(Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Eben hatte Erika sich und ihn durch einen bedeutsamen Blick auf ihre Taschenuhr daran erinnert, daß die Unterhaltung nun schon fast eine Stunde währte, als zu ihrer Ueberraschung jemand ohne vorheriges Anklopfen hinter ihr die Zimmerthür aufriß, und sie die vor Aufregung bebende Stimme des alten Kruschke hörte: „Fräulein Erika — um Gotteswillen, kommen Sie schnell! Der Professor — ich glaube, es geht ihm nicht gut!" Sie schrie nicht auf, aber sie war totenblaß geworden, und für einen Moment mußte sie sich an der Tischkante festhalten, weil ihre Kniee wankten, und weil es ihr vor den Augen zu flimmern begann. Erst als der Agent sich «mschickte, eine teilnehmende Phrase vorzubringen, gewann sie die Herrschaft über sich selbst zurück. Sie verabschiedete ihn mit einigen raschen Worten, und eilte ohne seinen Gegengruß zu erwarten, beflügelten Schrittes durch den Verbindungsgang in das Atelier. Ein entsetzlicher Anblick war es, der sich ihr hier darbot, ein Anblick, der sie mit Grauen erfüllte, und den Schlag ihres Herzens stocken machte. Die große Gruppe inmitten des Raumes war zum großen Teil zertrümmert. Bon der Gestalt des zur Höhe emporstrebenden Jünglings wie von der des Mädchens, das mit verzweifelter Gebärde sein Knie umklammerte, waren nur noch wenige, fast unkenntliche Reste erhalten. Der Boden ringsum aber war mit Gipsstücken übersäet, und mitten unter ihnen lag der schwere Hammer, der ohne Zweifel zur Ausführung des Vernichtungswerkes gedient hatte. Fünf oder sechs Schritte von der Stätte der Verwüstung entfernt, ruhte Klemens Herbold in dem großen Lehnstuhl, der seit dem Beginn der letzten Arbeit zu seiner Bequemlichkeit in das Atelier gebracht worden war. Seine Brust arbeitete fürchterlich, und er rang röchelnd nach Atem. Sein Aussehen aber war ganz das eines Sterbenden. Erika erkannte auf den ersten Blick, daß dieser Anfall schrecklicher war, als irgend einer der vorhergegangenen, und wie fest sie sich auch vorgenommen haben mochte, gec iM iii ib aus, als solltest du der Welt dich bald begeben, Sei karg, als würdest du noch lange, lange leben. Der ist ein weiser Mann, der beides wohl erkiest, Und mild in rechter Zeit, in rechter sparsam ist. M. Opitz von Boberseld. faßt und tap^r zu bleiben, ließ sie sich doch für einen Moment von ihrem verzweifelten kindlichen Schmerz übermannen. Mit dem schluchzenden Ausruf: „Vater! Lieber — lieber Vater!" warf sie sich neben dem Lehnstuhl in die Kniee, und bedeckte die abgezehrte, eiskalte Hand des Leidenden mit ihren Küssen. Da hörte sie dicht an ihrem Ohr Hannas gedämpfte Stimme: „Schicken Sie unverzüglich nach dem Arzte, Fräulein-- Herbold! — Ich habe Ihrem Vater von der bereitstehenden Arznei gegeben; aber mir scheint, daß hier noch andere Maßnahmen getroffen werden müssen — und zwar so schnell als möglich" Erika schaute auf, und durch den Schleier von Thränen, der ihren Blick, verdunkelte, sah sie die verführerische weiße Gestalt des schönen Modells, das Klemens Herbvld so lange für seine Glücksgöttin gehalten. Eine heiße Flutwelle von Bitterkeit und Groll wogte in ihrem Herzen auf; denn so wenig sie auch bis jetzt zu begreifen vermochte, was sich während ihrer Abwesenheit hier zugetragen, so unzweifelhaft schien es ihr doch, daß Hanna Sylvander einen entscheidenden Anteil daran gehabt haben müsse. Aber sie gab der feindseligen Empfindung keinen Ausdruck, und keine vorwurfsvolle Frage kam über ihre Lippen. Sie richtete sich empor, um den ratlos, und erschüttert dastehenden Kruschke in die nahe gelegene Wohnung des Arztes zu senden. Doch sie durfte es ihm ersparen; denn gerade in diesem Augenblick, da man seiner so dringend bedurfte, erschien Doktor Reimers, der dem Professor seinen gewöhnlichen Morgenbesuch hatte machen wollen, und der wahrscheinlich schon durch das Mädchen von der plötzlichen Verschlimmerung unterrichtet war, in der Thür. Er war ein alter Freund des Künstlers, den er oft scherzend den am schwersten zu behandelnden unter seinen Patienten genannt hatte, und war ihm gleich allen, die Klemens Herbold näher kannten, in herzlicher Liebe zugethan. Wohl hatte er sich trotz der scheinbaren Besserung keine Illusion über den wahren Zustand des Kranken gemacht; aber er war doch herzlich überrascht, und aufs tiefste erschüttert durch das, was er da vor sich sah. Ter Blick, den er Hanna zusandte, war nichts weniger als wohlwollend; denn er wußte ja aus Herbolds Aeußerungen, daß sie vor allem die Schuld daran trug, wenn der Patient in dieser letzten Zeit seine Kräfte überschätzt hatte. Er würdigte sie kaum eines Grußes, ehe er sich über den röchelnden, anscheinend halb bewußtlosen Patienten herabbeugte, und seine Fragen waren ausschließlich an Erika gerichtet. Als er das Besteck mit der kleinen Morphiumspritze aus der Tasche zog, legte Hanna den vorhin abgeworfenen Mantel um ihre Schultern. „Sie werden ohne Zweifel den Wunsch hegen, Herrn 302 — ringen, ohne daß es dazu eines langwierigen Prozesses bedürfte." „Ob mir das gelingt, hängt Wohl zumeist von der Persönlichkeit dieses Herrn Regiernngs-Assessors ab. Ich gestehe, daß ich! selbst einigermaßen gespannt bin ans den Verlauf unserer Unterredung." „Wissen die Reftorps von dem Telegramm?" „Ach hielt es für meine Pflicht, sie unverzüglich! davon in Kenntnis zu setzen." „Ah, das hättest Tu nicht thun sollen." „Und weshalb nicht, Hanna?" „Weil das unbegreifliche Benehmen Deiner Braut Dich hätte zur Vorsicht mahnen sollen. Sie stellt sich ja wahrhaftig noch immer, als hielte sie die Auffindung des Briefes für das größte Unglück, das ihr und ihren Angehörigen hätte widerfahren können." Ueber das Gesicht des Rechtsanwalts legte es sich wie ein Schatten. „So sagt ihr Vater; denn Inge selbst ist ja seit dieser Wendung der Dinge für Dich wie für mich -so gut wie unsichtbar geworden. Oder hast Du sie vielleicht heute gesprochen?" „Nein. Aber ich, traf Herrn von Restorp, als ich zu Professor Herbold ging. Und er vertraute mir, daß er sich, schon so früh vom Hanse fortgemacht habe, weil ihm die Jammermiene seiner kranken Frau, und Inges sonderbares Benehmen nachgerade unerträglich geworden seien." „So spracht er gestern abend auch zu mir. Er sagte, es käme überhaupt kaum noch ein Wort über Inges Lippen, und sie ginge mit entzündeten Äugen umher, wie wenn sie ganze Nächte durchgeweint hätte. Selbst damals, als sie unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe von Klitzow fortgemußt hatten, sei sie nicht halb so bekümmert, und niedergeschlagen gewesen wie jetzt. Hast Du dafür eine Erklärung, Hanna?" „Keine andere, als daß sie ein schwaches, nervöses Geschöpf ist — eine von jenen Duldernaturen, für die es nichts Entsetzlicheres gießt, als die Vorstellung eines Kampfes. Jetzt, da sie sieht, daß es Ernst werden soll mit dem Streit um Dietrich von Restorps Erbe, stellen sich ihrem Geiste natürlich nur alle schlimmen Möglichkeiten dar, die aus diesem Streit entstehen könnten. Und sie würde es vorziehen, in Armut und Dunkelheit weiter zu leben, als sich diesen vermeintlichen Gefahren auszusetzen." Bernhard schüttelte den Kopf, als wolle ihm diese Erklärung nicht einleuchte,l, und nachdem er ein paar Sekunden lang stumm vor sich hingeblickt hatte, sagte er zögernd: „Willst Tu mir eine offene Frage ebenso offen beantworten, liebe Hanna?" „Wenn id) dazu im stände bin, gewiß!" „Kaum vierundzwanzig Stunden, nachdem ich ihn von der Auffindung des Briefes in Kenntnis gesetzt hatte, brachte mir Herr von Restorp — seiner Versicherung nach ganz aus eigenem Antrieb — ein Schriftstück, in welchem er sich für den Fall eines glücklichen Ausgangs des Prozesses verpflichtet, seiner Tochter eine Mitgift von dreimal- hunderttausend Mark zu geben. Wußtest Tu etwas von diesem Dokument, Hanna?" „Ja. Er hat es auf meine Veranlassung ausgefertigt." Auf der Stirn des jungen Rechtsanwalts zeigte sich eine tiefe Falte. „Ich ahnte es. Und ich will Mr glauben, daß Du es gut gemeint hast. Aber es war ein schlechter Dienst, den Tu mir damit geleistet, und ®u' hättest es fürwahr nicht thun dürfen, ohne Dich zuvor meiner Einwilligung zu versichern." „Die mir natürlich verweigert worden wär! Gerade weil ick)! Deinen unpraktischen Sinn und Dein zuweilen übel angebrachtes Zartgefühl kannte, habe ich mich veranlaßt gesehen, in diesem Fall ohne Deine Zustimmung zu handeln. Unzuverlässigen Leuten vom Schlage des Herrn von Restorp gegenüber, kann man garnicht vorsichtig genug zu Werke gehen." , , „Und kam es Mr nicht in den Sinn, daß. Du mich durch Deine übergroße Vorsicht um etwas viel Besseres und Köst- licheres bringen könntest, als es mir diese zweifelhaften Hunderttausende sind — um die Liebe und das Vertrauen Boysen zu Ihrem Beistände hier zu haben, Fräulem Herbold", sagte sie. „Ich eile, ihn zu benachrrchttgen; denn ich hoffe, daß ich ihn noch bei meinem Bruder antreffe." „Ich danke Ihnen", gab Erika leise zurück, ohne noch einmal das Gesicht zu ihr zu erheben. Schweigend begleitete der alte Kruschke die Fortgehende bis tn den Vorraum, um ihr die schwere Schiebethür zu öffnen, aber als er sie wieder hinter ihr geschlossen hatte, schüttelte er zornig die geballte Faust. „Schlange!" murmelte er in fernen grauen Bart. „Wenn ’ ich sie doch niemals hätte herein zu lassen brauchen!" — Hanna, die sonst aus Sparsamkeit kaum je einen Wagen benutzte, stieg heute in die erste erreichbare Droschke, um sich nach Hause fahren zu lassen. Die Vorgänge in Klemens Herbolds Atelier schienen auch auf sie einen starken Eindruck hervorgebracht zu haben; denn sie war sehr bleich, und erschauerte trotz der linden Sommerluft wie im Fieber. Aber als sie dann die Treppe emporstteg, hatte sie ihre gewöhnliche Ruhe und sichere Selbstbeherrschung vollständig zurückgewonnen. Sie fragte die im Vorzimmer arbeitenden Schreiber, wer sich im Kabinett ihres Bruders befinde, und als sie hörte, daß nur Harro Boysen bei ihm sei, öffnete sie ohne weiteres die Thür. Hoch erfreut über ihr unerwartetes Erscheinen wollte der junge Bildhauer ihr entgegen eilen, aber sie kam hastig seiner Anrede zuvor. „Ich bringe eine schlechte Nachricht, Harro! Professor Herbold hat soeben mitten in der Arbeit einen schweren Anfall gehabt, und ich fürchte, er wird es diesmal nicht überwinden." Da war freilich alle Heiterkeit und Glückseligkeit mit einemmale wie weggewischt ans seinem Gesicht. Und mit zitternden Händen suchte er nach seinem Hute. „Mein Gott — es schien doch wie eine wirkliche Besserung. Die arme — arme Erika! Ich muß natürlich sofort zu ''ihr. Möchtest Tu mich nicht zurückbegleiten, Hanna?" „Nein", sagte sie scharf und bestimmt. ,Fräulein Herbold trägt gar kein Verlangen nach meinem Beistände." „Nun, ich! will nicht in Dich bringen, obwohl ich überzeugt bin, daß, Du ihre Gesinnung falsch beurteilst. Mich aber müßt Ihr entschuldigen. Ich darf keine Minute verlieren, und ich mache mir die bittersten Vorwürfe, daß ich um einer nichtsnutzigen Geldangelegenheit willen fern sein muß, während der Professor und Erika meuter vielleicht dringender denn je bedürfen!" Er sprach es schon im Fortgehen; denn er hatte sich nicht einmal Zeit gelassen, ihnen die Hand zu reichen. Hannas Oberlippe kräuselte sich spöttisch, während sie ihm nachblickte. „Findest Du nicht, Bernhard, daß ich erstaunlich wenig Anlage zur Eifersucht habe? Obwohl wir seit kaum zwei Stunden verlobt sind, vergißt er über die Sorge um diese Erika vollständig, mir Adieu zu sagen." „Ich denke, seine Aufregung und der Schmerz über den bevorstehenden Verlust entschuldigen ihn hinlänglich. Du hast ihm die schlimme Neuigkeit ja nicht eben schonend beigebracht, liebe Hanna!" „Ist er denn ein schwachnerviges Weib, daß ich, darauf hätte bedacht sein müssen? Und Du siehst ja, der Schrecken hat ihn nicht 'umgebracht. — Hast Du Dich, in der Wede- kingschen Angelegenheit mit ihm verständigt?" „Er hat mir unbeschränkte Vollmacht gegeben, nach meinem Ermessen zu handeln. Und da habe ich, auch etwas für Dich., Hanna! Dies Telegramm ist vor einer halben Stunde bei mir eingelaufen." Sie nahm hastig das Blatt aus seiner Hand und las: „Ich bitte, mich morgen Vormittag zu persönlicher Auseinandersetzung in Ihrem Bureau zu erwarten. Wedeking." Ihre Lippen waren fest zusammengepreßt, und ihre feinen Nasenflügel bebten, als sie ihm die Depesche Nun?"^'fragte er. „Bist Du garnicht überrascht? Dies beweist doch eigentlich eine viel größere Geneigtheit zur gütlichen Verständigung, als wir es erwarten konnten." „Ja", erwiderte sie. „Und nun wird alles von Demer Klugheit und Geschicklichkeit abhängen, Bernhard! Du mußt Deine ganze Diplomatie aufbieten, um einen Sieg zu er 303 meiner Braut? Wenn Inge von diesem Dokumente Kenntnis erhalten hat, und von Deinem Anteil an seiner Entstehung, so brauche ich wahrhaftig nicht lange nach einer Erklärung ihres Benehmens zu suchen. Sie muß notwendig den häßlichsten Verdacht gegen mich hegen, und ich habe kein Mittel, sie von seiner Grundlosigkeit zu überzeugen." Mit einem ungeduldigen Zucken der Schultern wandte sich Hanna zum Gehen. „Ich war darauf gefaßt, daß ich für den Augenblick wenig Tank ernten würde, und darum hätte ich Dir mein Verdienst an der Sache verschwiegen, wenn Du mich nicht geradezu darum befragt hättest. An dem Tage, da Du die dreimalhunderttausend Mark in Empfang nimmst, wirst Du wahrscheinlich anders darüber denken." ©ie' verließ das Bureau, um in ihr Schlafzimmer hinüber zu gehen, wo sie sich nach den Sitzungen bei Professor Herbold umzukleiden pflegte. Aber während sie die Kanzlei passierte, trat sie an den ersten Schreiber heran, und flüsterte ihm zu: „Wenn sich morgen der Regierungs-Assessor Hubert Wedeking bei meinem Bruder melden läßt, müssen Sie mich unverzüglich davon in Kenntnis setzen. Werden Sie das nicht vergessen?" „Gewiß nicht, gnädiges Fräulein", erwiderte der dürre, schmalbrüstige Bureauvorsteher, der eine glühende Liebe für Hanna im Herzen hegte. Sie nickte ihm mit einem freundlichen Lächeln dankbar zu, und noch lange starrte der arme, schwindsüchtige Jüngling wie verzückt auf die nüchterne, braungestrichene Thür, hinter der sie seinen Blicken entschwunden war. (Fortsetzung folgt.) Der König der Gemüse. Gastronomische Plauderei von Th. V. Gall. (Nachdruck verboten.) Auf dem flachen Sandboden unseres Erdteils, also gerade dort, wo nicht einmal eine andere nennenswerte Vegetation gedeiht, wächst eines der köstlichsten Gemüse, das dem Gaumen des Sterblichen von der allsorgenden Mutter Natur gespendet wird: der Spargel. Die Gastrosophen der modernen Kulturnationen nennen ihn, wenn sie seiner gedenken, wohl meist den „König der Gemüse"; allein im Grunde sollte er eine noch höhere Würde zuerteilt bekommen; denn sein so bedeutender kulinarischer Ruf stammt eigentlich aus der Zeit, da er das Leibgericht der römischen Cäsaren bildete; er war recht und schlecht das „Kaisergemüse" zur Blütezeit der Siebenhügelstadt, die Schüssel, die den Höhepunkt jeder Mahlzeit abgab, der ersehnte Leckerbissen all' jener Feinschmecker, die zwischen Rosen- und Veilchengewinden bei den Imperatoren zu Tische saßen oder die Gepflogenheiten dieser infolge ihrer glücklichen materiellen Lage nachahmen durften. Zumal der Spargel von Ravenna wurde wegen der Zartheit seines Geschmacks und der großen hygieinischen Vorteile, die bereits das früheste Altertum an diesem Gemüse erkannt hatte, überaus geschätzt. Hier wurden Sprossen von solcher Größe geerntet, daß selbst heutige Züchter darauf stolz sein würden, und die Zubereitung fand in so mannigfacher Art und unter so rich,- tiger Würdigung der großen gastronomischen Vorzüge, die im Spargel schlummern, statt, daß: die Meister der Kochr- kunst nicht selten gut thäten, die Rezepte der kaiserlichen Küchenchefs, die unter einem Tiberius, Caligula und Domitian ihres oft recht schwierigen Amtes walteten, nach- zulesen und von ihnen zu lernen. Wenn nun auch der Spargel an den Boden von vornherein nur geringe Ansprüche stellt, muß die Kultur dieses Gemüses gleichwohl, wofern es seinem stolzen Titel in der That gerecht sein soll, sehr sorgfältig und durchaus zielbewußt gehandhabt werden. Immer müssen die Sonnenstrahlen möglichst ungehindert ein Spargelfeld küssen; denn sonst weigern sich- die zarten Sprossen hartnäckig, an das Tageslicht zu kommen; eigensinnig verharren sie trotz: Amselsang und Blumenduft unter der Erdrinde; die goldenen wärmespendenden Fäden allein verfügen über die Bannformel, der gehorchend alsdann ein lichtweißes Spargelhaupt nach dem andern aus dem Schoß der Mutter Erde hervorgezaubert wird. Auch von Unkraut aller Art will ein Spargelfeld aufs peinlichste gesäubert sein; denn sonst nehmen dem Gemüse Disteln und Winden, die sich so gern in seiner Nachbarschaft ansiedeln, jedwede Kraft und Lust am Gedeihen oder ersticken es wohl gar gänzlich. Der Boden muh des weiteren frei von jedem steinigen Gehalt sein, damit die Sprossen, sobald der Werckus der Sonne an sie ergeht, schlank und frei emporwachsen können. Schließlich hat der Züchter aber vor allem dafür Sorge zu tragen, daß seine Pflege auch einer guten Sorte zu teil werde. Es giebt augenblicklich, zumal auf deutschem Boden, Arten, die geradezu als ein Triumph der sich damit befassenden Nutzgartenwirtschaft bezeichnet werden dürfen^ Besonders in Braunschweig und Thüringen hat man sie zu einer Vollkommenheit gezüchtet, daß man meinen könnte, eine Steigerung dieser Arten sei überhaupt nicht mehr möglich. Aber auch: die Mark Brandenburg mit ihrem für das Gedeihen dieses Gemüses an sich so geeigneten Boden beteiligt sich: durchaus erfolgreich an diesem Wettbewerb. Hier waren es hauptsächlich! die aus Frankreich eingewanderten Flüchtlinge, die sich: um die Einführung und so glückliche Fortentwickelung der Spargelkultur wohl verdient machten. Mächtige Felder, die in ungünstigen Jahren oft geradezu erstaunliche Erträge liefern, findet man ferner in Baden (Schwetzingen), in Oesterreich: (Korneu- burg und Laa), in Böhmen (Jung-Bunzlau), sowie in der Umgegend von Ulm und Darmstadt. Gebaut wird dieses Gemüse überall, wenn auch in Anbetracht der großen Vorzüge, die es dem Menschen genüßlich und gesundheitlich gewährt, noch bei weitem nicht genug. Merkwürdigerweise wies bereits Plinius darauf hin, daß in Deutschland auf den Feldern sehr häufig wilder Spargel vorkomme. Seine Heimat ist wohl der Osten, von wo aus er dann allmählich seinen Siegeszug durch die Lande unternommen hat. Während sich nun der Deutsche bis über den Beginn der Neuzeit hinweg mit seinem Wildling begnügte, war fast bei sämtlichen übrigen Völkern Europas dies Gemüse bereits in seiner veredelten Form', bekannt und angebaut. Augenblicklich unterscheidet man vorwiegend zwei Arten des Spargels: den weißen uttb den grünen. Im deutschen Norden will man eigentlich: nur von' der ersteren Art etwas wissen, wogegen man in allen übrigen Ländern dem letzteren ganz entschieden den Vorzug einräumt. Das altbewährte Sprichwort, daß sich über den Geschmack nicht streiten lasse, trifft auch hier zu. Während nämlich der weiße Spargel, wie er nur in winziger Höhe aus der Erde hervorragt und so „gestochen "wird, von einer Zartheit und Lieblichkeit ist, die nur noch: sehr wenigen Gemüsen eigen, rühmt man am grünen dagegen mit kaum minderer Berechtigung den entschiedenen Geschmack, den ausgeprägten Charakter: kurzum etwas gewissermaßen männliches, gleich: erwünscht für den Wohlgeschmack als auch zuträglich für die Gesundheit desjenigen, der dies Gemüse ißt. Zumal die letztere Eigenschaft, die hygieinische nämlich, wird beim Spargelverbrauch leider im allgemeinen bei weitem nicht genug betont und demgemäß auch gewürdigt. Leute, die an Herzaffektionen leiden oder Neigung zu Wassersucht haben, finden in diesem Gemüse' eine Arznei, die die größten Erfolge aufzuweisen hat., Nierenkranken sollte unter Umständen geradezu eine Spargelkur verschrieben werden. Die zuträglichen Wirkungen, deren sich dies Gemüse rühmen darf, sind hauptsächlich aus einen Stoff, das Asparagin, zurückzuführen; zugleich ist der Spargel leicht verdaulich und stark eiweißhaltig; durch die Lupe der Chemie betrachtet, enthält er nämlich: 2,27 Prozent eiweißhaltiger Körper, 0,31 Prozent Fett, 0,47 Prozent Zucker, 2,80 Prozent sonstige stickstofffreie Substanzen, 1,54 Prozent Cellulose, 0,57 Prozent Asche, 92,04 Prozent Wasser. Das Mtertum kannte übrigens diese großen gesundheitlichen Eigenschaften des Spargels schon ganz genau und benutzte ihn bereits als Arzneipflanze, als an seine Verwendung für die Küche noch gar nicht zu denken war. Auch sonst hat dies Gemüse dem Kulturmenschen wiederholt allerhand Dienste geleistet. Als der erste Napoleon die Kontinentalsperre über die seiner Botmäßigkeit gehorchenden Völker verhängte, bediente man sich der roten Samen als Surrogat für den unerschwinglich! teuer gewordenen Kaffee, und im Altertum trugen die böotischen Bräute an ihrem Ehrentage Kränze aus dem feingeästeten 304 Laub grün dieser Pflanze. Uebrigens verzeichnet die Nutz- gärtnerei neben dem weißen und grünen Spargel, in den sich zuinal der deutsche Norden und Süden gliedert, noch eine weitere Spielart: den violettfarbigen der Holländer. Immer wenn der Frühling naht, freut sich die Hausfrau über den Zuwachs, den ihre Gerichte erfahren, indem sie nunmehr Spargel auf den Tisch bringen darf. In der That giebt es kaum ein Gemüse, das so mannigfach zubereitet werden kann, w-ie eben unser Spargel. Schon die einfache Spargelsuppe schmeichelt dem Gaumen, um dieses alte Lob zu wiederholen, das einst der alte Cato auf unfern „König der Gemüse" angewendet hat. Wer nicht Fleischbrühe zur Hand hat, braucht nur eine Lösung von dem auch hier so brauchbaren Liebigs Fleischs-Extrakt herzustellen und in diese, gebunden oder ungebunden, je nachdem man solche Suppen liebt, Spargelsprosfen zu thun. Die einfachste Herrichtung des Spargels besteht wohl darin, daß man ihn in Salzwasser kocht und später mit zerlassener Butter übergießt. In Wien unterläßt man es niemals, geröstete geriebene Semmel über den Spargel zu streuen; dadurch wird sein Geschmack kräftiger und entschiedener, ganz abgesehen davon, daß die Schüssel nunmehr auch ein schmuckeres Aussehen gewinnt. Das latschige, ekle, sogenannte Paniermehl der Schnellköche und Speisekasernen, das man augenblicklich als Ersatz für geriebenes Weißbrod öfter, als dem Magen des Menschen zuträglich ist, anzuweuden beliebt, erfüllt die ihm zugemutete Pflicht ganz und gar nicht. In Frankreich verspeist man den Spargel entweder mit holländischer Tunke oder mit Oel; ein Salat aus Spargelspitzen ist ein Leckerbissen, den nur ein Glücklicher auf dem Gebiete der Kochkunst zu erfinden vermochte und ein Weiser auf dem der Eßkunst zu schätzen weiß. Eine Tunke, aus Spargelstücken mit Zuhilfenahme des Spargelwassers hergestellt, ist eine geradezu köstliche Beigabe zu einer kalten oder auch warmen Fleischspeise. Ein gebratenes oder gebackenes Huhn, goldrindige Koteletten, Räucherzunge, Schinken und Wurst können gar keine bessere Aussteuer bei einer Vermählung mit unserem Magen erhalten. Selbst Fischen steht sie nicht übel an, wie es überhaupt kaum ein einziges Gericht giebt, dem sich! der Spargel in der einen oder anderen Form nicht anschmiegen dürfte. Schließlich kann man auch eine sehr schmackhafte Schüssel aus gebotenem Spargel Herstellen. Zu diesem Zwecke bindet man mehrere Stangen, sorgsam geschält und gesäubert, zu einem Bündel- chen zusammen, läßt sie in kochendem Salzwasser aufwallen, wendet sie, immer noch als Bündelchen, in Eierkuchenteig recht gewissenhaft um, und bäckt sie dann nd reichlicher brauner Butter. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß man dazu die allerzartesten Spargel wählen muß. Aber das Gericht schmeckt ganz vorzüglich; es lohnt die aufgewandte Mühe in jeder Hinsicht. Man erntet den Spargel bis in den späten Jun: hmern. Eine alte Gepflogenheit beschließt das „Stechen" mit dem Johannistag; in jedem Falle fällt der Ertrag der nächsten Jahre erwiesenermaßen in demselben Grade geringer aus, wie man früher selbstsüchtig und rücksichtslos eingeheimst hat. Auch beim Stechen selber soll man nicht zu eigennützig verfahren; die Sprvffen dürfen beileibe nicht zu tief im Boden abgeschnitten werden, weil sonst die Wurzeln verletzt und ihre Triebfähigkeit geschädigt wird. Wer übrigens wirkliche Freude an seiner Ernte haben will, der muß Frühaufsteher sein. Der Spargel will nämlich womöglich! gestochen sein, noch ehe die Sonne ihre ganze Kraft gewonnen : am besten also in den ersten Stunden des Tages, oder auch, wann dieser zur Neige geht. Sobald erst die vollen Strahlen auf die zarten Sprossen herabsengen, büßen diese ihren lichten Farbenton ein, indem sie einen gelben, braunen oder grünen annehmen. Die Arbeit selber macht dem, der die Natur liebt und Verständnis hat für ihr geheimnisvolles und doch so reiches Walten, viele Freude. Hier guckt ein Sproß neugierig, das Haupt wohl noch bedeckt von einigen Stückchen der eben geborstenen Erdrinde, zum blauenden Frühlingshimmel empor, und dort noch einer. Fast vor deinen Augen findet dieser Werdeprozeßj statt; wenn die Luft blau ist und die Sonnenstrahlen hinreichend Kraft besitzen, hast du mit einem gut gepflegten Spargelbeet Mühe, die Ernis, die dir von der Natur gewissermaßen in die Hände gespielt wird, hinreichend schnell einzuheimsen. Solches Spargelgericht, das man sich selber an einem Frühlingsmorgen aus dem Garten holt, schmeckt vielmals besser als das gekaufte; denn ein Stück Natur zog in unser Herz ein, als wir es ernteten, eine Frühlingsidylle fand statt, die — man verzeihe mir die nüchterne, prosaische Zusammenstellung! — mehr oder weniger auch unserem Magen zu gute kommt. Genreinnützige». Das wichtig st eNahrungsmitteli st dieLust, und Atmen das wichtigste Geschäft in unseren: Körper. Wir nehmen täglich in 3 bis 5 Malen etwa.3 Liter feste und flüssige Nahrung zu uns, brauchen aber in 24 Stunden 12 000 Liter oder 15 Kilo Lust. So gut sich der Mensch aufs Essen versteht, so schlecht in der Regel aufs Atmen. Geschlossener Mund erhält gesund. Alle Beschäftigungen, welche tiefe Atmungen erfordern, sind von großem Werte, so lautes Sprechen, Singen, Turnen, mäßiges Radfahren, Bergsteigen. Lachen ist eine der gesündsten Verrichtungen. Schlafzimmer sollen so gut gelüftet werden, daß man am Morgen nicht am Geruch wahrnimmt, ob jemand im Zimmer geschlafen habe. Lampen lösche man außerhalb des Wohnzimmers, und lasse sie während der Arbeit stets mit voller Kraft brennen. In einem Fingerhut voll Straßenluft sind mehr als 200 000 Stäubchen; eine gute frische Luft giebt's nur im Freien. Unter allen Geschöpfen ist der Mensch am wenigsten dazu geeignet, in großen Haufen zusammen zu wohnen, und große Städte sind offene Gräber der Menschheit. „E d e n". Aus dumpfen, staubigen Fabrikräumen, düsteren Schreibstuben, in die nur zu oft nicht ein einziges Mal die Sonne freundlich und erheiternd blickt, sehnt sich die hier zusammengepserchte, ihrem Broderwerb nachgehende Menschheit mit Recht nach frischer, freier Luft und Bewegung in derselben, nach frohem Lebensgenuß, Erholung und Gesundheit. Aber leider kann diese Erholung, wenn sie überhaupt gesucht wird, nur in einem Spaziergange, bei größerer oder geringerer Freude an den Schönheiten der Natur, nicht aber in der so nützlichen, heilbringenden Gartenthätigkeit bestehen, da bie meisten Bewohner unserer Städte kein Gärtchen ihr Eigen neunem Diesem Uebelstande sucht eine Genossenschaft m. b. H. in Oranienburg bei Berlin abzuhelfen. Sie besitzt ein Terrain von 37,5 Hektar und verpachtet dieses in kleineren Parzellen an Leute aller Stände, ursprünglich nur an Anhänger der natürlichen Lebensweise, Vegetarier, jetzt aber auch an sog. „Wilde", die Nichtvegetarier sind. In dieser „Obstbaukolonie Eden" kann sich jeder Pächter nach seinen Mitteln und Geschmack ein Häuschen bauen, um ganz in diesem Eden zu wohnen. Das Pachtrecht erbt sich fort, sodaß noch Kinder und Kindeskinder auf demselben Grundstück wohnen können, ohne daß es ihnen gehört. Ein reich illustrierter, aussührlicher Artikel über die Einrichtungen und Gepflogenheiten in Eden befindet sich in der neuesten Nummer des praktischen Ratgebers, die vom Geschäftsamt des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau, Frankfurt a. O., zu beziehen ist.__ Sternrätsel. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben: AAA, B, I), EBBE BEE, FFFF, GG, III, L, NNNNN, PP, BRR, 888, TTTT, U, V derart einzutragen, daß die mittelste wage- rechte Reihe gleichlautend ist mit der mittelsten senkrechten, und die wagerechten Reihen folgendes bedeuten: 1. Buchstabe; 2. Ostrussisches Gouvernement; 3. Schriftstück; 4. Stadt in der Prov. Sachsen; 5. geweihleZeit;6. Zierstrauch k.Erzeuger; 8. Märchengestalt; 9. Buchstabe. Auflösung in nächster Nummer. X X K E. BatlHiht. — Druck »nk «erlag der «rithl'fchen UniserKtStS-Buch- tmk Stemdruckerei (Pietsch Srbr») i*