Mittwoch dm 25. Dezember. E6f 1901. — Nr. 186. % I ■11 Weihnachten 1901. (Nachdruck Verboten.) ^^^^Wcber die schlummernden Auren weh'n Jubelnde Glockenklänge . . . Stern der Verheißung, nun laß dich seh'» In der funkelnden Menge! |1| o. Sinke hernieder, o heilige Nacht, Jlß. 7 Laß cs vor Thüren und Thoren Meder mit inniger Glaubens Macht G-q)P Kündigen: Thrist ist geboren! . , « Tanne, mit deinem tröstlichen Grün, Strahle im Schmucke der Kerzen! Ob um dich her auch nicht Blumen blüh'», Blühen und glühen die Kerzen! Kennst du ein liebres Vergißmeinnicht, Sahst du je Rosen dir holder zu Füßen, Als sie aus leuchtendem Kindergesicht Dich nun, waldduftiges Bäumlein, grüßen? . .. Alten umfloren die Augen sich leis, In dein Gezweigs lugend . . . Ach, aus dem würzigen Nadelreis Blickt die verschollene Jugend! — Störrische Herzen selbst werden weich In deinem strahlenden Schimmer; Näher kommt uns das Himmelreich Als in der Christnacht wohl nimmer! . . . Spürest du, daß es die Liebe war, Die einst den Retter gesendet? Liebe, die werbend sich Jahr um Jahr Mieder zur Erde wendet? Liebe,, die deine Hand auch faßt, Mit ihr im Einvernehmen Sinnig zu lindern manch' drückende Last, Kummer und heimliches Grämen? . . . Neber die schlummernden Fluren weh'n Jubelnde Glockenklänge! Kinderaug' hat den Stern geseh'n In der funkelnden Menge . . . Gottes Auge sieht weiter und mehr, Wie auch die Pracht rings dunkelt: Ob dir im Herzen, sternklar und hehr, Himmlische Liebe funkelt! . . . Alwin Römer. Eine Weihnachtsgabe. Skizze von Philipp W e n g e r h o f f. (Nachdruck verboten.) Leicht und leise, fast wie in der Luft spielend, schweben kleine zarte Flöckchen hernieder, glitzern im Fallen und ' glitzern weiter auf befr festgefrorenen Erde, der sie allmähliche und sacht das silbergestickte Festkleid weben. Die erste Sichel des Mondes steht am Himmel, und neben ihr : unzählige flimmernde Sterne. Ein wunderbar erhebender ! Anblick, der die vielen Augen, die heute nach oben schauen, i entzückt, und durch sie in den Menschenherzen jenen Festesglanz entzündet, der sie empor zieht über Alltagssorgen und Alltagsmühen. Tiefer Friede liegt auf der weiten Flur. Man fühlt den Odern Gottes an der Schwelle jener Stunden, da die Christnacht sich herniedersenkt. . Wie ein Mißton klingt in diese Stille das Rattern, Brausen und Rollen des Eilzuges hinein, der wie ein nächtliches Ungetüm die Ruhe der Landschaft unterbricht. Rastlos jagt er dahin. Der schrille Pfiff kündigt sein Nahen an, erweckt ein flüchtiges Leben auf den Stationen/ an denen er vorübereilt, und läßt dieses wieder in Nacht versinken, sobald er seinen Lauf tion neuem ausgenommen. Allemal in solchen kurzen Ruhepausen neigt sich ein blasses Antlitz dem Fenster eines Abteils erster Klasse näher, allemal sehen müde, traurige Augen nach dem Lichtschein, der aus den Wohnungen der Bahnbeamten nach außen fällt, und allemal wendet es sich, wie gequält durch den Anblick von Weihnachtsfreude, ab, um an einem neuen Halteplatz aufs neue suchend die Blicke nach dem Lichterbaum auszusenden. Es ist eine traurige Fahrt für die zarte, noch jugendliche Frau an diesem Weihnachtsabend. Sie hat geglaubt, der Einsamkeit §it entfliehen, da sie ihr leergewordeneJ Haus heute verließ, um eine schnell geplante Reise nach! dem Süden anzutreten, und in dem unbesetzten Abteil legt diese sich bleiern auf sie und läßt für nichts Raum als für die Schatten ihrer Vergangenheit. — Wenn sie dieser wenigstens ohne Reue gedenken könnte! Wenn sie sich freuen könnte in der Erinnerung an das Glück, das sie besessen! — Aber war sie denn glücklich gewesen? Hatte ein frohes Gefühl in ihr dem Schicksal für das Gute, das ihr geworden, je gedankt? Sie seufzt, wenn sie sich diese Frage vorlegt. — Diej aufopfernde Liebe ihres Mannes, die bis zu seinem Tode sich stets gleich blieb, — die glänzenden äußeren Berhält- nisse, in denen sie lebten, hatten diese sie je befriedigt? Die vom Geschick nach jeder Richtung verwöhnte und von ihrer Umgebung aufs zärtlichste verhätschelte Frau lehnt sich dagegen auf, einen Wunsch unerfüllt zu sehen. Sie meint, da Kindesliebe ihrem Leben fehlt, sich arm und bemitleidenswert fühlen zu müssen. Sie bekämpft 742 nicht, sie hegt das Gefühl der Unzufriedenheit und kommt sich int Besitz des reichsten Glückes beklagenswert vor. Wie oft hat sie ihres Gatten Bemühen, den Weihnachtsabend zu einem frohen ihr zu gestalten, mit müder Abwehr gelohnt und aufs neue es wiederholt, daß nur strahlende Kinderaugeu, jubelndes Kinderlachen das Fest zum Feste mache. Er hatte gezürnt, daß seine unerschütterliche Liebe kein Ersatz sei, und sie auf andere gewiesen, die freund- und freudlos ihren Lebensweg gehen. Und wie recht hat er gehabt! Jetzt erst, seit seine Augen sich für ewig geschlossen, weiß sie, wie reich sie gewesen ist, und zu dem Bangen und Sehnen nach ihm, kommt die Reue darüber, das, was sie besaß, nicht genug geschätzt und ihn, den Teuren, nicht wahrhaft beglückt zu haben. Sie hat sich ganz diesen traurigen Rückblicken hingegeben. Schon wiederholt hielt der Zug, ohne daß ihre Augen den strahlenden Tannenbaum suchten, der ihr das Sinnbild von Familienglück ist. Da dringt an einer Haltestelle aus der geöffneten Thür eines Nebenabteils das klägliche Weinen eines Kindes, und die beschwichtigenden Stimmen eines Mannes und einer Frau au ihr Ohr, und aus ihrem Brüten auffahrend, erinnert sie sich, daß schon wiederholt int Verlaufe dieser Fahrt sie diese klagende Kinderstimme vernommen hat. Diese Töne lassen das eigene Leid in den Hintergrund treten. Sie erhebt sich schnell, öffnet das Fenster, und wie sie sich lauschend hinausbeugt, tritt von dort aus der Schaffner an sie heran, um ihr Auskunft zu geben. „Es scheint da ein Kind erkrankt zu fein??" fragt sie teilnehmend. „O nein, krank ist die Kleine nicht", wird ihfr zur Antwort. „Das arme Ting ist allein auf die Reise geschickt und weint allemal den Fortgehenden nach, toenit ein Wechsel im Abteil eintritt. — Nun, und heute abend — das sind doch meistens nur ganz kleine Strecken, die die Reisenden zurücklegen," „Ein kleines Kind allein unterwegs? — Wie geht das zu?" fragt Frau Ilse erstaunt. „Es ist elternlos", berichtet er. „Vater und Mutter starben vor wenigen Monaten, und da keine Angehörigen vorhanden Jtmren, ist es immer von einem zum anderen her um gestoßen. Jetzt schickt man es zu einem Verwandten ihres Vaters, einem Schullehrer, den man ermittelt hat. Er hat selbst fünf Kinder; allzu freudig wird es also wohl nicht empfangen werden. — Ich habe versprochen, auf. das Kleine zu achten und es — ist meine Strecke zu Ende — meinem Nachfolger zu übergeben. Nun habe ich aber niemand dort im Abteil, dem--Vielleicht möchte die gnädige Frau erlauben. . . ." Er bemerkte ihren erstaunten Blick. „Verzeihen Sie", stottert er verwirrt, „ich meinte nur, weil die gnädige Frau auch bis Köln fahren." Nun hatte sie begriffen. „Schnell —", sagt sie hastig, „schnell — reichen Sie es mir. Der Zug geht sonst fort" Aber der Schaffner findet noch die Zeit, das Kindchen, trotz des sich eben in Bewegung setzenden Zuges, aus dem Abteil zu nehmen und es in jenes hinein zu schieben, in dem die junge Frau sitzt. So stand ein vielleicht dreijähriges, zierliches, kleines Mädchen plötzlich vor ihr, sah sie aus große«, blauen Augen ängstlich an und legte mit einem leisen Aufschluchzen das zarte Dttitz in die Polster des gegenüberstehenden Sessels, als wo -Ja es sich vor der Unbekannten verbergen. Eine wärmende Kapuze war ihm dabei in den Nacken gefallen, und eine Fülle seidiger, brauner Locken quoll hervor und umgab das feine Köpfchen. Tie junge Frau sah mit Entzücken aus ihre kleine Reisegefährtin und vergaß über dem lieblichen Anblick das eigene Leid. Aber der Versuch, sie sich heran zu ziehen, mißglückte. Jede noch so leise Liebkosung erhöhte die Scheu der Kleinen und ließ sie sich« immer weiter zurück ziehen. Auch alle Schmeichelnamen nutzten nichts, und schon empfand Frau Ilse dieses Sichversagen wie eine Kränkung, als sie sich eines Mittels, Kinderherzen zu erobern, erinnerte. Man hatte ihr doch eine Schachtel Zuckersächen als Erfrischung Mit auf die Reise gegeben, die mußte in der Handtasche fein. Sie sucht und sucht, und freut sich des Gefundenen. Die Kleine äugt erst zweifelnd von der Seite, als sie ihr die Chokolade hinhält, dann langt sie zögernd zu, und ihre Aengstlichkeit weicht von Minute zu Minute. Jetzt sieht sie sch-oit dankbar die freundliche Geberin an, schmatzt voll Wohlgefallen und sichert sich ein neues Stückchen, wenn das Mäulchen noch mit dem ersten Befc^iäftigt ist. Ihre Beschützerin ist ganz versunken im Schauen. Wie vorsichtig und zierlich, trotz allen Eifers, schmaust das Kindchen! Aber wie sie es recht dabei beobachtet, kommt ihr ein Gedanke, der sie wirklich erschreckt« Vielleicht ist die Kleine hungrig? Tie Handtasche wird wieder herangezogen, durchsucht, und nun liegt ein appetitliches Schinken-Brödchen in erreichbarer Nähe des Kindes. — Die Bonbons fallen aus den Händchen, begierig laugen diese nach dem Brot, und hastig, mit allen Zeichen gesunden Hungers, beginnt sie zu essen. Der Anblick wirkt auf die junge Frau ganz aufregend. Hat denn niemand daran gedacht, für das kleine Wesen das Notwendigste zu besorgen? Hunger und Durst hat es! leideu müssen — Durst? Welches Glück; der Zug bremst, sie haben eine Haltestelle erreicht, und ihre Stimme ruft den Schaffner herbei, der ihr die von ihr stürmisch verlangte Milch verschafft. Klein-Ilse — sie erfährt durch ihn diesen Namen der Kleinen mit einer gewissen Befriedigung, — hat derweil das Brötchen verzehrt und jauchzt der Milch entgegen. Sie läßt sich sogleich auf die Kniee heben und hält mit ihren rundlichen Patschchen das Glas so fest, sie trinkt so hastig daran, daß sie dadurch am besten beweist, welchen Mangel sie gelitten. Und ihre Pflegerin fühlt bei diesem Anblick ein immer tieferes Erbarmen. Sie kennt nur Kinder, die von lleber- fluß umgeben find, nur solche, die von Elternliebe sorgsam bewacht und behütet erwachsen, — und diese arme Kleine, der das Schicksal in so zartem Alter die treusten Beschützer nahm, wird heute, an diesem größten Freudenfeste aller Kinder, einsam hinausgestoßen in die liebeleere Fremde,, und während andere glücklichere Kinder um den Lichterbaurn jubeln, leidet dieses süße Geschöpfchen Hunger und Durst, Frau Ilses Thränen tropfen auf das Haupt des Kindes, das, nun gefättigtr schlafend an ihrer Brust ruht. Zum ersten Mal gelten diese Zähren nicht dem eigenen Leid, und die erwachende Menschenliebe wächst gleich kräftig empor und erfüllt ihr ganzes Herz. Wenn das Klein-Ilses Mutter wüßte, welche bittere Entbehrung ihr Liebling am Weihnachtsabend erduldete,--und wenn ihr Heinz, ihr geliebter Heinz sie jetzt so sähe mit diesem Lockenköpfchen an ihrem Herzen! . . . Sie beugt sich dem Fenster zu und blickt zum stern- gläuzenden Nachthimmel auf, die Brust geschwellt von einem unnennbaren Gefühl. „Mama flüstert in diesem Augenblick das schlafende Kind; es hebt feine Aermchen und legt sie zärtlich um den Hals der Weinenden, die mit Herzklopfen die Liebkosung hinnimmt. „Wenn die droben uns schlauen könnten, — uns zusammen führten? — Was zweifle ich noch! — — Es ist eine Weihnachtsgabe von drüben an uns beide: dem verwaisten Kinde eine Mutter; der einsamen Frau, ihres Herzens Sehnsucht, — ein Kind." (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Schluß.) Kaum vier Wochen, nachdem Felicia Rubarth's irdische Hülle in der Jgnatius'schen Familiengruft zur ewigen Ruhe bestattet war, trug man aus dem nämlichen Friedhof den Rendanten Fritz Lindemann zu Grabe. Die Zahl der Leidtragenden, die ihn auf seinem letzten Gange geleiteten, war nicht groß; aber es befanden sich darunter einige mit ihren goldenen Amtsketten geschmückte Vertreter der städtischen Behörden, und einer von ihnen widmete dem Dahingeschiedenen schwungvolle Worte der Anerkennung für die treuen und redlichen Dienste, die er ein Menschen-i alter hindurch dem Gemeinwesen geleistet hatte. Er rühmte ihn als ein leuchtendes Vorbild unermüdlicher, aufopfernd der Pflichterfüllung, als ein Muster strenger Gewissenhaftigkeit und unbestechlicher Rechtschaffenheit. Mit be- Weg ter Stimme gedachte er des hartnäckigen Widerstandes, den der nun Verstorbene trotz seiner angegriffenen Gesundheit der ihni wiederholt "angebotenen Pensionierung entgegen gesetzt hatte, und der bewunderungswürdigen Ordnung, in der sich die von ihm verwalteten Kassen sowohl während seiner Amtsthätigkeit, wie bei der Uebergabe an seinen Nachfolger befunden hätten. Mf den Arm des Geistlichen gestützt, hörte Margarethe diese Lobrede an. Aber sie hielt das Taschentuch vor den Augen, und niemand vermochte deshalb den Eindruck .zu beobachten, den die schönen und ehrenden Worte aus sie machten. Als dann der Prediger die sterblichen Ueb-er- reste des Entschlafenen eingesegnet hatte, und der Sarg • von den Totengräbern hinabgelassen worden war, warf sie zuerst die üblichen drei Handvoll Erde hinab in das stille Haus, darinnen ihr unglücklicher Vater nun ausruhen sollte von all den Aengsten und Leiden, mit denen er seine schweren Verfehlungen so hart gebüßt hatte. Hier und da bemerkte man es mit einiger Mißbilligung, daß ihre Augen thränenleer waren, und daß kein klagender Ausruf über ihre Lippen kam, wie er doch in diesem Augenblick nur natürlich, und beinahe selbstverständlich gewesen wäre; diejenigen aber, die ihr zunächst standen, lasen in ihren Zügen den Ausdruck einer müden, hoffnungslosen Traurigkeit, die um vieles ergreifender war, als es der lauteste Jammer der Verzweiflung hätte sein können. Wieder hatte der Geistliche Margarethe seinen Arm gereicht, "um sie zu dem vor der Friedhofspforte harrenden Wagen zu führen. Auf halbem Wege aber näherte sich ihr ein hochgewachsener junger Mann, der sich während der Trauerzeremonie bescheiden hinter den anderen zurückgehalten hatte. Es war der Assessor Herbert Ignatius, und er hegte offenbar den Wunsch, ihr ein Wort des Mitgefühls oder des Trostes zu sagen. Aber er kam nicht dazu, es auszusprechen; denn Margarethe hatte die Augen zu seinem Gesicht erhoben, und er hatte die stumme Bitte verstanden, die aus ihrem Blick zu ihm sprach. Wie sie ihm keine Antwort gegeben hatte auf den aufklärenden und um Verzeihung flehenden Brief, den er ihr gleich nach seiner Freilassung geschrieben, so wünschte sie offenbar auch jetzt alles vermieden zu sehen, das sich als eine Wiederannäherung zwischen ihnen hätte deuten lassen. Zugleich aber mit, seiner Abweisung las Herbert auch in ihrem Blick, daß sie ihm längst verziehen habe, und daß kein Groll gegen ihn in ihrem Herzen lebte. Er fühlte, daß er sich für jetzt damit begnügen müsse, und daß nur eine ferne Zukunft ihm vielleicht zurückgeben konnte, was er durch eigenes und fremdes Verschulden verloren. Herbert's Vater hatte an dem Begräbnis des Rendanten nicht teil nehmen können, weil sein Befinden es ihm verbot. Zwar hatte der Schlaganfall sich nicht wiederholt, aber der Stadtrat war unter dem Eindruck der Nachricht von Felieia's Geständnis, und ihrem freiwilligen Tode doch auf eine den Aerzten unerklärliche Weise zusammengebrochen. Und alle Versuche, ihm seine geistige und körperliche Frische zurückzugeben, hatten sich bisher als ein vergebliches Bemühen erwiesen. Zweimal nur hatte er in diesen vier Wachen noch zur Feder gegriffen — das eine Mal, um seinem Vetter Georg Rubarth in Boston ■in einem langen Briefe Mitteilung von dem Bor- gefallenen zu machen, und dann, um sein Abschiedsgesuch zu formulieren, dessen Begründung eine sofortige Annahme selbstverständlich erscheinen ließ. Dann war er in einen Zustand beinahe völliger Teilnahmlosigkeit verfallen, der in Verbindung mit einer stetig zunehmenden körperlichen Hinfälligkeit feiner Umgebung wohl die ernstesten Besorgnisse einflößen mußte. Einzig das Geplauder seines Töchterchens vermochte ihm noch hier und da eine gewisse Teilnahme abzugewimieii, und Hilde mußte ihn denn auch fast beständig Gesellschaft leisten, eine kindliche Liebespflicht, der sie sich mit immer gleicher Bereitwilligkeit und Herzlichkeit unterzog. Zwischen Vater und Sohn dagegen hatte in dieser 8eit fast gar kein Verkehr mehr stattgefunden, abgeseheni von einer einzigen langen Unterredung unter vier Augen, deren Inhalt das unverbrüchliche Geheimnis des Kämmerers und des Assessors geblieben war. Vielleicht stand es im Zusammenhang mit den bei dieser Unterredung zur Sprache gekommenen Dingen, daß auch; Herbert an den Vater Felicias geschrieben, und gleichzeitig seine Ent- 743 — lassimg aus dem Justizdieust beantragt hatte, da er entschlossen sei, den Berns eines Rechtsanwalts zu ergreifen. Hilde war einigermaßen bestürzt gewesen, als sie erfuhr, daß sie mit den Eltern und dem Bruder demnächst nach dem ziemlich weit entfernten B. übersstdelu solle, wo Herbert seine Praxis auszuüben gedachte. Aber sie hatte sich dann doch sehr rasch mit dem Gedanken ab- gefunben, um so mehr, als nach den aufregenden Ereignissen, die den Kämmerer Ignatius und sein Hans wochenlang zum Gegenstand des Stadtgespräches gemacht hatten, das Leben in M. für sie vorläufig doch nur eine fortlaufende Kette von peinlichen Eindrücken, und marternden Demütigungen hätte bilden können. Den Doktor Hermann Müller hatte sie nach feiner überraschend schnell erfolgten Genesung wohl noch zweimal wieder- gesehen, doch immer in Gegenwart anderer Personen, und ohne daß dabei ihrer letzten Unterredung auch, nur mit einem Worte Erwähnung geschehen wäre. Es bedurfte dessen ihrer Meinung nach ja auch, nicht; denn es war ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß zwischen dem Doktor und ihrem Bruder eine volle Aussprache und Verständigung erfolgt fein mußte. Der Verkehr der beiden Männer, in bereit Leben bas nämliche Weib so verhängnisvoll eingegriffen hatte, gewann nämlich mehr und mehr den Charakter, einer herzlichen Freundschaft, die um so dauerhafter zu werden versprach, je bedrohlicher die Verwirrungen und Mißverständnisse gewesen waren, ans denen, sie sich entwickelt hatte. Die durch seine Verwundung unterbrochenen Vor- arbeiten für die demnächstige Eröffnung der neuen Heilstätte nahmen die kaum wiedergewonnen Kräfte des jungen Arztes gewaltig in Anspruch. Und vielleicht auch suchte er durch eine rastlose Thätigkeit schneller des schmerzlichen Eindruckes Herr zu werden, den Felieia's Tod auf ihn gemacht hatte, obwohl der flüchtige Rausch, der ihn einst an sie gefesselt hatte, ja bis auf die letzte Regung verflogen war, und ein wehmütiges Erinnern längst die völlig erstorbene Liebe ersetzt hatte. Mitten in der emsigen Arbeit befand er sich auch!, als ihm am Tage nach der Beerdigung des Rendanten Lindemann der Besuch einer jungen Dame gemeldet wurde.» In die Farbe tiefer Trauer gekleidet, trat Margarethe in fein Gemach, und er war nicht wenig erstaunt, auf seine höfliche Frage nach dem Zweck ihres Besucbes zu vernehmen, daß sie eine Stelle als Krankenpflegerin an der neuen Heilanstalt zu erhalten wünsche.' Anfänglich War schien er wenig geneigt, ihrem Ersuchen zu willfahren; die Mitteilungen aber, die sie ihm machte, mußten doch Wohl danach angethan gewesen sein, seine Bedenken zu besiegen; denn als die Tochter des Rendanten ihn verließ, war sie der Erfüllung ihrer Bitte gewiß. Wie lange auch das geheimnisvolle Verbrechen, und das tragische Ende der schön« Felicia Rstbarth das Tagesgespräch in M. beherrscht haben mochte, schließlich wurde doch auch, dieser Vorfall über Neuerem und Interessanterem vergessen, und er trat mir noch einmal auf kurze Zeit in den Vordergrund des öffentlichen Interesses, als man hörte, daß Herr Georg Rubarth in Boston zum Gedächtnis seiner so früh dahingeschiedenen Tochter, und in Erfüllung eines ihm von derselben kuudgegebenen letzten Willens dem von Doktor Hermann Müller geleiteten Kraukenhause eine Schenkung von zweimalhunderttausend Mark gemacht habe, über deren Zinsen allein der dirigierende Arzt nach seinem freien Ermessen zu verfügen' haben sollte. Wenn mau schon vorher allgemein geneigt gewesen war, Felieia's Verschulden sehr milde zu beurteilen, so überwog nach dem Bekanntwerden dieser Neuigkeit vollends! das Mitleid mit ihrem traurigen Geschick die Entrüstung über ihre That, und es war schon jetzt ganz sicher, daß die Stiftung, die ihren Namen trug, mit der Zeit auch den letzten Schatten tilgen würde, der jetzt noch; an ihrem Andenken haftete. Das nimmer ruhende Rad der Zeit, das sich durch Menschenlust so wenig in seinem Laufe aufhalten läßt als durch Menschenleid, es war weiter dahingerollt durch Wochen und Monde. Seit langem schon sprach; niemand mehr von dem ehemaligen Kämmerer Ignatius, der vor nahezu sechszehn Monaten aus seinem Amte geschieden war, und von seiner Familie. Eines Tages aber taS man in den Morgenblättern zu M. mit nicht geringen Verwunderung, die Anzeige von der Verlobung des Doktor 744 — Hermämt Müller, der jetzt itt der That bereits zu den einflußreichsten Personen in der Stadt gehörte, mit Hilde Ignatius, der Tochter des halb vergessenen Stadtrats, von dem man erst auf die angestellten Erkundigungen erfuhr, daß er noch immer ani Leben sei, wenn auch als cüt völlig gebrochener, langsam dahinsiechender Mann. Und wenige Tage nach dieser Veröffentlichung, an einem, sonnigen Frühlingsvormittag ivar es, als die strahlende junge Braut, deren kindliche Anmut und Lieblichkeit fick während des letzten Jahres zu einer ungewöhnlichen Schönheit entwickelt hatte, in Begleitung ihres Bruders nach M. kam, um zum ersten Male ihrem Verlobten an der Stätte seines Wirkens einen Besuch abzustatten. Mit berechtigter Genugthuung eines Mannes, der stolz fei» darf auf seine Schöpfung, führte Hermann Müller seine Gäste durch alle Teile des Sanatoriums, das sich längst int ganzen Vaterlande den Ruf einer segenspenden Musteranstalt erworben hatte. Und schon die von warmer Verehrung und Dankbarkeit zeugende Art, wie er überall von seinen Patienten begrüßt wurde, mußte das Herz seiner jungen Verlobten höher schlagen lassen im triumphierenden Glücksgefühl. „Nun aber, meine liebe Hilde", sagte er, als sie ihren Rundgang fast beendet hatten, „es ist wahrlich die höchste Zeit, daß ich Dir Gelegenheit gebe, die gute Fee unseres Hauses zu begrüßen. Von allen, die mir geholfen haben, das Werk zu dem zu machen, was es heute ist, verdient niemand so viel Anerkennung und Bewunderung, als sie, die wie ein lichter Engel der Barmherzigkeit unter uns wandelte, und uns durch ihr heldenmütiges Beispiel immer wieder aufrichtete, wenn wir zuweilen nahe daran tvaren, den Mut zu verlieren." Hilde wußte, wen er meinte, und ehe sie das' Zimmer betrat, dessen Thür Hermann Müller vor ihnen geöffnet hatte, warf sie einen raschen Blick auf das Antlitz ihres Bruders, der sich umsonst bemühte, seine tiefe Erregung zu verbergen. Im nächsten Augenblick sank sie mit einem Freudenruf an Margarethens Brust, und lange hielten sich die beiden Freundinnen, die seit vielen Monaten nur in brieflichem Verkehr miteinander gestanden, innig umschlungen. c Die erste Begrüßung zwischen Herbert und seiner einstigen Braut schien auffallend kühl; aber es war nur ihre Befangenheit, nicht die Kälte ihres Herzens, das ihr diesen Anscheiit gab. Und da ein höchst merkwürdiger „Zufall" es fügte, daß Doktor Müller seiner Braut gleich darauf in einem der Nebengemächer etwas sehr Interessantes zu zeigen hatte, so half ihnen die Notwendigkeit . jetzt, da sie allein ivaren, doch auch miteinander zu reden, bald genug über diese Befangenheit hinweg. Was sie in dieser Stunde gesprochen, hat freilich niemals ein anderer erfahren, sondern es ist ihr wohl behütetes Geheimnis geblieben. Eines allzugroßen Scharfsinns aber bedurfte es sicher wohl kaum, es zu erraten; denn als nach Verlauf einer halben Stunde Doktor Hermann Müller behutsam die Thür des Gemaches wieder öffnete, hatte der Rechtsanwalt seinen Arm um die schlanke Gestalt der schönen Pflegerin geschlungen, und ihr Köpfchen ruhte voll zärtlicher Hingebung an seiner Schulter. Alle Wirrungen und Mißverständnisse waren gelöst, die -Schatten der Vergangenheit waren zerstreut, und im hellsten Sonnenglanze lag die Zukunft vor den Blicken der beiden beglückten Menschenpaare da. Ende. stärkeren Ehehälfte und vergaß das arme Reis darüber. Oder sollte sie gar mit der Pflege eines Myrtenstecklings nicht vertraut sein? Das wird es sein! Auf dem Gebiete der Leibespflege sind ja unsere deutschen Frauen alle Meisterinnen, nicht aber immer in der Pflanzenpflege. Diesem Mangel abzuhelfen und beit Kummer über den Mißerfolg zu beheben bemüht sich in seinem 50. Heft dieses Jahrgangs der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau zu Frankfurt a. d. Oder. Nach einem darin enthaltenen Aufsatz „Blühende Myrten" muß der Steckliug Halbschatten, kräftige, nahrhafte Erde und mittlere Tem- oeratur haben. Er wurzelt sehr schnell an, und bedarf dann eines öfteren Sprühregens der Brausekanne. Bis zum Herbste entwickelt sich der Steckling zn einem starken Busch, der bei 8—10 Grad Wärme in einer hellen Ecke überwintert wird. Im weiteren Verlaufe des Artikels geht derselbe dann auf die spätere Behandlung der Myrte insbesondere zur Erzielung reicher Blüte ein. Interessenten wird auf Verlangen gern die Nr. 50 durch das Geschäftsamt kostenfrei übersandt. So mancher Gartenfreund möchte in seinem Garten eine hübsche Laube oder einen Pavillon anbrmgen, in welchem die Familie im Sommer ihre Mahlzetten.und ihren Thee oder Kaffee einnehmen oder auch Besucp -empfangen kann, um diesem von hier aus alle Herrlichkeiten zeigen zu können. Solch eilt Gartenhäuschen, welches zeitig einen hübschen Schmuck für den Garten zu bilden bestimmt ist, kann man sich selbst leicht anfertigen, wenn man -das in Nr. 49 des „Praktischen Wegweisers", Wurzburg, abgebildete als Vorbild nimmt. Interessenten erhalten die Nummer dieses vielseitigen Blattes auf Wunsch kostenlos. Nelken, welche mit Knospen aus dem Freien in das Zimmer gebracht wurden, blühen recht gut auf, wenn dieselben in ein ungeheiztes Zimmer dicht an das Fenjtm gestellt werden. Im warmen Zimmer vertrocknen die Knospen- (Prakt. Wegweiser, Würzburg.) S rh e r z - R e b n s. Nachdruck verboten. | TN | ’h h (Auflösung in nächster Nummer.) Füllrätsel. Nachdruck verboten. —st, E—eib, W—er, —ken, Nie—, —le, —rag, Kl—. Statt der Striche ist jedesmal eine Gruppe tioit drei Buchstaben zu ergänzen, so daß bekannte Hauptwörter entstehen. Die «"gefügten Buckstabengruppen müssen im Zusammenhang einen Wunsch ergeben, den wir jetzt zur Festzcit unfern Lesern zurufen. (Auflösung in nächster Nummer.) Preisrätse!♦*) Magisches Quadrat. (Nachdruck verboten.) In die leeren Felder sind Zahlen derart zu setzen, daß jede wagerechte, jede senkrechte und jede Diagonnlreihe die Summe von 15 ergibt; doch darf keine Zahl zweimal vor- kommen. Gemeinnütziges. Blühende Braut-Myrten im Zimmer. Gab es wohl je eine deutsche Braut, die nicht an ihrem Hochzeitstage ein Reis aus ihrer Myrtenkrone brach, und es in einen Blumentopf pflanzte, in der süßen Hoffnung, es möchte anwachsen, und, ein Zeuge ihres glücklichen Hochzeitstages, auch Zeuge einer , glücklichen Ehe sein? Wohl schwerlich! Wer viele von ihnen sind enttäuscht worden; denn ob auch ihre Zukunft grünte und blühte, das Myrtenreischen wollte nicht gedeihen. Sollte das ein böses Vorzeichen sein? — Nein sicher nicht! Die junge Frau beschäftigte sich nur zu sehr mit der Pflege ihrer Gar mancher hat um diese Zeit Mit Zahlen leicht Verdrießlichkeit; Heut gilt's, verdienstlich draus zu sinnen, Wie mau mit Zahlen mag gewinnen. Drei Preise setzt das Christkind aus: Wer rechnet einen sich heraus? *) Lösungen sind mit Aufschrift: „Preist-ätsel.LösUNg" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Gletzenev Famtlienblälier" -inzusendcu. ________ Die nächste Nummer der „Familieublätter" erscheint am 28. Dezember. Redaktion: E. Burkhar dt. — Notationödruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Eiben) in Gießen.,