Samstag den 1, Februar. Hf TQOB Z^W 1902. — Nr. 18. einend ward ich geboren, und weinend scheid' ich von hinnen; Weinend der Thronen viel hab' ich mein Leben verbracht. P a ll a d a s. Nachdruck verboten. Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs. (Fortsetzung.) Tie Fahrt gestaltete sich nun nach Ueberwindu..g der beiden Hindernisse wirklich anmutig. Die Lüfte wehten immer linder, die Welt wurde immer maienfrischer. Die Troita klingelte lustig, der Postillon sprach zärtlich mit seinen Pferdchen, da er jetzt auf Steppenwege einbog. Ja, die Steppe, die freie weite, unabsehbare Steppe. Da lag sie nun vor Clarita mit all ihrem stillen, ungeahnten Reiz. Das weiche Steppengras, vom Winde leicht bewegt, wogte gleich bet: leichten Wellen des weiten Meeres. Ja, weit, endlos dehnte sich diese grüne Fläche aus, großartig, Achtung heischend, in ihrer lautlosen Ruhe. Clarita fühlte sich darin wunderbar frei, fessellos — mit den beiden jungen Gefährten wurde sie wieder zum Kinde. Kindern gleich begrüßten sie alle drei die erste in der freien Steppe her- gerichtete Poststation. Der Kutscher dehnte sich daselbst faul in ' der Sonne, seine „Kinderchen, seine Seelchen, seine Pferdchen" weideten in dem duftigen, weichen Grcre. Während die letzteren ausgespannt wurden, verließen die drei Insassen den Wagen, suchten Blumen, haschten nach Schmetterlingen, jagten gar Steppenvögeln nach und atmeten in vollen Zügen die reine 'Stuft Erst als das helle Geläute der mutigen Troika mahnend, lockend zu ihnen herübertönte, liefen die Damen mit Feodor um die Wette nach dem lustigen Gefährte und weiter gings, dem ersehnten Ziele zu. Bor Abend ließ sich dasselbe trotz der schnellen Pferde Unermüdlichem Laufe nimmer erreichen, aber auch der Tag neigte sich allgemach zur Rüste. Der Mond ging auf und überflutete mit seinem magischen Schein die eigentümliche, Clarita so fremdartige Landschaft. Rechts und links dehnten sich die Steppen aus, nichts als Steppen, in denen das Leben zu schlummern schien. Von Schafherden und Pferdekoppeln sah man nichts, weil die Schäfereien und Tebunen int Schatten der sinkenden Nacht zurückwichen. Der Weg aber war bereits besser geworden und an beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt; man nahte sich dem Dorfe vor dem Gut. In dem matten Mondlicht tauchten bereits schattenhaft die Umrisse einzelner Hütten auf. Allmählich traten diese deutlicher hervor, und zeigten sich in der Nähe zumeist als kleine, Über nicht schlecht erhaltene Holzhäuser. Deren Besitzer mochten sich eines verhältnismäßigen Wohlstandes erfreuen; int allgemeinen jedoch mangelte es anch diesem kleinen Ort nicht an einem armseligen Aussehen und dem unvermeidlichen Schmutz. Pfützen und Schmutzlacheu gab's wenigstens in den Straßen genug. Dieselben waren öd' und leer. Die schmutzigen Kinder, die sie sonst bevölkerten, schliefen bereits. Lärm und Geräusch hörte man nicht zu dieser nachtschlafenden Zeit, nur vereinzelt schimmerte Licht aus den Jsbas, wo die kleinetr Fensterscheiben nicht mit Papier zu- gellebt waren. Drinnen mochte man sich noch unterhalten; denn 6et dem Geklingel des vorüber sausenden Tara:.. , erwachte Leben. Durch das ungewohnte Geräusch aufgeschreckt, fuhr manch ein Kopf zum Fenster heraus, dunkle Gestalten mit harzduftenden Fackeln erschienen auf dem Thürschwellen, während in allen Gehöften sämt.iche Hunde in Ausregung gerieten und kläffend hervorstürzten, um die flinken Pferde zu umkreisen. Von dem Kutscher wurden sie reichlich mit Flüchen ttnd Peitschenhieben begrüßt, unterdes die Troika in toller Jagd weiter sauste ohne Rücksicht auf die Neugierigen, die da beleuchtet von dem flackernden, qualmenden Licht des Kienspans sich bei dessen grellen: Schein vergeblich mühten, von den Vorüberfahren- deu einen Blick zu erhaschen. Doch der Starost hatte ihnen gesagt, daß der junge Bärin erwartet werde — nun bildeten sie sich ein, ihn erkannt, ihn gesehen zu haben und krochen in ihre Jsbas zurück. Weiter aber flog die Telega, das Dorf hinter sich lassend. Es versank int Dunkel der Nacht. Wieder dehnte sich die weite, unabsehbare Fläche aits. Im Wagen drinnen war's still geworden. Je näher sie dem Ziele kamen, je heißer klopfte Clariias Herz. Sie schaute zu dem dunkelblauen Himmel auf. Cr blieb sich doch ewig gleich. Solch strahlende Sterne hatten auch am Lago Maggiore zu ihr niedergegrüßt, als sie ihre kleine Dolores zur Ruhe gebettet. Ihr lieblichen Sterne Wie steht ihr so ferne Am Himmelszelt, Im Dunkel der Nacht. Mit goldener Pracht Hoch über der Welt! Den trauernden Herzen, Ihr himmlischen Kerzen, So freundlich ihr blinkt! In Dunkel und Qual Aus irdischem Thal Zum Himmel ihr winkt, seufzte Clarita innerlich. Da fühlte sie sachte eine weiche Kinderhand die ihre erfassen. „Clarita", flüsterte Feodor, dem: Lisavetta schlief, „dort, dort!" — er deutete lebhaft die Richtung mit seinem Finger an — „dort beginnt unser Park." , t . Schauen Sie scharf zu, und Sie vermögen beretts deutlich die alten hohen Bäume zu erkennen. In deren Schatten liegt Ornatoffsko. Ick, ba lag's, das alte, verwitterte, unregelmäßig gebaute Herrenhaus, umgeben von dem dunklen Parke mit dem scheinbar undurchdringlichen Gestrüpp und den nachtschwarzen Gängen zwischen den alten, weitästigen Bäumen, die ihre Schatten in der mondhellen Nacht gespenstisch herüber warfen auf das alte, stille Gebäude mit den vielen kleinen, niedrigen Fenstern und der hohen Freitreppe. Die leuchtende Flamme der brennenden Lutschinntäs fiel von dort, vereint mit dem Lichtschein einer Menge erhellter Fenster hinaus zwischen die alten Baumgruppen, deren Wipfel leise rauschten — vielleicht drohend ,grollend, als schüttelten sie Unheil herab. Aus allen Büschen schienen gespenstische Arme zu längen, unheimlich schattenhafte Gestalten winkten hinter den dicken Stämmen hervor. Es flüsterte, summte und stöhnte in der tiefen Nachtstille. Alles schien zu leben und zu atmen, zu warnen oder auch zu nicken Und zu winken, den Ankommenden entgegen. Clarita wenigstens bäuchte es so; es befiel sie eine Unerklärliche Augst, ein seltsames Grausen dieser nächtlich schlafenden Natur gegenüber, die ihre Phantasie-Gebilde belebten. In ihrem Kopfe pochte und schwirrte es, als sollten dre Adern springen. Entschieden mußte sie dieser Aufregung, die ihre Sinne zu verwirren drohte, Meister werden. Ihre Willenskraft überwand das kindische, abergläubische Bangen eben zur rechten Zeit; denn ein Ruck, und bie den Fahrweg des Parkes daher sausende Troika hielt vor der erleuchteten Freitreppe. Am Fuße derselben stand der Intendant, ein greiser Mann, ihm zur Seite seine Frau Taliana Petrowna, des Hauses Hüterin, umgeben von einem ganzen Kreis Dienstboten. Sie alle sehnten sich, den jungen Bärin zu sehen, einen Zipfel feines RöckcheuN zu küssen, wobei sie jedoch hinreichend Zeit behielten, die fremde Barinitschi zu betrachten, welche statt der Herrin gekommen war. Sie küßten ihr gleich Lisavetta Sergewna den Saum des Kleides, unterdes der Intendant, nach einer Verbeugung bis zum Boden, den gnädigen Herrschaften voraus, ins Haus, leuchtete, sobald Feodor, der all' den Leuten fröhlich zugenickt und die alte Taliana Petrowna auf die runzelige Wange geklopft, Claritas Hand erfaßt und sie einführte in das Haus feiner Väter, in das ersehnte Orna- toffsko. XVI. D i e erste Spur. Wer verrät, er verwahre ein Geheimnis, hat schon dessen Hälfte ausgeliefert, und die zweite wird er nicht lange behalten. Jean Paust- So war Clarita in Ornatoffsko. Seit zwei Tagen lebte sre daran, wie eine zum Hause Gehörige mehr noch — als stellvertretende Herrin. Daß, sie dieselbe in Wahrheit sei, ahnte , natürlich keine Seele, und ihr selbst erschien es oft wie ein Traum. Aber wachend und träumend stand der Gedanke an ihre Aufgabe vor ihrem Geiste. Endlich schien des Rätsels Lösung so nahe gerückt, daß! jeder Augenblick den Schleier lüften, konnte, der desgeliebten Gatten Schick- sal verhüllte. Sein Name war hier unvergessen, dessen hielt sie sich vom ersten Moment an versichert, da sie die greifen Köpfe unter der Dienerschaft erblickte. Alte Leute fanden sich, genug im Dienste des Herrenhauses; Kyrills, Jegors, Dimitris gab's mehrere, wenngleich, unter den letzteren der fehlte, den Clarita kannte, von dem sie eine Spur zu finden hoffte. Er war mit Alexis aufgewachsen, und so wahrscheinlich aus Ornatoffsko gebürtig es mochten daher dort noch Angehörige von ihm leben, es hieß nur die Augen offen halten. Bemühungen ruhten auch keinen Augenblick. Vorsichtig suchte sie nur zunächst ihre Leute kennen zu lernen. Das ganze Personal staunte die fremde Herrin an, welche so schön und vornehm schien wie die wirkliche Herrin, und doch ganz anders wie diese, eine Güte und Freundlichkeit offenbarte, wie man sie nimmer vorher er- ^laritas Stimme deuchte den Steppenleuten gleich Musik, und ihr gebrochenes Russisch gab ihrem fragenden Geplauder einen seltenen Reiz. Alle die alten Leute, von Taliana Petrowna angefangen, bis zu Jwaz, dem Leib- brtscher Feodors, herab, fühlten sich durch ein solches ge- ehrt, ihre Scheu verlor sich, dadurch etwas, und bis zu einem gewissen Punkte berichteten sie gern alles, was die Fraqerin zu wissen wünschte. Mit Thränen sprachen sie von des alten Herrn Tod. Er war ihnen ein rauhes, hartes Väterchen gewesen, aber geliebt hatten sie ihn doch, wie der Hund seinem strengen Herrn ergeben ist. Ein Väterchen, das zuweilen dreinschlug, donnerte und wetterte, das war ihnen sympathischer als eines, das sie gar nicht achtete, und gleichgiltig an ihnen vorübergiug. Es war eigentüm- uA, ftnit welch zäher Zusammengehörigkeit diese in rauher Abhängigkeit gehaltenen, von dem verstorbenen Herrn oft hart behandelten Naturen an diesem und seiner Familie, — der ganzen gnädigen Herrschaft festhielten. Von der jetzigen Herrin sprachen sie jedoch offenbar nicht gern, jedenfalls nur voll Scheu und Vorsicht. Aehuliches machte sich bemerkbar, sobald Clarita das Gespräch auf die Leit von des alten Welsmarschalls Tod und auf dessen Söhne aus erster Ehe lenkte. Wie selbstverständlich fragte sie danach, mit erheuchelter Unbefangenheit die Namen Wladimir Iwanowitsch und Alexis nennend. That sie das, daun horchten die Gefragten wohl auf, zuiveilen zuckte es dabei auch in den verwitterten Gesichtern, aber — eine aus- giebtge Antwort kam nicht. Dieselbe gab eben zu, daß der alte Herr ein langsames Sterben gehabt habe, dem wenige! Tage später der jähe Tod Wladimir Jwanowitschs gefolgt fei, der eben erst aus dem Auslande zurückgekehrt gewesen. Ueber die Veranlassung jenes jähen Todes aber verlautete keine Silbe. Von Alexis, Iwanowitsch sprach man gar nicht, und erst wenn Clarita kühn darauf beharrte, nach diesem zu forschen, dann kam der kurze, stereotype Bescheid — daß Alexis ^wauoioitsch zu spät nach dem hl. Rußland zurück-, Z^hrt lbi, um sein Väterchen noch am Leben zu finden.. Mitteilsamere fugten wohl noch bei, wie unglücklich tröst-, los der schone, junge Bärin über sein verspätetes Eintreffeu gewesen — aber keiner hatte auf Claritas rasche Frage nach dessen fernerem Verbleib eine andere Auskunft als: der junge Bärin sei sofort nach des Vaters und Bruders Tod wieder abgereist . wohin, das wisse man nicht. Keine geschickt eingeflochtene, direkte oder indirekte Frage erzielte anderes. Auch über Wladimirs Verscheiden ließ sich absolut nichts mehr ergründen. Der junge Bärin war gestorben, ob eines natürlichen oder gewaltsamen Todes — das wußte man entweder selbst nicht oder man durste oder wollte nicht darüber reden. Die Herrin war denn doch zu neu und fremd, um ihr ganz zu vertrauen, besser man hielt seine puufle im Zaum über Dinge, von denen zu sprechen einem übel bekommen konnte, falls die Herrin oder nur der In-, tendant es erfuhr. Da war's am sichersten, allen unlieben! Fragen etn einfaches: „Wir wissen es nicht" entgegenzu-, setzen. — Trostlos klang dieses Wort stets Clarita entgegen, wenn ihr ganzes Herz in stiller Folterqual nach einer Aus-i Anst seufzte. Doch es galt aufs neue, Geduld zu bewahren. War Alexis doch so lange von Ornatoffsko entfernt im Auslande gewesen, daß die Leute sich seiner entwöhnt! hatten, wodurch es sich ziemlich von selbst erklärte, wenn man ihn kaum vermißte, und die Erinnerung an ihn verblich, der Vergessenheit anheimfiel. Dies um so eher, da! allgemein Feodor, des alten Ornatosf Benjamin und Liebling, nunmehr als Herr auf Ornatoffsko galt. Den Knaben "ebte, kannte, vergötterte man. Er hatte eben nie die! jüngste Zeit abgerechnet, das stille Steppengut verlassen. Feodor gehörte dorthin, und das Gut und die Leute gehörten ihm, eine Annahme, welche das ganze Wesen de« stolzen Herrin Wera Sergewna bei jeder Gelegenheit zu bestärken verstand. Der strengen Barinitschi küßte man bett Saum der Schleppe, und fürchtete sie. — Die feine, anspruchslose polnische Frau, des Väterchens erste Gattin, die nur ein paar Sommermonate in Ornatoffsko verlebt hatte, die war vergessen — vielleicht nicht bei allen, doch bei den meisten. Die Ausnahmen ausfindig zu machen, war die Zeit noch zu kurz gewesen. Clarita begann ja eben erst, sich in ber neuen, fremden Umgebung einzubürgern. Der große, weite Park, Feoders Entzücken, übte auf sie gleichfalls big größte Anziehungskraft. Sie hatte denselben aufgesucht. Der Tag neigte dem Wend zu, und die Luft war herrlich rein und wohl- thuend. Ein Gewitterregen hatte die ganze Natur erfrischt. Das zarthalmige Steppengras, das in' den AlleeU 71 wucherte, schien ordentlich unter den Augeir zu wachsen, dabet duftete aus tausend üppigen Blütentrauben der Flieder, die ganze Atmosphäre mit süßem Aroma erfüllend, (Fortsetzung folgt.) Alles oder nichts. Novellette von C. Ger har di (Nachdruck verboten.) „Du willst also wirklich nach Schlesien gehen?" Jäh erhob sich Hilde Alten vom Klavier, ihre Augen blitzten ihren Gatten an, der soeben mit einem Briefe in der Hand das Zimmer betreten hatte- „Ja, ich habe mich dazu entschlossen", erwiderte er ruhig, „und Dr. Bergrot hat sich bereit erklärt, mich hier zu vertreten". „Dieser Entschluß spricht von Deiner Gleichgiltigkeit, Deiner Lieblosigkeit gegen mich!" rief sie erregt. „Kannst Du dieses glauben, so kennst Du mich nicht", sagte er schmerzlich. „Hilde, Du mußt es doch wissen, daß die tiefe Liebe, die mich um Dich werben ließ, nur gewachsen ist in den Jahren unserer Ehe." „Schöne Worte, nichts mehr. Dein Beruf steht Dir höher, als ich. Wann sehe ich Dich, wann hast Du Zeit, Gedanken für Deine Frau: Der größte Teil des Tages gehört Deinen Kranken; sie beschäftigen Dich sogar, wenn Du bei mir bist!" „Wär's anders; Du würdest mich minder achten", gab er schwer zurück. Sie aberfuhr immer lebhafter fort: „Wie mir zu Mute ist, wenn ich beinahe stets allein bin, während ich zu Hause von Eltern und Geschwistern umgeben war, daran denkst Du nicht- Oder wenn doch, so glaubst Du, daß ich an meiner hübschen Wohnung, meinem Flügel, meinen Blumen Genüge finde- Auf vieles muß ich verzichten; für das Theater hast Du keine Zeit, Gesellschaften, Bälle magst Du nicht, doch ich bin noch jung, und sehne mich nach Freude! Allem aber setzest Du die Krone aus, indem Du in das abgelegene schlesische Gebirgsdorf gehen willst, um gleichgiltige Menschen, die am Typhus erkrankt sind, zu behandeln!" „Gleichgiltig ist mir niemand, der leidet, und dem ich nützen kann."' „Aber mich, die ich Dir am nächsten stehe, und leide, vergißt Du!" „Hilde, Du tbust mir unrecht! Wohl kann ich Dir nicht allzuviel Zerr widmen, aber Dein Wohl steht mir höher, als alles andere in der Welt- Du bist mein teuerstes Gut, mein Leben würde ich hingeben, um Dich glücklich zu machen." Er wollte sie an sich ziehen, doch Hilde wehrte ihm. „So erfülle meine Bitte, geh nicht nach' Schlesien!" Gespannt hingen ihre Augen an seinem charaktervollen Gesicht, aus dem sich der Kampf spiegelte. „Ich kann nicht, Hilde. Jene Elenden schreien nach Hilfe, und ich gab mein Wort-" „Gilt es Dir höher, als das Wort, das Du mir am Mtare gabst?" rief sie mit bebender Stimme. „Es handelt sich doch nur um eine Trennung von wenigen Wochen", murmelte er gequält- „Mir würden sie Jahre werden- Und wenn Du heim- kehrst, find es wieder andere Kranke, die Dich in Anspruch nehmen, eine neue Epidemie ruft Dich an andere Orte, nein, ich ertrage es länger nicht- Ich will alles oder nichts. Triff die Wahl zwischen mir und Deinem Beruf!" „Hilde, so grausam kannst Du nicht sein! Ich bin mit meinem Beruf verwachsen, er verschafft mir Befriedigung, und die Mittel zu behaglichem Leben —" „Das ist nicht nötig, Papa ist reiche" „Doch nimmer möchte ich von seinem Gelds leben- Verlange nicht Unmögliches von mir- Du wußtest ja, daß Du Dich einem Manne der Arbeit angelobtest." „Ich war blind, nun bin ich! sehend- , Gelte ich Dir jo wenig, so zerreiße ich das Band zwischen uns, Im Hause meiner Eltern werde ich willkommen sein."' „Hast Du denn die Zeit unserer jungen Liebe vergessen, alles was' uns aneinander bindet?"' fragte er gramvoll. „Du lösest es' durch Deine Wahl- So trage die Folgen!" Sie fach nicht den Blick voll Schmerz und Vorwurf, der sie traf; mit brennenden Augen starrte sie hinaus aus den noch winterlichen Garten- Da wandte sich Dr- Werner Alten, und verließ den Salon, um in seinem Arbeitszimmer ruhelos auf und nieder zu schreiten, eine Beute qualvoller Gedanken. Wie ein betäubender Schlag hatten ihn die Worte seiner Frau getroffen, und unmöglich dünkte es ihn, sich von ihr zu trennen- Daß sie so unglücklich an seiner Seite war, hatte er nie geahnt- Freilich war sie verwöhnt von den Ihren, und er hatte nicht Muße gefunden, mit ihr zu tändeln- Wer hätte sie nicht trotzdem seine Liebe fühlen müssen! Wenn sie ihn jedoch so leicht ausgeben konnte, hatte sie ihn dann je geliebt, hatte nicht nur flüchtiges Wohlgefallen sis bewogen, sein Weib zu werden? Nein, nein, zu deutlich hatte er damals die Liebe in ihren Augen gelesen- Solch' ein Gefühl konnte doch nicht sterben! Sicher war es nur Trotz, der Hilde so hart machte; wenn sie ruhiger geworden, würde sie ihr Irren einsehen- — Er wollte an sie schreiben, sie bitten, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bei ihm ausMharren- Er konnte sie ja nicht entbehren, sein Lieb, sein Weib, seinen Sonnenstrahl, wenn er es auch zuweilen vermißte, daß sie nicht Teil nahm an dem, was seine Seele erfüllte- Acht Tage später hielt vor dem freundlichen Hause in der Lennestraße in der Residenz ein Wagen, auf den ein Koffer geladen wurde- Dr. Men folgte; sein düsterer Blick flog zu den Fenstern seines Heims empor, an denen sich kein Frauenantlitz zeigte. Auf feinen aus tiefstem Herzen kommenden Brief hatte Hilde zu seinem Schmerz erwidert: „Du überzeugst mich nicht- So widme Dich denn ganz Deinem Berufe, und werde darin glücklich. Mein Rechtsanwalt wird die Scheidung einleiten. Leb wohl!"--- Nun weilte Dr- Alten schon einige Wochen in D. Mehrmals täglich schritt er die Dorfstraße entlang, betrat die niedrigen Häuschen, ging von einem Krankenbett zum andern, und überall schauten die bleichen Gefichter dankbar zu ihm auf. Bewundernswertes hatte er in der kurzen Zeit geleistet, energisch für Reinlichkeit und gute Luft in den Wohnungen gesorgt, für gute Pflege, und mit feinem reichen Schatz au Wissen die Epidemie bekämpft- Nicht immer rang er dem Tode die Beute ab, aber ost rettete er ein Menschenleben, und dann leuchteten seine ernsten Augen. Aus eigenen Mitteln hatte er ein kleines Spital für die Aermsten und Kränksten errichtet; an nichts ließ er es ihnen fehlen, obwohl er selbst wie ein Spartaner lebte. Seine einzige Erholung war ein abendlicher Spaziergang in das Land hinein, auf die Berge- Und doch sand er keine Erfrischung; denn fein treuer Weggenosse war sein Schmerz- Was die Tagesarbeit unterdrückt, ließ die Muße wieder ausleben; unablässig dachte er an sein Weib, das doch nicht mehr fein Eigen war- Zuerst hatte er noch gehofft, ein versöhnendes Wort zu erhalten, das Bekenntnis: „Ich liebe Dich, ich bleibe Dein!" Ja, er hatte geträumt, sie eines Tages in seinem Zimmerchen int Gasthofe zu finden, die holde Gestalt. Vergeblich! Statt dessen traf ein Brief ihres Bruders ein, indem dieser ihm Nachricht von der eingeleiteten Scheidung gab- Also doch! Wie ein weidwundes Tier sich in den Tiefen des Waldes verbirgt, war Werner an jenem Wend die entlegensten Pfade gewandelt. Er rang mit seinem Gram, aber die Liebe zu Hilde starb nicht in ihm- Ws er ins Dorf zurückkam, erschraken die Leute vor seinem erstarrten Gesicht- Beinahe hätte er gewünscht, ein Opfer der Seuche zu werden, doch sie verschonte chn. Seinem Rechtsanwalt sandte er feine Vollmacht, auf die Scheidung unter jeder Bedingung einzugehen, nur ihm nie mehr von der Angelegenheit zu schreiben- Was einst sein Glück; jetzt sein Leid war, sollte begraben sein für immer- Doch unerträglich dünkte es ihn, wieder in der Residenz, fern von Hilde zu leben, sie vielleicht einmal zu treffen am Arm eines andern! Nein, er würde weithin gehen, wo mau feine Hilfe brauchte, wie jetzt hier, wo er Studien machen konnte zum Wohle der leidenden Menschheit; denn ihr gehörte er fortan allein! Mehr als drei Jahre sind vergangen. Golden scheint die Frühlingssonne auf die stattlichen Häuserreihen Hamburgs, auf den Hafen- Soeben ist ein großer Dampfer angekommen, die Ketten werden an Bord geworfen, bs» — —- täubender ßärttt erschallt, und über die Brücken strömen die Reisenden, zum Teil von Freunden begrüßt- Zuletzt verläßt ein sonnengebräunter Mann den Dampfer: er hat keine Eile, niemand erwartet ihn. Manch' ein Blick fliegt zu dem interessanten Gesicht, der stattlichen Gestalt. Dr. Werner Alten achtet dessen nicht; mehr, als er geahnt, erschüttert ihn das Wiedersehen der deutscher! Heimat, die er einst in Hast geflohen, um Länder und Meere zwischen sich und jene zu legen, die sich von ihm losgesagt. Ms die ®pitbemie in Schlesien erloschen, hatte er sich einer Expedition nach Afrika angeschlossen, um das Wesen der Pest zu erforschen; rühmend war seine eifrige Mitarbeit von den Leitern des Unternehmens anerkannt worden. Auf der Rückreise hatte er in Spanien, Frankreich, England die hervorragendsten Krankenhäuser besucht, von dort den Seeweg nach Deutschland benutzt. Während dieser Jahre stand er nur mit Berliner Gelehrten in flüchtiger Verbindung, von Hilde hatte er, getreu seinem Wunsche, nie gehört- Daß die Scheidung rechtskräftig geworden, war unzweifelhaft. Sein bitterer Groll war längst verraucht, doch schmerzliche Wehmut in seinem Herzen zurückgeblieben. Vor kurzem hatte er die Aufforderung erhalten, der Leiter eines großen Krankenhauses der Hauptstadt zu werden, doch diese hatte er nie mehr betreten wollen- Warum aber nicht? Hilde und er würden wie in getrennten Welten leben. Jedenfalls wollte er hin um mit maßgebenden Personen zu sprechen. Der Eilzug führte ihn seinem Ziele entgegen- Zu Besuchen ist es zu spät; so wandelt er durch die Straßen, uno überall erwachen Erinnerungen, süße und schmerzliche- Der Stadtpark liegt vor ihm im Zauber des Lenzes, und — da ist die Straße, das Haus, in dem er so selig war. Was treibt Dich, Thor, in seine Nähe? Wohnen darin nicht längst fremde Menschen? Aber alles mutet ihn bekannt an- Doch dort unter Blumen spielt ein Kind- Goldene Locken fallen auf sein weißes Kleidchen, es jauchzt mit hellem Stämmchen- Wem gehört, der Knabe? Die Wärterin plaudert mit ihm, und trägt ihn hineiw Und noch immer regungslos steht Dr- Alten. Da ertönt im Hause der Klang einer Frauenstimme. Weich und schmerzlich klingt es zu dem Lauschenden: „Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß, was ich leide-'' Hildens Stimme! Ein Beben ergreift ihn- Sie weilt noch an derselben Stätte, sie sehnt sich- Nach wem, nach wem? Sein Herz pocht in wilden, unregelmäßigen Schlägen, es zieht ihn mit Macht hin zu der noch immer Geliebten. Ohne sich von seinem Thnn Rechenschaft zu geben, öffnet er das Gitter, eilt im Schatten des Abends auf die Veranda; die Thüre zum Zimmer ist geöffnet. Da steht Hilde vor seinem Bilde, und hebt die Arme wie verlangend ihm entgegen. Ihn schwindelt vor einem großen, ungeahnten Glück- „Hilde!" Der traute Name ist seinen Lippen ungewollt entflohen. Sie wendet sich, und steht wie angewurzelt. Rosenglut überzieht ihr Antlitz, sie streckt die Hände aus, und murmelt: „Endlich, endlich!" „Verstehe ich recht. Du begrüßest mich freudig. Du zürnst mir nicht. Du, die sich von mir getrennt?" — Sie schüttelte den Kopf- „Ich blieb Dein!" hauchte sie. , „Ich erkannte mein Irren — Gottlob, nicht zu spät! — ich schrieb es Dir längst, harrte in Reue und Sehnsucht Deiner Antwort-" „Nie empfing ich eine Zeile von Dir." „So laß mich jetzt hier zu Deinen Füßen bitten: „Vergieb, daß ich Dich heimatlos gemacht, daß ich Dir Dein Glück nahm!" Erschüttert zieht er sie empor- Sie aber fährt fort: „Nicht eher darf ich an Deinem Herzen ruhen, bis Du alles weißt. In Zorn und Trotz war ich gegen Dich verhärtet, da that Gott ein Wunder an mir: unser heißer, bisher vergeblich gehegter Wunsch sollte erfüllt, uns ein Kind geschenkt werden! Ihm durfte ich nicht den Vater rauben. Doch erst, als es seine Augen dem Lichte aufgeschlagen, Deine Augen, Werner, da erstand die Liebe wieder in mir, da ward ich erst zum echten Weibe. Und als der Kleine erkrankte, schrie ich nach Deiner Gegenwart, Deiner Hilfe. Seitdem war mein ganzes Leben nur ein Warten auf Dich. Ich glaubte nicht den Meinen^ die Dich für tot hielten, mein Herz sagte mir anderes; ich mußte Dich ja um Vergebung bitten, gut machen, was ich gefehlt. Kannst Du mir nicht verzeihen, Werner, so mag er für mich sprechen, er, unser Sohn!" Ueberwültigt von Glück, umfängt er Mutter und Kind. „Du giebst mir mehr, als ich verlor!" „Doch ob ich auch gewandelt bin, an eines Wortes Bedeutung halte ich fest: Alles oder nichts- Doch nicht nehmen will ich alles, sondern geben: Liebe, Teilnahmö an Deinem herrlichen Beruf, Treue ohne Wanken!" Gemeinnütziges. Gerstenkörner- Bekanntlich werden Kinder, aber auch Erwachsene häufig von Gerstenkörnern heimgesucht. Sie beruhen auf einer in Eiterung übergehenden Entzündung der Meibomschen Drüse. Ihre Behandlung ist eine zweifache- Im Anfangsstadium thut man gut, die Eiterung zu unterdrücken, und man wendet daher kleine kühle Kompressen an, die man wechselt, sobald sie trocken geworden sind- Zeigt sich aber schon Eiterung, so darf man nicht mehr kühlen, sondern muß halbstündlich zu wechselnde warme Umschläge machen und dabei häufig mit Kamillenthee baden. Für die häufige Wiederkehr des Gerstenkornes sind schlechte Säfte, Bleichsucht, Skrophulose und dergleichen anzugeben, und es empfiehlt sich daher, den GesamtMrganismus in Behandlung zu nehmen, damit sich eine Generalreinigung des Körpers vollzieht. Namentlich treten solche Rückfälle in den Entwickelungsjahren ein. In erster Linie muß eine richtige Diät eingehalten werden- Fleisch ist möglichst zu vermeiden, Eier sind nur mäßig zu geben — eins pro Tag — dann aber ist Obst, Gemüse und Milch anzuraten- Ferner gebe man wöchentlich, mindestens aber alle 14 Tage ein Dampf- oder Schwitzbad und wöchentlich zwei bis drei warme Bäder mit nachfolgender Einpackung in trockene Laken und wollene Decken. Frische Luft, viel Bewegung im Freien, Gartenarbeit, sind notwendig. Aeltere Personen sollen nicht rauchen, trinken, nicht ausschweifend sein und auch den Tabaksqualm meiden. „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Preisrätse I.*) i m a o e n g 11 12 10 7 9 8 Füllrätsel (Nachdruck verboten.) Die leeren Felder sind mit fassenden Buchstaben derart auszufiillen, daß tn jeder wagerechten Reihe zwei Wörter entstehen, von denen daS zweite mit dem Endbuchstaben des eisten wieder anfängt, K R E I 8 I E ß = „Kreis und Sieg". Die auf diese Weise entstehenden 12 Wörter haben felgende Bedeulung: 1 Stadt in Armenien; 2. arabischer Feldherr; 3. Berg in Tirol; 4 beliebtes Spiel; 5. weiblicher Borname; 6. preußischer General; 7. Nahrungsmittel; 8. an Gewässern; 9. Schlachtort in Ober« Italien; 10. Getränk; 11. Stadt in Arabien; 12. Heim. — . Sind die richtigen Wörter gebildet so bezeichnen die ausgefüllten drei senkrechten Rechen zwei Fürstentitel und einen geschichtlich bedeutsamen Teil der Erde. *) Lösungen sind mit Aufschrift: ,,PreiSrätsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gtrßener Familienblätter" einznsenden. Auflösung des Abstrichrätsels in vor. Nr.r Talent arbeitet, Genie erschafft. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und B erlog der Brübl'schen Universitäts-Büch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.