lüWW ÜFM sMW e i9oi I w> IMr. KD KM U-Ä ein Müssen und dein Mögen, FMr Die steh'n sich oft entgegen; <8*® Du thust am besten, wenn du thust, Nicht was du magst, nein, was du mußt. ________________________________________F. W. Weber. (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) Jetzt, wo er nichts mehr zu thun hatte, wo er Nachdenken konnte und das Schiff dort wie ein dunkles Gemälde vor sich liegen sah, da wurde er sich der ganzen Bedeutung unseres Unglücks bewußt. Seine Manneskraft erlahmte; er stützte die Ellbogen auf die Knie und das' Haupt in die Hände. Dann holte er schwer Atem. Es klang wie heftiges Schluchzen. Sein Kummer beraubte auch mich der Fassung. Ich schlang meine Arme um seinen Hals, unfähig zu sprechen. Ich wußte ja, er würde auch so verstehen, was ich meinte. Schweigend saßen wir so einige Minuten. Ich fühlte, wie sein starker Körper zitterte und bebte, um seines bitteren Schmerzes und Kummers Herr zu werden. Dann machte er sich sanft von mir los, indem er meine Hand küßte. „Ach, Jeß", sagte er, „mein teures Weib! Wohin habe ich Dich gebracht?" „An den einzigen Ort in der Welt, wo ich jetzt zu sein wünsche, Richard", antwortete ich. „Ich habe keine Furcht, Liebster." Ich sprach^ die Wahrheit — solange er bei mir war, hatte ich keine Furcht. „Tagelang habe ich schon eine Ahnung gehabt, daß irgend so etwas geschehen würde", fuhr er fort. „Aber wie ist es zugegangen? Haben die Leute das Schiff in Brand gesteckt oder haben die Kohlen sich entzündet? In jedem Falle bleibt les eine' Niederträchtigkeit, uns zurückzulassen, um im Rauche zu ersticken, was sie doch offenbar gehofft haben! Und wie leise die Schurken gearbeitet haben! Ich, habe keinen Laut gehört. Sie befreiten den Steuermann, braßten die Großraaen, setzten das große Boot aus — und alles das so ohne jedes Geräusch, daß wir auch nicht einen Ton zu hören bekamen. Wie lange mögen sie wohl schon fort sein?" Hier erhob er sich und spähte ringsumher in dem dunkeln Kreise des Ozeans. Er setzte sich wieder und fuhr fort: „Ich kann nicht glauben, daß sie das Schiff in Brand gesteckt haben. Und doch überließen sie uns unserem Schicksal — sie wollten unser Verderben. O, diese Bandjten, diese Banditen!" Ein plötzlicher Wutanfall schien ihn zu übermannen. Wie ein Trunkener schwankte er auf der Ducht hin und her. Ich ergriff seine Hand und drückte sie, um ihU zu beruhigen. Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Wenn sie an Bord geblieben wären, hätten wir vielleicht das Feuer überwältigt. Aber sie hatten eben andere Pläne. Lieber vertrauen sie sich einem offenen Boote an und setzen sich den größten Gefahren aus, als mir zu ermöglichen, das Schiff zu retten. Das ist ihre Art, sich zu rächen. Herrgott im Himmel! Was habe ich den Leuten zuleide gethan, um das zu verdienen? War es! Herons Plan? Hat er etwa das Schiff in Brand gesteckt? Aber wie? Du hast keine Flammen in der Kajüte gesehen?" „Nein", antwortete ich. „Das Feuer ist also in den Kohlen ausgebrochen. Vorne haben sie den Brandgeruch zuerst gespürt; dann haben sie mit dem Zimmermann die Sache abgekartet, Heron befreit und uns unserem Schicksal überlassen. So muß es gewesen sein." Da ich zur Unterhaltung nicht aufgelegt wär, verstummte auch mein Mann. Er hatte meine Hand erfaßt und starrte schweigend ohne jegliche Bewegung auf sein Schiff. Es war gegen drei Uhr morgens, also noch geraume Zeit vor Tagesanbruch. Eine sanfte Brise kräuselte das Wasser, in dem die Spiegelbilder der größeren Sterne zitterten. Die Dunkelheit war noch immer so tief, daß wir das Boot, in dem die Leute uns verlassen hatten, nicht gesehen haben würden, wenn es auch nicht weiter als zwei Seemeilen entfernt gewesen wäre. Da wir uns zu Luward von der Bark befanden, Wehte die Brise uns darauf zu, und mein Mann mußte baS1 Boot von Zeit zu Zeit auf seinen Platz zurückwricken, um für den Fall einer Explosion nicht zu nahe an das! Schiff heranzukommen. Es verging eine ziemlich lange Zeit, seitdem wir jenen ersten Flammenstrahl beobachtet hatten, ohne daß sich wieder eine Spur von Feuer zeigte. Nur der Rauch wurde immer dicker und stieg in dichten Wolken über der ganzen Länge des Schiffes empor, als ob dort der Krater eines unterseeischen Vulkans wäre. Nach einer halben Stunde ungefähr schoß plötzlich mittschiffs eine lange, rote Flamme aus der Großluke oder in deren Nähe empor. Der schwarze Rauch bekam eine dunkle Orangefarbe und die Bark mit ihren rot bestrahlten Segeln, Masten und Wanten sah aus wie ein Gemälde, das ein in flüssiges Feuer getauchter Pinsel aus den dunkeln Hintergrund der Nacht gemalt hatte. Die Flamme verschwand' und es wurde wieder dunkel, als ob die Rauchmassen das Feuer erstickt hätten. Gleich darauf erscholl ein dumpfer Knall, vermischt mit einem knatternden Getöse. Von der Back aus schoß ein ungeheurer Funkenschwarm empor und erfüllte die Luft mit feurigen Streifen, die sich langsam in den Rauchwolken verloren. Dann schlug 118 eine weiße Feuerwaffe in die Höhe wie eine von einer aufprallenden Kanonenkugel aufgeworfene Wassersäule, und int Augenblick stand das ganze Segelwerk in Flammen. Fast unmittelbar darauf erfolgte eine zweite ohrenerschütternde Explosion, dieswal achtern. Das Deck zerbarst, als wäre es mit Schießpulver gesprengt, und schwere Planken, Stücke der Kajütskapp und des Oberlichtes wurden durch den Rauch hindurch! bis weit in die darüber lagernde klare Luft geschleudert. Wie Raketen wurden Jte emporgetragen auf den über unfern Häuptern wie ein Sturmwind brausenden Flammenflügeln, bis sie unmittelbar neben dem Schiffe wieder herabfielen. . Durch das Bersten des Decks hatte die Feuermasse mt Raume jetzt freien Ausweg gefunden., Ueberall schossen die Flammen empor, fast überall in derselben Höhe bis ungefähr zur halben Höhe des Großmastes. Einzelne Flammenzungen leckten bis zu den Bramsalingen empor und verdrängten den Rauch, bis alles von oben bis unten nur noch- klares Feuer war. In der furchtbaren Lohe leuchtete die See in meilenweitent Umkreise wie eine brennende Schwefel- masse und vervollständigte das schreckliche Bild. Ebensowert bedeckte tagesähnliche Helligkeit den Himmel. . Jetzt war auch nicht ein Teil des Schiffes mehr übrig, der nicht vom Feuer erfaßt gewesen wäre. Einige der Settenplanken waren bereits herausgebrannt. Ich konnte dte rote, glühende Masse im Raum sehen. Zuletzt sah der ganze Rumps aus wie ein schwimmender Käfig von glühendem Eisendraht. Alle Augenblicke fiel ein schweres Stück Holz von einer Stenge oder Raa in die geschmolzene Masse hinab. Dann blitzte ein großer Flammenkörper empor und dte auf der Oberfläche liegenden, glühenden Kohlen flössen gletch, Lavaströmen aus den Oeffnungen in der Seite des Schiffes. „Richard", rief ich nach einer langen Pause, „brtcht dort nicht schon der Tag an?" ... „Ja, Gott sei Dank! Die aufgehende Sonne brtngt uns vielleicht Hilfe. Welch entsetzliches Feuer! Unsere arme Bark! Möge der Himmel sich unser erbarmen." Die Dämmerung schwand schnell; es wurde heller. Der dunkle Ozean bedeckte sich mit einem blassen Grau, und ein schwacher Rosa-Schimmer erglänzte am östlichen Himmel. So schnell die Nacht in diesen Breiten hereinbricht, ebenso schnell wird es auch Tag. Der frohe Morgeu stteg aus der See 'empor. Das sanfte, schöne Rosenrot zog sich über den wolkenlosen Himmel bis zum Zenith empor und wurde immer feuriger. Der Oberrand der Sonne tauchte aus dem Wasser und warf einen silberfunkelnden Blitz über das Meer. Als die Hälfte des Tagesgestirns sichtbar geworden, da brach dte Bark entzwei, mitten auseinander. Das furchtbare Btld verschwand unter wütendem Zischen; nur geschwärzte Trümmer blieben zurück. Eine riesige weiße Dampfwolke stteg langsam empor. Sie wurde von der leichten Brise entführt und folgte dem Rauche, der noch immer im Norden wie eine Gewckter- w'olke über der See schwebte. Einundzwanzigstes Kapitel. I m o f f e n e n B o v t. Richard saß wie betäubt da, und starrte auf das Wasser, wo die verkohlten Ueberreste unseres Seehauses trieben. Dann drehte er sich langsam um, und sah mich an. Er schien erst durch den Blick auf mein blasses, verstörtes Gesicht wieder zu sich selbst zu kommen, schüttelte sich, rieb sich die Augen, und erhob sich. Dann spähte er lange und aufmerksam ringsumher. , „Es ist nichts zu sehen, Richard", sagte tch schaudernd. So oft ich über das Dollbord des Bootes bückte, erschreckte mich die Nähe der Wasserfläche. In der That, es genügt keine Einbildungskraft, um sich die Versetzung von dem Deck eines Schiffes, selbst eines so kleinen wie dte „Aurora ,- in das Innere eines kleinen Bootes vorzustellen, wo das Wasser nur ein paar Zoll von der Hand entfernt tst, und sich von dort aüs nach allen Seiten hin wölbt, unendltch wie der Himmel. . .. „ Mein Mann sprach die Absicht aus, auf dte Kap Verdeschen Inseln zu steuern, deren Entfernung er auf ungefähr vierhundertundfünfzig Seemeilen schätzte. „Ach, Richard", rief ich nach einer flüchtigen Berechnung, „selbst wenn wir regelmäßig in der Stunde fünf Meilen segeln könnten, würden wir vier Tage brauchen, um vierhundertundfünfzig Meilen zurückzulegen." „Und was ist denn dabei so Besonderes?" rief er in anscheinend sorglosem Tone. „Denke doch 'mal an den alten Bligh, der nach der Meuterei auf der „Bounty" eine Reise von einigen tausend Meilen in einem kleinen Boot voller Leute machte, und sicherer damit fuhr, als aus seinem Schiffe. Aber wir brauchen ja auch gar Nicht anzunehmen, daß wir zwischen hier und den Kap Verdeschen Inseln keine Schiffe antreffen werden. Vor Sounenunter- gang, mein Schatz, können wir schon sicher und geborgen auf irgend einem großen Tausendtonner sein, unsere Abenteuer erzählen, und Gott für unsere Rettung danken/ Damit sprang er auf, ergriff den kurzen, auf den Duchten festgezurrten Mast, schor das Fall etnes kleinen Luvsegels ein, und setzte den Mast ein. Nachdem er das Segel gesetzt hatte, kam er mit der Schoot nach achtern, befestigte das Joch am Ruder und brachte das Boot herum, o daß wir die Sonne achteraus etwas an Steuerbord bekamen. Die leichte Brise wehte nun recht von achtern und schien in der That aus der Sonne selber herauszukommen. Es war etwas Feuriges, sandartig Trockenes in diesem Winde, der uns förmlich dörrte. Jedermann, der schon einmal die dem Aequator zunächst liegenden Breitegrade von Afrika kennen gelernt hat, würde aus diesem Winde sofort erkannt haben, daß jener schmorende, barbarische Erdteil nicht weit ab sein konnte. Die See war außerordentlich glatt, nur eben von der Brise gekräuselt, und nur ab und zic zeigte sich eine kleine Schaumflocke. Augenschetn- lich war uns ein zweiter wolkenloser Tag bestimmt. „In diesem Boot brauchst Du Dich nicht zu furchten', sagte Richard. „Das kann nötigenfalls auch einen Sturm vertragen." . , „Was ist in jenem Bündel?" fragte tch, und zeigte auf einen kleinen weißen Segeltuchsack, der vorne im Boot lag. „Zwieback", antwortete er. „Wenn ich nur in der Kajüte noch etwas länger hätte atmen können, würden wir noch etwas mehr zum Lebeu haben als trockenes Schifss- brot. Es hatte aber keinen Zweck, es noch 'mal zu ver- suchen. Als ich nach! dem Steuermann sah, und wieder hinaufkam, war ich schon fast erstickt. Ich glaube, mem Kopf wäre auseinandergeplatzt, wenn das Blut nicht geflossen wäre. Was für eine scheußliche Lust!" Als die Sonne höher emporstieg, wurde die Hitze furchtbar drückend, obgleich, vormittags wenigstens, das Segel seinen Schatten über das Vorderteil des Boote» warf. Wir setzten uns beide dorthin. Richard knüpfte einige Enden Bändselgut an die Jochleinen, und verlängerte sie so, daß er gut vorne sitzen, und zugleich steuern konnte. Unsere Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um die Bark, und die Leute, und um das letzte unglückliche Ereignis unserer Reise. ' „Dein guter Ruf als Schiffskapitän kann aber doch dariinter nicht leiden, Richard, wenn Gott unser Leben erhält, und wir wieder nach Hause kommen sollten." „Das ist schwer zu sagen, Jeß. Ich werde dw Geschichte erzählen müssen, uiid es ist erne höchst feltsam klingende Geschichte. Dein Zeugnis wird als beeinflußt gelten. Andere Zeugen habe ich nicht, daß Steuerleute und Mannschaft zusammen mir entgegen gearbeitet haben, obgleich ich, soviel ich weiß, ihnen keinen Grund dazu gegeben habe." , , „Aber beunruhige Dich darüber nicht, Jeß , fuhr Richard fort. „Die Hauptsache ist jetzt, unser Leben zu retten. Wir wollen hoffen, daß dieses schöne Wetter anhält. Vorläufig haben wir eine ganz nette Heine Brise, die uns bis Sonnuntergang wohl einige Dutzend Mecken vorwärts bringen wird, wenn sie stehen bleibt." Er sah mich lächelnd an, und streichelte meine Hand. Das konnte mich aber alles nicht über seinen wahren Gemütszustand täuschen. Der Verlust seines Schiffes, und nun die Gefahren und Mühsale, denen ich ausgesetzt war, das war zu viel für ihn gewesen. Kein Lächeln konnte ^deu herzbewegenden Ausdruck in seinen Augen verdecken. Sem Gesicht hatte die alte gesunde Farbe vor Kummer verloren. Er sah grau aus, und ließ ihn um zehn Jahre alter erscheinen, als er gestern gewesen war. Auch ich say blaß und verstört aus; ich wußte, es müsse so sein nact) all diesen Schrecken und Aengsten. . Noch vor wenigen Stunden hatte ich an Deck der Barr gestanden. Alles war ruhig und sicher gewesen, die See 119 glatt tote ein Spiegel, der Himmel wolkenlos, und mit unzähligen Sternen besät. Nicht die leiseste Ahnung hatte ich gehabt von den Gefahren und Schrecknissen, die da kommen sollten. Jetzt saßen wir hier, zwei einsame Gestalten in einem kleinen Boot, ein bloßer Punkt, nur für das Auge Gottes sichtbar. Allerdings waren wir noch nicht unmittelbar von den Qualen des Durst- oder Hungertodes bedroht, aber wir hatten kaum mehr Hoffnung auf Rettung, als die natürliche Liebe zum Leben im Menschen auch in den verzweifeltsten Fällen' erregt. Ich dachte an meinen Vater, unser altes Haus in Newcastle und an die Träume meiner Kindheit. Da blickte ich auf meinen Mann, der sein blasses, sorgenvolles Antlitz uiedergebeugt hatte; ich dachte an seine Liebe und an unser totes Kind, und zärtlich schlang ich meine Arme um seinen Hals, rind rief schluchzend: „Ach, Richard, Gott sei Dank, daß ich bei Dir bin!" als ob er meine vorhergehenden Gedanken kennen müßte. Ich glaube, er kannte sie auch. Ohne ein Wort zu sprechen, legte er seinen Arm um meinen Leib und hielt mich so, bis idy aufgehört hatte, zu weinen. Dann küßte er mich zärtlich und sagte: „Jeß, Du bist eines Seemannes Weib, und hast auch die Gesinnung eines Seemannes. Dieser alte Ozean, den Du von Jugend auf geliebt hast, wird Dein Vertrauen auf ihn rechtfertigen. Wir werden den Vater wieder sehen, mein Lieb. Wir werden wieder mit ihm am Kaminfeuer sitzen, und unsere Abenteuer erzählen. Denke daran, mein Frauchen, daß Gottes Auge über uns wacht, solange wir noch leben und glauben." „Ja", sagte ich. „Gott wacht über uns. Wir sind einander erhalten geblieben. Meine Thränen haben mich erleichtert. Du wirst sehen, Richard, daß ich von jetzt an den Mut nicht wieder sinken lassen werde." (Fortsetzung folgt.) Sittenbilder aus China. (Nachdruck verboten.) IV. Familienleben. „Seid fruchtbar und mehret Euch" ist gewiß dasjenige Gebots der Bibel, welches am willigsten und jedenfalls auch am erfolgreichsten befolgt ist. Indessen die Chinesen, deren vornehmlichster Zweck des irdischen Daseins der ist, möglichst viele Kinder oder doch Söhne in die Welt zu setzen, die ihnen ihr Los im Jenseits durchs Opferbringung und Verehrung angenehmer gestalten, mehren sich in" noch viel fruchtbarerer Weise. Sie heiraten gewöhnlich schon, die Männer von siebzehn bis zwanzig, die Mädchen von fünfzehn bis achtzehn Jahren, oftmals auch jünger; und da können wir uns dann kaum wundern, wenn vollends bei der zähen Lebenskraft der Chinesen, das ganze'große Land sehr stark bevölkert ist. Die einzelnen Behausungen erscheinen aber durchweg geradezu übervölkert. Denn die Söhne bleiben auch nach ihrer Verheiratung samt Frau und Kindern vielfach im väterlichen Heim, das oftmals drei bis vier Generationen — manche davon in doppelter und dreifacher Auflage — aufzuweisen hat. Daß da nicht immer alles in Frieden und Eintracht zugeht, läßt sich denken. Indessen ein jeder kennt seinen Platz und weiß, daß er allen älteren Mitgliedern der Familie Ehrerbietung und unbedingten Gehorsam schuldig ist, der Sohn dem Vater, der jüngere Bruder dem älteren. Das Haupt des Hauses ist daher immer der älteste Mann, häufig der Großvater. Er ist Herr über alles Besitztum der Familie gleichviel wer es erworben, wie er thatsächlich selbst Macht über Leben und Tod seiner Angehörigen hat. Jedenfalls würde ein Vater, der seinen Sohu tötet, mit sehr geringfügiger Strafe davonkommen, während Elternmord unter allen Umstünden, selbst bei Geistesschwachen, als warnendes Beispiel mit qualvollster Hinrichtung bestraft werd. Tas Alter gilt alles in China, die Jugend nichts. Im Alter und auch in Bezug auf Ahnenverehrung zählen selbst die Frauen mit, die sonst so geringschätzig m China behandelt werden. Noch heute bleibt Kind-er- m o r d dem fast ausschließlich Mädchen zum Opfer fallen wennschon gesetzlich verboten, in vielen Gegenden völlig ungeahndet. Und wie häufig diese Art Mord noch vorkommt, mag aus dem Umstande erhellen, daß an manchen Gewässern eine Warnungstafel errichtet ist, mit der Aufschrift Hier dürfen keine Mädchen ertränkt werden", während manche Eltern, die in der Stunde der Not ihre Töchter in die Sklaverei verkaufen, gar kein Hehl daraus machen. Ein Mann würde sich schämen, mit feiner Frau zusammen auf offener Straße gesehen zu werden, während er seiner Mutter jederzeit seinen Arm zur Stütze bieten wird. *) Cousiicius sagt: „Eine Frau kann über nichts selbst entscheiden und ist den Regeln dreier verschiedener Arten des Gehorsams unterworfen. Wenn jung, muß sie ihrem Vater oder älteren Bruder gehorchen, wenn verheiratet, ihrem Gatten, und wenn dieser tot'ist, ihrem Sohne. Sie darf nicht daran denken, als Witwe sich wieder zu verheiraten. Ihre Thätigkeit ist auf die Herrichtung von Speise beschränkt. Und über die Schwelle ihrer Gemächer hinaus sollte sie überhaupt nicht bekannt sein, weder in gutem noch in bösem Sinne." „Der alte verknöcherte Philosoph", sagte mir einmal eine allerliebste Amerikanerin, „hat uns viele weise Und erhabene Lehren hinterlassen, aber in Bezug aus feine Geringschätzung der Frauen kann ich ihn doch nur den eingefleischtesten, selbstsüchtigsten „Biertischlern" des deutschen Reiches an die Seite stellen!" — Indessen, die Wiederverheiratung von Witwen ist unter den ärmeren Klassen doch nichts Ungewöhnliches, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie fo viel billiger zu Gattinnen zu ^erhalten sind. Denn die allgemein üblichen Geschenke für die Braut wie für deren Eltern bilden für den angehenden Ehemann gewöhnlich eine erhebliche Ausgabe. Auch haben jedenfalls die älteren Frauen im allgemeinen viel mehr mitzureden, als es nach den Vorschriften des Com fucius zu erwarten wäre. Denn tote Amerikanerinnen, die doch auch vor dem Altar das Gelübde ablegen, den Gatten to honour and obey (wertzuhalten und ihm zu gehorchen), so ostdieHerr- schasi über ihn bekommen, wie das selbst in den „ärgsten deutschen Bier- tischlerkreisen" vorkommt — wenn es auch, keine Amerikanerin glauben will — so bleibt auch bei Chinesinnen das stete Gehorchen oftmals nur eine leere Form. Wie könnte es auch anders fein. Auch Chinesinnen sind doch Frauen. Und Hosen tragen sie sogar alle von frühester .Kindheit au. Das schützt sie nur in den Jugendjahren nicht vor der härtesten Zurücksetzung. Ihre Kindheit wird ihnen verleidet, nicht nur durch dik strenge Zurückhaltung, die ihnen auferlegt wird, sondern vor allem auch durch die jahrelange Qual der Verkrüppelung ihrer Füße. Werden sie dann verheiratet, wobei weder sie noch ihre Gatten mitsprechen können — das ist lediglich Sache der Eltern und professionellen Kirppler — so beginnt erst recht die Zeit der Trübsal. Ihre vornehmlichste Aufgabe ist bann, die Schwiegermutter in Ehren zu halten und ihr zu dienen; und gewöhnlich werden die Schwiegertöchter als die recht eigentlichen Aschenbrödel des Hauses betrachtet, denen alle harte Arbeit ansgebürdet wird. Selbst au ihrem Gatten finden sie selten irgend welche Stütze nnd Trost. Denn der Gattin beistehen und darüber wohl gar die eigene Mutter vernachlässigen, wäre ja eine unerhörte Verletzung der Kindespflicht. Und Ungehorsam gegen die Schwiegermütter ist ja schon einer der von Confucius aufgestellten sieben Gründe, woraufhin ein Manu seine Gattin verstoßen kann. Die andern**) Gründe sind: Unfruchtbarkeit, lose Reden und Trunksucht, Eifersucht und Neid, ekelhafte ansteckende Krankheit, Diebstahl und Schwatzhaftigkeit. Selbstverständliche steht eine Scheidung nur dem Manne zu, der sich zugleich auch eine beliebige Anzahl von Nebengemahlinnen ins Haus nehmen kann; und es ist für eine Hauptgemahlin besonders wohlanständig, wenn sie in dieser Hinsicht keine Selbstsucht und keine Eifersüchteleien zeigt. Den Rang können ihr die Nebenweiber auch nie streitig machen. Doch sind die Kinder derselben den ihrigen völlig gleichberechtigt. Diese Weiber sind häufig nur Sklavinnen, die fürsorgliche Eltern wohl schon in frühen Jugendjahren für ihre Söhne eingekauft, eine Aufmerksamkeit, die diese später wohl damit vergelten, daß ein liebevoller Sohn noch zu Lebzeiten des Vaters einen präch- ttgen Sarg für diesen anschafft und auch ins Haus bringen *) G. Cockburn: „John Chinamann“. Edinburg: Hitt. **) Brand« „Reise um die Welt". Leipzig: Mischer Nachfolger, 120 läßt. Sparsame Eltern kaufen eine Sklavin auch wohl mit der Absicht, diese zur eigentlichen Gemahlin für' den Sohn aufzubringen. Aber ob Haupt- oder Nebenftan, Sklavinnen werden im allgemeinen nicht schlecht behandelt, wenigstens nicht schlechter als die Mehrzahl der Schwiegertöchter. Diese haben aber oftmals so viel auszustehen, daß sie sich häufig selbst das Leben nehmen. Und die Furcht vor diesem Schritt allein veranlaßt manche Schwiegermutter zuweilen, noch mildere Saiten aufzuziehen. Denn ein solcher Selbstmord ist nicht nur ein gegen sie sich richtender öffentlicher Skandal, er beraubt sie nicht nur der Dienste der jungen Frau, sondern giebt auch den Eltern derselben das Recht, ein sehr kostspieliges Begräbnis für dieselbe zu beanspruchen. Und wer weiß, was die in den Tod getriebene Schwiegertochter hinterdrein nicht noch alles anrühren man. Selbstmord aus Rache ist uichts Ungewöhnliches in China. Es giebt Leute, die sich auf der Schwelle ihres ärgsten Feindes das Leben nehmen, um ihm aus diese Weise den Schrecken einzujagen, daß ihn der Geist des Verstorbenen gehörig plagen wird. ChinesischeBehausungen bieten wenig Bequemlichkeiten. Diejenigen der ärmeren Klassen sind dürftige Lehmhütten ohne Fenster und ohne Schornstein. Die besseren Häuser haben regelmäßig einen abgeschlossenen Vorhof aufzuweisen. Das Fundament ist aus Stein, die Stützen der Wände und des Daches sind hölzerne Pfeiler, und erst nachdem das Dach aus Ziegeln völlig hergestellt, macht sich der chinesische Baumeister daran, die Wände zwischen den Pfeilern mit Backsteinen auszufüllen. Das Hauptgemach liegt im Hintergrund, und aus beiden Seiten vor demselben sind die Schlafzimmer eingerichtet. Was an Fenstern vorhanden ist, hat nur Scheiben aus Reispapier aufzuweisen, d>e übrigens ein leicht gedämpftes, angenehmes Licht durchlassen, während die leicht mit dem Finger gemachten Löchlein auch einen Durchblick gewähren. ' In Bezug auf die Kleidung der Chinesen gilt als Hauptregel zunächst, daß alles Steife, den Körper irgendwie Einengende, irgendwie Unbequeme in Wegfall kommt, und daß sodann durch die lose sitzenden bauschigen Gewänder der ganze Körper bis auf das Gesicht keusch verhüllt und selbst in den Umrissen seiner Gliedmaßen nach Möglichkeit verdeckt und versteckt wird. Als eins der wirksamsten Stärke- und Verjüngungsmittel gilt die Milch einer jungen Mutter. Und dieses Heilmittel wie ein Säugling frisch an der -Quelle zu genießen, gilt an sich für keinen Manu als ungehörig, solange nur die Sittsamkeit insofern streng gewahrt wird, daß die beiden beteiligten Personen sich dabei in zwei verschiedenen Zimmern befinden — — mit einem — aber ja nicht zu großen — Loch in der Wand. So sittsam sind die Chinesen, während die Barbaren selbst in ihren „Kunstwerken" das Nackte zum Ausdruck bringen. Eine europäische Dame, die sich über solche Anschauungen der Chinesen hinwegsetzte, hatte eine zeitlang auf ihrem Flur eine allerdings nur recht dürftig bekleidete marmorne Nymphe aufgestellt, bis sie eines Tages erfuhr, daß ihr chinesischer Haushofmeister den chinesischen Besuchern regelmäßig auseinandersetzte, die Statue sei eine Abbildung der schamlosen Schwiegermutter seiner Herrin. Wilh. F. Brand. Gemeinnützrges. Schnell eHeranzuchtvonRosen Wildlingen durch Stecklinge. Wald und Feld werden alljährlich nach Rosenwildlingen durchsucht. Der Gartenfreund, welcher bisher seinen Bedarf an Rosenwildlingen noch decken konnte, hat immer größere Schwierigkeiten. Man zieht nun zwar in den Rosengärtnereien die Rosenwildlinge aus Samen, und der Rosenfreund könnte ähnliches thun. Es dauert aber recht lauge —- 3 bis 4 Jahre vergehen —, ehe der Sämling einen starken Stamm giebt. Es macht auch viel Umstände. Ein bequemeres Verfahren, rasch zu Rosenwildlingen zu kommen, wird in Nr. 47 des „Erfurter Führers im Gartenbau" beschrieben. Danach schneidet man die Triebe der Waldrose (Rosa canina) zu Stecklingen und steckt diese bis zum obersten Auge in guten, feuchten Boden. Das Schneiden muß jetzt geschehen. Die Stecklinge werden zusaininengebündelt und an einen feuchtkühlen Ort bis zum Stecken im März aufbewahrt. Solche Stecklinge geben manchmal noch im gleichen Sommer veredelungsfähige Stämme. Wer mehr über dies Verfahren wissen will, kann sich Nr. 47 von Erfurt kommen lassen, da sie unseren Abonnenten kostenlos zur Verfügung steht. Bier- und Milchflecken lassen sich mit Wasser entfernen. — Aus Seide oder Wollstoffen entfernt man Bierflecken mit einer Mischung von je einhalb Wasser und Spiritus. (Praktischer Wegweiser, Würzburg.) Litterarisches. N o v e l l e u b i b l i o t h e k der Illustrierte «Zeitung. Bd. 26. geb. Mk. 3,—. Verlag von I. I. Weber, Leipzig. Alles was unter der Flagge der Illustrierten Zeitung segelt, trägt das unverkennbare Gepräge der Gediegenheit und Gründlichkeit, die als vornehmste Wahrzeichen des Weber'schen Verlages gelten. Auch der vorliegende 26. Band der Novellen- bibliothek der Illustrierten Zeitung bietet — feinen Vorgängern gleich — durchweg mustergiltiges; rechtfertigt somit seinen Untertitel „Sammlung ausgewählter Erzähluuge n". Novellen schreiben zählt keineswegs zu den leichten Künsten, noch dazu, wenn die Muse wie hier, unbeschadet ihrer Anmut, kurzgeschürzt genommen sein will. Eindrucksvolle Stimmungsbilder, denen sich vertraute Züge abgewinnen lassen, sind diese Novellen nicht sowohl zum Zeitvertreib, als zum liebevollen Ergründen der geschilderten Charaktere und Verhältnisse geschrieben. _____ Bdt. Der Nackfischkaster» ist der Titel eines „fröhlichen Romans", den Fcdor von Zobeltitz soeben vollendet hat. Was dieser rätselhafte Titel bedeutet, können wir unseren Lesern nicht verraten. Wer sich aber für eine $utc Lektüre interessiert — und wer interessiert sich nicht dafür — lasse sich „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" (Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW., Neuenburgerst. 14a), kommen, wo der Abdruck des fröhlichen Romans soeben beginnt. Der Name des bewährten Autors und die Vortrcfflichkeit dieser reichhaltigen Familienzeitschrift bürgen dafür, daß die Leserinnen von „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" eine Reihe von vergnügten Stunden erwarten dürfen. Auch der sonstige Inhalt dieses Blattes ist in jeder Hinsicht lobenswert. Wir waren oft genug in der Lage, es empfehlen zu können, so daß wir uns heute mit der Versicherung begnügen dürfen, daß es in seinen Rubriken erhebliche Verbesserungen und Vervollkommnungen aufzuwciscn hat. Für jede Familie wichtig sind die allgemein verständlichen Artikel über Erziehung und Unterricht, Gesundheitspflege; besonders diese Artikel, die von einem anerkannten Fachmann geschrieben find, erregen das Interesse der Lcserinnen von „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" Ferner bringen die Rubriken Haus- und Zimmergarten, Frauenerwerb, beherzigenswerte Belehrung. Auch Gedichte und Aufführungen zu Geburtstagen, Polterabenden re. finden die Leserinnen unter der Rubrik Häusliche Feste. Die Handarbeiten und die Modebilder, die eine Mode-Zeitschrift nahezu ersetzen, sind vortrefflich ausgeführt. Logogriph. Nachdruck verboten. Umglänzt von Macht und Herrlichkeit War ich, ein Fürst in alter Zeit; Verfiel ich in des Trübsinns Zwang, Erheitert mich der Saiten Klang. Wird mir ein and'rer Kopf verlieh'«, So kann ich tragen und auch zieh'«. Wird wieder mir ein and'rer Kopf, Nie hält mich der geschwätz'ge Tropf. Und noch ein and'res Haupt gesetzt, Ein Knabenname werd' ich jetzt. Auflösung folgt in nächster Nummer. Austösung der Geheimschrift in voriger Nummer: (Schlüssel: Man setzt für jeden Konsonanten den im Alphabet nächste« Konsonanten.) Man würze, wie man will, Mit Widerspruch die Rede; Wird Würze nur nicht Kost Und Widerspruch nicht Fehde. Lessing. «edaktion: «. Bnrkh-rdt. — Druck und »erlag der Brühl'sche« Uni»erKt»t««Such. ttnb Steindruckerei (Pietsch «rde«) in »ießr»