1901. 81 AWßWWW EAZA! Ä 15/ ie Erfahrung lehrt, daß, so wie gewöhnlich denjenigen am meisten der Schuh drückt, dessen schöner Fuß von jedermann gepriesen wird, viele Menschen gerade durch dasjenige am meisten leiden, um dessen willen sie am meisten beneidet werden. Eötvös. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Er hatte Mühe, Vie Stelle wiederzufinden, tvo er gestern so unsanft aus seinem kurzen Rausch ernüchtert worden war, aber als er sie gesunden, sah er, daß Lilli doch noch pünktlicher gewesen war, als er. Sie lehnte au dem Eingang .der kleinen Felsgrotte, bleich, fröstelnd, und mit feuchten Haaren. Wie ein müdes Lächeln huschte es über ihr Gesicht, als er auf sie zutrat. „Ich wußte es, daß Sie kommen würden", sagte sie, „und ic£} danke Ihnen dafür. Aber ich bin nun in Ihren Augen ein schlechtes, tadelnswertes Geschöpf — nicht wahr?" „Nein, gewiß nicht, Fräulein von. Rauten! Und Sie dürfen mir glauben, daß ich sehr glücklich wäre, wenn ich Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen, wenn ich. Ihnen irgendwie von Nutzen sein könnte." „O, Sie könnten es wohl, aber ich glaube nicht recht daran, daß Sie den ernsten Willen dazu haben." „Doch", sägte er ernst und feierlich „Was mein Gewissen mir gestattet, werde ich unbedenklich, und mit Freuden für Sie thun. Ist es denn ein bestimmter Wunsch, dessen Erfüllung Sie von mir erwarten?" „Ach ich weiß es selber kaum. Ich weiß nur, daß ich sehr unglücklich bin, und voll entsetzlicher Angst. Mein Vater ist an diesem Morgen bei Ihnen gewesen, und es muß etwas sehr Schlimmes zwischen Ihnen und Ihm vorgefallen sein; dennoch habe ihn noch niemals so gesehen wie heute. Sagen tote mir, was da geschehen ist, oder womit Sie ihn bedroht haben, daß er sich plötzlich so ganz verändern konnte." „Dazu habe ich kein Recht. Sie müssen ihn selbst darum fragen, nicht mich." „Sehen Sie, wie wenig ich von Ihren Versicherungen halten darf. Aber ich habe eine dunkle Vorstellung davon, um was es sich handelt. Es ist diese abscheuliche Schmuckgeschichte, und ich allein trage die ganze Schuld." „Nein, Sie haben keinen Grund, sich Vorwürfe zu machen. Wenn Sie überhaupt etwas Unrechtes thaten, so thaten Sie es doch, ohne sich dessen bewußt zu, sein." „Es ist sehr freundlich, daß Sie es so ansehen, aber Sie machen mir damit das Herz nicht leichter. Können Sie denn nichts — gar nichts thun, um meinem Vater zu helfen? Da Sie ihn in diese verzweifelte Stimmung versetzt haben, besitzen Sie doch sicherlich auch ein Mittel, ihn wieder daraus zu befreien." „Ich fürchtete wohl, daß es gerade das Unmögliche sein würde, das Sie von mir verlangen. Nun werden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich! Ihnen schwöre, daß ich ein solches Mittel nicht besitze, und daß ich nicht der Urheber dessen bin, was Sie traurig macht, wie stark auch der Schein dafür sprechen mag. Ich bin nichts als das willenlose Werkzeug einer höheren Macht, deren Gebot'wir uns alle fügen müssen, Sie und Ihr Vater und ich. Ich könnte mein Leben für Sie hingeben, denn das gehört mir; aber ich kann selbst Ihnen zuliebe nichts unterlassen von dem, was Pflicht und Ehre mir zu thun gebieten." Er horchte auf; denn er glaubte, in seiner Nähe ein Geräusch vernommen zu haben wie von Schritten, die sich rasch entfernten. Und für einen Moment war es ihm auch, als hätte er zwischen den Stämmen, die sich schattenhaft und gespenstig aus dem Nebel hoben, eine dunkle Gestalt dahinhuschen sehen. „Hörten Sie nichts?" fragte er. „Sollte sich jemand in unserer Nähe befunden, und uns belauscht haben?" Lilli schüttelte den Kopf. „Nein, hier ist niemand als wir beide." — Und dann nach einem kürzen Schweigen fügte sie hinzu: „Sie haben mir schlecht dafür gelohnt, Herr Jmberg, daß ich Ihnen das Geheimnis meines Märchenschlosses verriet. Und wenn ich, ein böses Herz hätte, wissen Sie wohl, was ich dann in diesem Augenblick denken würde?" „Sie würden denken, daß es besser gewesen wäre, mich am Abend unserer ersten Wiederbegegnung in irgend einen Abgrund stürzen zu lassen, statt mich mit eigener Gefahr ans den sicheren Weg zurückzuführen." Eine leichte Begegnung ihres Kopfes sagte ihm, daß er das Rechte getroffen. Dann stand sie lange stumm und regungslos wie eine Statue, immer an ihm vorbei in den grauen Nebel starrend. Plötzlich aber schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und begann heftig zu weinen. „Ach, wenn ich Sie doch hassen könnte", schluchzte sie, „recht von Grund meines Herzens hassen! Warurr haben Sie sich in meinen Weg gedrängt, da Sie doch nur die Absicht hatten, mich namenlos elend zu machen?" Ihr ganzer schlanker Körper wurde vom Uebermaß 486 der Aufregung wie vom Fieber geschüttelt. Ratlos stand Rudolf neben ihr; 6ernt was hätte er jetzt noch! sagen können, sie zu trösten! Sie erwartete wohl auch keinen Trost mehr von ihm; denn mit wachsender Leidenschaftlichkeit stieß sie in einzelnen, abgerissenen Worten hervor: „Sie haben Mich belogen, als Sie mir sagten, daß Sie immer an miet; dächten, und daß Sie Sehnsucht danach hätten, mich wieder zu sehen! Ich war eine Thörin, daß ich es Ihnen glaubte. Ach, wenn ich es doch nur damals geahnt hätte — wenn ich es geahnt hätte--" Sie drehte sich mit einem Mal wieder nach ihni um, und er blickte bestürzt in ihr zuckendes, von Thränen überströmtes Gesicht. „Soll ich Ihnen sagen, was ich gethan hätte, wenn ich an jenem Abend so klug gewesen wäre wie jetzt? Ich hätte Sie nicht elend umkommen lassen tote ein verirrtes Wild, aber unter der überhängenden Wand, da wo wir Sani) in Hand auf dem schmalen Steg am Abgrunde hingingen, da hätte ich mich mit Ihnen in die Tiefe gestürzt!" In ihren Augen stand es geschrieben, daß es ihre wirkliche Ueberzeugung war, was sie da aussprach. Jedoch auch noch etwas anderes war darin zu lesen, etwas, das Rudolf in einen Taumel des Entzückens versetzt haben würde, wenn er es früher in ihnen entdeckt hätte. Jetzt aber war es zu spät — zu - spät nicht nur um des unabwendbaren Verhängnisses willen, das sich seit gestern zwischen sie und ihn gedrängt, sondern zu spät vor allem, weil er mit einem gewissen Erschrecken urplötzlich inne wurde, daß dieses Verhängnis die lodernden Flammen seiner Leidenschaft erstickt hatte bis auf das letzte Fünkchen. Die Schönheit dieses reizenden Geschöpfes, nach dem er sicherlich jetzt nur noch, hätte die Hand auszustrecken brauchen, um es in seinen Armen zu halten, konnte wohl das schmerzliche Mitleid noch vertiefen, das er für sie empfand, aber sie bedeutete ihm jetzt keine stockende Versuchung mehr tote früher. Ihm selbst erschien diese ihm plötzlich zur Erkenntnis gekommene innere Wandlung rätselhaft und befremdlich, aber sie toar eine Thatsache, die er sich nicht länger verheimlichen konnte. „Nun?" fuhr Lilli mit einem harten Auflachen fort, nachdem sie ein paar Sekunden lang auf seine Erwiderung gewartet hatte. „Ist es das. nachträgliche Entsetzen über die Gefahr, in der Sie sich da beinahe befunden hätten, was Sie so stumm macht? Oder haben Sie mir wirklich nichts — gar nichts mehr zu sagen?" „Doch, Fräulein von Ranten, ich möchte Ihnen noch manches sagen, aber ich möchte es nicht thun, ehe Sie sich beruhigt haben. In Ihrer gegenwärtigen Stimmung würden Sie wahrscheinlich doch jedem meiner Worte eine falsche Deutung geben, und würden für Gleichgiltigkeit aber Herzlosigkeit nehmen, was--" Sie hatte nach dem unverhüllten Geständnis, das sie ihm soeben mit Augen und Mund gemacht, etwas ganz anderes erwarten müssen, und die demütigende Erkenntnis, daß sie sich getäuscht habe, ließ sie zusammenzucken, tote unter einem Peitschenhieb. „Nein, ich will nichts hören", fiel sie ihm wild in die Rede, „nichts — nichts — nichts! Gehen Sie — lassen Sie mich allein! Ich hasse Sie — es ist mir unerträglich. Sie zu sehen." Er versuchte umsonst, sie zu beschwichtigen, und als er darauf beharrte, daß sie jetzt mit ihm in das Thal hinuntergütge, lief sie plötzlich davon. Im nächsten Augenblick schon hatte der Nebel sie verschlungen, und Rudolf wußte nicht einmal, welche Richtung er einschlagen müsse, um sie zu verfolgen. Er suchte wohl noch eine Zeit lang nach ihr, und rief.wiederholt ihren Namen, aber er wußte von vornherein, daß es ein aussichtsloses Beginnen sei. Ohne Zweifel hatte sie den festen Willen, sich nicht von ihm finden zu lassen. So blieb ihm denn zuletzt nichts anderes übrig, als sich auf den Heimweg zu machen, von bitterer Reue erfüllt, daß er seiner ersten Absicht untren geworden war und ihrer Aufforderung überhaupt Folge geleistet hatte. Der Abstieg war noch mühseliger, als das Heraufklettern, und fast überall, wo er den Fuß auf das nackte Gestein setzte, toar er in Gefahr, auszugleiten. Aber er getoatm doch nach und ttach eine gewisse Sicherheit, und kam glücklick) bis an das Marterl über dem schroffen Absturz der Adlerwand. Da löste sich unmittelbar hinter ihm eine dunkle Menschengestalt, die Gestalt eines großen, hageren Mannes, aus dem bergenden Schub eines Felsenvorsprunges, hinter dem sie sich so lange verborgen gehalten hatte. Lautlos, mit unhörbaren Schritten, glitt der Mann auf Rudolf zu, und plötzlich — der Ahnungslose befand sich, eben hart an dem Geländer, das den schmalen Steig nach der Seite des furchtbaren Abgrundes hin schützte — warf er sich mit der ganzen Kraft seines Körpers gegen den jungen Rechtsanwalt. Rudolf stieß einen Schrei der Ueberraschung und des Schreckens aus, und fuhr mit einer blitzschnellen, halb instinktiven Bewegung nach seinem hinterlistigen Angreifer herum. Es gelang ihm auch wirklich, ihn zu packen, aber der Wucht des unerwarteten Anpralls hatte der junge Mann doch nicht widerstehen können. Sie taumelten beide schwer und heftig gegen das Geländer. Und die beiden kreuzweise übereinander genagelten Stämmchen, aus denen es bestand, setzten ihnen keinen rettenden Widerstand entgegen. Ob es der langsam zerstörende Einfluß der Elemente, oder ob es eine verbrecherische Hand gewesen war, die ihre Befestigung gelockert hatte jedenfalls gaben sie dem Stoße sofort nach> und stürzten zugleich mit den beiden, sich jetzt im Fallen eng umklammernden Menschenkörpern hinab in die schauerliche Tiefe. Elftes Kapitel. Atemlos, geisterbleich, und mit angstentstelltem Gesicht toar Lilli von Rauten gegen neun Uhr in dem Hause erschienen, wo Rudolf Irnberg wohnte. Als man ihr auf ihre hastige Frage sagte, der Rechtsanwalt sei um sechs Uhr fortgegangen, und bis jetzt nicht zurückgekehrt, hielt sie der Wirtin, mit der sie spracht einen Männ'erhut entgegen, den sie bis dahin hinter ihrem Rücken verborgen hatte. „Kennen Sie das?" fragte sie mit ganz tonloser Stimme. Die Frau betrachtete die Kopfbedeckung von allen Seiten, dann meinte sie: „Ja, wenn mich nicht alles täuscht, ist es Herrn Irnbergs Hut. Um Gottes willen, Fräulein, wie kommen Sie zu dem? Meinem Logierherrn ist doch, nicht etwa ein Unglück zugestoßen?" Lilli lehnte sich gegen beit Thürpfosten. Sie zitterte am ganzen Leibe. „Wenn dies sein Hut ist, so ist er von der Adlerwand abgestürzt. Ich sand ihn oben neben dem niedergebrochenen Schutzgeländer." Die Vermieterin toar eine entschlossene Fran, und ihr Entsetzen hinderte sie nicht, sofort alles zu thun, was sie auf eine solche Mitteilung hin für geboten hielt. Binnen kürzester Frist toar das halbe Dors alarmiert. Eine Anzahl von Männern, die mit allem Erforderlichen ausgerüstet waren, begab sich? schleunigst in die nur für geübte Kletterer zugängliche Schlucht, ans der sich beinahe senkrecht die Adlerwand erhob. Lilli selbst toar nicht mehr im stände gewesen, sich ihnen anzuschließen; denn ihre Kräfte hatten nur eben noch ausgereicht, die Schreckenskunde hinabzubringen. Sie hatte eines der Mädchen um ein Glas Wasser gebeten, aber noch ehe sie es an die Lippen gesetzt, toar sie umgesunken, und man hatte die Ohnmächtige zunächst auf ein Sofa gebettet. Sie toar noch nicht aus ihrer tiefen Bewußtlosigkeit erwacht, als die Kunde kam, man habe den ab gestürzten Stadtherrn gefunden, aber nicht ihn allein, sondern noch einen zweiten, und sie hätten sich so fest umklammert gehalten, daß es nur mit Mühe gelungen sei, sie voneinander zu trennen. Auf Tragbahren brachte man beide in den Gasthof, wo sogleich mehrere Aerzte zur Stelle waren. Sie brauchten Rauten, der fast bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert und entstellt toar, nicht erst zu untersuchen, um festzustellen, daß er auf der Stelle tot gewesen sein müsse. An Rudolf Irnberg aber entdeckten sie zur größten Ueberraschung noch schwache Lebenszeichen. Die Hoffnungen. 487 auf die Erhaltung dieses Lebens freilich schienen bei der Art der Verletzungen, die man nun in sorgfältiger Untersuchung feststellte, äußerst .gering. Der einheimische Arzt und die beiden fremden Kollegen, die sich unter den Sommergästen befunden hatten, stimmten darin überein, daß der arme junge Mann es höchstens noch ein paar Stunden machen rönne, und daß er vor seinem Ende wohl schwerlich noch einmal zur Besinnung kommen werde. Da erschien plötzlich noch ein vierter Helfer in Gestalt eines berühmten süddeutschen Chirurgen, der erst tags zuvor in der Sommerfrische eingetroffen war, weshalb die Kollegen von seiner Anwesenheit noch keine Kenntnis hatten. Er untersuchte den Verunglückten noch einmal, und die Erklärung, die er dann abgab, setzte die anderen einigermaßen in Erstaunen; denn während sie ziemlich einig gewesen waren, dem rettungslos verlorenen Patienten alle Manipulationen zu ersparen, die ihm nur überflüssige Qualen bereiten konnten, faßte der große Heilkünstler mit der ihm eigenen Energie seine Aufgabe sogleich von einem ganz anderen Standpunkte auf. „So lange noch Atem in ihm ist, haben wir kein Recht, ihn verloren zu geben," erklärte er, und die Berufsgenossen kamen aus der Bewunderung gar nicht heraus, als sie sahen, mit welcher Sicherheit er unverzüglich die Behandlung in Angriff nahm. Ein paar Mal allerdings schien das schwach glimmende Lebensfünkchen unter seinen Händen ganz verlöschen zu wollen, und alle Hilfsmittel der ärztlichen Wissenschaft mußten aufgeboten werden, um es immer von neuem anzufachen. Aber nach Verlauf einer Stunde waren doch die gebrochenen Glieder nach allen Regeln der Kunst eingerichtet, geschient und verbunden, und man hatte dem noch immer Bewußtlosen in einem ruhig gelegenen Zimmer des Erdgeschosses sein Lager bereitet- Der große Chirurg, der nur ein paar Tage hier hatte verweilen wollen, erklärte nun, daß er jedenfalls bleiben werde, so lange seine Anwesenheit dem Verunglückten von Nutzen sein könne. Wenn er sich damit auch ohne Zweifel um einen guten Teil der gesuchten, und erhofften Erholung brachte, so hatte sein hochsinniges Benehmen dem Kranz seines Ruhmes doch! abermals ein neues Blatt eingefügt, und ihm die Verehrung der ganzen Touristengesellschaft im Fluge gewonnen. Zwar meinten die anderen Aerzte achselzuckend: „Schade um die aufgewandte Mühe; denn er kann die Nacht doch nicht überstehen". Aber schon am nächsten Tage prophezeiten sie nichts mehr; denn Rudolf Jmberg hatte nicht nur die Nacht überstanden, sondern sein Herz arbeitete auch wieder viel kräftiger, und er hatte sogar schon vorübergehend das Bewußtsein wieder erlangt. „Es ist ein Wunder", sagten die Herren jetzt, und neidlos fügten sie hinzu: „Wenn diese Daseinsverlängerung wirklich als ein Gewinn für ihn anzusehen ist, so hat er sich einzig und allein bei dem Professor dafür zu bedanken." (Schluß folgt.) Der Beweis in der Zigarette. Skizze von Thesi Bohrn. (Nachdruck verboten.) „Aber Du hörst nicht, lieber Freund." „Doch, doch, ich höre ganz genau." „Nun, dann verstehst Du nicht oder willst nicht verstehen." „Hm — Du sagtest, sie standen gestern hier vor meinem Schreibtisch,, meine Frau und Vetter Carol nämlich, und betrachteten angelegentlich ein beschriebenes Blatt Papier. Sie hatten die Köpfe dicht beieinander und lachten laut, wie Du die Thüre öffnetest, und als Du ins Zimmer tratest, stoben sie auseinander — wars nicht so?" „Ja, so wars, genau so." „Nun, und?" „Und? Na, ich dächte, das wäre genug." „Wie genug? Wo genug? Was genug? Gieb mir keine Rätsel auf. Du weißt, Rätsel lösen war nie meine Sache." „Höre, lieber Freund, Du glaubst doch, daß ichs gut mit Drr meine?" „Gewiß, mein Bester, gewiß." „Nun, dann laß Dirs raren, und gieb besser acht aus Deine Frau." „Gut! aber wie soll ich das machen? Soll ich sie einsperren, anbinden, in ein Glaskasterl setzen?" „Geh doch, ich spaße nicht." „Ich auch nicht, Lixi, ich auch nicht." „Ach, mit Dir ist nicht zu reden — aber ich warne Dich nochmal, Ambros! Deine Frau ist schön, ist sehr schön, ist jung, ist sehr jung — und die häufigen Besuche dieses Vetters Carol----" ' Ambros ließ sich in seinen hohen Stuhl fallen und lachte aus vollem Halse. „Ja, jetzt lachst Du, aber ich sage Dir, Du wirst noch, blutige Thränen weinen." „Ei? ha, ha, ha!" „Carol ist ein verteufelt hübscher, schneidiger Kerl." „Ist er auch, wird hiermit bestätigt." „Eben majorenn geworden, wie ich höre, und ist schon Oberleutnant — hat einen Wald von dunkeln Haaren und einen Mund voll prächtiger, eigener Zähne — — —" „Stimmt alles, Lixi, und damit willst Du wohl sagen, daß ich schütteres Haar habe und daß meine Zähne — hm." „Ja, lieber Freund, mir gehts auch nicht besser mit meinen Haaren und meinen Zähnen — das geht einmal nicht anders, wenn man über dreißig zählt, ists nicht mehr so---" i „Wie wenn man eben majorenn geworden ist, stimmt auffallend — aber weißt, ich bin Ambros Elchmann, und Tu bist Felix Rosch, und das sind zwei sehr verschiedene Menschen, auch wenn sie beide schütteres Haar und so weiter haben. Sei Du auf Deine Frau eifersüchtig, Wenns Dir Vergnügen macht, mich wirst Du dazu nicht bringen — ich bin Isas Liebe und Treue sicher, bombensicher, sage ich! Dir, und----" „So, Du bist Isas Treue sicher? Ha, ha, bist Du wirklich so altmodisch, an die Treue einer Frau zu glauben?" „Ja, Lixi, ich bin so altmodisch" „Na, vielleicht denkst. Du etwas moderner, wenn man Dir Beweise zeigt." „Beweise? Worüber?" „lieber Untreue, natürlich" „Neber Untreue — meiner Frau?" „Selbstverständlich Deiner Frau." Ambros sprang erregt auf. „Nun ists aber genug", rief er, „kein Wort weiter, sonst vergesse ich meine gute Erziehung, ich- dulde es nicht, daß Du von meiner Frau —" „Aber lieber Freund, ich spreche von Thatsachen, ich sagte Dir doch, daß ich Beweise habe." „Wo sind die Beweise? Her mit den Beweisen!" Felix Rosch zog die Faust aus der Tasche seines Sacos und hielt sie Ambros hin. „Hier ist der Beweis — in der Zigarette ist der Beweis." „In der Zigarette? In welcher Zigarette?" „In dieser Zigarette — hier." Felix öffnete die Hand, da lag wirklich eine Zigarette, umwunden mit einem feinen, blonden Frauenhaar. „Ei, das ist ja ein Haar meiner Frau!?" „Ganz richtig, ein Haar Deiner Frau." „Wo hast Du das her? Was bedeutet das? Soll das ein Beweis sein? So rede doch!" „Gleich, lieber Freuno, gleich Du bist ja nickst eifersüchtig, darum setze Dich ruhig wieder hin und höre mich an." Ambros Elchmann setzte sich nieder in den tiefen Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch verschränkte die Arme und sagte mit erkünstelter Ruhe: „Ich höre." „Also, ich sagte Dir, die beiden stoben auseinander, als ich ins Zimmer trat. Ich konnte nicht sehen, was das Blatt enthielt, denn Deine' Frau schob es rasch in das untere Fach hier und setzte sich dann, nachdem sie mich begrüßt hatte, in den Stuhl, in dem Du jetzt sitzest. Der Oberleutnant lehnte nachlässig am Thürrahmen daneben, und ich nahm in einiger Entfernung auf diesem Hocker Platz." „Weiter, weiter!" „Die Zweie tauschten fortwährend Blicke des Einverständnisses untereinander, und ----" „Thun sie immer, die Uebermütigen, auch! in meiner Gegenwart, finde dabei nichts Unrechtes — weiter, weiter!" 488 „Dann nahm Deine Frau ein Zigarettenpapier von diesem Päckchen bet, unb kritzelte mit diesem Stift hier daraus herum. Dabei und während des folgenden plauderte sie unaufhörlich in der lebhaftesten und zugleich anmutigsten Weise über eine Mozart-Sonate, die sie kürzlich vortrefflich spielen hörte, über eine Chokoladentorte, zu der schort ihre Urgroßmutter das Rezept besessen und geheim gehalten habe; über eine Skizze von Stuck, die sie im Künstlerhause gesehen, über ein neues Stachelhalsband, das sie für Deinen Seel gekauft. Und so weiter. Endlich legte sie den Bleistift aus der Hand und spielte mit dem Zigarrenpapier; sie wickelte es um ihre Finger, faltete es zusammen und wieder auseinander und ließ es dann scheinbar achtlos in ihren Schoß fallen. Vetter Carol sprach wenig, beobachtete aber genau was sie that." „Weiter, weiter!" „Endlich langte sie nach der Tabatiere hier, nahm das Papierchen wieder von ihrem Schoße auf, häufte Tabak darauf und drehte kunstgerecht eine Zigarette. Sie kann es wunderbar." Ambros nickte, um das Wunderbare zu bestätigen, und rief dann ungeduldig : „Mensch, komm' doch endlich zur Sache!" „Geduld, bin gleiche dabei. — Graziös rollte sie dann das fertige Stück zwischen ihren Fingern hin und her, aber anstatt die Kanten des Papiers zu befeuchten, um die Zigarette zusammenzukleben, riß sie sich ganz unaugen- fällig ein Haar aus und wickelte den goldenen Faden um die Zigarette. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf Vetter Carol, um sich zu überzeugen, daß er ihr Spiel beachte. Sie war eben bei dent neuen Stachelhalsband an- gekvmmen und zeigte, daß es genau aus solch einem Metall verfertigt sei wie diese Oblatenschale hier, und dabei ließ sie die Zigarette aus der Hand gleiten, hierher, gerade zwischen die Oblatenschale und das Papiermesser kam sie zu liegen, und gleich danach deckte sie ein Blatt Papier darüber. Sie that alles so zwanglos, so geschickt und unauffällig. Wer nicht darauf achtete, hätte gar nichts bemerkt; ich aber bemerkte alles und war sehr erregt dar- iiber. Sofort stand bei mir fest, daß ich die Zigarette haben, sie dem Oberleutnant wegeskamotieren müsse. Es gelang mir ganz unerwartet rasch. Seel meldete sich an der Thüre mit Gepolter und Gebell, und gleichzeitig erhob sich ein Lärm ans der Straße, was zur Folge hatte, daß Isa aufsprang und ans Fenster eilte, und der Oberleutnant nach der Thüre schritt, um Seel einzulassen. Diesen Augenblick benutzte ich, um die Zigarette unter dem Papier hervorzuholen und sie in meiner Tasche verschwinden zu lassen. Cs glückte vortrefflich, reines der Beiden hatte es bemerkt. Bald darauf empfahl ich mich, und heute bin ich da, um Dir das Beweisstück zu überbringen." Felix Rosch reichte dem Freunde die Zigarette hin: „Hier." Ambros Eichmann war ganz blaß geworden. „Was enthält sie?" frug er tonlos und griff danach. „Ja, ich weiß es nicht, lieber Freund, ich hab's mcht untersucht." „Du weißt es nicht?? — Hm." „Mus denkst Du denn von mir? So indiskret bin ich nicht!" Elchmanns Finger zitterten, als er das Haar von der Zigarre" abwickelte. Mit nervöser Hast öffnete, er das Röllchen und ließ den Tabak daraus achtlos auf den Teppich fallen, glättete das dünne Papier und benutzte ein weißes Blatt als Unterlage, um die Bleististstriche deutlicher sehen zu können. Starr blickte er anfänglich darauf hin, aber nach und nach kehrte rhni die Farbe zurück, hellten srch seine Mienen auf; dann lächelte er, um schließlich in ein schallendes Gelächter auszubrechen. „Famos! Famos! Ausgezeichnet! Ein wahrhaftiges, kleines Kunstwerk!" Felix Rosch hatte ihn genau beobachtet und staunte nun über den plötzlichen Ausdruck' seiner Heiterkeit. „Nanu, was giebt's? was hast Du? Laß' mich doch sehen, sth geb Dir mein Wort daraus, ich hab's nicht angeschaur." „Bin fest überzeugt davon, Freundchen", sagte der eifersüchtige Gatte, immer noch lapt lachend. „Nun, dann laß mich's doch jetzt, ansehen." Er beugte sich vor und- guckte voll Neugier. „Was tausend", rief er, „das ist ja gar eine Zeichnung!" „Jawohl, eine Zeichnung, sieh mal, ein Frosch, der sich gewaltig bläht und dabei die Augen verdreht — und der Frosch hat eine merkwürdige Porträtähnlichkeit — und darunter steht F—rosch — das ist alles, Lixi." Lixi guckte mit weit geöffneten Augen und wurde dabei krebsrot im Gesicht. „Richtig, das ist ein Frosch", sagte er endlich langsam und gedehnt, „ein Frosch, der sich gewaltig bläht und -die Augen verdreht. Und der Frosch hat eine merkwürdige, kolossale Porträtähnlichkeit mit, mit — mir, und darunter steht F—rosch, das heißt Felix Rosch, und das ist alles, wahrhaftig, alles — gut, sehr gut--" „Nicht wahr? Isa ist ein großartiger, ein genialer Kerl!" rief Ambros und lachte aufs neue, daß ihm die Thränen in die Augen traten. Felix Rosch schüttelte den Kopf. „Ich wiederhole trotzdem meine Warnung", sagte er trocken. „Geniale Kerle weiblichen Geschlechtes sind besonders zu fürchten. Heute war's nur ein Frosch, der sich bläht, über den sie sich lustig machte, morgen, mein lieber Elchmann, ist's vtellercht ein Elch mit solchen Hörnern." Er beschrieb einen toetten Bogen um den Kopf des Freundes, nahm seinen Hut und eilte unter neuerlichem Gelächter Ambros' Elchmanns zur Thüre hinaus. Die fünf Sinne des Menschen. Aus Natur und Geisteswel t. Bd. 27. Von Dr. Jos. Clem. Kreidig in Wien. Mit 29 Abbildungen im Text. Geh. Mk. 1.—, geschmackvoll geb. Mk. 1.25. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. Der Verfasser sucht die Fragen über die B e d e u t u n g, A n z a h l, B e n e n n u tt g n n d L e i st u n g e n d e r S t tt n e in gemeinfaßlicher Weise zu beantworten. Nach einer kurzen allgemeinen Charakteristik des einzelnen Sinnesgebietes bringt er zunächst das Organ und seine Funktionsweise, dann die als Reiz wirkenden äußeren Ursachen und zuletzt den Inhalt, die Stärke, das räumliche und zeitliche Merkmal der Empfindungen zur Besprechung. Am ausführlichsten behandelt er den Gehör - und Gesichtssinn, rnsbefandere die Gebiete der Töne und Farben. Ueberall verwertet er maßvoll und selbständig die neu e st e n Er g e b- nisse der Wissenschaft. Manche Kapitel, wie jene über den statischen und den Muskelempfmdungssmn, dte Erörterungen über die neueren Farbentheorien und die mannigfaltigen Täuschungen des Sehsinnes, werden auch dem bereits kundigen Leser nicht unerwünschte lleberstchten liefern. Die an geeigneten Stellen eingestreuten Abbildungen sollen dem wohlberechtigten Wunsche nach anschaulicher Darstellung der Endapparate und der Täuschungen gewisser Sinne wenigstens teilweise Rechnung tragen. Das Bändchen sei wie die ganze Sammlung ber dem mäßigen Preise dringend empfohlen. Anagramm. Nachdruck verboten. Hafen, Torte, Rede, Silen, Emil, Kain, Rang, Erich, Leda, Altar, Sahne. Von jedem dieser Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden; die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter ergeben im Zusammenhang den Namen eines deutschen Dichters. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Zahlenpyramive in voriger Nummer: E E 8 SEE ELSE WESEL WIESEL Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.