y e*. a ii'. MW H M H DAM WWMW Ä WM SäIe UfiSäÄiSä s gibt Menschen, die sich nur aus der Ferne miteinander zu verständigen wissen. Führt das Leben sie eininal persönlich zusammen, so wissen sie sich nichts zu sagen, als die glcichgiltigsten und unwichtigsten Dinge. Eusebius. (Nachdruck verboten.) Privat-Eigentum. Eine lustige Geschichte aus der Sommersrische. Von Alwin Römer. (Schluß.) „Aber", sagte sie ängstlich zu Gisela, als diese schon innerlich frohlockte, „meine Medizin möchte ichj doch pünktlich nehmen, Du bist wohl so gut und springst hinauf, sie mir zu holen!" , t r 1L O ja, an diese natürliche Wendung der Dinge hatte der schlaue Blondkopf nicht gedacht. Ganz betreten entfernte sie sich aus dem Salon und erklomm, unzufrieden mit sich selbst, daß sie nicht doch lieber gleiche die Wahrheit gesagt hatte, die Treppe zu ihren Zimmern. r Vor der Thür jedoch blieb sie plötzlich herzklopfend stehen. Bewegte sich nicht etwas hinter der Thür? Scholl nicht der Klang eines Schrittes heraus? Ein Dieb! dachte sie und drückte auf die Klinke, entschlossen, sofort um Hilfe zu schreien, wenn nicht vielleicht eines der Stubenmädchen darin sein sollte. Der Sommerabend war hell. . . Es war kein Stubenmädchen, das da eben ein Fläschchen mit einer langen papierenen Zunge am Halse auf den Tisch stellte. Es war ihr spöttischer Gegner, der Herr Baumeister Heinz Döring. War es denn ein Widerschein des erglühenden Abendrotes, der sich nun plötzlich über sein männliches Antlitz ergoß? , _ , „O, gnädiges Fräulein", stammelte er, „wie paßt das schlecht! ... Sie sollten es ja gar nicht merken, daß icfy . ." „Haben Sie mir die Medizin für meine Tante besorgt, Herr Baumeister?" fragte sie mit einem leisen Zittern in der Stimme, den er für verhaltenen Aerger hielt. „Ich war so tziei!" erklärte er trotzig. „Der Wirt bat mich darum, und da ich sowieso in dem Neste zu thuu hatte, so..." „Trotzdem bin ich Ihnen überaus verpflichtet!" sagte sie, uach den richtigen Worten ringend. „Es ist mir peinliche, daß gerade Sie..." „O bitte", fiel er etwas sarkastisch ein, „ich habe nur den Hausdiener vertreten. Geben Sie ihnl ein Trinkgeld, und die Sache ist erledigt!" Hinaus war er, während sie sich die Lippen blutig biß. „Gisela!" hörte sie unten die Tante rufen, und seufzend griff sie nach der neuen Arzneiflasche. Den Vorwürfen der Tante entging sie jetzt wohl; aber dafür Ivar -sie um so niedergeschlagener über die Ursache dieser Rettung. Im Salon unten fand sie den Baumeister am. Fenster stehen. Mochte der Himmel wissen, über welch' neue Bosheit er da hinausstarrend wieder nachgrübelte. Auf einmal jedoch hörte sie einen leichten jugendlichen Schritt von der Thür her quer nach dem Fenster hineilen. Ein junger Radfahrer stürmte auf den Baumeister los und schlug ihn derb auf die Schulter. „He, Heinz", rief er lachend, „heißt das um sechs aus dem Liebenfelder Schützenfeste sein? Du bist mir eilt netter „Du mußt schon entschuldigen, mein Junge!" sagte Heinz. „Eben wollte ich . . „O, ich weiß schon Bescheid, der Wirt hat es mir verraten. Du übst Dich für holde Damen im Minnedienst! Da hat so 'n armer Kerl von Bruder natürlich zurückzustehen!" „Der Wirt ist ein Klatschmaul!" erklärte Heinz mit einem scheuen Seitenblick zu Gisela Walrat hinüber, der kein Wort von dieser Unterredung entgangen war. „Laß uns hinausgehen unter die Linden. Der Abend ist zu schön für das Zimmer!" Und den Bruder mit sich fortziehend, schritt er der Thüre zu. Draußen saßen sie alsbald bei einer Flasche Steinberger und stießen herzlich mit ihren 'Gläsern an. „Du", sagte plötzlich der Jüngere, „da war ein verdammt hübsches Mädel im Saale. Bei der alten, schiefen Urschel, weißt Du, mit dem ewigen ZahnschMerzen-Gesichte! Wer ist denn das? Kannst Du mich nicht vorstellen?" „Thut mir leid", entgegnete der Baumeister, während ein leiser Schatten über seine Stirne huschte, „wir sind nicht bekannt miteinander!" „Schade! . . . Aber Du gestattest doch, daß ich noch einmal ans Fenster trete, und sie anschmachte? Es war ein zu süßer Käfer!" „Thue Deinen Gefühlen keinen Zwang an!" sagte Heinz innerlich empört über diesen grünen Jungen, der so obenhin von der königlich schönen Gisela zu plappern wagte. Erich Döring stand auf, um tut Schatten der mächtigen Lindenbäume unbemerkt nach den Fenstern des Salons vorzudringen. Heinz stützte den Kopf in beide Hände, ein Gefühl bitterer Unzufriedenheit niederkämpfend. „Auf ein Wort nur, Herr Baumeister!" klang da plötzlich eilte liebe, süße Stimme an sein Ohr. „Sie haben sich vorhin so ritterlich für mich geopfert und den Dank dabei absichtlich verweigern wollen. Aber das gelingt Ihnen nicht. Ich habe es-wohl geahnt und nachher auch doppelt bestätigen hören. . . Nicht wahr, Sie. . . Sie sind mir nicht mehr- böse uitb1 . • • Sie nehmen es an, daß ich Ihnen von Herzen..." 430 — „Bitte, bitte, nicht weiter, gnädiges Fräulein", flüsterte er weich. „Ich bin dreifache, vierfach, hundertfach in Ihrer Schuld. Sie erinnern sich gewiß nicht mehr. Aber schon im Sedan-Panorania vor vier Wychen fing es an!" „Doch doch", nickte sie, leise lächelnd. „Und dann hier erst", fuhr er fort, „was bin ich Ihrer Lieblichkeit und Lebenslust gegenüber für ein Boshart gewesen, trotzdem mir innen, tief innen im Herzen ein ganz anderes Gefühl wohnte, von dem ich mich noch! nicht getraue zu reden, weil ich fürchten muß, der eben so schön errungene Frieden zwischen uns könne sofort wieder gestört werden! Denn ich liebe Sie, Fräulein Gisela, liebe Sie mit der ganzen Glut meines Herzens. . ." flüsterte er, unlogisch wie alle Verliebten doch das Geheimnis preisgebend, das er im Grunde des Herzens für ewig zu bewahren beschlossen hatte. Und da Fräulein Gisela Walrat auf ein so kühnes Geständnis hin nichts weiter, als halb bebend, halb jauchzend: „O Gott, Herr Baumeister!" stammelte, ohne indessen das Hasenpanier zu ergreifen, vielleicht, weil ihr der Schreck über dieses unerwartete Geständnis allzu heftig in die Glieder gefahren war, so drückte Heinz Döring, kühner werdend, das blonde Köpschen Giselas an seine Brust und suchte mit seinem Munde zunächst ihre schöne weiße Stirn. „Du, ich finde die kleine Hexe nicht mehr!" rief Erich verdrießlich pnd trat wieder in den Schatten der Linden, ehe die beiden Zeit gehabt hatten, auseinander zu flüchten. „Ja, zum Teufel, Heinz", fuhr der Jüngling erstaunt fort, „da ist sie ja! Und da sagst Du heimtückischer Kerl noch eben, Ihr wäret nicht bekannt miteinander? Das ist stark, höre!" „Beruhige Dich, Kleiner!" lachte Heinz vergnügt. „Für Dich hatte die Sache ja doch keinen Zweck. Fräulein Gisela Walrat ist von diesem Augenblicke an — mein Privat- Cigentum!" Und! damit faßte er seine schnell eroberte Braut beherzt um die Taille, so eifrig sie sich auch dagegen zu sträuben schien, und küßte sie nun auch auf den Mund. „Alle Wetter!" murmelte Erich, dem das Wasser im Munde zusammenlief. Aber die beiden verliebten Ungeheuer dachten gar nicht daran, daß ein Bruder und künftiger Schwager auch gewisse Rechte habe. . . - So goß er denn trübselig ein Glas Rheinwein herunter und spülte damit den Neid weg, der in ihm aufsteigen wollte wegen dieses ganz widersinnig schönen Privat-Eigen- tums eines anderen. . . . Reue Kartoffeln. Plauderei von B. Ohrenberg. (Nachdruck verboten.) „Aber, bitte, Alterchen, komm doch nun zu Tisch !" ruft Frau Agnes durch die geöffnete Thür des Studierzimmers ihres Gatten. „Gleich, lieber Schatz!" antwortet der Gemahl, „gestatte nur noch ein paar Augenblicke, — ich habe hier ein interessantes Präparat von den Sporen des verdammten Pilzes, der die Kartoffelkrankheit verusacht." „Daß Deine Suppe nicht kalt wird, ist mir augenblicklich wichtiger," scherzt Frau Agnes. Sanitätsrat Wellheim verschließt sorgfältig sein kostbares Mikroskop, betritt das Speisezimmer und fragt: „Nun, Muttchen, bekomme ich heute neue Kartoffeln?" „Sei nur nicht böse, lieber Mann! — Die Milchfrau versprach mir ganz bestimmt, ein paar Liter von ihren guten „Sechswochenkartoffeln" mitzubringen, — und nun hat sie mich doch im Stich gelassen", entgegnet Frau Agnes betrübt. „O, das ist ärgerlich !" spricht der alte Arzt mißmutig, „ich hatte mich so daraus gefreut, — denn die alten Kartoffeln sind nicht mehr zu genießen und haben allen Nährwert verloren." „Ach, Männchen, wenn wir doch auch ein Stück Gartenland besäßen, wie Dein Freund, der Justizrät; — wie angenehm ist es für die Hausfrau, wenn sie zartes, junges Gemüse bereiten kann, das nicht erst auf dem Transport in Staub und Sonnenhitze welk wurde", spricht Frau Agnes seufzend. Da tritt die Köchin ins Zimmer und überreicht ein Billet mit den Worten: „Das hat soeben der Gärtnerbursche vom Herrn Justizrat Töpfer abgegeben." Wellheim öffnet den Umschlag und liest: „Lieber Freund! Hierdurch bitte ich- Frau Agnes und Dich, heute ein frugales Abendbrot bei nnr im Gartenpavillon einzunehmen ; — ich will eine neue Sorte Frühkartoffeln probieren; bitte, pünktlich um acht Uhr, aber ohne „akademisches Viertel", — sonst werden sie derb." „Hurrah! — nun bekommen wir heute doch neue Kartoffeln, und frisch aus der Erde!" ruft Wellheim so vergnügt, und so übermütig, als wäre er noch junger Student. Justizrat Töpfer, ein gemütlicher Junggeselle mit ergrautem Haar, hat nur eine Passion, nämlich die Liebe zu seinem Garten, den er mit einem Jungbrunnen vergleicht, weil ihn die Arbeit darin, und die Freude am Gedeihen seiner Pfleglinge, frisch und gesund erhält. Der alte Herr besitzt den Ehrgeiz, die frühesten und zartesten Riesenspargel zu erzeugen; — es macht ihm große Freude, die Naschmäulchen seiner vielen, kleinen Nichten mit süßen Mammut-Erdbeeren zu stopfen; er liebt es, den Tarnen seiner Kollegen die prachtvollsten, selbstgezogenen Rosen zu verehren; aber das größte Interesse widmet er, seltsamer Weise, der Kultur von Frühkartoffeln, und in seinem Arbeitszimmer liegt eine große Zahl bunter Kataloge der ersten Gärtnereien, sowie Tüten und Säckchen, Beutel und Kartons, die „Neuheiten" enthalten. ---- Als Herr und Frau Wellheim sich! pünktlich! einfinden, werden sie vom Justizrat herzlich! begrüßt. Mit schelmischem Lächeln überreicht er der Gattin seines Freundes ein kleines Blumensträußchen, das diese dankend annimmt, aber erstaunt betrachtet. „Nun, bitte ich, verehrter Freund, was sind denn das für seltsame Blüten? Ich! habe sie noch! in keiner Blumenhandlung angetroffen, obgleich sie von eigenartiger Schönheit find." „In den Blumengeschäften werden sie auch nicht verkauft", entgegenet lächelnd- der Justizrat, „ich! verehrte Ihnen eine kleine Zusammenstellung verschiedenfarbiger Kartoffelblüten." „Ei, wie hübsch sie aussehen!" rühmt Frau Agnes, „wir haben oft nicht das richtige Auge für originelle Blumen in Feld und Wald, sondern gehen achtlos daran vorüber." „Doch nun bitte ich!, rasch zu Tisch !" mahnt freundlich der Gastgeber, „sonst erzürnen wir meine gute, alte Hausfrau, Frau Hirt, die soeben die dampfende Schüssel bringt." „Ach, steh' mal, Frauchen, diese Pracht!" ruft Wellheim bewundernd. „Da lacht einem ja das Herz im Leibe", spricht Frau Agnes voll Anerkennung, „wie machen Sie es nur, Frau Hirt, daß jede der schönen Knollen so herrlich aufgeplatzt ist? — Bei neuen Frühkartoffeln ist das doch!- selten." Die Wirtsch!afterin verneigt sich) dankend und sagt: „Die gnädige Frau wissen wohl nicht, daß ich) aus einem Dorfe im Voigtlande stamme, — dort lernt man die Kartoffel richtig behandeln; — Sie würden staunen, wenn ich! erzählte, wie viele sehr schmackhafte Gerichte die Vogtländerinnen aus den Erdäpfeln zu bereiten verstehen. Das Sieden der Kartoffel geschieht häufig fehlerhaft; sollen diese ihren feinsten Geschmack erreichen, so wasche man sie erst unmittelbar vor dem Kochen, setze sie mit kaltem, leicht gesalzenem Wasser an, lasse sie darin halb fertig kochen, ersetze dann dieses Wasser durch siedendes und ebenfalls gesalzenes, und lasse sie hoch aufkochen. Sobald die Kartoffeln weich sind, schmecke man den Sud mit etwas kaltem Wasser ab; so behandelt, platzt jede Kartoffel." --Auf der mit Blumen geschmückten Tafel in dem traulichen, kleinen Gartenhause prangen auch zwei funkelnde Krystallkaraffen, die mit hellrotem und rubinfarbenem Beerenwein gefüllt sind. Nachdem der Justizrat die Gläser vollgeschenkt und ein Wohl auf seine lieben Gäste ausgebracht hat, spricht er den Wunsch aus, daß auch dieses Produkt seines Gartens ein wenig Beifall finden möge. „Alle Wetter, — Du bist ja ein Tausendkünstler!" sagt Wellheim schmunzelnd, nachdem er einen tüchtigen Schluck getrunken hat. Frau Agnes spricht bewundernd: „Haben Sie wirklich diesen feurigen und aromatischen Wein selbst gekeltert?" „Gewiß, verehrte Frau, und zwar aus den Früchten jener Johannisbeersträucher, von denen die Rabatten dort 431 eingefaßt sind. Wenn ich die geringe Mühe der Bereitung nicht in Anschlag bringe, kostet mich die Flasche dieses reinen, gesunden Weins höchstens sechzig Pfennige." „Aber, das ist ja fabelhaft billig!" spricht Frau Agnes erstaunt, und fügt leise seufzend hinzu: „Ach, besäße ich doch auch> einen Garten und Sie, lieber Freund, würden mein Lehrmeister." — — Die neuen Frühkartoffeln bestehen die Probe glänzend; sie machen ihrem verlockenden Aussehen volle Ehre und haben ein zartes, lockeres, weißes Fleisch; sie munden vortrefflich mit der goldgelben Butter in eisgekühlter Schale und zum fetten, breitrückigen Matjes-Hering, der so appetitlich aus der weißen Porzellanplatte ruht. Eine Schüssel, mit köstlichem Gurkensalat gefüllt, vervollständigt die Speisenfolge. „Es ist ein wahrer Götterschmaus!" versichert der Sanitätsrat. begeistert. „Können Sie mir das Rätsel lösen, lieber Justizrat, wie sich die armen Hausfrauen in jener Zeit beholfen haben, als die Kartoffel noch nicht eins der wichtigsten Volksnahrungsmittel war?" fragt Frau Wellheim. Im Plauderton entgegnet der alte Herr: „Aus vergilbten Küchenrezepten und den ältesten Koch»- büchern erfahren wir, daß sich die früheren Geschlechter hauptsächlich durch Mehlspeisen ernährten, die in der verschiedensten Gestalt auf den Tisch kamen. Auch jetzt noch giebt es in manchen Ländern Nationalgerichte, die aus jener Zeit stammen, bevor die wilden Kartoffeln aus Peru und Chile, nach langjähriger Veredelung, und sehr langsamer Besiegung festeingewurzelter Vorurteile, die weiteste Verbreitung sanden. Ter Bayer liebt leidenschaftlich seine schmackhaften Knödel; in Württemberg schwärmt man für Wasserspätzle; in Thüringen, Sachsen und Schlesien spielen die Mehl- und Hefenklöße, Dampfnudeln und Speckkuchen, Käsekäulchen und Pfannkuchen eine wichtige Rolle. Zu den gebräuchlichsten Speisen gehörten bekanntlich Graupen von Gerste, Grütze von Heidekorn und Hafer; ferner die jetzt noch beliebten Hülsenfrüchte und der Hirsebrei. Auch Möhren und Kohlrüben, so wie ein Nationalgericht der Deutschen, das Sauerkraut, wurden während der früheren Jahrhunderte in weit größeren Mengen verzehrt, als jetzt. Aber beim armen Volk war meistens Schmalhans Küchenmeister, infolge häufiger Mißernten, und der entsetzlichen Verheerungen durch endlose Kriege. Es kann in Zahlen gar nicht ausgedrückt werden, wie sehr sicht im Vergleich mit jenen finsteren Zeiten, der Volkswohlstand gehoben hat; aber erst durch die allgemeine Verbreitung der Kartoffel, die man das Brot der Aermsten nennen kann, hat sich die Volksernährung so gebessert, daß eine Wiederkehr der im Mittelalter so häufigen Hungersnöte nicht mehr zu befürchten ist." „Nun mußt Du auch mir eine Frage beantworten, lieber Freund, weshalb widmen sich unsere Gemüsegärtner nicht noch mehr dem Anbau guter Frühkartoffeln? sie würden doch damit weit höhere Preise erzielen, als mit den Spätkartoffeln, und können das abgeerntete Land noch einmal bepflanzen", fragt der Sanitätsrat. „Dieser Umstand läßt sich aus zwei Ursachen erklären; vor allem ist der althergebrachte Schlendrian ein Hemmschuh, und dann beschäftigen sich die großen Gemüsegärtnereien erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit mit der Züchtung und Veredlung möglichst früher und reichtragender, und möglichst feinschmeckenöer Speisekartoffeln. In früherer Zeit baute man nur die weißschalige Nieren- oder Sechswochenkartoffel, die aber vielfach ausgeartet ist und durch weit bessere Sorten immer mehr verdrängt wird. Von den vielen Neuheiten der letzten Jahre will ich nur ivenige erwähnen: Beliebt sind die schmackhafte „blaue Sechswochenkartoffel", die sehr empfehlenswerte „allerfrüheste Viktor", die äußerst ertragreiche „Juli-Kartoffel", die „rote May Queen", die „blaßrote Delikatessenkartoffel" und „Erfurter Goldflocke"." „Na, lieber Mann, gute Sorten wüßten wir nun genug", sagt voll wehmütigen Galgenhumors Frau Agnes, — es fehlt nur noch der Garten, um sie im nächsten Frühjahr pflanzen zu können!" „Aber Herzensschatz!" rüst erschrocken der Sanitätsat, „soll ich auf meine alten Tage und mit steifem Rücken, graben und harken, pflanzen und jäten?" „Nun, für die groben Arbeiten mieten wir einen kräftigen Burschen", entgegnet die Gattin entschlossen. Jetzt nahm der Justizrat lächelnd das Wort und sagte: „Als Arzt mußt Du wissen, daß Graben und Harken für Deine Wohlbeleibtheit die heilsamste Kur wäre; mir selbst, lieber Freund, bereitet mein Garten die glücklichsten Stunden. Du ahnst nicht, welcher Genuß es ist, bei Sonnenaufgang, in taufrischer Kühle, hier zu wandeln und zu schaffen. Noch ist der Lärm des Tages nicht erwacht, nur die kleinen gefiederten Sänger, die mein winziges grünes Reich bewohnen, zwitschern leise und belauschen zutraulich mein Thun. Du kannst es nicht mitfühlen, welche Befriedigung es mir gewährt, die Erzeugnisse meiner Sorgfalt und Mühe, blühen und gedeihen zu sehen — die Arbeit im Bureau ist nur zu oft unerquicklich und aufreibend; — die Thätig- keit im Garten beruhigt meine Nerven, sie macht mich! fröhlich und zufrieden." „Wahrlich, Sie sind ein beneidenswerter Mann!" spricht Frau Agnes strahlenden Blickes. „Wenn Du die ernstliche Absicht hättest, lieber Wellheim, ein Gärtchen vor dem Thor zu erwerben, so böte sich; bald Gelegenheit dazu", sagt der Justizrat. „Das Nachbargrundstück kommt in nächster Zeit zum Verkauf, weil der Besitzer krank und gebrechlich! ist." „Ach, bester Mann, das kaufen wir!" ruft jubelnd Frau Wellheim. „Nun, wir wollen uns das noch überlegen, liebe Agnes." „Aber stellen Sie sich die Gärtnerei nicht zu leicht vor, verehrte Frau", sagt der Justizrat in schelmisch mahnendem Ton; „es ist auch mancher Verdruß damit verknüpft, und große Ausdauer erforderlich — Sie müssen sich auch viele praktische Handgriffe aneignen, denn jedes Ding will gelernt sein. — Es wäre aber eine große Freude für mich, wenn wir Nachbarn würden; auch sollen Sie in mir jederzeit einen geduldigen und nie verdrossenen Ratgeber finden." Frau Agnes reicht dem alten Freunde ihres Gemahls treuherzig die Hand und spricht: „Gelt, Männe, da schlagen wir fröhlich ein! — Diesen Wunsch darfst Du mir sticht versagen. Und im nächsten Sommer, lieber Justizrat, da speisen Sie vergnügt bei mir selbstgebaute Frühkartoffeln." Der Stein der Weifen. Nachdruck verboten. Wer hat nicht vom Stein der Weisen sagen hören, und von seinen wunderbaren Wirkungen, jede Krankheit zu heilen, und alles in Gold zu verwandeln? Wer nur wenige wissen, woher der Glaube kommt, und wie mächtig er einst eine ganze Zeit ergrifft Darüber findet sich in dem Werke des bekannten dänischen Kulturhistorikers Troels Lund „Gesundheit und Krankheit in der Anschauung der alten Zeiten", das soeben bei G. B. Teubner Leipzig in deutscher Uebersetzung erschienen isft eine außerordentlich; interessante Darstellung, die, wie überhaupt das ganze Werk, sehr vergnüglich' die Anschauungen der alten Zeiten schildert, und dabei doch einen tiefen Einblick in das Wesen der Vergangenheit und der Menschennatur gewährt. Wir geben im Nachstehenden einen wesentlichen Teil dieser Darstellung wieder. Selten oder niemals hat ein-Gedanke ein so empfängliches Erdreich gesunden, wie die Lehre vom „Arca- num", vom „Unbekannten", vom „Stein der Weisen" in Europa. Sie zündete sowohl anderwärts, als über den ganzen Norden. Von der Elbe bis zum Nordkap gab es kaum eine Hausmutter, die nicht wesentliche Voraussetzungen et- stillte, um sich schnell darein zu finden. Uralter, vererbter, heidnischer Zanberglaube begegnete sich in dieser Lehre mit dem allerneueften Glauben an die Natur und ihre Kräfte. Die Arbeiten des Alltags bekamen einen neuen Anreiz und doppelte Schnelligkeit, da sie nun ein Versteckspiel mit Nachbarn und Freunden sein sollten. Die ärmlichste Anweisung zu einem hausgebrauten Meth, „Latwerge" von Johannisbeeren ober zu Schlehenbranntwein 432 wurde, wenn auch nicht gerade der Weg zur Goldbereitung, so doch durch das Bewußtsein vergoldet, daß sie geheim gehalten werden müße, und vielleicht — wer konnte das wissen? — das sicherte Mittel gegen manche Krankheit war. Das Bedürfnis, sein Verfahren zu verbergen und b ? Lust, Neues zu versuchen, ergriffen wie ein Fieber die ganze Bevölkerung. Hausmütter wie Dorothea, die Schwester Christ,ans III., oder seine Tochter, die Kurfürfiin Anna von Sachsen, Männer wie Erik Lange und sein Schwager Tycho Brahe gingen an der Spitze... Nach den Berichten dieser Zeit zu urteilen, war man dem großen Ziel: dem Universalmittel, dem Stein der Weisen, ein gut Stück näher gekommen. Der Arzt Kaiser Karls V., Dr. Gall, erfand ein Aquavit, das in nicht geringem Grade seinem Namen entsprach indem es dazu diente, das Leben zu verlängern. Durch seinen Gebrauch wurde er 129 Jahre alt. Durch einen wundervollen Glücksfall war ein Stein mit höchst merkwürdiger Kraft, ohne Zweifel ein Hauptbestandteil des Steins der Weisen, bei Refsnaes an die Küste des Kallundborg Fjords getrieben worden. Christan II., der als Gefangener hier lebte, fand ihn auf einer Jagd unter den Steinen am Strande, wo er durch seine Schönheit und seinen köstlichen Glanz seine Aufmerksamkeit erregte. Er nahm ihn auf, aber kaum hatte er ihn in der Hand, als er für seine Begleiter verschwand, die zu seinem großen Vergnügen einander fragten, wie er weggekommen wäre, obgleich er mitten unter ihnen ritt. Da sah er etwas später einen Vogel, der sich am Strande gerade vor sein Pferd setzte. Er warf nach ihm mit dem Stein, aber im gleichen Augenblicke wurde er wieder sichtbar, und das Gesolge umdrängte ihn, er denn hin gewesen wäre. Da der König hieraus schloß, daß die unsichtbar machende Krast im Steine gelegen hätte, suchte und suchte er nach ihm, aber fand ihn nicht mehr. Das einzige, was sein kurzer Besitz ihm einbrachte, war, daß er von. der Zeit an weniger Freiheit erhielt und strenger als zuvor bewacht wurde. Eine leicht anzustellende Probe darauf, ob etwas wirklich ein Universalmittel war, lag darin, ob es gegen Gift sicherte. Als besonders zuverlässig in dieser Hinsicht galt in ganz Europa der Stein Bezoar, der sich im Magen einer indischen Ziegenart bildete. In einer Schrift, welche Laurenz Catelan in Montpellier 1623 hierüber herausgab, heißt es: „Gott hat der Welt kein trefflicheres, sichreres und wirksameres Gegengift gegen alle Arten Gifte und ansteckende Krankheiten geschenkt. Alle Gift- stosfe wenden sich diesem Stein zu, und werden von ihm angezogen, wie sich der Heliotrop beständig der Sonne zn- dreht." Gegen den Schluß der Regierung Ludwigs XIV. wurde das Zutrauen zum Bezoarsteine etwas abgeschwächt, wiewohl man am französischen Hofe beständig solchen in der Tasche hatte. Es ging nämlich das Gerücht, daß viele falsche in Umlauf wären, und daß die Jesuiten in Goa eine große Fabrik zur Herstellung derselben errichtet hätten. Noch im Jahxe 1741 war jedoch ihr Preis in Amsterdam 3—400 Livres für das Stück, und sobald ein Ostindien- sahrer einige heimbrachte, wurden sie von den Spitzen der Gesellschast zum Privatgebrauch an sich! gerissen/ ohne in den Handel zu kommen. . . . Einer der eifrigsten Forscher nach dem Steine der Weisen war Paracelsus' berühmtester und begabtester Schüler, Dr. Peder Sörensen, Leibarzt bei Friedrich II., der vorzüglichste Arzt Dänemarks int 16. Jahrhundert. Er suchte unermüdlich, gestützt ans seine gründlichen chemischen Kenntnisse und die reiche Erfahrung, welche seine ausgedehnte Praxis ihm gab. Viele seiner Kuren glückten wunderbar. Und, .wie behauptet wurde, soll er zuletzt wirklich das Uitiversalmittel gefunden haben. Wenn dies sich so verhält, so muß es als ein außerordentliches Unglück angesehen werden, daß er es gerade nicht bei der Hand hatte, als er im Sommer 1602 selbst von der herrschenden pestartigen Epidemie ergriffen wurde, und am 28. Juli starb. Er hätte jedoch Zeit gehabt es anzuwenden, da er bei dem Erscheinen einer schwarzen Pustel auf einer feiner Augenbrauen, obschon sonst gesund, seinen in wenigen Tagen bevorstehenden Dod voraussagte, wie er auch eintraf. Neben Männern wie Peder Sörensen und Tycho Brahe, an deren Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit kein Zweifel herrschen kann, treten andere natürlicherweise in den Schatten. Aber selbst, wenn wir an den äußersten entgegengesetzten Flügel gehen, zu den reinen Betrügern, so zeugen diese sowohl durch die Frechheit, mit welcher sie auftraten, als durch das Entgegenkommen, das sie fanden, von der allgemeinen großen Erwartung, die in der Zeit lag. So erreichte z. B. ein würdiges Paar, die Herren Caspar Üben und Johann Schunken, im Jahre 1590 die Unterstützung von Herzog Ulrich von Mecklenburg. Die beiden uneigennützigen Herren verlangten nur alles für ihre Arbeit Notwendige, und außerdem 15 Thaler sofort, später 120, eine gewöhnliche Hofkleidung, freie Kost, Wohnung, Beleuchtung, Beheizung. Für diese Kleinigkeit versprachen sie im Laufe von 40 Wochen lapis philosophorum, d. h. den Stein der Weisen, Herstellen zu wollen; darauf im Laufe bmt drei Wochen eine Flüssigkeit, in welcher sich Kupfer zu Silber verwandelte; in weiteren acht Wochen eine Tinktur zu schaffen, welche zehn Lot Kupfer, Blei, Quecksilber und Silber in ecb-tes Gold umbilden könnte; im Laufe von acht Tagen eine Flüssigkeit herzustellen, die alles in Silber verwandelte; in drei Wochen Gold aus Zinnober und Silber zu bereiten, und endlich in 40 Tagen den Goldsaft zu erfinden, in welchem der Stein der Weisen zeitweise erneuert werden muß, um seine Kraft zu bewahren. Im Stein der Weisen sind nämlich 4 Lot Gold und 6 Lot Silber, die znlwr angeschafft und dann erneuert werden müssen. Man weiß nicht, worüber man sich hier am meisten wundern soll, über die Frechheit dieser Goldmacher oder über die Leichtgläubigkeit Herzog Ulrichs. Der Schluß hätte doch so nahe liegen müssen: Wenn sie es wirklich verstünden, Gold zu machen, so kämen sie doch nicht zu Herzog Ulrich um ein paar Thaler zu verdienen. Der Ausfall bewies denn auch, daß sie neid): Verlauf eines Jahres ihn 500 Gulden gekostet, aber noch nicht für einen Schilling Nutzen gebracht hatten. Sie beriefen sich nun darauf, daß alles von Gottes Beistand und den Geistern abhinge, während der Herzog ihnen mit Gefängnis und Folterbank drohte. Eines schönen Tages waren die Vögel ausgeflogen, und der Herzog stand allein da, nur um eine Erfahrung reicher. Aber, daß ein verständiger Mann wie er sich wirklich zrnn Narren machen ließ, daß in Dänemark Männer wie Erik Lange nnd später Valdemar Daa Hab und Gut daran setzen konnten und noch mit dem Bettelstab in der Asche nach Gold stöberten, das beweist, wie diese selbe Hoffnung allen vorschwebte, wie der Gedanke an den Stein der Weisen vor den Augen jener Zeit flimmerte. Um dies völlig zu verstehen, müssen wir uns beständig erinnern, daß die Naturauffassung jener Zeit eine andere war als unsere. Wie redliche man sich auch bestrebte, die Frage erfahrungsmäßig aufzustellen, immer flog die Antwort ^vorher phantastisch, wie ein Kobold, aus dem Kasten. Selbst die gleichen Ausdrücke verstand jene Zeit in anderer Weise als wir. Wenn z. B. Paracelsus von dem Leben der Mineralien spricht, von den Kälteschauern und Fiebern der Erde, von der inneren Gleichheit zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, so verstand vielleicht er schon, jedenfalls aber seine ganze Zeit, dies ganz buchstäblich. Der große Stein z. B.. welchen Friedrich II. kurz vor der Geburt Christians IV. von Grönnehave zum Strand bei Kronborg schleppen ließ, galt für lebendig. Gelehrte Betrachtungen wurden darüber geschrieben, wie er atmete und ob er Blut an seinen Steinadern hätte. Aus der ganzen Naturauffassung der Zeit, wie sie sich vom Tiber bis zum Nordkap, von der Themse bis zur Weichsel erstreckte, ist also auch der Glaube an den Stein der Weisen erwachsen. Es ist derselbe Gedankengang, aus dem auf dem Gebiete der Dichtung ein seltsamer Sproß emporschoß, von allen Bestandteilen der Zeit genährt: die Faustsage entstand. Jedes Land verstand sie und erzählte sie ioieber, in biefer Sage fand alles Sehnen und Schaudern der Zeit eine Stätte. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.