Nachdruck verboten. Sylvester des Lebens. Novellette von O. Elster. Im letzten Augenblicke der Abfahrt hatte Tvktor Barner den Schnellzug erreicht, und war in das erstbeste Abteil gesprungen, nicht bemerkend, daß es ein Damenabteil war. „Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein", sagte er höflich, noch atemlos von dem hastigen Lauf. „Bis zur nächsten Station müssen Sie nun schon meine Gegenwart ertragen, wenn Sie nicht wollen, daß ich mich zum Fenster hinausstürzen soll." Tie junge Dame lächelte schelmisch „Ich bin nicht so grausam", entgegnete sie. „Ich erschrak nur bei Ihrem hastigen Hineinspringen." '„Ich durste den Zug nicht versäumen — man erwartet mich morgen in Berlin . . . fahren Sie auch bis Berlin, meine Gnädige?" „Ja." „Vielleicht auch, zu einer Sylvesterfeier?" „Allerdings." Ihr reizendes Gesichtchen nahm einen schnippisch-abweisenden Ausdruck an, und sie blickte angelegentliche in die weiße Schneelandfchaft hinaus, durch welche der Schnellzug raste, dichte Schneewolken auswirbelnd. Toktor Barner brummte einige Worte in den Bart, fetzte sich in die entfernteste Ecke, wickelte sich in seine Reisedecke, und sah nach! der anderen Seite in die Schnoe- landschast hinaus. Was ging ihn auch dieses junge Ting da drüben in der Ecke an? Kaum achtzehn Jahre konnte sie zählen, Dienstag den 31. Dezember. ! 1901. — Nr. 188. ry VH jfäs&n. allen trüben Stunden, Die mir die Welt gebracht, Hab' allzeit ich empfunden Des alten Wortes Macht: Ein Saatgcfilde ist die Zeit, Du erntest Lust, du erntest Leid, — Der Tag hat seine Stunden Und ihre Zeit die Nacht. Das hab' ich immer feste Gehalten vor dem Sinn, Es kam und schwand das Beste So wie das Schlimmste hin. Harr' ans nur eine Weile lang, Bis cs erinnernd wicderklang, Und was da bleibt vom Neste, Der Rest bleibt doch Gewinn. Will). Jensen. und er war ein Mann näher an die Vierzig als an bte Dreißig. Freilich, sie war allerliebst! Das zarte Oval des Gesichtchens von dunklen Locken umrahmt, die. großen Kinderaugen tiefblau, und das Mündchen einer frischen Rosenknospe gleichend. Und wie weich die Rundung des Kinns auf dem Velz ihres Mantels ruhte, der trotz seiner verhüllenden Falten die schlanke, biegsame Gestalt verriet. Verstohlen wanderten seine Augen immer wieder nach dem zierlichen Figürchen hinüber, und er bemerkte mit einer gewissen Genugthuung, daß auch seine hübsche Reisegefährtin ihn heimlich beobachtete. Nun, er war ja auch noch gar nicht so alt, und! konnte es noch mit dem jüngsten Fant aufnehmen. Seine hohe Gestalt, fein von dem Aufenthalt in den Tropen gebräuntes Antlitz, sein blitzendes, kluges, graues Auge, das leicht spöttische Lächeln um die Lippen, seine freien, eleganten Bewegungen — das alles mußte die Aufmerksamkeit der Frauen erwecken. Aber diese prüfenden Blicke, mit denen die junge Towe ihn heimlich beobachtete, waren doch gar zu auffallend. Jetzt ertappte er sie wieder auf solchem prüfenden Blick — er lächelte, sie errötete tief, und wandte sich rasch ab. Ta faßte er sich ein Herz, und rückte etwas näher. „Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein", sprach er, „was erweckt Ihre Aufmerksamkeit an meiner geringen Person?" „O bitte — nichts — es war zufällig . . ." entgegnete sie verwirrt und verlegen. „Seien wir ehrlich, mein Fräulein, sind wir uns vieli leicht schon einmal begegnet? — Auch mir ttnnmt Ihr Gesicht bekannt vor..." „Ich wüßte wirklich nicht... ich war drei Jahre in der Pension. . " „Und ich drei Jahre in Afrika." „So können wir uns schwerlich gesehen haben." „Richtig — aber vielleicht vorher?" „Ich! glaube kaum — ich war ja damals noch ein Kind . . „Wiederum richtig. Aber trotzdem kommen mir Ihre Züge bekannt vor! — Verzeihen Sie — erinnern Sie sich, jemals einen Toktor Ernst Barner gekannt zu haben? — Tas ist nämlich mein Name." lieber ihr Antlitz zuckte ein schelmisches Lächeln. Also hatte sie' doch recht gesehen — er war es, den sie vor ihrer Pensionszeit im Hause ihrer Mama in Berlin, der verwitweten Frau Professorin Bendemann, öfter gesehen hatte. Er war es, das Ideal ihrer Backfischjahre, von dem sie seit drei Jahren nichts gesehen und gehört hatte. Wie gut, daß er sie nicht wieder erkannte. Wie sollte - er auch? Aus dem überschlanken Backfische war eine vollendete junge Dame geworden. Früher, int Hause ihrer Mama hatte er sie fa kaum beachtet. Ta hatte er nur Augen für ihre fchhne Mama gehabt. Eine Zeitlang glaubte sie sogar, daß er Mama heiraten wollte. Ter Gedanke 750 — hatte ihrem dummen Backfischherzchen weh gethan — Gott sei Tank, es war aus dieser Heirat nichts geworden! Er saß noch ganz unverheiratet ihr gegenüber, das freute sie, sie wußte selbst nicht warum, Aber verraten, wer sie war, wollte sie nicht, und so entgegnete sie auf seine Frage keck: „Nein, ich entsinne mich dieses Namens nicht" Tann wandte sie sich wieder dern Fenster zu, obgleich die flache, verschneite, windverwehte Landschaft der Mark Brandenburg des Ansehens kaum wert war. Toktor Barner fand keinen Grund, das Gespräch fortzusetzen. Mißmutig legte er sich in die Ecke zurück. Nack, einiger Zeit hielt der Zug an einer Station. Ter Schaffner erschien, und forderte den Doktor auf, in einem anderen Abteil Platz zu nehmen — zwei ältere Tarnen fliegen ein, und maßen ihn und die junge Dame mit er- ftaunten Blicken — ärgerlich ergriff er Handtasche und Reisedecke, grüßte flüchtig, und stieg in ein Herren-Abteil, das von Tabaksdampf angefüllt war. Er sah noch das ironische Lächeln auf dem Gesichtchen seiner jungen Reise- gesährtin, dann schlug der Schaffner die Thüre zu, und Doktor Barner kletterte mißmutig in die qualmerfüllte Höhle des Herrenabteils. Was konnte er besser thun, als sich ebenfalls eine Zigarre anzünden? An dem banalen Gespräch der Herren mochte er sich nicht beteiligen, so legte er sich in das Polster zurück, und sah nachdenklich den Tampfwölkchen feiner Zigarre nach Wie hatte er sich auf diese Neujahrsreise gefreut! Er sollte ja die Frau Wiedersehen, die er vor drei "Jahren verlassen — auf ihren ausdrücklichen eigenen Wunsch verlassen, um sein Herz in der Ferne zu prüfen. Er wußte den Brief noch auswendig, den sie ihm damals geschrieben: „Kehren Sie zurück von Ihrer Reise, dann wollen wir prüfen, ob das Gefühl, welches jetzt in Ihrem Herzen für mich zu sprechen scheint, wahr und echt loar. Zürnen Sie mir nicht, daß ich zweifle — ich bin kein junges Mädchen mehr — ich habe das Leben kennen gelernt, ich habe eine Tochter, die in wenigen Jahren erwachsen sein wird, ich möchte erst die Zukunft meiner Tochter sicher gestellt sehen, ehe ich mich entschließen kann, an meine Zukunft zu denken. Leben Sie wohl — in drei Jahren werden wir uns Wiedersehen — so Gott will." Tas hatte sie geschrieben an dem Neujahrsmorgen nach, dem fröhlichen Sylvesterabend, an dem er um ihr Herz und um ihre Hand geworben! Und jetzt waren die drei Jahre um, und zu der morgen in ihrem Hause statt- findendeu Sylvesterfeier hatte sie ihn eingeladen — er hatte sich aufgemacht mit einem frohen Herzen, und jetzt saß er da mißmutig, trübsinnig, zweifelnd an sich, und an feiner Liebe. Weshalb nur? War es das liebliche Gesichtchen des jungen Mädchens in dem Tamen-Abteil, welches ihn, den sechsunddreißigjährigen jungen Mann, so aus der Fassung gebracht? Stets und ständig schwebte ihm das süße Gesichtchen vor. Vergeblich suchte er sich die ernsten Züge der schönen Frau in das Gedächtnis zurückzurufen — er erinnerte sich ihrer kaum. Wie schwach und veränderlich ist doch des Menschen Herz! — Mit lautem durchdringenden Pfiff brauste der Schnell- Zug in die Halle des Potsdamer Bahnhofs. Der Abend war schon hereingebrochen, das elektrische Licht warf seinen grellen Schein über die Menschenmenge, die den Bahnsteig anfüllte. Gepäckträger eilten hin und her — ein Trängen und Hasten — Umarmungen — Begrüßungen — keiner kümmerte sich um den anderen, alles hastete den nahen Ausgängen zu. Ernst Barner stand au einem Pfeiler. Er hatte keine Eile, und wollte den Menschenstrom erst abfluten lassen, ehe er selbst ging. Auch hoffte er, noch einmal seine hübsche Reisegefärhtin zu sehen. Ta fiel sein Blick auf eine hohe Frauengestalt, die sich suchend umblickte. Tas war ja seine alte Freundin! Schon wollte er auf sie zueilen, um sie zu begrüßen, als er mit einem Ausruf der Ueberraschung zurückfuhr. Seine junge Reisegefährtin drängte sich durch die Menge. „Mama — meine liebe Mama. . ." „Mein Kind — meine teure Käthe. . ." und in den Armen lagen sich seine junge Reisegefährtin und seins alte Freundin, und küßten und herzten sicht Ernst Barner wandte sich! ab. Tas war des Rätsels Lösung — aus dem kleinen Käthchen Bendemann war eine erwachsene junge Dame geworden. — Sollte er die Professorin schon jetzt begrüßen? Doch es war bereits zu spät — die beiden Damen waren in dem Menschengewühl verschwunden. Langsam und nachdenklich gestimmt begab er sich in sein Hotel. Eine fröhliche Sylvestergesellschaft war in den eleganten Räumen der Frau Professorin versammelt. Mit der Wende des Jahres feierte man zugleich die Heimkehr der Tochter des Hauses, der lieblichen Käthe, die im duftigen weißen Kleide neben der ernst>schönen Mutter wie die Verkörperung des jugendfrisch aufknospenden Jahres erschien. Lange hatte Ernst Barner geschwankt, ob er jetzt noch der Einladung der Frau Professorin folgen sollte. Er fühlte sich wie schuldbeladen, und er konnte der schönen Frau nicht frei ins Auge sehen, als er vor ihr stand. Ein leises, wehmütiges Lächeln umschwebte ihre Lippen,, als sie ihm zum herzlichen Willkomm die Hand reichte.' „Meine Käthe hat mir erzählt", sagte sie, „daß Sie sich zufällig unterwegs getroffen. Sie haben Käthe nicht wieder erkannt. . „Nein, gnädige Frau — wie sollte ich? Sie war, als ich! von Ihnen schied, ein Kind, und jetzt. . ." „Nun?" fragte sie lächelnd. „Eine aufgeblühte Rose von entzückendem Liebreiz.^ Ihr Auge ruhte ernst auf seinem erglühenden Antlitze „Hatte ich nicht recht", sagte sie dann, „daß ich Ihrem Herzen Bedenkzeit auserlegte?" Er beugte sich tiefbewegt über ihre Hand. „Können Sie mir verzeihen, Amalie?" „Pst, mein Freund — von Verzeihung kann hier nicht die Rede sein. Tas alte Jahr tritt zurück, um dem neuen Jahr Platz zu machen — das ist der Lauf der Welte Und nun kommen Sie — Ich führe Sie zu meiner Käthe Sie sollen sie zu Lischt führen. . . aber eine Prüfungszeit muß idji Ihnen doch! noch auferlegen. . ." Sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger. „Nur nicht wieder drei Jahre", bat er. „Tas kommt auf Käthe an", entgegnete sie lachend. Käthe errötete tief, als sie ihre schmale, weiche Hand in die des Doktors legte. „Ich habe Sie sogleich wieder erkannt, Herr Doktor",, sagte sie mit freundlichem Lächeln. „Und behandelten mich so fremd?" „Ja, ich wußte doch nicht, ob Sie sich meiner noch erinnerten! — Wer weiß, ob Sie mich! nicht wieder vergessen haben, wenn abermals drei Jahre verflossen sind.". „Niemals, Fräulein Käthe — niemals . . ." Sie schlug die Augen nieder, und eine dunkle Glut flammte in ihren Wangen empor. Welch! überseliges Glücksgefühl quillt in ihrem jungen Herzen empor? Sie vermochte die Hand nicht aus der seinen zu lösen, deren leises Beben sie fühlte. Der Diener öffnete die Thür zum Speisezimmer, und meldete, daß angerichtet sei. Unter fröhlichem Geplauder nahm die Gesellschaft Platz, Scherzworte flogen hin und wider, nur Käthe saß still an der Seite Barners, der mit leisen, innigen Worten zu ihr sprach!. Ihr war so seltsam glücklich und doch weh um das Herz. Sollte sie den Worten des Mannes glauben, der einst — sie ahnte es — um ihrer Mutter Herz geworben? Was würde ihre Mama sagen — ihre gute, liebe, schöne Mama, deren Augen so ernst und wehmütig blickten! Jetzt gerade sah sie herüber — Käthe erbebte unter diesem! Blick — doch nein, das war kein Zorn, keine Enttäuschung, kein Schmerz, der in diesem Blick lag — nur unendliche Liebe — unendliche Treue. . . Da Hub die Pendule an zu schlagen mit tiefem, sonorem,, metallischem Klang — Mitternacht! — Tiefe Stille Herrschte in der Gesellschaft — das alte Jahr versank in das Meer der Ewigkeit. Und mit dem letzten Schlage der Uhr erhob sich die Professorin: „Meine werten Gäste", sprach sie mit bewegter Stimme, „verzeihen Sie, wenn ich, eine Frau, das W!ort zu einem kurzen Trinkspruch! nehme. Aber es. drängt mich. Ihnen in dieser Stunde, wo das alte Jahr 751 von Uns scheidet, wo das jugenbfrische neue Jahr empdr- K rnit seinen tausend Hoffnungen und Wünschen, einige e zu sagen. Für uns alle kommt einmal die Stunde, wo es heißt, zu entsagen, wo es heißt, die Wünsche und Hoffnungen zu Grabe zu tragen, welche sich auf unsere Zukunft beziehen — das ist die Sylvesterfeier unseres Lebens, da die Fügend von uns scheidet. Aber aus dem Schachte der Zeit steigt ein neues, Jahr empor mit neuen Wünschen, mit neuen Hoffnungen. Wohl dem Menschen, der auf seines Lebens Sylvesterferer ein solches neues junges, hoffnungs- srisches Jahr emporsteigen sieht — in dem Leben seines Kindes. Tann wird unsere Sylvesterfeier trotz allem eine frohe, beseligende sein, und wir begrüßen glücklich Und zufrieden das neue Jahr. — Meine verehrten Gäste, Sie alle sehen es vor sich im Glanze seiner Jugendseiner Schönheit — mein liebes) teures Kind, meine liebe, teure Wthe — mögen ihre Wünsche, ihre Hoffnungen im neuen Jahre in Erfüllung gehen, dann will ich; gern den Sylvesterabend meines Lebens gefeiert haben. . Tie Gläser klangen zusammen, aber Käthe weinte heiße Thränen der Liebe und Dankbarkeit am Herzen der Mutter. Ursprung und Alter des Menschengeschlechts. Von Dr. Gustav Petters. (Nachdruck verboten.) Zu den interessantesten Fragen der Wissenschaft gehört es, das Alter und den Ursprung des Menschengeschlechtes zu erörtern. Allerdings ist die Wissenschaft vom Menschen, die Anthropologie, die jüngste von allen Verästelungen des Baumes menschlicher Erkenntnis, Und man muß deswegen mit der Deutung ihrer Ergebnisse besonders vorsichtig sein. Immerhin aber hat sich rm Laufe der Jahre eine derartige Summe von Einzelkenntz Nissen und Erfahrungen angehäuft, daß wir den Fragen nach den Anfängen des Menschengeschlechtes auf unserem Planeten doch nicht mehr so ratlos gegenüber stehen wie etwa vor 50 Jahren. Folgen wir der biblischen Ueberlieferung und den Berechnungen des Bischofs Usher oder den für den jüdischen Kalender maßgebenden Daten des Rabbi Hillel ha Nassi, so kommen wir auf ein Alter der Welt, und dabei auch des Menschengeschlechts von etwa 6000 bezw. 5661 Jahren. Etwas reichlicher mißt schon die griechische Kirche, welche am 14. September 1901 (neuen Stils) ihr 7409. Jahr begonnen hat. Noch viel weiter zurück reicht aber die Geschichte der Menschheit nach den heiligen Büchern der. Perser und Inder; denn die Beden und Upanischaden sprechen bereits von 30 000 Jahren, während die indischen Heldenbücher von hunderttausenden von Jahren reden. Man begeht keinen Kirchenraub, und tritt dem inneren Werte der heiligen Schrift kaum zu nahe, wenn man sich nicht auf die wörtliche Richtigkeit ihrer chronologischen Angaben versteift; denn wenn mau auch den Daten der persischen und indischen Religionsbücher keinen Glauben bermeßt, so haben doch die neuesten assyrischen und baby- lonrschen Ausgrabungen unanfechtbare historische That- sacheu zu Tage gefördert, welche von der Gegenwart über- 8000 Jahre entfernt liegen, also weiter zurückreichen, als die christlichen und jüdischen Zeitrechnungen überhaupt der Schöpfting als bereits vergangene Lebensdauer zuerkennen. Es bedarf nun keines weiteren Beweises, daß Menschen nicht nur innerhalb desjenigen Zeitraumes gelebt haben, über welchen glaubhafte historische Nachrichten vvrlregen; denn wir sehen an allen Beispielen der Gegenwart und Vergangenheit, daß sich die Völker ihre Kultur nicht fertig vom Himmel herunterholen wie Prometheus das Feuer, sondern im Verlause von ungeheuer langen Zeiträumen mühsam erkämpfen. Diejenigen Völker aber, welche vor etwa 6000 bis 8000 Jahren am Horizont der Weltgeschichte auftauchen, befinden sich; bereits im Besitz einer Schrift, emer hochartikulierten, grammatikalisch weit fortgeschrittenen Sprache, und einer so großen Menge kultureller Errungenschaften, und technischer Erfindungen, daß wrr eine lange vorgeschichtliche Entwickelung dieser vor- aussetzen müssen, über die uns in Ermangelung schriftlicher Aufzeichnungen nichts bekannt ist. Alle in alten Urkunden enthaltenen Angaben über das Alter des Menschengeschlechtes sind daher bestenfalls Angaben? über den Zeitpunkt, wann das betreffende Volk in den Besitz leistungsfähiger Schriftzeichen gelangte, die nicht nur Symbole und Idole darstellten, sondern auch im stände waren, die Erinnerungen an irgend ein bedeutsames Ge-i schehnis in einer auch für die nachfolgenden Geschlechter verständlichen Form festzuhalten. Der Gedanke, daß das Dasein des Menschen auf unserem Planeten unendlich viel weiter zurückreicht, war also sehr naheliegend, und wäre jedenfalls schon viel früher zum allgemeinen Bewußtsein gekommen, wenn sich nicht der Hochmut und Eigensinn des sonst in so vielen Richtungew bahnbrechenden Gelehrten Cuvier dem mit Erfolg entgegen-, gestemmt hätte. Cuvier bildete sich nämlich ein, daß die Entwickelnngsgeschichte der Erde nicht in einem ununter-, brochenen Zuge verlaufe, sondern in einer Reihe scharf von einander getrennter Akte, der sogenannten Revolutionen,) in denen jedesmal alles Lebende vernichtet werde, damit wie ein Phönix aus der Asche durch! einen schöpferischen Akt des Werdens eine neue, vollkommenere Lebewelt enfe stehe. Tas letzte und neueste Produkt dieser Regenerationen sollte nun nach Cuvier eben der Mensch! und der gegenwärtige Artenbestand der Erde an lebenden Wesen seine Sv unsinnig nnd unbegründbar diese Vorstellung aucH war, die gelehrte Welt sprach sie nach, obwohl schon int 16. Jahrhundert Mercati an der Hand der in der Erde gefundenen steinernen Waffen und Geräte den Nachweis geliefert hatte, daß diese einer Kultur angehört hätten/ welche weit zurück in prähistorischen Zeiten liegen müsse.- Seine Arbeit, welche nach 800 jährigem Schlaf in der Vati-) kanischen Bibliothek im Jahre 1717 gedruckt wurde, blieb von der Naturwissenschaft des 18. Jahrhunderts sholz un.di hochmütig unbeachtet. Wo aber die gesamte Gelehrtenwelt sich gegen die bessere Einsicht sperrte, da begann.die Erde selbst zu sprechen. Tas stolze Wort „Saxa loquuntur", zu deutsch „die Steine, reden", wurde zur Wahrheit. Vom Jahre 1823 an, wo im Löß des Rheinthales von Bous ein fossiles Menschengerippe entdeckt wurde, mehrten sich die Funde von menschsi lichen Skelctiteilen in Gesellschaft von Knochen längst aus)-, gestorbener Tiere. Letztere Knochen zeigten Einkerbungen/ Verletzungen, und sogar Einschnitte von Tierfiguren. Tie Art und Weife wie diese menschlichen und tierischen Reste samt nranfänglichen Steinwertzeugen zusammengebettet: waren, gestattet gar keinen Zweifel daran, daß in . Mittel- Europa schon Menschen gelebt hatten zur Zeit, als nochj der Höhlenbär, das Mammut, das Rhinozeros, und andere Tiere der Urwelt in unseren Gegenden hausten. Genauere. Forschungen, welche von den Geologen aller Länder nun-) mehr angestellt wurden, lieferten den Nachweis, daß der Mensch! nicht nur in jener Periode bereits existiert hat, welche geologisch als Quartärzeit bezeichnet wird, sondern! sogar schon der Tertiärzeit angehört. Ter Anatom vermag aus den Knochenrcsten eines Geschöpfes die äußere Gestalt desselben mit einiger Sicherheit zu ergänzen. Tas hat man denn anch mit Funden von Skeletten prähistorischer Menschen gethan, und dabei festgestellt, daß jene Menschen der grauen Urzeit in ihrem' Körperbau nicht viel von uns verschieden waren. Virchow! hat jedenfalls recht, wenn er sagt: „daß die Untersuch-; ungen aller Gräberfelder, welche bis jetzt bekannt sind, und aller Pfahlbauten und aller Höhlen immer wieder Menschen ergeben haben, deren wir uns nicht zu schämen brauchen, und es steht fest, daß der prähistorische Mensch Europas ein geistig hochstehendes Wesen war, der sich jedenfalls einer Höheren Begabung erfreute, als manche niedrige Rasse der Gegenwart. Wann und wo derselbe! aber zuerst das Licht der Welt erblickt hat, darüber schweigen alle geologischen Urkunden. „Wenn wir seine Spuren, wie Unger sagt, zuerst mit den gewaltigen, dickhäutigen Säugetieren in Europa finden, in einer Zeit- Periode, während welcher unser Erdteil, von der unmittelbaren Verbindung mit den übrigen getrennt, der Ungunst eines rauhen lebensfeindlichen Klimas (der Eiszeit) unterlag,; während welcher sich! Eismassen über die Thäler und Ebenen herabwälzten, so ist es nicht, wahrscheinlich, wenn' wir hier, und unter solchen Umständen die Entstehung des Menschen vermuten. Wir sind vielmehr genötigt, an» zunehmen, daß es nur die unmittelbar vorhergehende Braunkohlenperivde sein konnte, in deren blütenreichen Tagen dieses Wunderwerk die Natur stattfaud. Nicht in 752 einen übergletscherten Erdteil, sondern in einen blühenden Garten wurde er aller Wahrscheinlichkeit nach versetzt, wenn wir dabei auch annehmen müssen, daß die Alleen desselben nicht beschnitten, noch die Pfade mit Kies bestreut waren." Vergeblich hat man lange Zeit nach den Resten von Menschen gesucht, welche in noch früheren Erd-Epochen gelebt haben. Die vollendete Gestalt, die kulturellen Errungenschaften desselben machen es aber in hohem Grade wahrscheinlich, daß er Vorfahren gehabt, welche ans einer noch weit tieferen geistigen und körperlichen Entwickelungs- stnfe standen als er. Ende 1894 fand nun ein niederländischer Militärarzt, T-r. Eugen Dubois zu Trinil auf der Insel Java eine Anzahl hochinteressanter Knochenreste, welche jedenfalls viel Menschenähnliches an sich! haben, aber doch von der Knochenbildung des heutigen Menschen sehr erheblich abweichen; viel weiter ist allerdings die Kluft, welche diese Funde von den Knochen der höchsten sogenannten Menschenaffen trennt, und namentlich deutet oer Schädelknochen darauf hin, daß der Träger desselben eine Hirnmeuge besessen hat, welche diejenige des höchsten Affen um reichlich! das Doppelte übertrifft, wenn sie auch gegen jene des heutigen Menschen um nahezu ein Drittel zurückbleibt. War dieses Geschöpf nun ein Mensch lob er ein Zwischenglied zwischen diesem und den Anthvo- päden, nach welchem die Anhänger Darwins mit so großem Eifer fahnden? Tue Mehrzahl der Forscher neigt sich der letzteren Ansicht zu; aber der Streit ist, trotzdem seit der Entdeckung sieben Jahre verflossen sind, noch nicht geklärt, und es muß leider dem Zufall überlassen bleiben, daß irgendwo einmal nach Erdstürzen oder Erdbeben, bei Erd- ürb eiten oder Durchstichen von Eisenbahnen ein weiterer Fund gemacht wird, der uns den Schlüssel zur Lösung des Problems gießt. Wenn wir aber auch von der Entdeckung des Tr. Dubois gänzlich absehen, so bleibt doch die Frage interessant, wie hoch sich das Alter jener Funde beläuft, deren Zugehörigkeit zum Menschen außer Zweifel steht. Die scharfe zeitlich^ Bemessung ganzer geologischer Perioden ist leider für unser Wissen ein Ding der Unmöglichkeit ; die nachstehend erwähnten Berechnungen können daher keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit machen, geben jedoch immerhin etn recht anschauliches Bild, in welch graue Vorzeit die Ursprünge des Menschen zurückführen. In Aegypten fand man in der Nähe des Steinbildes des Königs Ramses II., 39 Fuß tief int Nilschlamm vergraben, thöneme Scherben; nachdem mau nun ermittelt hat, daß der Nil in den letzten 6000 der Geschichte angehörenden Jahren durchschnittlich in jedem Jahrhundert eine Schlammdecke von dreieinhalb Zoll absetzt, kann man leicht ausrechnen, daß die Töpfer, welche jene Gefäße geformt und gebrannt haben, vor ungefähr 13000 Jahren gelebt haben müssen. Eine ähnliche Berechnung ermittelt als Alter eines bei New-Orleans in einer Anschwemmung des Missisippi gefundenen Skelettes) über welchem die Reste von vier Urwäldern lagerten, die in vier verschiedenen Erd-Epochen dort gestanden hatten, und zu Grunde gegangen waren, nicht weniger als 50 000 Jahre. Auch diese Zahl reicht augenscheinlich an das thatsächliche Alter des Menschengeschlechts in Europa noch nicht heran. Man hat in französischen Thälern Steinwerkzeuge in Flußkieslagern ge- . fanden, welche heute hoch über dem Wasserspiegel des Flusses liegen, weil dieser sich inzwischen seine Rinne viel tiefer ausgegraben hat. Man hat nun versucht, die Zeit zu berechnen, welche der Fluß notwendig hatte, um sich so viel tiefer in den Fluh hineinzuwühlen, und ist dabei zu Resultaten gekommen, welche zwischen 100 000 und 240000 Jahren differieren. Der große Unterschied in diesen letzteren Angaben weist mit Deutlichkeit darauf hin, daß die Faktoren dieser Rechnung nicht mit wünschens-, werter Schärfe bestimmt werden können; es bleibt aber die Thatsache bestehen, daß die Zeit des quaternären Menschen etliche Zehntausende von Jahren hinter der Gegenwart zurückliegt. An die Bestimmung des Alters des tertiären Menschen hat sich überhaupt noch niemand recht herangetrant; denn hier verlassen uns alle Anhaltspunkte für die Abschätzung, und es ist nur so viel gewiß, daß es sich; hier um einen Zeitraum von vielen hunderttausend Jahren handelt. Ein österreichischer Gelehrter WeMsch hat, ausgehend von der Annahme, daß der Mensch auf der Erde ausgetreten sei, sobald als die Abkühlung derselben überhaupt das Bestehen seines Organismus gestattete, die Zeit zu bestimmen versucht, weichte verflossen ist, bis sichj die vermutliche damalige Erdtemperatur auf die heutige abgekühlt hat. Er kommt dabei auf ein wahrscheinliches Alter des Menschengeschlechtes von 1028 000 Jahren. Eine Kritik dieses Re-, sultates ist einfach unmögliche weil die Grundlagen desselben zahlenmäßig nicht im geringsten feststehen. OK nun aber 200000 oder eine Million Jahre verstossen sind seit der Zeit als die ersten Menschen über den Erdballs schritten, ist einerlei; sicher ist, daß wir ein Geschlecht v!on altem Adel sind, und wer nicht göttlichen Ursprunges sein will, lasse sich daran genügen. Modo. Die „Wiener Mode" und der Wiener Geschmack im Ausland. Nach einem Berichte der „Neuen Freien Presse" aus Liverpool wurde einer jetzt dort wohnenden Landsmännin bei einer Toilettenauswahl als „most fashiouable" die „Wiener Mode" vorgelegt und wird hinzugefügt, daß der Triumph des Wiener Geschmackes dort ein vollständiger sei. Wir erwähnen diese gewiß erfreuliche Thatsache bei Erscheinen des neuen, 7. Heftes (1. Januar), dieses auch sonst im Auslande immer allgemeiner beliebten heimischen Modejournals, das in hocheleganter Ausstattung und mit reichstem Inhalt vor uns liegt. Eine Mode- Plauderei „Zur Tanzsaison" leitet letzteren ein, dann folgen eingehende Modeberichte mit zahlreichen, vornehmst aus- geführten Illustrationen. „Im Boudoir" wird der fesselnde Roman von Potapenko „Was Liebe vermag" fortgesetzt; eine „Pädagogische Rundschau" von L. Fleischer, die Novellette „Mondnacht auf dem Kanal" von A. Hofsmann-Diederich, viele andere Artikel, die beliebte „Korrespondenz" sowie als Quartalsbeigabe ein Lied für Singstimme und Klavier des. bekannten Komponisten Anton Rückauf, „Fliege, mein liebliches Käferlein", werden den Leserinnen dieses in praktischer und künstlerischer Hinsicht so reichhaltigen Mode- und Familienblattes angenehmste Anregung und Unterhaltung bieten. Nr. 4 der „Wiener Kinder-Mode" sowie eine Schnittmusterbeilage vervollständigen ferner den Inhalt dieses Heftes, mit dem das 1. Quartal 1902 beginnt. Man abonniert in allen Buchhandlungen sowie beim Verlag der „Wiener Mode" in Wien, VI. Gumpendorferstraße N. Preis 2.50 Mk. vierteljährlich. Gemeinnütziges. Für Gichtkranke ist der Genuß von Gemüse, besonders des Kohles in seinen verschiedenen Arten, besonders zu empfehlen. . - (Prakt. Wegweiser, Wurzburg.) Merkräts el. Nachdruck verboten. Brutus, Byron, Dirne, Engländer, Helm, Schwester, Sonne, Trave, Travestie. Vorstehende Wörter sind so zu ordnen, daß der erste Buchstabe vom ersten Wort, der zweite vom zweiten, der dritte vom dritten u. s. w. cm Zusammenhang ein Fest bezeichnen. (Auflösung in nächster Nummer.) Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) Klgschnwltndmnschnfgn Grnntzlehsnsvlmnknn Sehslbstndndrnchtbtrgn Dlhrpsstfrjdrmnu. Vorstehende Buchstabenreihcn sind in Gruppen zu zerlegen, die sich durch Einsügnng passender Vokale zu sinngemäßen Wörtern bilden lasten. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Füllrätsels in vor. Nr.: Erich, Dukaten, Ida, Salbe, Dnkel, Nase. — Edison. Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag.der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei (Putsch Erben) in Gus n.