(Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Der früh einbrechende Wintertag machte ihrer Thätig- keit in den Ställen und Scheunen ein Ende. Eitel Fritz ging in das Schloß zurück. Als er aber wieder in der stillen Einsamkeit seines Zimmers saß, nichts hörte als das Sausen des Sturmes, das Rauschen und Brausen der hohen Bäume im Park, da kehrte die alte Unruhe und die frühere Mutlosigkeit zurück. War das Leben, das er führte, denn noch lebenswert. Wie eine öde Wüste lag das Leben vor ihm. Eine dunkle, nebelerfüllte Nacht, deren finstere Wolken kein erquickender, tröstender Strahl eines Sternes zu durchdringen vermochte. Vor der Arbeit fürchtete er sich nicht, er sehnte sich nach harter, anstrengender Arbeit — aber für wen und wofür arbeitete er denn noch? Für sich selbst? — War das der Mühe wert? — Für seine Verwandten? — Die waren ja alle in gesicherter .Stellung — sie brauchten seine Arbeit nicht — im Gegenteil, er mußte ja ihre Arbeit, ihre Hilfe noch in Anspruch nehmen, um seine armselige Stellung aufrecht zu erhalten. Wozu das alles? Nur um zu leben? Welchen Zweck hatte sein inhaltsloses Leben noch? Den Besitz des alten Stammgutes aufrecht zu erhalten? Für wen? — Für sich selbst? — Ah, wielange noch, und es war vorüber, und das Gut fiel doch an die Verwandten, die es besser gebrauchen konnten, wie er selbst Ihm selbst War dieser Besitz eine Last geworden — ihm selbst hatte dieser Besitz das Glück und den Frieden geraubt. Um dieses Besitzes willen hatte er die Treue gebrochen, hatte er eilt treues Herz sich entfremdet und sich von dem Glanz des Goldes blenden lassen. Der Besitz, der anderen Segen gebracht, ihm war er zum Unsegen geworden, da er ihn nicht durch treue Arbeit sich aufs neue zu erwerben gesucht, sondern durch die Macht des fremden Goldes. Jetzt lernte er des Wortes Wahrheit verstehen: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast — erwirb es, um es zu besitzen!" Eine heiße Sehnsucht überkam ihn nach einem Wesen, für das er sorgen und arbeiten durfte. Dann würde er alles ertragen, alles erduldet, alles erhofft haben I Wenn Ionntag den 27. Moder. Kl Aas mich süßer fast als du, Lenz, erquickt und tränkt? Sonnenklare Hcrbstesruh, Welche dein gedenkt! Geibel. er ein Kind sein eigen nannte! Einen Sohn, auf den er alle seine Hoffnungen und Wünsche vereinigen konnte! Eine Tochter, deren Lebensweg er sonnig und eben zu gestalten vermochte! Ein Kind, in dessen Seele er alle die weisen Erfahrungen seines eigenen Lebens hineinverpflanzen, es schützen und schirmen konnte vor den eigenen bösen Erfahrungen, von den eigenen Fehlern und Vergehungen! Dann — ja dann hätte das Leben, die Arbeit noch einen Zweck! Oder ein Weib, das mit ihm sorgte und arbeitete! — Die Gestalt Elses trat vor sein seelisches Auge. Wie sie im Haus und Hof sich mühte, wie sie sich sorgte um „beit alten Vater, wie sie teilnahm an all den kleinen Mühen und den großen Sorgen des Lebens! Ihr stilles Schaffen ihre ruhige Bestimmtheit — ihr heiteres Lächeln und ihr ernstes, mildes Wort! Weshalb hatte er alles das nicht früher in seinem wahren Werte erkannt? Weshalb erst jetzt, wo es zu spät war? — . Er barg das Antlitz in den Händen und brach in ein wildes Schluchzen aus, das seinen Körper krampfhaft erschütterte. Sollte er ein Ende machen?! Wie ein Blitzstrahl durchzuckte dieser Gedanke seine Seele. Er sprang empor und starrte mit geisterhaften Augen auf die Gewehre und Pistolen in dem Waffenschrank, auf deren Läusen und Schlössern der Strahl der Lampe unheimlich glitzerte. Langsam wandte er sich ab. Nein, noch war es nicht so weit — noch mußte er warten. Hatte er doch noch die Ehre des Mädchens zu verteidigen, dessen Bild ihm in erhabener Reinheit vor der Seele stand. In ruheloser Ungeduld vergingen ihm die nächsten Tage. Endlich am Morgen des dritten Tages traf ein Brief Arnos ein, nur wenige Worte — aber diese entschieden über sein Leben. Arno teilte ihm mit, daß bislang seine Versuche, Jrme umzustimmen, vergeblich gewesen seien, er hoffe jedoch nock einen Erfolg von einer letzten Unterredung. Die Geld angelegenheit würde vielleicht geregelt werden können, wenn sich ein Bürge fände. Alle näheren Mitteilungen verschal Arno auf die mündliche Unterredung. Er werde am Abent des folgenden Tages zurück sein. Eitel Fritz starrte lange auf den Brief. Er glaubt' nicht mehr an den Erfolg der Sendung Arnos, und ei beschlich ihn ein Ekel vor allen weiteren Verhandlungen Heute abend wollte Arno zurück sein — dann beganr die Qual von neuem, diese unerträgliche Qual, die keir Ende nehmen würde. Wozu das alles? Das war die einzige Frage, dü seine Seele zermarterte. Die unheimlichen Geister der Nacht, die finsteren Ge danken der Einsamkeit kehrten zurück und in finsterer Ent schlossenheit erhob er sich. Er klingelte dem alten Friedrich 614 „Richte mir den Jagdanzug her, ich will zur Försterei gehen." „Es ist hoher Schnee gefallen, Herr Baron;;; der Weg ist mühsam. . „Thue, was ich Dir sage." v • „Sehr recht, Herr Baron." Der Alte entfernte sich, um den Jagdanzug zurecht zu legen. Eitel Fritz trat an den Waffenschrank und nahm eine zierliche Büchsflinte heraus. Langsam, fast zärtlich strich er mit der Hand über den Lauf, dessen Kälte ihn zu durchschauern schien. Dann lud er das Gewehr und stellte es an seinen Schreibtisch. Der alte Friedrich kehrte mit dem Jagdanzug zurück. „Leg' ihn nur auf das Sofa — ich gebrauche Dich nicht mehr . .- geh . . . nein, warte! Mein Schwager kommt vielleicht heute abend, bestell ihm, daß ich in den Wald gegangen sei____ zur Försterei, und übergieb ihm diesen Bries. . - warte einen Augenblick." Er nahm am Schreibtisch Platz und warf einige Zeilen auf einen Briefbogen, den er in einen Umschlag steckte, den er mit der Adresse Arnos versah. „So — hier ist der Bries. — Wann ich zurückkehre, weiß ich nicht. Und nun geh______" Dann kleidete sich Eitel Fritz rasch um, hing das Gewehr über die Schulter und wollte sich entfernen. Da fühlte er seine Hand berührt. Es war sein Hund, welcher diese stumme Bitte aussprach, ihn mitzuuehmen. „Ja — du kannst mitgehen", sagte Eitel Fritz mit müdem Lächeln. „Hast ja schon manches znm Tode wunde Wild verbellt, das sich im Waldesdickicht verborgen. - komm . . -!" Noch ein Blick durch den stillen Raum — ein krampfhaftes Aufschluchzen der Brust — ein knirschendes Auseinanderbeißen der Zähne, dann eilte er mit raschen Schritten fort, ohne sich nochmals umzusehen, XX. Jenseits der großen Straße, welche unmittelbar an )em Thor von Jägerhof vorüberlief, stieg das Gelände in anfter Erhebung an bis zu dem Saume des Waldes, der ich auf dem Höhenrücken nach Schloß Petershagen zog. Der.Wald war Petershagener Besitz und wurde von dem Förster Werner verwaltet. Ein hübscher Weg führte von Jägerhof durch .die Wiesen und den Wald hinansteigend zu der tief im Forste liegenden Försterei. Oftmals war , Else diesen Weg entlang gegangen, wenn sie sich von der 1 Arbeit erholen und allein mit sich und ihren Gedanken sein wollte. . . Jetzt deckte hoher Schnee Wald und Feld und machte 'die Wege fast unpassierbar, so daß Else ihre einsamen Wald- Spaziergänge aufgeben mußte. Sie war in Haus und .Hof .festgebannt, und still und einsam war es auf Jägerhof ge- ' worden. Noch nie in all den Jahren, welche Else auf Jägerhof "verlebt, hatte sie die Stille und Einsamkeit des Winters 'so empfunden, wie in diesem Jahre. Verkehr hatte sie 'nicht, nur zuweilen kam der Pastor von Petershagen zum 'Besuch zu ihrem Vater oder dieser oder jener alte Bekannte 'Breymanns sprach auf ein Stündchen vor. Zu thun gab es !jetzt in der Wirtschaft wenig; alles ging seinen geregeltes Gang, und Else konnte die Beaufsichtigung der Arbeiten 'litt Stall und Scheune ruhig dem Ackervogt anvertrauen, 'bet schon feit Jahren auf Jägerhof in Dienst stand. , Aber das war doch stets so gewesen, — jeden Winter jedes Jahr — und doch hatte Else sich nicht vereinsamt, ^sich nicht unzufrieden gefühlt! Weshalb denn in diesem , Winter? • War es das Wiedersehen mit Eitel Fritz, welches sie '.so nachdenklich gestimmt hatte? War es, daß Eitel Fritz sich feit jenem Tage, an dem sie in der Laube zusammengesessen ,'uud Frau von Petershagen vorüberritt, nicht wieder in '.Jägerhof gezeigt hatte? Waren es die mannigfachen Ge- .rüchte, welche über das Leben im Schüsse selbst bis in die Einsamkeit von Jägerhof drangen? i Else wußte sich selbst keine klare Rechenschaft über ihre 'Empfindungen zu geben, nur das eine wußte fie, daß 'die Liebe zu dem Jugendfreunde in ihrem Herzen noch 'nicht erloschen war, sie schämte sich dieser Liebe nicht, fie war ihr Heiligtum, dis ewig, brennende Flamme, die. sie still und heimlich in ihrem Herzen vor aller Welt verbarg und pflegte. Sie hätte nicht leben mögen ohne diese Liebe, die sich noch vertieft hatte, die noch reiner geworden war, seit sie die Aenderung in dem Wesen des geliebten Mannes gesehen, und erkannt hatte, daß ihr Wesen es war, welches diese Aenderung hervorgebracht. So hatte sie doch ein Gutes gestiftet, indem sie des geliebten Mannes Denken und Empfinden veredelt und auf den richtigen Weg geleitet hatte. Mehr konnte fie nicht fordern, mehr durfte sie nicht wünschen! Au dem heutigen, düsteren Wintertage jedoch schlich sich .doch in ihr Herz ein leises Wünschen, und ihre Seele ward von inniger Sehnsucht erfüllt nach ihm, mit deut sie sich jetzt im Denken und Empfinden eins fühlte. Sie saß au dem Fenster des Wohnzimmers und blickte mit ernstem Auge hinaus in den unaufhörlich still und geräuschlos niederrieselnden Schnee, der die Aussicht nach dem Walde wie mit einem weißen Schleier verhüllte. Kein Laut — keine Bewegung in der Natur da draußen — nichts als der uiederrieselnde Schnee, der Wald und Feld, Busch und Baum, Haus und Hof mit seiner weichen weißen flockigen Decke eiuhüllte. Frühzeitig fank der Abend nieder, dunkel, von undurchdringlicher Finsternis, und noch immer saß Else da, hinausblickend in die finstere Nacht, die Wange auf die Hand gestützt. Das Eintreten ihres Vaters schreckte fie auf. „Nun, noch immer im Dunklen, Else?" fragte er erstaunt. „Verzeih', Vater....,. ich dachte nicht dran . ..." Rasch zündete sie die Lampe an und stellte sie auf den Tisch vor dem Sofa. Der Alte holte Pfeife und Tabak und beobachtete, während er die Pfeife stopfte und anzündete/ mit heimlichem Blick feine Tochter. „Du gefällst mir seit einiger Zeit nicht mehr, Else"/ sagte er plötzlich. „Du bist nicht mehr das rasche, kräftig zufassende Mädchen . . - Kind, Kind, grüble mir nicht über vergangene und vergessene Geschichten nach!" „Vergangen und vergessen — Du hast recht, Vater.! Und es ist thöricht von mir, mich meinen Stimmungen sd hinzugeben. Aber habe nur Geduld — das wird wieder besser werden — wenn es wieder Frühling wird und es' wieder an die Arbeit geht. Laß mich nur ruhig meinen Weg gehen» . Sie nahm eine Handarbeit und setzte sich an den Tisch/ während Breymann im Zimmer auf- und abging. „Du wirst den richtigen Weg schon finden, nicht, Else?" „Ja, Vater. Verlaß Dich auf mich . • „Ich weiß, daß ich's kann. Aber es macht mich! traurig/ Dich so still zu sehen. Es ist auch gar zu einsam hier! Wie wär's, wenn wir ab und zu nach der Stadt führen?"! „Nein, Vater, nicht um meinetwillen." „Oder mal die Verwandten besuchten?" „Witten im Winter, Vater?" fragte sie, lächelnd zu ihm aufblickend. „Denkst Du nicht an Deinen Rheumatismus? Nein, laß uns nur ruhig hier bleiben, Ich habe auch auf Weihnachten noch viel zu thun. Der Pastor, der Kantor und ’ ich, wir wollen eine Weihnachtsbescherung für die ärmeren Kinder in Petershagen veranstalten. Da kann ich nicht fort. Am nächsten Sonntag ist die erste Komitee-, Sitzung. Auch Frau von Saunow ivill kommen." „Na ' das ist ein ganz verständiger Gedanke.^ Er nahm seinen Spaziergang durch das Zimmer wieder auf, während Else ruhig weiter nähte. Eine Weile herrschte tiefe Stille, die nur von denk leisen Ticktack der Schwarzwälder Uhr an der Wand untere brachen wurde. Breymann traf an das Fenster und öffnete es. Else schaute auf. „Ist es Dir zu warm?" , c , „Nein — es war mir, als bellte ein Hund auf der Straße . . • es schneit noch immer . . ." Er wollte das Fenster schließen, doch plötzlich bog er sich lauschend hinaus., „War mir doch, als wenn drüben im Walde geschossen würde", sagte er. y „ , . , _ „Das kann nur ein Wilddieb fein", fuhr er fort. „Der Förster Werner sagte mir neulich, dwß im Petershagener Walde wieder viel gewildert würde ;. • was ist denn das?.- 615 Das langgezogene Geheul eines Hundes scholl klagend durch die Luft. „Laß doch Vater. Ein Hund, der sich verlausen hat." „Ja, aber der Schuß?" Er horchte wieder. Der Hund war still — nichts war zu vernehmen nnd der Alte schloß das Fenster. „Weiß der Kuckuck, mir ist heute abend so unbehaglich", sagte er und schauerte leicht zusammen- „Du hast Dich doch nicht erkältet, Vater?" „Nein — das ist's nicht. Ich bin verstimmt — ich weiß nicht, was mir im Sinn liegt — 's ist mir, als sollte ein Unglück geschehen." „Siehst Du, Vater — das sind Stimmungen, mir geht's ebenso. Eine innere Unruhe quält mich . , (Schluß folgt.) Großmutter. Von Gustav Eane. , 1 Autorisierte Uebersetzung aus dem Französischen. (Nachdruck verboten.) Germaine hieß die Großmutter. Seit mehr als 20 Jahren war sie Witwe und verdiente sich ihren Unterhalt als Aufwärterin. Es war kein leichtes Brot für ihre 68 Jahre, aber es ging doch nicht anders, wenn sie nicht verhungern wollte. Sterben, — selbst durch Hungertod-— wäre ihr vielleicht gleichgiltig gewesen, der alten, armen Frau, die der Kummer noch mehr als die Jahre gebeugt hatte, aber neben ihr lebte oder vegetierte vielmehr ein armes, kleines bleichsüchtiges Geschöpf von 10 Jahren, das die eigene Mutter eines Tages im Stich gelassen hatte, um sich, Gott weiß wo, in der Welt herumzutreiben, und von der seitdem nie mehr die Rede war. Ein armes, welkes Blümchen war das Kind, das aus der weiten Welt keinen anderen Schutz, keine andere Liebe hatte als die Großmutter! ... für das Kind arbeitet Großmutter Germaine, für das kranke Enkeltöchterchen quält sie sich mutig einen Tag wie alle Tage, ohne je die geringste Klage laut werden zu lassen . . . Klagen! Oh nein! Ans Klagen dachte sie nicht! Ganz im Gegenteil! Sie war stolz, daß sie arbeiten, für das Kind, in dessen großen, tiefen Augen es so überirdisch leuchtete, schaffen und arbeiten konnte. Ihre ßuifette! — ach! Es war im vollen Sinne des Wortes ihre Luisette! Weit mehr noch als wenn sie sie selbst unter dem Herzen getragen hätte! Das kleine Geschöpf war ihr alles! Hundert, tausendmal mehr als die eigene Tochter von ihr geliebt worden, hing sie an dem Kinde! Sie wußte gar wohl, die arme Großmutter, daß das Leben ihrer Luisette nur an einem dünnen Faden hing; der Arzt hatte es ihr zu verstehen gegeben; aber mit der Kraft und dem Vertrauen, das dem Herzen der Großmutter innewohnt, hoffte die Alte auf ein Wunder, ein Wunder der Liebe, das ihr Kind retten sollte! Und sie kämpfte mutig weiter, ununterbrochen, mit einer Kraft, die jeden Tag von neuem erwachte, neue Nahrung fand in dem Zweikampf, den sie mit dem Tod um die zarte .Menschenblume ausgenommen, und in dem der Tod weichen zu müssen schien. Die Kräfte der Kleinen nahmen langsam zu, die Augen glänzten nicht mehr so sieberhaft, die Stimme war Heller, das Gesichtchen rundete sich ein wenig, das Köpfchen hing nicht mehr so matt. . . Eines Morgens sagte der Arzt zu der alten Frau, die vor Freude strahlte:. „Na, Mutterl Germaine, nun noch ein klein bischen guten Willen; schicken Sie das Kind ein paar Wochen aufs Land; das Wetter ist schön, die Landlust wird ihm gut thun." «Ja, ja, Herr Doktor! Aufs Land, ins Freie, in die Sonne! Wie habe ich nur darauf nicht selbst kommen können!" In einer Ecke der Kommode hatte die alte Frau eine kleine Summe verwahrt, 4 bis 5 Jahre hatte sie wohl gebraucht, um die 20 Frank als -einen Notgroschen für unvorhergesehene Fälle zurückzulegen. Nun war ein solcher Fall gekommen; - der Arzt hatte es eben gesagt. Aber 20 Frank waren nicht ausreichend: dafür konnte ihre Lnisette nicht lange genug die Landlust genießen, um gesund zu werden. Die Kumme mußte größer werden! Da fiel der Großmutter ein, daß sie in jungen Jahren ein ganz besonderes Rezept, „ein Geheimnis" gehabt hatte, um Pfefferkuchen zu backen; sie wußte auf ganz eigene Art das Mehl und den Honig und die Gewürze zu mischen, so wie sie verstand es weit und breit niemand. Und nun wär gerade die Zeit des Jahrmarktes gekommen, und die Sonne lockte die Menschen ins Freie, in die blühende, grünende Pracht! Sie hatte gerade noch Zeit, an die Arbeit zu gehen. Ohne Zögern nahm sie die ersparte kleine Summe, machte! die Notwendigen Einkäufe, und wähveNdi ste den Teig knetete, sagte sie zu ihrem Liebling: „Weißt Du, Luisette, ich habe da von guten Menschen in Briee-Robert gehört! Die haben ein kleines Mädchen in Deinem Alter, da sollst Du hin und wie eine kleine Prinzessin leben, und teuer ist es auch nicht; vielleicht einen Frank den Tag. Wenn ich meine Pfefferkuchen verkauft habe, werde ich wohl genug Reisegeld und auch für einen Monat die Pension haben, und dann kann ich Dir vielleicht auch noch ein bißchen Wäsche kaufen, das kann man doch den Leuten nicht anthun, so ohne alles zu kommen, nicht wahr?" „Ist es weit, Großmutter?"- „Nein, Lisette." „Mit der Eisenbahn?" „Ja, eine schöne Eisenbahn." „Recht lang?" „Sehr, sehr lang." „Oh ! wie freue ich mich !" „Du bleibst ganze vier Wochen dort und Du sollst sehen, wie gut die Luft und die Sonne Dir thun werden." „Sind auch Blumen dort, Großmutter?" „Ja, Herzchen, Blumen und grüne Bäume, viel größer als die hier aus dem Platz, und Hühner und Enten, Tauben, schöne Kühe mit wirklicher Milch große grüne Wiesen und Bäche." „Und Vögel?" „Viele Vögel, die singen in den Bäumen." „Oh! wie schön, Großmutter! Wie freue ich mich,! — Wann fahren toir?" „Nächste Woche, wenn meine Pfefferkuchen verkauft Sie sahen wirklich lecker aus, die Kuchen in ihrem goldigen braunen Kleide! Gerade recht hatte es die Großmutter beim Backen getroffen; das Wasser lief einem bei ihrem Anblick ordentlich im Munde zusammen. Uebrigeus hatte Großmutter auch nicht mit den Zuthaten gespart, und mit Fleiß und Mühe auch nicht gegeizt. Sie kannte das Rezept, ihr „Geheimnis" noch gut, und es war ihr alles prächtig gelungen. Um die süßen Leckereien recht zu präsentieren, hatte sich die Großmutter einen Handwagen für den Tag gemietet, denselben mit weißen Tüchern bedeckt und darauf, nach Größe und Preis geordnet, die braunen Kuchen ausgebreitet, die noch extra hier und da mit farbigen Papierstreifen verziert waren. Großmutter Germaine selbst hatte eilte blütenweiße Schürze vor, die noch die Kniffe vom Plätten hatte, das getollte weiße Häubchen umschloß das ganz verrunzelte Gesicht, das aber mit den weißen Haaren und den freundlich blickenden Augen einen lieben Ausdruck hatte. Ganz zeitig schon machte Mutter Germaine sich, auf den Weg; denn sie wollte einen guten Platz erwischen, nicht in der zweiten Reihe stehen. Ihre duftige, leckere Ware sollte recht zum Angriff bereit sein. Und während sie den Handwagen zog, überschlug sie die Einnahme. Sicherlich bleiben mir nach Abzug der Unkostetr doch 30 Frank, mit dem Geld wollte sie dann für den nächsten Donnerstag noch einmal backen, und wenn sie den nächsten Sonntag mitrechnete, würde sie gewiß 80 ober 90 Frank, ja vielleicht auch noch ein bischen mehr haben! Anders konnte es nicht sein; ihre Rechnung stimmte ganz genau. Und mit allem Eifer zog sie den Wagen! Fast 100 Frank! Dafür konnte Luisette ja zwei Monate ans dem Lande bleiben, das war gleichbedeutend mit Gesundung ihres Kindes! Zwei Monate konnte der Liebling sich in Wald und Feld tummeln, auf die Bäume klettern. Und dann würde die Kleine mit roten, vollen Backen zurückkommen; sie würde, wie die andern Kinder aus der Nachbarschaft, in die Schule gehen können, sehr gut lernen und einen Preis ans her Schule mitbringen. Gott! wie schön würde das sein! 616 Und ohne Empfindung für die Hitze und die Anstrengung schob Großmutter Germaiue ihren Wagen und hatte die Freude, mit als erste an Ort und Stelle sich einen recht guten Platz aussuchen zu können. „Oho! Es war auch Zeit!" sagte sie und wischte sich die Stirn, auf der große Schweißtropfen perlten. „Das sieht so unbedeutend aus, solch ein Wagen, und ist doch so schwer zu schieben! Glücklicherweise", schloß sie ihr Selbstgespräch mit einem heiteren Lächeln, „wird's beim Nachhauseweg leichter gehen, aber wie heiß es ist. Kaum 9 Uhr, und die Sonne glüht ordentlich." Es war wirklich sehr heiß an dem schönen Sonntagmorgen Ende Mai; nicht ein Lufthauch regte sich und die Sonne, brannte durch das zarte Laub der Bäume, und die Sperlinge führten ein wahres Konzert auf. „Welch prächtiges Wetter!" sagte die Großmutter, uud ordnete an ihren braunen Kuchen, die bei der Fahrt ein bischen aus Reih uud Glied gekommen waren. „Welch prächs- tiges Wetter! Es wird ordentlich was an Menschen in Bewegung sein! Und nachdem alles wieder in schönster Ordnung ausgebreitet lag, trat sie einen Schritt zurück, um mit eiuem Blick der Befriedigung ihr Werk zu betrachten. Aber plötzlich fuhr sie zusammen: war nicht gerade ein Regentropfen gefallen. . ." Sie sieht schnell nach dem Himmel, und richtig, gerade über ihr stand eine mächtige, drohende Wolke. „Ach, du lieber Gott!" rief sie angstvoll, „das ist doch nicht möglich!" Im selben Augenblick fielen einige Tropfen ans den Weg. Mit Blitzesschnelle und großer Geistesgegenwart riß die alte Frau ihre Schürze ab und breitete sie über die Pfefferkuchen, um dann, nachdem sie nach rascher Umschau in vielleicht 500 Schritt Entfernung einen offenen Hausflur bemerkte, die Deichsel des Wageus zu ergreifen und so schnell wie möglich auf das rettende Asyl zuzusteuern. Aber ehe sie noch 10 Schritte gemacht hatte, brach der Schauer mit großen, schweren Tropfen los, die klatschend überall ausschlugen; gleich darauf begann eine wahre Sündflut. Die arme, alte Frau flüchtete unter den Wassermassen, die ihr ins Gesicht schlugen, sie am Gehen hinderten, und durch die sich schnell bildenden Pfützen kam sie endlich; in den Schutz des Hausflures. Ganz außer Atem, angstvoll uud besorgt zog sie die Schürze fort und schrie entsetzt auf. Ihre Kuchen, ihre schönen Kuchen, waren verdorben^ in einer unförmlichen, braunen Masse liefen sie nach allen Seiten auseinander. Die alte Frau sah die Zerstörung mit einem verzweifelten Blick an; sie sah im Geist ihre Luisette, ihre einzige Freude auf Erden, blaß auf ihrem Bettchen liegen, und in den großen Augen stand es wie ein stummer Vorwurf des sterbenden Kindes. . . „Oh! meine Luisette! meine Luisette! verzeih mir!" stöhnt die alte Frau Fassungslos, sie sieht nichts mehr, es war, als ob ihr Herz still stehen müßte. Und plötzlich brach sie zusammen, dicht bet dem Wagen, und die Hände vor das Gesicht geschlagen, hockte sie dort unbeweglich ohne Weinen, ohne Schluchzen, furchtbar in ihrer stummen Verzweiflung. III. Inzwischen war der Regenschauer vorübergezogen. Die Sonne lachte wieder vom blauen Himmel. Aus den Straßen begann das für einige Minuten unterbrochene lustige Treiben wieder von neuem. Als die Menschen die alte, durchnäßte Frau aus der Erde liegen sahen, blieben sie stehen und starrten sie und die verdorbene Ware neugierig aber auch mitleidig an. Ein Arbeiter, der mit seinen Kindern spazieren ging, trat ganz dicht an die alte Fran heran und meinte: „Na, na, Mütterchen, es ist zwar ein Unglück, aber immer noch besser als ein Beinbruch!" Und er ließ der Unglücklichen ein Geldstück in den Schoß fallen. Das Beispiel wirkte, und die 10 Centimesstücke und auch ab und zu ein größeres Geldstück mehrten sich in dem Schoße der alten Frau, die nach und nach wieder zu sich kam und über deren Gesicht nun endlich die erleichternden Thränen rannen. „Oh! danke, danke! Sie sind alle so gut zu mir", schluchzte sie unter Thränen, „es ist für meine Luisettep danke! danke", stammelte sie immer wieder. IV. Und Luisette hat ihren Aufenthalt auf dem Lande noch gehabt und ist gesund und kräftig zu der alten Großmutter heimgekehrt. Das Wunder, auf welches die Alte hoffte, ist an dem Tage noch an sie herangetreten; denn unter den Leuten^ die die unglückliche Frau in dem Thüreingang umstanden^ war auch eine alte Dame, die selbst Großmutter, über den Schmerz der alten Frau gerührt, sich ihre Sorgen er-, zählen ließ und dann hilfreich ihre Hand aufthat. Katechismus der Uhrmacherkunst. Von F. W. Rüffert. Vierte, vollständig neubearbeitetS und vermehrte Auflage. Mit 252 Abbildungen und fünf Tabellen. In Originalleinenband 4 Mark. Verlag von I, I. W e b e r in Leipzig. In der vorliegenden vierten Auflage des Katechismus ist der Stoff gegen früher wesentlich vermehrt wordem Dabei ist der Verfasser sichtlich bestrebt gewesen, die trockene Weise älterer Werke zu vermeiden. Die zahlreichen Abbildungen, die ebenfalls eine Vermehrung erfahren haben, zeichnen sich durch große Klarheit aus und geben nur das unumgänglich Notwendige, tragen aber zum besseren Ver-t ständnis des Textes erheblich bei. Der Katechismus der Uhrmacherkunst ist mit dieser Auflage zu einem Lehrbuch geworden, das dem Uhrmacher in seinem Berus ein nützlicher Ratgeber sein soll; er ist auch ganz dazu geeignet, auf die mündlichen Lehrlingsprüfungen vorzubererten, die die Gewerbeordnung neuerlich eingeführt hat. Gemernniitziges. Das Treiben der B lüt enp flanz en im Z im- m e r. Wenn der Herbst die ersten Blätter von den Bäumen herunterschüttelt uud aller Blütenflor mählich verschwindet, dann besinnt sich der Blumenfreund wieder auf seine Zimmer unb' trifft Anstalten, um hier, Wenns draußen schneit und friert, duftende Blümlein ans Fenster zu zaubern. Crocus, Tulpen, Hyacinthen, Narzissen werden nach althergebrachter Weise eingepflanzt, daneben versucht mau es auch mit Christrosen, Flieder, Maiglöckchen, Schneeball, Päonie und Rosen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Das Mißlingen hat immer seinen besonderen Grund. Diesen Gründen hat Frau Elly Wehdemaun, eine begeisterte Blumenpflegerin, nachgeforscht, und in Nr. 27 des „Erfurter Führer im Gartenbau" das Treiben der Blütenpflanzen im Zimmer beschrieben. Da unseren Abonnenten diese Nummer kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittels Karte nach Erfurt wenden, so dürfen wir alle Blumenfreunde aus diese Abhandlung verweisen. Der tägliche Genuß der freien Lust ist ein unerläßliches Hilfsmittel zur Erhaltung der Gesundheit. Dieser Genuß stärkt die Lungen und hat einen entschiedenen Einfluß auf die Reinigung und Kräftigung des Blutes, als der nächsten und eigentlichen Lebensgnelle. Hetnroth. „Praktischer Wegweiser", Würzburg, Zifferblatträtsel. Nachdruck verboten. I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII Statt der Ziffern des Zifferblattes einer Uhr find die Buchstaben AA, B, D, EE, I, LL, N, R, U derart zu setzen, daß die Zeiger bet ihrer Umdrehung Wörter von folgender Bedeutung berühren: 1—4 an Baum und Strauch. . 1—5 luftiger Aufenthaltsort. 2—5 Fluß in Frankreich. 2—6 französischer Komvonist. 4—7 Stadl in der Schweiz. 5—8 weiblicher Vorname. 7—11 kleines Werkzeug. 8—11 Stand. 9—12 Malaienstaat auf Sumatra. 9—2 Frauengcstalt des alten Testaments. 10—12 Hohepriester im alten Israel. 11—2 Farbe. ■ (Auslösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.r Feile, Feige, Feime. in Gießen. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlas der Brühl'schen Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben)