Nr. 185. 1901 0 e,-jy$rx" ^WW MM »fcreWÄ W :* •- iry E -?. i 1 er Charakter ist ein Fels, an welchem gestrandete Schiffe landen und anstnrmende scheitern. Kant. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Am Nachmittage des nämlichen Tages erschien in der Wohnung des Rendanten Lindemann ein Dienstmann, der einen dickleibigen, mehrfach versiegelten Brief übergab und sich dann mit auffallender Hast entfernte, ohne erst eine Frage nach der Person seines Auftraggebers abzuwarten. Margarethe hielt sich nicht für berechtigt, die Siegel zu erbrechen, umsomehr, als ihr die Handschrift der mit lateinischen Buchstaben geschriebenen Adresse vollständig unbekannt war. Aber als ihr Vater hustend und keuchend heimkehrte, kaum noch im stände war, sich auf den Füßen zu halten, überreichte sie ihm sogleich den geheimnisvollen Brief, den auch er kopfschüttelnd von allen Seiten betrachtete, ehe er sich entschloß, ihn mit zitternden Händen zu öffnen. Er enthielt ein in weißes Papier eingeschlagenes, nochmals versiegeltes Päckchen und einen Zettel, auf dem in flüch- trgen Schriftzeichen zu lesen stand: „Jemand, der an Ihnen und an Ihrer Tochter eine schwere Schuld zu sühnen hat, sendet Ihnen die anliegende: Summe mit dem Wunsche, daß es Ihnen mit ihrer Hilfe ö^lngen^möge, sich aus allen Sorgen und Bedrängnissen zu Das war alles. In dem Päckchen aber befanden sich hunderttausend Mark in Kassensscheinen, genau die Summe, die der Stadtrat Ignatius an diesem Morgen der auf seinen Ruf nach M. zurückgekehrten Felicia als den von dem Rendanten unterschlagenen und innerhalb weniger Tage zu ersetzenden Betrag bezeichnet hatte. „Eine Dame wünscht in dringender Angelegenheit den Herrn Landgerichtsrat zu sprechen. Sie sagt, es handle sich Um eine wichtige Mitteilung in Sachen des Mordversuchs gegen den Doktor Hermann Müller." Natürlich ließ der Untersuchungsrichter Schröder darauf- Htn dre Gemeldete sofort in sein Amtszimmer führen und forschte mit kaum verhehlter Spannung in den Zügen des jetzt unverschleierten, marmorbleichen Antlitzes, aus dem zwei wunderschöne dunkle Augen mit sestem, aber eigentümlich starrem Blick den seintgen begegneten. „Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, mein Fräulein? Me glauben, mir in Sacken des Doktor Müller eine wichtige Mitteilung machen zu können?" „Ja." „Wollen Sie dann zunächst die Güte haben, mir Ihren Namen zu nennen?" „Ich heiße Felicia Müller, geborene Rubarth." „So sind Sie vielleicht eine Verwandte des Doktors?^ „Ich bin feine Frau." „Wie? Ist es möglich? Ich wußte bisher gar nicht, daß er verheiratet sei." „Das glaube ich wohl. Aber es hat damit nichtsdestoweniger seine Richtigkeit. Ich wurde vor einigen Jahren zu Ouray im Staate Colorado mit ihm getraut. Er wird es Ihnen_ auf eine Anfrage ohne weiteres bestätigen." „Nun wohl! Und was wünschen Sie mir zu sagen?" „Ich wollte Ihnen sagen, daß Sie einen Unschuldigen festgenommen haben. Der Assessor Ignatius ist an dem Attentat auf den Doktor Müller so wenig beteiligt, wie Sie selbst." „Und woher kommt Ihnen diese Gewißheit? Wie wollen Sie Ihre Behauptung beweisen?" „Damit, daß ich Ihnen den Mörder oder vielmehr die Mörderin nenne." „Eine Mörderin? Das wäre ja eine ganz neue Lesart. Bisher schien es doch außer allem Zweifel, daß der Attentäter ein Mann gewesen sei." „Man hatte eben eine als Mann verkleidete Frau für einen Mann gehalten. Die Dunkelheit macht den Irrtum leicht genug erklärlich." Der Landgerichtsrat war sehr weit davon entfernt, die Aussage dieser merkwürdigen Zeugin ernsthaft zu nehmen. Ihr sonderbarer Blick und der eigentümlich monotone Klang ihrer Rede bestärkten ihn immer mehr in der Vermutung, eine Geisteskranke vor sich zu haben, ein Verdacht, der ihm zuerst gekomnren war, als sie sich für die Frau des Doktor Müller ausgegeben hatte. Aber es war immerhin seine Pflicht, sich volle Gewißheit darüber zu verschaffen. „Das wäre allerdings nicht unmöglich", sagte er. „Wer also ist die verkleidete Frau gewesen?" „Ich." „Sie?! Sie klagen sich selbst an, den Mordversuch unternommen zu haben. Und gegen Ihren eigenen Gatten?" „Ja." „Aus welchen Beweggründen aber haben Sie es gethan?" „Haben Sie Zeit genug, Herr Untersuchungsrichter, eine lange Geschichte anzuhören?" „Für Angelegenheiten, die in den Bereich meiner dicnst-- lichen Pflichten fallen, habe ich immer Zeit; obgleich es mir allerdings sehr erwünscht wäre, wenn Sie wenigstens die Hauptsache gleich vorneweg nehmen wollten." „Ich werde es versuchen. Also ich habe den Doktor töten wollen, weil ich im Begriff stand, mich wieder zu, verheiraten, als er hierher kam, und weil ich nicht wollte, daß irgend jemand etwas von meiner ersten Ehe erfuhr.. Der Mann, den sie unter dem Verdacht des Mordes ins Ge- fängnis geworfen haben, war mein Verlobter. Wird Ihnen letzt der Zusammenhang der Ereignisse verständlich?" Nun plötzlich erinnerte sich der Landgerichtsrat, wo er den Mädchennamen dieser angeblichen Frau Müller schon gehört hatte, und an alles, was ihn: von den abenteuerlichen Vorgängen bei der Polterabendfeier im Hause des Kämmerers erzählt worden war. Die Erklärungen, die er bis dahin fiir die unsinnigen Phantasien einer Geisteskranken gehalten, gewannen in seinen Augen nun freilich mit einem Mal ein völlig verändertes Aussehen, und die bis dahin im höflichsten Konversationston geführte Unterhaltung wurde zu einem wirklichen Verhör. Ruhig, bestimmt und ohne jedes Anzeichen einer besonderen Erregung gab Felicia Antwort auf die tut sie gerichteten Fragen. Von jenem Theaterabend in Denver an, da sie die Bekanntschaft ihres nachmaligen Gatten machte, bis zu ihrer Verlobung mit Herbert Ignatius, und.bis zu dem unerwarteten Erscheinen ihres rechtmäßig angetrauten Gemahls verschwieg sie nichts, was ihm für die Mfklärung der Angelegenheit von irgend welcher Bedeutung sein konnte. Und bis in alle Einzelheiten erzählte sie auch die Vorgänge jenes unseligen Abends, da sie nach M. zurückgekehrt war, in der Absicht, Hermann Müller zu sprechen und sein Schweigen zu erflehen. „Nicht einen Augenblick hatte ich daran gedacht, ihn zn töten", sagte Felicia. „Wie hätte mir auch ein so wahnwitziger Gedanke kommen können, da doch ein Griff seiner Hand genügt hätte, mich wehrlos zu machen, sobald ich ihm Auge in Auge gegenüberstand — und da ich unmöglich hatte voraussehen können, daß unsere Begegnung sich so ganz anders gestalten würde. Ich ivollte ihm nicht auflauern, sondern ich wollte ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Nicht um mich für i h n unkenntlich zu machen, hatte ich! die Verkleidung gewählt, die er ja auf den ersten Blick durchschauen mußte, sonderrr um nicht von den Leuten erkannt zu werden, denen ich etwa auf dem Wege zu ihm begegnen würde. Den Revolver aber hatte ich zu mir gesteckt, weil ich fest entschlossen war, mich vor seinen Augen zn töten, wenn er sich weigerte, mein Flehen zu erhören, dtur als die Gattin des Assessors Ignatius wollte ich weiter leben, das stand als unerschütterliche Gewißheit in meiner Seele fest, und daraufhin hatte ich alle meine Vorkehrungen getroffen. Ich wußte, wo sich die Wohnung meines Gatten befand; der Stadtrat Ignatius hatte sie mir kurz vor meinem Polterabend gezeigt!. Aber als ich bis zu den Parkanlagen der neuen Heilstätte gelangt war, kain mein Mut ins Wanken. Ich zitterte vor dem Augenblick, da ick) meinem Mann gegen- uberstehen würde, und mußte häufig stehen bleiben, weil mir das Herz zum Zerspringeu klopfte und weil ich mich zuweilen einer Ohnmacht nahe fühlte. Da — ich war nur noch um ein geringes von dem Hause entfernt — vernahm ich hinter mir den Klang eines näher kommenden Schrittes. . Fast unwillkürlich trat ich! hinter einen Baumstamm, um nicht bemerkt zu werden; denn ich fürchtete, daß man mich fragen wiirde, was ich um diese Stunde in den Anlagen zu schaffen hätte. Der Mann, der wenige Minuten später an mir vor- übcrgiug, schien mich! auch wirklich nicht zu bemerken. Ich aber erkannte ihn sofort und sah, daß es der war, mit dem sich seit Stunden alle meine Gedanken beschäftigten. Er kam mir so nahe, daß ich jede Linie in seinem Gesicht ganz deutlich sehen konnte, und bei dem Anblick dieses ernsten, energischen Antlitzes wurde es mir mit einem Male vollständig klar, daß alle meine Hoffnungen nur wahnwitzige Hirngespinste gewesen waren, daß dieser Mann niemals einwilligen würde, der Mitschuldige eines Verbrechens zu. werden, und wenn ich ihn auch mit den stehendsten Worten, die einem Menschen zu Gebote stehen, auf meinen KnieeN darum gebeten hatte. Mein Schicksal erschien mir plötzlich Unwiderruflich beschlossen und besiegelt. Ich wußte, "daß mir kein anderer Ausweg mehr offen stand als der Dod. Aber zugleich regte sich,'s in meiner Seele wie heißer Lebensdurst und wie ein wildes, unbezähmbares Verlangen nach Glück und Freude. Ich hatte nicht Zeit, abzuwägen und zu überlegen, und ich wäre dazu in meiner damaligen Gemütsverfassung auch wohl nicht im stände gewesen. Blitzartig durchzuckte mich der Gedanke: Warum muß durchaus ich das Opfer sein? Warum nicht ebensowohl er, der als einziges Hindernis zwischen mir und dem Glücke steht? Es! war die plötzliche Eingebung einer Verrückten, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen; denn eine That, wie die/ welche ich da begehen wollte, konnte mir doch nimmer-, 738 — mehr die Pforten des erträumten Paradieses erschließen. Aber ich handelte wie unter einem unwiderstehlichen! Zwange; der Gedanke und seine Ausführung fielen beinahe zusanimen. Denn mein ahnungsloser Gatte hatte sich kaum um einige Schritte von mir entfernt, als ich auch schon die erhobene Waffe gegen ihn abdrückte. Er stieß keinen Schrei aus, nicht einmal einen Laut der Ueberraschung, sondern, er stürzte vornüber zu Boden, wie ein gefällter Baum, und, ich war ganz sicher, daß mein Schuß ihn aus der Stelle, getötet hatte. In jenem Augenblick ftihlte ich keine Reue, sondern nur das Verlangen, mich in Sicherheit zu bringen, und deshalb wandte ich mich, zur Flucht, ohne nur noch einen Blick auf den am Boden Liegenden zu werfen. Aber ich lief nicht allzu schnell, weil ich, Ueberlegung genug hatte, mir zu sagen, daß ich mich dadurch verdächtig machen! würde. Und es war meine Absicht, auf dem Hauptwege des! Parkes zu .bleiben, bis ich wieder in bewohnte Straßen! gelangen würde. Da hörte ich hinter mir eine Stimme, die um Hilfe rief und „Haltet den Mörder!" Das jagte mir einen tätlichen Schrecken in die Glieder, und ohne alle Ueberlegung sprang ich seitwärts zwischen die Baumstämme, um! meinen Weg quer durch Gestrüpp und Strauchwerk zu nehmen. Schon nach, den ersten Schritten blieb der Mantel, der mir als ein ungewohntes Kleidungsstück ohnedies in hohem Maße hinderlich war, irgendwo an den Zweigen! hängen und wurde mir. fast von den Schultern gerissen^ Ich löste die Knöpfe, die ihn über der Brust zusammen-, hielten, und ließ ihn zu Boden gleiten. Dann lief ich weiter und gewann unangefochten eine einsame Seitenstraße. Der Lärm meiner Verfolger, der mich bis dahin noch immer vorwärts gehetzt hatte, verstummte, und ich fühlte mich gerettet." Erschöpft hielt die Sprechende inne, und lehnte sich in ihren Stuhl zurück. Der Landgerichtsrat glaubte ihr. nach der furchtbaren seelischen Erschütterung, welche dies! rückhaltlose Geständnis für sie bedeutet haben mußte, einig« Ruhe gönnen zu müssen, und er fand es nicht auffällig, daß sie ein paar Sekunden lang ihr Taschentuch! an die! Lippen drückte. Auch das heftige Zittern, das plötzlich ihren! Körper befiel, beunruhigte ihn erst, als es in konvulsivisch«! Zuckungen überging. Boll Besorgnis fragte er, ob sie sich unwohl fühle, aber er erhielt keine Antwort, und in den: Moment, da er aufsprang, um ihr zu Hilfe zu eilen, glitt sie mit einem dumpfen Schmerzenslaut toit ihrem' Stuhl herab zu Boden. Aus dem Taschentuche aber, das! ihre Rechte noch immer mit krampfig zusammengepreßten Fingern umklammert hielt, fiel ein winziges Fläschchen, das dem bestürzten Untersuchungsrichter eine nur zu deutliche Erklärung für die plötzliche Erkrankung der Unglück-, lichen gab. Natürlich setzte er sogleich die elektrische! Klingel in Bewegung, und innerhalb weniger Minuten waren zahlreiche Personen um die bereits Bewußtlose! versammelt. Niemand aber wußte, wie ihr auf eine wirksame Weise zu helfen sei. Man legte ihren von furchtbaren Krämpfen geschüttelten Körper auf eine Bank, und! versuchte sich, in allerlei unwirkfamen Maßnahmen, bis! es endlich gelungen war, einen Arzt zur Stelle zu schaffen.! Der aber sah auf den ersten Blick, daß er viel zn spät kam, und daß menschliche Kunst hier nichts mehr aus-, zurichten vermöge. „Eine Vergiftung mit Cyankali", sagte er mit einem! Blick voll schmerzlichen Bedauerns auf das noch! im Tode! so schöne Opfer leidenschaftlicher Verirrung. „Hier steht meine Wissenschaft leider an den Grenzen ihrer Macht." Und mit emem sanften Druck der Hand schloß er die! gebrochenen Augen, die einst in so berückendem Glanzt geleuchtet hatten. (Schluß folgt.) „Ihr Weihnachtsimmsch". Ein lustiges Geschjchtchen von Nataly von EschstrutM (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Egon starrte noch immer wie hypnotisiert auf das! Briefblatt in seiner Hand. Tassy! Die kleine Tasfy Wenden aus Klausendorf, und! er blinder Thor hatte sie nicht wiedererkannt! Wie sollte! er auch! Das kleine, scheue Knöspchen von damals, art welches er kaum noch eine Erinnerung hatte, und jetzig die lieblichste, wonnigste aller Rosen! — Und was ?! ■ da über ihn schrieb . . . Herr des Himmels, war das überhaupt zu fassen? zu begreifen? Dieses herzige Kind hatte sein Andenken so traulich bewahrt, ja, sie hatte sein Bild voll zärtlicher Schwärmerei als Ideal im Herzchen getragen ! Egon atmet hoch auf, seine Augen leuchten, ein tiefer Atemzug hebt seine Brust! Wie ein namenloser, glückseliger Jubel überkommt es ihn, — es ist plötzliche Weihnachten geworden, so selige, fröhliche Weihnachten wie noch nie zuvor im Leben. Tassy hat nur einen Weihnachtswunsch, wahrlich- er soll erfüllt werden! Am nächsten Vormittag steht Egon vor der Wohnung der Frau Rittergutsbesitzer Wenden, und zieht mit leicht Lebender Hand die Glocke. Ein alter, weißhaariger Diener öffnet, und starrt die überraschende Erscheinung eines Leutnants an, als wolle er zur Salzsäule werden. — „Sind die Damen zu Hause? " „Verzeihung, gnädiger Herr . ; . Fräulein Tassy ist zur Singstunde, aber die gnädige Frau sind zu sprechen!" „Vortrefflich; hier meine Karte! Fragen Sie bitte, Pb gnädige Frau sich noch der Einquartierung in Klausen- dorf entsänne?" Einquartierung! In den Augen des Alten leuchtete es aus, und nach respektvoller Verbeugung hastet er, so schnell es seine alten Füße gestatten, davon. Wenigs Sekunden später steht Egon in dem eleganten Salon der Fran Wenden, und „Großchen" tritt ihm mit lebhaft geröteten Bäckchen, so jugendfrisch und eilig entgegen, daß es ein Blinder hätte sehen müssen, wie sehr sie sich über den Besuch freut. Welch ein heiteres Wiedersehen, welch ein gemütliches herzliches Plaudern! Auf die Frage der alten Dame, wie es komme, daß der junge Offizier gerade jetzt zur Weihnachtszeit in Berlin anwesend sei? erzählt Waldeck mit den traurigsten Augen, die er „auf Lager" hat, wie einsam und allein er sei, welch ein trübseliges Fest ihm bevorstehe usw. usw. Die Wangen unter dem Silberscheitel der alten Dame färben sich noch höher, und die klugen, freundlichen Augen leuchten so lebhaft, daß es aussieht, als' blitze plötzlich ein gut Teil Schelm hindurch. „Sehen Sie, mein bester Herr von Waldeck, just so geht es auch; uns! Wir sind ganz weltfremd und verlassen in dieser Millionenstadt, und sehnen uns nach etwas Verkehr, und Anregung. Wie gern möchte ich meinet kleinen Tassy einmal junge Gäste laden! Gerade zu Weihnachten, wo die Jugend so besonders -froh und heiter sein soll! Nun will ich Ihnen einen Vorschlag machen! Wir drei einsamen Menschen wollen das Fest zusammen feiern, dann wird es nicht mehr trübselig sein! Machen Sie mir die Freude, Herr von Waldeck, und seien Sie zum Fest, beginnend mit dem heiligen Wend- unser Gast!" Egon küßt entzückt und dankbar die welke Hand der Greisin, und Großchen lächelte immer entzückter und aufgeregter, neigt sich vertraulich näher und flüstert: „Und damit die Heiterkeit gleich in die rechten Bahnen gelenkt werde, wollen wir mit einem Scherz beginnen! Sie müssen für Tassy eine Ueberraschung sein! Sie stehen als verdeckte Schüssel unter dem Christbaum, ja? wollen wir's machen, wie übermütige Kinder?!" Er lacht mit ihr, er küßt abermals ihre Hände — sie malen sich mir immer lebhafteren Farben diesen „brillanten Witz" aus, und Egon macht ein so harmlos unschuldiges Gesicht, als habe er nie im Leben einen Brref — einen Weihnachtswunsch von Tassy gelesen! — Er geht, — und Großchen vereidigt mit glückstrahlenden Augen den alten Johann und die Köchin, kein Sterbenswörtchen von dem Besuch des Herrn Leutnants zu verraten, sie werden als Mitverschworene in das Geheimnis gezogen, und der alte, treue Diener reibt sich die Hände, und nickt feuchten Auges vor sich hin: „Wird das ein Weihnachten werden!" — Großchen aber sitzt am Schreibtisch, und trifft mit bebenden Händen noch verschiedene Anordnungen und Bestellungen, und dabei lächelt sie mit feuchten Augen: „Ach!, Du lieber, lieber Herrgott, baß ich dem Kind nun doch den Weihnachtswunsch erfüllen kann!" rv. — ~ Tassy hatte an Klärchen nur wenige Zeilen geschrieben: „Habe soeben Waldeck in der Straßenbahn wiedergesehen! Er ist es! er muß es sein! Ich kann mich nicht täuschen! — O, Klärchen — welch! ein Augenblick war das, und er ist noch ebenso brav und gut wie damals, er beschenkte ein armes Kind! — Ich bin zu aufgeregt, um mehr zu schreiben! Nach dem Fest ausführlich! Deine furchtbar glücklich-unglückliche Tassy!" --Und nun sah die junge Dame in ihrem dunklen Zimmer, und starrte gedankenvoll auf die lichterhelle Straße hinab, dieweil Großchen sehr geheimnisvoll im Weihnachtszimmer beschäftigt war. , ,Die Köchin Jette hatte darauf bestanden, daß das gnädige Fräulein das himmelblaue Kleid anziehe, weil Großchen es so liebe, — und seufzend hatte Tassy gehorcht. Ach, wie weit ab waren ihre Gedanken, nur einen Weg nahmen sie noch, zu ihm! und sie faltete die Hände und blickte zu dem klaren Nachthimmel empor. Da ertönt im Salon die Klingel mit hellem Klang, und so, wie sie es von Kind auf gewöhnt, um Großchen zu erfreuen, stürmt das junge Mädchen zur Thüre. Die alte Dame tritt ihr entgegen: „Wir singen und lesen die Christandacht heute zum Schluß", sagte sie „erst kommt der Ausbau!" Nach zärtlichem Kuß tritt Tassy dem strahlend Hellen Lichterbaum entgegen, plötzlich aber stockt ihr Fuß; mit weit aufgerissenen Augen, als sähe sie ein Gespenst, die Hände gegen das Herz gepreßt, steht sie, und starrt aus den jungen Offizier, welcher ihr mit leuchtendem Blick unter den Tannenzweigen entgegenlacht. „Grüß Gott, mein gnädiges Fräulein!" „Herr von Waldeck!!" „Kind... Du erkennst ihn wieder?!" „Fräulein Tassy . . . Sie haben mich nicht vergessen?^ Hand in Hand stehen sie, — und über ihnen in der Wohnung des zweiten Stocks, erschallen jubelnde Kinderstimmen: „O Du selige, o Du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit!!" Welch ein Uebermaß der Freude und Heiterkeit, als Tassy ihre erste Betroffenheit überwunden, und mit glühenden Wangen, in der alten, kindlichen Freude sich voll und ganz dem Entzücken dieser Stunde hingiebt. — Nein, folchi einen heiligen Wend hat sie noch nie erlebt, noch nie! Und Egon kann nicht satt werden, ihr in die strahlenden Augen zu sehen, diese beiden schönsten Christsterne —j welche ihm jemals erstrahlt sind! Wieviel haben sie nicht einander zu erzählen, wie viele schöne Pläne schmieden sie nicht für den Winter! Waldeck erbietet sich, die Damen in Theater und Konzerte zu begleiten, ja, er versichert, daß Fräulein Tassy mit >ihm auf dem Opernhausball tanzen müsse, ob wohl das gnädige Fräulein gern mal einen Ball besuchen möchte?" und dabet sieht er sie so absonderlich neckend und schelmisch an, daß es Tassy sicher auffallen müßte, wenn sie nicht gar, gar zu selig zerstreut wäre! — Welch! ein Weihnachtsabend! — Und morgen wird er sie zum Schlittschuhlaufen abholen, und wird zu Tisch! bleiben, und so fort — alle Tage — so lange löte sein Urlaub dauert, — und dann kommt er auch noch oft .. sehr oft. er hat, schon jetzt dazu um Erlaubnis gebeten . . . ach^ und tote hat er sie dabei angesehen, — tote lange ihre Hand in der seinen gehalten. . . Als er gegangen, wirft fich Tassy mit glückzitterndem' Herzen an Großchens Brust, wie hast Du es gemacht, Du Liebste, mir gerade diesen Wunsch! zu erfüllen?"- — Da lächelt die Greisin mit einem Blick zum Himmel: „Ich aab Deinen Wunschzettel dem Christkind, — und das kann übermütigen kleinen Mädchen sogar einen Leutnant bescheren!"- Dau't man, leite Gott! Weihnach-tserzählung von Ina Rex. (Nachdruck verboten.) Dieser Winter meinte es ehrlich-. Selbst der Karauschen- teich im Pfarrgarten, der doch- warmen Untergrund, und seine Rücken hatte, war den sechs Buben aus dem Hochei gegiebelten, geistlichen Hause zum Tummeln freigegeb-en worden. Jede Pfütze im Dorfe schilderte und knisterte, sogar die Mistpfützen am Ende aller Stallrinnen, die doch! sonst — stinkrig und warm, wie sie nun einmal sind — sich! schwer beikommen lassen. Im Wäldchen, welches das Dorf fast einschloß, hatte Gott Vater verschwenderisch gewaltet: Hier ein Tautröpfchen hingesprengt — dort! itnb es schnell wieder verdichtet zum schönsten Krystall. Bonden hochragenden Fichtenhäuptern, den breitgegliederten Tannen und Lärchen, den weitverzweigten, blätterlosen Buchen, Eschen und Linden, bis herab zum krausen Busch und Büschchen glitzerte, strahlte und funkelte es. Helläugig schaute die Sonne um alle Ecken; aber machen ließ sich nichts. Nur ein Augenblickchen verweilen dort auf jenem Moosfleckchen, und den langhingestreckten Kinderkörper ein wenig erwärmen oder ermuntern, wenn der gefährliche Schlaf ihn in seine Arme nehmen wolle. Mieke Elberfeldt schlief nicht. Mit weitgeöffneten Augen starrte sie in die Ferne, auf eine sanft ansteigende Erhöhung, auf der sie eben Wunderbares geschaut. Kein Zweifel verwirrte die Kiudesseele: Der lrebe Gott hatte einen Engel gesandt — schneeweiß, mit wehenden Flügeln und lichten, glänzenden Locken. — Dort hatte er gestanden, umflim'mert," umstrahlt — wenige Minuten nur. Mieke rieb die thränenoen Blauaugen. Also sic betetnt em warmes Klcrd, vielleicht auch Schuhe. Es war wahr, was bte blinde Großmutter gesagt harte: Du mußt den heben Gott bitten, der schickt setzt (eine Engel durch die ganze Welt, damit sie nachsehen, wo's fehlt. Und wie hatte sie gebetet! Inbrünstig, mit all den schönen Worten, die sie in der Schule gelernt — beit blonden Krauskopf fest auf die kalte Erde gedrückt — innig, herzliche vertraulich, mit znm klaren Himmelsblau aufgeklärtem Gesichtchen: „Datüt man, leiw Gott! ick will vck ümmer orrig sin — un mi früst so bull." Langsam richtete sie sich auf. Rieb die mageren Beinchen, in den dünnen, schlottrigen Strümpfen, bis sie wieder geschmeidiger wurden, pustete in die blauen, krummen Händchen, und schlich still ins Dorf zurück. Ju der dunstigen Stube des Großbauern Harms lärmten die vier Kinder. Sie waren aufgeregt; es war dock, „Heiligabend" und gar nicht mehr lange hin. Sobald es dunkel wurde, würde der Weihnachtsbaum herein- getrageu werden, Mutter die Geschenke ausbreiten, und der Weihnachtsmann, der sie gebracht, husch — husch mit seinem leeren Sack aus der Pforte schlüpfen. Wieder und wieder teilten sie sich das mit, unter Lachen, Balgen und Tuscheln. Mieke kroch nahe an den breiten, backsteinernen Ofen. Eine große, heilige Freude war in ihr. Sie würde au4y etwas bekommen in diesem Jahre: eilt Kleid. Und dann noch die Backpflaumen von Großmutter. Weiter hatte sie nichts; sie war doch im Armenhause; aber die hob sie ihr immer auf. Wenn sie das warme Kleid erst an hätte, würde sie hingehen, und es ihr zeigen, und Großmutter würde immer darüber hinstreicheln und sich freuen. Wie es wohl aussah! Aber jemand fragen, das ging nicht. Nein, nein. Ganz allein wissen, ganz allein. O, wie war das schön. Ja, wenn Vater oder Mutter gelebt hätten —dann! — Aber so „rumgehen" tut Dorf bei allen fremden Leuten, das war schlimm. Endlich! habe ich den Wildfang. Nun schnell! wir müssen doch noch den Julklapp Packen für Papa und Mama. Wo warst Tu eigentlich? Gar nicht hübsch, mir so fortzulaufen." Elsa v. Berken rannte an dem Kinderfräulein vorüber. „Lassen Sie mich, ich will nach Mama!" Das weiße Mäntelchen mit dem wehenden Kragen und weißen Schwanbesatz war ab geschleudert, Mützchen tutir Muff folgten in demselben Tempo, und fort war die Helle, kleine Gestalt, die Treppe in die Höhe. „Mamachen! Tu mußt mir schnell mein rotes Flanellkleid geben! Ich war im Walde — Fräulein weggelanfen — da lag Mieke Elberfeldt lang an der Erde und weinte. Tu! Mamachen! sie zitterte so; ich glaube sie fror. Ich hätte sie gefragt, aber ich schämte mich so; ich hatte so viel au. Ta lies ich, was ich! lausen konnte. Aber als ich oben auf dem Fichtenberg, Tu weißt doch ! stand, war sie noch immer da." „Mieke Elberfeldt? —" „Ja die! die gar kein Haus hat, unb keine Mama, unb kein Spielzeug unb nichts. Nicht einmal eine Puppe! Mamsell hat es mir erzählt, unb auch gesagt, ich solle was ablegen, glaube ich" Frau von Berken beugt sich duukelrot zu ihrem Töchterchen herab. „Mein Herzchen, Mieke soll ein Kleid haben, nicht bas rote, aber ein schönes warmes. Komm, wir wollen eins aussuchen, und Stine kann es noch schnell wärmer unterfüttern." Marie Elberfeldt hat vor langer, langer Zeit einen Schneider geheiratet, und heißt jetzt Frau Bütow, im ganzen Torf glattweg Sniederbütowsch. Sie hat Freud und Leid getragen, gelebt wie ihre Standesgenossen, gearbeitet und gebetet. Sie ist mit eingetreten in die Epoche des Denkens, Grübelns und Zweifelns, die auch dem Dorf ihren Stempel anfdrückte, und sie schüttelt das weiße Haupt, wenn des Gebetes Kraft belächelt, das Minder verspottet wird. O, sie weiß es besser. Wer hat die arme frierende Waise bekleidet und gespeist? Gütige Menschenhände wohl, aber wer legte es ihnen ins Herz! Ein Enkelchen auf dem Schoß, das andere an ihrem Knie — so erzählt sie von jenem Christabend. Unb immer wieber muß sie den lauschenden Kleinen berichten „wies war." Wie Frau Pastor ihr das weiche, warme Kleid auf den Arm legte, sie küßte und ihr sagte: „Mieke! dies' schickt Dir der liebe Gott. Bleib immer brav, und bete fleißig, dann kommt das Christkind jedes Jahr zu Dir." Unb s i e sollte es nicht wissen! Velhagen & Klasings Monatshefte. Das Weihuachtshest von Belhagen & Klasings Monatsheften (XVI. Jahrgang, Heft 4) trägt dem bevorstehenden Feste in gewohnter Weise Rechnung. Außer einem in Faksimile wiedergegebenen Eingangsgedicht von Joseph Laufs: „Weihnacht" und zahlreichen lyrischen Gedichten, bringt es eine allerliebste Skizze von Charlotte Niese: „Fritschs und eine Novelle von Sou Andreas Saloms: „Im Zwischenland", in der die Verfasserin von „Ma" wieder ein Kabinettstück feinster Seelenmalerei bietet. Unter den illustrierten Artikeln steht an erster Stelle: „Blumen-und Palmenkultur an der Riviera' von W. Hörstel. An zweiter: „Aus alten Puppenstube n" von Georg Lehnert. An dritter:„DasFrauen- ideal in der Kunst der Renaissance" von Ed. Heyck. Ein Aufsatz: „Die Afghanische Frage" von A. Franz behandelt eine interessante Tagesfrage. Dte „Illustrierte Rundschau" am Schluß des Heftes tst diesmal besonders reich, und das Gleiche gilt von dem übrigen Bildschmuck des Heftes. Sehr willkommen wtrd es den Lesern sein, daß der so sesselnde Roman von Ida Boh-Ed: „D a s A B C d e s L e b e n s" auch im Wethnachts- heft fortgesetzt worden ist. Man hätte das Ausbleiben der Fortsetzung gewiß schmerzlich entbehrt. GsmeiirirÄtzigss. Humor im Wirtschaftsbuch. Ein Wirtschaftsbuch ist oft recht langweilig, weil sich Zahl an Zalst reiht, und nichts die Eintönigkeit unterbricht. Und doch darf man es nicht leugnen, daß das Wirtschaftsbuch vtel mehr verwendet werden würde, wenn -es nicht so „trocken wäre. In Nr. 9 der „Praktischen Ratschläge für Haus und Hof", einem Nebenblatt des Erfurter Führers tm Obstund Gartenbau, gießt Frau Rittergutsbesitzer Behrend- Arnan Proben aus ihrem Wirtschaftsbuch,, dte durch ihren Humor und die Beigefügten lustigen Bildchen prächtig wirken, und das Wirtschaftsbuch zu einem lustigen Büchlein machen. Da es gewiß viele Hausfrauen gießt, dte sich dafür interessieren, besonders zu Weihnachten, weil solch Buch auch ein hübsches Weihnachtsgeschenk darstellt, so raten wir unseren Lesern, sich an das Geschäftsamt des Erfurter Führers zu wenden, sie erhalten von dort, als unser Abonnent, diese Nummer kostenfrei zugesandt. Auslösung der Schachaufgabe in vor. Nr.r W. Kc8, Da2, Sf5, Lc4, Bd2, f4, g5, h5. Schw. Ke4, Tf2, Lh2, Be2, f3. 1. Da2—a4, Kf4: 2. Ld3 elD. 2. Lfl +• — 1. . . ., Lf4: 2. Dc2 +. — 1. . . K: S, 2. Le6 +. — 1. . . n beliebig. 2. Lb5 +. , Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.