1901. — Nr. 172. Samstag den 30. November. MMs i 281 er kann sich manchen Wnnsch gewähren, AM Der kalt sich selbst nnd seinem Willen lebt; 'S*® Allein wer and're wohl zu leiten strebt, Muß fähig sein, viel zu entbehren. Goethe, Ilmenau. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann, (Fortsetzung.) Felicia ivar in diesen letzten Tagen durch die zahlreichen Besorgungen, die sie nach ihrer entschiedenen Erklärung keinem anderen überlassen konnte, derart in Anspruch genommen, daß sie kaum Zeit faitd, ihr Mittags- mahl gemeinsam mit der Familie ihres Verlobten einzunehmen. Ganz ermüdet, aber heiter und schöner denn je tvar sie an dem heutigen Abende nach Hause zurückgerehrt- und sie war diesmal ersichtlich ganz zufrieden, daß Herbert noch nicht da war, weil sie es liebte, für ihn noch besonders Toilette zu machen. „Er soll mich nicht in dem Anzuge finden, in dem mich alle die anderen während des ganzen Tages gesehen", hatte sie einmal erklärt, und obwohl er die zarte Aufmerksamkeit gar nicht bemerkt hatte, war sie dabei geblieben, sich eigens für ihn zu schmücken, auch wenn man weder Gäste erwartete, noch irgendwo zu Gaste gebeten war. Hilde leistete ihr im Toilettenzimmer Gesellschaft und machte allerlei geheimnisvolle Andeutungen auf die großartigen Ueberraschungen, die Felicia noch vor Ablauf des dritten Tages erleben würde. Sie war dabei von so übermütiger Heiterkeit, daß ihre künftige Schwägerin sie neckend fragte, ob vielleicht wieder eine Nachricht von dem Sylter Holden eingelaufen sei. Da sprang Hilde auf und schmiegte sich dicht an ihre Seite: , „Willst Du mir einen großen, einen sehr großen Dienst erweisen, meine geliebte Fee?" „Jeden, der nicht das Opfer meines Lebens oder eine Verschiebung meiner Hochzeit von mir fordert." „So versprich mir , mich hinfort nie mehr mit dem Doltor zu necken; denn er ist hier und er wird in unserem Hause verkehren. Ich würde also geradezu gezwungen sein, mich jedesmal vor ihm zu verstecken, wenn ich. fürchten müßte, daß meine Worte und mein Benehmen nachher eine Zielscheibe Deines Spottes sein würden." „Gut, ich verspreche es. Er ist also wirklich da, und Du hast ihn vielleicht schon gesehen?" Hilde nickte. „Er kam heute nachmittag, um einen Besuch zu Mächen, und da der Vater noch nicht zu Hause ivar, mußte er sich fast eine Stunde lang mit meiner Mutter und mir unter, halten. Tas heißt, was mich betrifft, so bestand die Unterhaltung lediglich im Zuhören. llitb ich wollte, daß ich tit seiner Gegenwart nie etwas anderes zu thun brauchte.^ „So? Ist er ein so interessanter Erzähler?" „Der interessanteste, den ich jemals kennen gelernt habe. Gerade weil alles, was er spricht, so einfach und natürlich klingt, könnte ich ihm stundenlang zuhören. Und denke Dir nur, Fee: sein Bein ist gar nicht mehr steif. Er kann ohne Stock gehen, nnd wenn man nicht sehr genau: darauf achtet, merkt man ihm gar nichts mehr an." „Es war also nur ein vorübergehendes Leiden?" „Ja. Eine Folge der Verletzungen, die er vor Jahresfrist bei einem Eisenbahnunglücke davongetragen hatte. Fünf Ständen ist er damals in den Trümmern eines zerschmetterten Wagens eingeklemmt gewesen, ehe man ihn befreite, und nach jenem Tage ist sein Haar innerhalb weniger Wochen beinahe ergraut." „Ein sehr merkwürdiger Mann — in der That! Ich beklage aufrichtig, daß ich nicht das Vergnügen hatte, ihn schon' heute kennen zu lernen." „O, Du wirst nicht lange darauf zu warten brauchen. Zu Deiner Hochzeit konnte ihn der Vater ja leider nicht mehr einladen; aber er hat ihn gebeten, zum Polterabende zu kommen, und der Doktor war liebenswürdig genug, fern Erscheinen zuzusagen." „Vortrefflich! Aber ich werde mich zusammen nehmen müssen, um Herbert keinen Anlaß zur Eifersucht zu geben — nicht wahr?" c , „Ach nein", sagte Hilde lächelnd, „der Doktor wird sich gewiß niemals bemühen, der Braut eines anderen gefährlich zu werden, selbst wenn sie so schön und liebenswürdig ist wie Du." „ .. , Felicia verschloß ihr mit einem Kuß die Lippen, und da sie mit ihrem Anzuge fertig geworden war, gingen sie m das Wohnzimmer hinunter. Herbert war noch immer nicht da, und der Stadtrat, der es niemals unterließ, seiner schönen Schwiegertochter bei Begrüßung und Abschied ritterlich die Hand zu küssen, hielt es für seine Pflicht, ihn zu entschuldigen „Es ist die Arbeit, die ihn nicht loslaßt. Aber nur wenige Tage noch, und Du wirst Dich für alle Entbehrungen schadlos halten können, mein Kind! Ein paar Wochen lang wird er dann ja ausschließlich Dir gehören." „Ach ja", sagte sie mit einem kleinen Seufzer, „aber die wenigen Tage, die mich noch von jenen glücklichen Wochen trennen, sie werden mir so entsetzlich lang. Ueb- riqeit8 —" fügte sie in verändertem Tone hinzu, — „ist mir s ganz lieb, daß ich noch vor seiner Heimkehr ein Paar Worte mit Dir sprechen kann, Onkel! Mein Vater hat. mir da einen Brief geschrieben, der sich auf meine Mitgift bezieht, und ich kann doch unmöglich mit Herbert über diese langweilige,r Geldsachen reden, für die er sich anscheinend 686 ebensowenig interessiert als ich. Da — ich habe den Brief zu mir gesteckt" — sie zog das ziemlich nachlässig behandelte Blatt ans ihrem Busen — „und will Dir die betreffende Stelle vorlesen. Sie lautet: „Durch Vermittelung meines hiesigen Bankiers werden beim Eintreffen dieses Briefes Lei dem Hause Kühn & Harders in M. bereits hundertund- fünfzigtausend Dollars für Dich angewiesen worden fein, und man wird nicht unterlassen, Dich davon zu benachrichtigen., Das ist Deine Mitgift, und Du kannst ganz nach Deinem belieben darüber verfügen. Wenn ich Dir indessen einen väterlichen Rat geben soll, so ist es der, das Geld auf Deinen Namen bei dem Bankhause liegen zu lassen und Deinem Gatten nur die Verfügung über die Zinsen einzuräumen. Wie ich die deutschen Verhältnisse kenne, sind diese Zinsen ausreichend, Euch eine sehr behagliche Lebensführung zu ermöglichen, und da Herbert Ignatius kein Geschäftsmann ist, der das Kapital arbeiten lassen könnte, so hat er wohl kein Interesse daran, daß es ihm zugänglich gemacht werde. Aber wie auch immer Du es einrichten magst, jedenfalls mußt Du darauf bestehen, daß niemals ohne Deine Einwilligung und Deine Unterschrift ein Teil der Mitgift abgehoben werden darf." Und so weiter —! Ich glaube, es ist in der That das Einfachste und Vernünftigste, was mir mein Vater da vorschlägt. Willst Du Herbert statt meiner fragen, ob er damit einverstanden ist? Mir ist es, wie gesagt, viel zu peinlich, mich über solche Dinge mit ihm zu unterhalten." Es war, gut, daß ihre Augen durch die Lektüre des Briefes anderweitig beschäftigt gewesen waren, sonst würde sie sicherlich der Ausdruck einer auf das äußerste gesteigerten Spannung in den Zügen des Kämmerers befremdet haben. Denn ein wie guter Schauspieler Ignatius auch war, in diesem Momente vermochte er doch nicht ganz zu verbergen, was in jeütent Innern vorging. „Gewiß, mein Kind, das will ich von Herzen gern thun. Und von seiner Seite ist wohl kaum ein Widerspruch zu erwarten. Aber mein guter Georg schätzt uns denn doch etwas zu gering, ivenn er meint, daß wir es nicht verständen, ein Kapital arbeiten zu lassen. Gerade in der allernächsten Zeit dürste sich mir Gelegenheit bieten, mich mit einer Summe von hundert- oder hundertfünfzigtausend Mark an einem äußerst gewinnbringenden Unternehmen zu beteiligen. Und ich sehe nicht ein, weshalb ihr diesen günstigen Zufall nicht benützen solltet." „Wenn Herbert es für zweckmäßig hält, werde ich gewiß nichts dagegen einwenden." Ter Stadtrat wiegte lächelnd den Kopf. „Von seiner Entscheidung werden wir uns allerdings kaum abhängig machen dürfen, liebste Felicia; denn ein kaufmännisches Genie ist er bei all seiner sonstigen Begabung niemals gewesen. Ich denke, wir beide machen die Spekulation lieber auf unsere eigene Hand und begnügen uns, ihn mit der Kunde des glücklichen Gelingens zu überraschen." Verwundert blickte sie auf, um dann in entschiedener Ablehnnng den Kopf zu schütteln. „Hinter seinem Rücken — meinst Tn? Nein, das werde ich niemals thun. Ich will kein Geheimnis vor ihm haben, das mir nicht die Umstände geradezu aufzwingen — und ich will ihn nicht betrügen, wäre der Betrug auch noch so harmlos und unschuldig!" Ludwig Ignatius grub die Zähne in die Unterlippe. Er fühlte, daß er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte und er konnte nicht einmal versuchen, sie auf der Stelle wieder gut zu machen; denn eben erschien die hohe Gestalt seines Sohnes auf der Schwelle, und mit einem jauchzenden Freudenruf, die ganze übrige Welt vergessend, flog ihm Felicia entgegen. Dreizehntes Kapitel. Nun war der große Abend gekommen, für den mau so viele geheimnisvolle Vorbereitungen getroffen, und den das junge Volk aus dem Bekanntenkreise der Jgnatius'schen Familie mit so lebhafter Ungeduld herbeigewünscht hatte. Schon um acht Uhr waren die ersten Polterabendgäste erschienen, und jetzt, um die neunte Stunde, schwirrte es bereits in sämtlichen Borderzimmern von plaudernden und lachenden Stimmen. Felicia, die nach ihrer Gewohnheit ein hellfarbiges, aber diesmal auffallend einfaches Kleid trug, war die schönste und strahlendste Braut, die man je gesehen. Man hätte fie trotz ihrer vollentwickelten, junonischen Gestalt für eine Siebzehnjährige halten können, so jungfräulich zart war der rosige Hauch ihrer durchsichtigen Haut, so kindlich hell klang ihr munteres Lachen, und so elfenhaft beweglich flatterte sie von einer Gruppe zur anderen, nm überall mit demselben reizenden Mienenspiele dieselben Artigkeiten und Schmeicheleien einzuernten. Tie Damen hatten sich zumeist sogleich in den seiner gewöhnlichen Ausstattung vollständig beraubten großen Salon verfügt, wo die improvisierte Bühne und die in langen Reihen ausgestellten Stühle auf bevorstehende theatralische Genüsse hindeuteten, während die Herren noch in den anstoßenden Zimmern geblieben waren, um mehr oder minder ernsthafte Gespräche zu führen. Man erwartete in jedem Augenblick das Zeichen zum Beginn der Ausführ- ungen; denn schon vor einer geraumen Weile hatten sich die mitwirkendeü jugendlichen Künstlerinnen und Künstler — unter ihnen natürlich auch Hilde — zum Zwecke der Kostümierung in die hinteren Gemächer der Wohnung zurückgezogen. Da sich bei der Generalprobe ein empfindlicher Mangel an Garderoberäumen fühlbar gemacht hatte, war auch Felicias Zimmer heute dafür in Beschlag genommen worden, und Hilde hatte ihr auf das Strengste eingeschärft, daß sie es vor dem Beginne der Vorstellung nicht mehr betreten dürfe. Das Lärmen und Lachen des jungen Völkchens, das da hinten sein übermütiges Wesen trieb, drang zuweilen bis zu der vorn versammelten Gesellschaft herüber und steigerte die fröhliche Erwartung, mit der man den kommenden Dingen entgegensah. Einen nur gab es, dessen unveränderlich ernste Miene so wenig von freudiger Ungeduld als von stolzem Glücksgefühl erkennen ließ — und dieser eine war der vielbeneidete: Bräutigam. Er hatte sich bisher beharrlich unter den im Arbeitszimmer seines Vaters versammelten Herren auf- gehalten, obwohl ihn der Stadtrat schon wiederholt verstohlen darauf hingewiesen hatte, daß sein Platz heute lediglich an Felicias Seite sei, und daß er es getrost ihm überlassen dürfe, den Gästen die Ehren des Hauses zu erweisen. Nun aber schien die junge Braut nicht länger geivillt, eine so ungebührliche Vernachlässigung zu dulden, denn sie schlug mit lächelndem Antlitz den Thürvorhang ein wenig zurück, der den großen Salon von dem Arbeitszimmer trennte, und ihre leuchtenden dunklen Augen suchten unter den vielen schwarzbefrackten Herren die Gestalt des Assessors, Nicht isogleich vermochte sie ihn zu entdecken; denn Herbert war eben in das Borgemach hinaus getreten, um dort in Gemeinschaft mit seinem Vater einen neuen Gast zu begrüßen. Aber die Flügel der Verbindnngsthür zwischen beiden Räumen Ivaren weit geöffnet, und Felicia konnte von ihrem Standorte aus beinahe das ganze Vorzimmer überblicken. Deutlich sah sie Ludwig Ignatius und ihren Verlobten, von dem Gaste aber zunächst nicht viel mehr als die hohe, breitschultrige Gestalt und eine Fülle lockigen grauen Haars. „Das ist Hildes heldenhafter Doktor!" dachte sie, und in begreiflicher Neugier harrte sie des Augenblicks, da die Köpfe der beiden anderen ihr sein Gesicht nicht mehr verdecken würden. ÜJhtr ein paar Sekunden noch, und Herbert machte wirklich eine Bewegung, die ihren Wunsch erfüllte. Wer in diesem Momente schwanden das holde Lächeln wie die rosige Farbe von ihrem Antlitz, und ihre von Brillanten funkelnden Finger krampften sich in den Sammet der Portiere, als fürchte sie, zu Boden zu sinken, wenn sie sich nicht daran festhielt. Ein Laut des Entsetzens, glücklicherweise von keinem vernommen, kam über ihre Lippen, und ihre schwarzen Augen hätten nicht angstvoller, nicht verstörter blicken können, wenn sich plötzlich ein grauenerregendes Gespenst vor ihr ans dem Boden erhoben hätte. Wäre Hermann Müller jetzt geradewegs auf sie zugeschritten, so häte sie vielleicht regungs- und widerstandslos alles über sich ergehen lassen. Aber der Stadtrat schien ihn in ein sehr interessantes Gespräch verwickelt zu haben. Sie hörte das sonore Lachen ihres Schwiegervaters und hörte den Mann mit dem grauen Lockenhaar antwortens „In der That, ich bin glücklich, nun endlich in meinem geliebten Mutterlande feste Wurzeln schlagen zu könnem Der Arbeit an dem schönen Menschlichkeitswerk Ihrer Stadt soll, wie ich hoffe, der ganze Rest meines Daseins gewidmet sein." Ta war der lähmende Bann des ersten furchtbaren! Sreckens gebrochen. Sie lieh den Vorhang herabfallen wandte stich in den Salon zurück — lächelnd wie 687 vorhin, wenn auch totenbleich». Eine Dame in ihrer Nähe richtete eine scherzende Frage an sie, und in demselben Tone erfolgte Felicias Erwiderung. Langsam, ohne alle augenfällige Aufregung und Hast, die irgend jemandes Befremden hätte erregen können, durchschritt sie den Raum und die beiden nächsten, ebenfalls von heiter schwatzenden Menschen erMten Gemächer, um den nach den Hinterzimmern führenden Gang zu gewinnen. Hier war niemand, und für einen Moment gab sich Felicia der Schwäche hin, die sie während der letzten Sekunden mit so heroischer Anstrengung bekämpft hatte. Sie lehnte sich gegen die Wand und drückte das Gesicht in beide Hände, denn ein Schwindel hatte sie befallen, und die verschnörkelten Ta- peteu-Muster hatten plötzlich angefangen, sie gleich tollen Fratzen in wildem Wirbeltanze zu umkreisen. Aber die Furcht, ohnmächtig zu werden, rüttelte sie rasch wieder auf. Mit eiserner Willenskraft zwang sie ihre Nerven zum Gehorsam und setzte ihren Weg fort. Sie wollte in ihr Zimmer, aber als sie der Thür bis auf wenige Schritte nahe gekomruen war, klang ihr von drinnen das lustige Gekicher heller Mädchenstimmen entgegen, und sie erinnerte sich des von Hilde erlassenen Verbots. In ratloser Verzweiflung blieb sie abermals stehen, und der Schildpattfächer in ihrer Rechten zerbrach unter dem Druck der schlanken Finger. Tort hinein konnte sie nicht; denn es durfte sie ja niemand mehr sehen ! Aber wohin sollte sie sich sonst wenden? Wie sollte sie unbemerkt zu ihrem Hut und ihrem Mantel gelangen, ohne die sie an dem eisig kalten Winterabende das Haus nicht verlassen konnte, selbst wenn sie darauf verzichten wollte, ihr leichtes helles Kleid und ihre dünnen Stiefelchen mit anderen zu vertauschen? Sie hatte noch keinen Plan; aber daß sie fort mußte, auf der Stelle und ohne Zögern fort mußte, stand als eine furchtbare Notwendigkeit mit unumstößlicher Gewißheit in ihrer Seele fest. Für einen Augenblick dachte sie wohl daran, eine der Dienerinnen zu rufen und sich durch sie unter dem Vorwande eines Scherzes die erforderlichen Kleidungsstücke aus ihrem Toilettenzimmer holen zu lassen. Aber sie verwarf den Gedanken sogleich wieder, weil seine Ausführung ihr zu gefährlich schien und weil sie sich überdies nicht die Kraft zutraute, in ihrem gegenwärtigen Gemütszustände eine Komödie zu spielen, hätte es auch nur gegolten, ein argloses Dienstmädchen damit zu täuschen. Zu langem Zaudern .und ließ erlegen jedoch blieb ihr nicht Zeit, und was unvermeidliche geworden war, mußte sofort geschehen. Irgendwo in ihrer Nähe wurde eine Thür geöffnet, und dies furchterregende Geräusch trieb sie weiter — aufs Geratewohl in das erste beste Versteck, das sie zu gewinnen vermochte. Erst als sie mit hastenden Fingern den Schlüssel hinter sich abgedreht hatte, erkannte sie, wo sie sich befand. Es war Herberts kleines, nach dem Hofe hinaus gelegenes Studierzimmer, aus dem sie durch die offene Thür in sein anstoßendes Schlafgemach blicken konnte. Auf dem einfachen Schreibtische brannte die Lampe, und auch die Kerzen in den beweglichen Leuchtern des englischen Garderobenschrankes, vor dessen Spiegelthüren der Assessor vorhin seinen Anzug beendet haben mochte, waren nicht ausgelöscht worden. Eine abenteuerliche Idee durchzuckte bei dem Anblick dieses Schrankes Felicias Hirn, eine Idee, die ihr selbst beinahe wahnwitzig vorkam und die sie doch nicht verwarf, weil sie in der Not des Augenblicks keine bessere an ihre Stelle zu setzen wußte. Hastig öffnete sie den Behälter und nmsterte beim Scheine der Kerzen die darin befindlichen Kleidungsstücke. Das einzige, das ihrem Zwecke vielleicht dienen konnte, war ein langer, grauer, ärmelloser Pelerinenmantel, den sie hier übrigens zum ersten Male sah, da ihn Herbert während der Tauer ihrer Bekanntschaft niemals getragen hatte. Felicia nahm ihn vom Haken und schlüpfte hinein. Natürliche war er ihr viel zu weit, und sie würde unter anderen Umständen gewiß herzlich gelacht haben über die sonderbare Gestalt, die ihr da mit einem Male aus dem Spiegel entgegenschaute. Aber seine Länge kam ihr zu statten; denn er verbarg ihr Kleid vollständig, und ein flüchtiger Beobachter mochte nicht einmal auf den ersten Blick bemerken, daß der Mantel nicht für die Toilette einer Frau, sondern für einen Mann bestimmt war. Wenn sie in der Vermummung nur unentdeckt und unaufgehalten bis zum nächsten Dvoschkenstandplatze gelangte, so war ihrer Meinung nach kaum noch etwas zju befürchten; denn während der Fahrt, die ja vorerst immerhin ins Blaue hinein gehen mochte, würde ihr schon irgend ein Ort einsallen, wo sie zunächst eine Zuflucht suchen und sich ver<» b er gen konnte. (Fortsetzung folgt.) 200 Kilometer die Stunde. Phantasieen im V-Zug. Von Heinz Wilmer. Nachdruck verboten. Ich sitze im D-Zug nach München. Zum ersten Mal auf der Strecke Probstzella werde ich nur 11 Stunden brauchen. Früher waren es 14, noch früher 18. Ein hübscher Fortschritt, vielleicht bringen wir es noch auf 9; der Luxuszug macht die Strecke schon jetzt in dieser Zeit. Sie haben eine große Tragweite, diese Verminderungen der Fahrzeiten. Ich will gar nicht davon sprechen, daß ich früher entweder die Fahrt unterbrechen mußte oder mit einem starken nervösen Kopfschmerz ankam, also in jedem Fall zwei Reisetage verlor, einen hin und einen her. Auch für den, der stärkere Nerven hat, bedeuten die drei Stunden weniger viel. Sie geben eine Vorstellung des Näherrückens, die den Entschluß der Reise erleichtert, also zum Beispiel den Kaufmann veranlaßt, eine Stadt in den Bezirk seiner Geschäfte zu ziehen, die er früher draußen ließ. Jedesmal werden durch die Verminderung einer Fahrzeit die geographischen Vorstellungen gemäßigt, bis eine Stadt, die früher „weit" war, mit einem „Mal" „nahe" ist. Mit einem Mal, so allmählich die Veränderungen sind. Für mich ist jetzt München nahe, und da ich, wie alle Berliner, die Stadt liebe, ist mir der Gedanke sehr behaglich. Tiefe Gedanken haben mich so lange angenehm beschäftigt, daß ich noch nicht einmal die Zeitung gelesen habe. Ich blättere sie also nun durch, um einen, Ueberblick zu gewinnen. Da bleibt mein Auge auf der Ueberschrift haften: „200 Kilometer die Stunde!" Es handelt sich um Versuche mit einem elektrischen Schnellwagen, der diese Geschwindigkeit erreichen, soll. Ich bin gerade gut vorbereitet, um diese Meldung in ihrer ganzen Bedeutung zu verstehen. Unsere Züge machen heute im Durchschnitt 60 bis 70; wir werden also dreimal so schnell fahren wie jetzt. Das ist nicht mehr eine Mäßigung, sondern es ist eine Umwälzung unserer geographischen Begriffe, unserer Vorstellungen von nah und weit. Was kann die Zeitung bringen, was nur entfernt so wichtig für das Leben der Menschheit werden könnte wie dies?! Es ist also viel interessanter, sich ein wenig in dieser zukünftigen Welt bekannt zu machen als zu lesen. Ich vertiefe mich in folgende, glänzend wirkliche Gedanken. Tie Welt wird mit einem Ruck dreimal kleiner. Es giebt schon lange Menschen, die eine Fahrt von einer Stunde zu ihrem Geschäft nicht scheuen, namentlich im Sommer, oder die am Nachmittag eine Stunden fahrt machen, um einmal ganz frische Luft zu atmen. In dieser Stunde wird man von Berlin unter anderen folgende beliebte Punkte erreichen können: die Elbe bei Dresden, das Gebirge in Thale, die See in Heringsdorf. Das werden also für den Berliner in Zukunft Nachmittagsausflüge sein, wer mutig ist, kann täglich seinen Spaziergang im Bergwald machen oder sein <Äebad nehmen; oder, wenn seine Geschäftszeit etwas ungünstiger liegt, an diesen Orten sommerwohnen. Man wird natürlich nicht mehr auf einen oder zwei Züge angewiesen fein, sondern mindestens auf einen Zehnminuten- verkehr rechnen können. Da die Wagen außerdem unterirdisch in die Stadt eingeführt werden, fällt die Fahrt zum Bahnhof fort. c „ , Berlin wird endlich Seestadt. Denn wenn der Kaufmann in einer Stunde am Hamburger Hafen sein kann, kann er leicht von dort aus Rhederei und Ueberseehandel treiben. Er hat ein Kontor in Berlin für den Vormrttag und eins in Hamburg für dm Nachmittag. Eine Reise von drei Stunden hin und ebensovrel her kann man bequem als Tagesreise erledigen. So liegt heute Dresden für den Berliner. In Zukunft — der Gedanke macht schwindeln — liegt so jede deutsche Stadt, Köln und Frankfurt im Westen, München im Süden,, Königsberg rm Osten. Oder umgekehrt genommen: für jeden Deutschen ist eine Fahrt nach Berlin ein Tagesausflug. Das Natronal- lied wird also umgedichtet r mein Vaterland muß klemeri sein. 688 fragen, bedarf kaum der Erwähnung, da- es bei einem Ausstattungsgeschäft, wie Meh und Edlich!, nicht anders zu erwarten ist, Bdt, Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei Gretsch Erben) in Gießen. Man kann als Berliner an einem Tag eine Rheinfahrt macherr: man fährt früh um 6 Uhr ab, ist um 9 Uhr in Wiesbaden, besteigt den Dampfer, kommt um 7 Uhr abends in Köln an, und ist um 10 Uhr wieder in Berluu «äitt nicht übel ausgefüllter Tag. „ Daß die Ostsee der Stadt Berlin so nahe geruckt ist, »nie ihr heute die Havelseen liegen, ist dagegen gehalten, schon nicht mehr auffallend. Von Heringsdorf, Stralsund und Kolberg aus, die alle in einer Stunde zu erreichen sind, kann man bequem ar» einem Sonntag zwölfstündige Spazierfahrten »nitmachen. Wien liegt dann so nahe »vie heute Breslau, Paris so nahe tote heute Hannover, Petersburg so nahe wie heute Königsberg. Man kann in 4 Stunden aus der Ringstraße, an 6 Stunden auf den Boulevards, in 10 Stunden auf dem Newski Prospekt herumschlendern. Rom, die alte Hauptstadt der Welt, das geheiligte Paradies, aller deutschen Träumer, dem seine Ferne den Strahlenschein giebt,. wlro uns so nahe gerückt tote uns heute München liegt. Man kann früh an der Spree die Sonne aufgehen und dieselbe Sonne vom Kapitol aus untergehen sehen. Diese Schnelligkeit des Verkehrs bedeutet natürlich die Wiederauflösung der Städte, soweit es sich um das Wohnen handelt. Sie bleiben nur als geschäftliche Mittelpunkte W bestehen, aber es füllt den Menschen, nicht mehr ein, sich in hohen Etagenhäusern übereinanderznsetzen. Welches Geschäft jeder auch treiben mag, sein Privatleben spielt sich aus einer Farm zwischen Wald und Wiese ab. Eine Viertelstunde Fahrt führt ihn 50 Kilometer von der Stadt fort.. Und da es keinem mehr einfällt, anders als in den Vormittagsstunden in die Stadt zu fahren, drängt sich das ganze geschäftliche Leben aus fünf bis sechs Stunden zusammen. Von 2 Uhr nachmittags'an ist jeder Mensch etit freier Manu! „Jena! Jena!" Der Rus des Schaffners ruft »nick; aus diesen schönen Träumen. Ich sehe nach der Uhr. Drei nnd eine halbe Stunde unterwegs. Man müßte von Rechts wegen in München fein. 11 Stunden nachMünichen! Schwere- Itot* Das nennt sich Eisenbahn! Daraus waren wir schon stolz. Das steckt ja noch in den Kinderschuhen!! Unsere Enkel werden diese Zeit änslachen, wie wir es. mit der Zeit der Postkutschen thun. Kalender 19 0 2. Kalender zählen von jeher zum unentbehrlichen Jahresrüstzeug, und da das erste Jahr des neuen Jahrhunderts allmählig zur Rüste geht, wird es Bett, ftdj stach einem zuverlässigen Mentor für seinen Nachfolger umzusehen. Freilich ist die Zahl der Kalender mit der Zeit Legion geworden, und das Sprichwort: Wer ote Wahl hat, hat die Qual, kamt sich gerade bei Beratern der Art leicht buchstäblich erfüllen; denn des Schundes und seichten Zeuges ist unter den Kalendern leider kem Mangel. Ein Buch aber, das man ein Jahr hindurch fast . täglich zur Hand nimmt, darf an Gediegenheit nichts M wünschen lassen, sofern es seinen Beruf erfüllen soll. Wir haben bereits einzelne gute Hausfreunde, wie den Daheim-Kalender, Trowitzschs Reichs - Kalender, Auerbachs Kinder-Kalender nach Gebühr gewürdigt, sodaß uns ' heute nur erübrigt deren zwei weitere zu erwähnen, nämlich Mey und Edlichs Abreißkalender für 1902 und I. C. Schmidts Gartenkalender für 1902. (Beide sind zum Preise von 50 Pfg. überall erhältlich.) . Führt uns der letztere ersprießlich zu Gemüte, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe, die aber recht verstanden und behandelt, sich gewinnbringend gestaltet, so läßt uns der erstere keineswegs leer ausgehen, sondern läßt uns jeden Tag die Sonne aufgehen, verrät uns zudem, daß wir wert sind, vom Mond beschienen zu werden, wenn auch nicht immer vom vollen. Ebbe und Flut nennt er uns auch und fordert damit zu vergleichenden Studien an unserem Geldbeutel heraus. Nachdem er weiter unsere Kenntnis geschichtlicher Ereignisse aufzufrischen geholfen hat, lohnt er unsere Mühe mit einem inhaltreichen Dichter- vder Denkerwort, dessen Beherzigung niemand zum Schaden, vielen zum Vorteil gereicht. Daß die Entwürfe der auf der Rückseite übrigens mit praktischen Vermerken versehenen Kalenderblocks den Stempel künstlerischer Vollendung Mode. „Wiener M io d e", Heft 5, vom 1. Dezember (XV. Jahrgang) führt in die lebendigste Saison des Jahres hinein, Die gesellschaftlichen Zusammenkünfte werden häufiger, eifrig beschäftigt man sich mit den Weihuachtsvorbereit- tntgen, und in. manchen Gegenden spricht mau bereits von den Erwartungen des Faschings. Die „Wiener Mode" ist hier ein erfahrener Führer. Mit Wort und Bild behandelt sie die nettesten Toiletten für Damen und Herren, süst Abendgesellschaft und Theater, für Promenade und Bcill- saal. Die Beilage „Wiener Kinder-Mode" bespricht Kleidung,- Wäsche, Erziehung und Unterhaltung unserer Kinder, die Handarbeitsabteilung bringt eine Fülle hübscher Vorlagen, und der Unterhaltungsteil.Beiträge beliebter Autoren. (Der im Oktober begonnene Roman „Was Liebe vermag" wird in diesem Hefte fortgesetzt.) Die „Wiener Mode" erweist sich also recht vielseitig, und jede gebildete Dame sollte dieses gediegene Frauenblatt lesen. — Abonnements nehmen alle Buchhandlungen und Postaustalteu zuin Preis von Mk. 2,50 vierteljährlich entgegen. Ebenso der Verlag in Wien, VI. Gumpendorserstraße 87. Gemeinnütziges. Begoniensorten für das freie Laud. Es giebt viele davon, aber wenige mit so guten Eigenschäften als die von Obergärtner Zipperleu, Erfurt, int praktischen Ratgeber empfohlenen neueren Züchtungen Berttni, Vesuv und Lafayette. Vor allen anderen Tugenden haben sie die gute Eigenschaft großer Widerstandskraft gegen den Sonnenbrand. Das will viel sagen, wenn man bedenkt, wie leicht manches Beet mit Begonien in schattenloser Sage leider. Ferner lassen sich die genannten Sorten sehr leicht durch Stecklinge vermehren, sodaß auch die Heranzucht keine Schwierigkeiten macht. Die Farbe der reich erscheineitden, hübschen Blüten ist bei Bertini lebhaft orange, bet VeM- lenchtend karminrot, und bei Lafayette dunkel fcharlach,- Das Laub aller empfiehlt durch frisches, lebhaftes Gruu.- Der Bau ist leichter und nicht so steif, tote bei sehr bieten anderen Begonien, weshalb viele Liebhaber diese Sorten hin und wieder mit gutem Erfolg als Zimmerpflanzen; im Topfe ziehen. , , ... Näheres darüber giebt der praktische Ratgeber tit seiner Nr. 47, welche unentgeltlich vom Geschäftsamt in Frankfurt a. d. Oder zu beziehen ist. Gegen Geschwüre und Brandwunden. Bei der Behandlung von eiterigen Wunden wendet man gewöhnlich Kalkwasser, Kreolin und andere Desinfizierungsmittel an, die nicht immer unschädlich sind. Ein ebenso wirksames als unschädliches Mittel in solchen Fällen ist Honig, der einfach ans ein Leinenläppchen gestrichen und auf die Wunde gelegt wird. Tie Eiterung hört nach Anwendung dieses billigen Hausmittels sofort auf, die Wunde erhalt ein besseres Aussehen und heilt bald. Honigwasser, dem einige Tropfen Arnikatinktur beigegeben werden, ist zum Auswaschen von Wunden ebenfalls zu empfehlen. Honig, und Roggemnehl zu einem Teig geknetet, bildet eine Salbe, welche, auf Brandwunden gelegt, die Eiterung hervorrust und baldige Heilung bringt. Hält mau das mit Brandwunden versehene Glied in Honig, so hört der Schmerz sofort auf und es bilden sich keine Blasen mehr. Die An- toenbuitg des Honigs ist besonders bet Brandwunden tm Gesicht. zu empfehlen, wo andere Mittel nicht leicht verwendbar smd. („Prakt. Wegw.", Würzburg.) A b st r i ch r ä t s e l. Nachdruck verboten. Furche, Fichte, Siegel, Acht, Rübe, Herr, Kralle, Ganges, Spende, Minister. Von jedem der vorstehenden Wörter ist die Hälfte der Buchstaben abrustreichen; die übrig bleibende Hälfte muß aus nebeneinander stehenden Buchstaben bestehen. Werden diese Gruppen im Zusammenhang gelesen, so müssen sie einen Sinnspruch bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr-! Bange machen gilt nicht. ______________