Nr. 171. fdoi. 8 KPIW Ä ISI ic beste Art, sich an jemand zu rächen, ist die, cs ihm nicht gleich zu thnn. Marc Aurel. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Als Herbert mit den Seinigen daheim angekommen war, machte er Miene, sich sofort zurückzuziehen, um allen peinlichen Fragen ‘unb noch viel peinlicheren Freudenäußerungen zu entgehen, die er ruhig hätte hinnehmen müssen, da er ja den Irrtum nicht aufklären durfte, bevor er mit Felicia gesprochen. Aber wenn es ihm auch gelang, sich rasch von Mutter und Schwester loszumachen, so konnte er doch nicht verhindern, daß sein Vater ihn gegen alle Gewohnheit bis an die Schwelle feines Zimmers begleitete, offenbar in der Absicht, ihm noch irgend eine vertrauliche Mitteilung zu machen. Und diese Mitteilung kam in der That, nachdem einige scherzhafte Worte sie passend eingeleitet hatten. Ludwig Ignatius war ein zu feiner Menschenkenner, und er kannte namentlich seinen Sohn viel zu genau, als daß er nicht einen guten Teil von alledem hätte erraten sollen, was während der letzten halben Stunde in Herberts Seele vorgegangen war. "Roch fühlte er sich des Erfolges keineswegs gewiß, und er meinte jedenfalls kein Mittel unversucht lassen zu dürfen, das ihn sichern konnte. Deshalb erzählte er dem Assessor lächelnd, ivie er schon vor einigen Wochen wider seinen Willen Felicias so ängstlich gehütetes Herzensgeheimnis belauscht habe, wenn er dabei auch insofern von der Wahrheit abwich, als er die Scene mit dem Bilde auf einen Zeitpunkt verlegte, als Herberts erstes Verlöbnis bereits aufgehoben gewesen war. „Natürlich darfst Du sie niemals ahnen lassen, daß sie damals beobachtet worden ist", fügte er hinzu. „Ich würde ja auch unter anderen Umständen nicht die Indiskretion begangen haben, es auszuplaudern. Aber ich meine, es muß Dir Freude machen, zu hören, eine wie leidenschaftliche Zuneigung sie für Dich seit langer Zeit im Herzen getragen hat." Er hatte sich in der Wirkung des angewandten Mittels nicht betrogen. Wenn Herbert bis dahin noch immer hatte glauben können, daß Felicia vorhin unter Einflüssen gehandelt habe, die mehr -eine Geburt des Augenblicks als die Aeußerung ihres wirklichen Seelenzustandes gewesen waren, so mußte ihn die Erzählung seines Vaters wohl überzeugen, daß er sich da in einem Irrtum befunden hatte. Die Gewißheit, daß sie ihn wirklich liebte und daß ihre Liebe von jener tiefen, leidenschaftlichen Art war, die zugleich den ganzen Lebensinhalt und das ganze Lebensglück eines Weibes ausmacht, mußte ivie ent eindringlicher Appell an seine Ritterlichkeit auf ihn wirken. Die Antwort auf die Frage, ob er überhaupt itoch ein Recht habe, sie aus der durch die Umstände nnb nicht zum wenigsten durch ihtt selbst verursachten Täuschung zu reißen, schien ihm jetzt itoch tausendmal schwieriger als zuvor, und die schlaflos zuge- brachten Stunden dieser Nacht reichten nicht hin, ihn zu. ci«em s-rstsn unb befreienden Entschlüsse gelangen zu lassen. Der nächste Tag, der seine Mitwirkung vet frii.fi, zeitig beginnenden und ivider Erwarten bis zum Abend ausgedehnten, sehr ermüdenden Gerichtsverhandlung notwendig machte, war vielleicht der peinvollste seines ganzen Lebens. Mehr von dem ungelösten Widerstreit in seinem Innern als von der beruflichen Anstrengung zu Tode erschöpft, verließ er nach endlich aufgehobener Sitzung den Saal. Ter Korridor war mit Menschen gefüllt; aber der Assessor blickte weder nach rechts noch nach links, während er ihn durchschritt; da hörte er sich von einer wohlbekannten Stimme bei seinem Namen angerufen, und auf- schauend gewahrte er die stattliche Gestalt seines Vaters, der die von Glück und Heiterkeit geradezu strahlende Felicia am Arme führte. „Das heiße ich eine angenehme Ueberraschung, nicht wahr, mein Junge? — Zwei Stunden lang hat Dein liebes Bräutchen bei uns auf Deine Heimkehr gewartet. Dann ließ cs ihr keine Ruhe mehr, und ich mußte sic. hierher, führen, in die Höhle des Löwen. Denn sie hat eine Neuigkeit für Dich, die Dir, wie ich denke, nicht übel gefallen wird." Es ivar für Herbert ganz unmöglich, Felicia hier inmitten der vielen Menschen anders als durch einen Händedruck zu begrüßen, und sie konnte in dent Unterbleiben jeder Liebkosung deshalb nichts Auffälliges finden. Lächelnd überreichte sie ihm, ohne ein Wort zu sprechen, eilt bereit gehaltenes Telegramm, und. der Assessor las: „„Gebe von Herzen meinen Segen, bin innig erfreut über glückliche Fügung. Tausend Glückwünsche Dir und meinem lieben Sohne, Deinem Verlobten. Habe wegen alles Uebrigen gleichzeitig an Ludwig Ignatius gekabelt. Bitte .Hochzeit möglichst zu beschleunigen, und hoffe, Euch vor meinem Ende noch einmal in Boston zu sehen. Erwarte näheres brieflich. Georg Rubarth."" „Es ist die Antwort auf eine telegraphische Mitteilung, die ich meinem Vater in der Frühe des heutigen Tages machte", sagte Felicia erklärend, da Herbert auffallend lange in das Blatt starrte. „Denn wenn ich auch volljährig und die unumschränkte Herrin meiner Handlungen bin, hielt ich es doch für schicklich, mich seiner Einwilligung zu versichern. Es ist Dir doch recht, daß ich's gcthan habe — nicht wahr?" Ta ergab sich Herbert Ignatius in sein Geschick. Er 682 sah daß es keine Möglichkeit mehr gab, sich den Maschen dieses Netzes zu entwinden, ittib das zärtliche Du, de.sen sich Felicia so unbefangen und natürlich bediente, entwaffnete auch die letzte trotzige Regung seines rebelliichen Herzens Ter einzige Augenblick, in welchem vielleicht noch eine Aufklärung möglich gewesen wäre, ging ungenutzt vorüber, und seine Antwort auf ihre letzte Frage entschied über seine und ihre Zukunft. Arm in Arm verließeil sie das Gerichtsgebaude; Ludwig Fanatius, der ihnen in einer kleinen Entfernung folgte, dachte nur an die fünfzehntausend Dollars, die Georg Rubarth ihm zur Beschaffung eener angemessenen. Aussteuer für Felicia telegraphisch hatte anweisen lassen, und an die verheißungsvollen Schlußworte des an ihn gench- teten Telegramms: , „Mitgift hundertundfünfzigtausend. Näheres brieflich. Auch diese hundertundfünfzigtaufeud mußten natürlich Dollars sein. Das war mehr als eine halbe Million Mark. Und es würde sich gewiß einrichten lassen, baß sie durch seine Hände gingen. Mochten sie sich dabei auch um ein Fünftel oder ein Viertel verringern — für die Neuvermählten würde doch immer noch mehr als gemlg üorig bleiben, zunial der gute Georg da drüben ja nicht ewig leben konnte intb Felicia seine einzige Erbin war. Ludwig Ignatius war in diesem Augenblick nahe daran, den Rendanten für sein Verbrechen zu segnen, denn ohne die von Lindemann begangenen Unterschlagungen wäre die Verbindung seines Sohnes mit der Amerikanerin sicherlich niemals zu stände gekommen, und der Ausblick auf die paradiesischen Gefilde des Reichtums hätten sich nimmermehr vor ihm ausgethan. Zwölftes Kapitel. Einige mathematisch veranlagte Köpfe aus dem Bekanntenkreise des Stadtrats hatten mit Hilfe der schön gestochenen Einladungskarten ausgerechnet, daß der Brautstand des jungen Paares genau sechs Wochen gedauert haben würde. Tas war nach deutschen Gevslna-pch°ric-r allerdings oi«c nnysuoijititct) kurze Zeit, abcc, Fräulein y-eltcia Rubarth war eine Amerikanerin und die Tochter eines — wie mau sagte — unermeßlich reichen Mannes. Tas würde in den Augen der guten Einwohner von M. noch ganz andere Verstöße gegen Brauch und Herkommen entschuldigt haben, als es diese Beschleunigung ihrer Hochzeit war. Und wenn doch hier und da eine spöttische Bemerkung darüber laut wurde, so kam sie sicherlich aus dem Munde einer Person, die man bei den Einladungen übergangen hatte. Im übrigen war man recht gut auf das Brautpaar zu sprechen, während man die frühere Verlobung des Assessors mit der, Tochter eines subalternen Beamten vielfach ziemlich unpassend und übereilt gefunden hatte. Felicia hatte sich auf allen ihr zu Ehren veranstalteten Gesellschaften nicht nur die Verehrung der Männer, sondern auch die Gunst der Frauen durch ihre herzbezwingeude Liebenswürdigkeit im Fluge erobert, und selbst die Mütter heiratsfähiger Töchter, in deren Herzen sich nach der Lösung des ersten Verlöbnisses gewisse verstohlene Hoffnungen geregt hatten, vermochten ihr wegen der Vereitelung dieser Hoffnungen nicht auf die Tauer zu zürnen. Felicias Schönheit war eben eine Waffe, mit der sie siegen konnte, wo und wie immer sie wollte. Und sie war niemals so schön gewesen als jetzt während ihres kurzen Brautstandes. Die Liebe, in der ihr ganzes Sem aufgegangen zu sein schien, hatte sie gleichsam verklärt. Ihre Augen waren noch leuchtender und feuriger, ihre Züge noch weicher, ihr Lächeln noch süßer und bestrickender geworden. Der Assessor hätte nach dem allgemeinen Urteil ein ausgemachter Thor sein müssen, wenn er sich nicht für den beneidenswertesten aller Sterblichen gehalten hätte. Und daß man ihn immer, selbst an der Seite seiner herrlichen Braut, nur mit tiefernster, beinahe düsterer Miene sah, erschien den ausmerksameu Beobachtern, an denen es einem Liebespaare ja niemals fehlt, als ein Zeichen geradezu sträflicher Undaukbarkeit dieses vom Glücke so verschwenderisch begünstigten jungen Mannes. An Margarethe Lindemann dachte man längst nicht mehr, und sie gab niemand einen Anlaß, sich mit ihr zu beschäftigen. War man ihrer schon früher nur selten in größeren Gesellschaften oder an öffentlichen Vergnügungsorten ansichtig geworden, so hatte sie sich jetzt vollends in Dunkel und Verborgenheit zurückgezogen. Diejenigen ihrer früheren Bekannten aber, die ihr gelegentlich einmal auf der Straße begegneten, machten die Beobachtung, daß sie sich die große Veränderung in ihrem Leben doch einigermaßen zu Herzen zu nehmen scheine, da sie sie viel bleicher und angegriffener aussehend fanden, als es selbst durch die aufopferndste Pflege eines kränklichen Vaters zu erklären gewesen wäre. Herbert hatte sie nicht wiedergesehen, und er vermied es selbstverständlich, irgend jemand nach ihr zu fragen. Er hatte sich entschlossen, die ihm aufgezwungenen Pflichten gegen Felicia wie ein ehrlicher Mann zu erfüllen, und er erachtete es als die vornehmste dieser Pflichten, daß ihm Margarethe fortan nur noch wie eine Gestorbene sein dürfe. Konnte er auch nicht hindern, daß ihr Bild noch immer zwischen ihm und seiner schönen Verlobten stand, daß er beinahe von ihr träumte, und daß jede Liebkosung Felicias eine Fülle schmerzlicher Erinnerungen in ihm allmählich weckte, statt ihn zu beglücken, so hielt er doch nicht nur seine Worte und seine Handlungen, sondern auch seine Gedanken und Wünsche in strenger Zucht, hoffend, daß es ihm endlich gelingen werde, auch jenes Bild und jene Er- innemngen aus seiner Seele zu bannen. Aus freien Stücken und zur nicht geringen Verwunderung seiner Vorgesetzten hatte er eine Arbeitslast aus sich genommen, die ihn an den meisten Tagen weit über die üblichen Bureaustunden hinaus beschäftigte und ihm nur wenig Zeit ließ, sich seiner Braut zu widmen. Zu eurem ungestörten Alleinsein der beiden Verlobten kam es auch in diesen karg bemessenen abendlichen Mußestunben bemühe nie, obwohl Felicia dem Drängen des Stadtrats uachge- geben hatte und aus ihrem Pensionat in das ^gnatrus fche Hans übergesiedelt war. Denn entweder hatte der Kammerer selbst eine Anzahl von Gästen geladen oder es galt, der Einladung irgend einer befreundeten Familie Folge zu leisten, wozu Felicia immer mit Freuden bereit war, da es ihr allem Anscheine nach das innigste Vergnügen be- roitsto, ihr junges Gluck den Augen aller Welt zu, zeigen. Nicht einmal während der Wagenfahrt aber war sie dann mit Herbert allein; denn immer befand sich Hilde inihrer Gesellschaft, und wenn auch Felicias heiße Zärtlichkeit sich durch die Gegenwart ihrer zukünftigen Schwägerin kaum eineu Zwang auferlegen ließ, so beobachtete Herbert doch stets eine Zurückhaltung, die durch seine Rücksicht auf , die Anwesenheit des jungen Mädchens in beit Augen seiner Braut zwar vielleicht nicht hinlänglich gerechtfertigt, aber doch immerhin erklärt wurde. Ihre Gesangstudien hatte Felicia mit dem Tage ihrer Verlobung abgebrochen, und sie hätte während dieser unruhigen Wochen auch wirklich keine Zeit gesunden, ihnen obzuliegen. Denn die Beschaffung einer Aussteuer, wie oie verwöhnte Amerikanerin sie für angemessen hielt, war fttr- wahr keine leichte Aufgabe, und die arme, schwächliche Stadträtin hatte es sehr bald aufgeben müssen, sie bei all den Einkäufen, Besuchen von Schneiderateliers und Konferenzen mit allen möglichen Lieferanten zu begleiten, die nach Felicias Versicherung durchaus unvermeidlich waren. Ter Brautschatz einer Prinzessin hätte kaum prächtiger und verschwenderischer sein können, als es die Unmenge ferner Wäsche und anderer Doilettenartikel war, die man nach und nach im Hänse des Stadtrats ablieferte. Und cs war jedenfalls ein Glück, daß man auf Felicias Wunsch von der Einrichtung einer Wohnung vorläufig noch, Abstand nehmen wollte, da die kurzen sechs Wochen , sonst unmöglich für alle Besorgungen ausgereicht haben wurden. Der Verzicht auf ein behagliches eigenes Heim aber erklärte sich daraus, daß Herbert schon tm Frühling seine Versetzung in eine andere Stadt erwartete, und daß Felicia nach der Rückkehr von der auf einen Monat berechneten Hochzeitsreise lieber eine kurze Zeit in einem Hotel wohnen als jetzt die Ausstattung für eine Wohnung beschaffen wollte, die sie schon nach wenigen Wochssn mit einer anderen hätte vertauschen müssen. , Davon, daß die Versetzung lediglich auf seinen eigenen Wunsch erfolgen würde, hatte der Assessor freilich nichts gesagt. Die Damen des Jgnatins'schen Hauses glaubten, daß es sich um eine von seinem Willen unabhängige Maßregel handle, und der Stadtrat, der als Kenner der Verhältnisse vom Gegenteil überzeugt war, hütete sich sehr wohl, seinen Sohn nach den Gründen zu fragen, die er $ So war die Zeit wie im Fluge dahingeschwunden, und 683 gegeben haben; denn andernfalls hätte Dralon keinen Anlaß z-u der Gesetzesbestimmung gehabt, daß, wer einen Gegen- tand von mehr als 10 Drachmen Wert aus einer Schule entwende, mit dem Tode bestraft werden solle. lieber die int allgemeinen übliche Schulzeit erfahren wir aber näheres aus einer Verordnung Solons, welcher bestimmt, daß vor Sonnenaufgang keine Schule von dem Lehrer geöffnet, und über Sonnenuntergang offen gehalten werden dürfe. Die griechische Familie scheint ftch also ihres Nachwuchses schon in frühester Morgenstunde entledigt zu haben, um ihn erst mit sinkender Sonne wieder in ihren Schoß aufzunehmen, ein Verfahren, welches vielleicht den Beifall mancher überreich mit Kindern gesegneten Mutter finden wird, aber eigentlich doch kein Zeichen für eine besonders Vertiefung des damaligen Familienlebens ist. Wir dürfen uns nun aber keineswegs vorstellen, daß diese zahlreich vorhandenen Schulen staatliche Anstalten waren. Der Staat begnügte sich vielmehr nur mit einer Art Oberaufsicht, und gab für den elementaren Volks-Unterricht meistens nicht einmal die nötigen Räumlichkeiten her. Unter dem Peristyl eines Tempels oder an irgend einem anderen Orte, wo man wenigstens ein Schatten spendendes Dach über dem Kopfe hatte, hockte, wie es heute noch in den türkischen Medressen der Fall ist, der Lehrer oder Grammatodidaskalos, der monatlich sein Schulgeld gezahlt erhielt, mit seinen Schülern ans der Eroe, und es ist ein tragikomisches Bild, wenn wir uns Setne Majestät Dionysius, nachdem man ihn in Syrakus vom Thron gejagt hatte, in irgend einer Straße von Kortnth in dieser Lage als Jugendlehrer vorstellen. Auch der Inhalt des Unterrichts war Privatsache, und regelte sich nicht nach! staatlichen Erlassen, sondern nach der Gewohnheit, die auch für die Eltern der einzige Grund war, ihre Kinder unterrichten zu lassen, da es einen Schulzwang im heutigen Sinne des Wortes mast gab. In erster Linie unter den Unterrichtsgegenständen standen gymnastische Uebungen, wie ja überhaupt in der griechischen Welt das Hauptgewicht auf eine allseitige Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten gelegt wurde. Laufen und Springen mit und ohne Gewichte, Speerwerfen und Diskusschleudern wechselten mit dem Ring- und Faustkampse, oder mit dem Pankration, einer regelrechten Rauferet, bei welcher jedes Mittel erlaubt war, um den Gegner nteder- zuzwingen. Nächstdem maßen die alten Griechen der Tanzkunst (Orchesis) große Wichtigkeit bei, und die Ohnmachis- anfälle, welche den Leiter des Gymnasiums einer kleinen oberschlesischen Stadt anwandeltcu, als wir Primaner ihn eines Tages um die Erlaubnis baten, die Tanzstunde besuchen zu dürfen, wären bei einem altathenischen SstM- tchannen eine bare Unmöglichkeit gewesen. Allerdings war auch der Tanz jener Zeit, die Orchesis, kein von den Ge- scblechtern paarweise ausgcführter Walzer oder Francmse, sondern eine Art turnerischer Reigen, wie er auch bet den Festen der Götter, oder vom Chore in der antiken Tragödie ausqe ührt wurde, und nur bei ganz ausnahmsweisen Gelegenheiten wie bei Hochzeiten, oder den Tempelfesten zu Ehren des Apollo und der Artemis war es den zarten Mägdelein verstattet, am Tanze teilzunehmen, wöbet sie jedoch einen streng von den Knahen abgesonderten Reigen sür sich bildeten. Mehr Interesse als diese ja ziemlich bekannte körperliche Ausbildung bieten für uns Menschen der Gegenwart die Gegenstände des wissenschaftlichen Unterrichtes, mit welchen um das 7. Lebensjahr des Schülers begonnen wurde. Der kleine A-B-C-Schütze wurde natürlich zuerst ganz wie bei uns im Lesen, Schreiben und Rechtien unterwiesen. Zur Erleichterung des letzteren dienten Taseln mit kleinen verschiebbaren Klötzchen, welche große Ueyu- lichkeit mit den auch heute vielfach tm Gebrauch befindlichen Rechenrahmen mit ihren bunten Kugeln haben; im allgemeinen wurde jedoch tm Kopfe gerechnet. Geschrieben wurde auf Tafeln, die rnik Wachs überzogen waren und mit einem metalleneii Griffel geritzt wurden, worauf, wenn die Tafel vollgeschrieben war, entweder mit der breiten Fläche des Griffels das Wachs geglättet oder ein neuer Ueberzug hergestellt wurde. Auf diesen Tafeln zoa der Lehrer, wie wir aus eineni vor etwa 20 fahrest gefundenen Wandgemälde sehen, die Linien, schrieb die Buchstaben vor, und führte auch! dte in die schwere Kirnst des Schreibens einzuweihende, kleine „ Hand. Manche brachten es nie über diese Anfangsgründe hinaus, wie in zahlreichen Häusern der Stadt M. sprach man schon jetzt von nichts anderem mehr als von der Hochzeit, die m fünf Tagen stattfinden sollte, und von der Polterabendfeier, die ihr nach gutem deutschen Branche voraufgehen wurde. Für das Vermählungsdiner hatte der Stadtrat den Festsaal des vornehmsten Hotels gemietet, den Polterabend jedoch, zu dem sich voraussichtlich! eine ungleich größere Zahl von Gästen einsinden würde, wollte man in der sehr geräumigen Jgnatius'schen Wohnung begehen, deren griffet Salon schon jetzt durch die Aufstellung einer kleinen Buhne für seine festliche Bestiminung hergerichtet worden war. (Fortsetzung folgt.) Antike Schulbuben. Von Dr. Kurt Rudolf Kreuschner- (Nachdruck verboten.) Altmeister Goethe legt dem wackeren nordischen Mephistopheles, der im Begriffe steht, sich mit Faust zur klassischen Walpurgisnacht nach Griechenland zu begeben, Worte der Befriedigung darüber in den Mund, daß er, der es bisher nur mit mittelalterlichen deutschen Hexen auf dem Brocken zu thun gehabt habe, nun auch einmal die Bekanntschaft klassischer, thessalischer Hexen machen könne. Aehnliche Gedanken mögen inauchem, der setne Weisheit aus den Brüsten des modernen Gymiiasiums gesogen hat, wohl auch kommen, wenn er vom Bildungswesen im alten Griechenland, oder sagen wir schlankweg von „antiken Schulbuben" hört. Die humanistische Mittel- schule der Gegenwart giebt, obwohl sie die Hälfte aller Unterrichtsstunden für das Studium der klassischen Sprachen in Anspruch nimmt, von deut wirklichen antiken Leben keine anschanlichen Bilder, unb doch ist es für jeden, der mit innerem Grauen „mensa" dekliniert, und tote Hieronymus Jobs das barbarische „Typto, typteis" konjugiert hat, nicht ohne Interesse, wie es vor zweitausend unb einigen hundert Jahren ans ben damaligen Schulen aus gesehen hat. c , ,, . , Haben die Herren Schüler von bamals auch! schon gern ben Unterricht geschwänzt, um sich lieber irgenbwo auf betn blühenden Haag tn fröhlichem Sptele zu tummeln? Haben sie auch bamals schon bie Karrrkatnren ihrer Lehrer auf bie Wanbtafeln gezeichnet, unb hat auch damals schon ber versteckte Krieg zwischen bem Unter- richtenden und den Zöglingen geherrscht, der wohl nicht eher sein Ende nehmen wirb, als bis ber Nürnberger Trichter erfunben sein wirb, der mühelos in bte harten Schäbel alles hineinbeförbert. was jetzt nur durch den sauren Schweiß von Lehrern unb Lernenben zum Wissenskapital ber toteren gemacht werben kann? Nun! wegen falscher griechischer Accente brauchten bie Glücklichen sich bamals noch, kein Ungenügend als Zensur in roter Tinte unter ihre Arbeiten schretbcn zu lassen; denn diese Überflüssigsten aller Krähenfüße waren damals noch nicht erfunden. Aber im übrigen hatten dte Schuljungen Altgriechenlands auch tlicht gerade zu lacyen. Der Vers „Ungeschunden wird kein Mensch erzogen", läßt tief blicken, und verrät, daß es nicht immer bte überzeugende Kraft sanften Znrebens, sondern nur al. zu häufig die brutale Logik des Stocks und der Rute war, welche in die zukunftsvolle, hellenische Jugend die Elemente der Bildung legte. Natürlich sah es mit der Schulbildung in den etu- zelnen Staaten Griechenlands, dessen politische Zerrissenheit selbst der des alten deutschen Bundes Ehre gemacht hätte, sehr verschieden aus. In Sparta, mit welchem in Vergleich gezogen zu werden, überhaupt für einen heutigen Staat keine Ehre ist, so sehr man auch Einfachheit unb Tüchtigkeit in ein blenbenbes Licht zu stellen glaubt, wenn man von „mobernen Spartanerjünglingen" faselt, stauben die Wissenschaften nie in besonders hohem Ansehen. Selbst bie als Bauern verschrieenen Böotier waren ihnen an Bilbung weft überlegen; benit dort hatte zur Zeit des peleponnesischen Krieges jedes kleine Nest seine Volksschule, unb aus einer Stelle im siebenten Buche bes Thnkydides erfahren wir, baß selbst kleine Lanbstäbtchen, wie bas bamals von ben Athenern zerstörte Mykalessus, mehrerlei Bilbungsanstalten für ihre Jugenb besaßen. Die entwickeltsten Schulverhältnisse finben wir natürlich in Athen, bem Brennpunkte ber hellenischen Bilbung. Hier muh es Schulen schon im 8. Jahrhundert vor Christus 684 das Vorspiel jenes von Aristophanes gewiß nach denr Leben gezeichneten Mannes beweist, der, den untersten Klassen entstammend, -in den Straßen Athens einen fliegenden Handel mit Würsten und Schwartenmagen betrieb, und der in der Komödie des großen Satyrikers mit beweglichen Worten klagt: „Von Musik verstehe ich nichts; lesen kann ich nur, und schreiben, jedoch auch das nur schlecht." Wer sich indes diese Fnndaniente der Schulbildung angeeignet hatte, kam in die Lehre des Kritikus oder Grammatikus, wie er in späteren Zeiten genannt wurde, und bekam hier als Lesebuch kein geringeres Werk in die Hand als des großen Homers Odyssee und Jliade. In diesen Schulen, welche die Knaben bis zum 15. oder 16. Lebensjahr besuchten, und die man allenfalls mit unseren Mittelschulen vergleichen könnte, bildete der junge Grieche seinen Geist an großen Vorbildern des hellenischen Helden- Mtalters. Da die Abschrift auch nur eines einzigen Gesanges dieser Epen, welche die Buchdruckerkunst heute um wenige Groschen liefert, ein viel zu teures Werk gewesen wäre^ um Eigentum in der Hand eines jeden Schülers zu sein, las der Lehrer einige Verse vor, welche die ganze Klasse, wie bei uns nachsprach, und so brachten es denn mit besonders gutem Gedächtnis begabte Schüler dahin, ganze Gesänge der Heldengedichte, ja sogar diese in ihrem ganzen Umfange auswendig zu lernen, eine Leistung, welche wahrlich die manches modernen Rezitators, der den ersten Teil des Faust, die Gretchentragödie, deklamiert, um ein Vielfaches übertrifft. Uebrigens dürfen wir solche Aus- nahmcleistungen nicht gar zu sehr anstaunen; denn das Studium der homerischen Werke, an welches sich natürlich grammatikalische Erklärungen und Aufsatzübungen anschlossen, war das Um und Auf der damaligen griechischen Bildung, neben welcher die Unterweisung in Arithmetik und Geometrie, in Musik, in Astronomie, Geschichte und Geographie einen verhältnismäßig sehr bescheidenen Raum Einnahmen. Wer sein Wissen noch darüber hinaus vermehren wollte, besuchte sodann die in fast jeder Stadt vorhandenen Gymnasien und Akademien, die zum Teil wie in Athen und iin den großen Städten Kleinasiens den Charakter einer wirklichen Hochschule hatten. Athen besaß deren nicht weniger als vier; die Akademie, bas Kynosarges, das Lykeion und das in späterer Zeit gegründete Ptolemaion. An diesen Anstalten, welche wirklich Bildungsstätten im großartigsten Stile waren, und vom Staate mit der größten Freigiebigkeit ausgestattet ivurden, fand Unterricht statt in bett sieben liberalen Künsten: Arithmetik, Geometrie cin- schließlich der Geographie, Musik, Astronomie, Grammatik, Rhetorik und Philosophie, und um das zwanzigste Jahr herum trat der Ephebe, ausgerüstet mit der besten Bildung seiner Zeit in das öffentliche Leben, wenn er es nicht vorzog, noch eine Rhetorenschule in Athen oder Rhobus zu besuchen, oder Privatschüler von Philosophen — wir nennen hier nur Plato — oder Rhetoren zu werden, was freilich nicht billig war, da sich z. B. der weise Sokrates nicht weniger als 10 Minen gleich 750 Mark Honorar bezahlen ließ. Geprügelt wurde selbst bis in die Hochschulen hinein, weit mehr aber natürlich in den unteren und mittleren Anstalten, so daß einige deutsche Parlamentarier, welche eifrige Freunde der Prügelstrafe für jung und alt sind, ihre helle Freude daran haben könnten. Wie man nun aber auch über den Wert dieses Erziehungsmittels denken mag, wahrhhaft ergötzlich ist die Schilderung eines solchen Strafvollzugs, welche sich in den vor wenigen Jahren wieder aufgefundenen Mimiamben des Herondas, und zwar in einer Schulkomödie, betitelt „Der Schulmeister" findet. Die würdige Matrone Metrotime kann mit ihrem mißratenen Sprößling Krotalos nicht mehr fertig werden, da ihr der ungezogene Bengel längst über den Kopf gewachsen ist. Sie eilt zum Lehrer, deut sie vorjammert, wie sie für ihren Jungen nur mühsam die Schulpfennige zusammenkratzt, wie sie ihm eigenhändig die Schreibtafel mit Wachs überzieht, und wie sich der gebrechliche Vater vergeblich bemüht, dem Jungen zum Bravsem zuzureden. Krotalos ist aber eine Range erster Güte, der seine Eltern um Geld und geldtverte Sachen bestiehlt, um mit dem schlimmsten Straßengesindel zu bechern und zu spielen, und, wenn ihm deswegen einmal der Hosenboden stramm angezogen wird, tagelang herumstrolcht, so daß seine alten Eltern an ein Unglück glauben, oder seiner Großmutter die letzten Sparpfennige abluchst. Auch in der Schule hat der Herumtreiber einiges ausgefressen. Darum läßt der Lehrer nicht den Stock, sondern die neue schärfste Peitsche aus scharfkantigem Ochsenleder bringen; der stärkste Schüler muß unseren Krotalos auf den Rücken nehmen, während ihm zwei andere die Füße festhalten, um ihn am Strampeln zu verhindern. In dieser wehrlosen Stellung wird nun Krotalos aus das gründlichste durchgebläut. Nicht immer nahm der Lehrer selbst die Exekution vor; denn größere Schulen besaßen ihre besonderen Geißelknechte, welche die Züchtigung vornahmen, während der Lehrer, wie uns aus Bildern bekannt geworden ist, gelassen zusah. Es ginge übrigens viel zu weit, wenn man glauben wollte, daß lediglich derzeit der Bakel regiert hätte. Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein war cs nicht um ein Haar besser, da auch erwachsene Schüler in den alten Klosterschulen vor der Fuchtel des Rektors nicht sicher waren. Das Hauptgewicht wurde aber auch in der antiken Schulzucht auf die moralische Einwirkung gelegt, wie wir aus hundert Stellen der Schriftwerke der damaligen Zeit entnehmen können. Der „Haushaltungs-Kalender für 1903", ihrer Kundschaft gewidmet von der Liebig's Fleisch-Extrakt- Kompagnie, ist erschienen. Das seit so vielen Jahren von den Hausfranen gern entgegengenommene Büchlein ist diesmal mit besonders hübschen Illustrationen ans- gestattet, von denen wir die Bildnisse Liebig's, Petten- kvfer's und Voit's erwähnen. Auch der Einband nimmt sich elegant aus. Was den Inhalt anbelangt, so teilt Clara Braune „Allerlei Nützliches für die Küche in den verschiedenen Monaten des Jahres" mit, und Dr. 5- Jesser erzählt: „Wie Liebig's Fleisch-Extrakt entstand". Die Herausgeberin von Davidts-Holle's Kochbuch hat 35 neue Kochrezepte beigesteuert. Alle diese Zuthaten zu dem eigentlichen Kalendarium werden wiederum bewirken, daß der „Liebig-Kalender" auch Anno 1902 als nützlicher Hausfreund geschätzt wird. GsMesirnÄtzTges. Die farbenprächtigen Tritomen, diese herrlichen Stauden, welche aus Afrika eingeführt wurden, sind leider nur teilweise in milden Strichen unseres Vaterlandes winterhart. Das soll uns aber nicht abhalten, diese dekorativen Herbstblüher häufig anzupflanzen; denn bei einigem Winterschutz halten die Pflanzen gut aus. Das Eindecken nehme man bei trockenem Wetter vor, indem man einen Korb oder eine Kiste mit abnehmbarem Deckel über die Pflanze stülpt. Bei eintretender Kälte wird dieser Schutz durch Ausbringen einer Schicht Laub oder langen Mistes verstärkt. Diese Decke muß jedoch bei tnilder Witterung entfernt werden, um den Luftzutritt au die Pflanze zu gestatten. Es gehen nämlich durch zu dicke Decke fast ebensoviel Pflanzen verloren, als durch die Kälte. Pflanzen, welche man aus irgend einem Grunde im Freien nicht überwintern kann, setzt man im Herbste in Töpfe oder Kübel, und überwintert sie an einem trockenen Orte bei spärlicher Bewässerung. Prakt. Ratgeber, Frankfurt a- O. Kapselrätsel. Turban — Orgel — Geschmack — Schenkung — Ungiltigkeit — Vernichtung. EZ ist ein Sprichwort zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach in vorstehenden Wörtern versteckt sind, ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung. ______(Auflösung in nächster Nununer.) Auflvsukia des Zifferblatirätsels in voriger Nummer: i ii in iv v vi vn vin ix x xi xii BANKERN AU LAU Bank, Anker, Kern, Erna, Au, Aula, Laub, Lauban. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 161 der Familienblätter: Wenn sie dich loben, wenn sie dich tadeln, So wolle bedenken: Ein Tadel kann adeln, Ein Lob kann kränken. Ist dir der Tadel unbequem, Frag auch beim Lob: von wem, von wem? Palm. Es gingen insgesamt 10 richtige Lösungen ein, das LoS fiel auf Nr. 1, Einsender: Wilhelm Netto, Gießen. Der Preis — Noeldechen, Der zweite Pfeil — ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch? und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.