1901. ^$22; WWW o MW mü UK' WH NW fasse dir den Mut nicht rauben, Sei im Unglück stolz und fest; Werden doch die besten Trauben Stets am härtesten gepreßt. Kalisch. (Nachdruck verboten.) Privat-Eigentmn. Eine lustige Geschichte aus der Sommerfrische. Bon Alwin Römer. „Gott sei Dank! Der Weg war ein bischen klotzig!" stöhnte er im Vorgefühl der köstlichen Ruhe, der er sich in dem eben betretenen Hotel-Zimmer hingeben wollte, der junge, etwas sehr verstaubte Radfahrer, Herr Baumeister Heinz Döring, und entledigte sich dabei der Halbstiefel. Er hatte eine tüchtige „Tour" zurückgelegt, und war dabei nicht immer aus Straßen gefahren, die mit der Wasserwage auf ihre horizontale Lage hin geprüft waren. Bis zur Abendtafel in diesem herrlich gelegenen, einsamen Wald-Hotel, das er für etliche Tage als Mittelpunkt seiner Ausflüge erkoren hatte, blieben ihm noch über zwei Stunden Zeit, und die wollte er dem lieblichen Schlummer opfern, dessen Schatten sich schon beschwerend auf seine Augenlider senkten. Schnell hatte er sich's bequem gemacht, das Radfahrergewand mit einem leichten Hausanzug vertauscht, zum Ueberfluß noch! ein Bändchen Reise-Lektüre aus dem vorangeschickten Koffer genommen, und lag nun lang auf dem gut gepolsterten, braven, alten Kanapee, jede Sekunde bereit, sich von Seiner olympischen Hoheit Morpheus in die weichen Arme nehmen zu lassen. Lächelnd, weil er wußte, wie . unnötig es eigentlich sei, schlug er die erste Seite des Buches auf, und blinzelte die Buchp staben an. Und richtig, kaum hatte er die ersten zehn Zeilen gelesen, ohne natürlich von ihrem Inhalte irgend etwas begriffen zu haben, da fielen ihm sachte die Lider zu, das Buch sank mit dem Arm langsam auf seine Brust herab, und leise, wohlig tiefe Atemzüge verkündeten den listig lauernden Stubenfliegen, die die Nasen eben Entschlummerter mit Vorliebe als Aussichtstürme zu besteigen pflegen, daß ihr Vergnügen jetzt beginnen könne. Aber ehe die erste dazu kam, den lockenden Gipfel, von dem aus der braune schöne Wald des Haupthaares wie die kühn geschlungenen Linien der Schnurbart-Höhen- züge so großartig zu betrachten waren, zu erreichen, war dem armen Opfer das Buch aus den sich leise lösenden Fingern geglitten, und hatte mit jener berüchtigten Tücke des Objektes, die seinerzeit „Auch einer" festgenagelt hat, den etwas weit herunterhängenden Zipfel einer mit ein paar hundert zweifellos höchst notwendigen Franzen versehenen Tischdecke dabei zu fassen vermocht, so daß sich im Augenblick eine ganze Ladung von Dingen, die dem verderblichen „Zug nach unten" nicht widerstehen mochten, aus dem Körper Heinz Töring's Stelldichein gaben, und da sich dabei auch ein ziemlich volles Glas Wasser befand, das sein boshaftes Naß in aufdringlichster Weise auf den Brustlatz des Schläfers ergoK so war es kein Wunder, daß der sonst ganz achtungswerte tiefe Schlummer dadurch mit unangenehmer Plötzlichkeit unterbrochen wurde. Leife fluchend sprang der Baumeister auf, besah sich kopfschüttelnd den Schaden, den dieser rote Teufel von „Engelhorn" angerichtet hatte, wechselte die Kleidung noch einmal, rückte vorsichtshalber den Tisch mit der ebenso geschmackvollen wie praktischen Decke ab, und legte sich dann zum zweiten Male nieder, neugierig, wie die zweite Station lauten werde, auf der der Eilzug seine Träume notgedrungen anhalten würde. Ach, der Aermste sollte sich! in seinen unheilvollen Ahnungen nicht betrogen haben! Keine fünf Minuten verharrte er auf seinem Sopha, von den letzten Wellenschlägen des eben überwundenen Kummers noch in den schnell wieder ausdämmernden Traum verfolgt, da drängten sich auf einmal, erst wie in leisem Tasten, dann aber unerbittlich lauter werdend, die Klänge eines nicht gerade „reingestimmten" Klaviers in den Raum, und eine frische, silberreine Mädchenstimme Hub gleich darauf an: Noch ist die blühende, goldene Zeit, O du schöne Welt, wie bist du so weit! Und so weit ist mein Herz, und so klar wie der Tag, Wie die Lüste, durchjubelt von Lerchenschlag! Ihr Fröhlichen, singt, weil das Leben noch mait: Noch ist die schöne, die blühende Zeit, Noch sind die Tage der Rosen!" Natürlich waren auch! etliche jener Fröhlichen, denen das Leben noch matte, vorhanden, und ließen sich durchaus nicht nötigen, in den verheißenden Refrain einzufallen, und so klang es alsbald in einem etwas gemischten, aber offenbar ehrlich gemeinten Chorus, während der Baumeister Heinz Döring auf seinem Kanapee einen gelinden Tobsuchtsanfall bekam: „Noch sind die Tage der Rosen", mit jenen kühnen Klangfiguren auf dem letzten Worte, die die meisten Leute so schön finden, daß sie sich gewöhnliche nie zur rechten Zeit von ihnen zu trennen vermögen. Und dann begann die zweite Strophe: „Frei ist das Herz und frei ist das Lied . . ." Aber das ging über die Kräfte unseres totmüden Radfahrers. Mit beiden Beinen zugleich spraug er auf den Erdboden, und raste zum Knops der elektrischen Klingel. 422 „Mensch !" schrie er den Kellner an, der ganz bestürz:: auf das nervöse Signal des Baumeisters heraufgelaufen kam, „was ist denn das für eine Gesellschaft da unten, die fortwährend brüllt?" „Es brüllt doch niemand!" erklärte verständnislos der befrackte Jüngling. „Ah so, Sie meinen, wer das schöne Lied jetzt singt? Das ist Fräulein Gisela Wallrat, und noch verschiedene andere von unfern Pensionärinnen!" „So? - - - Na, dann grüßen Sie, bitte, von mir und sagen Sie den Herrschaften, es wäre ein sehr schönes Lied, und ihre Stimmen noch viel schöner, aber schlafen könnte man dabei nicht, und ich wäre hundemüde! Ob sie sich den Genuß nicht lieber bis nachj der Abendtafel aufheben wollten?" „Schön, ich werde es bestellen!" „Sie, hören Sie 'mal, Ober, bestellen Sie das lieber nicht!" rief Döring, sich mäßigend, hinterdrein, „es genügt, wenn Sie in meinem Namen höflichst bitten, etwas gedämpfter zu konzertieren, weil man jeden Ton hier hört, und ich gerne ein bischjen ruhen möchte!" „Wie Sie befehlen! bemerkte der Schwalbenschwanz, und sprang die Treppe hinab, fest entschlossen, der fröhlichen Runde kein Wort von allem zu verschweigen. Heinz Döring hörte am geöffneten Fenster, wie unten plötzlich eine Art Entrüstungssturm losbrach., und jemand ganz wütend auf die Tasten losschlug, jedenfalls, um ihm dadurch zu beweisen, wie gleichgiltig ihm sein Schlummer sei. Es war ganz recht, daß der Kellner kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Das waren ja Vandalen ärgster Art da unten! Dann aber lauschte er überrascht dem Tone einer Damenstimme, die da erklärte: „Höflich ist der Herr nicht, meine Herrschaften; aber bei der entschieden mitternächtigen Stunde hat er ein Recht, daß wir seiner Müdigkeit achten. Hören wir also auf, und gehen zum Lawntennis-Platze!" „Sehr gut!" riefen lachend einzelne Stimmen. Daraufhin erschallte noch ein Gemurmel, das zur Hälfte aus Beifall, zur Hälfte aus Mißbilligung zusammengesetzt sein mochte, und dann wurde es still dort unten. „Verrücktes Frauenzimmer: das muß man sagen!" brummte Heinz Döring in seinen Bart, und huschte dann wieder auf seine Lagerstatt. Tie nächste halbe Stunde ging es ihm erträglich. Abgesehen von den neugierigen Fliegen, die geologische Forschungsreisen in seine Ohrmuschel und andere Gebiete der Nachbarschaft unternahmen, störte ihn nichts. Leider aber hatte er vergessen, sein Fenster wieder zu schließen, und bis zum Morgen desselbigen Tages eine alte Dame mit einem jungen Fräulein in diesem Zimmer gewohnt hatten, deren gezähmter Zeisig gewöhnt war, zum Fenster aus- und einzufliegen, so geschah es plötzlich, daß der kleine gefiederte Wicht mit schrillem Gezwitscher auf dem Tische vor des Baumeisters Antlitz herumhüpfte, und sich offenbar nicht genug in Verwunderung darüber thun konnte, daß hier ein „fremder Kerl" auf dem Sopha herumlag. Die Zimmerveränderung seiner Gebieterin mußte „Mätzchen" wohl gründlich beim Spielen draußen verschwitzt haben. Heinz Döring hatte im Schlummer seine Hand nach der Tischkante hinübergestreckt. Mätzchen aber war gewöhnt, mit Fingern besonders vertraulich umzugehen. Er pickte daher ganz ungeniert auf die Rechte des Baumeisters los, bis dieser mit einem fürchterlichen Fluche zum dritten Male munter wurde. Entsetzt flüchtete das Vögelchen hinauf zur Gardinenstange, und hielt dem Grobian von diesem erhabenen Standpunkte aus eine gepfefferte Ansprache, kam aber damit ganz und gar an den Unrechten; denn dieser brutale Mensch war so gereizt über die ehrlichen Wahrheiten Mützchens, daß er aufsprang, das Handtuch zu einer Art Geißel drehte, und versuchte, den tapferen Verfechter seiner Rechte hinauszujagen. Mätzchen slog darauf nach dem Ofen hinüber, dessen Kachelzinne ihm sicheren Schutz gewährte, und verstärkte von dort aus die Aeußerungeu seiner Entrüstung. „Es ist unglaublich!" stöhnte Heinz Döring. So eine Pechbude habe ich mein Lebtag noch nicht gehabt!" Und abermals lief er zur Klingel. „Ter Herr befehlen?" erkundigte sich lächelnd der Kellner. „Was haben Sie denn hier für freche Vögel?" schnaubte der Baumeister. „Vögel?" „Ja, freilich! Känguruhs sind's doch nicht! Da sehen Sie doch, dort oben auf dem Ofen . . ." „Ach, das ist Fräulein Walrats Mätzchen!" „So? Na, dann sagen Sie Fräulein Wallrat, sie möchte ihren geehrten Vogel hübsch eingesperrt halten. Ich habe durchaus nichts dagegen, daß sie einen hat, beileibe nicht; aber ich will nichts damit zu thun haben, verstanden?" „Fräulein ist daran auch unschuldig, Herr . . ., Herr . . . Tie Damen hatten dies Zimmer vorher, und sind heute früh erst nach der Waldseite umgezogen. Das weiß das Tierchen eben noch nicht richtig. . ." „Ja, ja, schon gut. Nun schaffen Sie aber das Vieh hinaus. Ich möchte schlafen!" Der Kellner versuchte daraus sein Heil, und lockte, so süß er nur konnte. Aber Mätzchen chjen ihm nicht sonderlich zu trauen. Es blickte ihn mit seinen kleinen schwarzen Spitzbubenaugen pfiffig von der Seite an, und blieb auf seinem Posten. \.^ „Er kommt nicht!" bestätigte der'Jüngling endlich. „Tas scheint mir auchj so!" spottete Heinz. „Ich werde Fräulein Wallrat rufen!" erklärte der andere, trat ans Fenster, und brüllte so laut es seine Lungen hergeben wollten: „Fräulein Wallrat, Ihr Mätzchen ist oben im alten, Zimmer!" worauf es aus ziemlicher Entfernung: „Ich komme gleich!" zurückschallte. Keine Minute später flog auch schon etne junge Dame ins Zimmer, bei deren Anblick Heinz Döring in ein ganz merkwürdiges Erröten verfiel, was seinem männlichen Gesicht nicht gerade übel stand. Wo hatte er dieses schöne schlanke Fräulein mit den dunkelblauen Augen, die das Feuer der schwarzen zu haben schienen, schon gesehen? Richtig, jetzt besann er sich. Im Sedan-Panorama hatte sie vor ein paar Wochen neben ihm gestanden, und ihn schon damals durch ihr herrliches Ebenmaß, die Grazie ihrer Bewegungen, die mädchenhafte Reinheit ihres lieblichen Antlitzes entzückt. Er mußte sie an jenem Tage wohl etwas auffällig ange- starrt haben; denn mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde des Unmutes hatte sie ihm plötzlich den Rücken zugewandt, und als sie gleich darauf hatte niesen müssen, und er ihr, halb unwillkürliche das etwas aus der Mode gekommene „Zur Gesundheit!" zugerufen hatte, war sie mit einem stolzen Blick, der sich jede Art von Vertraulicht- keit energisch zu verbitten schien, zum Ausgang geschritten. „Merkwürdig", dachte er mit einem leisen Gefühl der Beschämung über die damalige, und auch die augenblickliche Szene, doch nicht minder mit einer Anwandlung auf- wallender Freude, „wie man sich im Leben wiederfindet!" Die junge Dame schien ihn nichjt wieder zu erkennen, obgleich sie bei seinem Anblick bestürzt zurückgewichen war. Sie hatte geglaubt, das Zimmer noch nicht wieder besetzt zu finden. „Verzeihen Sie nur, mein Herr", sagte sie mit einem leisen Anflug von Verlegenheit, der sie allerliebst kleidete, „unser Mätzchen ist noch an diese Klause gewöhnt, die wir heute mittag erst verlassen haben!" Und dabei hielt sie ihr Racket wie ein Tellerchen zum Ofen hinauf, und fing dann an, zu locken. „Komm, komm, mein süßes Mätzchen!" „Wenn er da noch widerstehen kann, hat er kein Herz!" agte Heinz Döring galant, wofür ihn sofort ein sehr abkühlender Blick traf. Aber er hatte einen solchen erwartet, und ließ sich! dadurch! also nicht sonderlich beirren. „Sie haben übrigens durchaus keine Ursache, um Verzeihung zu bitten, gnädiges Fräulein", fuhr er fort.. „Hätte ich vorhin mein Fenster nicht offen gelassen, so wäre Ihr Vögelchen nicht in Versuchung gekommen, meinen Schlummer zu stören. Ueberhaupt, wenn ich nicht so sehr erschöpft von meiner Tour heute gewesen, und dadurch mit meinen Nerven in Zwist geraten wäre, würde mir der muntere Knirps entschieden Vergnügen gemacht haben. So aber. . .! Durch eine musikalische Barbarei schon vorher gestört. . . ." „Ah, dann habe ich sogar doppelt nötig, Ihre Nachs- sicht anzurusen. Die ausübende Barbarin war ich!, mein Herr! Entschuldigen Sie tausendmal, daß ich! gewagt habe, Ihre zarten Ohren mit meiner widerwärtigen Stimme zu belästigen!" Während dessen war Mätzchen vergnügt vom Ofen herunter gehüpft, hatte sich seiner schönen Herrin auf die Schulter gesetzt, und verließ nun mit dieser in stummer Verachtung das Zimmer Heinz Dörings. „Wer, mein verehrtes, gnädiges Fräulein", stammelte Heinz, fassungslos, „ich meinte ja. . ., ich sagte doch nicht Doch die Thür hatte sich! hinter der beleidigten Königin schon geschlossen, und es blieb ihm nichts übrig, als den dumm grinsenden Kellner mit einer heftigen Verwünschung zum Teufel zu schicken. (Fortsetzung folgt.) Extreme Hitze und Kälte. Von Dr. Theodor Adler. (Nachdruck verboten.) Bei den überraschenden Entdeckungen, welche Physik und Chemie in den letzten Jahren zu verzeichnen haben, hat die Erzeugung ungewöhnlich! hoher oder niedriger Temperaturen eine entscheidende Rolle chspielt. Hitzegrade, welche 2000 Grad des hundertteiligen Thermometers weit überschreiten, und Kältegrade, welche tief unter —100 Grad herabgehen, und noch vor wenigen Jahrzehnten als das äußerst Erreichbare galten, sind heute etwas Alltägliches, was in der Industrie seine regelmäßige Verwendung findet, und die thatsächlich erreichten Temperaturextreme gehen weit nach! oben und unten über die angeführten Zahlen hinaus. Die Resultate des theoretischlen Studiums im Laboratorium des Forschers finden bei den Naturwissenschaften stets früher oder später eine gewinnbringende praktische Verwertung, und das ist Ansporn genug zu neuen Fortschritten, deren gerade auf dem Gebiete der Hitze- und Kälteindustrie zahlreiche in jüngster Zeit zu verzeichnen sind. Um bedeutende Kälte zu erzielen, gießt es im allgemeinen zwei Wege, welche viel Aehnlichkeit miteinander haben, indem man entweder die Abkühlung benutzt, welche Gase bei rascher Ausdehnung erleiden, oder "jene Abkühlung, welche eintritt, wenn leicht verdunstende Flüssigkeiten in Gasform übergehen. Von letzterer Thatsache kann man sich! sehr einfach überzeugen, wenn man die Kugel eines Quecksilberthermometers mit loser, in Aether, Chloroform oder Spiritus getränkter Watte umwickelt und einen kräftigen Luftftrom, etwa denjenigen aus einem Blasebalg, darauf lenkt, welcher eine schnelle Verdunstung der Tränkflüssigkeit und ein Sinken der Temperatur bis weit unter den Nullpunkt zur Folge hat. Durch die mäßigen Kältegrade, welche man vor etwa 25 Jahren zu erzeugen wußte, und durch hohen Druck war es um diese Zeit gelungen, sämtliche bekannten Gasarten bis auf wenige in flüssige Form überzuführen. Diese wenigen aber, die sogenannten inco- erciblen oder permanenten, nämlich! Wasserstoff, Sumpfgas, Kohlenoxyd, Stickstoffoxyd, Stickstoff, Sauerstoff und ihre Gemenge, also auch Luft, trotzten den Verflüssigungsversuchen, auch jvenn man den Druck auf tausende von Atmosphären steigerte. Der Grund dazu lag in einem Naturgesetz, nach welchem jedes Gas bis auf eine ihm speziell eigentümliche Temperatur abgekühlt sein muh, ehe es durch Druck verflüssigt werden kann. Oberhalb dieser sogenannten kritischen Temperatur, die natürlich für jedes Gas eine andere ist, sind alle Mühen vergebens, und bei den schon erwähnten permanenten Gasen liegt eben die kritische Temperatur weit unter Null. Die fabrikmäßige! Herstellung flüssiger Kohlensäure wurde nun der Ausgangspunkt zur Erzeugung hoher Kältegrade. Es ist ein beliebtes Laboratoriums-Experiment, indem man flüssige Kohlensäure verdampfen läßt, wobei der Umgebung viel Wärme entzogen wird, Queckfilebr im Zimmer gefrieren zu machen. Aber die Temperaturerniedrigung geht dabei noch weit über die 40 Grad Kälte hinaus, welche man zum Erstarren des Quecksilbers, nämlich bis auf —130 Grad Celsius, braucht. Hiermit konnte man aber wieder andere Gase unter die kritische Temperatur abkühlen und verflüssigen, und indem man dann diese im luftverdünnten Raume verdampfen ließ, brachte man es zu immer bedeutenderen Kältegraden, und mit ihrer Hilfe unter gleichzeitiger Anwendung kolossalen Druckes wurde eines der permanenten Gase nach! dem anderen verflüssigt. Man gelangte so zu 190 bis 200 Grad Kälte, verflüssigte Luft, Stickstoff u. s. w. und erhielt mit deren Hilfe 230 bis 240 Grad Kälte, bei welchen unfaßbar niedrigen Temperaturen man auch! den Wasserstoff und das allerhartnäckigste der Gase, das erst vor wenigen Jahren entdeckte Helium, bändigte. Heich steht man mit erzeubbaren Temperaturen bis zu —256 Grad Celsius nicht wert mehr von jenem absoluten Nullpunkt, welchen die Physiker aus theoretischen, ans der molekularen, kinetischen Gastheorie heraeleiteten Gründen bei —273 Grad Celsius annehmen, und bei welchem alle Atembewegungen zum Stillstand gekommen sein müssen. Nur durch Anwendung dieser extrem tiefen Temperaturen gelangen übrigens die Entdeckungen der zahlreichen gasförmigen Elemente, wie Argon, Metargon, Krypton, Neon, Helium und anderen, welche erst in den letzten Jahren aufgefunden wurden und den Beweis erbrachten, daß die Atmosphäre durchaus nicht so einfach zusammengesetzt ist, wie man bis vor kurzem glaubte. Das einfachste Mittel zur Erzeugung hoher Temperaturen ist die Verbrennung, also zunächst diejenige von Holz und Kohlen und brennbaren Flüssigkeiten, die leicht .in Gasform übergehen. Die damit erzielbaren Hitzegrade lassen uns aber bereits im Stichs wenn wir schwer schmelzbare Metalle, wie z. B. Platin, flüssig machen wollen. Nimmt man ein gewöhnliches Gebläse zu Hilfe, so gelingt es gerade noch bei plus 1800 Grad Celsius, einen Platindraht zum Schmelzen zu bringen. Höher hinaus kann man aber mit diesem Hilfsmittel nicht, weil man in der zur Verbrennung dienenden Gebläseluft ungeschickterweise den vier Fünftel des Luftvolumens einnehmenden Stickstoff der Luft mit erhitzen muß, der nichts zur Verbrennung beiträgt und ein unnützer Ballast ist. Diesen Uebelstand umgeht man, wenn man statt Luft einen Sauerstoff nimmt, welchen man im Knallgasgebläse mit der doppelten Raummenge Wasserstoff zu Wasser verbrennt. Man erreicht damit eine Hitze von 2400 Grad. Theoretisch! sollte man aber eine viel bedeutendere Hitze, nämlich ungefähr 6500 Grad, erhalten. Daß, dieses nun nicht der Fall ist, hat schon viel Kopfzerbrechen gemacht, bis man vor kurzem das Ei des Kolumbus einfach in der Thatsache fand, daß bei den höchsten mit dem Knallgasgebläse erreichbaren Temperaturen von etwa 2400 Grad die Zerlegung des Wassers in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff in großem Umfang stattfindet, daß es also jenseits der genannten Temperatur gar nicht mehr zu der im Knallgasgebläse sinttfindenden Wasserbildung aus seinen Elementen kommen könnte, die ja die eigentliche Ursache der großen Hitzeentwickelung ist. Hans Goldschmidt hat uns vor etwa.zwei Jahren gezeigt, daß besser als alle vorangeführten Brennstoffe sich zur Erzeugung höchster Temperaturen ein Material eignet, welches wohl niemand, da es ein Metall ish als Heizmaterial ansprechen dürfte, nämlich das wohlbekannte, jetzt in großen Massen fabrizierte Aluminium in Pulverform. Es ist nichts einfacher, als mit diesem Stoffe im Zimmer eine Hitze zu erzeugen, welche die eines Hochofens weit übersteigt. Zu diesem Behufe mischt man feines Aluminiumpulver mit einem Material, das leicht Sauerstoff abgiebt, also zum Beispiel Eisenoxyd oder Braunstein oder übermangansaurem Kali, thut das Gemisch in eine Papiertüte, welche man in ein mit Sand gefülltes, feuerbeständiges Gefäß, also beispielsweise in einen Blumentopf, bettet. Dieses Gemisch brennt freilich nicht beim Daranhalten eines brennenden Streichholzes, sondern muß erst durch eine sogenannte Zündkirsche entflammt werden, welche aus ähnlichen, aber leichter entzündlichen Stoffen besteht. Nach 3 bis 4 Minuten ist, die ganze Masse in Reaktion getreten und entwickelt eine Hitze zwischen 3000 und 3500 Grad. Diese Temperatur genügt, um das Aluminium mit dem Sauerstoff des Eisenoxydes eine geschmolzene Verbindung eingehen zu lassen, die identisch ist mit dem als Krystall hoch geschätzten Korund und dem als Schleifmittel bekannten Schmirgel; Eisen schmilzt dabei natürlich zu einer dünnflüssigen Masse, und dieses Verfahren hat auch; bereits in der Praxis seine Verwendung gefunden zum Zusammenschweißen der Enden langer Metallteile, die man ihrer Dimensionen wegen nicht als ganze Stücke ins Feuer bringen kann. Der bequemste Hitzeproduzent bleibt der elektrische Strom, der jetzt vorzugsweise im Moissanschen Ofen verwendet wird. Derselbe besteht aus einem ausgehöhlten Kalktigel, welcher durch einen ebensolchen Deckel verschlossen wird, und in welchen von zwei entgegengesetzten Seiten her die bis aus eine kleine Entfernung einander genäherten Kohlenstifte hlneinreichen, die mit dem positiven bezw. negativen Poldraht einer elektrischen Kraftquelle verbunden sind. Zwischen beiden Kohlenstiften entsteht durch den elektrischen Strom der Tavysche Lichtbogen, den jeder von den Bogenlampen her kennt. Dieser Ofen, in, welchem die Hitze über dreieinhalb Tausend Grad gesteigert werden kann, nnd der eigentliche eine Erfindung des Charlottenburger Elektrikers Siemens ist, aber nach dem Franzosen Mvissan benannt wird, weil dieser mit Benutzung desselben eine Reihe Wichttiger Entdeckungen machte, hat zur Darstellung des Diamanten, des Rubins, des Calciumcarbides, des Carborundes und noch vieler anderer hochinteressanter Stoffe geführt, und wenn auch! die künstlichen Diamanten und Rubinen sicht in den Kosten weit höher stellen als die natürlichen, so sind dafür die anderen Stoffe um so wichtiger, namentlich das Calciumcarbid, aus welchem bekannter-- maßen Acetylengas gewonnen wird. Ein anderer aus diesem Wege gewonnener Stoff ist das Urancarbid, welches in Verbindung mit Wasser Kohlenwasserstoffe liefert. Unser Petroleum ist nichts anderes als ein Gemenge der verschiedensten Kohlenwasserstoffe, von welchen man im allgemeinen annimmt, daß sich dieselben aus tierischen Körpern der Urzeit durch langsame Zersetzung im Erdinnern gebildet haben. Es ist nun aber nach den chemischen Reaktionen der Carbide die Vermutung nich'f von der Hand zu weisen, daß sich, dieselben auch durch das in die Erde eindringende Wasser aus Carbiden gebildet haben können, an denen unser Planet in den Zeiten, als derselbe noch einige Tausend Grad wärmer war als heute, sehr reich! gewesen sein muh. Interessant sind die physiologischen Wirkungen extremer Temperaturen auf lebende Organismen. Strömender überhitzter Wasserdampf tötet organisches Leben in kürzester Zeit, und es wird bekanntlich von diesem Umstande zur Sterilisierung von Verbandstoffen, zum Keimfreimachen von Konserven und Getränken, und vor allem bei fast sämtlichen chirurgischen Operationen der ausgedehnteste Gebrauch gemacht. Dasselbe Ziel wird unter Anwendung größerer trockener Hitze erreicht; nur muß dieselbe durch eine erhebliche längere Zeit einwirken, um das widerstandsfähige Heer der Kleinlebewesen, unter denen sich die gefährlichsten Krankheitserreger befinden, zu vernichten. Je höher wir nun im Stammbaum des Lebens hinaufgehen, um so tiefer sinkt das Hitzemaximum, welches vertragen wird. Am empfindlichsten zeigen sich diejenigen Geschöpfe, die im Wasser lebend, jahraus jahrein einer annähernd gleichmäßigen Temperatur unterworfen sind, also vor allem die Meertiere. Auch die Süßwasserfische können große Wärmeschwankungen schlecht vertragen, und namentlich die Forelle ist in dieser Beziehung höchst empfindlich. Die warmblütigen Tiere sind fast noch weniger widerstandsfähig, am allerwenigsten der Mensch, der, wie das Beispiel von Dampfkesselexplosionen und des Platzens von Dampfrohren zeigt, eine ausgedehnte Verbrühung regelmäßig mit dem Tode bezahlen muß. Trockene Hitze wird viel besser vertragen, wie jeder weiß, der gewöhnt ist, in den Dampfbädern die römischlirische Trockenkammer zu benutzen, wo eine Temperatur zwischen 40 und 60 Grad Celsius herrscht. Französische Masseure bringen in gewissen Heilanstalten in Paris bis zu 10 Stunden ohne Schaden in Räumen zu, welche auf 70 bis 80 Grad Celsius erhitzt sind; ja man kann in solchen Schwitzkammern und in den Kammern von Ziegelöfen selbst Temperaturen bis zu 120 Grad Celsius auf die Dauer von einigen Minuten bis zu einer Viertelstunde aushalten. Was nun die Wirkung niederer Temperaturen betrifft, so ist der Mensch — natürlich! dank seiner Kleidung — das widerstandsfähigste aller Säugetiere. Die Thatfache, daß in der ostsibirischen Stadt Werchojansk Monate hindurch eine Temperatur herrscht, bei der das Quecksilber gefroren bleibt, und welche sogar manchmal bis - -69 Grad Celsius inkt, spricht eine beredtere Sprache als viele Worte. Pictet hat in einem Gefrierkabinett, dessen Temperatur er bis auf —110 Grad Celsius erniedrigen konnte, Versuche über das Verhalten verschiedener Tiere gegen Kälte gemacht. Bei Fischen ist ein Erfrieren unter Kältegraden zwischen 20 und 30 Grad ohne Schaden für den Wiedereintritt des Lebens nach dem Auftauen. Frösche, Blindschleichen und die Eier von Seidenraupen ertragen Kältegrade bis zu 40 Grad; Weinbergschnecken endlich wurden durch 10 Tage einer Temperatur von —100 Grad ausgesetzt und gelangten nach! dem Auftauen wieder zum Leben. Noch erstaunlicher ist die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen und Pflanzensamen. Samenkörner von Weizen, Hafer, Kürbis, Hornklee, Erbsen, Sonnenblumen, die vorher lufttrocken gemacht waren, verloren ihre Keimkraft nicht, trotzdem fie 110 Stunden hindurch einer Kälte zwischen 180 und 190 Grad ausgesetzt waren, und Bakterien gar erwiesen sich! trotz tagelanger Kälte von 215 Grad als lebens- und fortpflanzungsfähig. Bei Krankheiten der Verdauungsorgane, bei Diabetes und Neurasthenie erwies sich! die Einwirkung der Kälte sogar als gesundheitsförderlich, und die Pariser Aerzte wandten die lokale Kälte mit Erfolg zur Behandlung von Appetitlosigkeit bei Tuberkulösen an, indem sie einen Sack mit fester Kohlensäure von —80 Grad Celsius auf die durch! eine dicke Watteschicht gegen die direkte Einwirkung geschützte Magen- und Lebergegend derartiger Patienten legten. Gemernnützige». Bowle von Waldmeister, Erdbeeren, Ananas oder Pfirsichen kennt jeder. Daß alle diese Erreger einer gemütlichen Heiterkeit und jubelnden Frohsinns übertroffen werden an Feinheit und Bekömmlichkeit durch die Waldbowle, ist weniger bekannt. Die neueste Nummer des praktischen Ratgebers im Obst^- und Gartenbau, die vom Geschästsamt an der Oder kostenlos zu erhalten ist, enthält folgendes Rezept einer Wald- oder Heubvwle: Man verwendet ausschließlich das Ruchgras, Anthoxantum odoratum, welches in lichten Wäldern und an Waldrändern im Juni und Juli gesammelt werden kann. Die ganzen Halme werden mit einer Flasche leichten Mosel übergossen, aber schon nach 10 Minuten herausgenommen. Zuckerzusatz nach Geschmack und Belieben. Die weitere Behandlung ist bekannt! Fa- milien-Bowle erfordert nur einen Zusatz von Selterswasser oder Sauerbrunnen. Verwöhntere Gaumen greifen dagegen zum Schaumwein. Ein den RosenhIochstämmen sehr gefährliches Insekt ist der Rosenbiohrer, der namentlich sich in das Mark des Wildstammes einfrißt und die Ursache wird, daß die von ihm bewohnten Teile mit der Zeit absterben. So lange das Tier noch im Bereich des Messers ist, kann der Bohrer durch Ausschneiden beseitigt werden. Ist er jedoch schon weiter in den Stamm hinabgekrochen, dann empfiehlt es sich, mit einer Nadel in das Bohrloch zu stechen, oder etwas mit Erdöl vermischten Brennspiritus hineinzuträufeln, worauf das Bohrloch mit flüssigem Baumwachs verschlossen wird. („Prakt. Wegw.", Würzburg.) Scherzrätsel. Nachdruck verboten. In dir, in mir, in Tier und Stein; Doch kommt ein Zeichen noch hinein, Wird's ein bekannter Vogel sein. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzätsels in voriger Nummer: E va Se gel Eva, Egel, Segel, See, Vase. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen IlniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.