. (Nachdruck verboten.) Privat-Eigentum. Eine luftige Geschichte aus der Sommerfrische. Von Alwin Römer. (Fortsetzung.) Sein Schlafbedürfnis war merkwürdigerweise zu Ende. Rasch entschlossen machte er jetzt Toilette und begab sich hinunter auf die Veranda, von wo aus sich ein prächtiger Blick über die nächsten Thäler und Höhen des Gebirges aufthat. Es wurde dort schon zur Wendtafel gedeckt. Außer den dienstbaren Geistern war jedoch niemand anwesend. Gelangweilt setzte sich Heinz an einen Tisch, aus dem eine ziemlich dickleibige Journal-Mappe lag, die merkwürdigerweise mit den neuesten Nummern der periodisch erscheinenden Witz^ und Familien-Blätter gefüllt war, was seine Hochachtung vor diesem Wald-Hotel wieder langsam zum Steigeu brachte. Schmuuzelnd vertiefte er sich in die letzten „Fliegenden", die er bei seiner Abreise im Kaffee daheim noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, und da ihm gerade eine sehr lustige Illustration Oberländers vor Augen kam, konnte er seinem Zwerchfell keinen Zwang mehr anthun. Er fing an, ganz vergnügt aufzulachen. Dabei hatte er nicht bemerkt, daß seine schöne Feindin, die er vor einer Viertelstunde so beleidigt hatte, eingetreten war und ihn beobachtete. Erst als sich der Schatten einer Gestalt auf seinem Hefte bemerkbar machte, sah er auf und ihr direkt in das etwas verzogene Antlitz. 1901 ass ■ cheltct nicht die weichen Klänge, Die von meiner Lippe weh'n, Diese klagenden Gesänge, Die der Schönheit Spuren geh'n! Seiner Rhytmen gold'ne Spiele Spielend, blickt der Dichtersinn Freudig nach dem fernen Ziele Eines neuen Lebens hin. Jeder Klang, der nach dem Schönen Lockend hin die Herzen zieht, Klingt der Zukunft echten Söhnen Rauschend als Tyrtäuslied: Als ein Schrei der Kampfestriebe, Den, indes der Feind noch kämpft, Wundersam die ew'ge Liebe Schon zur Melodie gedämpft. Hamerling. „Sie erlauben wohl!" sagte sie und griff nach der Mappe. „Bitte!" entgegnete er, obgleich ihm das ziemlich dreist vorkam. „Wollen Sie mir die „Fliegenden" nicht auch geben?" fragte sie in jenem Tone, der einer direkten Nötigung nichts nachgiebt. „Aber gestatten Sie", bemerkte er ärgerlich, „ich lese ja noch darin!" „Wenn auch", erklärte sie darauf mit einem bezaubernd boshaften Lächeln. „Diese Mappe gehört nicht zur Wirtschaft hier. Es ist Privat-Eigentum!" „Ja, dann allerdings!" sagte er hastig und vor Aerger rot werdend. „Das vermutet man ja nicht, daß auf Wirtshaustischen Journale herumliegen, die nicht für jedermann sind!" „O, wir stellen sie auch sonst gern jedem zur Verfügung!" bemerkte sie. „Nur . . ." „Nur mir nicht! Ich verstehe!" polterte er. Aber ich mache auch gar keinen Anspruch! darauf. Bitte!" „Nur hatte meine Tante soeben den Wunsch geäußert, die vorhin angekommene Mappe zu durchblättern. Und da meine Tante krank und nervös ist, die „Fliegenden" aber ihre Lieblings-Lektüre bilden, so hatte ich mir gestattet, Sie zu unterbrechen", führte Fräulein Gisela Walrat ihren Satz gleichmütig zu Ende. „Bitte!" würgte er. nochmals und überlegte dabei, ob es nicht das Geratenste sei, noch heute abend weiter zu radeln, oder sich wenigstens das Abendbrot ans sein Zimmer bringen zu lassen Wie er aber die prächtige Gestalt des jungen Mädchens, das sich soeben so glänzend an ihm gerächt hatte, durch die Veranda schweben sah, und in den Mienen der sich langsam versammelnden Abendgäste nichts wie Freude und Verehrung für dieses süße Geschöpf bemerkte, packte ihn das unbändige Verlangen, sie zu bezwingen, ihr Achtung abzunötigen, sie kleinmütig zu seinen Füßen zu sehen. Wie ein Rausch war es ihm angeflogen, und unablässig beobachtete er sie in den nun folgenden Tagen, sobald er sich selbst unbeobachtet wußte. Und immer mehr ging ihm das Verständnis für ihre natürliche Frische und heitere Mrmut auf. Wie sie mit ihren Genossinnen im Hause verkehrte, wie sie das Personal im Zaum zu halten wußte, ohne von ihrer Liebenswürdigkeit dabei etwas einzubüßen, wie sie den jungen Lassen, die mit im Hause wohuten, mit dem bewunderswertesten Takte zu begegnen vermochte, wenn . deren Huldigungen einmal leise über den unsichtbaren Grenzstrich des Schicklichen hinausschweiften, wie sie vor allem ihrer kranken, launischen, schwer zu befriedigenden Tante mit echt töchterlicher Liebe und Unterordnung zur Hand ging: das erfüllte ihn mit nie gekanntem Entzücken! 426 Und aus dem anfänglichen Wunsche, sie zu seinen Füßen zu sehen, ward leise, leise der innige Drang, ihre Vergebung zu erlangen, vor ihr ans den Knien zu liegen und thörichte Worte der Leidenschaft zu stammeln. Leider aber schien dazu nicht die geringste Gelegenheit herbeikommen zu wollen. Durch den Vorfalk in seinem Zimmer hatte sie, wie es schien, kein Fünkchen von Interesse mehr für ihn. Sie sah an ihm vorüber, wenn er sich blicken ließ, brach sofort ihren Gesang ab, wenn er aus dem Walde zurückkehrte und in der Veranda sichtbar ward, schnitt ihm sogar die Möglichkeit ab, zu grüßen, indem sie absichtlich nach! der anderen Seite sah, wenn er vorüber ging . Er vergalt dies alles durch ein spöttisches Lächeln, das ihm glücklicherweise zu Gebote stand, auch wenn ihm das Herz blutete, und wenn sie sich auch den Anschein gab, als bemerke sie es nicht, so stachelte die Maske dieses ewigen Gleichmutes sie dennoch. Ihre Vergleiche, die sie im stillen zwischen diesem unausstehlichen Menschen und den übrigen Vertretern des stärkeren Geschlechts in bei4 Wald-Pension anstellte, fielen bei ihrer Ehrlichkeit leider alle zu Gunsten Heinz Dörings aus. . Er war elegant, nobel, redegewandt, körperlich geübt und sicher im Auftreten, wußte durch ein geistvolles Wort oftmals einem Streite die Spitze abzubrechen, oder einen der eigensinnig für ihre ° unreife Meinung sich erhitzenden Jünglinge der verdienten Lächerlichkeit zu überliefern. Mit heimlichem Groll mußte sie das alles zugeben. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie beide sich vertragen hätten! Wie viel reizvoller wären diese köstlichen Sommertage dann erst geworden! Aber er hatte ja Schuld daran, dieser Barbar! Sie hatte doch nicht an- gesangen! . . . Fast eine Woche war bei diesem gespannten Zustande ins Land gegangen, ohne daß sich die Lage auch nur im geringsten verschoben hätte. . . - Nun war es Sonntag geworden. Die Natur steckte wie in einem Feierkleide, so taufrisch prangten die Wiesen, so weihevoll rauschten die Tannen. Im Hotel „Zur Waldheimat" freilich wußte man heute nicht viel von Sonntagsstille und Festfrieden. Ein Teil des Personals war in das nächste Dorf zum Schützenfeste beurlaubt. Dadurch war die Thätigkeit im Hause doppelt fieberhaft. Unvorhergesehene große Gesellschaften hatten Einkehr gehalten, keine Hand im Hause war müßig, und trotzdem gelang es nicht immer, die Hungrigen und Durstigen alle zn befriedigen. Heinz Döring, abgestoßen von dem Sonntagstrubel, war in den Wald gepilgert, wo er am dichtesten und heimlichsten war, und hatte sich den müßigen, aber ach so süßen Träumereien von der Göttin seines Herzens ergeben, die ihn so beharrlich mit Verachtung strafte. Dabei hatte er sich auch sein ganzes Sündenregister wieder vorgehalten, und machte sich immer von neuem wieder Vorwürfe über sein vorschnelles tölpelhaftes Verurteilen jenes aus der fröhlichen Laune des Zufalls gesungenen Rosenliedes. Wie oft und wie begeistert hatte er selbst es früher gesungen! Was für ein Egoist war er doch gewesen an jenem Nachmittage, daß er es anderen so verargt und vergällt hatte! Und wenn auch das verstimmte Klavier ihn vielleicht besonders gereizt hatte, Gisela Walrats prächtige Stimme hätte ihn sofort dafür entschädigen müssen! Aber man ist eben nachher immer klüger, dachte er seufzend. Es ist wie mit den Ratsherren, wenn sie die Treppe zum Ratskeller hinunterwandeln! Dabei hatte er leise, ohne es zu merken, angefangen, das Roguettesche Lied vor sich hinzusummen. Immer lauter kam es von seinen Lippen, immer feuriger strömten ihm die Worte vom Munde. Er achtete es nicht, daß er langsam wieder in die Nähe des Hotels gelangt war. Schmetternd klang es hinauf, just zu den Fenstern, aus dem sich hälb verwundert, halb entrüstet Fräulein Gisela herausgelehnt hatte: „Noch ist die blühende, goldene Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!" Nun warf er einen Blick hinauf, sehnsüchtig bewegt; er wußte ja, daß sie hier ihr Zimmer hatte. Da klirrten irn gleichen Augenblick heftig die Scheiben und voll Hast und Empörung zog sich das junge Mädchen vom Fenster zurück. Er hatte ihr den Kehrreim offenbar zum Hohne hinaufgesungen der abscheuliche Mensch! O, wie sie ihn haßte! Wie sie ihn haßte! . . . Leider war ihr bei dem heftigen Zuschlägen des Fensterflügels ein Unglück geschehen. Die Medizinflasche ihrer Tante, aus der diese alle zwei Stunden einzunehmen pflegte und dann allemal die deutlichste Linderung ihrer Gallensteinschmerzen zu verspüren behauptete, war heruntergefallen und hatte ihren Inhalt bis auf den letzten Tropfen über den Fußboden ergossen. Was würde das für eine Szene geben, wenn die Tante das merkte! Sie sah nach der Uhr. Es blieb ihr noch eine gute Stunde Zeit, Ersatz zu schaffen. Aber die Apotheke war vier Kilometer weit. Zur rechten Zeit könnte der heilsame Trunk unmöglich an Ort und Stelle sein! Und all dieses Ungemach durch diesen boshaften Menschen! Es war, um Thränen zu vergießen vor Zorn und Jammer! Glücklicherweise dachte sie daran, daß davon die Flasche ersts recht nicht vorschriftsmäßig gefüllt werden könne, und so kramte sie denn eilig das Rezept hervor und stieg hinab in die Küche, um sich vom Wirt einen Boten auszubitten. Aber da kam sie heute bös an. Alle Liebenswürdigkeit nützte nichts. „Wir wissen nicht, wie wir's schaffen sollen, liebstes Fräulein!" ächzte er. „Sechzig Personen zum Abendtisch mehr und nur halbes Personal. Ich kann keinen Menschen entbehren, so leid es mir thut!" „Aber der Kutscher hat doch nichts zu thun! So lassen Sie anspannen. Ich bezahle es!" „Der Kutscher ist soeben nach Tannenhof gefahren. Kommt vor zehn nicht zurück!" „Ader dort steht ein Fahrrad! Ihr Hausbursche kann gewiß radeln!" „Der Hausbursche muß mit bedienen!" „Bis dahin kann er längst zurück sein, Papa Sieveking!" „Nein, nein, es geht nicht. Außerdem gehört das Rad nicht ihm, mein Fräulein!" „Schwindel!" dachte sie und trat hinaus, es zu betrachten. Es war ein sehr elegant gebautes Stahlrößlein, auf dem die Entfernung zu der dummen Apotheke ganz sicher in einer Viertelstunde zurückzulegen war. „Wem gehört es denn?" fragte sie, wieder an das Küchenfenster tretend. Da antwortete ihr im Rücken an des Wirtes Statt eine Stimme: „Privat-Eigentum, mein Fräulein!" Sie fuhr herum und- saß in das verlegen lächelnde Antlitz Heinz Dörings, dem diese etwas boshafte Anspielung eigentlich ganz wider Willen entschlüpft war. „Ah so, Verzeihung!" sagte sie schneidend, reichte das Rezept zur Küche herein und gab dem Wirt Auftrag, es wenigstens noch nach der Abendtafel zur Apotheke zu schicken. Tie Flut der Vorwürfe, die ihr von der Tante ob des Unfalls über sie hereinbrechen würden,, mußte sie nun schon über sich ergehen lassen. Erhobenen Hauptes schritt sie davor«. Heinz biß sich auf die Lippen. Was hatte er wieder angerichtet? „Wie kam denn Fräulein Walrat darauf, sich nach meinem Rade zu erkundigen?" fragte er den Wirt. „Sie wollte gern ein Rezept zur Apotheke besorgt haben und dachte, es gehörte unserem Hausburschen!" „Und wenn ich nun einmal Ihren Hausburschen spielte?" fragte Heinz launig. „Sie wollten doch Ihren Herrn Bruder auf dem Schützenfeste treffen, Herr Baumeister?" fragte der Wirt zurück. „Das allerdings! Aber der kann warten. Schließlich weiß er ja, wo ich bin und kann mich hier auffuchen! Wenn er kommen sollte, sagen Sie ihm nur Bescheid! Und nun her das Rezept!" Lachend reichte ihm der Wirt das schmale Zettelchen. Eine Minute später flog Heinz schon die Straße nach dem Städtchen hinab, wo er die nächste Apotheke wußte. Gisela konnte ihn erblicken, wie er um die zweite Waldecke bog und dachte dabei: „Wenn er ein bischen netter gewesen wäre. . . und ich auch . . . dann — ja dann wäre das ganze Unglück überhaupt nicht geschehen!" 427 Nach einer Weile wurde zur Abendtafel geläutet. Gisela hörte es mit heimlichem Mißbehagen. Stand ihr doch gleich nach dem Schlüsse derselben der unangenehme Augenblick bevor, wo sie der alten, leicht verdrießlichen Erbtante, von deren Wohlwollen das Schicksal ihrer ganzen Familie abhing, gestehen mußte, was mit ihrer Arznei geschehen sei! Sie beschloß, die Tante recht lange bei Tische zu sesseln und sie auch nachher zu bewegen, unten zu bleiben, damit die Frist bis zur Entsendung des Hausburschen möglichst verkürzt werde. Wenn sie nachher sagen konnte, er sei schon unterwegs nach der Apotheke, so wurde der Unwille der alten Quälerin dadurch vielleicht im Keime erstickt. So bot sie denn nach der Abendtafel alle ihre Liebenswürdigkeit auf, die Tante unten zu behalten. Die prächtige Aussicht, das schöne Wetter, die angenehme Gesellschaft, die Bereitwilligkeit, ihr ihr Lieblingslied „Behüt' Dich Gott", das ihr sonst zu süßlich war, zu singen, vermochten im Verein schließlich die Greisin zum Bleiben zu bestimmen. (Schluß folgt.) Geschickte Viehzucht. Humoreske von A. D o u r l i a c. (Nachdruck verboten.) Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von A. Heim. „Ja, lieber Vater, die große Medaille und 10 000 Fr. für ein paar einfache Ochsen! 'Du hattest Recht, die Viehzucht hat etwas für sich! Der erste Schritt zum Reichtum ist gemacht, und sowie die Ausstellung geschlossen, und ich meine „Tiere" dem Käufer übergeben habe, komme ich für einige Wochen in die Heimat, um Dir von meinen Mühen, meinen Erfolgen zu erzählen, und Dich um Verzeihung zu bitten." „Meine Verzeihung!" rief der Vater Brunoh, und schnäuzte sich vor lauter Rührung kräftig in das grobe buntgewürfelte Taschentuch, „die hat er zehnmal verdient, da er auf sein nichtsnutziges Handwerk verzichtet hat! 10 000 Francs! Mit seinen Schmierereien würde er die nicht verdient haben, tote, Herr Pastor? Hatt' ich nicht recht, nicht auf Ihren Rat zu hören, und dem Jungen seinen Willen durchgehen zu lassen? Wenn ich damals nicht ganz energisch meinen Willen als Vater durchgesetzt hätte, könnte der Junge jetzt Hungerpfoten saugen, statt zwei Ochsen auf der Ausstellung prämiiert zu haben. Steht's nicht so in der Zeitung?" „Jawohl", antwortete der Pfarrer mit schlauem Lächeln, „steht hier: „Große Medaille: Roger Brunoh. Ein Paar Ochsen, Nr. 650." ,Na, wissen Sie, für mich ist das blos schwarz auf weiß . . . macht mir aber doch Vergnügen, daß mein Name dasteht!" sagte der alte Bauer, und sah voller Achtung auf die Druckschrift . . . „Meiner Treu, thut mir doch leid, daß ich /licht lesen kann . . ." „Ja, es ist auch schade; denn Ihr Junge wird sehr gelobt; die Leute vergleichen ihn mit Rosa Bonheur! . . ." „. . . - Rosa Bonheur!" murmelte der Bauer, als er nach Hause ging, „wird wohl irgend eine Gutsbesitzersfrau sein, die sich mit Viehzucht abgiebt."--- Von Kindheit hatte Roger Brunoh Neigung zum „Farbenklecksen", wie sein Vater es nannte, gezeigt. . . - und dabei ein Talent verraten, wie es vielleicht unter hundert Fällen einmal vorkommt. Die Hausmauern, seine Schulhefte, alles war ihm für seine Malereien recht, und der Lehrer und der Pfarrer, denen das Talent des Knaben nicht entgangen, rieten dem Bauern, seinen Sohn auf die Kuustakademie zu schicken . . . . Der schickte ihn auch auf eine Akademie, aber nicht auf die der schönen Künste, sondern auf die landwirtschaftliche Hochschule, damit er seine Flausen vergesse. Leider aber konnte Roger diesem Fach gar keinen Geschmack abgewinnen, und selbst die gelehrtesten Vorträge über Rübenbau und Viehzucht ließen ihn kalt, dagegen aber interessierte ihn der Bau der Pflanzen und die Gliederkunde der Tiere angelegentlichst. Als er die Schule dnrchgeinacht hatte, konnte er sich denn auch nicht entschließen, in die Heimat zurückzukehren und trotz der Bitten und Drohungen des Vaters teilte er ihm als festen Entschluß: mit, Maler werden zu wollen. Der Alte nahm das sehr übel, schickte kein Geld mehr, und die Freunde beschied er mit den Worten: „Ist ein schlechter Mensch, der auf Abwege geraten ist!" Ganz im geheimen that es ihm vielleicht manchmal leid, so unerbittlich gewesen zu sein, und nicht anders gehandelt zu haben, und oft tauchte der Gedanke auf, daß „der Kleine" vielleicht mal hungrig zu Bett gehen möge. Aber er blieb eigensinnig, und sagte sich: >,Es geschieht zu seinem besten . . ." Und jetzt beglückwünschte er sich, so und nicht anders gehandelt zu haben; denn nun war Roger doch vernünftig geworden! Ja, wahr und wahrhaftig, seine Heimkehr sollte ordentlich gefeiert werden! Wie ein verlorener Sohn, der ins Vaterhaus zurückkehrt! Und schließlich, warum sollte der Vater denn so lange warten? Vater bleibt doch Vater . . . Er konnte sich ja gleich bei der Gelegenheit die beiden Ochsen ansehen, auf die war er sehr neugierig. 10 000 Francs, das lohnte schon die Reise! . . . Und eines Morgens sah der Portier des Hauses in der „Rue des Martyrs", wo Roger wohnte, einen alten Bauern in blauem Leinenkittel mit schwieligen Händen unschlüssig in der Hausthür stehen. „Habt Ihr hier einen Viehzüchter in Eurem Haus, Männchen?" fragte Vater Brunoh. „Einen Viehzüchter", antwortete der Zerberus des Hauses, und riß die Augen weit auf. . . „was?" „Na, einen, der Vieh züchtet, zum Kuckuck! So Kälber, Hammel. . . Ochsen . . ." „Wo sollte er die denn hinthun, wenn's nicht zweibeinige sind? . . . doch wohl nicht auf meine Treppe . . . denke ich mir . . ." „Ns, das frage ich mich auch: schon", brummte der Wte und kraute sich den Kopf. . . „seht Euch doch: mal hier den Zettel an, ist das nicht Eure Hausnummer?" ' „Herr Roger Brunoh ... Ah! Zu Herrn Brunoh wollen Sie. Na, Männchen, das konnten Sie doch auch: gleich« sagen. Ganz oben, die Thür links." Und während der Vater pustend die 119 Stufen hinaufstieg, die ihn zum Atelier des Sohnes führen sollten, machte der Portier seine Logenthür zu, und meinte für sich: „Was faselt denn der von Viehzucht?" Als es an die Thür klopfte, rief Roger, der vor seiner Staffelei saß, ruhig „herein!" Beim Anblick seines Vaters schrie er aber überrascht auf, sprang fröhlich in die Höhe, und bewegter als er es wahr haben wollte, schloß er den Alten in seine Arme. Nach den ersten Begrüßungen sah der alte Bauer sich mißtrauisch um. Ueberall Paletten, Pinsel, Studien und Skizzen. „Malst Du denn immer noch?" „Ja, wenn ich mal Zeit habe. . . willst Du meine Entwürfe sehen?" „Ach, was liegt mir denn an den Klecksereien! Die Hauptsache sind Deine Ochsen! Sie sind doch wohl nicht etwa krank?" „Nein, oh nein, da kannst Du ganz ruhig sein", antwortete Roger lachend. „Kann ich sie nicht mal sehen?" fragte der Bauer immer noch mit leisem Mißtrauen. „Aber selbstverständlich! Ich wollte es Dir gerade Vorschlägen." Eine Stunde später trat Vater Brunoh am Arme des Sohnes über die Schwelle des „Palais de l'Jndustrie". „Hier riecht es kräftig nach Stall! sagte der Alte und holte tief Atem — die Pferdeausstellung war gerade gewesen —. Als Vater Brunoh aber nur Bilder und wieder Bilder bemerkte, da zog sich sein Gesicht in verächtliche Falten. „Ist 'ne komische Idee, hier die Malereien aufzuhängen !" Als sic in die große Rotunde kamen, führte Roger den Vater vor ein Bild, in dessen Rahmen in mächtigen Lettern stand: „Große goldene Medaille." „Verzeih' mir meine Heimlichkeit, Vater", sägte er: 428 „ich kann nur Ochsen züchten, wie die da vor Dir; aber ich hab's so gut wie irgend möglich gemacht." Erst war Vater Brunoy sprachlos vor Empörung, und Zorn, so hintergangen worden zu sein, als er aber die vertraute Landschaft sah, als er die ihm vertrauten Tiere, diese Wiederkäuer am Pflug sah, die Natur so getreulich wiedergegeben erblickte, da wurde sein Landmaunsherz weich und weit. „Ja, so sind sie! So sind sie wirklich!" rief er, und schlug sich auf's Knie. „Und das ist 10 000 Francs wert?" „Ja, Vater, ich habe einen Käufer, der das zahlen will." Mit einem Schlag war da der ganze Zorn des Alten vorbei, und mit dem breiten Lachen des pfiffigen Bauern sagte er: „Meiner Treu! Du bist schlau; denn Tu verkaufst die toten teurer, als ich die lebenden." Gemeinnütziges. Das beste Heilmittel für Lungenkranke ist frische, reine Luft, weil sie die natürlichen Heilungsbestrebungen des erkrankten Organs anzuregen im stände ist. Es ist durchaus nicht notwendig, daß der Kranke, um sich dieses Vorteiles zu sichern, und ihn zu genießen, ins Gebirge oder an die See geht, obwohl diese Orte ganz sicher empfehlenswert sind für denjenigen, der es sich leisten kann; auch an solchen Orten, wo große gewerbliche Betriebe und eine dichte Bevölkerung fehlen, ist eine Luftkur möglich. Ganz besonders eignen sich hierzu sonnige Waldgegenden, bergige Gegenden. Der Kranke soll sich Tag und Nacht im Freien aufhalten. Das Schlafen in offenen Hütten, die auf der einen Seite wandlos, und nur bei ungünstigem Wetter durch Segeltuch abgeschlossen werden, ist sehr zu empfehlen, und von ’ den meisten Heilanstalten auch eingeführt. Auch das Schlafen bei offenem Fenster gehört hierher, besonders für jene, die nicht in der Lage sind, sich einen Sommeraufenthalt zu gestatten. Der Lungenkranke sollte ferner durch eine vernünftig betriebene Atemgymnastik die Vorteile ausnützen, welche der Genuß reiner frischer Luft dem Körper bietet. Dazu gehört allerdings eine genaue Kenntnis derselben, die nicht kurzer Hand, sondern erst durch Studium und Versuche, möglicherweise auch erst unter Anleitung eines erfahrenen Arztes gelernt werden kann. Die Kunst, richtig zu atmen, ist den wenigsten Männern, und den Frauen fast niemals eigen und bekannt, obwohl sie wichtiger ist, als das Essen; denn hungern können wir längere Zeit, und leben auch bei schlechter Ernährung, aber ohne zu atmen, ist das Leben nicht eine Viertelstunde möglich. Und doch gießt es Menschen, und dazu gehört leider der (größte Teil, die durch unvernünftige Kleidung, Korsetts, enganliegende Gürtel, Kleider usw. aus Unverstand eine der wichtigsten Verrichtungen des Körpers hemmen, die volle und tiefe Atmung, welche unsere Lunge und damit das Blut mit Sauerstoff versehen soll, nur halb ausführen. Das beste Heilmittel für Lungenkranke, Brustschwache, zu Brusterkrankungen, Katarrhen und dergleichen Veranlagte, ist vor allen Dingen frische, reine Luft in hinreichender Menge durch Nasenatmung aufgenommen. Das sollten sich wohl alle merken, die sie nicht zu schätzen wissen, weil sie nichts kostet, sondern unentgeltlich aus dem großen Heilschatze der Natur zu entnehmen ist. S. Die schädigenden Wirkungen des Alkohols erfahren besonders Nervenkranke am eigenen Körper sehr schnell, auch bei dem Genüsse sehr geringer Mengen. Es stellt sich Schwere in den Gliedern, llnlust zu körperlicher Arbeit, Abspannung, schwerer Kopf, Müdigkeit und Schwäche ein, nicht alsbald, oft erst vielfach! am andern Tage. Die Klage bei derartig Heimgesuchten lautet dahin, daß man gar nichts mehr vertragen könne, und deshalb auf jeden Genuß verzichten müsse. Der Alkohol ist entschieden ein Gift, und sonderlich.für den Nervenkranken auch in den kleinsten Mengen; denn das alkoholische Getränk wird (und mit ihm der Alkohol) nicht unverändert aus dem Körper ausgeschieden, sondern der Alkohol zersetzt sich in Kohlensäure und Wasser unter Zuhilfenahme des im Blute vorhandenen Sauerstoffs. Es verzehren 46 Gewichtsteile Alkohol 96 Teile Sauerstoff, und als Spaltungsprodukt entstehen daraus 88 Gewichtsteile kohlensaures Gas, ein für den menschlichen Körper sehr giftiges Gas. Nicht allein, daß den Nervenspitzen die zur Oxydation nötige Sauerstofsmenge entzogen wird, sondern es wird ihnen die nervenlähmende Kohlensäure aufgedrängt, die selbstverständlich eine schädigende Wirkung ausüben muß. Aber mehr noch als dieses. Das Wasser, welches ja bekanntlich den Hauptbestandteil der geistigen Getränke bildet, geht nicht als solches, sondern als Salzlösung aus dem Körper, es nimmt eiweißbildende Mineralstpffe mit. Die Folge davon sehen wir. bei starken Trinkern, es entsteht eine fettige Entartung der Gewebe. Das aufgedunsene Aussehen beweist diese Thatsache am besten. Nervenkranke sollten deshalb alkoholische Getränke möglichst meiden oder durch fleißige Bewegung und Tiefatmung in frischer Luft die schädigende Nachwirkung auszugleichen suchen. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Aeld und Karten. Die Vertilgung von Schildläusen und Schnecken. Wir haben Heuer von Ungeziefer aller Art im Garten stark zu leiden. Die Plage mit den Schildläusen und Schnecken geht aber erst los. Die Schildläuse, jene schild- und kommaartigen Tiere, welche wie dicke Knoten an den Weinreben, an den Zweigen der Rosen und des Apfelbaumes re. sitzen und sie aussaugen, sie erwachsen im Juni und Juli zu voller Größe, und wenn sie sitzen bleiben, dann kommt aus ihren Eiern im nächsten Jahr ein Heer dieser Tiere, das kaum zu bewältigen ist. Es ist deshalb notwendig, an ihre Vernichtung jetzt zu denken. Auch den Schnecken muß man jetzt nachstellen, wenn sie sich nicht allmählich! zu einer kaum ausrottbaren Plage des Gartens heranbilden sollen. In Nr. 15 des „Erfurter Führer int Gartenbau" ist die Vernichtung beider Feinde beschrieben, gleichzeitig sind die Schildläuse, welche nicht jeder kennt, in ihren verschiedenen Formen abgebildet.. Da unseren Abonnenten diese Nummer kostenfrei zur Verfügung steht, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt wenden, können wir wohl darauf verweisen. Preisrätse I.*) Rösselsprung. (Nachdruck verboten.) hauch le neu steht weht beud zen NUN bor fühl der stil schwer be fühl' a mil zum daß zen nen daß ein lie es 9= lass Abendstille ruht in es den am her ziel ein dir bei bet tag ge die leis gen NUN got UNd dem wil her ge wenn got tröst le tes Welt stellt tes zen bor *) Lösungen find mit Aufschrift: „Preisrätsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gießener Familienblätter" einzuscnden. Auflösung des Scherzrätscls in voriger Nummer: Ader, Adler. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.