Nr. 1. Mittwoch den 1. Januar. 33n$| MUK MW MMS ®ÄÄw t Zum neuen Jahre 1902. (Nachdruck verboten.) Nun ist das Licht herabgebrannt Und bald die letzte Glut verglommen, Du scheidend Jahr! Reich mir die Hand Zum Abschied wie einst zum Willkommen. Zur Stunde, wo dich nur ein Hauch Noch trennt von des Vergessens Welten, Will ich nicht nach der Menge Brauch Dich ob versagter Wünsche schelten. Du hast enttäuscht uitb hast beglückt — Auf manchem Antlitz stand's zu lesen. Du schufest Qual, und hast entzückt. Bist Dämon hier, dort Gott gewesen. Und manch' ein selbstgeschmiedet Glück, Manch'. selbstverschuldet herbes Leiden Führt auf dein Walten sich zurück...; Du gehst und lächelst still zu beiden! Es spricht dein Lächeln, mild und weich: Die Zeiten wie ihr Mund sind erzen Und bleiben sich auf Erden gleich. Unstet nur sind die Menschenherzen! Euch lockt die Liebe, lockt das Gold, Der Lorbeer, der Euch nicht beschieden — Wenn Ihr die Zeiten ändern wollt, Schafft in die Herzen erst den Frieden! , Zwölf Schläge hallen dumpf vom Turm . . Ein neues Jahr kommt froh geschritten, Und wieder schwillt der alte Sturm Won stolzem Hoffen, kühnem Bitten; Ich aber heb' die Hände still, Indes die Flut der Wünsche regnet, Und grüße dich: Wie Gott es will — Was du auch bringest, sei gesegnet! Noch pulst in mir der Lebensmut, Noch winken neuen Lenzes Wonnen, Noch perlt im Kelch der Traube Blut, Noch- hat kein Gram mich so umsponnen, Daß nicht ein reiner Kinderblick, Ein zärtlich Lächeln mich- befreite — gfeft jedem für solch stilles Glück | Zwölf Milon de, Neujahr, dein Geleite!;;- ' J MlwinRömer. (Nachdruck verboten.) Verschollen. Original-Erzählung von M. Ludolfs- All' mein Leben Soll ein Wandern sein nach Dir, ein Ringen Mit der Welt um Dich! ich will nicht rasten,- Bis den Tod ich oder Dich gefunden. Geibellj In der Fremde. Wann wird der goldene Freudentag erscheinen. Den das Geschick uns aufbewahrt? Der Tag des Wiedersehens mit den Deinen Nach allzu langer Fahrt. Plat en. Da, wo die brausende Ansa stürmisch neben der stillen Bergstraße hinrauscht, unfern von dem anmutig zwischen aufsteigenden Kastanieniväldern und Gärten hervorlugenden Castagnola öffnet sich ein kleines, verstecktes Thal. Gleich bei Beginn desselben stand im frischen Wiesengrunde, umblüht von Alpenveilchen, ein niedliches Schweizerhaus. Ein reizenderes Idyll ließ sich kaum denken. Auf dem wetter- verlorenen Fleckchen Erde, inmitten der wunderbar schönen Landschaft mit dem noch vorherrschenden italienischen Charakter, gab der idyllische Schweizer Baustil dem kleinen Gebäude etwas ungemein Malerisches. Zierlich geschnitzt« Gallerten umliefen das erste Stockwerk. Blumen blühten in Fülle darauf; sie rankten empor bis zu dem breitesten Dachsimse und fielen wiederum in reichen Zweigen hinab auf das über der getäfelten Hausthür vorspringende Schutzdach. Dies gab dem Ganzen trotz aller Zierlichkeit ein g-e- wissxs solides, behagliches Gepräge, gewährte auch angenehmen Schatten in dem freundlichen Blumengärtchen, das den Vorplatz von dem duftigen Wiesengrunde abschloß. Sorgfältig war der schmale Weg gehalten, der durch diesen hinführte nach der erwähnten Bergstraße, zu deren Rechten bedeutende Berggelände mit Dörfern und Hütten sich hinziehen, während links die rauschende Ansa sich zu ihr gesellt, und dem sinnigen Wanderer erzählt von der! schönen, krystallklaren Gletscherwiege, die sie neugierig verlassen, um sich ihren Weg über die Moraine hinab, durch enge Schluchten, zwischen gigantisch aufsteigenden Bergen hin, über wildes Felsgestein iveg zu erkämpfen, hinaus in die iveite, schöne unbekannte Welt, die so geheimnisvoll,- so ahnungsreich lockt, bis — noch weiß die schäumende/ ungestüme Wasserflut nicht bis wohin! Sie träumt nur von Sonnenschein, Lenzesluft und Sommerpracht, von lachenden Gefilden und grünen, herrlichen Waldesgründen — sie ahnt nicht den nahen, tiefen See, das frühe- Grach ihrer jauchzenden Jugendlust. Dem hoffnungsreichen Wellensang lauschte in Sommerabendstille verständnisinnig eine einsame Wanderin^ Eigene 2 tümliÄ war deren Erscheinung so mutterseelenallein in dieier limaebuna. Sie gehörte offenbar nicht dorthin, und L - W? trcfftiä) in jene h-rrlich- Rain- «m. südlichem Charakter entsprach des Mngen Menschenkindes dunkler Kopf, das warme sonnige Kolorit seine» siaspsch schönen Gesichts, aus dem ein Paar tiefe Augen unter langen, schwarzen Wimpern hervor mit einem seltsamen Ausdruck in die Ferne schweiften. Etwas Träumerisches lag rn dem Blick, das scharf abstach zu den leichten, grazrosen Bewegungen, mit welchen die Dame neben dem wilden Berg- Wasser dahin schritt. Sie trug einen runden Pauamahut in der Hand: sie muhte es nicht scheuen, ihren scyimmernden, sammetartigen Teint den Strahlen der sinkenden Sonne auszusetzen. Dieselben spielten über ihr reiches blauschwarzes Haar hin; teilweise den biegen tingelte €§ sich auf die Spitzenmantille herab, welche die Fremde mit jener unnachahmlichen Grazie um die Schultern gezogen trug, wie sie der Spanierin zu eigen ist. Vielleicht erinnerten die dunklen Kastanienwälder in nächster Nähe die Fremde an das Land ihrer Geburt, oder batten etwa weit, weit über blauen Meereswogen auf einem anderen Erdteil dem Kinde des hohen Südens Kokospalmen die Wiege umrauscht? Wie dem immer sein mochte, die einsame Wanderin gedachte jetzt weder der einen, noch beachtete sie die andern; ihr Blick überflog unverwandt den Weg, soweit er sich überschauen ließ und ihre Gedanken weilten in dem rastlosen Gewühl, dem Leben, Treiben und Drängen einer fernen er der Fremden nachschaute; „ich wette: Sehnsucht treibt ie dorthin — stilles Heimweh zehrt an ihr." „Pah!" meinte ein anderer, „die Signora ist reich! Sie kennt keinen Kummer, keine Arbeit, keine Sorge! Ihre strahlenden Augen blickten nicht leidvoll drein. Schaut nur. Die sicher sie ihren Weg geht — sie liebt eben den Spaziergang zu unserer launischen Toca!" Mag sein! es ist aber doch ern eigen Ding für em Weist so allein zu sein in fremdem Lande!" beharrte der erste Sprecher, der augenscheinlich selber ein Fremdling m dem schönen Lande war, und dessen Geiste sein geliebtes Frland vorschweben mochte, da er des Heimwehes erwähnte. Na — fo besonderes ist dabei doch nichts, wenn's der Signora hier gefällt. Sehen wir doch der Fremden genug bei uns!" rief ein Dritter dazwischen, ein junger, dunkel-, haariger Bursche mit blitzenden Augen. „Der blaue Lago- Maaaiore zieht sie an wie eine Blume die Schmetterlings Freilich hier ins Gebirge kommen sie seltener — es sei denn> daß sie unser Gold graben wollen." Der Irländer verstand die Anspielung sehr Wohl, aber; er lächelte nur flüchtig, wobei er. gelassen Ente: „Nun Franzesco, die schöne Fremde, Deine Exzellenza, hat doch mit Eurem Golde nichts zu schaffen. Givna erzählte ja eben. daß sie reich an Gold sei." •c.-c.ffA» „Gewiß, geteilt", bestätigte eifrig der heißblütige Italiener. „Geld besitzt sie die Menge, das Gold zog sie nicht hierher, ihr gefiel es in unserem herrlichen Gebirge als sie nach Maengnaga fuhr, um vom Belvedere aus den ewigen Schnee des Monte Rosa zu sehen. Auf der Touv hat sie Nikola Maschinis Schweizerhaus entdeckt. Spatev wünschte sie es sich zur Wohiiung, um dort die Rückkehr ihres Gatten aus der fernen Heimat zu erwarten. Dieser , war froh, daß es ihr hier gefiel; denn zuerst wollte die Signora eine der kleinen Villen unten am See haben. Der schöne blonde Signore aber war zu besorgt; das Stuck versunkene Simplonstraße nebst den Häusern von Ferm 0, die einst mitsamt ihren Bewohnern unser Lago so Plötzlich verschlungen hat, lag ihm im Sinn. Er bot daher ohne Zögern Nikola schweres Geld zur Miete und ließ alles ins Haus schaffen, was nur immer der Trau gefiel, denn ev betete sie an und that ihr allen Willen. Ich weiß das alles von Bianca, die mit den Herrschaften von Pallanza heruber- aekommen ist. Sie kann nicht genug erzählen, wie sehr der große, stolze Signore seine Frau geliebt, und welcher JammeÄ ?s gewesen, als die beiden sich trennen mußten. Der Signor« konnte zu keinem Entschluß kommen, endlich mußte er aber Lch °b«,s-n "d°m, - sich «MSÄK geheimnisvoll — der blonde Signore ist rn semem Lauog ein Prinzips. Depesche um Depesche rief ihn zuruck trt bi® ferne Heimat; die Prinzipessa aber konnte nicht, mit, rutl das zarte kränkliche Kind war die weite Reise unmoglM Fn dem Hotel zu Pallanza aber war es Exzellenza ge:. ränschvoll sie wollte an einen stillen Ort, und so wählten Vie Herrschaften hier Nikolas Häuschen nm Gebirge, ^ch selbst sah sie ankommen und sah auch, wie die Prinzipessa! ihren Gatten zurückbegleitete bis aus die Brücke von Pr^ mosello. Dort erst bestieg er den Legno (Wagen) und fuhr davon ohne sich mehr umzuschauen. Die Signora aber kehrte allein'zurück Bianca sagt: sie sei von Anfang an mut: geb L L fewesenf sie habe ihm zugeredet, zu reisen und ihn damit getröstet, daß er bald wiederkehren wer^. Nun" — meinte der Irländer nachdenklich — «das | Bald"zieht sich bedenklich in die Länge; die Signora wartet ^"^AllÄdings" -"gab Franzesco hier etwas kleinlaut JL /;bie Prinzipessa hat anfangs nicht geglaubt, bei uns! zu überwintern." bem Mntet schon ein gut Stück einmal. Dabei ist sie so eigenartig ; ^ grußt steilichMündlich — aber doch wieder gar stolz, und außer mit den ^md hier habe ich sie mit noch niemand reden sehen. $ '„©ie versteht unsere Sprache wenig" — wandte Fran, zeseo ein, der andere aber beharrter 5 - " - englischen Signora aus derst Derwattung^ lpagnie könnte sie schon plaudern; die häsi s. Weltstadt. . „Bald muß er kommen!" sagte sie dabei leise für sich und in den dunklen Augen zeigte sich ein leidenschaftliches Aufblitzen. „Heilige Maria! Geduld! Ja Geduld, wie bist Du so schwer zu erlernen!" fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, wobei es um den seinen Mund zuckte, daß die perlenweißen Zähne sichtbar wurden, während die langen Wimpern gleiche einem schützenden Schleier sich über die heißen Augen senkten. Sie hoben sich indes bald aufs neue, und der frühere ruhige Blick streifte nut bswinnendekU Lächeln eine muntere Schar fröhlicher Kinder, Knaben und Mädchen, die lachend und miteinander scherzend die Straße hinabzogen. Das kleine lustige Gesindel hatte seine ^age»- arbeit vollendet — es hatte droben im Gebirge bei Ceppo- Morello Gold getragen, das heißt Quarz inklemen Säckchen von der Berghöhe durch den dusligen Wald hmabbefordert. So hatten die lebensfrohen Gnömchen bei Hellem Tagesschein ihren Dienst gethan und sprangen nun in der herrlichen Abendstunde munter an der fremden Signora vorüber ihren verschiedenen Heimstätten entgegen. Zerstreut lagen diese in dem ganzen Distrikte umher bis nach Piedi-Mrebra Hin, wo das stattliche Fabriketablissement sich erhebt The niedi—mibrena United Gold Minmg Company. Old-England hat es erbaut nebst den Goldmühlen höher tm Gekurg, die M gegenseitig in die Hände arbeiten. Die Engländer sind eben die Goldgräber in diesem reichen Distrikt. Wie reich aber ist jene Gegend! , Tort auf der stillen Bergstraße wandelt der Fuß im wahren Sinne des Wortes auf Gold, edlem Gestein und Marmor; denn hell leuchtet von jenseits des Flusses> bei Ornowasso der Weiße Marmorbruch herüber, der alles Material für den Dom von Mailand lieferte. Menschenhände leisten dort Wunderbares, kein Marmor darf daselbst verkauft werden, ehe er ganz vollendet ist. Doch augenblicklich ist Feierabendstunde. In den Stem- schleifereien pickt kein Meißel mehr, die fleißigen Hande puhen. Durch die rings umher eingetretene abendliche Stille ziehen die Arbeiter heim. Einige von ihnen kamen der Fremden entgegen; sie alle grüßten Exzellenza" in hö- sicher Weise. Diese nickte den Leuten, denen sie schon so oft begegnet, gleich alten Bekannten, sreundsich zu, während sie elastischen Schrittes ihren Weg weiter gen Premosellv verfolgte. Die lange Brücke, welche sich dort über die am Fuße des Orts hinströmende Toca wölbt, mußte das Mel ihrer weiten Promenade sein; wenigstens bsieb sie daselbst stehen, sich leicht über die Brüstung der Brücke vor- peigend. Die Augen mit der Hand beschattet, schaute sie lange und aufmerksam die Straße entlang, die weiter gen Feriolo zum Lago Maggiore führt. Ms lange wohl noch die schöne Signora nach der I „D, mtt der engsi drücke wandern wird?" sagte einer der Arbeiter, während | gebäude der Kompagn — 8 ä schon gern gethan — aber die Signora bleibt auch der gegenüber unnahbar und selbst in unserer Kirche sieht man sie Tiictt/' „Eine Christin ist sie aber doch; sie verehrt die Madonna. Bianca sagt —" „O, was Deine Bianca nicht alles sagt, und Du nicht alles zu erzählen weißt", unterbrach Giono etwas spöttisch den Gefährten. Dieser aber ließ sich nicht beirren, er war viel zu sehr im Zuge und stolz darauf, daß er eben mehr als die anderen wußte. Er fuhr daher fort: „Ja, ich weiß noch mehr: weiß, warum die Signora jetzt so häufig nach der Brücke geht. Vor wenigen Tagen hat sie einen großen Brief mit vielen Siegeln erhalten, darinnen muß es gestanden haben, daß ihr Gatte nun Wiederkehre — tagtäglich erwartet sie ihn." „Well!" rief der Irländer ungläubig; „ich wünsch's schon, daß Dein Principe kommt, Franzesco; denn vergeblich Warten bricht zuletzt das Herz, und leid sollte es mir um die schöne Signora thun, wenn's Lied hier so enden würde, aber ich furcht's fast. Paßt nur auf, eines Tages wird die arme Fremde, des Wartens müde, von der Brücke hinab in die Toca springen — dann denkt daran: Ich sag's voraus!" Staunend sahen seine beiden Gefährten den Sprecher an. Doch Franzesco lachte dabei laut heraus: „Welch ein Cecino!*) der sieht Gespenster bei Hellem Tage!" — Und Giono stimmte heiter dieser Ansicht bei, indem er die schwarzen Haare zurückwerfend, erklärte: „Nein, Amico, das ist keine Frau wie Eure gelbhaarigen weißen Signoras. So eine mag Liebeskummer wohl hinab ins Wasfer ziehen — hier die Signora aber nimmer. Die sieht eher aus, als könne sie eines Tages den, der sie vergeblich warten ließ, durch die ganze Welt suchen gehen, um ihm das Stilet ins falsche Herz zu stoßen."- ■ *) Schlimmer Kauz. (Fortsetzung folgt.) Neujahr in Vergangenheit und Gegenwart. Von Dr. Theodor Adler. (Nachdruck verboten.) Es ist eine weit verbreitete Sitte, größere Zeitabschnitte im Leben des einzelnen wie der Gesamtheit mit Fveudrn- bezeugungen, Beglückwünschungen und ost ausgelassenen Lustbarkeiten zu feiern. Ob wir dazu, wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, immer Ursache haben, mag dahingestellt bleiben. Die Zahl derjenigen — und es sind just nicht die schlechtesten — welche in der Wiederkehr des Tages, an dem man vor so und so viel Jahren geboren wurde, eher einen Anlaß sehen, sich selbst zu bedauern und zu bemitleiden, als sich von allen Seiten beglückwünschen zu lassen, ist nicht gering, und über das Neujahrsfest haben nicht wenige die gleichen Gedanken, auch wenn sie dabet nicht in unangenehmer Weise daran erinnert werden, daß Nem- jahr und die nächste Zeit danach die schwersten Zahltage im Jahre sind, die vom Familienoberhaupt um so drückender empfunden werden, als kurz vorher schon das Wethnachts-- fest auf den goldenen Inhalt des Geldbeutels wie ein starker Aderlaß gewirkt hat. Der Gedanke, daß von der uns auf Erden vergönnten kurzen Zeitspanne wiederum ein Jahr in das Meer der Vergangenheit gesunken ist, daß wir nicht wissen, was das neue Jahr an Mühsalen und Schmerzen bringen wird und ob wir in abermals 365 Tagen noch am Leben sein werden, sollte einen jeden eigentlich zur ernsten Nachdenklichkeit stimmen. Wer, gleich als ob wir uns über die Fragen der Zukunft absichtlich hinwegtäuschen und hinüberlügen wollten, ist das Gegenteil der Fall. Üeberall herrscht eitel Jubel und Fröhlichkeit, ohüe daß man eigentlich einen stichhaltigen Grund dafür angeben könnte; aber es ist nun einmal so und wird fürs erste schwerlich anders! werden. K. Von allen denen, welche sich am Neujahrsmorgen, wenn der Tag längst zu neuem Leben erwacht ist, fragen, warum sie eigentlich gestern abend so viel von der Sylvester-Bowle getrunken haben, daß ihnen die Welt heute nur in unllaren Umrissen erscheint, werden auch die wenigsten wissen, warum gerade jetzt das neue Jahr beginnt, und man kann ihnen ihre Unkenntnis auch bilngerweise nachsehen; ?bnn der erste Januar oder — astronomisch und kalender- mätzig gesprochen =3 der il. Dag nach der Wintersonnenwende ist ein ganz willkürlich gewählter Zeitpunkt, ank dessen Stelle ebenso gut ein beliebiger anderer Tag zum Jahresanfang hätte gewählt werden können, und in früheren Zeiten hat man auch thatsächlich Neujahr vielfach zu ganz anderen Zeitpunkten gefeiert. Die Ehre, das neue Jahre einzuführen, verdankt der . Januar keinem anderen als Julius Cäsar, dem ersten großen Reformator des vor 1947 Jahren in eine grenzen-, lose Verwirrung geratenen Kalenders. Im vorcäsarischen Rom hatte mau das Jahr mit dem ersten März begonnen.- Da man aber nur 10 Monate zählte, von denen je vier! 31 Tage, und je sechs 30 Tage hatten, stimmte die Sache mit dem wirklichen Sonnenjahre in keiner Weise; das römische Neujahr wurde jedes Jahr um 11 Tage und den Bruchteil eines zwölften früher gefeiert, als es eigentlich hätte sein sollen. Numa Pompilius, der zweite sagenhafte König des alten Rom schob zwar bereits zwei neue Monate, den Januar und Februar ein und setzte für jedes zweite Jahr einen Schaltmonat fest, die Verwirrung war aber damit keineswegs behoben; die Herren Oberpriester waren schlechte Astronomen und ließen in den ihrer Obhut anvertrauten! Kalender eine derartige Verwirrung einreißen, daß man zu Cäsars Zeiten den Januar, zu dessen Beginn man die den Römern durch die damit verbundenen ausgelassenen Lustbarkeiten besonders ans Herz gewachsenen Saturnalien feierte, zur Zeit der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche begann. Um in diesen Wirrwarr Ordnung zu bringen, berief Cäsar den alexandrinischen Astronomen Sosigenes, der zunächst zwei Monate, den einen von 23, den andern von 67 Tagen einschaltete, sodaß dieses Jahr, welches als das Jahr der Verwirrung — annus confusionis — bezeichnet wurde, nicht weniger als 445 Tage zählte. Der nächste 1. Januar wurde sodann auf den ersten Neumond nach der Wintersonnenwende des Jahres 46 von Christus festgesetzt, und von da an begann die julianische Zeitrechnung mit Sonnenjahren von 365 Tagen und einem allemal im vierten! Jahre eingeschobenen Schalttage. Daß dieser erste Neumond nun damals 12 Tage nach der Wintersonnenwende stattsand/ ist der Grund, warum noch heute nach fast zweitausend Jahren der kürzeste Tag und der Jahresanfang nicht {usammenfallen, sondern um 11 Tage von einander ge-, chieden sind — eine Kuriosität, welche beweist, wie sehr ier Goethesche Faust Recht hat, wenn er sagt: „Es erben sich Gesetz und Rechte, wie eine ewige Krankheit fort." Weit näher hätte es gelegen, den 21. Dezember, den Tag der Wintersonnenwende, zum Anfangstag des Jahres zu machen, oder, da sich im Bereiche der christlichen Kultur das ganze festliche Jahr nach den hohdn KirchenseiertageN richtet, das neue Jahr mit dem ersten Weihnachtsfeiertags, dem 25. Dezember anfangen zu lassen. Nach dem ersteren Datum, der heiligen Wintersonnenwendnacht, haben nun auch die alten Germanen in vorchristlicher Zeit gerechnet, ein Brauch, der endgiltig erst in Vergessenheit geriet, als Karl der Große den letzten selbständigen deutschen Stamm, die Sachsen, in langen Kriegen, seinem Szepter unterwarf.! Der Termin des Weihnachtsfestes als Jahresbeginn hat aber bis in das sechzehnte Jahrhundert hinein an vieles Orten Deutschlands in Geltung gestanden. Das Christentum in seinen ersten Ansängen war über-i Haupt nicht geneigt, die Zeitrechnung der heidnischen römischen Welt anzunehmen; besonders erregte der 1. Januar Anstoß, weil an diesem Tage die schon genannten Saturnalien bei den lockeren Sitten der damaligen Zeit, unteg Orgien gefeiert wurden, die der asketischen Gesinnung der Urchristen ein Greuel waren, weswegen sie diesen Tag „in Fasten und Trauer für die Heiden" verbrachten. Sie stempelten daher vielfach den Tag der Fleischwerdung Christi, nämlich den Tag Mariä Verkündigung zum Jahresanfang, was in Deutschland bis ins 9. Jahrhundert ganz allgemein Brauch war. Als dann in der Kirche der Marienkultus zu immer größerer Bedeutung gelangte, rechnete man das Jahr? auch von anderen Marientagen an, und so gab es in Europa! nun die verschiedensten „Marienjahre", bte namentlich in Italien und in den rheinrschen geistlichen Kurfürstentümern Mainz, Köln und Trier zu Recht bestanden und eine uw geh eure Verwirrung verursachten, wenn es galt, den Zeit-, punkt eines etwas weiter zurückliegenden Ereignisses genau, zu bestimmen. Auch auf den 4. März, den Jahresanfang in vor- cäsarischen Zeiten, griff man zurück: doch verließ man diesen Brauch frühzeitig mir alleiniger: Ausnahme der Republik 4 Venedig, welche diesem Datum Lis zu ihrem Untergange treu blieb. Am allerunbequemsten ist es natürlich, wenn man Neujahr mit dem Tage irgend eines beweglichen Festes zusammenfallen läßt. Dies war in Frankreich der Fall, wo man bis zum Jahre 1556 das neue Jahr hänfig mit dem Osterfeste beginnen ließ, und zwar nicht etwa mit Ostersonntag, sondern mit der Vesper des Charsamstages, an tvelchem die Osterkerze geweiht wurde. Die Jahre waren dann natürlich recht verschieden lang; aber man fand sich mit diesem Uebelstande im bürgerlichen Leben ebenso ab, wie es noch heute in den Schulen der Fall ist, deren bald kürzere, bald längere Semester für die Gleichmäßigkeit des Unterrichts nicht von Vorteil sind. Auch anderwärts gab es der Willkürlichkeiten bezüglich des Anfangs des Jahres eine große Menge. In England begann man dasselbe bis zum Jahre 1752 mit dem 26. März. Der Orient feierte zur byzantinischen Zeit Neujahr am 1. September, eine Sitte, die bald nach Italien verpflanzt wurde und sich dort lange erhielt. Noch heute fangen die Kopten das neue Jahr mit dem 1. August an, während die syrischen Christen dies mit dem 1. September, und die Nestorianer und Jakobiten mit dem 1. Oktober thun, ein Beweis dafür, daß es diesen auf ein,- ander höchst eifersüchtigen Sekten nur darum zu thun ist, daß jede etwas Eigenes für sich hat. In Deutschland hat erst die Einführung der gregorianischen Kalenderreform vom Jahre 1582 dem 1. Januar zum Siege über seine Wettbewerber verholfen; doch geschah das keineswegs mit einem Schlage, da die protestantischen Länder sich lange gegen die Verbesserung sträubten, deren Nützlichkeit niemand abstreiten kann. Daß Russen und Griechen itotf) heute mit Zähigkeit an ihrer veralteten Zeitrechnung sesthalten, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts noch um einen weiteren Tag, nämlich um 13 Tage hinter unserer Zeitrechnung herhinkt, ist allgemein bekannt. Außerhalb des Bannkreises der europäischen christlichen Kultur hat natürlich jedes Volk seinen besonderen Neujahrs- ::ag. Bei den Juden fiel er auf den ersten Tischri, den iebenten Monat dieses Jahres, an welchem Adam erschaffen ein soll (Mitte September). Da dieser Festtag mit Po- aunen- und Trompetenschall begrüßt wurde, hieß er auch der Sabbath des Blasens. Die Perser beginnen ihr Jahr mit dem 14. März. In Indien kennt man gar drei verschiedene Jahresanfänge, von denen der älteste, noch heute in den südlichen Teilen des Landes gütige, welcher von Kalijuga aus dem Jahre 3102 vor Christus stammt, mit dem 28. Januar beginnt. Heute, wo China besonders im Vordergrund steht, dürfte es manchen vielleicht interessieren, über das dortige Neujahrsfest einiges zu erfahreü. Es fällt im Lande der Zopfträger auf den ersten Tag nach dem Neumonde, während die Sonne im Sternbilde des Wassermannes steht, und kann deswegen im Verlaufe eines längeren Zeitraums auf jeden Tag zwischen dem 20. Januar und 18. Februar fallen. Rechnung; doch hat man in ersterem Lande bereits 1872, Früher folgte man auch in Japan und in Korea dieser in letzterem aber im Jahre 1892 unseren Neujahrstag angenommen. Man glaubt nun gar nicht, mit welcher breiten Behaglichkeit sich dieses so fleißige, emsig schaffende Volk der Feier seines größten Festes hingiebt. Von einem Festtag kann man da gar nicht sprechen. Es ist vielmehr eine ganze Reihe, die sich durch mehrere Wochen hinzieht, und innerhalb welcher das Erwerbsleben fast vollkommen stillsteht. San-Lin — so nennt der Chinese sein Neujahr — ist für ihn der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit. Ganz .China feiert an diesem Tage sozusagen Geburtstag, weil man die Zahl der menschlichen Lebensjahre, von Neujahr an rechnet, und wenn auch seit der Geburt eines Kindes bis Neujahr nur wenige Tage verflossen sind, diesen kurzen Zeitraum einem ganzen Lebensjahre gleich setzt. Es ist ein Abschluß in Handel und Wandel, wie ihn Europa an keinem Tage des Jabres kennt. Der Kaufmann überschlägt „Soll und Haben" oes zu Ende gehenden Geschäftsjahres, treibt seine Forderungen ein, veranstaltet Ausverkäufe, um sich für das Neujahr reichliche Geldmittel zu verschaffen. Daneben Nehmen die Vorbereitungen zur Beglückwünschung einen bedeutenden Umfang an. Denn der Chinese ist nicht nur gegen Bekannte Und Verwandte ein sehr höflicher Mann; er wünscht sich selber auch für das neue Jahr alles erdenkliche Gute und Schöne, und begnügt sich nicht damit, dies innerlich zu thun, sondern schreibt diese Wünsche, gespickt mit Zitaten der alten Dichter, auf Hunderte von roten Zetteln, die er an die Häuser und deren Eingänge, an Thüren/ Zimmerwände, Möbelstücke, Wagen, Schiffe, sämtliche Haustiere und selbst an die Bäume und Sträucher der öffent-. lichen Anlagen anheftet. Kurz vorher geht es an eine große Reinemacherei, die bei dem sprichwörtlichen chinesischen Schmutz auch sehr notwendig ist, und die Küchenvorbereitungen geben den Hausfrauen Tage und Wochen hindurch ebenfalls genug zu thun. Im Gegensatz zu diesem Treiben herrscht dann am eigentlichen Neujahrstage die tiefste Feiertagsruhe, so etwa wie in rein protestantischen Gegenden am Karfreitage. Sämtliche Geschäfte und öffentliche Amtsstellen sind geschlossen; der sonst so bewegte Straßenverkehr ist gänzlich verschwunden. Nur Sänften werden in großer Zahl durch die Städte getragen; denn die gute Sitte verlangt, daß man Personen von Rang und Stand und seinen Freuden persönlich Besuch abstattet, wobei man nagelneue Kleider trägt, die übrigens auch die untergeordneten Kulis an diesem Dag anlegen, um freilich dann das ganze Jahr bis zum nächsten Neujahrsfeste damit auskommen zu müssen. Dann beginnt das üppige Fest der leiblichen Genüsse, dem durch, fünf Tage hindurch alles Sinnen und Trachten gilt. .Allmählich kommt dann zwar das kleine Geschäftsleben wieder in Gang; denn die Welt steht nicht still, und es muß verdient werden. Aber noch etwa weitere 14 Tage lang jagen sich Einladungen zu Festlichkeiten und Schmausereien, die endlich mit einem Gastmahl, zu dem die ganze Verwandtschaft eingeladen wird, ihren Abschluß finden. GemeinnirLzLges. B a ck h e f e ist, wie das Reichsgericht unterm 29. Sep^ tember 19Ö0 erkannt hat, als Nahrungs- und Genußmittel im Sinne des Nahrungs- und Genußmittelgesetzes vom 14. Mai 1879 zu erachten, weil die Grundstoffe der Hefe Leim Backen nicht vollständig verschwinden,, sondern als. aLgestorbene Zellen im Gebäck verbleiben uud einen untrennbaren Bestandteil desselben bilden, somit die Backyefe von vornherein bestimmt ist, nach Verarbeitung mit anderen. Stoffen als Nahrungs- oder als Genußmittel dem menschlichen Körper zugeführt und so verbraucht zu werden.. ™ K a . (Prakt. Wegweiser, Wurzburg.-) Charade. Nachdruck verboten. Das Erst- ist ein jeder Morgen, Und jede Zeitung soll es sein. Mit Hoffnung kommt's nach bangen Sorgen, Und mit der Mode stellt sich's ein. Das Zweite kann nicht stille stehen, Kaum grüßt man eS, ist's wieder fern; Die Jugend hat's nicht oft gesehen, Doch grüßt sie es als Ganzes gern. Das Ganze kommt stets dicht verschleiert, So träumt sich's jeder, wie's ihm paßt. Es wird besungen und gefeiert, Und doch entflieht's nach kurzer Rast. (Auflösung in nächster Nummer.) Kreirzrätsel. (Nachdruck verboten.) _ _ 12 trägt jeder hier im Leben, 'S Und manchen wird's vom Chef gegeben. JL V 34 verschließet Thür und Thor. —— ---— 8 2 kommt nur in Märchen vor. 9 A 14 wird auf den Kopf geschlagen. U Tfc 2 4 läßt sich vom Winde tragen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.t Sonne, Byron, Helm, Trave, Dirne, Brutus, Travestie, Schwester, Engländer — Sylvester. Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.: Klug sich in Welt und Menschen fügen, Gern nützlich sein, soviel man kann, Sich selbst und andre nicht betriigen, Die Lehre paßt für jedermann. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießm.