(Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Sowohl die jungen Mädchen wie ihre Ritter waren dem Assessor oberflächlich bekannt, aber, er dachte nicht daran, daß sie seinem Alleinsein mit Felicia und dem plötzlichen Stocken ihrer Unterhaltung eine von der Wirklichkeit sehr weit abweichende Teurung geben könnten. Als sie sich nach einer kleinen Weile wieder entfernt hatten, von den Klängen eines eben intonierten Walzers mit unwiderstehlicher Gewalt in den Tanzsaal zurückgelockt, sagte er mit einem Lächeln, das gegen seinen Willen recht wehmütig aussiel: „Wie glücklich, sie sind! Wahrhaftig, man könnte sre darum beneiden, wenn nicht der Neid zu den ganz und gar verbotenen Empfindungen gehörte." „Nicht zu den verbotenen allein, sondern auch zu den thörichten. Wäre es nicht in der That viel vernünftiger, es ihnen nachzuthun?" „Gewiß — wenn dazu ein guter Vorsatz allein ausreichend wäre! Aber die Lebensfreude ist ein Geschenk der Götter. Und nur auf den Höhen des Olymps fließt der Nektar, aus dem man sich nach Belieben diesen süßen Rausch äutrinken könnte." „Sie irren. Ein solcher Nektarquell sprudelt, wie ich meine, in jeder Menschenbrust. Und oft, wenn wir ihn völlig versiegt glaubten, hatte er sich nur zeitweilig unter 'allerlei Schutt und Trümmern verloren, die wir in selbstquälerischer Thorheit mit eigenen Händen über ihn gehäuft. Man muß nur den Mut und den festen Willen haben, sie hinweg zu räumen, wenn man den beglückenden Born in neuer'Fülle aufquellen machen will." Ob es der berückende Zauber ihrer Schönheit war, der — ihm selber unbewußt — auf ihn wirkte, ob der feine, süße Tust ihn berauschte, der sie umgab, oder die holde Musik im Klang ihrer Stimme, jedenfalls hatte er mit einem Male die Empfindung, daß eine göttliche Wahrheit sei in dem, !vas sie gesprochen. Und seine unmännliche Trauer um ein verlorenes Glück, fein Sehnen uitb Verlangen nach einem Weibe, das ihn kaltherzig von sich Dienstag den 26. November. 1901. — Nr. 170. M Sfe..£ ■ 3 gibt keinen Teil des menschlichen Lebens, weder in öffentlichen noch in Privat-Geschäften, weder in Angelegenheiten des Staates noch der Familien, weder wenn man mit sich allem zu thun hat, noch wenn man mir andern in Verbindung tritt, der nicht seine eigenen Pflichten habe, in deren Beobachtung allein die wahre Ehre des Menschen, sowie in ihrer Vernachlässigung seine Schande liegt. Cicero. gestoßen hatte, erschienen ihm plötzlich so schwach und thöricht, daß er sich ihrer in tiefster Seele schämte. Auch ihm war der himmlische Quell der Lebensfreude unter Schutt und Trümmern versiegt. Warum sollte nicht auch er im stunde sein, ihn aufs neue hervorsprudeln zu lassen? „Ja, Sie haben Recht, Felicia! Man muß nur den Mut und den festen Willen dazu haben. Hören Sie den Walzer, den man da drüben spielt? Kommen Sie! Wir wollen ihn tanzen." „Aber die andern, denen ich vorhin gesagt habe, daß ich heute nicht tanzen würde — ?" „Ah, was kümmern uns die andern? Wollen Sie Ihrs eigene Lehre Lügen strafen, indem Sie sich und mich durch ein so kleinliches Bedenken hindern, den Augenblick zu genießen? Denn das allein ist die rechte Lebensfreude, die ohne Zaudern und Zagen die Gunst des Augenblicks auskostet." Er stand schon vor ihr, bereit, ihr feinen Arm zu reichen, und sie widerstrebte nicht länger. Mit einem leuchtenden Blicke sah sie zu ihm auf, und ohne etwas Weiteres zu sprechen, kehrten sie in den Saal zurück. Halb geblendet von dem plötzlich auf sie einströmenden Glanze der elektrischen Lampen, umwogt von einer heißen, duftgesättigten, sinnumnebelnden Atmosphäre und getragen von den feurigen Rhythmen der berauschenden Musik, flogen sie wenige Sekunden später in dem Wirbel der Tanzenden dahin. Weich und hin geb end schmiegte sich Felicias herrliche Gestalt in Herberts Arm, der Hauch ihres warmen Atems! streifte seine Wange, und bis zu dem Augenblick, da die Geigen rind Flöten droben auf der Empore verstummten, wähnte er wirklich, wieder in vollen Zügen aus dem so lange versiegten Borne der Lebensfreude zu trinken. Elftes Kapitel. War es dennoch nur eine Täuschung, nur eine flüchtige Aufwallung der erregten Sinne, ein armseliger Selbstbetrug gewesen? Als sie mit klopfendem Herzen inne halten mußten, weil die Musik verstummte, hatte sich für Herbert Ignatius mit einem Schlage wieder alles verwandelt. Er sah sich von gleichgiltigen, neugierig gaffenden Gesichtern umgeben, er hörte das Gewisper halblauter Bemerkungen, die sich ohne Zweifel auf ihn oder auf seine schöne Tänzerin bezogen, und es war ihm zu Mute wie manchmal in seinen Knabenjahren, wenn ihm nach geschehener That das Unsinnige und Lächerliche irgend eines tollen Streiches zum Bewußtsein gekommen war. Unzufriedener noch als vorhin mit seiner vermeintlichen Schwäche war er jetzt mit diesem gewaltsamen Versuch, das Göttergeschenk der Freude zu erzwingen, und Furcht beschlich ihn bei dem Gedanken, daß Felicia den Wunsch hegen könnte, zu einer Fortsetzung ihres unterbrochenen Zwiegespräches in das einsame Nebengemach zurückgeführt zu werden. Aber sie äußerte zu feiner Beruhigung nichts, das sich — 678 — dls ein solches Verlangen hätte deuten lassen; sie schien vielmehr ganz damit einverstanden, daß er sich dahin wandte, wo er die ihre nächste Umgebung weit überragende .Gestalt seines Vaters erspäht hatte. Ter Stadtrat, der ersichtlich in der allerbesten Laune war, empfing sie mit einem Scherzwort und sagte Felicia eine Schmeichelei über die Grazie ihres Tanzes. Hilde aber legte sogleich ihren Arm um die Taille der Freundin und zog sie ein wenig beiseite. „Ich muß Dir schon gute Nacht wünschen, liebste Fea; denn wir sind eben im Begriff, aufzubrechen. Ich sehe es meiner armen Mutter an, daß sie sich wieder sehr leidend e, Wenn sie es auch durchaus nicht zugeben will. Und in habe ich es bei dem Vater durchgesetzt, daß wir das Fest verlassen. Tu aber wirst gewiß noch bleiben wollen, umsomehr, als Tu ja erst jetzt angesangen hast zu tanzen." „Nicht doch", erklärte Felicia sofort, „ich gehe selbstverständlich mit euch. Mein Durst nach Vergnügen ist vollständig gestillt." , Auch Herbert erhob keinen Einwand, als er von der Absicht der ©einigen erfuhr, und schon wenige Minuten später verließen sie alle mit einander den Saal. Draußen in der Garderobe trafen sie mit zwei anderen Familien ihrer Bekanntschaft zusammen, die sich ebenfalls für den Heimweg rüsteten, und so geschah es, daß man in großer Gesellschaft äuf die Straße hinaustrat. Es waren Droschken genug da, um alle aufzunehmen; aber ein junges Mädchen — es war eines von denen, die Herbert und Felicia vorhin in ihrem Plauderwinkel überrascht hatten — machte beit Vorschlag, gemeinschaftlich zu Fuß nach Hause zu gehen, da es sich augenscheinlich noch nicht gar so schnell von seinem Kavalier zu trennen wünschte. Und der Vorschlag fand eine so lebhafte Unterstützung von feiten der anderen Damen, daß er nach rascher Beseitigung der von besorgten Vätern und Gatten geltend gemachten Bedenken zunt Beschluß erhoben wurde, zumal es eine sehr schöne, windstille und mondhelle Nacht war und die Damen in ihren dichten Umhüllungen von der herrschenden Kühle wenig empfanden. Die Wohnungen der verschiedenen befreundeten Familien lagen nahe bei einander und in ziemlich bedeutender Entfernung von dem Festlokal. Trotzdem entschloß man sich der Mondscheinpoesie zuliebe noch zu einem Umwege, der am Flußufer entlang und bann durch einen Teil des seines Blätterschmuckes allerdings längst beraubten Stadtparkes, des sogenannten Französischen Gartens, führte. Man ging zu zweien, und da unter den Paaren einige waren, die für ihre Unterhaltung keine Zeugen zu haben wünschten, zog sich die Reihe allgemach immer weiter auseinander. Nur durch einen Zufall, nicht durch ein absichtliches Bemühen des Assessors war es geschehen, daß er sich mit Felicia an der Spitze des Zuges befand, und nicht feine Schuld war es, wenn sie den andern bald um ein beträchtliches Stück voraus waren. In befangenem Schweigen hatten sie die erste Strecke ihres Weges zurückgelegt, dann aber hatte Herbert von einem Buche zu sprechen begonnen, dessen Lektüre er seiner Base vor kurzem empfohlen, und eine geistreiche Erwiderung Felicias war zum Ausgangspunkt ihrer ruhigen Unterhaltung geworden. Sie hatten die bebauten Straßen verlassen und schritten schon seit einigen Minuten auf den moudbeschtenenen Wegen des Französischen Gartens dahin, als sich plötzlich aus dem Dunkel einer Baumgruppe zu ihrer Rechten eine menschliche Gestalt loslöste, die sich ihnen in mehr herausfordernder als demütiger Haltung entgegenstellte. „Ein armer Familienvater bittet um eine kleine Unterstützung", knurrte die branntweinheisere Stimme des verhältnismäßig gut gekleideten, aber von allen Lastern gezeichneten Menschen, und seine kleinen, stechenden Augen suchten mit unverschämter Dreistigkeit Felicias Gesicht. Aber der Assessor erhob befehlend die Hand: „Gehen Sie aus dem Wege! Ein Straßenbettler erhält von mir niemals ein Almosen." Ter Mgewiesene rührte sich nicht vom Flecke. „Na, thnn Sie nur nicht so großartig. Wenn man Geld genug übrig haß sich ein hübsches Schätzchen zu halten, kann mau auch einem armen Teufel etwas davon Lukommen lassen. Schon wegen Ihres Liebchens sollten wir die Sache in aller Gemütlichkeit abmachen." j-_. „Unverschämter!" donnerte ihn Herbert an. „Auf der Stelle geben Sie den Weg frei, oder —" Aber es schien, daß der Strolch nur auf das erste schmähende oder drohende Wort gewartet hatte, um seine vermutlich von vornherein gehegten gewaltthätigen Ab- ichten auszuführen. Mit einem höhnischen Auflachen teilte er sich nur um so breiter vor Felicia hin, und als; wr Assessor seinen Arm ausstreckte, um ihn zur Seite zu chteben, führte er mit geballter Faust einen Schlag gegen! das Gesicht des jungen Mannes. Herbert war auf den Angriff vorbereitet gewesen und hatte deshalb dem wuchtigen Stoße noch rechtzeitig ausweichen können. Zu einem zweiten aber ließ er den Wege- lagerer nicht erst kommen; denn wie er ihm an Körpergröße überlegen war, so war er es auch an Kraft und Gewandtheit. Mit eisernem Griffe packte er den Menschen an der Kehle und zwang ihn in die Kniee nieder. Da der Angreifer sich keiner Waffe bedient hatte, war die Situation nicht allzu gefährlich, und sie verlor vollends alles Bedrohliche, als nun auch schon am Ende des Weges einige Gestalten auftauchten, die ohne Zweifel zu der Gesellschaft des Stadtrats gehörten. Der Vagabund, der in dem Glauben gewesen toar,: nur ein einsam wandelndes Liebespaar vor sich zu haben, gab denn auch bei ihrem Anblicke sofort jeden weiteren Widerstand auf. Mit Daransetzung seiner ganzen Kraft riß er sich aus dem umklammernden Griffe des Assessors los, und unter wütenden Schimpfworten verschwand er in langen Sätzen zwischen den dunklen Stämmen. Der ganze Vorgang hatte sich innerhalb weniger Sekunden abgespielt, und es war begreiflich, daß Felicia in! ihrer ersten Bestürzung nicht einmal daran gedacht hatte, einen Hilferuf auszustoßen. Erst in dem Augenblicke, da der Strolch das Weite suchte, schien sie die Sprache und! die Herrschaft über ihre Glieder zurückzugewinnen. Denn' mit einem Aufschrei, in dem sich all die eben ausgestandene tätliche Angst ihres Herzens Lust machte, flog sie auf Herbert zu und schlang voll leidenschaftlichen Ungestüms ihre Arme um seinen Hals. Sie sprach kein Wort, aber er fühlte das Schluchzen, das ihren Körper schüttelte, und! die warme Berührung ihrer an seine Wange gepreßten Stirn. „Um Gotteswillen, liebe Felicia", raunte er ihr §u,: fassen Sie sich! Die Gefahr ist ja vorüber." Aber ihre Arme klammerten sich nur fester um seinen! Nacken, und er hätte sie mit Gewalt von sich abschütteln! müssen, um sich aus dieser zärtlichen Umarmung zu befreien. Nicht einmal das Durcheinander aufgeregter, fragender Stimmen, das sie nach wenig Augenblicken umschwirrte, konnte Felicia bestimmen, ihren Kopf von feiner Schulter zu erheben, und je bedeutungsloser in seiner mit einigen! raschen Worten gegebenen Darstellung das eben erlebte Abenteuer schien, desto größeres Befremden mußte naturgemäß die Situation erregen, in der man die Beiden erblickte. Trotzdem aber hätte Herberts natürliches Taktgefühl wahrscheinlich noch das rechte Mittel gefunden, von vornherein einem peinlichen Mißverständnisse vorzubeugen,' wenn nicht die für sein Empfinden über alle Maßen unzarte und geradezu unbegreifliche. Einmischung seines! Vaters ihn daran gehindert hätte. Mit ©rftaunen und! Bestürzung sah er, daß der Stadtrat seine Hand wie segnend auf das mit einem seidenen Kopftuche leicht umhüllte Haupt Felicias legte, indem er mit einem Ausdruck inniger Rührung sagte: „Wenn das Attentat dieses Straßenräubers keinen! anderen Erfolg gehabt hat, als den, uns.eine so freudige Ueberraschung zu bereiten, so verdient er viel mehr unseren Dank als unseren Unwillen. Etwas so Fürchterliches also mußte sich ereignen, um uns Euer Geheimnis! zu offenbaren, Ihr wunderliches, junges Volk? Nun, Gott segne Euch, meine lieben Kinder!" „Vater, ich bitte Dich —" flüsterte Herbert, den es! heiß und kalt überrieselt hatte. Und da er jetzt auch seine Schwester neben sich erblickte, fügte er, die Hände der Amerikanerin sanft von seiner Schulter lösend, hinzu: „Ta ist Hilde — sie wird sich Ihrer anuehmen, liebe Felicia! Ich hoffe dochs der Schrecken hat Ihnen nickft weiter geschadet." Sie erhob ihren Kopf und sah zu ihm auf mit einem! Blick, der ihn um den Rest seiner Fassung brachte; denn ein — 679 —. heißeres Liebesgeständnis war sicherlich! niemals in schönen Mädchenaugen gewesen. „Nein, Herbert, nein, — nun ist ja alles, alles gut!" „Gewiß ist's gut!" rief der Stadtrat mit einem jovialen Lachen. „Meine Tomen und Herren, ich habe die Ehre, Ihnen das jüngste Brautpaar unserer Stadt vorzustellen. Und ich denke, eine Verlobung unter gleich romantischen Umständen werden Sie nicht sobald wieder erleben." Herbert stand wie betäubt. Er hörte, daß fröhliche Stimmen ihn umschwirrten, daß man ihn beglückwünschte und ihm scherzende Worte zurief, er fühlte den kräftigen Händedruck seines Vaters und sah, Ivie Felicia und Hilde sich innig umschlungen hielten. Aber dies alles mutete ihn an wie ein toller Spnck oder ein wüster Traum, der sich sogleich wieder in nichts auflösen müsse. Es dünkte ihn unfaßbar und unmöglich, daß diese närrische Komödie volle, greifbare Wirklichkeit sein sollte. Ta legte sich eine kleine weiche Hand auf die seinige, und eine schelmische Stimme sagte so laut, daß sicherlich alle Umstehenden es hörten: „Ich gratuliere, Herr Assessor! Aber für mich ist die Ueberraschung nicht gar so groß. Meine Freundin Elly und ich, Wir ahnten es schon, als wir sie mit dem Fräulein in dem abgelegenen Nebenzimmer sitzen sahen, und als Sie einander nach Unserem Eintritt plötzlich so gar nichts mehr zu sagen wußten. Elly wollte sogar eine Wette daraus eingehen, und ich bin froh, daß ich nicht dagegen gehalten habe." Tie harmlos gemeinten Worte des übermütigen Back- sischchens wirkten 'auf Herbert wie ein Sturzbad eiskalten Wassers. Denn sie zeigten ihm mit einem Male in voller Klarheit, daß es gar nicht mehr in seine Macht gegeben war, dies unglückselige Mißverständnis durch eine einfache Erklärung aus der Welt zu schaffen. Er selbst hatte ja durch sein unbedachtes Verhalten dazu beigetragen, es heraufzubeschwören, und nimmermehr hätte Felicia sich einem so verhängnisvollen Irrtum hingeöen können, wenn nicht die Worte, mit denen er sie vorhin zum Tanz aufgefordert, im Verein mit seinem ganzen Benehmen eine T-eutung zugelasscn hätten, wie sie ihnen allem Anscheine nach von ihr gegeben worden war. Er war in Versuchung, sich mit der Faust vor die Stirn zu schlagen, Und überhäufte sich im Stillen mit den grimmigsten Vorwürfen. Aber er mußte schweigen, denn jeder Versuch einer Aufklärung, in welche Form auch immer er ihn kleiden mochte, wäre in diesem Augenblick gleichbedeutend gewesen mit einer vernichtenden Beschämung für Felicia. Daß sie später erfolgen müsse — daß dieser klägliche Irrtum unter keinen Umständen auch nur vierundzwanzig Stunden lang bestehen bleiben dürfe, galt ihm freilich als ganz gewiß. In dieser Nacht nur und vor diesen fremden Menschen tocir er zum Schweigen verurteilt; morgen mußte er sprechen, und er hoffte, daß es ihm bis dahin gelingen werde, das Auskunftsmittel zu finden, durch das alle Beschämung und der grausame Fluch der Lächerlichkeit auf ihn allein gehäuft wurden. Was und mit wem er gesprochen hatte, während er inmitten des plaudernden Schwarms den Heimweg vollendete, war ihm später ganz und gar aus der Erinnerung geschwunden. Er wußte nur, daß man zunächst Felicia bis an die Thür ihres Pensionats geleitet statte und daß sie dort noch einmal mit dem stolzen Lächeln einer glücklichen Fürstin eine Flut von guten Wünschen hatte über sich ergehen lassen. Und er erinnerte sich auch, daß er ihr die Haud geküßt hatte, indem er ihr zuraunte: „Wann darf ich mich morgen bei Ihnen melden lassen, Um unter vier Augen mit Ihnen zu sprechen?" „Nicht früher als am späten Nachmittag — ich bitte Sie dringend darum", war ihre mit ebenso leiser Stimme erteilte Antwort gewesen. Und dabei hatte sie so warm und zärtlich seine Hand gedrückt, daß er sich zusammennehmen mußte, stm sie nicht dennoch auf der Stelle aus ihrer Täusch!- ung zu reißen. (Fortsetzung folgt.) Mündeln. Bon Fred H o!o d. Nachdruck verboten. Ter Mandelbaum, welcher int Kaukasus heimisch ist, gehört zur Gattung der Amygdaleen oder — im weiteren Sinne — zu der großen Pflanzenfamilie der Rosaceen. Es gießt etwa 10 Arten in Südeuropa und int Orient, doch ist Amygdalus communis, der gemeine Mandelbaum, unter, ihnen 'die weitaus wichtigste Pflanze für die Industrie.: Tie Verschiedenheit des Mandelbaumes ist eine so bedeutende und so wenig feststehend, daß selbst Prof. Hanausek, der hervorragende Kenner der Nahrmigs- und Genußmittel aus dem Pflanzenreiche, es als außerordentlich schwierig bezeichnet, iit dieser Hinsicht halbwegs sichere Formen und Normen anfzuftellen. Für die Nahrungsmittelkunde genügt die Unterscheidung nach dem Geschmack und der chemischen Zusammensetzung der Mandeln. Sie liegen in einer Schale, bereit Stärke und Haltbarkeit sehr verschieden ist. Bei den Prinzeß- oder Krachmandeln ist sie dünn und leicht zerbrechj- lich und mit einem rauhen, körnigen Ueberzug versehen, während bei den gemeinen Sorten die beinharte Steiw- schale eine Stärke von 4—5 Millimetern erreicht. Die in der Schale liegenden Mandeln bilden den Samen des Baumes; sie sind von einer zünmetbraunen, eigentümlich lederartigen rauhen Samenhülle fest umschlossen. Tie süßen und bitteren Mandeln unterscheiden sich äußerlich gar nicht, obwohl von vielen behauptet wird, daß die bitteren : Mandeln etwas kleiner seien. Aber ihre Jnhaltstoffe unterscheiden sich wesentlich. Die bitteren Mandeln enthalten nämlich Amygdalin, ein stickstoffhaltiges Glykosid, ferner Emulsin, einen Eiweißstoff, der die Eigenschaft besitzt, das Amygdalin bei Gegenwart von Wasser in Blausäure, Bittermandelöl und Zucker zu zerlegen. Zerstößt man Bittermandeln in Wasser, so fließt sich das blausäurehaltige Bittermandelöl sofort durch feinen charakiertsti- schen Geruch kund. Es ist ein Gift, welches auf viele Tiere tätlich wirkt, und auch für den Menschen nur in. kleinen Mengen unschädlich ist. Von den zahlreichen Sorten süßer Mandeln werden ttt der Nahrungsmittel-Industrie wegen ihres Wohlgeschmacks und ihrer Größe besonders die spanischen oder Valencia- Mandeln geschätzt. Tie. Provence liefert fast bruchfrete Mandeln. In Frankreich sind für oie feinsten Sorten die Bezeichnung „Prineesses", für halbfeine Sorten die Bezeichnungen „Dames de Provence", „Ai", „Dames de Languedoc", „Ma- theronnes", „Alerannes" und „Molieres" sehr gebräuchlich. Zu den hartschaligen gehören die„Flöts", die„Tourne- fort", die „Beraudes", die „Races" und die „Vertcs". Jede der Abarten hat ihre besonderen Verwendungen und ihren 6 c^oh bereit $8eit. 1 Tie Prinzeßmandeln der Provence sind sehr begehrt : sie werden frisch oder getrocknet als Dessertmandeln gegessen. Je nach dem Jabrescrtrag kosten 100 Kilo dieser Mandeln in frischem Zustande 15—60 Franken, getrocknet 100—190 Franken. Die Prinzeßmandel der Montagne ist ein wenig kleiner und billiger. Die frischen Mandeln lassen sich leicht in Körben zu 5—10 Kilo verschicken. Sie halten sich so a—6 Tage. Alle fciiischaligen Mandeln halten sich in getrocknetem Zustande etwa ein Jahr. Beim Trocknen ist es sehr wichtig, beit Mandeln ihre goldene Farbe zu erhalten; sind sie dem Regen oder der Gärung ausgesetzt, so werden sie schwarz. Um beim Trocknen eine schöne Farbe zu erzielen, nimmt man zuweilen, wenn die Sonnenwärme nicht genügt, einen ganz schwach geheizten Backofen zu Hilfe. Im Handel werden die feinschaligen Mandeln mittels Schwefcldampfec goldig gefärbt, doch ist dieses Verfahren für die Qualität und die Dauerhaftigkeit der Mandeln nachteilig. Unter den hartschaligen Mandeln haben die „Flots" besonders große Kerne und werden für die Fabrikation der besten Qualität gebrannter Mandeln üerweubet. Die übrigen Sorten werden in der Zuckerwarenfa rnanou geEin wichtiges aus Mandeln gewonnenes Produkt ist das Mandelöl, das inan beim Auspressen gemahlener süßer und bitterer Mandeln erhält. Es ist hellgelb, dünnflüssig, von angenehmem Geschmack und wird hauptsächlich tu der Medizin und in der Seifenfabrikation verwendet. Die beim Auspressen der Mandeln verbleibenden Rückstände werden 680 ' — *u feinem Pulver zerrieben und ergeben, mit Weizenmehl, Veilchenpnlver und verschiedenen ätherischen Oelen vermischt, das als „Mandelkleie" bekannte Hautverschönerungsmittel. Während das Mandelöl ein ziemlich billiges Fabrikat darstellt — das Kilo kostet im Großhandel ea. 3 Mk. — ist das echte vfsizinelle Bittermandelöl, welches durchs Schütteln mit Eisenvitriol und gelöschtem Kalk von der Blausäure befreit werden kann, ein ziemlich teures Produkt; denn das Kilo stellt sich auf etwa 40 Mk. Fabrikmäßig wird es gegenwärtig aus Benzylchlorid durch Kochen mit Wasser und Bleinitrat dargestellt, und zwar weit wohlfeiler; denn es kostet nur etwa 5 Mk. das Kilogramm. In der Parfümerie ist das Bittermandelöl, soweit die Fabrikatwn der billigen Mandelseifen in Frage kommt, durch das ähnlich riechende Nitrobenzol verdrängt ivvrden, welches nur 1 bis 1.25 Mk. pro Kilo kostet. Nicht vergessen darf ich die sogen, „grünen Mandeln". Es sind die süßen, wohlschmeckenden Samen der echten Pistazie, welche reich an fettem Oel sind. Als beste Sorte gelten die „Alepponüsse"; die „Tunisnüsse" sind in Frankreich besonders beliebt, während die „sizilianischen Nüsse" vielfach zur Würze von Fleischwaren Verwendung finden. -Ter Geschmack der Pistazien ist demjenigen der süßen Mandeln sehr ähnlich, nur werden sie leider sehr schnell ranzig. Wegen ihrer gefälligen Farbe bedient man sich ihrer tn der Zuckerwarenfabrikation wie im Haushalt, um Torten, Konfitüren, Morsellen und Cremes,damit zu schmückeir. Tie Verwendung der Mandeln ist in der Industrie also eine recht mannigfaltige. Am besten aber weiß sie der Bäcker, Konditor und Zuckerwarenfabrikant zu schätzen; in ihren Produkten erscheint sie in hundertfacher Gestalt und bei der Bereitung der Biskuits, Torten, Pfefferkuchen spielt sie eine fast ebenso wichtige Rolle wie tn der Mandelmilch, dem Marzipan, und vielen schmackhaften Bonbons, PaLenL-Kleiderschrauk. D. R. G. M. 147079. Einen in jeder Beziehung wirklich zweckentsprechenden Kleiderschrank zu erfinden, ist Herrn Friedrich Schäfer — Möbelschreinerei mit Motorenbetrieb — tn Groß-Felda, Oberhessen, gelungen. ,,Während bet der seitherigen inneren Einrichtung der Schränke die Kletdungs- stücke meist nur so unterzubritlgen waren, daß sie unübersichtlich durcheinander hingen und je nach der Anzahl der im Schrank befindlichen Stücke mehr oder minder zerdrückt wurden, was jedem Ordnung Liebenden Verdruß bereiten muß, beseitigt dieser neue Patent-Kleiderschrank alle derartigen Mißstände gründlich. Im Innern desselben befinden sich nämlich drehbare Kleiderpiegel mtt MU ■ ■ K- t - « - P -"H Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brü Haken, sowie Kleiderbügel, daran die Kleider bequem auf« gehängt werden können. Beim Oeffnen der Thüren bewegen sich die Kleiderriegel nach vorn, sodaß man sofort sämt-, liche Kleider geordnet vor Augen hat und jedes einzelne, ohne erst suchen zu müssen, herausnehmen kann. Ter Inhalt des Schrankes ist dieser sinnreichen Einrichtung zufolge überall gleichmäßig verteilt, sodaß eiu 125 Ctm, breiter Patent-Schrank etwa die Hälfte Kleider mehr aufzunehmen vermag, als ein Schrank alter Bauart von 150 Ctm. Breite. Trotzdem; hängen die einzelnen Kleidungsstücke in einem gewissen; Abstand von einander, was ein Zusammendrücken unbedingt ausschließt, deshalb von jedermann sicher dankbar empfunden wird. Ter Verschluß des Schrankes ist ebenfalls! sehr praktisch, insofern als sich beide Thüren zugleich öffnett Und schließen. Es unterliegt somit keinem Zweifel, daß dieses augenfällig praktische Möbel die alte Art mehr und mehr verdrängen, sicher aber in jedem neu zu gründen-, bett Hausstände einen Platz finden wird. Die Schränke werden in jeder Holzart, Größe und Form geliefert. Trowitzsll/s Reichskalender. Schmuckes Aeußere und auffallend reichhaltiger Inhalt sind Vorzüge, derentwegen wir Trowitzfch's Reichskalender für 1902 (Berlin, Trowitzsch & Sohn) jedem empfehlen, dem an langen Winterabenden und in sonstigen freien Stunden ein gutes Familienbuch Unterhaltung bieten soll. Wer für diesen Zweck in erster Linie nach der Güte des Gebotenen wählt — für den Familiengebrauch sollte nie anders gewählt werden — der darf getrost zu Trowitzschs Reichskalender greifen. Ueberzeugt doch eine nähere Prüfung seines Inhalts, daß Ernst und Scherz reichlich und, in wohl erwogenem Gleichgewicht vertreten ist, daß er nicht nur alles bietet, was man heute in einem solchen Jahrbuche zu suchen pflegt, daß bei Auswahl seiner Beiträge die Pflege nationaler Gesinnung und deutschen Wesens tn erster Linie maßgebend war, und daß dabei mit besonderem Geschick auch in den belehrenden Aufsätzen ein trocken lehrhafter Don vermieden ist. Eine Pflegstätte deutschen Gemüts in Ernst und Scherz ist dieser Kalender; gediegen tote der Lesestoff ist auch der nach den Zeichnungen erster Illustratoren ausgeführte reiche Bilderschmuck. Daß Tro- toitzschs Reichskalender zu alledem, in soliden Ganzleinenband gebunden, nur 1 Mk. kostet, ist ein weiterer Grund, bei der Suche na'ch einem preiswerten Familienkalender gerade zu diesem zu greifen. Gemernnützeges. Kleine Mustergärtchen. ‘Ser Herbst ist die Zett, tn der man die Anlage seines Gartens kräftig in die Hand nimmt, die Haupteinrichtung trifft, die Wege festlegt re. Häufig fehlt es dabei am nötigen Plan. Man weiß ungefähr, was man will, aber nicht, wie es anszn- führen ist. Für alle diese bietet sich in Nr. 32 des „Erfurter Führers im Obst- und Gartenbau" ein bequemes Mittel, sich zu unterrichten. Es sind dort zwei reizende Plane abgebildet, die den allgemeinen Bedürfnissen Rechnung tragen. Obstgarten, Gemüsegarten und Zieranlage sino, so vereint, daß sie sich gegenseitig nicht stören und das oute gewissermaßen zur Verschönerung des anderen beitragt. Wer augenblicklich bei seinen Gartenaroeiten beschafttgt ist, lasse sich Nr. 32 kommen; dieselbe wird unseren Abonnenten kostenfrei zugeschickt, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt wenden. ___ __ Zifferblatträtsel. (Nachdruck verboten.) I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII Statt der Ziffern des Zifferblattes einer Uhr sind die Buchstaben AAA B E, K, L, NN, R, DU derart zu setzen, daß die Zeiger bei ihrer 'Umdrehung Wörter von folgender Bedeutung berühren: 1— 4 Möbelstück und Geschäft. 2— 6 Teil der Schiffsausrüstung. 4— 7 Teil der Frucht. 5— 8 weiblicher Borname. 8— 9 Flur. 8—11 Versammlungsort. 10—1 an Baum und Strauch. 10— 3 Stadt in Schlesien. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in Nr. 168: Rost — Siofc. gl'scheu Universitäts-Buch- und SteindruckereUPictsch Erben) in Gießen.