Sonntag den 29, Dezember. 1901. s— Nr. 187. » •vi I HW SfBk ; 0 VW ** j sg 7 aSbfraM U.W i^^Meh ohne Stab nicht durch den Schnee, W» Und ohne Steuer nicht zur See; Geh ohn' Gebet und Gottes Wort Niemals aus deinem Hause fort. Alter Spruch. (Nachdruck verboten.) Weihnachten in dell Bergen. Bon Dr. Theodor Adler. Weihnachten im Kreise seiner Liehen zu feiern, ist das ersehnte Ziel, welches Hunderttausende tu jenen unwirtlichen Tagen zum Reisen veranlaßt; wer aber niemand mehr in der weiten Welt besitzt, der ihm an diesem Abend ein gastlich Heim öffnet, und verdrießlich und kopfhängerisch in einer Wirtshausecke sein einsames Mahl einnimmt, ist froh, wenn erst das Wethnachtsfest vorüber ist und das Alltagsleben seine Rechte wieder geltend macht. Gar mancher von diesen würde jedoch ein ganz anderes Fazit seiner Weihnachtstage ziehen, wenn er sich entschlösse, einmal allein oder mit einigen Gleichgesinnten ins Gebirge hinaus zu fahren. In den großen Städten Süddeutschlands und Oesterreichs, wie München, Wien und Graz, weiß man längst, daß „ein Weihnachten in den Bergen" seine besonderen Reize hat, und so laden wir denn den Leser ein, im Geiste den Ausflug mitzumachen zu dem Bergvolke, welches sich von Eigenheiten und seltsamen Gebräuchen mehr bewahrt hat als der Bewohner der Ebene. Um Unterkunft brauchen wir nicht besorgt zu sein, wenn wir nach einer langen Bahnreise und eventuell nach einer lustigen kurzen Schlittenfahrt am Ziel angekommen sind, und erfrieren werden wir auch nicht; denn in der Wirtsstube, deren mächtiger Ofen mit schier unendlichen Mengen Buchenholz gefeuert wird, ist es äußerst mollig; im Schlafzimmer aber, wo vielleicht seit Jahren nicht geheizt worden ast, müssen wir uns durch unmenschlich dicke Decken vor der Kälte schützen, doch ist das Schlafen im Kalten ja so gesund, „weil's das Bluat so viel frisch macht". Das Leben in den Bergen, das, seitdem im Herbst die letzten Sommergäste entflohen, wieder seine eigenartigen Urwüchsigen Formen angenommen hat, gewinnt seinen sonderliche weihnächtigen Charakter schon lange vorher beim Beginn der Adventszeit, welche in katholischen Ländern das Rorate, das ist nämlich die Frühmesse zu Ehren der heiligen Jungfrau, bringt. Tiefe, schweigende Nacht ruht noch auf dem Berg- ivalde, über dein vom kalten Winterhimmel die Sterne funkeln. Da wird drüben an der Berglehne ein einziges kleines Lichtchen sichtbar, das sich langsam thalabwärts bewegt, und wenn wir genau Umschau halten, sehen wir, daß es nicht vereinzelt bleibt. Bon anderen Höhen, wo vereinzelte Bauernhöfe liegen, kommen andere heruntergezogen, und wir bemerken, daß wir in der tiefen Einsamkeit keineswegs allein sind. Es sind die Gläubigen, die bei Laternenschein oder Fackellicht thalabwärts zu dem kleinen Kirchj- lein mit dem spitzen, gotischen Turm, ziehen, in dem mit dem 6. Glockenschlage das Engelamt beginnt. Im festlichen Lichterschmucke prangt der Hochaltar, während in den übrigen Teilen der Kirche noch magisches Halbdunkel herrscht. Und nun kommen sie herein, die Bauern und Frauen, die alten Mütterchen, die Dirndeln und Burschen, und selbst die Kinder lassen sich durch Schnee und Eis nicht abhalten, ihre Eltern auf den stundenlangen Wegen zum Gotteshause im Thale zu begleiten. Auf den Betschemeln vor den Bänken werden die mitgebrachten Wachsstöcke entzündet, bei deren Licht man die kleine Schrift der Gebetbücher enträtselt. Der Priester spendet, im glänzenden Meßgewands am Altar stehend, die Messe. Dann setzt die Orgel ein mit einem jener uralten Weihnachtslieder, die sich durch die Jahrhunderte erhalten haben, tönt sich immer mehr zu einem sanften pianissimo ab, und vom Chore erschallt die Stimme des Knaben, der den Engel vorstellt, welcher einst der Maria die frohe Botschaft verkündete: Ave Maria, gratia plena (Gegrüßt seist Du, Maria, Du gnadenreiche) und von unten kommt als Antwort der Gesang der An« dächtigen: Benedicta tu in mulieribus (Gebenedeit seist Du unter den Frauen). Dann folgt, nach Beendigung des Ave, Maria, noch ein Marienlied, in dein sich der duftige Zauber der alten deutschen Bolkspoefie verkörpert: Sei gegrüßet, lichter Stern, .holde Mutter unsres Herrn, Königin der Engelein, Stolzer Turm von Elfenbein, Ave Maria. oder: Maria sei gegrüßet, Du lichter Morgenstern! Der Glanz, der Dich umfließet, Verkündet uns den Herrn. Von jeder Makel rein Sollst Du zunt Menschenheile Des Höchsten Mutter sein. Bald im Anfang der Weihnachtszeit, am 5. Dezember, als Borabend des Tages vom heiligen Nikolaus, beginnen die Weihnachtsspiele, deren es namentlich in Tirol, Steiermark und Kärnthen zu Dutzenden gießt, und zu deren Einübung die Proben oft schon im Oktober ihren Anfang nehmen. In Haus und Hof aber beginnt mau mit den Zurüstungen, welche die Essensfrage betreffen. Denn in bett; Bergen, wo man zum Krämer vielleicht recht weit hat/ 740 ---- muß man mit Spreise und Trank Wohl ausgerüstet sein, und kann nicht erst, wie es der Großstädter thut, am letzten Tage in wenigen Stunden alles Notwendige Zusammenkäufen. Zunächst wird in ^der deni Weihnachtsfeste vorausgehenden Woche das Schwein geschlachtet, was man im zeitigen Frühjahr als „Märzfahrl" gekauft und den Sommer über mit vieler Sorgfalt groß gezogen und gemästet hat. Tann kommen die Bäckereien an die Reihe und das große Reinemachen, und wenn der Abend des 24. Dezember herniedersinkt, ist es auch mit den Arbeiten vorbei, die in den letzten Tageil vor dem Fest ziemlich alle Zeit in Anspruch genommen haben. Die Sitte des Christbaums hat zwar bei den Bewohnern der Alpenlcntder, wo St. Nikolo der eigentliche Tag des Schenkens, der Nüsse und der Pfefferkuchen ist, noch nicht allgemein Eingang gefunden, und nur hier und da, wo ein „Extra Noblichter" wohnt, sieht man die Lichter des Tannenbaums in die Christnacht hinaus- leuchten. Aber dafür sitzt alles froh beisammen am schweren eichenen Tisch und läßt fich's gut schmecken beim Fastenmahl, an dem die Bäuerin mit dem Schmalz nicht gespart hat. Oft kommt auch noch ein Fleischgericht dazu in Häusern, wo man mit dem Erstrahlen des ersten Sternleins am Wend das Fasten beendet, und der Fremde, der Lutherische, der an diesem Tage in die Bergwirtshäuser kommt, braucht keinen Mangel zu leiden. Dann wird der Rosenkranz gebetet oder etwas ^Erbauliches erzählt, und wenn die Uhr gegen Mitternacht vorrückt, rüstet sich alles zum Gange nach der „Christmetten", von welchem sich höchstens die gebrechlichen Personen ausschließen, welche als Hüter des Anwesens und bei den Kindern Zurückbleiben, die noch zu klein sind, um den weiten beschwerlichen Weg mitzumachen. Nun wiederholt sich das Bild von der Advents-Rorate in ungleich größerem Maßstabe; vor der Kirche werden die brennenden Kien- spähne, welche als Leuchte auf den tiefverschneiten Wegen gedient haben, in den Schnee gesteckt. Heute ist jedermann im höchsten Sonntagsstaat; die sammetnen Mieder mit den silbernen Kettchen und Schaumünzen, die roten Korallenschnüre, welche sich von dem dunklen Stoffe der Taille wirksam abheben, die schönsten seidenen Kopftücheln und Schürzen, die gestickten Brustlätze, die Westen, der Männer mit den haselnußgrvßen Silberknöpfen: alles ist herausgeholt zu Ehren des heiligen Christs. Wiederum erklingen vom Chor herab die deutschen Weihnachtslieder, unter denen sich manches befindet, was zu den besten Schöpfungen der deutschen Volkspoesie gehört. Der Weg nach Hause ist nicht immer ohne Gefahr; denn der an den Bergabhängen seit Wochen aufgehäufte Schnee hat auch seine Tücken. Nicht nur im Frühjahr, wenn die lauen Märzenwinde das Gefüge des Schnees und seinen Halt auf der Unterlage durch Tauwasser gelockert haben, stürzt die Lawine mit vernichtender Gewalt ins Thal, sondern oft auch mitten im Winter, wenn ein warmer Föhn oder Sirokko mit einer Geschwindigkeit, die alles vor sich Uiederwirst, über die Gipfel braust und die gefürchtete „Windlahn" in Bewegung setzt, vor deren Winddruck, ohne daß die Schneemassen ihn berührt haben, der starke Hochwald niederbricht, wie dünne Hölzchen, fordert das Hochs- gebirge seine Opfer. Auch mitten im strengsten Winter, wenn der jähe, meist über Nacht eintretende Wetterumschlag kommt, bei dem das Thermometer oft in wenigen Stunden von 15 Grad unter Null auf ebenso viel über Null steigt, hat schon mancher Besucher der Christmette seinen Tod gefunden, von dem ein einsam an der Berglehne stehendes Märtel mit bewegten Worten und groteskem Bilde zum Wanderer redet. Auch die Geistlichen in den Bergen, denen es ihre Pflicht auferlegt, unter den größten Gefahren stundenlange Wege zu machen, um Schwerkranke zu trösten und Sterbenden" die letzte Oelung zu spenden, wissen davon zu erzählen, daß inmitten der großartigen Bergnatur, wo das Menschenherz dem Weltgeist näher zu sein glaubt, der Dämon des gräßlichen Todes lauert. In den Häusern harren der Kinder sodann der Krippen, die zwar auch in den Kirchen vom ersten Adventssonntage bis zum heiligen Dreikönigstag ausgestellt sind, die aber, seitdem der heilige Franz am Weihnachtsfeste 1223 zur Feier des heiligen Tages eine Krippe errichtete, aus den Gotteshäusern in die Privatwohnungen gedrungen sind. Oft sind es nur kleine Darstellungen des Stalles, wo die Mutter Gottes mit dem Jesuskind im Arm sitzt und Joseph habet steht, während die Lämmer, das Oechslein und der Esel neugierig dem Wunder zuschauen. Wer aber ein klein wenig mit dem Schnitzmesser umzugehen weiß, schneidet in den langen Winterabenden stets neue Figuren dazu, sodaß im Laufe der Jahre eine Szene von vielen Hunderten von Figuren entsteht, welche eine ganze Berglandschaft bevölkern. Die Krippen in den Kirchen sind natürlich ungleich! größer und schöner, weil zu ihrem Aufputz die ganze Ortschaft beisteuert, und oft namhafte letztwillige Zuwendungen! gemacht werden. Die schönste dieser Krippen, welche über 10000 Gulden gekostet hat, ist im Besitze des Bürgermeisters Moser in Bozen, während in der Marienkirche in Graz allweihnachtlich eine wahrhaft künstlerische Krippe aufgestellt ist, deren Figuren sämtlich lebensgroß in Wachs gebildet sind. Zum Dreikönigstage werden der ganzen Szene noch die heiligen drei Könige hinzugefügt samt dem Engel, der ihnen den Weg zur Sancta Casa weist. Was wir da aber nur im Bilde sehen, tritt uns in den Weihnachtstagen oder auch schon früher lebend und handelnd vor Augen. Dio Darsteller wandern in ihren Kostümen von Haus zu Haus, haben also fast nie eine eigene Bühne, sondern führen iw der ersten besten Stube irgend ein Teil der Weihnachtsgeschichte auf und singen dazu Lieder, deren derbe Realistik und Naivetät den heiligen Personen Reden in den Mundi legt, wie sie auch dem Sinne nach nie in Judäa gehalten! sein werden, sondern nur als eigenartigste Schöpfung des! deutschen Volksgeistes entstehen konnten, und wobei es nicht an den köstlichsten Zeitfehlern mangelt. Wer daran Anstoß nimmt, wenn der bekannte Maler Uhde und andere den Christus in seinen Bildern mitten in eine deutsche Bauernstube stellt oder mitten zwischen deutsch-modern gekleidete Landleute auf ein Aehrenfeld, der wird von seinen Bedenken kuriert werden, wenn er einmal zu sehen Gelegenheit findet, mit welcher Andacht die Bergleute den Worten dieser Volksschauspieler lauschen, die durchaus nicht im Geiste des Jahres Null unserer Zeitrechnung gehalten sind. In den Touristen- und Unterkunftshäuscrn der Alpen> welche im Winter bewirtschaftet sind — und es giebt deren! nicht wenige — geht es jetzt übrigens auch überall froh und heiter beim Glanze des Christbaums am Weihnachts- abend her. Denn aus Turn- und Gebirgsvereinen findet sich da immer eine größere Anzahl von unverheirateten Mitgliedern zusammen. Jedenfalls wird der, welcher zu Weihnacht einmal in die Berge geht, recht befriedigt wieder-, kehren, auch!.wenn er nicht gerade zu den Bergen der Alpen! reist, sondern mit der Winterlandschuft vorlieb nimmt, Witz sie -ein europäisches Mittelgebirge uns bietet. Dsr bunte Teller. Plauderei von Sylvia. (Nachdruck verboten.) Die Sitte, am Weihnachtsabend für alle Hausgenossen! einen bunten Teller unter den Christbaum zu stellen, ist wohl in ganz Deutschland verbreitet; aber wo sie eigentlich herstammt, vermag niemand recht zu sagen. Manche behaupten, daß die verschiedenen Süßigkeiten, Früchte und! Kuchen die Gaben versinnbildlichen sollen, die dereinst die Hirten dem Christusnnde zu Füßen legten, die Erklärung; erscheint indessen gesucht. In einem märkischen Märchen! wiederum wird der Brauch! auf das Erlebnis eines kindlichen Geschwisterpaares zurückgeführt. Der kleine Sohn des! Lcmdesherrn und sein Schwesterchen — heißt es hier — waren am 24. Dezember über die Grenzen ihres väterlichen! Parks hinausgegangen und dabei in einen großen Wald! gekommen, aus dem sie nicht wieder herausfanden. Test ganzen Tag lottg irrten sie umher, und zuletzt wurden sitz so hungrig, daß sie bitterlich! zu weinen anfingen. DM hörte die Fee, dste der Kinder Pate war, und aus Mitleid mit ihnen ließ sie Erdbeeren und Heidelbeeren aus dem! Schnee aufwachsen. Bevor der Prinz und das Prinzeßchen sie aber aufgegessen hatten, kamen die Diener, bte von! den Eltern ausgesandt waren, um sie zu suchen. Da bte! Kinder die schönen Früchte nicht im Stich! lassen wollten/ so pflückten sie diese ab und machten sich aus dem SchueÄ Tellerchen, in die sie die Beeren hineinlegten. Der Fürst des Landes ordnete an, daß zur Erinnerung an dieses Ereignis alljährlich am Heiligabend alle armen Kinder auf seine Kosten einen Teller voll Leckereim geschenkt bekämen. -47 — Das Märchen ist zweifellos sehr anmutig; doch leider wenig bekannt. Ich hörte es vor langen Jahren auf einem vstpreußischen Gut erzählen, wo die Kinder regelmäßig auf ihrem Weihnachtstisch ein kleines Schüsselchen mit Erdbeeren und Heidelbeeren aus Zucker fanden. Natürlich durften neben diesen Beerentellern die großen bunten Teller mit Pfefferkuchen, Marzipan, Aepfelu, gebrannten Mandeln, Traubenrosinen und Nüssen nicht fehlen; denn welches Kind möchte diese am Christabend wohl missen? Sie sind jedoch im Lauf der Zeit recht anspruchsvoll geworden, unsere Kleinen. Die genannten Süßigkeiten allein genügen ihnen nicht mehr, es müssen dazu noch kandierte Nüsse und Früchte, Fruchtpasten in den kunstvollsten Formen, Pralinees, Fondants, Frankfurter Brenten, Spekulatius, präparierte Bananen, die neu eingeführten chinesischen Feigen, holsteinischer Knorpelkuchen, Morsellen, Nougat, Creme- und Mandelbrödchen, orientalische Blumeu-Konfi- türen und Dessertkonfekt aller Art kommen. Außer dem Königsberger Marzipan giebt's auch Lübecker, sowie solchen mit Frucht-, Nuß- und Cremefüllung oder Chokoladenüberzug und außer den einfachen altbekannten Pfefserkuchensorten alle erdenklichen feineren mit hochtönenden Namen. Da verdient der Teller denn mit vollem Recht das Beiwort „bunt". Mit seinem mannigfaltigen Inhalt, der sich aus den erlesensten Näschereien aller Völker unseres Erdballs zusammensetzt, legt er Zeugnis ab von dem ausgedehnten Handel- und Verkehrswesen unserer Neuzeit. Ob die Kinder von heute wirkliche nicht im stände sind, sich! schon zu billigeren Bedingungen den Magen zu verderben? Ich! glaube doch. Dies Resultat würde nicht ausbleiben, auch wenn man ihnen einige Aepfel von jenen Sorten, die unter der mißtrauen- - erweckenden Bezeichnung „Kochobst" verkauft werden, sowie verschiedentliche Süßigkeiten aus einem dörflichen Material- warenlädchen auf den Teller legen möchte. An anderen' Tagen würden sie diese vielleicht nur mit Verachtung strafen, aber eint Christabend ist so leicht keines zur Kritik geneigt, da sind sie alle miteinander nichts als Kinder mit der ganzen unbefangenen Fröhlichkeit und Empfänglichkeit der Kinder. Nur bunt von Farben müßte der Teller sein; diese Forderung wird unerbittlich gestellt, aber die läßt sich auch erfüllen mit Hilfe jener aus viel Mehl und etwas Syrup hergestellten sogenannten Pfefferkuchenherzen, auf denen rot, blau, gelb und grün angekleckste Bildchen mit Unterschriften, wie folgende: „Der Esel ist ein dummes Tier, . Was kann der Elefant dafür?" oder „Alles biegt und alles bricht, Aber unsere Freundschaft nicht." aufgeklebt sind. Indessen — so sind die Menschen! Den Kindern, für die diefe schönen Herzen doch! eigentlich fabriziert werden, schenkt man sie in mittleren oder höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht, den Erwachsenen aber oftmals. Wenn unverheiratete Herren und Damen von feiten befreundeter Familien eingeladen werden, den Weihnachtsabend bei ihnen zu verleben, so bekommen sie auch- ihren bunten Teller, auf dem sich- neben allerhand Leckereien auch einiges Scherzhafte zu befinden pflegt. Da der echte Humor jedoch ziemlich selten auf Erden ist, so muß der unfreiwillige jener Pfefferkuchenpoesien herhalten, der denn auch thatsächlich meist allgemeine Heiterkeit erregt, während diese keineswegs immer zum Ausdruck gelangt, wenn die Leute ihren eigenen Genius in Beisteuer setzen. Es ist eine alte Erfahrung, daß die „harmlosen" Gegenstände, die als Scherzartikel den | Gästen auf die Teller gelegt werden, selten die von den | Gebern beabsichtigte Wirkung erzielen. So empfiehlt es sich z. B. nicht, einen Herrn mit einer Auswahl der vielbeliebten, I ut Konfitürengeschäften käuflichen Miniaturfläschchen mit £ Kognak und Schnäpsen oder mit einem niedlichen | Körbchen zu beschenken. Manche könnten darin Anspielungen I entdecken, die — nun, die doch zweifellos recht unzart Barett. Zu solch' ungerechtfertigtem Mißtrauen werden die nnt Schöpfungen anspruchsloser Mal- und Dichtkunst geschmückten Herzen schwerlich Anlaß geben. ... Und doch können auch diese — man sollte es nicht für möglich! halten — die Ursache großer Ereignisse werden. M einer mir bekannten Familie war das fünfjährige Söhnchen, des Hauses während der Abwesenheit der Mama heimlich m das Weihnachtszimmer geschlüpft. Diese herrliche Gelegenheit, um dort Unheil anzurichten, benutzte der Junge dazu, über das auf einem Pfefferkuchenherz befindliche Bild eine vom Karton abgelöste Photographie seiner erwachsenen Schwester zu kleben. Diese wollte das Porträt zum Geschenk für ihre Eltern noch in zwölfter Stunde in ein „Chromobild" umtvandeln, wozu es bekanntlich von der Unterlage abgeweicht werden und mit Klebstoff bestrichen werden muß. Dies war zwar noch nicht geschehen; doch stand das Töpfchen mit dem dazu bestimmten Mittel bereit. Wer konnte es dem Kleinen verdenken, daß er der Lockung nicht widerstand, zumal, da die Sache ihm so bequem gemacht war! Da niemand rechtzeitig seine Unthat entdeckte, geschah es, daß einer der Gäste, ein junger Herr, das Herz aus feinem Teller fand. Zufällig war die Photographie nicht groß genug gewesen, um auch den gedruckten Vers zu bedecken, der da lautete: „Das Herz von dieser Maid, Ist Dein für alle Zeit!" Ob der betreffende Herr-glaubte, daß die junge Dame höchstpersönlich ihm ihr Konterfei mit dieser Unterschrift zum Angebinde hatte machen wollen, vermag ich nicht zu sagen, jedenfalls aber — so viel steht fest — nahm er sich die Worte zu Herzen, was dann die weitere Folge nach sich zog, daß es wenige Tage später ein Brautpaar mehr! rtr der Welt gab. Man sieht aus dieser höchst wahrhaftigen Geschichte, wozu ein bunter Teller manchmal gut ist. Er erfreut nicht nur Kinderherzen, sondern vereinigt unter Umständen sogar! Liebende. Mehr kann man . doch wahrhaftig von einem bunten Teller nicht verlangen. Zug und offene Fenster. (Nachdruck verboten.) lieber dies gesundheitlich so überaus wichtige Thema plaudert Professor Meidinger aus Karlsruhe in den „Blättern für Bolksgesundheitspflege". Unser Behagen bei ruhendem Körper, insbesondere innerhalb unserer vier Wände, ist an eine bestimmte Temperatur geknüpft, die etwa zwischen 16 und 21 Grad Celsius (13 bis 17 Grad Reaumur) liegt. Junge Leute oder solche, die durch regelmäßigen Aufenthalt im Freien abgehärtet sind, fühlen sich bei der niederen Temperatur wohler, ältere oder durch den Beruf mehr ans Zimmer gebannte Personen bedürfen, namentlich wenn sie von magerem Körperbau sind, der höheren Wärmegrade. Durch Luftbewegung, hie man im Freien als Wind- im Zimmer als Zug bezeichnet, wird die Wirkung ein und derselben Temperatur sehr verändert, da eine raschere Abkühlung der Haut nicht bloß an den unbedeckten, sondern auch an den bekleideten Körperteilen entsteht, so weit sie dem Luftstrom ausgesetzt sind. Die Luft erscheint dadurch kälter, als sie in Wirklichkeit ist. Wenn die Temperatur sonst über dem der Annehmlichkeit entsprechenden Punkte stehst so wirkt die verstärkte Abkühlung der Haut durch bewegte Luft wohlthuend, weshalb die Damen zum Fächer greisen. Im Freien kann der Wind bis zur Erzeugung eines frostigen Gefühls auf den Körper einwirkeu, ohne der Gesundheit zu schaden, so lange der Körper in Bewegung ist. Eine gesundheitliche Schädigung tritt erst ein bei Zug innerhalb des Zimmers, wenn sich' der Körper in Ruhe befindet. Die sich einseitig fortsetzende Abkühlung der Haut kann, auch wenn, die Temperatur.sonst normal isst zu Erkältung, zu Schnupfen, aien und weiterhin sogar zu rheumatischen Beschwerden zu Gelenkrheumatismus führen. Dies ist bei jungen Leuten selbstverständlich seltener als bei älteren; darum aber sollte jeder sorgfältig darauf achtgeben, wenn er die Altersgrenze überschritten hat, die ihn für Zug und die daraus entstehenden Folgen einvfindlicher werden läßt. Das offene Fenster spielt in der Wohnung, übrigens auch in anderen Räumen zum vorübergehenden Aufenthalt, wie tu den Eisenbahnen, eine große Rolle. Viele Leute meinen, es sei füv ibre Gesundheit erforderlich das Fenster des Schlafzimmers während des ganzen Jahres offen zu haben. Die Folge davon isst daß die Schlafräume an heißen Sommertagen unangenehm warm, im Winter unbehaglich kalt find. Das Oeffnen der Schlafzimmer wird auch zur Nachtzeit empfohlen. Wer von Jugend an daran gewöhnt ist, mag sich! auch im höheren Alter dabei wohl fühlen, wer abev erst später damit beginnst holt sich dadurch gewöhnlich eine 748 — Erkältung. Es ist durchaus möglich, daß jemand ohne schaden im Freien schlafen, aber ein offenes Fenster im Schlafzimmer nicht vertragen kann. Jrn allgemeinen könnte man Wohl als Regel aufstellen, daß sich niemand ohne allmählichen Uebergang zn einer früher nicht gekannten Gewohnheit bekehren lassen sollte. Besondere Fanatiker des offenen Fensters pflegen, wie Professor Meidinger in das Gedächtnis ruft, die Engländer zu sein, die auf der Eisen- balsn und in Pensionen oftmals mit den übrigen Anwesenden in Streit kommen, weil sic sich den Vorzug des geöffneten Fensters nicht nehmen lassen wollen. Es giebt aber auch unter uns Deutschen zuweilen solche Fanatiker der Lüftung, nur daß sie in der Regel den Vorstellungen anders Fühlender am dritten Ort eher zugänglich sind. Für dieses Jahr ist die Zeit freilich vorbei, aber es kann doch noch darauf hingewiesen werden, daß im heißen Sommer das Oeffncn der Fenster ganz unsinnig ist, wenn die Temperatur draußen vielleicht um 3 bis 5 Grad höher ist als int Zimmer. Wer es noch nicht wissen sollte, mcfg es sich gesagt sein lassen, daß im Sommer die Fenster nur zur Nachtzeit oder zur späten Abendstunde geöffnet cherden sollten. Noch ein iveit verbreiteter Irrtum ioird endlich von Professor Meidinger erwähnt, nämlich die vermeintliche Abwehr der Sonnenstrahlen durch Gardineu und innere Vorhänge. Durch diese wird zwar das Licht, nicht aber die Wärme der Sonne vom Zimmer abgehalteu, da die erwähnten Vorhänge ihrerseits die Wärme an die Zimmerluft abgeben. Eine Abwehr der Sonnenstrahlen kann nur durch äußere Vorhänge oder Jalousien geschehen. Katechismus der chemischen Technologie. Unter Mitwirkung von P. Kersting, M. Horn, Th. Fischer, A. Junghahn und I. Pinnoiv herausgegeben von Paul Ker st i n g und Max Hör n. Erster und zweiter Teil mit 79 bezw. 72 Abbildungen. In Originalleinenband je 5 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Das vorliegende Werk besteht aus vier in sich voll- ständig abgeschlossenen Teilen, von denen der erste Teil die anorganische, der zweite die organische chemische Technologie umfaßt, während Band 3 die allgemeine Hüttenkunde, und Band 4 die spezielle Hüttenkunde behandelt. Ta bei der Einleitung, Fortführung und Regulierung der chemischen Reaktionen die Wärme und Kälte eine große Rolle spielen, so ist im ersten Teile des Katechismus neben der Technologie der Brennstoffe (Feuerungen usw.) der Wärme und Kälte ein besonderes Kapitel gewidmet, woran sich die Technologie des Wassers als eines für die Technik unentbehrlichen Hilfsmittels schließt. Eine absolute Trennung zwischen mechanischen und chemischen Veränderungen ist aber nicht durchzuführen, daher werden in diesem Buche auch manche mechanischen Veränderungen erwähnt. Die Darstellung ist wegen der überreichen Fülle des Stoffes knapp, daber jedoch von einer mustergiltigen Klarheit. Die Illustrationen sind wohl geeignet, den Text da, wo es durchaus notwendig ist, in anschaulichster Weise zn erläutern. Der Katechismus der chemischen Technologie, von dein jeder Teil auch einzeln abgegeben wird, ist sowohl Fachleuten als anch Laien, namentlich aber Studierenden als ein nützliches H a n d b u ch zu empfehlen. GemersrnMziges. Erfrorene bringe man nie sofort in ein warmes Zimmer, sondern in ein kaltes. Man trage sie behutsam, am besten auf einer Tragbahre, auf einem Brett, einer Tischplatte usw., da die Glieder Erfrorener leicht abbrechen. Man entkleide den Erfrorenen mit Vorsicht, und reibe ihm den ganzen Körper mit Schnee oder nassen kalten Tüchern ab. Hierauf bringt man den Patienten in ein Bad von 12 Grad Reaumur, und schüttet nur ganz allmählich heißes Wasser zu, sodaß die Temperatur innerhalb einer halben Stunde auf 24 Grad Reaumur steigt. Werden hierin die Glieder beweglich, so bringt man den Patienten in ein kaltes Bett, und reibt unter der Decke die Glieder einzeln. Vermag der Patient zu schlucken, so gebe man ihm schwarzen Kaffee oder Thee. Man gehe erst später und mit Vorsicht zu festen Speisen über. Für Stuhlgang muß ebenfalls gesorgt werden, und ist ev. mit 20—24 grädigew Klystieren nachzuhelfen. Gegen Frostbeulen sind gebratene Zwiebeln ein gutes Mittel. Die Zwiebel wird ganz gebraten, ausein- andergebrochen, und die einzelnen Schalen so heiß wie möglich auf die erfrorene Stelle gelegt. Je früher dieses nach Erkennen des Erfrorenseins geschieht, desto sicherer und schneller ist die Heilung. Ein gestoßene Glassplitter auszuziehen. Oft kommt es vor, daß man sich kleine Glassplitterchen in die Hand oder den Fuß stößt, die man meistens nicht fassen kann. Diese sind leicht auf folgende Weise auszuziehen. Man hält eine Stange Siegellack an einem Ende in. eine Flamine, und drückt das geschmolzene Ende leicht auf den Glassplitter. Nimmt ntcut nach dem Erkalten die Siegellackstange weg, so sitzt der Splitter in derselben fest. Nötigenfalls wiederholt inan das Verfahren. Es ist selbstverständlich, daß man die Siegellackstange nicht allzuheiß anweuden darf, um sich nicht zu brennen. Keine zu enge Kleidung. Die Natur hat den Brustkasten so gebaut, daß bei dem Atemholen alle Rippen mit bewegt werden, und zur Erweiterung der ganzen Brusthöhle wirken. Bei einem eingeengten Brustkasten aber ist der größere Teil der Rippen in seiner Bewegung gehindert, und das Atemholen kann nur mit den wenigen, oberen, freibleibenden Rippen und dem Zwerchfelle geschehen. Deshalb ist eine leichte und lockere Bekleidung der Brust offenbar die gesündeste. Ein b ekanntes Mitt el g e g en üb erschüssi g e Magensäure oder Sodbrennen ist doppelkohlensaures Natron, indessen ist man oft nicht in seinem Besitz, und versucht allerlei, dies eigentümliche Brennen zu vertreiben. Als ganz vorzügliches Mittel, das sogar in jedem Bauernhaus vorhanden, giebt rohes eingemachtes Kraut (Sauerkraut) oder ein Gläschen Salzwasser, oder eine Messerspitze Kochsalz. Champignonzucht ans dem Komposthaufen. In seiner Nr. 49 beschreibt der praktische Ratgeber tut Obst und Gartenbau zu Frankfurt a. d. Oder eine Art der Champignonzucht, die nicht wenig von der üblichen Kulturweise abweicht. Während dieselbe sonst tn Kellern auf verrottetem Pferdemist betrieben wird, giebt die neue Art an, als Nährboden die in jedem Gartenbetrrebe vorhandenen Komposthaufen zu benutzen Zu diesem Zweck werden diesell'en mit altem Pferoemtst durchschichtet. Anstatt der Brut werden alte, schon schwarz gewordene Pilzhüte verwendet, welche man mit der Unterfede auf die Komposthaufen legt, und mit ikleinen angespitzten Staben festspießt. Die reifen, in dem Pilzhur befindlichen Sporen bilden bald ein ausgedehntes Myeel, welches eine reiche Ernte herrlicher Champignons hervorbrnigt. Damit die Pilze nicht dirrch großen Sonnenbrand leiden, lasse man auf dem Haufen das Unkraut nach Belieben wuchern. Es beschattet und beschützt die junge Brut. Erika dürfen während der Blüte nicht zu trocken stehen, da sie sonst leicht eingehen. Sobald mciilinerkt, daß dieselben die Zweigspitzen hangen lassen, steltryan sie einige Zeit lang in lauwarmes Wasser, bis sich die ** •**” —’“1' MM. »«,»=