(Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. ftomcut von R ei n hold O r t m a n n. Er st es Kapitel. Der Zuschanerraum des eleganten Broadwaytheater zu Denver, der prächtig gelegenen Hauptstadt des amerikanischen Unionstaates Colorado, war säst bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. War doch mit den überschwenglichsten Worten das Lob der Schauspielergesellschaft verkündet worden, die an diesem Abend ihre erste Vorstellung geben sollte, und versprach man sich doch wahre Wunderdinge von der Ausstattungskomödie „Me drei Musketiere", die nach amerikanischem Brauch das ganze Repertoire des Impresario James Fielding ausmachte. Tiefe Stille herrschte im Auditorium, als der letzte Don der Ouvertüre verklungen war und der Vorhang in die Höhe rauschte. Man war während des verflossenen Winters mit künstlerischen Darbietungen hier im fernen Westen nicht allzusehr verwöhnt worden und brachte der Fieldingschen Truppe, die in den östlichen Großstädten so außerordentliche Erfolge erzielt haben sollte, deshalb die freundlichste Stimmung entgegen. Während der ersten Szenen hatte es denn auch ganz den Anschein, als sollten sich die Erwartungen vollauf erfüllen. Die männlichen und weiblichen Künstler zeigten sich den ihnen gestellten Aufgaben gewachsen, und das Zusammenspiel ließ nichts zu wünschen übrig. Das Publikum freute sich der hübschen, zum Teil sogar prächtigen Kostüme, deren auf dem Zettel ausdrücklich hervorgehobene histörische Treue nur von wenigen mißtrauischen Gemütern. angezweifelt wurde, und es lachte ebenso willig über die hier und da eingestreuten Scherze, als es.sich von der .stark aufgetragenen Sentimentalität anderer Szenen rühren und ergreifen ließ. Eben . war . eine längere Deklamation des jugendlichen Helden durch donnernden Beifall bei offenem Vorhang ausgezeichnet worden, als das Erscheinen einer bis dahin in dem Stücke noch nicht aufgetretenen Schauspieleriri Namentlich bei den zunächst sitzenden und den mit Operngläsern ausgerüsteten Zuschauern ein gewisses Aufsehen erregte. Die Künstlerin, die auf dem Zettel als Miß Ellen Howard bezeichnet war, mußte in noch sehr jugendlichem Alter stehen; oenn ihre hochgewachsene Gestalt zeigte die eckigen Umrißlinien und die zarten Formen eines sich eben erst zur Jungfrau entwickelnden Kindes. Auch den etwas Donnerstag den 31. Moder. Ur. 156. 1901 SH ■ ie Weisheit ist ein Quell, je mehr man aus ihr trinkt, Je mehr nnd mächtiger sie wieder treibt und springt. Angelns Silesius. hastigen und ungestümen Bewegungen ihrer anscheinend zu langen Glieder mangelte es noch an jener Weichheit und anmutigen Rundung, die zumeist erst das Ergebnis einer längeren Thätigkeit auf den weltbedeutenden Brettern find. Das Kostüm, das einer üppigen Figur vielleicht vortrefflich gestanden hätte, war mehr danach angethan, die Schönheitsfehler der überschlanken Gestalt hervorzuheben, als sie zu verschleiern, und Miß Ellen Howard stand demnach an bestechendem Liebreiz der äußeren Erscheinung sicherlich hinter allen übrigen weiblicher! Mitgliedern der Gesellschaft weit zurück. Wenn sie trotzdem in hohem Maße das Interesse derjenigen erregte, die im stände waren, auch die Einzelheiten ihres Antlitzes zu erkennen, so konnten nur ihre wundervollen, dunklen, nach Form und Größe in der That außergewöhnlich schönen Augen die Ursache dieser Be- wunderung sein. Im ganzen Theater war Wohl niemand, der je zuvor so seltsam leuchtende und ausdrucksvolle Augen gesehen hatte, als sie in diesem jugendlich zarten Mädchenantlitz glühten. Die Farbe ihres Haares war unter dem weißen Puder, mit dem sie es, dem historischen Charakter ihres Kostüms entsprechend, bedeckt hatte, nicht zu erkennen, aber das tiefe Schwarz der stolz geschwungenen Brauen ließ sie erraten, und es bedurfte keiner allzu lebhaften Phantasie für die Vermutung, daß Miß Ellen Howard im gewöhnlichen Leven viel schöner sei als in dieser künstlichen Entstellung. Langsam war sie bis hart an die Rampe vorgetreten, wie ihre Rolle es vorschrieb, und das Verstummen ihrer Partner ließ erkennen, daß die Reihe zu sprechen an sie gekommen war. Aber ihre Lippen blieben geschlossen, und es gab eine lange, peinliche Stille, während deren man selbst in den entfernteren Teilen des Theaters, deutlich die zischelnden Flüstertöne des Souffleurs vernahm. Ohne allen Zweifel war die junge Schauspielerin eine Beute des von allen Kunstnovizen so sehr gefürchteten Lampenfiebers geworden und eine Aufregung, die sich natürlich von Sekunde zu Sekunde steigerte, schnürte ihr die Kehle zusammen. Wohl bemühten sich .die Mitspielenden, als sie ihren Zustand erkannten, ihr durch improvisierte Reden zu Hilfe zu kommen, aber sie verwirrten sie damit augenscheinlich nur noch mehr; denn als sie endlich, ihre ganze Willenskraft aufbietend, einige Worte sprach, enthielten dieselben eine Frage, auf die das Publikum die Antwort bereits gehört hatte. Und ob auch ihre weiche, melodische Stimme von wahrhaft bestrickendem Wohllaut war, die Zuhörer empfanden doch in diesem Augenblick nicht das Rührende und Mit- leiderregenöe, sondern nur das Belustigende der Situation. Oben auf der letzten Gallerte machte jemand eine höhnische Bemerkung, die vernehmlich das ganze Haus dnrchtönte und die so lange unterdrückte Heiterkeit der übrigen in lautes Gelächter ausbrechen ließ. Nun war es um die Fassung der armen jungen Schauspielerin selbstverständlich 622 Absicht, sie durch tröstlichen Zuspruch aufzurichten, hatte sie sich mit ihrem süßesten Lächeln der armen Debütantin genähert, die sie mit rückwärts gesunkenem Haupte, geschlossenen Augen und fessellvs niederslutendem Haar in ihrem Stuhle liegen sah. Im nächsten Augenblick aber fuhr sie mit einem gellenden Aufschrei zurück und stürzte gleich einer Besessenen wieder auf den zur Bühne führenden Gang hinaus. „Zu Hilfe! — Sie stirbt!" schrie Miß Clarke. „Ellen Howard hat sich getötet." Eine unbeschreibliche Aufregung und Verwirrung war es, die dem Schreckensrufe folgte. Einige weibliche Mitglieder der Gesellschaft sielen in Ohnmacht, und mindestens ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts drängte sich gleicht- zeitig in das enge Ankleidezimmer. Da aber stockte auch den Tapfersten und Verhärtetsten für einen Moment der Herzschlag in der Brust; denn ein furchtbares und erschütterndes Bild war es, das sich ihren Blicken bot. In derselben Lage, in der Miß Ada Clarke sie gefunden, ruhte Ellen Howard noch immer in ihrem Stuhl. Sie ivar offenbar bereits ohne Bewußtsein; denn auch der Lärm der Eindringenden und die von ihnen ausgestoßenen Entsetzenslaute veranlaßten sie nicht, die geschlossenen Augen zu öffnen. Ihr helles Gewand ivar von oben bis unten mit Blut befleckt, und eine schauerliche Blutlache breitete sich zu ihren Füßen über den Boden hm. Die schlanken, Finaer ihrer auf dem Tischrand liegenden rechten Hana hielten noch immer den silbernen Griff des kleinen, blinkenden Dolches umklammert, während aus einer klaffenden Wunde an dem matt herabhängenden liiiren Unterarm ttt unaufhörlichem Strome stoßweise das Blut hervorquoll. „Sie hat sich die Pulsader geöffnet!" rief einer „Um des Himmelswillen, schnell einen Arzt, ehe sie verbmtet. Ihrer fünf oder sechs ivollten diensteifrig davonsturzen, aber Mr. James Fielding, der auch in kritischen Augenblicken ein ausgezeichneter Geschäftsmann blieb, hielt sie auf. ,Bor allen Dingen kein Aufsehen, meine Herrschaften! Wenn man im Publikum etwas davon erfährt, ist es um den Erfolg des Abends geschehen. Ich werde sofort den Theaterdiener in unauffälliger Weise nach emem Arzte senden, und im übrigen können ja die Damen, die sich für den zweiten Aufzug nicht umzukleiden haben, wahrend der Dauer des Zwischenaktes die Blutung mit naßen Tüchern und dergleichen zu stillen suchen. Daß Sie dabei auf die I Schonung Ihrer Toiletten bedacht sein müssen, brauche ichj Ihnen ja nicht erst auf die Seele zu binden." | Die kaltblütige Gelassenheit des umsichtigen ^mpresario schien auch auf die anderen eine gewisse beruhigende Wirkung zu üben. Schon die Furcht, einen häßlichen Flecken aus j dem empfindlichen Kostüm davonzuträgen, veranlaßte dw I meisten, in eine sichere Entfernung zurück zu weichen. Und da nun überdies Miß Ada Clarke, die unentbehrliche Darstellerin der weiblichen Hauptrolle, draußen auf dem Gange unter der Nachwirkung des gehabten Schreckens in emen regelrechten Weinkrampf verfiel, wurden hier und da bereits | Worte der Entrüstung über Ellen Howards unverantwortliches Beginnen vernehmlich. .___ I Einer nur, ein blasser junger Mensch, der eigentlich gar nicht zur Fieldingschen Truppe gehörte, sondern erst I Mer in Denver für eine kleine Anmeldervlle engagiert wor- I den war, schien mit den Anordnungen des klugen ^mpre- | sario nicht einverstanden. Er war der Sohn emesin der | Arapahrestraße etablierten Juweliers, und deshalb unter allen Anwesenden der einzige, der die örtlichen erhalt- TU^e Binder Theaterdiener einen Arzt herbeigeschafft hat, ! ist es längst zu spät", raunte er einem neben ihm Stehenden zu. „Ich habe den Doktor Hermann Müller, den deutschen I Oberarzt von St. Anthonys Hospital, in einer der ersten Parkettreihen sitzen sehen, und ich gehe trotz meines Kostüms in den Zuschauerraum, ihn zu rufen -. der menschenfreundliche Mr. Fielding mag dazu sagen, was er will I. Ex verschwand geräuschlos, und er mußte wohl einen | geeigneten Weg gefunden haben, sein Vorhaben auszufuhren; denn nur wenige Minuten waren verstrichen, als er m | Begleitung eines hochgewachsenen, stattlichen, vielleicht ac_st- I undzwanzigjährigen Mannes zurückkehrte, dessen blond- bärtiges, sympathisches Gesicht in jedem Zuge seine deutsche j Abstammung verriet. I (Fortsetzung folgt.). ganz geschehen und sie machte keinen Versuch mehr, die durch I ihre Schuld verdorbene Szene zu retten. Wer sie that auch nicht, was wahrscheinlich die meisten anderen in ihrer Lage gethan haben würden. Sie brach nicht in Thränen aus und schlug nicht die Hande vor das Gesicht, sondern sie wandte es vielmehr, sich hoch aufrichtend, l mit einer unnachahmlich stolzen, ja beinahe herausfordernden Bewegung dem Publikum zu. Ihr Antlitz war totenbleich unter der aufgetragenen Schminke, aber die dunklen I Augen, die jetzt von einer fast unnatürlichen Größe er- I schienen, sprühten Blitze des Zornes. Furchtlos suchte sie I dw Stelle, von der die spöttischen Worte gekommen waren, I und nicht wie ein verhaltenes Weinen, sondern wie em I Ausdruck unsäglicher Verachtung zuckte es um die schön | geschwungenen Lippen. .. .. ! Wohl eine Minute lang stand sie so m der Unbeweglichkeit einer Statue da, von dem grellen Licht der Pro- I szeniumslampen umflossen. Und als besäße ihr funkelnder I Blick eine seltsame, geheimnisvolle Macht über die Menschen I zu ihren Füßen, verstummte allgemach das höhnende Ge- I lächter, und wieder wurde es ganz still. , Man erwartete wohl, daß sie jetzt zu sprechen beginnen würde, und man hätte es ihr sicherlich sehr leicht gemacht, I die Wirkung ihrer ersten Befangenheit wieder auszuloschen. | Aber man sah sich in jener Ertvartung betrogen; denn als das Lachen aufgehört hatte, wandte sich Ellen Howard langsam dem Hintergründe zu, und verließ in der stolzen I Haltung einer Siegerin schweigend die Bühne. I Hätte ihre Rolle eine größere Bedeutung gehabt, so wäre es ja um den Erfolg des Stückes rettungslos geschehen | gewesen. Aber zum Glück hatte man der Anfängerin nur 1 eine der kleinsten Partien anvertraut, und es gelang der | Geistesgegenwart der auf der Szene befindlichen Schau- I Mieter, durch einige aus dem Stegreif vorgebrachte Wen- * düngen, die durch das Verstummen und den vorzeitigen I Abgang ihrer Partnerin hervorgebrachte Lücke auszufüllen. Immerhin war der Zwischenfall, dessen Eindruck auf die Stimmung des Publikums sich noch nicht absehen ließ, unangenehm genug. Und es war dem Impresario, der von seinem Platze hinter den Kulissen aus den Vorgang als ohnmächtiger Zuschauer hatte mit ansehen müssen, kaum | zu verdenken, daß er seinem Unwillen der jungen Schau- I Mieterin gegenüber auf eine nicht eben rücksichtsvolle Weise Luft machte. Ellen Howard aber schien kaum ju Horen, j was er sprach.. Etwas eigentümlich Starres war in dem Blick, mit dem sie über ihn hinstreifte, und nur, als er seine halblaut hervorgesprudelten Vorwürfe mit der Erklärung | schloß, daß er selbstverständlich an diesem ersten Versuch i genug und übergenug habe, neigte sie wie zum Zeichen, daß sie nichts anderes erwartet habe, zustimmend den Kopf. Niemand außer Mr. Fielding redete sie aus dem kurzen Wege an, den sie bis zu ihrer Garderobe zurückzulegen hatte, und wenn sie auch das Ankleidezimmer mit zwei anderen Schauspielerinnen teilen mußte, so fand sie es doch in diesem Augenblicke leer. Sie drückte die Thur hinter sich ins Schloß und riß dann mit leidenschaftlicher Heftigkeit die Nadeln, ivelche die Frisur zusammengehalten hatten, aus ihrem Haar. Eine Wolke von weißem Puder wirbelte auf, und int nächsten Moment schien die schlanke Mädchengestalt wie in einen seidig glänzenden schwarzen Mantel eingehüllt. Sie trat an den Spiegel, der über ihrenl Toilettentisch angebracht war, und wieder zuckte es verächtlich um ihre feinen Mimdwinkel, als ihr geschminktes Bild ihr von dem blanken Glase zurückgeworfen wurde. Ein paar unverständliche Worte murmelnd, ließ sie sich vor dem Tischchen nieder und zog die Schublade auf. Ein winziger Dolch mit kunstvoll gearbeitetem silbernen Griff blinkte in ihrer Rechten, und sie ließ einige Sekunden lang das flackernde Licht der über , ihrem Platze angebrachten Gasflamme auf seiner spitzigen, haarscharf geschlissenen Klinge spielen. Dann lehnte sie sich m den Stuhl zurück, während ihr schönes Gesicht einen Ausdruck leidenschaftlich düsterer Entschlossenheit annahm — und mit einer raschen, energischen Bewegung streifte sie den wetten Aermel des leichten Gewandes bis zum Ellenbogen über ihren fast noch kinderhaft zarten linken Arm empor. _ Noch ganz berauscht von dem stürmischen Beifall, der ihr nach dem ersten Fallen des Vorhanges gespendet worden war, hatte Miß Ada Clarke, ein anderes Mitglied der Fieldingschen Truvpe. die Garderobe betreten. Und in der 623 Lebendes Licht. Von Rudolf Curtius. (Nachdruck verboten.) „Lebendes Licht — welch ein Gemeinplatz" wird vielleicht mancher Leser bei dieser Ueberschrift ausrufen, und zwar besonders am Ende eines Sommers und Herbstes, in welchem dank der für die Entwickelung dieser Lebewesen besonders günstigen Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse Legionen von Leuchtkäfern allnächtlich in Gärten, auf Wiesen, in Hainen und überall sonst, wo sich ein Stückchen frisches Grün in der Natur findet, den Hochzeitsreigen getanzt haben, zu dem sie sich selber die glänzende Illumination lieferten. Allerdings sind diese lebenden Laternen etwas so alltägliches, daß sie jeder achtjährige Schulknabe, auch wenn er im Häusermeer der Großstudt heranwächst, schon gesehen hat, und die Erklärung, die ihm der Lehrer darüber gegeben hat, wiederholen kann. Gleichwohl aber steht die so gewöhnliche Naturerscheinung gegenwärtig im Mittelpunkte des wissenschaftlichen und technischen Interesses. Diese kleinen Käferchen aus der Gattung der Lampy- riden, welche nur ein bekanntes Beispiel aus der unendlich langen Reihe leuchtender Tiere bilden, sind schon seit langem ein Gegenstand des heftigsten Neides sämtlicher Beleuchtungstechniker. Denn sie können etwas, was diesen trotz aller Gelehrsamkeit und Findigkeit bisher noch nicht gelungen ist. Sie verstehen sich nämlich dank der glücklichen Organisierung ihres Körpers aus die Produktion eines Lichtes, welches rund gerechnet, hundertmal ökonomischer arbeitet, als die vollendetsten Anlagen unserer Elektrotechniker. Gelänge der Wissenschaft das gleiche, was diese Tierchen in ihrem Körper unbewußt vollbringen, dann könnten wir allerdings ohne größeren Aufwand von Kohle und anderer Energie unsere Nächte in ein blendendes Lichtmeer verwandeln. Die überall dort, wo man einmal mit dem Lichte etwas freigebiger umgeht, beliebte Redensart, daß die Nacht zum Tage umgewandelt sei, die — ehrlich gesagt — doch auch in nächster Nähe eines Scheinwerfers von 100 000 Kerzen Stärke nur eine täuschende Uebertreibung ist, wäre dann der Verwirklichung nahe, wie ein einfaches Beispiel in Zahlen darthun mag. Ein Kilo Kohle, in einer Dampfmaschine verbrannt, liefert während der Zeit einer Stunde die Kraftmenge einer Pferdekraft und ist im stände, damit während der gleichen Zeitdauer eine Bogenlampe von 5000 Normalkerzen Lichtstärke mit dem erforderlichen elektrischen Strome zu versehen. In der Dampfmaschine gehen aber bereits neun Zehntel der in der Kohle enthaltenen Kraft verloren, welche, wenn sie ohne Verlust zur Verwendung käme, also bereits im stcmde wäre, eine Lampe von 5000 Kerzen zu speisen. Nochmals neun Zehntel der in die Lampe gelangenderi. Kraft werden aber dort nicht in Licht, sondern in die in den allermeisten Fällen durchaus nicht wünschenswerte Wärme verwandelt, sodaß thatsächlich nur der hundertste Teil der in der Kohle schlummernden Kraft als Licht in Erscheinung tritt. Es wird vielleicht nie gelingen, mit menschlichen Maschinen der Arbeitsökonomie des lebenden Körpers gleich oder nahe zu kommen, da Tier und Mensch unvergleichliche Kraftmaschinen sind, die um so größere Bewunderung abnötigen, je tiefer man sich in ihr Wesen versenkt. Der geniale Kops jedoch, dem es gelänge, unsere Beleuchtungsmittel auch nur um das zehn- oder zwanzigfache besser äuszunutzen, als es bis jetzt möglich ist, müßte ohne Zweifel den größten Erfindern aller Zeiten zur Seite gestellt werden, und es ist deswegen begreiflich, daß man sich unausgesetzt bemüht, den Johanniswürmchen und anderen Leuchttieren ihr Geheimnis der Lichterzeugung abzulauschen. Da man von diesem Ziele allem Anschein nach noch recht weit entfernt ist, kam vor kurzem ein Franzose Raphael Dubois auf die Idee, das natürliche Licht leuchtender Tiere direkt zu Beleuchtungszwecken zu verwenden. Der Gedanke ist nicht ganz neu; denn in Mexiko und andern Ländern Mittelamerikas, wo Leuchtkäfer zu Hause sind, denen gegenüber unsere Johanniswürmchen Liliputaner an Größe wie an Leuchtvermögen sind, schmücken sich die dunkeläugigen Schönen zur nächtlichen Promenade in der berückenden, lauen Tropennacht gern mit dem sanft schimmernden lebenden Licht dieser Tiere, Welche sie in ihre Frisur setzen und mittelst eines feinen darüber gespannten Netzes gefangen halten. Dubois wählte jedoch zu seinen Versuchen die kleinsten unter den mit der Fähigkeit zur Lichtausstrahlung begabten Lebewesen, ' nämlich die Bakterien, welche das Meeresleuchten verursachen. Das Licht dieser Photomikroben, welches vom Äuge als äußerst angenehm empfunden wird, enthält nur ein Minimum schwarzer Wärmestrahlen, auch die chemischen Strahlen sind nur in geringen Mengen vertreten, und es bedarf stundenlanger Belichtung der empfindlichsten photographischen Platten, ehe diese deutliche Spuren der Einwirkung derselben zeigen. Dagegen hat das für unsere Augen wahrnehmbare Licht dieser Leuchtbakterien mit den Röntgenstrahlen die Eigenschaft gemeinsam, auch feste und undurchsichtige Körper zu durchdringen, unter denen nur die Metalle, besonders das Aluminium, ein Hindernis bilden. Nachdem Dubois seine Versuche zuerst der Akademie der Wissenschaften in Paris vorgesührt, wiederholte er diese im Palais für Optik auch vor einem größeren Publikum, ivobei er auch Mitteilungen über die Art und Weise der besonders schwierigen Züchtung dieser Kleinlebewesen machte. Das Meerwasser, eine Lösung sämtlicher auf der Erde vorhandenen Stoffe, enthält natürlich alle Bestandteile, die irgend ein lebender Körper zu feinem Bestreben braucht. Das glänzende Phänomen des Meerieuch irxs, wie es hundertfältig in Reisebeschreibungen geschildert worden ist, bedeutet aber doch nicht das größte Maß der Leuchtfähigkeit dieser Kleinlebewesen. Im Laboratorium der Bakteriologen gelang es vielmehr, noch günstigere Bedingungen für das Wachstum und die Ernährung derselben zu ermitteln, deren Eignung zum Teil darauf beruht, daß bett Bakterien in der künstlich hergestellten Bouillon die zu ihrem Aufbau nötigen Stoffe in konzentrierter Form geboten werden. Die Nährflüssigkeit besteht im wesentlichen aus Wasser, Meersalz und irgend einer eiweißhaltigen Verbindung. Zuerst versuchte es Dubois mit Peptonen, jenen bekannten, künstlich verdauten Eiweißstoffen, welche heute als.Kraftnahrung für Kranke und Schwache eine so wichtige Rolle spielen. Die Leuchtpilze gedeihen dabei sehr gut; da aber sämtliche Peptone außerordentlich schnell der Zersetzung durch fremde ans der Luft in die Nährflüssigkeit geratene Fäulnisbakterien unterliegen, verbreiteten die Pilzkolonien sehr bald einen so verpestenden Duft, daß man geneigt sein könnte, die Ausdünstungen chinesischer Stinktöpfe für ein liebliches Parfüm zu erklären. Obendrein wurden die Leuchtbakterien auch alsbald von den fremden Pilzkolonien überwuchert, sodaß die Leuchtkraft nach kurzer Zeit aufhörte. Als ein viel geeigneterer Stoff erwies sich das Asparagin, ein in zahlreichen Pflanzenkörpern vorhandenes Alkaloid. Da in diesem aber kein Phosphor enthalten ist, dessen Anwesenheit zur Erzielung leuchtender Kolonien unumgänglich notwendig ist, mußten noch andere phosphorhaltige Verbindungen hinzugefügt werden. Eine weitere Bedingung des Leuchtens ist die Erneuerung der Luft in kürzeren Zeiträumen, wobei eben leider die Einwanderung schädlicher Bakterien stattsindet. Um diese Luft nun keimfrei zu machen, ist es nötig, die Luft entweder zu filtrieren ober durch Leiten über ein glühendes Platinblech zu sterilisieren. Natürlich bedarf es einer besonderen Vorrichtung, um das Licht der Bakterienkulturen nach allen Seiten in den Raum zu verbreiten. Dubois lebende Lampe besteht nun, aus einem einfachen, metallischen Träger zur Aufnahme eines flachen und breiten Glasgefäßes, in dem sich die leuchtenden Kolonien befinden, und über welchem ein Reflektor aus Zinnfolie angebracht ist. Das ganze ist durch eine Glasglocke luftdicht verschlossen, sodaß sich die Bakterien über 6 Monate lebensfähig erhalten. Im Ruhezustände ohne Luftzufuhr strahlen nun die Bakterien nur ein schwaches Licht aus; sobald man jedoch! ein wenig sterilisierte Luft mit Hilfe eines Schlauches und einer Kautschnk- birne in den Jnnenraum treibt, leuchten die Bakterien in lebhaft phosphoreszierendem Lichte auf, das stark genug ist, um die Gesichtszüge von Personen erkennen, die Zeit auf einer Uhr ablesen oder Druckschrift lesen zu lassen. Obwohl Dubois mit Hilfe großer Apparate es dahin gebracht hat, einen ganzen großen Saal mit diesem lebenden Lichte zu beleuchten, welches mit dem Glanze des Vollmondlichtes verglichen wird, ist es klar, daß der Versuch vor- 624 -i läufig eine praktische Bedeutung nicht hat. Sollte die Intensität des Lichtes, wie der Erfinder behauptet, auch noch einer bedeutenden Steigerung fähig sein, so werden deswegen die Aktien der großen elektrischen Werke nicht um den Bruchteil eines Prozentes fallen, und die Hausfrau wird nach wie vor die Gasrechnung für das Auerlicht bezahlen müssen. Der Wert der Erfindung ist daher zurzeit uur ein rein ideeller, darf aber keineswegs unterschätzt werden, da er beweist, daß sich Licht eben doch auch in bedeutenderen Mengen ohne Wärmeentwickelung herstellen läßt. Das lebende Licht ist überhaupt in der Natur viel weiter verbreitet, als man gemeinhin glaubt. Es soll hier nicht von dem immerhin etwas problematischen Leuchten gewisser Pflanzen lute des Tropäolum, etlicher Lilien, der Oenothera u. s. w- die Rede sein, welches zuerst von der Tochter des großen Sinne behauptet wurde, Auch die wenigen leuchtenden Tiere des festen Landes können hier außer Betracht s bleiben. Aber int Meere, besonders in dessen tiefen Regionen, wo der Laie die Herrschaft der ewigen Nacht ver- mutct, glitzert und gleißt es wie in den Zaubergärten Brmidas. Rhizopoden, Quallen und Manteltiere entsenden du phosphoreszierendes Licht entweder von ihrer gesamten Körperfläche oder aus besonderen, punktförmigen Leucht- vrganen. Ein Lichtträger ersten Ranges ist ein unter dem zoologischen Namen Brisinga bekannter Schlangenstern, der wie das glänzende Kleinod „Brising", mit welchem sich die Göttin Freya nach der alten deutschen Sage die Brust schmückt, und welches ihr Loki mit Hinterlist stiehlt, strahlendes Licht über den Meeresboden ergießt. Die Euphausiden, Meerkrebschen von nur wenigen Zentimetern Länge, besitzen an der Brust und am Bauche zahlreiche Leuchtorgane, welche ganz wie Augen gestaltet und auch lange für solche gehalten worden sind, da sie mit einer das Licht konzentrierenden Linse versehen sind, die in Wahrheit das von der leuchtenden Materie ausstrahlende Licht nur in be- stimmte Richtungen lenken soll. Steigen wir in der Tierreihe weiter aufwärts, so kommen wir gn den Fischen, von denen namentlich die Vertreter der Tiefsee fast ausnahmslos Leuchtorgane besitzen. Mit dem vom Bauche des Leuchthaies oder der Stomias-Boa erstrahlenden Lichte kann mau ein ganzes Zimmer erhellen; bei anderen wie bei der von Schleiden beschriebenen Meerschwalbe ist das Maul der Sitz der Leuchtorgane, und es ist ein höchst seltsamer Anblick,'wenn dieses zu den fliegenden Fischen gehörige Tier nächtlich in weiten Bogen einer Sternschnuppe vergleichbar über die dunkle Meeresfläche schießt. Tie Leuchtfähigkeit würde für sie ein schwerer Nachteil sein, wenn sie ununterbrochen in Thätigkeit wäre ; benn die Fische würden dann nur allzu leicht die Beute der ihnen nachstellenden Feinde werden. Das Leuchten kann daher willkürlich abgestellt werden, und namentlich die am Kopfe befindlichen Leuchtorgane, die mit parabolischen, der Akkomodation fähigen Linsen versehen find, und sich gelenkig bewegen wie ein Augapfel in seiner Höhlung, dienen nur dazu, die Gegend zu erhellen, in welcher der Räuber des Meeresgrundes — alle Fische der Tiefsee sind mehr ober weniger fürchterliche Räuber — seine Beute sucht. ‘ Katechismus der Religionsphilofophie. Bon Prof. D. Dr. Georg Runze. In Originalleinen- banb 4 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Religion unb Philosophie sind im letzten Grunde wesens- oerwandt. Beide befriedigen das Uuendlichkeitsstreben des menschlichen Geistes. Beide vergegenwärtigen den Sinn des Lebens und lehren seiner Wahrheit und seines Wertes inne zu werden. Die Aufgabe der Religionsphilosophie ist nun die philosophische Belehrung und Verständigung über die Religion im allgemeinen, d. h. ohne grundsätzliche Bevorzugung irgend einer besonderen Religionsform. Der vorliegende Katechismus der Religionsphilosophie erörtert nach einer einleitenden Orientierung über die notwendigen Voraussetzungen zuerst den Ursprung der Religionen (Mythen, Kulte, Dogmen) sowie der subjektiven Religion (Frömmigkeit, Glaube), sodann das Wesen der Religion, namentlich in ihrem Verhältnis zur Moral, zur Vernunfterkenntnis und zur Kunst und wirft schließlich einen Mick auf die Religion in der Geschichte und das Gesetz chrer Entwickelung. Magendiätetik für Gesunde «nd Kranke. Unter besonderer Berücksichtigung der krankhaften Zustände des Nervensystems, der Lunge, Leber, Herz und Darmkanal. Von Dr. med. Michaelis, prakt- Arzt und Spezialarzt in Waldenburg in Schlesien. Preis 1 Mark. Verlag von Georg Brieger in Schweidnitz. In kurzer Darstellung ist alles Wissenswerte für Magen-, kranke zusammengefaßt, besonders Tagesdiät und Lebensweise für jede Magenerkrankung genau vorgeschrieben, Magenkatarrh, Magenschmerz und Magengeschwür in ihrer Abhängigkeit von anderen Organerkrankungen, sowie alle übrigen Magenkrankheiten und Verdauungsstörungen sind kurz und verständlich mit speziell diätetischen Regimen aufgeführt. Jedem einzelnen mit schwacher Verdauung wird es leicht , die Störungen der Magensunktion an sich zu erkennen, zu verhüten nnd event. zu beseitigen. Die Behandlung selbst ist meist einfach und naturgemäß, und die Methode für jeden leicht ausführbar. GemsimMtzsges. Behandlung der Heiserkeit. Heiserkeit entsteht durch Entzündung und Schwellung der Stimmbänder. Dieselbe kann vorübergehend ober dauernd sein. In ersterem Falle ist sie gewöhnlich durch eine „Erkältung" verursacht und verschwindet meistens in einigen Tagen. Besondere Gefahren sind gewöhnlich nicht damit verbunden. Es kann wohl zu sogenanntem falschem Krupp und zu vollständiger Sprachunfähigkeit kommen, aber diese Zustände sind in der Regel bald wieder gehoben. Bon ernsterer Bedeutung sind dagegen die Fälle von chronischer Heiserkeit. Eine solche bleibt häufig zurück nach einer akuten Kehlkopfentzündung. Sie ist dann ein zwar lästiges, aber kein für den Betreffenden gefährliches Leiden. In frischen Fällen genügt es, wenn wir den Betreffenden in Schweiß bringen, dem wir irgend ein kühlendes Bad oder andere kalte Wasseranwendimg folgen lassen. Empfehlenswert sind feuchte Umschläge um den Hals, welche wir je nach dem Grade der Entzündung mehr oder weniger häufig wechseln. Sollte das Fieber, welches gewöhnlich mit derartigen Zuständen einhergeht, sehr heftig sein, so behandeln wir dasselbe mit kühlen Bädern, Einpackung oder Waschungen. Die Diät muß natürlich dem Fieberzustande entsprechen. Selbstverständlich werden wir bestrebt sein, für größte Ruhe des entzündeten Organs zu sorgen, d. h. wir werden dem Kranken die Anstrengung der Stimmwerkzeuge,. ->das Sprechen streng untersagen. Gurgelungen, welche spvoft verordnet werden, sind aus diesem Grunde also ebenfalls zu untersagen. Anders bei der chronischen Heiserkeit. Bei dieser lassen wir den Kranken gurgeln, und dq, dies nur zur Anregung des Blutumlaufes geschieht, so brauche man einfaches. Wasser. Antiseptische Lösungen sind vollständig überflüssig. Auch milde Dampf- einatmuttgen sind häufig zweckentsprechend. Daneben müssen wir nie versäumen, durch eine geeignete Wasserbehandlung für Abhärtung der Haut zu sorgen, welche gerade bei der Behandlung der chronischen Heiserkeit, wie überhaupt bei allen Katarrhen der Luftwege, von größter Bedeutung ist. Verfahren zur Vertilgung von Motten re. D. R.-P. 100709. Angeführtes Verfahren verbindet neben dem sicheren Ausrotten der Motten auch das Angenehme, daß die Kleider einen Wohlgeruch erhalten, was man z. B. von Naphtalin und Patschouli nicht behaupten kann. Fünf Gramm Cumarin (in jeder besseren Droguerie erhältlich) werden in 1000 Gramm 96 prozeutigem Alkohol gelöst und damit die Kleider bespritzt. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. AABEEEHI M MOORERS Vorstehende Buchstaben sind üi.Ouabratform derart zü 'tbncit, daß die vier wagercchten Reihen gleichlautend mit den senkrechten sind und Wörter von folgender Bedeutung bilden: 1. Gemütsbewegung; 2. Arzenei- siflanze; 3. Blume; 4. Gewässer. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.: Darwin, Irene, Eisenzeit, Niobe, Ordensstab, Turandot, Leier, Eschenbach. Die Anfangsbuchstaben und die Endbuchstaben von hinten nach vorn ergeben: Die Not lehrt beten. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.