(Nachdruck verboten.) Ein Staatsstreich in Hessen. Historische Erzählung von Wilhelm Wagner. (Schluß.) Tie Eintretenden waren der landgräfliche Zivilkommissär, du Thil, Major Beck und Leutnant Rabe. Der Regierungsrat verneigte sich, trat vor, und sprach ernst und gemessen: „Herr Waltbott von Bvssenheim, regierender Graf von Hegbach und derzeit Burggraf der Burg Friedberg. Im Namen unseres erlauchten Landgrafen Ludwig X. von Hessen-Darmstadt nehme ich hierdurch von der Burg Friedberg Besitz. Tie vorgefundenen Burgsoldaten gehen als Kriegsgefangene an Hessen-Darmstadt über, während Sie, Herr Burggraf, als Gast meines großmütigen Fürsten die Erlaubnis haben, in diesem Hause wohnen zu dürfen. Ihre persönliche Freiheit soll nicht im geringsten behindert werden; auch dürfen Sie zwei Burgsoldaten als Ehrenwache behalten." Der Vertreter der Regierung verneigte sich abermals förmlich und trat zurück. Der Burggraf hob stolz das Haupt. „Ich habe die Erklärung vernommen, ich vermag derselben augenblicklich nur eine mündliche Protestaktion entgegen zu setzen. Seien die Herren versichert, daß, wenn man auf ehrliche Weise die Burg angegriffen hätte, man nicht herein gekommen wäre, oder nur über unsere Leichen!" „Unser fürsorgliche Fürst hat uns streng vorgeschtieben, das edle Leben des hochgeborenen Herrn Burggrafen und seiner Getreuen zu schonen." „Es ist gut. Melden Sie Ihrem Fürsten, daß ich sofort alle Schritte beim Kaiser und dem römischen Reich unternehmen werde, um diesen unerhörten Staatsstreich rückgängig zu machen. Ich bin überzeugt, der Kaiser wird diese Schmach rächen, die man mir angethan hat, und gegen die ich protestieren werde bis zu meinem letzten Atemzug!" „Ich habe als Vertreter meiner Regierung gesprochen, nun will ich es als Vetter thun", sprach du Thil freundlich. „Lieber Waltbott, ich rate Dir, gieb nach. Ich bin in diesem Falle von meinem edlen Fürsten beauftragt, Dir die Versicherung zu geben, daß Tu in seinem Lande eine gleiche hohe Stellung erhalten sollst, wie als Burggraf." Rr. 105. W- ..... I MM ufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität, und die Menschen wären viel geistreicher, wenn sie sittlicher wären. B ö r n e. Statt aller Antwort schritt der Graf zu einem Schrank, und holte mehrere alte Dokumente heraus. Hier ist die Urkunde vom 10. August 1219!" sprach er triumphierend. „Tie hat Kaiser Friedrich den Burggrafen von Friedberg ausgestellt, und danach sind wir die Herren dieser Gegend für ewige Zeiten, nicht aber Euer Fürst! Und will man noch mehr sehen? Hier sind die Urkunden vom Kaiser Rudolph, hier die ewigen Satzungen des Kaisers Albrecht vom 21. Juli 1306, hier eine Abschrift zur goldenen Bulle. In dieser bedeutsamsten aller Urkunden, erhält die Burg Friedberg neue Ehren für ewige Zeiten, und hier —" „Genug, genug, lieber Vetter!" unterbrach der Regierungsrat den Erregten. „All diesen Dokumenten konnte ich ebenso viel andere entgegen halten, in denen gezeigt wird, daß die Burg mit all ihren Rechten und mittelalterlichen Einrichtungen eine fortgesetzte Plage für die Stadt Friedberg und die ganze Gegend ist. Deshalb muß dieses alte Institut fallen, und es ist gefallen mit dem heutigen Tage! Lieber Vetter, füge Dich dem veränderten Zeitgeist, und Du wirst es nicht bereuen." „Niemals! Tie kaiserliche und des heiligen römischen Reschs Burg Friedberg soll nur mit dem römischen Reiche untergehen!" „Laß uns von etwas anderem reden", meinte du Thil lächelnd. „Wo ist Deine Tochter, meine liebliche Nichte? Da steht mein Neffe, der Leutnant Hans Rabe, der sehr nach der schönen Henriette verlangt." „Dieser Verräter wird niemals meine Tochter zur Frau bekommen! Meine Antwort kennt er ja!" Hans trat vor. „Herr Burggraf, Sie sagten mir neulich: Tot sollt Ihr sie haben, lebendig — nie!" „Und bei diesem Worte bin ich geblieben!" „Mein Gott, Sie haben doch nicht Henriette töten lassen?!" In diesem Augenblick trat Sergeant Kreß in das Gemach, und winkte seinem Herrn triuinphierend zu. „Fragt den Sergeanten ob meiner Handlungsweise!" „Sergeant, wo ist die Tochter des Grafen?" „Tot könnt Ihr sie haben, Herr Leutnant, lebendig — nie!" sprach Kreß mit Würde. „Ihr habt sie getötet!" schrie der Liebende außer sich, und riß den Degen aus der Scheide. Der Regierungsrat trat dazwischen. „Halt! — Was sind das für Thorheiten?! Vetter, wo ist Deine Tochter?" „Ich habe geschworen, sie nicht lebendig in die Hände des Feindes zu geben!" „Wie man hat hier einen Mord begangen?!" „Sie ist verschwunden, gestorben, tot",. sprach der Sergeant stolz. 418 „Ich danke für dieses Geständnis", erwiderte der Re- gierungsrat. „Hauptmann Moter, führen Sie einen halben Zug Ihrer Kompanie vor das Haus, damit die Exekution sogleich beginnen kann. Wir leben gegenwärtig im Kriege, wir haben die beiden Mörder auf frischer That erwischt, also werden sie sofort erschossen!" Der Hauptmann eilte hinaus. Sergeant Kreß sah ihm mit offenem Munde nach, dann blickte er nach seinem Herrrn. Der war plötzlich auch ganz betroffen. Mit sehr ernster Miene trat der Regierungsrat zu den beiden auf so einfache und schnelle Weise zum Tode verurrteilten Männern. „Hat man noch etwas zu sagen, zu gestehen oder zu hinterlassen, dann muß dieses binnen zehn Minuten geschehen, so heischt dieses der Brauch bei uns. Nach Ablauf dieser Zeit fliegen die Kugeln. Herr Major, melden Sie mir, wann die Zeit zu Ende geht." Ter alte Burggraf erwachte aus seiner Ueberraschung und rief: „Ich protestiere abermals gegen eine solche Behandlung im Namen der uralten Rechte, welche in diesen Dokumenten enthalten sind!" „Tie Männer, welche diese Dokumente geschrieben haben, sind längst gestorben, und können Tir nicht mehr helfen, Vetter. Ter Lebende hat recht! Hörst Du, eben rückt der Zug Infanterie heran! Man hat aber noch einige Minuten Zeit, um die liebliche Tochter — wieder in das Leben zu rufen." Hans hatte sich von seinem Schnecken etwas erholt, er eilte zu dem Burrggrafen. „Sagen Sie mir, daß Henriette lebt, und wo sie weilt, damit ich sie holen kann!" Der Burggraf starrte den jungen Offizier an, und rang offenbar gewaltig mit sich. Kreß zupfte erregt an seiner Uniform, sagte aber nichts. „Wie ist die Zeit, Herr Major?" fragte du Thil. „Noch drei Minuten." „Gut, gehen wir hinunter zur Exekution. Komm, lieber Vetter, laß Dich von mir auf Deinem letzten Gange führen." Er trat zu dem Burggrafen, als ein dumpfes Geräusch, an der Wand ertönte, doch war nichts zu sehen. Alle blickten sich erstaunt um. „Oho, hier spukt es!" meinte der Regierungsrat. „Das ist wohl die weiße Frau, die jedesmal umgeht, bevor ein Burggraf stirbt?" „Sollte es möglich sein?!" stammelte der Burggraf entsetzt, und Sergeant Kreß sprach leise ein Vaterunser. „Ich bin davon überzeugt." Da gab es von neuem an der Wand einen großen Tumult, und auf einmal sprang eine Thüxe auf, die man bisher nicht gesehen hatte, da sie durch Malereien verdeckt war. Aus der geheimnisvollen Oeffnung drang zuerst eine Wolke Rauch, und dann erschien, nicht die gefürchtete weiße Frau, sondern, ziemlich angeschwärzt — Henriette in der Thüre, und sprang.lachend in das-Zimmer. „Guten Tag, meine Herren!" rief sie übermütig. „Ich komme direkt aus der Unterwelt. Sergeant Kreß, der Dummkopf, hat mich- irrtümlich«, statt in das geheime Gelaß, — in den alten Kamin eingesperrt, und da bin ich in dem großen steigbaren Schornstein ganz gemütlich heraufgeklettert, damit ich hören konnte, was die edlen Männer hier beraten." „Mein Kind!" rief der alte Burggraf stürmisch. „Komm in meine Arme!" „Aber Du hast mich doch tot gesagt!" schmollte Henriette. „Du hast mich gewiß nicht mehr lieb?" „O, ich habe Dich lieber denn je!" schwur der Vater. „Die wollten mich! ja eben tot schießen!" „Willst Du nun mir und einem gewissen jemand eine große Freude bereiten?" fragte sie schelmisch. Draußen auf dem Burgplatz ertönte ein Kommando: „Achtung! Ladet die Gewehre!" Da überlief es den Burggrafen heiß und kalt, und entschlossen sprach er: „Ja, es sei! Lieber soll er Dich lebendig haben, als daß sie mich und den braven Sergeanten Kreß tot schießen!" Hans eilte zur Geliebten, umschlang und küßte sie, obwohl ihr Gesicht verschiedene Spuren des Spaziergangs durch den Schornstein zeigte. „Herr Major, lassen Sie die Exekutionsmannschaft wieder abtreten", befahl der Regierungsrat lächelnd. Dann schlug er seinem Vetter kräftig auf die Schulter, und sagte: „Nicht wahr, es ist doch besser, daß dieser Staatsstreich ohne. Tote abgegangen ist?!"--- Der Burggraf fand sich bald in die neuen Verhältnisse, besonders da man ihm die Ehrenwache von zwei Mann ließ, die Sergeant Kreß befehligen durfte. Man erwies dem alten Herrn auch sonst alle möglichen Ehren von feiten der neuen Regierung. Er richtete natürlich trotzdem seine Klagen an den Kaiser und an das heilige römische Reich!, aber ohne den geringsten Erfolg. Tie Hochzeit Henriettes mit Hans wurde unter großer Pracht gefeiert, und versöhnte den Burggrafen völlig. Tie Stadt Friedberg und die ganze Umgebung atmete auf, als sie keine Unterdrück- ungen mehr von der Burg zu erdulden hatten, und von jener Zeit datiert das mächtige Aufblühen der gesamten Wetterau. Zwei Jahre nach dem „Staatsstreichs ging das römische Reich, darauf sich der Burggraf mit seinen alten Urkunden so stolz gestützt hatte, unter. Doch der alte Herr erlebte das nicht mehr, sondern war am 15. Februar 1805 zu seinen, zum Teile durch Großthaten ausgezeichneten Vätern gegangen. Henriette schenkte ihrem Gatten viele Kinder. Wenn sie aber abends traulich beisammen saßen, erzählten sie sich am liebsten vom Staatsstreich am 21. Januar 1804 und von der Flucht durch den Kamin im alten Burggrafiat der Burg Friedberg. Wenn dich die Mücken stechen. Von F. C l e m e n s. (Nachdruck verboten.) Wer das Unglück hat, an einem Flusse oder in der Nähe eines Wasserlaufs, Teichs, oder auch nur, in einer feuchten Gegend zu wohnen, hat alle Ursache, in regenreichen Sommern die Mücken und Schnaken zum Teufel zu wünschen. Nicht nur um der Stiche willen, obwohl diese einem, wenn man eine Anzahl davon wegbekommt, durch das nachfolgende unerträgliche Jucken das Leben zur wahren Pein machen können, sondern auch wegen der fortwährenden Belästigung während des Gehens, wegen der Vorliebe für Nase und Mund, die sie an den Tag zu legen pflegen. Wenn wir auch nicht wie weiland die Bewohner der Stadt Myns in Karten, von denen Pausanias erzählt, durch unsere Mückenplage zur Aufgabe unserer Behausung gezwungen werden, so verleiden einem die kleinen Bestien oftmals das Spazierengehen doch gründlich, und mir sind Personen von sonst lammfrommer Gemütsart vorgekommen, die den Angehörigen der Familie Mücke gegenüber eine förmliche Blutgier zur Schau trugen. Vor allem vor einem Gewitter sind die zweiflügeligen, blutsaugenden Kerfe schier unbändig, und weder die Zigarre der Herren, noch der Fächer der Damen gewährt den geringsten Schutz. Auch das Betupfen mit Salmiakgeist mag vielleicht vor der Gefahr einer Blutvergiftung schützen, gegen das Jucken erweist es sich aber nicht immer, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, als wirksames Schutzmittel — außerdem erhält man von der Existenz der meisten Mückenstiche, besonders der an den unserem Gesicht nicht ohne weiteres zugänglichen oder von Kleidungsstücken bedeckten Körperteilen befindlichen, in der Regel erst Kenntnis, wenn die Annehmlichkeit des Juckens einsetzt. Was also thun? Wo so vielerlei Mittel vorgeschlagen werden, da darf .ich dem verehrten Leser wohl auch mit einem Hausmittelchen kommen: es ist ein symphatisches, kostet nichts und ist vollkommen harmlos und unschädlich. Und worin besteht es? In nichts mehr oder weniger als der Lektüre dieses Artikels. Ich war auch einmal so übel von Mücken und Schnaken zugerichtet, daß mir schier die Geduld vergehen wollte. In meiner Verzweiflung warf ich mich auf das Studium der heillosen Gattung, und — ich muß! es gestehen — fand bald einen ungeahnten Trost in dem Leiden, welche die Moskitos den Bewohnern der Tropen zufügen. Nicht etwa, daß ich die armen Leute nicht herzlich bedauerte — aber wenn man liest, wie ungeheuer die Moskitoplage in manchen Tropenländern ist, und von 419 den unbeschreiblichen Qualen Kenntnis nimmt, die dje Bewohner jener Gegenden nicht nur dann und wann, sondern jahraus, jahrein zu erdulden haben, so erscheint uns die Belästignng durch unsere heimischen Schnaken und Stechmücken so herzlich unbedeutend, daß wir uns fast schämen, ihr überhaupt irgendwelche Berechtigung zuzuerkennen. Wir unterliegen gewissermaßen einer moralischen, oder besser sympathischen Kur; unsere Reizbarkeit wird vermindert, unsere Energie geweckt und gestählt. Gegen die Moskitos sind unsere Schnaken die reinen Waisenknaben. Durch die Lektüre unserer Reiseromane haben wir uns an die Erwähnung der Moskitoplage der-, art gewöhnt, daß wir das Erscheinen der tückischen Feinde mit aller Gelassenheit hinnehmen und sogar einen solchen Roman nicht als vollständig ansehen, wenn seine Helden nicht hin und wieder über Moskitostiche zu jammern wissen. Wir lesen darüber hinweg, ohne uns in die Seele, oder richtiger in die Haut der gefolterten Personen zu setzen; wären wir aber nur einmal einen Tag an ihrer Stelle, so würde unsere Kaltblütigkeit uns bald verlassen. Ä. von Humboldt und sein Freund und Begleiter, der Botaniker Bonpland, hatten während ihrer berühmten Reise in der Tag- und Nachtgleichgegend, vor allem während ihrer Fahrt auf den südamerikanischen Strömen, Gelegenheit, die Stiche aller Moskitos am eigenen Leibe zu studieren, und der große Forscher entwirft von den Qualen, welche er und seine Gefährten, sowie alle Bewohner jener Gebiete durch diese Bestien erduldeten, eine so lebendige Schilderung, daß eine kleine Blütenlese aus derselben uns die Lust, ihm nachzuahmen, wohl benehmen kann. Zuzeiten war die Luft von Moskitoschwärmen so erfüllt, daß die Reisenden nicht sprechen oder das Gesicht nicht entblößen konnten, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen. Bei dem schrecklichen Hautreiz schien ihnen die Luft zu glühen. Tagsüber wurden sie von den Moskitos und den Jejen, kleinen giftigen Mücken, furchtbar geplagt, nachts von den Zancudos, einer großen Schnakenart, vor der sich selbst die Eingeborenen fürchten. Die Hände der Reisenden singen an zu schwellen, und die Geschwülste nahmen täglich zu. „So sehr man auch gewöhnt sein mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einem auch der ^Gegenstand, den inan ieben beobachtet, beschäftigen mag — unvermeidlich wird man immer wieder davon abgezogen, wenn Moskitos, Zancudos, Jejen und Tempraneros einem Hände ünd Gesicht bedecken, einem mit ihrem Säugrüssel, ber m einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durchstechen, und in Nase und Mund kriechen, sodaß man husten und meßen muß, sobald man in freier Luft spricht." Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15—20 Fuß Höhe waren mit giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste bedeckt. Stellte man sich an einen dunklen Ort und blickte gegen die von der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sah man ungeheure Wolken von Moskitos. Der Wechsel der Tageszeiten brachte keine Erleichterung; denn die Reisenden machten die Bemerkung, daß sie zu verschiedenen Tageszeiten immer wieder von anderen gestochen wurden. So oft die Szene wechselte, und andere Sorten „auf Wache zogen", wie die dortigen Missionare sich ausdrückten, hatten sie ein Paar Minuten Ruhe. Von halb sieben Uhr morgens an behaupteten die Moskitos das Schlachtfeld, deren Stich einen kleinen, braunroten Punkt hinterläßt. Eine Stunde vor Sonnenuntergang wurden diese von estner kleinen Schnakenart, den Tempraneros, abgelöst, die etwa anderthalb Stunden blieben und zwischen 6 und 7 Uhr abends verschwanden. Ihnen folgten die Zancudos, eine Schnakenart mit sehr langen Füßen, deren Stiche die heftigsten Schmerzen verursachen, während die dadurch verursachten Geschwülste mehrere Wochen anhielten. Die Zancudos blieben bis Sonnenaufgang, worauf sie von den Moskitos wieder abgelöst wurden. Humboldt meint mit beißendem Galgenhumor, man hätte beinahe am Sumsen der Insekten und an den je nach der Art des Giftes wieder anders schmerzenden Stichen Tag und Nacht mit verbundenen Augen die Zeit erraten können. „Wenn man monatelang", äußert er des weiteren, „Tag und Nacht von den Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der beständige Hautreiz fieberhafte Aufregung und schwächt die Verrichtung des Magens. Man fängt an, schwer zu verdauen, die Entzündung der Haut veranlaßt ausbrechende Schweiße, den Durst kann man nicht löschen, und auf die beständig zunehmende Unruhe folgt bei Personen schwachen Körperbaues eine geistige Niedergeschlagenheit, in der alle leid- erregenden Ursachen sehr heftig einwirken." Dabei durften sich die Reisenden nicht einmal die Erfrischung eines kühlenden Bades nach Belieben gönnen; denn, wenn ein Bad auch den Schmerz der alten Stiche linderte, machte es doch für neue Stiche weit empfindlicher. Natürlich finb die Einwohner dieser Gebiete wahre Märtyrer, und auch die Missionare, die vfl ähre oder Jahrzehnte unter ihnen aushalten müssen, scheu entsetzliche Leiden aus. In Mandavaca trafen die Reisenden einen alten Missionar, welcher mit jammervoller Miene äußerte, er habe seine 20 Moskitojahve auf dem Rücken. Er forderte sie auf, seine Beine zu betrachten; diese waren dergestalt gefleckt, daß man vor Flecken geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. In den drei Missionen San Borga, Esmeralda und Atures gab es nach dem „Ausdruck der Mönche" mehr Mücken als Luft, und die Reisenden fürchten nicht die wilden Indianer und Jaguare, sondern die gierigen Kerfe. Man schickte die Missionare zur Strafe in die berüchtigsten Moskitoplätze, „er ist zu so und so viel Jahren Moskitos verurteilt", sagte man, wie man bei uns von so und so viel Jahren Gefängnis oder Zuchthaus spricht. Wie nicht anders zu erwarten, bildet die Moskitoplage in solchen Gegenden das Hauptthema. Begegnet man sich des Morgens, so lautet die erste Frage: „Wie haben sich die Moskitos heute nacht aufgeführt?", was etwa unserem herkömmlichen „Wie haben Sie geschlafen?" entspricht. Die Größe und Gefräßigkeit der Insekten in verschiedenen Gegenden desselben Flusses ist der Gegenstand lebhafter Erörterungen, jeder rühmt die f einigen als die schlimmsten und bissigsten. Es ist unglaublich, was für Mittel die geplagten Erdensöhne anwenden, nm sich die Racker nnr einigermaßen vom Leibe zu halten. Alle Einreibungen, wie auch Tabaksrauch, helfen nach Humboldt gar nichts, auch nicht das Bemalen der Indianer, wenn auch infolge der Gewöhnung die Eingeborenen nicht so sehr leiden wie die Weißen, oder wenigstens von den Geschwülsten befreit bleiben. Ein Missionar, der sein Leben unter den Qualen der Moskitos zu- zubringen gezwungen war, hatte sich neben der Kirche auf einem Gerüste von Palmstämmen ein kleines Zimmer gebaut, weil die Moskitos in her tiefsten Luftschicht, am Boden bis 20 Fuß hoch, am häufigsten sind, und er in der Höhe freier atmen konnte. In manchen Dörfern gingen die Indianer nachts fort und schliefen ans Inseln mitten in den Wasserflächen, wo sie etwas Ruhe finden. „Wie gut muß es im Mond wohnen sein, weil es dort gewiß keine Moskitos giebt", sagte ein Indianer. Bei Tage schlugen sich die Indianer während des Ruderns beständig mit der flachen Hand heftig auf den Leib, um sich die Insekten zu vertreiben, im Schlaf',schlugen sie auf sich, oder ihre Schlaf- kämeraden, wohin sie eben trafen. Mit am Feuer getrockneter Baumrinde sahen die Reisenden sich junge Indianer grausam die Rücken zerreiben; indianische Weiber stachen mit spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Blutes in jeder der massenhaften Wunden aus, eine Arbeit, wozu nur die kupferfarbige Rasse die Geduld besitzt. Die Farbigen an der Küste von Karneas gruben sich zum Schlafen in den Sand, um sich gegen die Blutsauger zu schützen. In den Dörfern am Magdalenenfluß trieben die Einwohner alles Vieh, derüimgegend auf dem Platze vor der Kirche zusammen und legten sich dort auf Ochsenhäute schlafen, weil in der Nähe des Viehes der Mensch ein wenig Schonung genießt. Am oberen Orinoko errichteten sich die Indianer förmliche „Oefen", kleine Räume ohne Thüren und Fenster, in die man durch eine ganz niedrige.Oeffnung auf dem Bauche hineinkroch. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch giebt, jagte man die Insekten hinaus und verschloß dann die Oeffnung, worauf man sich in dem so durchräucherten, glühend heißen Loche zum Schlafen niederlegte. Die Schilderungen Humboldts sind seitdem oftmals bestätigt worden, erst neuerdings giebt Dr. L. Martin in Dali (Sumatra) wieder erbauliche Belege für dies Thema, welches sich im übrigen gegen die neueste Moskitotheorie 420 — wendet, nach der diese „allerliebsten" Tierchen auch noch die Nebertrager der Malariaerzeuger sind. Bekanntlich hat Robert Koch bei seiner Malariaexpedition nach Italien die Theorie bestätigt. . Neue Koffer. (Nachdruck verboten.) Der Koffer, der während des Winters ein Dasein voll beschaulicher Ruhe auf dem Hausboden führen durfte, sieht sich jetzt, zur Reisezeit, Plötzlich in den Mittelpunkt lebhaften Interesses gerückt. Mit kritischen Blicken wird er von allen Seiten, von innen und außen gemustert, und weder sein ehrwürdiges Alter, noch jahrelange, treue Dienste schützen ihn vor wenig schmeichelhaften Vergleichen mit den neuen, praktischen, eleganten Erzeugnissen der Koffer-Industrie, die gerade im Laufe der letzten Jahre große Anstrengungen gemacht hat, den weitgehenden Wünschen des reisenden Publikums gerecht zu werden. Was wird nicht alles von einem Koffer verlangt! Zunächst soll er leicht sein, um das Reisen auf deutschen Bahnen nicht zu einem gar zu kostspieligen Vergnügen 511 machen. Die beispielsweise in England herrschende unbegrenzte Gepäckfreiheit wird bei der weniger weitherzigen Veranlagung unseres Bahnfiskus wohl noch auf unabsehbare Zeit ein frommer Wunsch der Reisenden bleiben. Den Anforderungen auf größtmögliche Leichtigkeit, vereint mit eleganter, geschmackvoller Ausführung, entsprechen am besten die sogenannten Rohrplattenkoffer, deren Widerstandsfähigkeit in den letzten Jahren durch besondere Verfahren bedeutend erhöht wurde. Am haltbarsten und festesten sind diejenigen Rohrplatten, bei denen die Rohr- stäbe ohne Verwendung von Leim in das Flachssegeltuch hineingeivebt sind. Die sonst üblichen Beschläge aus Metall finden wir häufig durch solche ans Hornleder ersetzt, welches bei weitem dauerhafter ist. Außerdem ist der Koffer mit Polierten Holzstrcifen versehen. Betrachten wir nun das Innere eines solchen Rohrplattenkoffers, so finden wir, außer einem oder mehreren Einsätzen, je nach der Größe des Koffers, bei vielen auch noch eine äußerst praktische Einrichtung in der Deckelwölbung, bestehend aus einer Mappe für Papiere, Kästchen für Taschentücher, Handschuhe, Schlipse, Kragen und Manschetten, ferner einen Raum für gebrauchte Wäsche und einen Schfrmbehälter. Letzterer muh jedem Reisenden besonders angenehm sein, da es immerhin lästig ist, mehrere Schirme im Plaid mit sich zu führen. Auf dein Boden vieler Herren-Koffer ist ein besonderer Raum für die Aufnahme eines Zylinderhutes geschaffen. — Einer stets wachsenden Beliebtheit erfreuen sich die unverwüstlichen Rindleder-Koffer; man giebt aber solchen mit feinem Satinfutter jetzt den Vorzug vor denen mit dem derben Drellfutter. Die weniger kostspieligen, schwereren Reifen«, Holz-, Bügel- und Korbkoffer mit Segelleinenbezug tja: m meistens dieselbe praktische Einrichtung aufzuweisen, v id sind mit Einsätzen, Hutfächern und verstellbaren Abteilungen für Wäsche, Oberhemden, Stiefel usw. versehen. Mancherlei Neuerungen finden wir an den eleganten mit Satin ausgeschlagenen praktischen Herren- und Damenhutkoffern aus Rohrplatten, welche außer den Haltern für die Hüte auch noch eine Hutbürste, und eine zur Aufnahme von Kragen bestimmte Kapsel enthalten. Neu und sehr praktisch ist es, daß in den meisten dieser Koffer Herren- und Damenhüte zugleich untergebracht werden können. Auch eine besondere für Zylinderhüte eingerichtete sehr elegante und zweckmäßige Hutschachtel sah ich vielfach. Dieselbe war mit Rindleder eingefaßt, mit Riemen zum Schnallen versehen, und innen mit rotem Sammet ausgeschlagen. Der Hut wird nicht direkt in die Schachtel hineingestellt, sondern zuvor mittels einer mechanischen Vorrichtung am Deckel befestigt, und so durch Schließen des Deckels in die Schachtel gebracht. Ebenfalls im Deckel unter dem §ut befand sich die durch einen Riemen gehaltene Hutbürste. Sehr praktisch sind die Oberhemden-Koffer, die ein Zerdrücken der Wäsche ausschließen, da jedes Wäschestück mit Gurten befestigt wird. Wenig Neues hingegen läßt sich über die Hand- und Rundreisekosfer, sowie über die Reisetaschen berichten, deren zweckmäßige und äußere Ausstattung Verbesserungen kaum noch zuläßt. Aeußerst praktisch fand ich allerdings ein sogenanntes ringsum mit Leder eingefaßtes Rundreifefutteral mit breiten rindledernen Riemen und kräftigen Griffen. Ist das Futteral geöffnet, so sehen wir, daß es zwei Behälter mit je zwei Deckklappen enthält, sowie Schnallriemen zur Befestigung von Schirmen und Stöcken. Ungefüllt läßt sich das Futteral so zusammenklappen, daß es etwa nur 8 Zentimeter hoch ist, und bequem in jedem größeren Koffer untergebracht werden kann. Ich halte diese Einrichtung deshalb für sehr praktisch, weil man vom Hotel oder dem sonstigen zeitweiligen Aufenthaltsort aus, unter Zurücklassung des übrigen Gepäcks, d. h. nur mit diesem Handfutteral ausgerüstet, größere Streifzüge unternehmen kann, um dann nach dem Ausgangspunkt wieder zurückzukehren, und sich zu einer neuen Tour zu rüsten. Dg. Gemeinnütziges. Der Einfluß des elektrischen Lichtes auf die Vegetation zeigte sich nach „Revue hvrticole" augenscheinlich an den Platanen der öffentlichen Promenaden in Genf im vorigen Herbst. Die von den Strahlen der Bogenlampen beleuchteten Zweige zeigten lange Zeit noch grünes Laub, während die anderen längst entblättert waren. Krenzcharade. Nachdruck verboten. 2 Von 1—2 stammen alle wir, Ein kleines Tierchen ist 1—4; Es nützt 3—4 im Windeswehen, Stets ist es auf 3—1 zu sehen; 2|_ 2—3 ist als Gefäß bekannt, Oft ist's geschmückt von Künstlerhand. (Auflösung in nächster Nummer.) ■ Auflösung der Anthmogr'phs in vor. Nr.: Reseda, Erde, Saar, Esra, Darre, Asse. Naturstudien im Hause. Plaudereien in der Dämmerstunde. Ein Buch für die Jugend von Dr. Karl Kröpelin. Mit Zeichnungen von O. Schwindrazheim. 2. Auflage- Leipzig, Druck und Verlag von B. G. Teubner. 1901. Preis geb. Mk. 3.20. Die hohe Bedeutung, welche den Naturwissenschaften für die Erziehung der Jugend zukommt, ist bisher noch keineswegs genügend gewürdigt worden. Namentlich in der Großstadt mit ihren sich endlos dehnenden Straßenzügen geht dem Heranwachsenden Menschengeschlecht nur zu leicht jede innere Beziehung zur lebenden Natur verloren. Die Schule allein mit ihren kärglich bemessenen Unterrichtsstunden kann hier nicht helfen. So lag wohl dem als Gelehrten, wie warmen Naturfreunde gleich geschätzten Verfasser der Gedanke nahe, das vorliegende Merkchen zu schreiben, das die lern- und wißbegierige Jugend in möglichst lebendiger Darstellung zum naturwissenschaftlichen Denken anregen, und ihr die Naturobjekte . der nächsten Umgebung, vor allem also des väterlichen Hauses, geistig und gemütlich näher bringen soll. Die gewählte Form des Zwiegespräches mag als veraltet gelten; dennoch erscheint sie als die für den erstrebten Zweck am ehesten geeignete, sicher aus denselben Erwägungen, welche den vorbildlichen Meister der griechischen Weltweisheit bei Abfassung seiner Denkwürdigkeiten geleitet haben. Die begeisterte Aufnahme, welche das Merkchen bei seinem ersten Erscheinen gefunden, bürgt dafür, daß die Plaudereien des „Dr. Ehrhardt" mit seinen fröhlichen Jungen auch fernerhin sich fähig erweisen werden, die Teilnahme an der Natur und ihren Wundern im Herzen der Heranwachsenden Jugend wach zu rufen und zu vertiefen. Bdt. Redaktion: E, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.