(Nachdruck verboten.) Ein verhängnisvoller Ring. Novelle von E. H a i n b e r g. (Fortsetzung.) Am nächsten Morgen, nach genossenem Frühstück, machten sich Vater und Tochter ans Werk. Toch wie gründlich sie auch suchten, jeden Gegenstand auseinander nahmen, jedes Blumenarrangement, jede einzelne Blume sorgfältig betrachteten, der Ring war nirgends zu finden." „Verlieren wir den Mut nicht, Hella, jetzt heißt es, die Polstermöbel in der Nähe dieses Tisches zu untersuchen." Es geschah. Die Hände tasteten zwischen Rücklehne und Sitz der Sessel hinab, allein auch hier dasselbe Resultat. „Nun noch der Teppich, Hella, die letzte Möglichkeit." Und beide kauerten am Boden nieder, suchten und tasteten an allen Ecken und Enden. Doch nichts, nichts! — Holthaus erhob sich. „Es war vergebens, Hella." Sie sah ihn mit einem trostlosen Blick an. „Es ist ein sehr trauriges Resultat, Hella. In doppelter Beziehung." Hella seufzte. „Kein Zweifel mehr", fuhr Holthaus fort, „unter unfern Gästen befand sich ein — Dieb!" Hella schrie laut auf: „Vater!" „Es ist so, mein Kind, eine traurige Erfahrung, aber leider nicht anzuzweifeln." „Aber wer, wer könnte —?" ijdrt BÄjJÄ 2 ö 1902. — Nr. 33. 8 8 ÄK rid bläut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden, Und streut er Eis und Schnee umher, Es muß doch Frühling werden. Und drängen die Nebel noch so dicht Sich vor dem Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Blast nur, ihr Stürme, blast mit Macht, Mir soll darob nicht bangen; Auf leisen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen. Und wenn dir oft auch bangt und graut, Als . sei die Höll' aus Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut! Es muß doch Frühling werden. Geibel. „Du meinst, wer dieser Dieb wohl sei? Ja, wer das ergründen könnte. Jedenfalls ist es ein Unwürdiger, den wir aus unserem Kreis auszustoßen haben." „(Siebt es denn gar keine andere Möglichkeit, das Verschwinden des Ringes zu erklären; ich kann mir das gar nicht vorstellen, daß ihn jemand mit Absicht sollte entwendet haben." „Deine reine Seele vermag das nicht zu fassen! Ach, Hella, es giebt so viel unergründliche Tiefeli im Menschenherzen, daß wir fast niemand davon atlsnehmen können."- „Aber, lieber Vater, Du wirst doch nicht jeden einzelnen unserer Gäste im Verdacht haben?" „Vorderhand doch, Hella, bis die Entdeckung des wirklichen Diebes uns zeigt, daß die anderen itnschnldig sind."' „Aber das wäre ja schrecklich, Väterchen, wenn ich in jedem Gast, der uns demnächst Besuch abstatten wird, den Dieb des Ringes vermuten sollte." „Tas brauchst Du auch nicht, mein Kind, halte Dein Gemüt frei von jedem persönlichen Mißtrauen, bis ein bestimmter Verdacht, eine nicht abzuweisende Bestätigung Dir sagt, dieser ist der Unwürdige. Bis dahin vergiß die ganze leidige Angelegenheit." „Tas würde ich ja gern, wenn der Ring mir nicht, abgesehen von seinem sonstigen Wert, so überaus teuer wäre, als Erinnerung an meine gute, so früh von uns, gegangene Mutter, und altes Familienerbstück." „Tu hast recht, Hella, der Ring !var für Dich von hohem, idealem Wert, obgleich auch sein materieller nicht zu unterschätzen ist, und er wohl gerade deshalb seinen Liebhaber gefunden hat. Doch das letztere ließe sich ja wohl verschmerzen, ich bin nicht so arm, um..Dir nicht ein anderes, gleich wertvolles Schmuckstück kaufen zu können. Doch nun genug davoic, vergiß den unangenehmen Vorfall, während ich in aller Stille meine Nachforschungen betreibe, ich möchte doch wissen, wer von unseren Freunden sich unseres ferneren Umganges unwürdig gemacht hat." Er reichte Hella die Hand. „Leb' wohl, mein. Kind, suche noch ein wenig zu ruhen, oder gehe an die frische Luft, daß die nervöse Abspannung vergeht und Tu wieder frisch und heiter aussiehst. Laß Dir nichts merken. $e unbefangener Tu jedem einzelnen gegenüber bist, je leichter dürfen wir hoffen, daß der Dieb sich verrät." „Sprich das häßliche Wort nicht aus, Väterchen, es durchschauert mich bis in das tiefste Mark." „Armes Kind, Du hast bis jetzt die Kehrseite des menschlichen Herzens noch nicht kennen gelernt, Dir war bis jetzt nur vergönnt, des Lebens lichte Höhen zu schauen, ®ettt Glaube an das Gute und Edle int Menschen wurde noch nicht erschüttert. Doch für jeden — glaube mir - kommt einmal die Stunde, wo dies schöne Vertrauen sich als Trugbild erweist, wo auch der festeste Glaube wanken wird, wo der Himmel über uns einzustürzen und die Erde m eilten Abgrund zu versinken droht, wo Gott uns zu verlassen 130 und die Furien der Hölle uns zu ergreifen scheinen. —। Möge Dir dieser Augenblick noch lange fern bleiben." „Vater, lieber Vater", sagte Hella, und barg für Minuten ihren Kopf an dessen Brust, „wie schrecklich malst Du die Welt." „Aber leider nur zu wahr. Doch vergiß und werde ruhig. Ich muß Dich jetzt Zerlassen, meine Anwesenheit in der, Fabrik ist notwendig; wenn ich zurückkehre, hoffe ich mein heiteres Töchterchen wieder zu finden." „Wie gut Du bist, Väterchen." Als Holthaus gegangen, überkamen Hella aufs neue die peinlichen, grüblerischen Gedanken. Konnte es denn möglich sein, daß jemand unter der Gesellschaft sich befunden, der wie ein gemeiner Dieb die sich ihm bietende Gelegenheit benutzt, und sich den Ring, als wertvollstes Objekt, angeeignet hatte? Noch konnte sie es nicht glauben, noch sträubte sich ihr Inneres mit aller Macht dagegen, all die Menschen, mit denen fie bisher freundlich verkehrt, mit solchem Verdacht, wenn auch nur in Gedanken; zu beleidigen. .. Ta öffnete sich die Thür, und herein trat eine ältere, wurdrg aussehende Dame, welche die oberste Leitung des Hauswesens in ihren Händen hatte, und zugleich schon seit einer Reihe von Jahren Mutterstelle bei Hella vertrat. „Liebste Frau von Dettmar!" mit diesem Ausruf eilte ihr Hella entgegen, „wie gut, daß Sie kommen. Sie sollen mir helfen, mich in den Menschen wieder zurechtzufinden, die Papa mich in so abscheulichem Lichte sehen ließ," „Es handelt sich um die Diebstahlsgeschichte?" „Auch Sie sprechen von einem Diebstahl?" „Ja, wäre es denn anders möglich, nachdem Sie das oberste zu unterst gekehrt, und den Ring dennoch nicht qe- filnden haben?" a „Aber einer unserer Gäste!?" Frau von Dettmar zuckte die Schultern. „Unmöglich ist das nicht, meine Liebe. Langfinger gießt es überall. Dennoch müssen Sie zu unterscheiden wissen, liebe Hella, mancher thut aus Not und Verzweiflung, was ihm sonst Nimmermehr in beit Sinn kommen würde." „Aus Not?. Hella schaute die Tarne verwundert an. „Jemand aus unseren Kreisen sollte in solche Not geraten können, ohne andere Hilfe finden zu können, als — zum Diebe zu werden?" Auch diesen Kreisen ist die Not nicht fern, Hella, „^^^b.^stverjchuldete sowohl, wie solche, die ein ungünstiges Geschick, oder auch der kleinliche Jammer des täglichen Lebens auferlegt." . "?ber Not, wirkliche Not, bei diesem äußerlichen Glanz und Wohlleben, das fasse ich nicht." „Liebe Hella, Sie haben noch nicht in die Tiefen geblickt, 2huen war vergönnt, im Sonnenschein zu wandeln, lachende und blühende Auen lagen vor Ihren Blicken, aber es gießt 5?ch lonnenlofe Gegenden, wohin nie ein Strahl jener alles Belebenden dringt. Und je kahler und dürftiger es in der eigenen Heimat ist, je mehr sehnt sich dann der Mensch hinaus in jene sonnigen Gefilde, wo jener Frohsinn und Heiterkeit zu Hause find. Wollen Sie es denn dem Dürstenden verargen, wenn er am sanft niurnielnden Quell, oder am blumenumsäumten Büchlein seinen Durst zu löschen sucht?" „Liebste Frau von Dettmar, so schwer wäre das Leben? Da wäre eZ ja das größte Unrecht der Besitzenden, nicht alles dahinzugeben, um jene Darbenden nicht in Nacht und Elend versinken zu lassen." „Auch darin giebt es Grenzen, liebe Hella. Die Erfahrung und Nachdenken lehren, daß ein Unterschied auch im materiellen Besitze, wie in jedem anderen bestehen muß. A. der Reiche sollte nie unterlassen, da mit warmer Menschlichkeit und wirksamer Hilfe einzutreten, wo wirk- llche Not sich nicht allein emporhelfen kann. Wenn das alle Besitzenden bedächten und sich nur als Verwalter ihres erworbenen oder ererbten Gutes betrachteten, um wieviel Schritte näher stände alsdann die Menschheit jenem großen Ziel allgemeiner Verbrüderung, die meist nur auf völlig verkehrtem Wege gesucht wird." Hella war still und nachdenklich geworden, die Worte >er mütterlichen Freundin regten sie zu völlig neuen Gedanken an. Zeder einzelne ihrer Bekannten mußte gleich- am vor ihrem Geist Revue passieren. Wen unter all den ebensfrohen Menschen konnten di« Verhältnisse oder das Unglück wohl so weit getrieben haben, um jene Der- Meifllrngsthat zu begehen, denn anders sah sie nun den Diebstahl nicht mehr an. , Nur einer stand hoch und rein vor ihrem Geist, an den kem zweifelndes Forschen sich heranwagte, und gerade dieser eine sollte nun zum Gegenstand eines fast unwiderlegbaren Verdachtes werden. . Ter Fabrikherr kehrte mit stark umwölkter Stirn heim, em Zug von Besorgnis lagerte um seinen Mund, der sich noch um einen Grad vertiefte, als Hella ihm zum ersten- male wieder heiterer entgegentrat. Sein Blick verfinsterte sich immer mehr, je sorgloser! und beinahe heiter Hella zu plaudern begann. Schon mehrmals hatten die Blicke von Vater und Tochter sich gekreuzt, und Hella bemerkte mit Erstaunen, wie sich alsdann die Augen des Vaters mit einer gewissen Scheu von ihr abwandten. Was hatte er nur? „Väterchen", sagte sie, als sie wieder einmal einem solch ausweichendem Blick begegnete, „hast Tu etwas gegen mich, habe ich Dich irgendwie betrübt?" Holthaus stand auf und umfaßte sie. „Nicht Du, mein uebes Kind, aber ich sorge mich um Dich!" „Tu sorgst Dich um mich — weshalb denn, Väterchen?" „Ach, liebstes Kind, es wird mir so schwer, Dir von dem zu sprechen, was doch Notwendigkeit ist." Hella sah fragend zu ihm auf, als er nun wiederum! eine Pause, machte. „Du ängstigst mich, was ist es?" Ter Vater strich liebkosend über Hellas Wangen. „Mein liebes - Kind, sag', steht Dir nicht Loßberg näher, als alle anderen? Hast Tu nicht hoch von ihm gedacht?" Hella stand für Minuten das Herz still. Dann atmete fie freier auf, während heiße Purpurglut ihre Wangen bedeckte. Hatte Loßberg bei dem Vater um sie geworben? „Ja, ich schätze ihn hoch, oder besser, ich verehre ihn als einen braven, edlen Charakter." „Mein armes Kind!" flüsterte Holthaus mit leiser, bewegter Stimme, „daß ich Dir den Glauben an seinen Wert nehmen inuß. Denke nicht mehr an ihn, er ist ein — Ehrloser!" „Vater!" Es war nur das eine Wort, welches sie sprach, aber eine Welt voll Gram drückte sich darin auch ein so tiefes, unendliches Weh sprach aus ihrem erblaßten Gesicht, daß Holthaus sich voll tiefen Schmerzes abwenden mußte, um seine eigene Ergriffenheit nicht zu verraten. „Mein liebes Kind, was hilft das alles, es muh eben überwunden werden. Du nmßt Dich mit dem Gedanken vertraut machen, daß es ein Unwürdiger war, der sich in Dein unschuldiges Herz stahl. Auch ich bin ja von ihm getäuscht, auch ich hielt ihn für den ehrenwerten Charakter, dem man das Kleinod seines Herzens unbedenklich an- vertrauen durfte." „Und jetzt, Vater, denkst Du nicht mehr so, worauf gründet sich Deine so plötzlich veränderte Ansicht?" Holthaus durchmaß einige Male das Zimmer, wie um sich Ruhe und Fassung zu den nächsten Worten zu sammeln. Tann ergriff er Hellas Hand. „Du fragst, mein Kind, worauf sich diese meine «Ännesänderung gründet? Hast Tu vergessen, welche Frage, welche Zweifel uns beschäftigten? Wenn ich Dir nun sage, daß ich begründete Ursache habe, Loßberg für den — Dieb zu halten." „Unmöglich ! Vater, sage, daß das unmöglich- ist!" „Wie gern wollte ich das, Hella; wenn da überhaupt noch ein Zweifel herrfchen könnte; aber leider ist das ja unmöglich." „Unmöglich, sagst Du, unmöglich, daß Herr von Loßberg ein Ehrenmann ist!?" „Nennst Du es etwa ehrenwert, wenn jemand die Gast- fteundschaft so schmählich verletzt, daß er der Tochter des Hauses einen wertvollen Ring heimlich entwendet, um ihn dann beim — Pfandleiher zu versetzen?" „Und das hätte Loßberg gethan? Loßberg? Vater, ist da' wirklich kein Irrtum möglich?" „Nein. Ich sagte es Dir schon", kam es mit harter Stimme von Holthaus Lippen, der sichtbare Schmerz seines! Lieblings machte ihn hart, er glaubte auf diese Weise ihrem allzu gesteigerten Empfinden am leichtesten Einhalt gebieten zu können. „Ich selbst sah den Ring auf dem Tisch des Pfandleihers liegen, und Loßberg hatte soeben das Lokal verlassen." „Und — der Pfandleiher hat eingestanden, daß Loßberg ihm den Ring gegeßen?" »,Wo denkst Du hin l Das verbot ihm die Akrsthwiegen- 131 — Leit. Aber ist denn da noch ein Zweifel möglich? Der Pfandleiher nahm sofort den Ring ans! meiner Hand, den ich interessiert betrachtete. Ich hätte ihn gern zurückgekauft, wenn sich der Mann dazu verstanden hätte. Aber er erklärte kurz und bündig, daß er kein Versügungsrecht darb über habe." (Fortsetzung folgt.) Zm Rebel. Skizze aus dem Londoner Leben. Von M. C. Carpenter-M>eher. (Nachdruck verboten.) Blutig rot, wie eine große, feurige Scheibe, ohne Glanz, ohne Strahlen, schien die Sonne herab auf die Fünfmillionenstadt. John Halfter streckte ein wenig fröstelnd den muskulösen, vom Tropenbrand mager gewordenen Körper und schritt schneller vorwärts durch den Hyde Park der glitzernden, träumerisch schönen Serpentine zu. — Wie schön es war, einmal wieder alle diese Plätze zu besuchen, die ihn sämtlich grüßten aus der Vergangenheit, ihn, der nicht Heimat, nicht Vaterhaus sein eigen nannte. Ihm war dies die Heimat. Hier hatte er als Kind gespielt, hierher war er mit seinem Lehrer als College-Schüler gewandert, und hierher war er auch gewandert, damals, in dem einzig schönen Mai als Student, wo die junge, ideale Liebe sein Herz begeistert hatte! Hier an der Serpentine hatte er ja die Königin seines Herzens zuerst gesehen. Das reizende, junge, kindliche Mädchen mit den veilchenblauen Augen und den krausen, dunklen Locken, die hier alltäglich mit ihrer Gesellschafterin wandelte. Wie ein Schatten war er den beiden Damen gefolgt, hatte „sie" lachen und plaudern hören — und dünkte sich einem Könige gleich, als er eines Tages, wieder ihnen folgend, ein kleines, goldschnittgerändertes Notizbüchlein aus rotem Saffian mit einem goldenen E Und einer Krone darüber fand — nur „sie" konnte es verloren haben! Stammelnd, verwirrt überreichte er es ihr. „O, mein Herr, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, ich danke Ihnen", sagte sie hocherfreut mit lieblichem Lächeln und nahm das Büchlein aus seiner Hand. Und von jenem Tage an erwiderte sie stets mit Freundlichkeit seinen Gruß, bis sie nie mehr kam. Auch der Wagen, den die beiden Damen stets nach dem Spaziergang bestiegen, erschien nicht mehr. Er wußte nichts von ihr; nicht wer sie war, noch woher sie kam, wohin sie gegangen; sie war seine Königin — noch immer tönten ihre Worte in seinem Ohr — noch immer glaubte er den süßen Veilcheudust zu atmen, der sie und das kleine Buch umschwebte. Dann war das Afrikafieber über ihn gekommen. Er hatte hart gearbeitet, gelebt, wie man dort drüben lebt, höchster Genuß, härteste Arbeit, alles heiß, flammend, tropisch. Und nun war er zurückgekehrt — ein reicher, sehr reicher Mann — jung, — jung noch an Jahren, aber verbraucht. Das Leben dort macht mürbe, e§- rächt sich an den Menschen. Mm wollte er das Leben recht genießen — leben! — Hier an der Serpentine fiel ihm die Vergangenheit wieder ein. Wer wohl das schöne Mädchen gewesen. — Die Equipage und alles andere wiesen ihn darauf hin, daß er sie nur unter den oberen Zehntausend zu suchen hätte. . Versunken in alte Gedanken, hätte er nicht der dichten, weißen Schleier, die über das Wasser sich breiteten, geachtet. Wie von Feenhänden geschlungen, flogen sie durcheinander — immer dichter und dichter werdend. Die Nixen der Serpentine tanzten einen Reigen.--1 Ein eisiger Schauer schüttelte John Halfter und führte Air zurück in die Gegenwart.--, Wie dicke Gardinen hrng es von den Bäumen herab, legte sich auf Weg und und hüllte ihn ein. Und im Nu ward es finster, stockfinster um ihn herum. — Londoner Nebel! alter Narr, setze mich natürlich mitten hinein in dieses Fieberwetter — verteufelte Lage", brummte John Halfter. Er suchte den Weg nach Marble Arch einzuschlagen, tastend schriitit er vorwärts, Schritt um Schritt! — Tiefe, stille Finsternis um ihn herum, kein Laut einer menschlichen Enme. Das BorwärtMommen Wär sch« beschwerlich; alle Augenblicke rannte er gegen einen Baum oder eine Bank, doch rastlos strebte er vorwärts. Da — was war das? Eine Stimme! Rief nicht jemand? Er schrie in bas Dunkel hinein, da kam auch schon die Antwort: „Wollen Sie mir nicht helfen? Ich ward vom Nebel überrascht!" Es Ivar eine weibliche Stimme. Ein Weib draußen bei diesem Nebel! Wie ruhig ihre Stimme ist, keine Spur von Angst oder Schrecken, dachte John Halfter und rief zurück: „Bleiben Sie stehen, gehen Sie keinen Schritt weiter, aber rufen Sie, ich werde suchen. Sie zu finden!" Er geht dem Schall nach — da, was ist das er kommt jetzt aus einer ganz anderen Richtung. — „Sie haben Ihren Platz verlassen; wenn Sie nicht stehen bleiben, so werde ich niemals im stände sein, Sie zu finden, seine Stimme klingt sehr gereizt, „es ist schrecklich, daß die Frauen niemals thun können, was sie sollen—" Er war zu länge aller Kultur fern gewesen und viel zu sehr Gewaltmensch geworden: wenn der geringste Widerspruch sein leicht erregbares Blut reizte, kannte er die Sitten der gebildeten Welt nicht mehr. „Verzeihen Sie, ich wollte Ihnen behilflich sein, ich werde mich nicht mehr bewegen", ihre Stimme klang so ruhig, ohne jede Verletztheit, so ehrlich entschuldigend, -daß Halfter sich schämte. — Endlich ertönte das „Hier bin ich" ihm ganz nahe, und er erfaßte eine kleine, zartbehand- schuhte Rechte, die sich ihm hilfesuchend entgegenstreckte. Ern. feiner, schwüler Veilchenduft schlug ihm entgegen, und eine freudig erregte Stimme sagte: „Ach, wie danke ich Ihnen, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen —" John Halfter stutzte. Die Stimme, der Veilchenduflt — doch ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken . Er nannte seinen Namen und erzählte, daß er sich auch vom Nebel überraschen ließ, dann schlang er seinen rechten Arm um ihre schlanke Taille — sehen konnte er die Unbekannte nicht, und führte die ihm willenlos Folgende langsam vorwärts, mit dem linken Arm vorsichtig nach etwaigen Hindernissen tastend und ihnen ausweichend. Da stieß er an ein Gitter, und mit Freuden erkannte er, daß sie am Wellington-Denkmal angekommen. Nun lag ihr Ziel nicht mehr fern, dort drüben war ja Marble Arch, sie hatten nur den Platz zu überqueren. Er löste jetzt den Arm, der sie umschlungen gehalten, und legte ihre Hand auf denselben, sie so weiterführend. Sie begannen jetzt, da sie nicht mehr die Bäume zu fürchten hatten, zu plaudern. Sie erzählte ihm, daß sie eine Deutsche sei. „Sie, mein Fräulein, eine Ausländerin? Ja, aber sie sprechen vollendet englisch — ?" „Ja, mein Vater---" sie machte eine große Pause; endlich fuhr sie fort, „lebt in Deutschland- wo ich auch! von jetzt ab immer leben werde, doch wir sind Engländer — ich liebe Deutschland, aber ich liebe auch England. Dies wird mein letzter Besuch für lange Zeit hier sein, und deshalb unternahm ich auch täglich jetzt, zu dieser Stunde, nach dem Lunch, wenn meine Angehörigen ruhten, einen Spaziergang nach meinem geliebten Park, nach der Serpentine, die ich als Kind so gern besucht habe, und immer war es mein höchster Wunsch, einmal Boot auf ihr zu fahren — es geschah nie, aber ich liebe sie noch immer. „Warum mcht? Es giebt dort so viele Boote?"- ftagte er. „Ja, sehen Sie, wir — —" sie zögerte stockend —i „Mädchen — dürfen doch eben nicht alles, was wir mögen --doch lenkte sie ab, „Sie dürfen nicht denken, daß ich immer allein bin, oft begleitet mich! meine alte, gute Dofsy — meine Gesellschafterin", fügte sie erklärend hinzu. John erzählte ihr von Afrika — „Ach" sagte sie, „ich hatte mir immer gewünscht, ein Junge zu sein, schade, ich habe nicht einmal einen Bruder, wir sind vier Schwestern, wie schön muß es sein, sich die Welt zu erringen--" Er mußte lächeln über ihren Idealismus — „Schön selten — hart immer —" sagte er, „und die Frau, sie taugt nicht für diesen Kampf, ihr winken andere Ideale Während sie so plauderten, waren es ganz eigene Gedanken, die Johns Hirn durchkreuzten. — Familtenglück —, Liebe — Frauenliebe. — Der Wunsch nach dem Zauber, den eine liebende, geliebte Frau dem Dasein des Mannes allein zu geben vermag, erstand in ihm — heiß, lebhaft aufflammend. Da fragte sie ihnr „Sind wir noch immer nicht da-?"- 132 (gr blieb die Antwort schuldig; denn in demselben Moment fühlte seine Hand wieder das Gitter. Sie Ivar en im Kreislauf um den Platz gegangen, sie stunden abermals vor dem Wellington-Denkmal. Daran waren nun die Gedanken schuld, und ihr Geplauder und der Veilchenduft; woran erinnerte ihn das nur? — , Vorsichtig erforschte er jetzt das Denkmal. Dies war die Fassade. Nun hieß es, sich gerade halten. Er mußte vorwärts, um jeden Preis; denn er suhlte an ihren Schritten, an der immer schwerer auf seinem Arm ruhenden Hand, daß seine Begleiterin gänzlich erschöpft war. Da gewahrte er durch den Nebel hindurch, wie eine Vision einen gedämpften Lichtschein, er steuerte darauf zu, und bald standen sie vor der Marble Arch. Riesigen Fackeln gleich schlugen die Flammen der Laternen, von denen die Brenner abgeschraubt, zum Himmel auf, wenigstens auf kurze Entfernungen das unheimliche Dunkel durchbrechend. „Wohin nun, mein Fräulein?" Sie nannte ein überaus vornehmes Hotel in Picca- dilly. Da ging einer jener Fackelträger in der Nähe, Leute, die ausgehen, um Verirrte zurecht zu führen und beim Rebel überall in London auftauchen. John ries ihn heran, es war ein noch! junger Bursche. „Sie kennen London?" „Wie meine Tasche, Sir, wohin wollen Sie?" John nannte das Hotel; und mit den Worten: „O, es ist ganz nahe hier", stapfte der Führer den beiden voran. Nach einem kurzen Wege blieb der junge Mann stehen. „Dort, Herr, das helle, große Haus, Sie können nicht fehlgehen!" John zahlte, wie der Bursche dachte, königlich, und dann wandte er sich an seine zuletzt verstummte Begleiterin. Sie standen jetzt direkt unter einem der riesigen Kandelaber. Zum ersten Male konnte John das Gesicht seiner unbekannten Begleiterin sehen. — Dieses Gesicht — diese Stimme — ach, und dieses Parfüm, — John wußte mit einem Male, weshalb ihn dieses unsichtbare Weib so entzückt hatte. Es war kein Zweifel, die veilchenblauen Augen, die schwarzen Löckchen, die Dame, die er aus dem Nebelmeer geführt, war keine andere als hie Königin seines verflossenen Jugendtraumes — —! Er raffte sich zusammen — was mußte sie denken, baß er ihr derart ins Gesicht starrte? , „Wollen Sie meinen Arm nehmen?" „Ich danke", sagte sie dann, stehen- bleibend, „ich. darf Sie nun nicht länger belästigen, mein Herr; io, ich bin Ihnen sehr dankbar, Sie haben mir einen großen Dienst geleistet. Leben Sie wohl, Herr Halfter —" Sie reichte ihm ihre Hand; ein etwas in ihrer Stimme ließ ihn nicht einmal den Gedanken hegen, daß er wohl doch ein Recht habe, bis zur Thür ihres Hotels sie zu begleiten. Er nahm ihre Hand und führte sie an ferne Lrppen, die sich heiß darauf preßten. Dann ging sie. Und einen Augenblick leuchtete durch das Dunkel eine weiße, blnmengeschmückte, teppichbelegte Marmortreppe, strahlende Stifter, dann schloß sich das Thor hinter der schlanken Mädchengestalt.--— Noch drei Tage wogte über London ohne Wanken das Nebelmeer, alles Leben stockte, kein Wagen, keine Bahn, nichts als. Finsternis, Schweigen, Gas und mürrische Gesichter. Ünd im elenden Osten der Hunger — der Tod! —> Endlich, endlich siegte die Sonne. Der Nebel war verschwunden, die Millionenstadt atmete auf. Diese drei Tage hatten John Halfter zu ernsten Betrachtungen geführt, als deren Ergebnis ihm ein rosiger Zukunftstraum vor sch webte, ein Heim voll Glück und Liebe, und darin als Königin — sie — —! Er hatte zum ersten Male glückliche Freude über seinen Reichtum empfunden. Ja, aber — wenn — wenn sie ihn nicht mochte?— Würde sein Geld die weite Kluft zwischen ihnen ausfüllen können? denn zweifellos war sie die Tochter einer sehr vornehmen Familie. Doch da lachte die Sonne Und zerstob seine Zweifel. Er machte sehr sorgfältig Toilette; noch heute wollte er fein Glück suchen — finden ! Rastlos schritt er im Gesellschaftszimmer seines Hotels iauf und ab, es fehlte noch, eine gute Stunde, ehe er einen Besuch machen konnte; wie sollte er die Zeit hinbringem? Mit dem Lesen war's nichts — „Wie ist's Halfter, lassen Sie uns ein wenig spazieren gehen, es thut gut nach der langen Finsternis." John stimmte freudig zu und schritt bald mit seinem Tischnachbar, einem Ingenieur, wie er selbst, Pieeadilly zu. Wie schön, wie neu belebt heute alles erschien, wie ein Spott kam ihm die Warnung des Hotelportiers vor, daß :ie sich nicht zu weit entfernen sollten, der Nebel werde wahrscheinlich wiederkommen, der Wind sei wieder herum- gegangen. Da am Piceadilly-Cirkus staute die Menge der Wagen, dicht vor ihnen hielt ein Landauer, dessen herrliche Pferde Johns Interesse erregten. Erst als alle Welt um ihn die Insassen des Wagens grüßten, sah er, daß die Livreen der Diener die königlichen waren. Auch er zog seinen Hut. Die Dame im Fond war die Königin, ihr gegenüber eine Hofdame — aber neben der Herrscherin — hier dicht vor ihm — John Halfter, den kein Schrecken der Wildnis erregt, bebte an allen Gliedern — neben der Königin saß — sie — seine Königin! — — Jetzt sah sie ihn und seinen Gruß. Daß sie ihn erkannt hatte, sagte ihm die flüchtige Röte, die ihre Wangen färbte, als sie den schönen Kopf zu ihm neigte. Dahin flog die Equipage.--- „Wer war es?" rauh klang seine Frage. „Nun, man sieht, daß Sie lange dort unten waren", entgegnete sein Begleiter — „die Königin" —, — „Und die andere Dame?" „Prinzessin Edith«, eine Nichte der Königin, sie weilt oft hier zu Besuch, sie wird im nächsten Monat den Herzog von Brandenstein heiraten —" Sie gingen weiter. War es nur John Halfter, als ob sich plötzlich die Sonne verfinsterte? Doch nein — Mr. Jring trieb zur Heimkehr. „Ich glaube, der Portier hatte Recht, der Nebel kommt wieder! „Kommen Sie schnell, Halfter, damit wir uns nicht verlieren im Nebel!" Es war ein heiseres, rauhes Lachen, das John Halfter lachte. — Gefunden — verloren — im Nebel! Lesefrüchte. „Gelingt es, die Aufmerksamkeit durch die Unterhaltung mit einem Buche auf einen gegebenen Punkt zu konzentrieren, so wird innere Traurigkeit und äußerer Schmerz gewiß den Stachel verlieren. Am gewissesten, wenn diese Richtung dem Leidenden unbemerkt von einem andern gegeben werden kann." (Feuch ter sleb en.) „Kein Volk auf Erden hat eine solche Geschichte für feine Sprache, wie das deutsche. Zweitausend Jahre reichen die Quellen zurück in seine Vergangenheit; in diesen zwei Tausenden ist kein Jahrhundert ohne Zeugnis und Denkmal." (Jakob Grimm.) „Das Gewissen ist das Bewußtsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen. Es ist vor der Thai Gesetzgeber, nach ihr Richter und während derselben Zeuge. Kant. „Von einem, der ein bißchen Bildung in gewählter Rede zeigte, sagte man früher: „Er spricht wie ein Buch." Das Bild ist längst veraltet. Man müßte heute sagen: „Er redet wie eine Zeitung." (Dr. Wustman n.) Quadraträtsel. . (Nachdruck verboten.) AADDEEIM MNNOORRS Die vorstehenden 16 Buchstaben stnd in Quadratform derart ZU ordnen daß vier Reihen entstehen, die wagerecht und senkrecht gelesen, gleichlautend sind und Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1 Himmelskörper; 2. bekannter siegreicher Chalif; 3. Tetl des Gesichts; 4. Zahlwort. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Delphischen Spruchs in vor. Nr.: Sage — Sago. Redaktion: E. Burkhardt. - Rotationsdruck und Verlag der Brtihl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.