ausländischen Aristokraten zu werden. Miß Bella Rogers aus Colorado, um deren Hand fich der Sprosse einer alten rumänischen Fürstenfamilie schon seit längerer Zeit bemühte, ist nicht nur sehr reich, sehr schon und sehr liebenswürdig, sondern sie besitzt auch emä ungewöhnlich klangvolle Sopranstimme, die von einem ßto rühmten italienischen Gesangsweister ausgebildet wurde. Miß Rogers liebt ihre Kunst über alles, und entschloß sich, trotz ihres immensen Reichtums, zur Bühne zu gehen. Gegenwärtig weilt die schpne Amerikanerin in Paris, wo es vor einigen Tagen zu einer definitiven Auseinandersetzung zwischen der reichen Sängerin aus dem wilden Westen uno dem hartnäckigsten ihrer zahlreichen Bewerber kam. Nachdem Miß Bella erfahren, daß der Prmz durch Agenten eingehende Erkundigungen über das Bankkonto ihres Großvaters, dessen Universalerbm sie fern wird, einziehen ließ, empfängt sie den unklugen Frerer nicht mehr, und somit ist der Traum des Fürsten, iem ver- Gute Ausrede. Ein Bräutigam wußte sich einmal recht schlau aus einer kleinen Verlegenheit zu ziehen. Seins Zukünftige fragte ihn, ob es wahr sei, was man ihr erzählt habe, nämlich, daß er in einer Gesellschaft, an welcher sie nicht teilnahm, zwei Damen geküßt hätte. Er gab. es zu, sagte aber lachend, daß das Alter der beiden Damen erst 21 Jahre ausmachte. Die harmlose Braut dachte ast kleine Mädchen von 10 und 11 Jahren und lachte ebenfalls, — Er hütete sich wohl, ihr zu erklären, daß eine der Damen 19, die andere zwei Jahre alt war. Kapselrätsel. (Nachdruck verboten.) Seegeist — Duldung — Erben — Leiche — Tertianer — Malerei — Leim — Pflaster. ES ist ein Sprichwort zu suchen, dessen einzelne Silben der Reibe nach eingekapselt flnd in vorstehenden Wörtern, ohne Rücksicht auf derm Silbenteilung. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Gleichklangs in vor. Nr.r Schloß. Rehaktion: Curt Plato. — Notalionshruck und Verlag der Brühl'schetz UniverMtS-Buch- Md Steindruckerei (Pfetsch Erben) in Gießen.