Dienstag den 29 Januar. ZVB $i M 1901. - Nr. 15 1 mH Ifiii/t ^nri'uv* «lä/lBR MUMMEN er fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, Ein Werdender wird immer dankbar sein. Goethe: Faust, Vorspiel. (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) Ich konnte nicht erwarten, daß Richard dasselbe fühlen sollte wie ich. Er hatte unfern Liebling nie gesehen, niemals wie ich seine Schönheit und die allmähliche Entwicklung der kleinen Knospe bewundert, die nun, noch ehe sie zur Blüte gediehen, von der kalten Hand des Todes zerstört war. Und doch zeigte sich auch in seinem Gesicht eine so tiefe Enttäuschf- ung, ein so aufrichtiger Gram, wie es überhaupt bei einem Manne möglich war, der nur mit dem geistigen Auge das Pfandseiner Liebe schauen konnte, das in seiner Abwesenheit gekommen und verschwunden war, das in Wirklichkeit voll Leben und Schönheit gewesen und doch für ihn nur ein Traumgebilde geblieben war. Noch ehe mein Vater wieder eintrat, hatte ich meinem Manne alles erzählt und meine Thränen getrocknet. Jetzt sprach ich mit ihm über ihn selber und seine Reise — und lächelte, wenn er mich küßte und daran erinnerte, daß wir uns wieder hätten. „Ja", sagte ich, „und jetzt wollen wir beisammen bleiben. Du mußt mich das nächstemal mitnehmen. Ich bin jetzt so einsam — selbst in meines guten Vaters Gesellschaft — daß es mir das Herz brechen würde, wieder von Dir Abschied nehmen und kinderlos und verwitwet hier zurückbleiben zu müssen." In diesem Augenblick trat der Vater wieder ein. Ich glaube, er hatte meine letzten Worte gehört, obgleich er nichts dazu sagte. Erst später, als das Abendbrot vorüber und der Tisch abgeräumt war, und wir uns an den Kamin gesetzt hatten, in welchem er das Feuer so aufgeschürt hatte, daß es wie in einem Schmiedeofen emporloderte, sagte er plötzlich: „Dick, wenn Du Lust hast, Jeß auf Deiner nächsten Reife mitzunehmen, habe ich nichts dagegen." „Nun, Kapitän", antwortete Richard, „ich mag sie Ihnen zwar nicht gerne wegnehmen und Sie in dem alten Hause allein lassen. Indessen ist sie sehr heruntergekommen und mit ihrer Gesundheit steht es nicht, wie es sollte. Ich glaube, ein paar Monate auf See würden ihr gut thun, und es gäbe wohl keinen glücklicheren Mann als mich, wenn ich sie bei mir an Bord haben konnte." „Was meinst Du, Jeß?" fragte der Vater. „Wenn Du Dich ohne mich behelfen kannst, Vater", erklärte ich, „so würde ich meinen Mann gerne begleiten." „Gut, dann ist die Sache abgemacht. Es kann nichts nützen, wenn Du hier zu Hause bleibst, während Dein Herz ganz wo anders ist. Dick hat recht, Du brauchst Veränderung. Und die Freude, mit ihm zusammen zu sein, wird Dich bald wieder aufrichten. Wo geht die nächste Reise hin, Dick?" „Das werde ich erst im Laufe der nächsten Woche erfahren", antwortete Richard. „Heute morgen hörte ich, daß Kapitän Gardener die „Phantasie" übernehmen solle und daß ich Aussicht habe, das Kommando einer feinen, kleinen Klipperbark zu erhalten, die erst kürzlich bei Laing auf dem Wear vom Stapel gelaufen ist. Wenn ich die bekomme, dann ist Sierra Leone mein Bestimmungshafen." Der Vater schüttelte den Kopf. „Des Europäers Grab, Dick!" „Ich gebe zu, daß es ein böses Klima ist, Kapitän; wir wollen ja aber auch nicht dort wohnen." „Du hast recht", meinte der Vater. „Und schließlich weiß ich auch nicht, ob es dort schlimmer ist, als in Westindien oder den Südstaaten, wo Du gerade herkommst. Wie heißt die Bark, Dick?" „Die Aurora." „Sie hat wohl jedenfalls eine hübsche Kajüten-Ein- richtung?" „Sicherlich." „Holz oder Eisen, Dick?" „Holz." „Na, dann geht's ja", meinte der Vater, steckte sich eine Pfeife an und sah sehr vergnügt darein. „Holz ist von der Vorsehung dazu bestimmt, zu schwimmen, Eisen zu sinken. Wenn Du gesagt hättest, Eisen, so weiß ich nicht, ob das und Sierra Leone zusammen mich nicht dazu bestimmt hätten, mich gegen Jessies Mitgehen zu erklären." „Und was wirst Tu anfangen, Vater?"> fragte ich schüchtern. Fast fühlte ich Gewissensbisse über die Freude, die mir seine Zustimmung zu der Seereise bereitete. „Anfängen?" versetzte er. „Nun, wegziehen und eine andere Wohnung suchen, hoffentlich die letzte in dieser Welt. Ich werde nach Shields gehen, und dort einen Haushalt einrichten, wo Du und Dick euch niederlassen könnt, wenn ihr erst 'mal das Salzwasser satt habt." Er blickte sich langsam im Zimmer um und betrachtete mit wehmütigem Ausdruck die alten Raritäten, mit denen die Seitentische, das Büffet und der Kaminsims bedeckt waren. „Es wird wohl ein bischen schwer fallen", fuhr er fort, „aber das geht bald vorüber." „Weshalb willst Du umziehen?" sagte ich: „Es würde mich glücklich machen, wenn ich auf der Heimreise erwarten könnte, in das alte Haus zurückzukehren." 58 - „Denk ein bischen nach, Jessie, nnd Du kannst Dir selbst antworten. Hier starb die Mutter und unser kleines Baby. Hier bist Du geboren, mein Mädel, und hier hast Du Dein ganzes Leben bis jetzt zugebracht. Denke Dir, wenn ich nach Hause komme und hier allein in diesem Zimmer sitze, und nichts höre, als das Ticken der Uhr und das Geräusch der Asche, die aus dem Kamine fällt, glaubst Du, daß ich das ertragen könnte, mit der Vergangenheit so klar und deutlich vor den Augen? Nein, wenn Ihr fort seid, dann gehe ich auch." Am folgenden Tage, dein Sonntag, gingen wir alle drei zur Kirche. Nach dem Gottesdienst wanderte ich mit Richard auf den Kirchhof von Elswick, um das Grab unseres Babys zu besuchen. Jener große Friedhof ist jetzt ziemlich gefüllt; Grabsteine stehen dicht neben einander unter dem Schatten der Bäume. Der Abhang, von dessen Gipfel man die Höhen von Durham erblickt, während im Thale der Tyne sein Silberband nach Blaydon und Newburn und dem, in der Geschichte Englands als Geburtsort von Georg Stephenson unsterblichen Wylam entlang windet, ist heute wellenförmig mit unzähligen Grabhügeln bedeckt. Damals war er noch größtenteils Gartenland, und nur hier und da erhob sich ein Rosenhügel oder ein weißes Steindenkmal im Gebüsch und deutete auf die Bestimmung des Ortes hin. Die Ruhestätte unseres Lieblings bezeichnete ein kleines Kreuz, auf dem der schöne Spruch stand: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht." Der Tag war bitter kält, der Nordostwind heulte durch das Tynethal, und der Sonnenschein blitzte zuweilen über die Hügel hin und verschwand wieder, wenn die am Himmel, dahinjagenden dunkeln Wolken das Tagesgestirn bedeckten. Mein Mann stand eine Zeitlang schweigend- an dem. kleinen Grabe. Der winzige Hügel, unser Name, sowie das. ; Mter des Kindes aus dem Kreuz — „fünf Monate und acht ; Tage" — machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Dann nahm er den §ut ab, kniete nieder und betete. Ein Herz von Stein würde gerührt worden fein bei. - dem Anblick des Seemannes, der mit im Winde flatternden . Haaren und gefalteten Händen, die Augen auf das Heine- Kreuz gerichtet, hier an der Ruhestätte seines Kirrdes betete, . das er nie gesehen, das er zwar liebte, aber sich nur als' verklärten Geist vorstellen konnte. Niemals war ich so tief durchdrungen von dem wunder- . baren Geheimnis des Todes, als in jener Stunde. ' . ; Zwölftes Kapitel. Die „Aurora. Die Träume meiner Kindheit sollten in Erfüllung gehen. Ich war nicht nur die Frau eines Seemannes, sondern sollte auch mit ihm auf einem Schiffe wohnen und jene bodenlose Tiefe befahren, die mich, solange ich denken kann, stets mächtig angezogen hatte. Ich sollte jene fremden Länder erblicken, die wundervollen blauen Gewässer, den azurfarbenen Himmel, alles Dinge, die mich bis in meine Träume verfolgt hatten, und die mir zu einer anderen Welt zu gehören schienen. Mein Vater sah meiner Abreise mit viel größerer Fassung entgegen, als ich erwartet hatte, nachdem er sich einmal entschlossen, daß ich reisen sollte. Er bemühte sich, Richard das Kommando der „Aurora" zu verschaffen, und da er die Reeder kannte, oud} wohl mitbeteiligt war, erreichte er seinen Zweck leicht und schnell. Vierzehn Tage nach seiner Rückkehr wurde meinem Manne das Kommando der neuen Bark übertragen. Der Tag der Abreise war auf den 1. Februar festgesetzt, „ein kalter Monat in der Nordsee und im Kanal", meinte Richard, „sind wir aber erst Har vom Landsend, dann kommen wir auch mit jeder Stunde dichter an die Sonne heran." So hatte ich Zeit im Ueberfluß, alle Vorbereitungen für die Reise zu treffen. Uebrigens sollte diese länger dauern, als ich vermutet hatte. Nachdem wir unsere Ladung in Sierra Leone gelöscht hatten, sollten wir entweder mit Fracht oder in Ballast — das weiß ich nicht mehr genau, man kann in zwanzig Jahren auch noch wichtigere Dinge vergessen — nach Kapstadt gehen. Dort sollten wir irgend eine Ladung einnehmen und dann die Heimreise antreten. Die vielen Einkäufe und Besorgungen für die Reise lenkten meine Gedanken von dem Verlust ab, den wir erlitten hatten. Auch an die nahe Trennung von dem lieben Vater konnte ich vor lauter Geschäften nicht denken. Der Vater erteilte mir gute Ratschläge in Betreff meiner Ausrüstung und besorgte eine Menge Sachen, die er nach seinen Erfahrungen für notwendig erklärte, von denen aber Richard keine Ahnung hatte. Eine Woche vor der Abfahrt ging ich mit meinem Manne an Bord der „Aurora", um mir das Schiff nnd hauptsäch- lich die Kajüte zu besehen. Sie lag an einer Kohlenschütte, einer sehr wenig malerischen Erfindung, und so war mein erster Eindruck, als Richard mir das Schiff zeigte, kein besonders günstiger. Sobald ich jedoch an Bord kam, wurde ich anderer Ansicht. Hier konnte ich den ganzen Rumpf des Schiffes übersehen und, wenn ich meine Blicke nach oben richtete, die ganze schöne, kunstvolle Zusammensetzung von Rundhölzern und Takelung überblicken, während von den hohen, zum Himmel ragenden Masten das schrille Geräusch des schneidenden Windes wiederhallte, der pfeifend und sausend durch das verwickelte Taugewirr blies. Die Bark war ein funkelnagelneues Schiff, zwar nur klein — soviel ich mich erinnerte, hatte sie etwa vierhundert Registertons —, aber von so schöner Gestalt, wie nur jemals eine vom Stapel gelaufen ist. Sie war schwarz gemalt und der ganzen Länge nach von einem weißen Streifen umgürtet, der wie ein silbernes Band schimmerte; das Heck war mit vergoldeten Bildhauerarbeiten verziert, der neue Kupferbeschlag glänzte wie mattes Gold. Das Gallion bildete eine Frauengestalt mit einem Stern auf dem Haupte und einer Fackel in der rechten Hand. Die Schönheit dieser Gestalt wurde noch erhöht durch die elegante Wellenlinie des Vordersteven und die stattliche Länge des weit über die Figur hinausragenden Bugspriets und Klüverbaums. Es machte den Eindruck, als ob irgend ein Riese der in die Ferne blickenden Fackelträgerin mit einem kolossalen Speer den Weg wiese. „Komm hierher, Jessie", sagte Richard und führte mich an das Steuerrad, „so kannst Du sie am besten sehen." Dabei sah er mich- an, um zu entdecken, wie ich über sein neues Schiff dächte. Ich erblickte ein so schönes Ebenmaß in den Größenverhältnissen, eine solche Verbindung von Stärke und Zierlichkeit bei den Schanzverkleidungen, Spieren, Deckeinrichtungen und dergleichen, daß ich bewundernd ausrief: „O, Richard, gerade so ein Heines Seeheim, wie ich es immer geträumt habe! Was für ein herrlicher Anblick wird es erst sein, wenn wir mit vollen Segeln unter einem blauen Himmel dahingleiten." Der Vater, der die Bark bis jetzt noch nicht gesehen hatte, war entzückt von ihr. Er bemerkte Dinge, die ein Landbewohner nimmermehr beachtet haben würde und begleitete seine Besichtigung fortwährend mit beifälligen Worten. Natürlich achtete ich auf alles, was der Vater sagte, sehr genau. Das Schiff sah bedeutend länger aus, als es in Wirklichkeit war, da es ein ganz glattes Deck ohne Aufbauten hatte. Ueberall blitzte es von gefirnißtem Teakholz und blankgeputzten Messingbeschlägen. Rahmen und Gestell des Kajütenoberlichts bestand ebenso wie die Kajüts- kapp aus dunklem, poliertem Mahagoni. Steuerrad und Krahnbalkeu waren mit reichem Schnitzwerk verziert. Dies alles würde ich ohne den Vater nicht bemerkt haben, der es der Reihe nach aufzählte, als ob er es aus einem Kataloge abläse, während er herumwanderte. Die Kajüte war ein Heiner, viereckiger Raum, von fünf Kammern umgeben, deren eine ziemlich groß war. Diese nahm nämlich die ganze Breite des Schiffes unter dem Steuerrad ein und stand außerdem durch eine Thür mit - einer kleinen Kammer an der Steuerbord- oder rechten Seite des Schiffes in Verbindung. In der großen Kammer sollten wir wohnen und die kleinere daneben als eine Art Ankleidezimmer benutzen. „Es sind zwei Unannehmlichkeiten dabei", meinte Richard. „Erstens fühlt man das Stampfen hier fast ebenso stark wie vorn unter der Back, und zweitens hat man fort- i während das Geklirr der Ruderketten und das Knarren des Ruders mit anzuhören. An das Geräusch gewöhnt man sich aber bald, und was das Stampfen'betrifft, so bist Du ja , fchon ein so tüchtiger kleiner Seemann, Jeß, daß Du von all den Kapriolen, die die „Aurora" uns vielleicht vormachen wird, wohl kaum Notiz nehmen irst." „Was sagst Du, Dick?" rief der Vater lachend. „Der soll das Stampfen was schaden? Mann, wenn Deine Leute nicht sehr behende sind, dann läuft sie an ihnen vorbei bis auf die Raanock und zeigt ihnen, wie ein Steckbolzen ausgeholt wird." Ich lächelte, während der Vater mir mit dem Finger drohte, als wäre ich wirklich der See-Wüterich, für den er mich ausgab. „Wer soll denn hier schlafen?" fragte ich Richard und zeigte auf die der unsrigen zunächstliegende Kammer auf der Backbordseite. „Der Steuermann, Herr Roger Heron", erwiderte er. „Führst Du auch einen zweiten Steuermann, Dick?" fragte der Vater. „Zweiten' Steuermann und Zimmermann in einer Person, wahrscheinlich mehr Zimmermann als Steuermann. Wenn er jedoch ein guter Seemann ist, so ist das jedenfalls noch besser. Er hat seine Kammer hinter der Kombüse. Die anderen beiden Kammern hier achtern habe ich, da ich weiter keine Verwendung dafür habe, für den Steward bestimmt. In der einen kann er schlafen und in der anderen das Geschirr, Messer und Gabeln und so weiter, aufbewahren." „Das ist eine sehr gute Einrichtung", meinte der Vater, „den Steward hier gleich zur Hand zu haben, umsomehr, als Du Deine Frau an Bord hast." Dabei untersuchte er das Innere unserer Kammer aufs genaueste und war offenbar von allem, was er sah, sehr befriedigt. Nachdem wir einige Zeit hier zugebracht hatten, gingen wir wieder an Deck und von da an Land. Aber der Vater konnte sich nur schwer von dem Anblick des schmucken Schiffes losreißen. Dann holte er tief Atem und begann: „Die Bark geht an. An ihren schönen Anblick kann man sich noch lange erinnern. In den Händen Deines Mannes, Jeß, wird sie Dir ein ebenso sicheres Heim sein, als Du je in dem alten Wohn- und Schlafzimmer gehabt hast. Behandle sie nur nicht schlecht, Dick" (er meinte die Bark). „Wenn sie nun gutwillig vorwärts geht, treibe sie nicht. Es scheint sündhaft, ein solches Schiff mit Kohlen zu beladen. Laß sie jedenfalls nicht mehr einnehmen, als sie tragen kann. Bei schönem Wetter wird sie prachtvoll auf dem Wasser aussehen, wie ein Schmetterling im Sommer. Wenn ich mir von allen Schiffen, die das Jahr über aus diesem Strom gelegen haben und meinetwegen noch in den Docks von Sunderland dazu, eins aussuchen sollte, ich könnte kein besseres finden, als dieses kleine Seeheim, auf dem Deine Frau ihre erste Reise mit Dir machen soll, mein Sohn." (Fortsetzung folgt.) Englands Königin in ihren Jugcndtagen. Ein Gedenkblatt an die verewigte Monarchin. Von Paul Adolf Schumacher. (Nachdruck verboten.) Im patriarchalischen Alter von nahezu 82 Jahren ist Königin Viktoria von England nach einer Regierung von fast 64 Jahren auf ihrem Schloß Osborne aus dem Leben geschieden. Wir müssew weit zurückblättern in den Annalen der Geschichte, um auf Monarchen zu stoßen, denen eine ähnlich lange Regierungsdauer beschieden war, und nur der französische Sonnenkönig Ludwig XIV., der bereits als fünfjähriges Kind im Jahre 1643 auf den Thron kam, konnte, als .er am 1. September 1715 starb, auf eine noch längere Regierungszeit, nämlich auf eine solche von 72 Jahren zurückblicken, während sein ebenfalls als Knabe auf den Thron gelangter Nachfolger es zu einer Regierung von 59 jähriger Dauer brachte. In der deutschen Geschichte sehen wir uns vergebens nach Beispielen von so lang dauernder Regierung um; von den langlebigen habsburgischen Kaisern am Ausgang des Mittelalters brachte es Friedrich III. zu einer 53 jährigen Regierung, während Karl V. 35 Jahre, Maria Theresia 40 Jahre regierten, und der jetzige Inhaber des habsburgischen Thrones im 53. Jahre seiner Regierung steht. Die Hohenstaufen Friedrich Barbarossa und Friedrich II. brachten es nur zu einer Regierungszeit von 38 bezw. 40 Jahren, und unter den hohenzollernschen Fürsten stehen der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm mit 48 und Friedrich der Große mit 46 Jahren an der Spitze. In der englischen Geschichte freilich gehören Regierungen von langer Dauer nicht zu den Seltenheiten. Elisabeth, die große Widersacherin von Maria Stuart, zierte 45 Jahre hindurch den Thron, und der Großvater der jetzt Verblichenen, König Georg III., brachte es auf 60 Regierungsjahre. Während selbst der giftigste politische Neid es der jetzt Heimgegangenen Königlichen Frau nicht abstreiteu kann, daß sie sich dieser hohen Gunst des Schicksals sowohl als Frau wie als Monarchin stets würdig erwiesen hat, kann man das Gleiche von ihren Vorgängern nicht sagen: denn die verhängnisvolle Hand des Schicksals schien tzu Anfang des 19. Jahrhunderts schwer auf dem in England regierenden Welfenstamme zu lasten. Georg III., der schon im Jahre 1765 vorübergehende Spuren des Wahnsinns gezeigt hatte, war seit 1810 gänzlich der geistigen Umnachtung verfallen, und um die Nachfolge war es schlecht bestellt; denn sein ältester Sohn, der nachmalige König Georg IV., der durch die Scheidung von seiner Gemahlin Karoline, einer geborenen Prinzessin von Braunschweig, so ungeheures Aufsehen erregte, besaß nur eine einzige Tochter, die schon 1817 kinderlos starb. Nachdem Georgs III. zweiter Sohn, der Herzog von Jork ebenfalls zeitig kinderlos verstorben, war der nächste Agnat sein dritter Sohn, Herzog von Clarence, der nachmalige König Wilhelm IV., der ebenfalls kinderlos war. Nächst.diesem war der nächste Thronanwärter Georg III. vierter Sohn, der Herzog Eduard von Kent. Prinz Eduard, ein ebenso vorzüglicher Soldat wie wdnig geschickter Haushalter mit der immerhin nicht übermäßig reichlichen Apanage eines nachgeborenen englischen Prinzen, lebte seit 1816 aus Sparsamkeitsrücksichten auf dem Kontinent, und hatte sich mit Marie Louise Viktoria, der Tochter des Herzogs von Sachsen-Koburg-Saalfeld vermählt, die in erster Ehe mit dem tÄbprinzen von Leiningen verheiratet gewesen war. Das junge. Paar verlebte die Flitterwochen unter den allerbescheidensten Verhältnissen in Amorbach: im Odenwald, übersiedelte jedoch nach einigen Monaten nach London, wo es im Kensingtonpalast Wohnung nahm. Hier ward ihnen am 24. Mai 1819 eine Tochter geboren, Viktoria Alexandrina, die jetzt verstorbene Königin von England und Kaiserin von Indien. Das Eheglück ihrer 'Eltern fand ein jähes und vorzeitiges Ende durch den schon am 23. Januar 1820 erfolgten Tod des Herzogs. Bei der Kinderlosigkeit des voraussichtlichen Thronerben, des schon genannten Herzogs von Clarence, war die damals erst acht Monate alte Prinzessin in die nächste Nähe des Thrones gelangt, und wurde als vermutliche Erbin der Königskrone dementsprechend erzogen. Die Witwe blieb mit ihrem Töchterlein in dem unscheinbaren, aus rotem Stein aufgeführten Gebäude wohnen, welches im Westen der Themsestadt hinter den Kensington-Gardens, einem Parke von landschaftlich! hervorragenden Reizen liegt, wo nachmals im Jahre 1851 die erste Weltausstellung abgehalteu wurde. Wenn man von den kürzeren Aufenthalten in Claremont absieht, verbrachte hier die Prinzessin ihre ganze Jugend bis zu dem Augenblicke, wo sie durch den Tod Wilhelms IV. an die Spitze eines der mächtigsten Reiche der Erde berufen wurde. Ohne Geschwister, verlebte Prinzeß Viktoria ihre Kinderjahre in tiefster Zurückgezogenheit; ihre einzige Gesellschaft, in der sie ihrem kindlichen Sinn freie Bahn zur Bethätigung kaffen durfte, waren ihre Puppen, von denen sie eine ganz besonders große Zahl in den mannigfaltigsten Kostümen besaß. Auf dieser Puppensammlung, welche später nach Schloß Windsor gebracht wurde, wo sie sich noch jetzt befindet, sollen die Augen der jugendlichen Monarchin ost unter Thränen der Wehmut geruht haben. Ms Erzieherin der Prinzessin waltete zwar offiziell die Herzogin von Northumberland, doch behielt die sorgende Mutter, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, ihr einziges Kind in geistiger und körperlicher Hinsicht auf daN gewissenhafteste zu betreuen, die oberste Leitung in den Händen. Sie empfand es jedoch schmerzlich, daß die Prinzeß als dereinstige Thronerbin noch mit anderen Dingen, die dem: weiblichen Sinne sonst fern liegen, sich befassen mußte, und von Lord Melbourne, einem Führer der Whigs, im englischen Staatsrecht, in Geschichte und englischer Regierungs- Praxis unterwiesen wurde. In die Zeit dieses Unterrichts fällt eine reizende Szene, die den Charakter Viktorias in reinstem Lichte zeigt. Bis zum Tode Georgs IV. hatte man die Prinzessin mit wohlüberlegter Absicht in gänzlicher Unkenntnis des ihrer harrenden glänzenden Loses gelassen. Nunmehr schien es aber Zeit zu sein, sie über die Zukunft aufzuklären, und man beschloß, ihr eine Aufgabe zu stellen, durch deren Lösung sie selber zur Erkenntnis ihrer Stellung als Thronfolgerin kommen mußte, indem man ihr auftrug, einen Stammbaum der Königsfamilie zu entwerfen. Die Lösung der genealogischen Aufgabe schritt korrekt bis zur Person des regierenden Wönigs Wilhelm IV. vor, dann aber schien es mit der Weisheit der königlichen Schülerin zu Ende zu sein; denn sie wandte sich klagend an ihre Mutter mit den Worten: „Mama, ich kann nicht sehen, wer nach Onkel Wilhelm kommt; es müßte denn sein, daß ich selber es wäre". Als die zwölfjährige Prinzeß aus dem Kopfnicken der Mutter die Bestätigung ihrer zweifelnden Vermutung entnahm, war sie anfangs eine ganze Weile sprachlos; dann aber brach sie in die Worte aus: „Ich will gut sein", ein Gelöbnis, welchem sie in ihrem langen und gesegneten Leben immer treu geblieben ist. In der gewohnten bescheidenen Lebensführung änderte sich nichts bis zu dem Augenblick, in welchem die Prinzeß auf den Thron berufen ward. Dieser Moment trat ein, als in den frühesten Morgenstunden des 20. Juni 1837 Wilhelm IV. seine Augen auf immer schloß. An seinem Sterbebette im Schlosse zu Windsor standen nur der Erzbischof von Canterbury und der Lord Chamberlain. Der Thronerbin war es nicht vergönnt, beim Hinscheiden ihres Onkels zugegen zu sein, der von einer wahrhaft unerklär- klärlichen Feindseligkeit gegen deren Mutter erfüllt war. Und mit dieser pflichtbewußten Fürstin auch- deren Tochter, auf die er allerdings seinen Haß nicht übertrug, von sich fern hielt. Ms Wilhelm IV. den letzten Atemzug gethan, warfen sich der Erzbischof und Chamberlain in einen Wagen, der sie im rasenden Galopp nach London trug. Im Kensingtonpalast, wo man um 5 Uhr morgens anlangte, lag alles in tiefster Ruhe. Nur durch Anwendung sehr energischer Befehle konnte die Dienerschaft bewogen werden, ihre Gebieterin zu wecken, die um ihr Nachtgewand einen Shawl warf, und in Schlafpantosfeln und mit aufgelösten Haaren die Herren empfing, aus deren Munde sie zum ersten Male die Anrede Dour Majesty vernahm. Die Tage der sorg- und harmlosen Jugend waren vorbei. Aus der bescheidenen, sich selbst hingegebenen Prinzeß war die Königin geworden, deren Leben ihrem Volke gewidmet war. Ausgestattet mit allen Vorzügen des Geistes und Körpers, hatte die in jungfräulicher Schönheit prangende Königin leichtes Spiel, sich die begeisterte Liebe ihres Volkes zu gewinnen. In England, wo „der Monarch zwar herrscht, aber nicht die Regierungsgewalt selbst ausübt", wo die konstitutionellen Gepflogenheiten die Einbeziehung der königlichen Person in die Arena des politischen Kampfes unmöglich machen, ist es für den Monarchen ohnehin leichter als anderswo, sich in allgemeine Beliebtheit zu setzen, und es gehörte schon ein ganz besonderes Maß unliebenswürdiger Eigenschaften dazu, daß die englischen Monarchen der vorvergangenen 100 Jahre von der Zuneigung des im Urgrunde seines Wesens monarchischen englischen Volkes wenig zu spüren bekommen hatten. Um so' lebhafter schlugen nun überall im vereinigten Königreiche die Herzen der Königin entgegen, von welcher man nach den ärgerlichen Skandalen der -Vergangenheit nur Gutes und Edles erwarten konnte. Noch am 20. Juni selbst erschien Viktoria irrt Staatsrat, um ihre Thronbesteigung bekannt zu geben, und die Verfassung zu beschwören; am 17. Juli erschien sie im Oberhause, um nach den Vorschriften der Verfassung das Unterhaus aufzulösen. Die Art und Weise, wie sie sich 60 - hierbei benahm, die Wendungen ihrer Rede, in welche, von der Lauterkeit ihrer eigenen Absichten, und von be« Vertrauen aus die Weisheit des Parlaments und bet Liebe des Volkes gehandelt wurde, richen eine Begeisterum hervor, wie sie in diesem Lande noch nie zuvor gesehe« worden war. Nach Ablauf des herkömmlichen Trauerjahres erfolgt am 28. Juni 1838 in der Westminsterabtei die Krönuni nach dem alten pompösen Zeremoniell, wie es mit un" wesentlichen Abänderungen bei allen englischen Königz krönungen seit dem Jahre 979 in Uebung ist. Die Feierlichkeit begann mit der Huldigung seitens aller Versammelten. Der Erzbischof von Canterbury verkündete mit lauter Stimme: „Ich stelle Euch hier Viktoria, die rechtmäßige Erbin der Krone dieses Königreichs vor; Ihr all die Ihr hier heute versammelt seid, um Huldigung Dienst und Pflicht zu leisten, habt Ihr den festen Wille« dies zu thun?" worauf die Anwesende» die Frage rat dem Zurufe beantworteten: „Gott erhalte Königin Viktoria" Diese Frage wurde vom Erzbischof viermal, nach allen Die: Himmelsrichtungen, wiederholt, wobei sich die König! jedesmal der entsprechenden Seite des Saales zuwendeü Hieran schloß sich die Verpflichtung der Königin auf di Verfassung, wobei sie, die Hand auf das Testament, legend schwor: „Alles, was ich vorhin versprochen habe, werd- ich halten, so wahr mir Gott helfe". Dann folgte di umständliche Schmückung der Monarchin mit den Kror- insignien, worauf ihr ihre Onkel, die Herzöge von Süsse, und Cambridge, den Lehnseid leisteten. Hieran schloß ssi die Huldigung der Pairsschaft, und. die Feier des heiliger Wendmahls. Nach Beendigung der Feierlichkeit verließ die König! in vollem Krönungsornate, mit Szepter, Reichs-Apfel und Krone, die Westminsterabtei, in einer Karosse, die von acht jener berühmten, gelben hannoverian horses gezogen wurde, wie sie bie Welfen nach Großbritannien mitgebracht haben, eine Pferderasse, die nur noch in Herrenhausen und' Windsor gezüchtet wird. Nun endlich trat das Alltagsleben in seine Rechte Wie weihevoll aber dieser Krönungsakt und die Fahrt znt und von der Westminsterabtei gewesen sein muß, erfahr« wir aus dem Munde eines gänzlich Unbeteiligten, bet nachmaligen Kaisers Napoleon III., der als Unbekanntei- dem Auszug beiwohnte, und später bekannte, daß niemals eine Feierlichkeit einen derartigen Eindruck auf ihn gemach habe, wie der Anblick dieser Jungfrau auf dem Throne welche ihre Rede einfach, aber majestätisch mit glockenreiner Stimme las. . Gemeinnütziges. Mittelgegen aufgesprungene Hände. Gegen, die Plage der aufgesprungenen Hände, wo die Oberhaulj durch Wechsel von Nässe und trockener Wärme, besonder«! Strahlwärme des Ofens oder Feuerherdes, ruiniert wurde,! bewährt sich nach- Dr. P. Niemeyer das Bestreichen mit frisch ausgepreßtem Zitronensaft. Die im ersten Augenblick dadurch hervorgerufene Schmerzhaftigkeit möge nnn- um so leichter mit in den Kauf nehmen, als die Säun diese Eigenschaft mit dem ebenfalls für solche Beschwert empfohlenen, aber nicht so heilkräftigen und saubere« Glycerin teilt. Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. 1. Adelstitel. 2. Deutscher Fluß. 3. Schlanke Tiere. 4. Zahlwort. In die Felder vorstehenden Quadrates sind die Buchstaben DDB, EEEE, H, I. L, 00, RR derart einzutragen, daß die wagerechtcn uni senkrechten Reihen gleichlautend Wörter von der beigesügten Bedeutung bilden. Auflösung in nächster Nummer. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scken Uuivcrfität«-Buch- und Strindrnckerei (Pietsch Erben) in Aießcu. D der „A meiner in sein nie toi auf der Monat färbte ausdeh Ick Küste Stabt Bucht । Felsen l meinem der Nie gemäß । Dei Die Se belebt, Zuge bi glitt. ( lagerte den Nel gelben : erschien, Faden, hinter b Luft, bie Die erwartet der Stei auf der. einen Bl