ST 1901. — Nr. 169. bCTbTü' FMD ■^gM K W V? U hl ä^2^J । . i S H < Mi l|'-/TfsS’'r.^^ W Zum Totenfeste 1901. (Nachdruck verboten.) Verglüht nun ist der wilde Wein; Kahl reckt am Pfarrhof längst die Linde Ihr Astwerk auf; am Wiesenrain Schwankt trüb' ein dürrer Halm im Winde . • . Die reichen Beete grau und leer, Die Asternpracht noch jüngst getragen . . . Nicht eine letzte Rose mehr Grüßt Dich von gold'nen Sommertagen! * Ein rauher Sturm durchfegt die Flur; Kalt kriecht der Nebel um die Schollen. Die müden Augen schließt Natur Und träumt vom Lenz, dem blütenvollen: Da graut ein Tag im Nebelflor, Wo späte Düfte uns umfächeln. Und aus des Kirchhofs Gitterthor In Wehmut süße Rosen lächeln! Das ist der Sonntag leidumloht. An dem wir zu den Hügeln wallen. In denen nach der letzten Not Erlösung wird den Pilgern allen! Laßt denn das Weh, das jäh erwacht, Die Glut der schlechtvernarbten Wunden, In Eures Friedens tiefer Nacht Von unfern Blumen Euch bekunden! . • . Und fehlt auch manchem Hügel noch! Ein Kranz voll zarter Blumensterne: Ein still Gedenken grüßt ihn doch! So viele schlummern in der Ferne, Auf fremder Flur, in Klipp' und Kluft, Wo schrill des Todes Sicheln klangen; Wer legt den Kranz auf ihre Gruft? Und sind in Liebe bod). umfangen! . • . Der Tag verglüht... im Dämmerglanz Noch einmal leuchten Rosen, Nelken Und Lilien auf. . . und Kranz um Kranz, Eh' sie im Frost der Nacht verwelken; Doch lange noch ringt manches Herz Im bittern Kampf mit Gram und Kummer, Bis spät ein Traum es sternenwärts Entführt im heißersehnten Schlummer!.,, Alwin Römer, Auf dcm Friedhof. Skizze zum Totensonntag von Max Wundtke. (Nachdruck verboten.) Verdrossen schob er das Zeitungsblatt zurück und ev- hob sich von dein gedeckten Frühstückstisch, an dem er soeben seinen Kakao genossen hatte. Er sah nach der Uhr, und trat dann an das Fenster. Schon gegen Mittag! Wollte es denn heute gar gar nicht Tag werden? Soweit er blicken konnte. - . ein dicker, grauer Wolkenschleier über den ganzen Himmel hinweg. In den tieferen Regionen flogen einige dunkle Wolkenfetzen, vom Sturme gejagt, vorüber. Drüben im Park neigten sich ächzend die Kronen unter den Windstößen; dürres Laub, braun, gelb und rot, raschelte in wilder Jagd die Kieswege entlang, um den Fuß vereinzelter Spaziergänger. Die Menschen auf der Straße drunten eilten fröstelnd dahim Man konnte nicht recht erfahren: regnete es oder nicht? Jedenfalls war die Luft erfüllt von jener kalten, er- kältenden Feuchtigkeit, die wie ein Mißmut und Unbehagen verbreitendes Fluidum durch die wärmsten Kleider und scheinbar auch durch! die Poren der Haut bis ins Innere des Körpers dringt. c L o Er trat von dem Fenster zurück, und ließ das Auge wie hilfesuchend durch, das Zimmer schweifen. Da blieb es auf dem Schreibtisch haften. In dicker, roter Schrift leuchtete es ihm vom Kalender entgegen: Totensonntag! Mißmutig griff er tvieder nach der Zeitirng. ,Auch das noch!" murrte er halblaut vor sich hin. „Nicht genug an diesem jämmerlichen Wetter, daß man sich in einen gottverlassenen Winkel setzen möchte, und heulen. - . nun auch noch das gefühlvolle Drum und Dran dieses Tages! Das ist ja, um Die Zeitung flog von neuem auf das Kanapee. Er stützte den Kopf in die Hand und — sann. Aus den. tiefsten Gründen der Vergangenheit tauchten bte Geoanten empor; sie bekamen Bült und Leben, und schwirrten nun UM ihn her. . . der Ernst des Totensonntags hatte ihn ergriffen wider Willen. Emil Osten war von den Fünfzigern mcht mehr weit entfernt. Ein scharf geschnittenes Gesicht, dem mall es ansah, daß es viel erlebt hatte, mit stark ergrautem Schnurrbart uub verwitterten, zerknitterten Zugen, die ewig unzufrieden und verdrossen erschienen, ^vas war nicht immer so gewesen! Der Leichtsinn war früher mcht zum geringsten sein Teil. Hatte ihm doch das Schicksal alles geboten, um das Leben angenehm zu sinden. Und ganz zuletzt, vor etwa sechs Jahren, da hatte es ihm zum Ueberfluß noch eine Erbschaft in den Schoß geworfen, die es ihm gestattete völlig unabhängig zu leben, und auf jeglichen Erwerb verzichten zu können. . Da war er hinausgezogen in die weite Welt, hatte bald hier, bald dort; gelebt, immer mehr Geld und immer mehr Muhen 674 aufgewendet, um dem Leben einen neuen Geschniack abzugewinnen, bis ihn endlich der Ekel vor sich und seinem schalen Treiben bewog, die Jagd nach Genuß völlig cin- zustelleu. Als er draußen nichts mehr fand, das ihn reizen konnte, begann er nach innen zu schauen, und fand wenig Erfreuliches. Stimmen schrieen da auf, die er bislang in Vergnügungen übertäubt hatte; sonst war eine gähnende Leere in seinem Innern. Er fing an zu frösteln, und sich einsam zu fühlen, und dieses Gefühl war umso schwerer, da er in die Jahre gekommen war, wo die Bangigkeit der Einsanikeit und eines öden, freudlosen Winters sich über die Seele legt, !vo das Herz schreit nach Wärme, und nach dem Sonnenschein fürsorgender Liebe. Was hatte er früher danach gefragt?! Jetzt, da er sich danach sehnte, war es einsam nm ihn geworden. Hatte er nicht alle die guten, treuen Herzen mit seiner Selbstsucht von sich gestoßen? Nun war er ein einsamer, kränklicher, verbitterter Mann, der keine Freude haben konnte an seinem Reichtum. Der zu früh Gealterte trat von neuem aus Fenster. Wie die trockenen Blätter dort drüben die Parkwege entlang jagten! Das war auch alles einmal jung, saftstrotzend, lebensfrisch, und jetzt . • . .? War es mit seinen Freuden, mit seinen Genüssen anders bestellt? — Müde und trübe flog ein Lächeln um seinen Mund. Eine süße, eine köstliche Zeit stieg in ihm empor. Bor 16, 17 Jahren vielleicht . . . das stille Liebesglück mit seiner „kleinen Maus"! Klara hieß sic; aber ihren Namen hatte er kaum einmal gebraucht. Dort, drüben im Prak .... wie oft sind sie nicht dort gewandelt an lauen Sommerabenden, in leuzlicheu Vollmoudnächten, hatten einander ewige Treue geschworen und herzinnige Liebe, und einander in die verklärten Augen geschaut, und Lippe auf Lippe gedriickt in begeistertem Welt- und Selbst- Bergessen. Die Gunst des anderen Geschlechts hatte er überreichlich erfahren, vorher und nachher; aber noch aus keiner Liebe, weder früher noch später, war ihm ein so reines, köstliches Glück geflossen. Warum hatte er auch sie verraten, seine kleine Maus, die ihn bis zur Abgötterei geliebt hatte, verraten wie alle andern? Ja, warum? Er sann darüber nacb. Irgend ein großes Lebensziel, Grundsätze, eine höhere Idee hatte er nicht besessen, daß er sie vielleicht deshalb aus innerer Not- wemdigkeit hätte opfern müssen. Also aus reiner Laune? Weil ihm zu wohl war? Waruni hatte er sie geopfert? Diese Frage pflanzte sich drohend und quälend mitten in die Sturmflut feiner Gedanken, und diese Gedanken stauten sich an diesem flammenden Fragezeichen, krochen an ihm einpor, und kreisten herum, und fanden doch keine Antwort darauf. Nun war sie tot, und das Glück, nach dem er sich jetzt so sehnte, unwiederbringlich dahin. Sie hatte die Trennung von ihm nicht viel länger als ein Jahr überlebt. Aber die Nachricht von ihrem Tode hatte ihn damals kaum mit einem flüchtigen Bedauern erfüllt . .. weiß der Himmel, wie es kam . . . vielleicht war das schwermütige Totenfestwetter daran schuld. . . heute drückte ihn der Gedanke an den frühen Tod seiner kleinen Mans fast zu Boden. Aber ihn fröstelte, der Herbst war da, und er sehnte sich nach einem traulichen Feuer; ihm ward emsam, dem Alternden öffneten sich die Thüreu nicht mehr so bereitwillig wie der werbenden Jugend, und er sehnte sich nach Liebe unb zärtlicher Fürsorge. Alles das hätte er haben können, und er hätte so glücklich sein können, wie nur irgend einer; aber da trat er das Glück zu Boden, stürmte darüber hin, und glaubte, daß es immer blühen ivürde für ihn. Er kannte doch die Weiber, und hätte auch das Weib „Glück" kennen müssen. Er hatte es verschmäht, und hätte seine Rache fürchten sollen. Nun war die Rache da! Aufgestanden war er von reitf) besetzter Tafel; nun er hungrig geworden war vom ziellosen Jagen — ach, wenn es doch von einer Lebensarbeit gewesen wäre! — und er sich niedersetzen wollte, hatte der Tod reinen Tisch gemacht. ®ie trübseligen grauen Schatten reckten sich immer hoher um ihn her. Ihm war's, als müsse er ersticken- Er tnußte Lust haben, andere Eindrücke. Zerstreuung. Da hinten jm Osten wurde das Gewölk ein wenig lichter, vlaßgelbe Streifen kamen znm Vorschein. Geh' ein wenig spazreren, sagte er sich, das bringt das Blut in Bewegung, giebr andere Gedanken und macht Appetit für das Mittagessen. ---- ' Draußen umbrandete ihn ein gewaltiger Strom von Menschen. Fast altes strebte der einen Richtung zu. Willenlos ließ er sich führen, hierher und dahni lreß er seine Blicke beim Geyen schweifen, hoffend, die quälenden Gedanken würden ihn verlassen; aber sie gingen nicht, sie waren treuer als er. Verkaufsstellen unb fliegende Händler mit Blumen erinnerten ihn daran, daß er in der Nähe des Friedhofes war. Unbewußt und fast gegen seine Absicht ging er weiter. Ta stand er auf dem Ruheplatz der Toten! Ein Meer von Gräbern vor ihm! Aber nichts von jenem düsteren, verzweifelten Eindruck, den er so sehr fürchtete! Festlich geputzte Menschen, Stimmengewirr, prangende Blumen auf und zwischcu deu Hügel« ... Osten atmete ordentlich aus. Es lag Stimmung über dem Bilde, wenn auch das Schwarz der Drauergewünber vorherrschte. Lange stand er und sann. Ganz eigen vourde ihm zu Mut. Zwar waren es noch dieselben Gedanken, die ihn beschäftigten, aber die verbitterte, anklägerische Stimmung von vorhin war einer weicheren gewichen. Hier auf diesem Kirchhof mußte sie ja liegen, seine süße, kleine Maus von damals! Ob jemand lvar, der ihr Grab pflegte? Schwerlich! Sic halte ja niemand, stand ganz allein auf der Welt, hatte niemand als ihn, den einen, und dieser eine hatte sie verraten! Unb ber Wunsch stieg in ihm auf, ben Hügel einmal zu sehen, ber eine kurze Spanne Glück umschloß. Er trat bei bei» Friedhofswärter ein; ein kleines Trinkgeld verschaffte ihm balb Auskunft.... .....Das also wär ihr Grab; halb eingesunken, von entblätterten Cpyeuranken umgeben. Am Kopfende stand ein kleines Gerauiümstöckcheu, das, so verwahrlost es auch lvar, dennoch eine letzte Blütendolde leuchtend rot in die trübe Luft des Spätherbstes hinausreckte. Etwas lvie Scham wollte in seinem Herzen emporsteigen, ja noch mehr, es that ihm Weh, inen« er sich auch nicht völlig klar darüber war. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, lief er zum Eingang, kehrte, beide Arme mit Blumen beladen, zurück und legte diese auf dem Grabe nieder. Unb dabei wurde sein Auge feucht im zärtlichen Gedenken, nun. da er seiner jetzigen leeren Einsamkeit gedachte, und er mußte schnell mit dem Handrücken über die Lider fahren, sonst hätte er ja der Welt das unerhörte Schauspiel seiner Thränen gegeben! Freilich, es hätte sich niemand darum gekümmert. Er trat ein wenig zurück und setzte sich auf eine Bank, die bei einem entfernteren Grabe stand. So saß er und sann und vergaß die Gegenwart über der Vergangenheit. Ein ärmlich aber sehr sauber gekleidetes Mädchen von etwa fünfzehn Jahren trat an das Grab. Fast erschrocken schauten die großen Augen aus dem blassen, Vertrauen erweckenden Gesichtchen, als sie den reichen. Blumenschmuck gewahrten. Aengstlich blickte die Kleine sich um; aber sie sah niemand, ben sie im Verbucht haben konnte, und da auch der Mann da drüben auf der Bauk scheinbar nicht die geringste Notiz von ihr nahm, legte sie ihre Gaben, ein Blumenstöckchen und einen Jmmortellenkranz, auf das Grab und sank dann daneben aus die Knie. Des Mannes Augen waren starr und weit geworden-, als sähen sie mehr an dem Mädchen, als andere Äugen ge- seheri haben würden. Wie ward ihm denn? Dieses weiche, brennende Braun des widerspenstigen Lvckenhaares, dieses große, feingeschnittene Auge . . war das nicht alles . . . Emil Osten fuhr zusammen. Ein herzbrechendes Sch,luchf- zen klang von dem Mädchen herüber. Dieses Schluchzen drang an seine Seele, wie noch nie ber Kummer eines Menschen ihn ergriffen hatte. Das war aber auch mehr als ber Schmerz über ben Verlust eines Teuren, den bereits eine stattliche Reihe von Jahren gemildert hatte; das war der wilde, verzweiflungsvolle Schmerz einer so eben geschlagenen Wunde. Ohne zu wissen, wie es kam, stand der Einsame plötzlich bei dem Mädchen. Erschrocken schaute sie mit den großen, thräuenüberströmten Augen zu ihm einpor. „Diese Tote. . begann er mit stockender Stimme, „die dort unten schläft... sie war . . Deine Mutter?" Sie nickte stumm und bestätigte damit nur, was ihm längst schon zur vollen Gewißheit geworden wär. Tie Aehn- lichkeit mit ihr und mit — rhm war unverkennbar. Das. 675 innere Auge war scharf. . . dieses weinende, kaum den Kinderschuhen entwachsene Mädchen war sein Kind. „Du hast sie doch kaum noch gekannt, und warst gewiß sehr ost hier... warum dieses heftige Weinen?" „Ich muß morgen fort und nehme Abschied von Muttchen. Ich — werde — wohl — nicht — mehr — hierher — zurückkommen; gab sie schluchzend zur Antwort. „Tu hast sie sehr geliebt, mein Kind", sagte er mit bewegter et-imme; „nicht wahr? Und ich habe sie auch. . . sehr gut gekannt, und sie war meinem Herzen teurer wie kein zweiter Mensch — glaubst Ar mir das. Kleine?" „Ja; mein Muttchen hat feder gern gehabt." „Erzähle mir. . . warum mußt Du fort von hier, für immer?" Tie guten Leute, die mich nach Muttchens Tode zu sich genvmmen haben, sind arme Leute. Sie haben alles an mir gethan, was sie konnten. Nun bin ich eingesegnet und muß fort, in Dienst, zu fremden Leuten, die mich nicht kennen und mich nicht lieb haben, und muß nun mein totes Muttchen zurücklassen. . ." sie warf aufschluchzend den Kopf auf das Grab uttb ließ den ungestüm -empordrängenden Thränen freien Lauf. Der Mann stand da und kämpfte einen schweren Kampf. Ein Gedanke war in ihm eniporgestiegen, den er fürs erste noch gar nicht recht zu erfassen vermochte. Tort wurde das Mädchen -- sein Kino — in die rauhe Welt hinausgestoßen, hier sehnte er sich nach Leben, Sorgfalt, Liebe. Damals hatte er schweres Leid über das Weib gebracht, das ihn liebte:. . . konnte er heute nicht an ihrem Kinde etwas davon wieder gut machen, indem er ihm eine Heimat gab? Ja, so sollte es sein. Das würde seinen späten Tagen einen Inhalt geben, und so würde er doch- noch gesegnet werden für den-Herbst und Winter seines Lebens! Liebe säen, um Liebe zu ernten ... er hatte die Gerechtigkeit des Schicksals begreifen gelernt?" „Wie heißest Du, Kleine?" „Emilie Grote." Emilie! Er dachte an seinen Namen und wußte nun, daß ihn ihre Mutter geliebt hatte bis zuletzt. „Hat Deine Mutier niemals zu Dir von Deinem Baier gesprochen?" kam es bangend von seinen Lippen. „O ja, sehr oft!" Rein und frei waren des Mädchens Äugen auf ihn gerichtet. „Und wo war er denn?" „In die weite Welt mußte er gehen", sagte Muttchen immer! Ich sollte ihn nur recht lieb haben; er wird gewiß noch einnml wieder kommen." Eine Zentnerlast siel von seiner Brust. „Tas sagte sie? Und darauf: „Und siehst Du, Emilie, er i st wiedergekommen. . ." Tas Mädchen war aufgesprungen. „Sie — Tn —? Mein Vater —?" „Ja, Emilie! Du sollst nicht in die Welt hinaus zu dem fremden Leuten. Bei mir sollst Tn bleiben und — mich lieb haben. Willst Dn das thun, Eniilie, meine Tochter?" Und sie ergriff stürmisch die Rechte, die er ihr entgegenhielt, mit beiden Händen, drückte sie, neigte ihr Antlitz darüber nnb weinte stillselig vor sich hin. Sie wußte doch nun, wo sie hingehörte, unb auch ihm war zu Mute, als hätte er jetzt, mit einem Mal, eine Heimat gefunden._________________________________ (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Auch der Stadtrat war gerade heute sehr wenig aufgelegt, den heiter lächelnden Festteilnehmer zu machen. Aber er zögerte trotzdem keinen Augenblick, die Mahnung seines Töchterchens zu befolgen; denn niemals hatte er so eifrig wie in den letzten Wochen jede Gelegenheit ergriffen, sich öffentlich zu zeigen, und durch eine strahlende Miene wie durch gewinnende Liebenswürdigkeit die Welt von der Wolkenlosigkeit seines Lebenshimmels zu überzeugen. Er wußte, daß seit langer Zeit allerlei Gerüchte über seine zerrütteten Verhältnisse umliefen, und toemt er sich auch nicht der Hoffnung hingab sie durch sein Auftreten völlig zum Schweigen zu bringen, so konnte er doch wenigstens verhindern, daß sie sehr zur Unzeit neue Nahrung erhielten. Während er mit Frau und Tochter nach dem ziemlich weit von seiner Wohnung entfernten Festlokal fuhr, bliest er verstimmt und schweigsam ; aber in dem Augenblicke, da er — die Stadträtin am Arm führend — den glänzend erhellten Saal betrat, war er völlig verwandelt. Heiter blickten seine noch immer jugendlich lebhaften Augen umher, ein gütiges; Lächeln war auf seinen Lippen, und er wurde nicht müde, nach rechts und nach links auf das verbindlichste die Grüße feiner zahllosen Bekannten zu erwidern. Herbert und Felicia waren schon vor ihnen eingetroffen. Es Ivar das erste Mal, daß der Assessor sich an einem! öffentlichen Orte mit seiner Base zeigte, nnd die Schönheit der Amerikanerin, die auch die meistbewunderten unter den einheimischen Sternen völlig verdunkelte, erregte allgemeines Aufsehen und Erstaunen. In ihrem kostbaren weißen Kleide und in der funkelnden Pracht ihres nach deutschen Be-, griffen für ein junges Mädchen viel zu wertvollen Juwclen-- schmuckes glich Felicia in der Thal mehr einer Märchen- Prinzessin als der Tochter eines schlicht bürgerlichen Mannes, und es konnte nicht fehlen daß man sich bald nach ihrem Erscheinen überall im Saale die fabelhaftesten Tinge von ihren unermeßlichen Reichtümern zuraunie. Auch hier fand man es höchst befremdlich, daß ihr offenbar von der Meisterhand eines genialen Toilettenkünstlers gefertigtes Kleid die: herrlich geformten weißen Schultern freiließ, während ihre Arme bis zu den Handgelenken bedeckt waren. Aber man nahm es für die Offenbarung einer ganz neuen, bisher nicht nach M. gedrungenen Mode, und es trug schließlich nur dazu bei, die Bewunderung für ihre ungewöhnliche' unbi blendende Erscheinung zu erhöhen. Daß die Verlobung des Assessors mit der Tochter des städtischen Rendanten Lindemann rückgängig gemacht worden fei, war natürlich längst ein öffentliches Geheimnis. Ludwig Ignatius selbst hatte nach Kräften dafür gesorgt, es bekannt werden zu lassen. Und nicht die Klugen und die Scharfsichtigen allein, die jederzeit das Gras wachsen hören, sondern auch die Harmlosen und Einfältigen glaubten nun mit einem Male die Erklärung für das bis dahin auf die verschiedenste Art gedeutete Ereignis gefunben zu haben. Man begriff, baß neben ber Schönheit unb bem verführerischen Reiz einer solchen Rivalin Margarete Linde- rnauns zarte Lieblichkeit nicht hatte bestehen können, und zumal bie weiblichen Beurteiler fanden das Verhalten des Assessors vollkommen erklärlich. Herbert ahnte nichts von den für ihn so schmeichelhaften Vermutungen, die unter den Personen seiner Bekanntschaft ausgetanscht wurden, während er mit Felicia die ganze Länge des Saales durchschreiten mußte, um zu ihren in einer der ersten Reihen gelegenen Plätzen zu gelangen. Aber er bemerkte allerdings, in wie hohem Maße seins schöne Begleiterin ein Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit war, er hörte die halblauten Ausrufungen ber Bewunderung unb bas von entzückten ober neibischen Blicken begleitete Gewisper ber Damen unb Herren, an benen sie vorübergingen. Wenn ihm schon vorhin Felicias anfsallenbe Toilette unb ihr überreicher Schmuck eine Em- psinbung lebhaften Unbehagens verursacht hatten, so bereute er es jetzt gerabezu, ben Bitten seiner Schwester nach- gegeben zu haben. Unb noch vor Beginn bes Konzertes — sobalb seine inzwischen eingetroffenen Angehörigen sich zu ihnen gesellt hatten — benutzte er einen Augenblick, in welchem bie beiben jungen Mädchen eifrig miteinander plauderten, um sie zu verlassen und sich ganz in den Hintergrund des Saales zurückzuziehen. Bon den einzelnen Nummern des Programms hätte er nachher kaum Rechenschaft geben können; denn wie immer, wenn sie nicht durch augestrengte Arbeit abgelenkt wurden, waren gar bald alle seine Gedanken wieder bei Margarete, deren holdes Bild seine Seele heute noch ebenso erfüllte wie in den Zeiten seines unwiderbringlich bahin- aeschwunbenen Liebesglückes. Wohl kämpfte er Tag und Nacht mit Daransetzung seiner vollen Willenskraft gegen diese Schwäche, die er bei sich selbst unmännlich und unwürdig nannte. Aber seine energischen Vorsätze halsen ihm ebensowenig wie die immer aufs neue heraufbeschworene Erinnerung an die erlittene tätliche Kränkung. Er konnte Margarete wohl grollen, aber er konnte darum doch nicht aufhören, an sie zu denken unb sie zu lieben. Das namentlich von dem jüngeren weiblichen Publikum mit immer beutlicheren Anzeichen ber Ungebnlb begleitete Konzert war enblich vorüber, unb bamit erst nahm das 676 hl-schcn UnivcrsUäls-Brich- und Stcindrnckerci (Pietsch Erben) in Gießen. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brü Mas dn treibst, erwäg' es fein; Wird der Trieb kein edler sein, Faßt Vergeltung dich behende: Mensch, halt ein, bedenk' das Ende! eigentliche Fest seinen Anfang. Die ] füll in den Nebenräumen, • o ut der bet Wohlthatigkeits- veranstaltungen üblichen Weise allerlei Erfrischungsstatten ; und Verkaufsstände hergerichtet waren und Dutzenoe von fleißigen Händen waren unterdessen geschäftig bemüht, dre Stühle AU entfernen, mit den improvisterten Konzertsaal in einen Ballsaal zurück zu verwandeln. Herbert machte zwar einen Versuch, wieder zu feinen Angehörigen zu gelangen, aber als er sah, daß sein Vater und Felicia den Mittelpunkt eines dicht gedrängten Leises von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten bildeten, erachtete er seine Ritterdienste für überflüssig und blteb in der Entfernung. Hätte ihn nicht die einmal übernommene Kavalierpslicht daran gehindert, so wäre er am liebsten gleich nach Hause gegangen. Aber er sagte sich, daß ihm Felicia eine solche Unhöflichkeit Niemals verzechen wurde, und er hatte gewiß keinen Anlaß, sie zu beleidigen. Daß er ivührend der nächsten halben Stunde mindestens ein Dutzend mal von allen möglichen Personen seines Bekanntenkreises angeredet wurde, und daß es stets mehr oder weniger indiskrete Fragen nach Felicia waren, deren Be- antwortung man von ihm verlangte, konnte ihn wahrlich nicht in bessere Stimmung versetzen. Und er war sehr zufrieden, endlich in einem der kleinen Nebengemächer em abgelegenes Plätzchen gefunden zu haben, wohin sich nur in längeren Zwischenräumen ein vereinzelter Festteilnehmer oder ein ganz mit sich selbst beschäftigtes, lustwandelnde» Pärchen verirrte. f ,. Da blieb er denn auch, als aus dem Tanzsaale die munteren Klänge einer Polka herübertönten. Felicia hatte in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gelegentlich einmal geäußert, daß sie eine leidenschaftliche Tänzerin sei, und wenigstens zu diesen ersten Tanz hätte er sie nach Brauch und Sitte eigentlich auffordern müssen. Aber sie hatte hier schon so viele Bewunderer gefunden, daß er ganz sicher war, es würde ihr nicht an Tänzern fehlen, und der rechte Augenblick zu einer Aufforderung war nun ja ohnedies schon versäumt. ., Seit mehreren Minuten bereits hatte niemand mehr seinen stillen Zufluchtsort betreten. Da rauschte es hinter ihm wie von Frauengewändern, und er spürte den zarten Duft eines feinen Parfüms, der ihn unwillkürlich an Felicia erinnerte. Er blickte aus und sah sie zu seiner lleberraschung wirklich vor sich stehen, heiteren Antlitzes und mit einem, wie es ihm scheinen wollte, etwas befangenen Lächeln aus foett Sil)i)cn. ,Hierher also haben Sie sich geflüchtet!" sagte sie freundlich. „Dann ist es freilich kein Wunder, daß ich Sie schon seit einer geraumen Weile vergeblich suche." _ Herbert war natürlich sogleich von seinem Divan auf- gefprungen, und er fühlte sich jetzt durch die Erkenntnis seines unritterlichen Benehmens aufrichtig beschämt. . „Sie haben mich gesucht? Verzeihen Sie mir, Felicia, daß ich Sie dazu genötigt habe. Aber ich glaubte Sie drüben unter den Tanzenden und dachte nicht einen Augenblick daran, daß Sie mich vermissen könnten." ,,O, ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie wissen, daß mir nichts so sehr verhaßt ist als die Empfindung, irgend jemand durch die Rücksicht auf mich einen Zwang aufzuerlegen. Ich fürchtete nur, daß Sie vielleicht durch! ein Unwohlsein genötigt worden wären, das Fest zu verlassen. Und nun, da ich darüber beruhigt bin, will ich Sie nicht länger stören." Aber er duldete nicht, daß sie ihn verließ. , „Wie mögen Sie von einer Störung sprechen! Dars ich noch jetzt um einen Tanz bitten, Felicia, obwohl ich sehr gut weiß, daß ich ihn nicht verdient habe?" Mit demselben liebenswürdig befangenen Lächeln, das er eigentlich heute zum ersten Mal auf ihrem Antlitze sah, schüttelte sie den Kopf. „Es geschieht nicht deshalb, daß ich neut sage, Herbert — aber ich habe während der letzten zehn Minuten da drinnen so viele abschlägige Antworten gegeben, daß ich nicht den Mut habe, alle diese artigen Kavaliere zu beleidigen, indem ich jetzt mit Ihnen tanze. Bin ich Ihnen wirklich nicht zur Last, so lassen Sie uns statt dessen lieber ein wenig plaudern. Es ist hier so angenehm ruhig und |O wohlthuend kühl." Ohne seine Antwort abzuwarten, hatte sie auf dem kleinen Sopha Platz genommen, und eine einladende Bewegung ihres Fächers forderte ihn aus, sich neben sie zu setzen. Wenn sie dem Assessor schon durch ihr verändertes Benehmen während der letzten Wochen um vieles sympathischer geworden war, so fühlte er sich durch die ungezwungene und anmutige Herzlichkeit ihres augenblicklichen Verhaltens besonders wohlthätig berührt, und es klang darum sehr aufrichtig, als er erwiderte: „Ich freue mich der Gunst, die Sie mir erweisen wollen, aber ich fürchte fast, daß Sie mir damit ein Opfer bringen.". „Ein Opfer — inwiefern?" „Nun, Sie sind doch hierher gekommen, um sich zü vergnügen. Und es würde Ihnen da drüben nicht an Huldigungen fehlen. Ich habe die triftigsten Gründe, mich davon überzeugt zu halten." „Und den Verzicht auf diese sogenannten Huldigungen! nennen Sie ein Opfer? Sie halten mich also für ein recht eitles und thörichtes Geschöpf — nicht wahr?" „Ich würde nichts Tadelnswertes darin finden, wenn Sie Ihnen Vergnügen machten. Ihre Jugend wäre dafür Rechtfertigung und Erklärung genug." . „Aber Sie wissen doch, daß ich gar nicht mehr so jung Bin. Vielleicht gehört die Zeit, da mir diese Nichtigkeiten Freude machen konnten, ebenso wie bei Ihnen langst der Vergangenheit an." , ,,, ,, Er ließ seinen Blick über ihre herrliche Gestalt hm- qleiten und schüttelte den Kops. , Der Vergleich ist schlecht gewählt, liebe Felicia! Denn : es kann sich bei Ihnen doch, tut äußersten Fall um einen! gewissen augenblicklichen Ueberdruß, nicht um jene freudlose nud unheilbare Ernüchterung handeln, die durch schmerzliche Erfahrungen gezeitigt wird " „Weshalb sind Sie dessen so sicher? Vielleicht toeil idji für gewöhnlich nicht den Kopf hängen lasse und mit den Mienen einer Märtyrerin umhergehe ? Oder weil ich mich heute geschmückt habe wie die anderen, denen es darum zu ' thuu ist, leere Schmeicheleien zu höre» und wohlfeile Eroberungen zu machen?" . , Er zögerte mit der Antwort;, denn tm Klang threr Stimme war etwas gewesen, das ihn hinderte, ihre Frage zu bejahen, wie er es unbedenklich noch vor wenigen Mt-. Stuten' gethait haben würde. Ihre sonst so klaren und leuchtenden Augen schienen mit einem Mal wie verschleiert, und das raschere Atmen ihrer Brust verriet ihm, daß er, oyiie es zu wollen, an eine wunde Stelle ihrer Seele gerührte habe-n toemt etwas Ungeschicktes gesagt habe" aber ich hielt Sie bisher allerdings für em bei> wöhntes Schoßkind des Glücks. Und noch setzt kann ich kaum daran glauben, daß irgend jemand tm stände gewesen sei, Ihnen ein Herzeleid zuzufügen." . Sie mußten ihr Gespräch unterbrechen; denn tn heiterem Geplauder traten zwei junge Paare über die Schwelle ihres Zufluchtwinkels und ließen sich in geringer Entfernung von ihnen nieder.. Die noch sehr jugendlichen Damen waren vom Tanz erhitzt und in jener glücklichen Stimmung, welche die ganze Welt in entern roftg Bett Schimmer sieht. Sie lachten über jede scherzhaft gemeinte Aeußernng ihrer Kavaliere, warfen, einander verstohlen schelmische Blicke zu und steckten hier und da die niedlichen Köpfchen zusammen, um flüsternd und kichernd irgend welche geheimnisvollen Bemerkungen auszutau,cfjen. In ihrer unschuldigen Ausgelassenheit gewahrten fie era Überaus anmutiges Bild frischer, warm pulsierender Lebensfreude, und wie er.zu ihnen hinübersah, ging durch Herberts Brust eine Regung schmerzlich bitteren Bedauerns, daß dies alles schon so weit, so unendlich weit hinter ihm lag. Er war gleich Felicia völlig verstummt; denn bei der Enge des Raumes hätten sie kein Wort sprechen können, das nicht auch von den anderen deutlich gehört worden wäre, und es schien, daß keines von ihnen sich entschließen konnte in diesem Augenblick irgend eine gleichgiltige, für fremde Ohren berechnete Bemerkung zu machen. (Fortsetzung folgt.)