M UnlechaltunMM?nm tGichemrAnzeigerOmtmIZuMa) MU rialm D ä=so ■ y er Siebe Blindheit hat die schärfsten Augen. Fontane. (Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) IV. „Natürlich — wenn man jemanden in Europa sucht, dann braucht man nur einigemale auf dieser Allerweltsgasse, die man Friedrichstraße nennt, aus und ab zu bummeln und man findet seinen Mann! — Servus, Petershagen, wie geht's Ihnen?" Tie lange hagere Gestalt des Rittmeisters a. D. Meyering blieb breitbeinig vor Eitel Fritz stehen und streckte ihm die breite, rotbehandschuhte Rechte entgegen. „Tanke, Herr Rittmeister", entgegnete der junge Dragoner-Offizier, nicht sehr angenehm berührt durch diese Begegnung. „Man muß zufrieden sein." „Viel Dienst jetzund?" „Allerdings.... fast jeden Tag größere Felddienstübung." „Kenne das. — Deshalb lassen Sie sich auch gar nrcht mehr im Sportklub sehen." „Habe keine Zeit und — keine Lust." „Sein Sie kein Frosch, Petershagen", lachte der Rittmeister a. D. „Die Herbstrennsaison hat begonnen — jetzt ist's gerade interessant . . . aber man hat Sie ja auch noch auf keinem Rennen gesehen?" „Ich habe meinen Rennstall aufgegeben." „Donnerwetter! Wollen Sie sich ettva auf Ihre Güter zurückziehen?" „Möglich!" Ter Rittmeister kniff das linke Auge zu und lächelte pfiffig. „Wirft denn die Klitsche soviel ab?" Eitel Fritz zuckte die Schultern und schickte sich zum Weitergehen an. Aber der Rittmeister steckte in vertraulicher Weise den Arm durch den des jungen Offiziers und führte ihn mit sanftem Zwang in eine Nebenstraße, wo sie ungestörter sprechen konnten. „Nehmen Sie mir's nicht übel, Petershagen", sagte er teilnehmend, „aber Sie sehen nicht gut aus. Steht es schlecht? — Kann ich Ihnen helfen?" „Ich hoffe allein fertig zu werden", entgegnete Eitel Fritz kurz. „Also doch r-i na, ich ahnte es", fuhr der Rittmeister fort, „als ich Sie nirgends mehr sah. Wieviel brauchen! Sie?" „Ach, lassen Sie mich. . ." Tas Zusammentreffen mit dem Rittmeister a. D. war ihm sehr unangenehm. Man wußte nicht so recht, wovorr der Rittmeister die Ausgaben seines sehr flotten Lebens bestritt. Regelmäßige Einnahmen besaß er außer feiner, kleinen Pension nicht und doch sah man ihn auf allen Rennplätzen, auf allen den glänzenden, öffentlichen Vergnügungen des Winters und in allen Theatern. Er speiste, nur in den feinsten Restaurants und war ein regelmäßigen Stammgast im Unionklub rind anderen vornehmen Ver- einigungen. Er wettete hoch beim Rennen und spielte mit, einem merkwürdigen Glück. Sein Ruf war nicht gerade der beste, aber man konnte ihm keine unehrenhafte Handlung nachweisen, und oftmals hatte er schon jungen Kava- lieren aus Geldverlegenheiten geholfen. „Freilich", Pflegte er dabei zu sagen, „ich selbst kam, Jhnerr das Geld nicht geben, aber ich habe einige Geldmänner an der Hand — und wenn Sie es nickst aus einige Prozent Zinsen mehr und eine kleine Provision ansehen, könnte ich das Geschäft für Sie schon arrangieren." In den meisten Fällen gingen die jungen Herrckstn darauf ein, war doch der Rittmeister ein Kavalier und eine Vertrauensperson in solchen Angelegenheiten. Dennoch zeigte man sich nicht gern öffentlich mit dem Herrn, dessen hageres Raubvogelgesicht auf allen Rennbahnen Deutschk- lands bekannt war, während er freilich in der eigentlichen ersten Gesellschaft niemals gesehen wurde. „Sie wissen, Herr Rittmeister", fuhr Eitel Fritz zögernd fort, „ich habe Ihnen erst die Hälfte meiner Schuld von dreitausend Mark zurückzahlen können." „Ach, lassen Sie doch den -Bettel", entgegnete der andere, „Sie brauchen Geld — ich. seh's Ihnen an. . ." „Nein. „Sein? — Wahrhaftig nicht? — Na, daun sind Sie verliebt!" Eitel Fritz errötete vor Unmut. „Na, sein Sie nicht böse. — Was haben Sie Heutes nachmittag vor?" „Nichts." . _ „So kommen Sie mit nach Kärlshvrst. . . nein, Sie, dürfen mir keinen Korb geben. Ich mache Sie mit einer interessanten Dame bekannt." „Dame?" t, „Auf Ehre. Aus guter Familie — allerdings, bürgerlich, aber schick, eine Schönheit ersten Ranges und reich Millionärin..." , . „ „Sie machen mich in der That neugierig." . „So kommen Sie mit?" >,Meinetwegen. . ." „Vorwärts dann! Fi He, Droschke!" • Er winkte eine Droschke erster Klasse herbei, die beiden 546 Herren stiegen ein, das Pferd war gut, Und iU raschem Trabe ging cs durch die Straßen Berlins. Seit Eitel Fritz vom Urlaub zurückgekehrt war, hatte sich eine auffallende Veränderung seines Wesens vollzogen. Aus dem lebensfrohen jungen Offizier, der der Liebling der Gesellschaft und seiner Kameraden gewesen, war ein ernster, stiller Mann geworden, der nur gezwungen die Gesellschaften aufsuchte und amch im Kreise seiner Kameraden ein seltener Gast war. Um nicht unliebsam durch seine Vorliebe für die Einsamkeit aufzufallen und um den Verkauf seiner Rennpferde zu motivieren, hatte er sich bei seinem Kommandeur zum Examen für die Kriegs-Akademie gemeldet. Er bereitete sich in der That auch auf dieses Examen vor, aber die rechte Freude an der Arbeit fand er, nicht; der Schmerz um sein verlorenes Lebensglück, die Sorge um die Zukunft der Seinen lagen wie ein Alb aus ihm und ließen ihn nicht fKoIj aufatmen. Die Eröffnungen seines Vaters halten ihm den Himmel seiner Hoffnungen herabgestürzt, und wie er auch sann und grübelte, er sand keinen Ausweg. Schon oft hatte er sich vorgenommen, an Else und ihren Vater zu schreiben, ihnen hoffen alles, was ihn bewegte, darzulegen, aber ein ge- fvisses Schamgefühl hielt ihn zurück. Was sollte es auch chutzen? Der Inspektor Breymann konnte ihm nicht helfen und Else hätte er nur vergeblichen Schmerz bereitet. So ließ er denn alles gehen, tote es gehen wollte. Mur zu dem einen festen Entschluß war er gekommeu, was M ihm lag, §tt thun, um seinem Vater nicht noch neue Lasten aufzubürden. Er liquidierte seine Vergangenheit als ileichtlebiger Offizier und passionierter Sportsman, mied ;bie Rennbahn, verkaufte seine Rennpferde, entließ seinen Bereiter und lebte als einfacher Offizier, der mit treuer Hingebung seine Menstpflichten erfüllte. Die Vorgesetzten ^bemerkten wohl die Veränderung, welche mit ihm vorgegangen war, aber sie waren nicht unzufrieden darüber, sondern schätzten ihn nur noch höher, der so fest entschlossen den veränderten Verhältnissen Rechnung trug. Nur zuweilen wallte das jugendliche Blut noch heiß 'in ihm empor. Wenn ihn das glänzende Leben der Weltstadt umbrauste, wenn er die Pracht, den Reichtum, den frohen Lebensgenuß der Gesellschaft, der er angehörte, beobachtete, dann empfand er auch die Sehnsucht nach dem reichen, glänzenden Leben, und fühlte die Verhältnisse seiner Familie als eine drückende Fessel. In solchen Stunden konnte er der Ausgelassenste im Kreise der Kanie- raden sein; er war geneigt, alles Beengende hinter sich zu werfen und sich in den vollen Strom des Lebens zu stürzen. So erschien ihm auch heute sein ganzes Dasein so klein, so eng, so wenig lebenswert, als er den prächtigen Rennplatz von Karlshorst vor sich liegen sah, das voll uitb reich pulsierende Leben der ersten Gesellschaft ihn umgab, ,bie glänzenden Toiletten der Damen, die blitzenden Uniformen der Kameraden, das ganze bunte, frohe Gewühl, ^welches sich an einem Sonntage auf den Tribünen und dem Sattelplatz zu entwickeln pflegt. Und über den grünen Rasen, den Waldparzellen, den fahnengeschmückten Pavillons und Tribünen, über der fvoh- Üewegten, glänzenden Welt, die keine Sorge zu kennest toten, ruhte der strahlende Sonnenschein eines herrlichen Augusttages. Die Musikkorps schmetterten lustige Weisen, -die edlen Rosse schäumten in den Zügeln und stiegen kerzengerade empor — Glockenzeichen ertönten, die Flagge des Starters sank nieder, und dahin brauste das bunte Feld der Reiter, begleitet von dem Jubel der Menge, die sich an den Barrieren drängte. Ja, das war das Leben! Und in dem Herzen des jungen Offiziers quoll es heiß und sehnsüchtig empor. Weshalb mußte er auf dieses Leben verzichten? —• Aber mußte er denn Verzicht leisten? — Gab es nicht trotz allem einen Ausweg? Wie viele seiner Kameraden waren in ähnlicher Sage, wie er jetzt, gewesen und hatten sich doch! emporgearbeitet ^-! gearbeitet? Nein — sie hatten entschlossen zugegriffen, wenn sich ihnen das Glück in der Gestalt einer reichen Heirat geboten! Konnte nicht er dasselbe Mittel ergreifen? — Einen Moment stieg das herzige, schöne Antlitz Elses vor seinem Auge auf — aber nur einen Moment; denn in diesem Augenblick trat Rittmeister Meyering mit zwei Damen in gewählter, reicher Toilette auf ihn zu. „Meine Damen, darf ich Ihnen Herrn Leutnant von Petershagen Üorstellen", sägte der Rittmeister. „Liebest Petershagen = Frau Major Weserling und Fräulein Tochter. . ." Eitel Fritz grüßte höflich; Wenn er geglaubt hatte, durch den Rtttmeister mit zweifelhaften Damen bekannt gemacht werden zu sollen, so sah er sich angenehm enttäuscht. Die Majorin, in elegante Halbtrauer gekleidet, war vollkommen Ladylike, und ihre Tochter sah in dest Hellen, mit Spitzen übersäetcit Sommertoilette, ein zartes Hütchen von weißen Blümchen auf dem goldigbraunen! Haar, entzückend aus. „Gnädige Frau sind noch nicht lange in Berlin?^ fragte er höflich ' * „Nein, erst seit acht Tagen", entgegnete die Majorim „Wir haben seit dem Tode meines Mannes — es sind zwei Jahre her — in dem Süden gelebt — meist an der Riviera oder in Rom —■ die Gesundheit meiner Dachtest Irma erforderte cs. Jetzt wollen wir aber für den Winter in Berlin bleiben." „Die gnädige Frau ist geborene Berlinerin", warf der Rittmeister ein. „Ja", lachte die noch immer schöne Frau, „das heißt' eigentlich eine Schönbergerin; denn mein Vater und mein Großvater wohnten in Schöneberg. „Aber da kommen ja die Reiter zurück — cs gilt die letzte Kraftanstrengung ... . .. das müssen wir beobachten." Sie eilte an die Barriere und drängte ziemlich rücksichtslos einige Herren zur Seite, um besser sehen zu können. Wenn die Majorin sprach verlor sie in hohem Grade, Sie sprach, laut und mit einem gewissen theatralischen Accent, lachte übertrieben, und hatte etwas freie Bewegungen. Mau merkte dann, daß sie aus einer Familie ftammen mußte, in der der gute Ton und der feine An-, stand noch nicht lange zu Hause waren. Und tu der That — ihr Großvater war noch ein einfacher Bauer gewesen, ihr Vater ebenfalls, hatte dann aber durch die Ausbreitung Berlins seine Ländereien zu enormen Preisen verkauft und war einer der Millionenbauern geworden, welche in den siebziger Jahren in Schöneberg durch die Grundstückspekulation geschaffen wurden. Die Tochter hei-, ratete den Leutnant Weserling von den Pionieren, der vost einigen Jahren als Major gestorben war. „Ich habe Weserling und auch den alten Millionenbauer vou Schöneberg gekannt", flüsterte der Rittmeister Eitel Fritz zu, während die beiden Damen eifrig das Rennen verfolgten. „Der Weserling war ein heller Kerl, nahm als Hauptmann mit Majorstitel seinen Abschied und lebte hier in Berlin — daher die Bekanntschaft. War auch Mitglied vom Unionsklub — na, Sie verstehen michl Hab' manche Nacht mit ihm durchjubelt. . Eitel Fritz war in dem Anblick des jungen Mädchens, das kaum achtzehn Jahre zählen konnte, versunkett. Er mußte gestehen, daß er selten eine schönere Erscheinung gesehen hatte; aber für ihre Jugend blickten die dunklew Augen Irmas viel zu kalt und überlegen stolz. Im nächsten Augenblicke brach aber aus ihnen eine anflodernde Glut hervor, die die Herzen der Männer in Verwirrung setzest mußte. Wenn Irma den Eindruck ihrer Blicke bemerkte, so schwebte ein triumphierendes Lächeln über ihr reizendes Gesicht — man merkte, daß sie sich ihrer Gewalt über die Herzen der Männer bewußt war, und daß cs ihr ettte stolze Freude bereitete, die Herrenwelt, die Macht ihrer sinnberückenden Schönheit fühlen zu lasseu. Der Rittmeister Bemertte die bewundernden Blicke des jungen Offiziers. Er stieß ihn leicht mit dem Ellenbogen an. „Na, Petershagen, hab' ich! zu viel versprochen?^ flüsterte er lächelnd. „Fräulein Weserling ist allerdtngs eine tnteressante Erscheinung..." , „Und Erbin einer Million — vH, wenn ich stoch Mng wäre! Aber mich alten Esel nimmt ja nicht einmal mehr die Mutter ..." Unwillkürlich mußte Eitel Fritz über dtesen StoW seufzer des alternden Lebemannes lachen. Irma Weserling wandte sich um, und die Blicke der beiden jungen Leute begegneten sich; Es ging Eitel Fritz' wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder, als er ist dieses dunkle, auflodernde Auge sah ! Das Blut stieg ihm in die Wangen er trat näher an Irma! heran. 547 „Gnädiges' Fräulein interessieren sich! für den Sport?" „Jo, sehr. Ich bin erstaunt, daß Sie nicht in den Sattel steigen, Herr Leutnant." „Früher that ich! es Wohl, mein Fräulein, aber. . « man kann nicht immer, wie man möchte. Und auf fremden Pferden reite ich nicht gern." ~ „Ah Cs blitzte verständnisvoll in den Augen Irmas auf. In diesem Augenblicks ging ein junger Dragoneroffizier vorüber, der sich schwer auf den Arm eines Kameraden stützte. „Alle Wetter, Brandau", rief der Rittmeister, „was ist Ihnen passiert?" „Medergebrochen", entgegnete der Dragoner. „Die Stute war noch! nicht fertig und refüsierte den Graben." „Haben Sie sich, verletzt?" fragte Eitel Fritz, nähertretend. „Beim Aufspringen versetzte mir die Stute einen Schlag auf den Oberschenkel. Glücklicherweise ist er nicht gebrochen. Mer jetzt kann ich das große Steeplechase nicht mitreiten, und hatte doch! auf meinen „Ungar" so große Hoffnung gesetzt. Sie kennen ja den Hengst, Peters- hagen." „Freilich — ein prächtiges Tier! Hab' ihn früher ja auch geritten . . „Ei, zum Kuckuck, da fällt mir ein — Petershagen, Sie thäten mir 'nen großen Gefallen, wenn Sie statt meiner in den Sattel steigen wollten!" Tie Aufforderung kam Eitel Fritz überraschend. Er machte eine Einwendung.. „Unsinn", sagte Leutnant Brandau, „Sie kennen ja den Hengst. Haben ihn ja im Frühjahr noch geritten. Kommen Sie, Petershagen, thun Sie mir den Gefallen. Möchte den Hengst gar zu gerne laufen sehen..." Eitel Fritz sah das Auge Irmas erwartungsvoll auf sich ruhen. Er glaubte, eine Ermutigung, eine gewisse Neugier in ihrem Blick zu lesen. Das kecke Reiterblut Wallte in ihm empor. „Gut, Brandau — ich reite!" sagte er, verbeugte sich höflich gegen die Damen und entfernte fich mit dem hocherfreuten Kameraden. (Fortsetzung folgt). Aus dem Sonnenaufgangs-Lande. Bon Wilh. F. Brand. Nachdruck verboten. IV. Mn Interview mit dem „Bistnarck des Ostens. — Die japanische Verfassung. — Vermehrung ausländischer Lehrkräfte. — Beziehungen zwischen Japan und Deutschland. Ein Ball deine Premierminister. — Ein Gartenfest beim Mikado. Mn Reformator wie der Marquis Ito, der in der seit 1868 über Japan hereingebrochenen neuen Aera als der bei weitem hervorragendste Staatsmann des Landes sich erwiesen hat, und nicht mit Unrecht auch wohl der „Bismarck des Ostens!" genannt wird, ist wohl wie kein anderer berufen, über die Lage der Dinge in Japan sich anszn- ,sprechen. Und so dürften wohl die Hauptpunkte feinet Aeußerungen in einer mir gewährten, mehr als zweistündigen Unterredung mit ihm auch im fernen Westen nicht ohne Interesse ausgenommen werden. Der Premier-Minister, der jetzt im 60. Lebensjahre steht, ist eine anziehende, Vertrauen erweckende Erscheinung, ein Mann; der offenbar gewohnt ist, jedes seiner Worte sorgfältig zu wägen, der indessen mit einer gewissen Vorsicht des Auftretens auch wieder eine herzliche Liebenswürdigkeit verbindet, der gewiß nicht leicht alles sagt, was ler weih, aper auch nie mehr, als was den Thalsachen entspricht. Wir sprachen nun zunächst von den inneren Angelegenheiten des Landes und insbesondere von der 1889 gegebenen Verfassung des Reiches, und der Marquis meinte, daß sich dieselbe int Lllgemeinen recht wohl bewährt hätte. Er erzählte dann, wie er vor zwanzig Jahren in Berlin gewesen und mit dem Altmeister der konstitutionellen Geschichte toller Völker, dem Prof. Gneist, und später mit Professor ton Stein in Wien die Umrisse der japanischen Verfassung vorwiegend nach deutschem Muster entworfen habe. Indien war er zum Deutschreden nicht zu bewegen, doch spricht er englisch! ziemlich! fließend. ®er Marquis hob dann hervor, daß bei allen Fortschritten, die Japan in neuerer Zeit gemacht, er dennoch den fortgesetzten fremden Mnsluß und fremde Unterweisung für wünschenswert erachte. Wohl gab er zu, daß seit längerer Zeit eine leicht erklärliche Tendenz sich dahin geltend gemacht habe, auch die wichtigeren Lehrfächer mit einheimischen Lehrkräften zu besetzen, aber er billigte dieselbe nur, so weit das wirklich ohne Nachteil thnnlich sei, Er selbst aber möchte doch wieder mehr auswärtige Lehrkräfte heranziehen und mehr junge Japaner zu ihrer Ausbildung ins Ausland senden; er werde auch, sobald die Finanzen des Landes es erlaubten, einen hierauf bezüglichen Antrag im Parlament einbringen. ®er Minister betonte dann, wie Japan gerade deutschen Gelehrten so viel verdanke, und wie auch heute noch!, zumal in Sachen des Unterrichts, der Medizin und in militärischen Dingen, Deutschland für Japan ausschlaggebend sei. „Und die politischen Beziehungen zu Deutschland?"- warf ich ein. „Die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind die freundschaftlichsten." „Ebenso freundschaftliche wie vor dem Frieden von Schimonoseki?" Er zauderte einen Moment, dann antwortete er ausweichend: „Das Vorgehen Deutschlands zu jener Zeit — — gehört der Vergangenheit an." Wenige Tage später war ich abermals int Hause des PremierMinisters. - Es war bei Gelegenheit des aus Anlaß der Vermählung seines ältesten Sohnes gegebenen großen Balles, auf dem auch einige Mitglieder des kaiserlichen Hauses, im übrigen aber die ganze vornehme Welt Tokios, die europäische wie die japanische, vertreten war. Hier ging im wesentlichen alles europäisch zu, offen gestanden, mir eigentlich zu europäisch Freilich einen japanischen „Ball "gießt es ja nicht. Die Japaner tanzen ja int allgemeinen nicht. Sie lassen sich was tanzen. Aber auch im übrigen deutete nur wenig daraus hin, daß wir uns hier in der fremden, fernen Welt befanden. Ta standen der Marquis und die Marquise, beide in europäischer Toilette, am Eingang eines großen Saales und empfingen jeden ihrer Gäste mit einem Händedruck und ein paar freundlichen Worten. Jetzt wurden dis Prinzen und Prinzessinnen angemeldet, die Gastgeber gingen ihnen bis zum Eingang des Palastes entgegen — alles ganz tote bei uns. Bald darauf führte Prinz Arisugawa die Wirtin in den eigentlichen Tanzsaal. Das Paar eröffnete die Polonaise, und nun war dieser Raum fast aus- schließlich von Ausländern in Anspruch genommen. Ta waren die offiziellen Vertreter aller Mächte dev Welt, die Exzellenzen und Attachees, und ihre schönen Damen, also gewiß eine auserlesene Gesellschaft. Uni)1 doch, ich glaube nicht, daß dieselbe aus dis Japaner einen besonders bestechenden Mndruck machte. Tie Menschen sind ja überall nur zu sehr geneigt, in solchen Dingen den Maßstab des Gewohnten anzulegen. Wie unschicklich muß da den Söhnen und Töchtern des Landes das Sichs- umschlungenhalten der tanzenden Paare vorgekommen sein, wie närrisch auch wohl das Trippelt! und Gleiten selbst, wie „unnötig groß" erscheinen ihnen wohl diese Menschen, wie stets und ungraziös ihre Bewegungen, wie bunt auf-: gedonnert die europäischen Damen! Man denkt häufig, die Japanerinnen seien gewöhnlich! recht buntfarbig gekleidet, und in der That treffen wir sie wohl, zumal aus allen möglichen Abbildungen, in dem auffallendsten, Hellen, blnmendurchwirkten Gewändern, aber' diese werden eigentlich nur von ganz jungen Mädchen getragen, und von den Geischa, den professionellen Tänzerinnen. Wie indessen die Japaner, Männer wie Frauen, im Alltagsleben mit Vorliebe einfache, unauffällige, meist! leicht gestreifte, blaugraue Stoffe tragen, so erschienen die Damen hier fast durchweg in schwarzem KimvNo mit. weißer Garnierung und nur mit farbigem Obi, jener bekannten, eigenartigen Schärpe, die auf dem Rücken eine, so mächtige Schleife bildet. Die wenigen Japanerinnen! aber, dis europäische Kleidung trugen, hatten auch ausnahmslos einfache Farben ausgewählt, und! ich kann mich kaum der Ansicht verschließen, daß sie diese ihnen so — 548 unbewohnte Tracht meist ganz hübsch zur Geltung brachten, wenn ihnen auch gewiß anzuraten wäre, doch lieber an ihrer so kleidsamen Nationaltracht festzuhalten. Einfach und unauffällig wie ihre Kleidung, so war auch ihr ganzes Auftreten bescheiden und zurückhaltend, und sie weilten fast nur in den Nebenräumen. Was man auch von französischer Höflichkeit im allgemeinen halten mag, es muß den Französinnen und ihren Schwestern romanischer Abstammung doch wohl zugestanden werden, daß sie in .Hinsicht aus äußere Formen, in Bezug auf natürliche Grazie und Anmut der Bewegungen in Europa einen hervorragenden Platz einnehmen. Indessen die verschie- denen Gruppen der vornehmen Japanerinnen, die ich hier uin mich hatte, gaben darin gewiß den feinsten Französinnen nichts nach. Wohl könnten ihre endlosen, tiefen Verneigungen nach unseren Begriffen übertrieben erscheinen, aber bas ist nun einmal so Laudessitte, und jedenfalls war jede Bewegung schön, graziös und anmutig. Waren das dieselben Damen, die auf der Straße mit dem künstlichen Höcker und auf den hölzernen Stelzenvantoffeln uns entgegenwackeln? Die vornehmen Damen verlassen selten ihre Behausung, und lassen sich noch viel seltener zu Fuß aus der Straße blicken. Selbst der Theaterbesuch gilt bei ihnen noch nicht recht für passend, und ebenso bleiben sie dem Gesellschaftsleben fern. Es gießt gar kein japanisches Gesellschaftsleben in unserem Sinne des Wortes. Heute, bei dieser ganz ungewohnten Gelegenheit, einem Feste, das unser gütiger Gastgeber mehr in seiner offiziellen Stellung vornehmlich wohl den Ausländern schuldig zu sein glaubte, wurde einmal eine Ausnahme gemacht, und selbst heute hielten sich die japanischen Damen zurück. Eine andere Festlichkeit, der die ganze vornehme Welt Tokios seit Wochen besonders erwartungsvoll entgegengeblickt, war die Gartengesellschaft des Mikado in Euryo- Kwan, einem der kaiserlichen Paläste, der mit einem besonders prächtigen Park umgeben ist Das Fest verregnete leider vollständig. Bei unserem Eintritt in die Gartengesellschaft wurde einem jeden Gast ein kaiserlicher Regenschirm — nur leihweise! — überreicht, und in Anbetracht der bald gänzlich durchnäßten und aufgeweichten Kies- toege wären jedenfalls ein Paar Geta — jener japanischen Stelzpantoffeln mit den handbreiten Brettlein unter den Sohlen — uns allen auch gewiß willkommen gewesen. Es regnete, und hörte den ganzen Nachmittag nicht wieder auf. Der Kaiser und die Kaiserin ließen sich gar nicht blicken. Indessen, auch das verregnete Fest gewährte immerhin einen Begriff von dem, was es — hätte sein können, einen Begriff auch von den prächtigen Anlagen des Parks und seiner Blütenpracht, von der vornehmen Welt des Landes, von dem Glanz der kaiserlichen Hofhaltung, von den endlosen Scharen der in tadellose europäische Livreen gesteckten Diener des Mikado, seines Reichtums an Regenschirmen gar nicht zu gedenken. Alles ging streng nach euroväischen, insonderheit wohl englischen Mustern zu. Europäische Tracht ist ja auch allein Hoftracht. Da aber hier, ebenso wie in England, Frack ausschließlich am Abend getragen wird, so erschienen hier alle Herren int dunklen Gehrock und Zylinder, und die Damen in europäischen Promenaden-Kostümen — leider auch die japanischen in derselben Kleidung. Auch die Uniformen dieses Landes sind nach europäischem Schnitt gefertigt, und so waren auch die gebotenen Erfrischungen leider ausschließliche europäischer Art, allerdings erster Güte. Gedanken eines geistreichen Mannes. Zur Zeit, als der verstorbene französische Dramatiker Henri Meilhac noch einfacher Kommis in der Hachette'schen Buchhandlung war, und Karikaturen für kleinere Witze- blätter zeichnete, schrieb er ein Lustspiel in fünf Akten „Realität", eine Sittenkomödie, die kein Pariser Theaterdirektor annehmen wollte, und die in der yclge un- gedruckt blieb. In diesem Stück kommen einige Betrachtungen vor, hie sehr charakteristisch sind. Der Liebhaber des Lustspiels schwankt in der Wahl seines Berufes zwischen Journalismus und reiner Litteratur. Einer seiner Freunde rät ihm zur Litteratur: „Ich möchte", sagt er, „Dich etwas weniger hinter den Weibern und mehr bei den Büchern, beim Studium sehen. Ich möchte Dich von der Idee abbringen, daß die Litteratur ein Gewerbe ist das bei geringer Mühe am meisten einbringt. Tu möchtest durch das Vergnügen ins Leben eintreten, ich möchte Dich durch die Pforte der Arbeit eintreten sehen. Man erreicht keine großen Erfolge mit mittelmäßigen Anstrengungen; leichte Arbeit verschafft zuweilen Erfolg, der eine Zeit lang berauscht, der aber keine dauernde Beftiedigung hinterläßt."- Ein anderer kommt dazu; man spricht über Litteratur? und Schulden. „In der Litteratur muß man viel verdienen, um die Hälfte von dem zu verdienen, was man braucht", heißt es da. Nach den Schulden kommen die Gerichtsvollzieher . . . „Sprechen Sie nichts Uebles von den Schulden; es giebt keinen hervorragenden Mann, ohne Schuldem Das Leben ist ein Kampf, in dem jeder von seinem Nach- ; 6am zur Rechten fünf Franken zu borgen versucht, und sich bemüht, sie seinem Nachbarn zur Linken nicht leihen zu müssen." — Im zweiten Akte findet sich folgende Bemerkung: „Ein geistreiches Wort! Wenn ein gewöhnlicher Mensch etwas derartiges sagt, so nennt man es Wort-. Witz, von einer distinguierten Persönlichkeit angewendet, werden sie Bonmots." — „Man ist nur streng in Bezug auf Sünden, die man selber nicht begehen kann." — „Ein Wucherer ist nur daun ein solcher, wenn er zu leihen sich weigert." — „Das Gewerbe eines Moralisten ist gefährlich; diejenigen, die mit der glühenden gange, die Stirn ihrer Nebenmenschen zeichnen wollen, laufen Gefahr, sich die Finger zu verbrennen." — Im fünften Akt ist der schwärmerische Liebhaber von seinen Größen-Jdeeu ab- gekommen und faßt jetzt seine Philosophie wie folgt zusammen: „Das Geld ist eigentlich besser als Ruhm: Viel Geld bringt immer ein wenig Ruhm; aber ein wenig Ruhm bringt auch nicht einen Sou Sin." ,., Msöe. Die , Wien er Mode" tritt mit dem 1. Oktober in den 15. Jahrgang ein. Der gute, feine Geschmack unserer Damenwelt verdankt der „Wiener Mode" manche Forderung und Anregung; auch im neilen Jahrgang wird sich bicfeS t)ornefintc SObobcjoiirtwl bci§ Sob fdpönct Scfcxiitnut erhalten. Das vorliegenbe stattliche Heft enthält farbrg ausgesührte hübsche Hutmodelle, höchstelegante Straßentoiletten für Herbst und Winter, Braut-, Theater- und Gesellschaftskostüme — einfach und reich dekoriert — Mantel Jäckchen für den Winter, das Neueste der Herren- und Kindergarderobe. Fleißigen Frauenhänden bient der Handarbeitsteil mit musterhaften Vorlagen. Das Beiblatt „Im Boudoir" enthält anregende Aufsätze und beginnt den fesselnd und schön geschriebenen Roman „Was Liebe vermag" aus talentvoller Feder. - Abonnements nehmen alle Buchhandlungen, Poftanstalten an, auch der Verlag in Wien VI 2. Preis vierteljährlich Mk. 2.50, SchiebräLsel. Nachdruck verboten. Nachstehende Wörter sind ohne Aenderung der Reihenfolge, also nur durch seitliche Verschiebung, derart untereinander zu setzen; daß zwei senkrechte Reihen zwei bekannte deutsche Badeorte bezeichnen. W e c k u h r Phi 1 i P P i n 6 Herrscher 8 e s s e 1 Stabreim Hase n f e 11 Hadi«? Kellerei Neunauge (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösimg des Ergänzungsräisels in vor. Nr.t Die Buchstaben: Ma (Mab, Made, Magen, Mahl, Mai, Mais, Maki, Malz, Mama, Mann, Mars, Max). Redaktion: E. Burkhardt. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.