(Nachdruck verboten.) Der Bauer vom Wald. Novelle von An ton v. Perfall. (Fortsetzung.) So kam der April. Die Stürme fegten durch den Wald, die Schneemassen schmolzen, regnerisches, rauhes Wetter trat ein, und Johannes hoffte wieder.. Die Schlüsselblumen erschienen, ein feiner, grüner Schimmer unterschied die Weichhölzer, die Lärchen von den finsteren Tannen, in denen der Saft sich langsamer zu regen begann. Immer noch alles still unter dem Mooswerk, unter den Rinden, und doch war es Johannes, als höre er ein geheiminsvolles Pochen und Rieseln im Wald, wie von geheimnisvoll sich regendem Leben. Seine Angst stieg. Der Mai zog in das Land, so freudig und duftig wie je, alles hallte von Sängern im Wald und Hag, und in den Fichtenpflanzungen reckten sich die jungen Triebe. Tas Leben war voll erwacht! Eines Morgens entdeckte des Bauern schon geübtes Auge die erste Raupe, dann mehr. Ein ganzes Klümpchen Sewegte sich in einer Rindenfalte. Und bis zum Mittag ging schon ein seltsames, leises Rieseln durch den Wald, welc^s die Bewegung der Milliarden Körperchen, das Fallen von Nadeln und Rindenstäbchen verursachte. Ein Sonntag den 31 März LL •ggg AB; ■ 1901. - Rr. 47 IM - u C-.fc W ■ Zoozmann. turnt und Regen Soll mir den Weg nicht verlegen, Soll mir nicht hemmen die Sohle — Durch! sei meine Parole. Kann doch der Sonne Licht Immer mit Wonne nicht Erdcnwärts schauen! Starkes Vertrauen Auf die Kraft, die dir selber zu eigen, Mußt du zeigen, Wenn dich die Nebel umbrauen: Keck voran! Und magst du auch irren: Wer wagen kann, Ist der rechte Mann. Ihm wird zum Wohle Sich alles entwirren — Durch! sei meine Parole. Sonnentag hatte alle die ungezählten Hüllen gesprengt, dieses Meer von Leben geweckt! Johannes dachte unwillkürlich, seines unwürdigen Benehmens in jener Unglücksnacht. Er wäre jetzt nicht im stände gewesen, nur eine Klage laut werden zu lassen. Er beugte demütig das Haupt unter der Größe des Ver- hängnis'ses. Ja, selbst dem Versuche des treuen Grimm, welcher die Jugend des ganzen Torfes aufbot zur Raupenjagd, stand er völlig apathisch gegenüber. Er betrachtete sogar jetzt mit einer gewissen Neugierde die Fortschiritte des Prozesses, der sich unter den günstigsten Witterungsverhältnissen mit unheimlicher Raschheit vollzog. Ter Fraß hatte begonnen! Graue Massen wälzten sich Stamm auf, Stamm ab, Körper über Körpcn Ein unendliches Ringen und Kämpfen begann. Die äußersten Astspitzen schwankten unter der Last der in Traubengebilden herabhängenden Raupen. ®n ununterbrochener Regen rieselte herab, zernagte Nadeln, die Exkremente der Tiere, während der Boden sich mit einer dichten Schichte Unterlegener, Verdrängter, Getöteter bedeckte. Ein unerträglicher Verwesungsgeruch stieg auf, wo noch vor einer Woche der köstliche Geruch des Harzes, der jungen Blüten die Luft erfüllte. Er vergiftete förmliche den Bauern, der einem kranken, erschöpften Greise glich. Selbst Matthes und die Mutter betrachteten ihn mit Mitleid, versuchten sich sogar in Tröstungen und Bedauernissen. Doch denen winkte er nur mit einem herben Zug um den Mund ab. „Laßt das! Was sein mnaß, muaß sein!" Sommerlicher Wald, in dessen kühlen, duftigen Schatten wir fliehen aus dem heißen, bestaubten Leben, von uralter Sehnsucht gepackt! Ob du in glühendem Sonnenbrand ruhst, von tausend Lichtern und Schatten durchspielt, oder die Nacht herab sich senkt auf die flüsternden Wedel und Zweige, Nebelschleier phantastisch um die bemoosten Stämme schweifen, segensreicher Regen auf dich herniederrauscht, oder der Sturm deine Wipfel peitscht, fahle Blitze dich durchleuchten, ob die aufgehende Sonne dich in prunkendes Gold und Diamanten kleidet, oder die unter- gehende mit einem feierlichen, roten Schimmer überströmt, immer bist du erhaben und schön! Ja, selbst wenn die gierigen Flammen, von unvorsichtiger oder böser Hand entfacht, prasselnd, knallend, von Gipfel zu Gipfel fliegend, dich verzehren, oder der entfesselte Orkan in jähem Anprall dich mit Donnergetöse zu Boden schmettert, ist dein Tod erhaben. Und jetzt all die würdige Größe zernagt, beschmutzt von einer Raupe, ein. häßlicher, dürrer, übelriechender, riesiger Leichnam! Keine grüne Nadel war übrig geblieben. Weit und breit nichts als rote, kahle Wipfel. Nur einzelne Eichen ragten wie grüne Oasen aus der dürren Baumwüste empor. 186 llnh darüber die Ruhe des Todes. Kein Vogel ließ sich hören. Die überlebenden Raupen hatten sich verpuppt. Die Vernichtung war eine vollständige. Johannes erhielt von der Forstbehörde ein amtliches Schreiben, nach welchem der völlige Abhieb der kahlgefressenen Flächen noch diesen Sommer bewerkstelligt werden mußte, um weiterem Unheil vorzubeugen. Johannes las es zweimal, dann hielt er sich die Brust mit beiden Händen, atmete schwer auf und rief nach Matthes. Der kam ganz schüchtern herein, er wußte, daß ein Schreiben gekommen, was es enthielt, aber er wollte es sich nicht merken lassen. „Da, leS." Der Bauer legte ihm das Schreiben vor. Matthes wurde feuerrot. Einen Schrecken zu heucheln wagte er doch nicht vor dem prüfend auf ihm ruhenden Luge des Vaters. „Ja, mein Gott, was is da z'mach'n, wenn das Forstamt befiehlt", stotterte er. „Uebrigens von weg'n der Verwertung brauchst kein' Sorg' z'hab'n. 's Bergwerk und die Papierfabrik pass'n schon lang drauf." „So? 's Bergwerk und die Papierfabrik!" wiederholte Johannes, in heftigem Zorn an seinem Schnurrbart kauend. „Und wenn s' mir's in Gold aufwieg'n, jeden Bam, sie kriag'n kein' Stamm, kein' Steck'n!" Es war die letzte Aufwallung. Gewaltsam unterdrückte er sie, sich mit dem farbigen Sacktuch über das Gesicht fahrend. „Tu schreibst an Herrn Polentz, glei soll er komma. Ter mir schnell auframt, der is ma der Liabste. Auf's Geld pfeif i! Wenn i daran denk, daß i's anrühr'n soll, graust ma schon." Er erhob sich gebückt. Tann warf er einen sonderbaren Blick auf Matthes. Es lag mehr bitteres Weh darin als Zorn. „Dir graust's fr eilt net davor. Geld! Geld! Tas is ja Euer ganz Begehr, was a drüb'r zu Grund geht. — No ja", er reckte sich gewaltsam auf. „All's hat a End auf der Welt. Schreib nur dem Polentz." Er ging langsam aus der Stube. Vor dem Hause blieb er stehen. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, wie er so über die dürren Wipfel blickte, über das fahle Rot ringsum. Plötzlich zuckte er zusammen, hielt die Hand über die Augen und beugte sich weit vor. Was war das, was da heraufblitzte mitten aus dem Walde? Er beugte sich rechts, er beugte sich links. Kein Zweifel, es war ein Fenster, in dem die untergeheUde Sonne ihr Lichtspiel trieb. Es gab aber nur ein Fenster im ganzen Wald, das Fenster der Holzerhütte. Er trat wenige Schritte beiseite, da erblickte er auch den schwarzen Giebel. Der Anblick überwältigte ihn, er mußte sich, auf die Bank setzen. In wenig Wochen steht kein Baum mehr zwischen der Hütten und dem Hof, und dann, dann kommt wirklich der Händler, von dem er damals gesprochen mit dem alten Grimm — da kann man es sehen, was für ein armseliges Ding ist um den menschlichen Stolz! Der Ferl war ihm zu schlecht gewesen für die Tochter des Bauern vom Wald. Aber in wenig Wochen giebt's ja kein' Bauer vom Wald mehr; nachher wär' ja der Ferl auch nimmer zu schlecht, der Sohn von dem einzigen Menschen, der mit ihm weinen wird um den schönen Wald! Denselben Wend noch ging er zum Grimm und zeigte ihm das Schreiben von dem Forstamte. Dem schweigsamen Alten, der bis dahin mit stoischer.Gelassenheit die Katastrophe über sich ergehen ließ, den auch der entsetzliche Gestank der Verwesung ringsum nicht vertreiben konnte, liefen jetzt die hellen Thränen über die tiefgefurchten Wangen. “ „Und den Ferl laß komma, glei morg'n. Es giebt jetzt Arbeit g'rad genua für ihn, er muaß komma!" Grimm sah mit offenem Munde auf seinen Herrn. Der wies mit dem Stecken gegen den Hof; zwischen den des Nadelwerkes beraubten Stämmen sah man ihn deutlich liegen auf der Höhe. „Da schau hin! Ms in an Monat kommt's schon no besser." „Das soll heiß'n, Bauer?" fragte Grimm mit zitternder Stimme. „Das soll heiß'n, daß bis in an Monat kein' Bauer« vom Wald mehr giebt, und — und daß für an Bauern ohne Wald bet’ Ferl grab guat gnua wär' als Tochtermann." Johannes reichte dem Alten tiefbewegt die Hand, die Lippen zuckten ihm verdächtig. Auch, der knorrige Alte war ergriffen. Ein Lebensalter hindurch gewahrte Treue, die gemeinsame Liebe, die sie seit Jahrzehnten verband, brach durch in dieser arbeitsharten Brust. „So schwör’ i dir dageg'n, so wahr unser Herrgott mir hels, und mein Buab'n — wir wvll'n dein'm Wald treu bleib’n, bis wir b’ Aug’n schliaß'n und acht'n braus, wia auf unser Seelenheil." „Mein Wald, sagst? I hab’ ja kein' Wald mehr in an Monat, sag i Dir!" erwiderte der Bauer. „So, meinst, weil die alt'n Teufel da umanaud nimmer steh'n? Und was is denn nachh’r das da?" Er stieß mit dem krummen Fuß gegen beit Boden. „Ruhr da nut’ net a Dutzend solche Wälder? Geht das aus? Der Bod'n is der Wald, und bett tön na kaue Raup'n net fress'n, kein Wind verweh’n und kein Feuer ver- brenna. — Also!" Johannes sah den Alten betroffen an. Daran hatte er in seinem Gram nicht einmal gedacht. Einen Augenblick zuckte es auf in ihm wie Freude, doch rasch erstarb die augenblickliche Regung. Er schüttelte nur traurig den Kopf. „Mei’, Grimm, wir erleb'n ’s nimm«, und den«, die nach uns komma, wachs'n b’ Bam z' langsam. I dank Dir für ben Trost, aber — laß ben Ferl komma." Johannes ging, er konnte es nicht aushalten in der vergifteten Luft. Grimm aber schrieb auf bem Hackstvck vor der Hütte mit zitternder Hand an seinen Sohn: „Liaber Ferl! Kommen sollst, meint der Bauer, und zwar glei. Wir schau’n jetzt z'samm, der Hof und die Hütt’n. — Kennst Di aus? — I bin alt und z'samm- g'arbeit und hab Di wol nöti, und do war's mir glei liab'r, i kriegt' Di nimma z’seh’n, als das Unglück. Aber da bist g’rad a Muck'n geg’n so was. Unser Herrgott, der ben Wald wachs’n laßt, kann an a wied'r nehm« und umg’kehrt, ganz richti, so mein i, 's wird do nv all's sein Richtigkeit hab'n. Also schleun' Di, Bua, 's Rosl is alleweil no richti! Dein alter Vater Grimm/'' Das war der längste Brief, ben er je geschrieben, die Finger waren ihm stocksteif davon. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungszauber. Eine Palmsonntagsgeschichte von Luise Glaß. (Nachdruck verboten.) Adele Franzius stand auf der Anfahrt des stattlichen alten Hauses, das sie im Dorfe das Schlößchen nannten, und wartete auf ihren Vater. Der frische Märzwind zauste ihr an Hut und Schleier, fegte die letzten welken Blätter von der Hoflinde und wirbelte den Kies durcheinander, auf dem der Kutscher ben Landauer langsam im Kreise fuhr. „Auch noch", dachte Adele ärgerlich; „erst zwingt mich Papa, diese leidige Konfirmationsfeier mitzumachen, und nun stehe ich hier und warte, weil die Schecke gehustet hat. Ich werde doch wohl heiraten müssen, um endlich einmel selbständig zu werden." Wer selbst der Aeraer stand diesem Gesicht gut. Der weiche, stolze Mund, die sprühenden Augen — kein Wunder, daß man sie ringsum die Schöne nannte, und daß mehr als einer hoffend darauf wartete, daß sich Adele Franzius zum heiraten entschlösse. Sie wußte ganz genau, daß gewartet wurde und wer wartete; verliebt hatte sie sich glücklicherweise in keine», also konnte sie, unbeirrt von thörichten Gefühlen, mit Verstand und Vorsicht den Liebenswürdigsten und Reichsten auswählen: das war ohne Frage Nachbar Poten. Nachbar Poten hatte das größte Gut in der Nähe bei' Hauptstadt, Nachbar Poten wußte zu reden und zu schweigen, Nachbar Poten beherrschte die Formen der tzK- sellschaft und war auch sonst unterhaltend; denn er hing nicht allein an Adelens braunen Augen, sondern sah auch manchmal in die blauen ihrer Base Lola. Und diese 187 chörichte Lola liebte den Mann, den Adele zwar an einem Losen Fädchen, aber doch ganz sicher festhielt. Einfach Größenwahn war es, wenn Lola hoffte. Adele lachte leise auf. „Ra, das ist schön, Mädel, daß Du trotz des Wartens bel Humor bleibst", sagte heiter der Domänenrat Franzius winkte den Wagen heran und stieg ein. Adele sprach nicht viel auf der Fahrt, und bas war dem Later eben recht, das freundliche Gesicht genügte ihm- er hatte genug umherzuschauen, ob ringsum alles in Ordnung sei. Heute toar’S übrigens nicht nur in -Ordnung, heute lag Feiertagsglanz auf der Erde: Der erste schüchterne Früh- -üng warf seinen braungrünen Schleier über die Bäume und dre Luft zitterte vom Klang der Palmsonntagsglocken. Zm Dorf standen die Konfirmanden schon da und dort vor den Thnren: neue steife Kleider, glattgeölte Haare, rot» gewaschene Gesichter — „ein abscheulicher Anblick", dachte Adele, — den Glanz in den Augen, den ehrlichen Ernst in den Kindergesichtern sah sie nicht. Und dasselbe, nur um ein weniges verfeinert, soll ich. nun zwei Stunden lang regungslos anschauen, soll mich auch noch bedanken, daß die Verwandten mich dabei nicht entbehren wollen, und soll am Ende einen ganzen Tag lang ein grünes Backfischchen feiern helfen, das sich entweder in hilfloser Bescheidenheit verkriechen möchte, oder Dor lauter Wichtigthuerei unerträglich wird. Das schöne Gesicht sah schon wieder zornig aus; da rollte ent leichter Zweisitzer hinter ihnen her, holte den Landauer cm und fuhr ein paar Minuten neben ihnen hin. „Morgen, Herr Nachbar." „Morgen, Poten. Na, wo hinaus. Auch 'ne kleine Kon- Iwmandin irgendwo?" „Ihr Herr Bruder hat die Freundlichkeit gehabt, mich einzuladen — da haben wir wohl einen —" ®r hielt inne. Die Augen der schönen Adele glänzten plötzlich auf in liebenswürdiger Freude. Sie freute sich — freute sich wirklich ! Aber da hatte er ja endlich ein Zeichen! Gott sei Dank, dachte Adele, nun muß ich' mich heute doch nicht unbedingt langweilen. Laut aber sagte sie lächelnd: „Fahren Sie zu — Ihre Pferde tanzen vor Ungeduld — auf fröhliches Wiedersehn." Da ließ Poten den Zügel locker und fuhr wie der Teufel davon." „Ich dachte gar nicht, daß der so'n Durchgänger sei", fagte Franzius lachend und ließ unentschieden, ob er Poten oder den Fuchs meinte. . , Als sie aber bei den Verwandten eintrafen, war der Nachbar noch nicht da, und die leise Verstimmung packte Adelen wieder. Natürlich! Tante Franzius bei jedem Wort zu festlichen Thränen geneigt, Onkel etwas unbehaglich, als sei ihm die Feierlichkeit im Hause ein schlecht sitzendes Kleid, Base Lola sehr reizend, aber melancholisch schweig- ;anr. — Ungeweinte Potenthränen hinter den Wimpern, dachte Adele ärgerlich. Ich kann Dir nicht helfen, Blondkopf, Poten ist der einzige Mann, der für mich paßt. Nur über die zierliche Hauptperson konnte sich Adele benn besten Willen nicht ärgern. In dem duftigen, weißen Kleid stand sie so glückselig dankbar vor der Blumenpracht, die allerlei Freunde des Hauses für sie geschickt hatten, daß man sich an ihr freuen mußte. „ „Kleines Mädel", sagte Adele, unwillkürlich ein wenig zärtliche wie wird Dir zu Mute sein, wenn Dich die Menschen nun urplötzlich Sie nennen?" Maia sah die Base fragend an, dann schlang sie ihre Arme um die Schöne und flüsterte: „O goldene Adele, tote lieb bist Du heute mit mir. Nun kann ich Dir auch sagen, wozu ich niemals den Mut fand: Ich bin Dir unmenschlich^ gut, ich möchte werden wie Du, so vollkommen und herrlich-, Mit dem Sie sagen, weißt Du, das wird nur ein bischen wunderlich sein, aber all das andre: daß ich eme Haustochter werde, wie sich's die Eltern wünschen und <01(1, eine gute Schwester, und immer gerade das thue, was nchtig ist, so wie Du, und — und daß ich halte, was ich heute versprechen will, und nichts von dem' vergesse, was mir gelehrt worden ist, und es wachsen lasse und immer besser verstehen lerne — ach goldene Adele, mir wird beinahe angst. wenn ich daran denke, wie ernst das Leben ist, und wie wenig ich davon verstehe. Träumerisch hörte Adele zu — sie sah sich selber im weißen Konfirmationskleid, auf der Treppe des heimatliche» Schlosses stehen, — hatte sie damals nicht auch- dergleichen gefühlt? Hatte sie sich damals nicht auch dergleichen versprochen? — Und wo hinaus war das alles verflogen. Sie lächelte Maia an und strich ihr behutsam über das- weiche blonde Haar, wie man über eine Knospe streicht, die aufblühen will. Aber sie antwortete nicht, und als eben jetzt Poten mit einem Rosenstrauß eintrat, legte sie unwillkürlich den Arm um die jungen Schultern, als müsse sie die Knospe vor irgend etwas behüten. Das sah so liebenswürdig aus, daß Poten beinahe vergaß, für wen seine Blumen bestimmt waren. Mit zwei Schritten stand er vor den Basen und sprach über Maias lichten Kopf weg: „Mein gnädiges Fräulein —" Adele aber sagte lächelnd: „Da steht die Hauptperson." Poten kam zur Besinnung; Maia erhielt ihre Rosen, die Eltern wurden begrüßt, und endlich stand der Gast auch bei Lola. Ein sanftes Rot der Freude stieg in dem stillen Gesicht auf, und Adele fühlte seltsamer Weise etwas wie Befriedigung, als die Beiden jetzt eingehend mit einander sprachen. ©te_ setzte sich neben die Blumen, hielt Maias Hand und lauschte dem ernsthaften Geplauder des jungen Mundes. Aber sie lauschte nicht lange, der schwüle Rosenduft drang ihr in alle Sinne, die Palmsonntagserinnerungen verblaßten, und je länger die drüben sprachen, desto heißer und zorniger wurde ihr zu Mute. Ich will nicht übersehen werden, ich will nicht im Winkel sitzen, dieser Mann soll mein Mann werden. Plötzlich stand sie auf. Maia schrak zusammen: „Hab ich etwas Thörichtes gesagt?" Da erst fiel ihr ein, wer da stand und wer mit ihr gesprochen hatte. Man sah ihrem Blick an, daß er aus weiter Ferne kam, aber als er das schüchtern bewundernde Kindergesicht traf, wurde er weich, und zärtlich. „Du bist ein liebes Ding", antwortete sie sanft, „aber jetzt mußt Du zu Deiner Mutter gehen, es ist Zeit." Sie selbst trat zu Lola, schob ihren Arm in den der Base und sah Poten an. Sie lächelte nur, aber bei diesem Lächeln fiel ihm das Aufleuchten ihrer Augen wieder ein, und heiß wallte es in ihm auf: Sie liebt Dich ja, die Schöne, Reiche, Spröde, Vielumworbene. Dich liebt sie! Lolas stille Anmut verblaßte daneben. Auf der Fahrt in die Kirche saß Poten mit Adele im Wagen, in der Kapelle, von der aus sie die junge Schar der Konfirmanden gerade vor sich hatten, blieb er neben Adelen. Er schob ihr den geschnitzten Kirchenstuhl zurecht, rückte ein Fell unter ihre Füße, schlug ihr das Gesangbuch auf — ehe er damit fertig war, hatten sich die andern schon allein geholfen. Der Stuhl zu seiner Rechten blieb leer — Lola hatte ihn schon in der Hand gehabt, als sie aber Potens eifrigen Dienst sah, ging sie still nach der andern Seite und setzte sich dort, halb verborgen hinter einen Pfeiler. Poten merkte gar nichts davon, wie konnte man irgend etwas anderes bemerken, so lange einen Adele Franzius braune Augen festhalten wollten. Die Kirche war dicht gefüllt; aus allen Kapellen, von allen Emporen richteten sich zärtlich sorgende Blicke auf die junge Schar hinab, — im Schiff leuchteten junge, andächtige. Augen, schimmerten weiße Feierkleider, brannten glühende Wangen. Nun begann die Orgel ihre feierliche Weise. Adele that einen tiefen Atemzug — sie freute sich doch, da zu sein. — es war doch schön so viel Jugend, so viel Hoffnung, so viel Andacht versammelt zu sehen. So hatte sie auch gesessen — daheim in der kleinen Kirche, die das Dorf und ihre Eltern gemeinsam, in Liebe und Verehrung für sie, damals ganz besonders reich geschmückt hatten. Sie hatte ganz genau gefühlt, daß sie den meisten der Versammelte« für die Hauptperson galt, und war doch nicht eitel darauf gewesen, nicht einmal stolz — nur ganz erfüllt von dem, was sie für diese Liebe und Verehrung zurückgeben müsse an Gegenliebe, an Hilfsbereitschaft, an Vorbildlichkeit, ms je ein gebundenes Exemplar des von der Kritik als crne Erscheinung allerersten Ranges gekennzeichneten Buches Siegen oder Sterben. Die Helden des Bnrenkrieges. Bilder und Skizzen nach eigene« Erlebnissen von Fred. Rompel, Parlanientsberlchterstatttr und Kriegskorrespondent der „Volksstimme" in Pretoria. Die Namen der Gewinner werden seinerzeit in de« „Familienblättcrn" veröffentlicht, und sind die Preise gegen Vorzeigung der Abonncmentsquittung m unserer Gcschaftssteue Schulstraße 7 in Empsang zu nehmen. Adele hörte nichts von dem, was sie da unten sangen, sie sah auch die jungen Gesichter nicht, nur unbestimmte Klänge berührten sie und ein undeutliches Bild von Feierlichkeit und Schönheit. < Aber das Kirchlein von damals sah sie deutlrch, und den lieben, alten Pfarrer hörte sie sprechen, als stünde er vor ihr: „Dir ist viel gegeben — Herz, Verstand, Schönheit und Reichtum, — aber es wird auch viel von Dir gefordert werden, wuchere mit Deinem Pfund." Und was hatte sie gethan? — Geschwärmt zuerst, «ich und den anderen die Sterne vom Himmel versprochen und dann sich weggewandt vom rechten Wege, sowie ihn ein Stein oder ein" Dornbusch ein wenig mühselig machte. _ Der alte Pfarrer war gestorben, das Mutterauge, dessen zärtlichen Segensblick sie eben jetzt so deutlich spürte, hatte sich geschlossen. Sie war die verwöhnte Herren daherm, ihr fiel alles in den Schoß — und sie hatte nie genug. Ter Geistliche unten sprach mit eindringlicher Beredsamkeit aus die jungen Seelen ein - Adele hörte ihn nicht und vernahm doch eine Predigt. Als der Geistliche hier die Hand segnend auf Maias blonden Scheitel legte, da meinte sie die zitternden Finger ihres alten Pfarrers zu spüren und schloß die Augen. Die schöne Saat, dachte sie, und nichts ist aufgegangen als Selbstsucht und Eitelkeit. — Nun war es vorbei — Stühle rückten, ein Flüstern erhob sich. Adele kam aus der andern Welt zurück, wandte sich seitwärts und sah in Polens Augen. , . , Der war auch: nicht ganz bei der Sache gewesen, der hatte allerlei widersprechende Empfindungen in seinem Herzen in Einklang bringen wollen — jetzt aber, da er die Schöne sah, deren Augen noch von einer fernen himmlischen Welt erfüllt schienen, neigte er sich zu ihr und flüsterte hastig: „Mein teures Fräulein, hier ist heiliger Boden, darf ich Ihnen hier sagen" - Da wachte Adele auf und wußte auf einmal ganz genau, was sie jetzt thun mußte, wenn sie sich nicht zeitlebens vor der anderen Adele schämen wollte, die einst am Palmsonntag daheim in der kleinen Dorfkirche gekniet hatte. „Nein", sagte sie leise, aber sehr bestimmt. ,Sie irren sich, irren sich ganz uttb gar in mir, und eben jetzt auch in Ihren eigenen Gefühlen. Sehen Sie dorthin nach dem Pfeiler — dort steht Ihr Glück — ich habe nichts damit zu thun!" Verletzt richtete sich der junge Mann aus. War die schöne Adele eine Kokette? Spielte sie mit ihm? Steckte sie voller Launen? Sie trat still an die Brüstung und sah zu Mara hm- unter: den innigen Ausdruck des schönen Gesichts sah er nicht, er sah nur ihr sich Abwenden und blickte nach dem Pfeiler hinüber, wo ein Paar zärtliche blaue Augen jebe seiner Bewegungen verfolgten. Ein tiefer Atemzug befreite seine Brust, bie Kränkung war vergessen, er fühlte nur noch bas Eine: Dort stand sein Glück. Velhaaen & Klafings Monatshefte. Die ungemein interessanten Erinnerungen an seine Fugend- und Lehrjahre, bie Professor G n st a v E b e r l e i n in Velhagen & Klasings Monatsheften veröffentlicht, sinb im April-Heft bieser Zeitschrift zu Enbe geführt. Der Künstler hat sich enblich mit Hilfe ebler Menschen den Zutritt zur großen Kunst erkämpft. Er hat bret Jahre lang in Nürnberg bie unter Leitung F. A. Krelings stehende Kunstschule besuchen bürfen und wandert nun nach Berlin, wohin ihn der ausgehende Stern Reinhold Begas lenkt. Hier harrt seiner freilich noch eine Zeit voll Entbehrungen und Enttäuschungen, bis er endlich fern ganzes großes Können entfalten kann. Die Erinnerungen send von bestrickendem Reiz. .. , o Tas Heft bietet auch sonst viel Interessantes. Hanns von Zobeltih würdigt eingeheyd das Toppel-Trama Bjorn- stjerne Björnsous:' „lieber unsere Kraft" und das „U e b e r b r e t t l" des Herrn von Wolzogen; Siegfried Sa- mosch schildert „Spanien a in S ch e i d e w ege"; tz. Graf zu Dohna erzählt die wechselvolle Geschichte des Hadrians-Mausoleums ; W. Kleefeld giebt in dem Aufsatz: „Der 18. Januar 1701 in der deutschen Oper"; ein interessantes Zeitbild aus dem Theaterleben Hamburgs. Alle diese Artikel sind reich illustriert. Unter den nicht illustrierten Beiträgen hat uns besonders eine Novellette von Jeanne Bertha Semmig gefallen: „Madeleines Studienreise". Sie spielt nicht nur in Frankreich, sondern ist auch voll französischer Grazie. , Matti oh: >E. Burkhardt. - M und »erlag der Brühl'schm Um^tälMSutfr rnti St-mdruckrr-t (Pi-tsch *t6«R) tu ®iefra. Merkrätsel. Nachdruck verboten. Graben — Stündlein — Budoir — Kanne — Bier — Geist — Magd. Bon jedem der vorstehenden Wörter sind zwei nebeneinanderstehende Buchstaben zu merken, die alsdann im Zusammenhang einen Tag des Kirchenjahres bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Steuermahnzettel. GesASiKNÄtzege». Zucker als Nahrungsmittel wurde vor kurzem durch den französischen Physiologen Chaveau einer Untersuchung unterworfen. Der genannte Gelehrte nahm als Versuchsobjekt einen Hund und fütterte denselben wahrend 54 Tagen mit 500 Gramm Fleisch und 250 Gramm Zucke,. Obwohl der Hund täglich einen Weg von 24 Kilometer zuruck- zulegen hatte, hatte er doch am Ende der Versuchszeit um ein Fünfzehntel seines Gewichtes zugenommen. VsL'Mrsctztes. Buren-Humor. Lord Kitchener hatte kürzlich - zwar nicht den tapferen de Wet, wohl aber eine für diesen bestimmte Sendung Maggi-Würze abgefaßt. Als der Buren- General dies erfuhr, lachte er grimmig: Ta haben btt Englänber ja das Beste zum Würzen der Suppe, bie sie sich in Transvaal eingebrockt haben! Litterarisches. „Der Stein der Weisen" enihäll in seinem kürzlich erschienene». 19. Hefte eine Anzahl Abhandlungen, welche lcbhafics Interest- beanspruchen dürfen. In erster Linie güt dies von der eingehenden Beschreibung (mit instruktiven Abbildungen) über die neuen französischen Pustel- in Celesta-Harmoniums, welche als das Vollendetste aus dem Geb,etter musikalischen Jnstrumenleutechnik gelten dürfen. Ebenso neu ult» eigenartig seinem Inhalte nach ist der Anssatz über ^arbentelegraphli (mit erläuternden Figuren)/ Das Hesr enthält ferner eine umfangreiche Abhandlung über Städteanlagen mit zahlreichen Abbildungen, sodann eine Studie über Feldbau und Viehzucht 'M Spiegel der Kult r- q-schichte, ein- Skizze Zur Geschichte der Schiffahrt (nnt c,net „Seekarte" der Südsee-Jnsulaner), schließlich vielerlei kürzere Mitteilungen aus dem Ticrleben, der Naturkunde, dem Verkehrswesen, der Erd- und Völkerkunde, der Pflanzenkunde, eine mit hübschen Abbtldungen gcschunmtc Beschreibung des Münster t ha les im Elsaß u. a. m „Der Stein der Weisen" (A. Hartlcbens Verlag, Wien, erscheint m halbmonatlichen Heften im Umfange von 32 Großquartseiten, geschmückt nnt.30 bis 40 Abbildungen, zum Preise von 50 Psg. das Hesr. Jede Buchhandlung gibt Probehefte ab.