Donnerstag den 24. Moder. 1901, - Nr. 152. > @i i rächt, Reichtum, eitle Lust tarnt sie uns nicht gewähren: 'S5r Was gibt die Weisheit uns? den Geist, das zu entbehren. Sv Kästner. (Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) XVIIL Tie letzten Gäste hatten sich entfernt. Starre Kälte und Ernüchterung ruhten über dem letzten Teil des Festes, es war, als ob jeder gemerkt hätte, daß etwas vorgefallen war, man drängte zum Aufbruch!, und empfahl sich rasch von Irma und ihrem Gatten, die nebeneinander stehend, kühl und höflich den Abschiedsgruß der Gäste entgegen- nahinen. Auch Sannow und Ruscha wollten fortfahren, als sie sich aber von Irma verabschieden wollten, hatte sich diese bereits in ihr Zimmer zurückgezogen. Eitel Fritz begleitete den Schwager und die Schwester an den Wagen. „Nimm Dir den Vorfall nicht zu sehr zu Herzen, Schwager", flüsterte Arno ihm zu. Ein fester Händedruck war Eitel Fritz' Antwort. „Verlaß Dich drauf, ich schäffe Ordnung". Sie wnnten nicht länger zusammen sprechen, Ruscha rief nach ihrem Gatten. So schieden sie von einander, der Wagen rollte davon, Und Eitel Fritz kehrte in das Haus zurück. Wie grenzeulos öde erschienen ihm jetzt die noch festlich erleuchteten Prunkgemächer! Eiir schwerer Dunst von Wein, Tabak und starkriechenden Parfüms erfüllte die Gemächer, in betten die Unordnung nach einem beendeten Feste herrschte. Tie Diener und Mägde begannen unter, der Aufsicht des alten Friedrich aufzuräumen. Eitel Fritz begab sich nach detn Boudoir seiner Gattin, klopfte an, und trat dann ein. — Irma saß, bereits mit einem weichen, bequemen Mor- genrock bekleidet, in einem Sessel, und ließ ihr Haar von der Kammerzofe durchkämmen. „Ich möchte Dich noch eine Minute sprechen", sagte Eitel Fritz. „Ich! bin gleich fertig, dann stehe ich! zur Verfügung", entgegnete sie ruhig. „Marie", wandte sie sich! an die Zofe, „beeilen Sie sich!. Schlingen Sie das Haar nur in einen leichten Knoten." Tie Zofe vollendete die Frisur, während Eitel Fritz schweigend in dem Zimmer auf- und abging, das mit ausgesuchtem Glanz ausgestattet von etner schweren dumpfen" Luft erfüllt war. Nachdem sie mit ihrer Arbeit fertig war, entfernte stck das Mädchen. Irma erhob sich, trat zu dem kleinett, eleganten Rauchtischchen, und zündete sich eine Zigarette an. Dann nahm sie wieder in dem Sessel Platz, lehnte sich bequem zurück, und blies den blauen, Rauch der Zigarette in kleinen zierlichen Ringen in die Luft. Eitel Fritz hatte das Gebahren Irmas mit unvev hohlenem Erstaunen angesehen. Der Zorn regte sich wiede» in ihm, er suchte nach! Worten. „Nun", sagte sie, „was hast Du mir mitzuteilen? Ick habe Dich allerdings heute abend noch erwartet, uw Deine Entschuldigung entgegenztmehmen." . „Meine Entschuldigung?!" „Ja — denn Dein Betragen im Wintergarten gegen mich war toeilig kavaliermäßig . . " „Irma. . .?!" Er trat drohend auf sie zu. Mit kaltem Lächeln sah sie ihm ins Gesicht, und blies den Zigarettendamps mit leisem, pfeifenden Geräusch aus. „Was sollen diese feierlichen Gebärden?" fragte sie Er bebte am ganzen Körper. Er mußte sich gewaltsam zurückhalten, um sich nicht auf sie zu stürzen, und sie zu seinen Füßen nieder zu zwingen. Seine Hänbe ballten sich zur Faust. „Wirf die Zigarette fort!" stieß er hervor. „Weshalb? — Man behält kühle Ruhe beim Rauchen" entgegnete sie spöttisch „Wirf die Zigarette fort — oder bei Gott — ich vergesse mich. . ." Sie erhob sich!, und warf die Zigarette in einen Winkel des Zimmers, daß die Funken umhersprühten. „Der rohen Gewalt muß ich weichen", erwiderte sie kalt, schlug die Arme untereinander, und blickte ihn trotzig an. „Erfahre ich endlich, was Du mir zu sagen hast?', „Du wagst zu fragen, nachdem — nachdem Du meint Ehre, meinen Namen in den Schmutz gezogen? Nachden ich mit eigenen Ohren gehört, mit eigenen Augen gesehen, daß Tu Dich an jenen Menschen weggeworfen hast, be£ tat noch heute früh vom Hofe jagen lasse? Du wagst zu fragen, was ich Mr mitzuteilen habe, obgleich btt Menschen schon mit Fingern auf uns weisen, und men eigener Schwager mir erklärt, er könne mit seiner Frai. — meiner Schwester — nicht tnehr in meinem Hause vev kehren?!" Sie zuckte verächtlich bie Schultern. „Jcy begreife nicht, wie Ihr biese Kinberei jette? Menschen so ernst nehmen könnt." . „Kinberei nennst Du dieses Spielen mit unserer Ehre' Irma, Irma, wohin verirrst Du Mch!?!" Es lag in dem Klang seiner Worte ein fo tiefer 606 weher Schmerz, daß er ihr leid that. Sie suchte einzulenken. „Sei doch verständig und ruhig, Eitel Fritz. Es mag ja sein, daß tdji etwas unvorsichtig dem verliebten Geck gegenüber gewesen bin — mein Gott, es machte mir Spaß und brachte etwas Wwechselung in diese entsetzliche Langeweile hier .. . weiter nichts. Ist denn das der Rede wert? Was habe ich denn Großes verbrochen? Du schickst den Menswen fort, und damit ist die Sache abgethan." Ihre frivole Auffassung erregte ihn nur noch mehr. „Tu glaubst wirklich,? — lind der Hohn der Menschen, wenn sie die plötzliche Entlassung des Mannes sehen, der noch gestern abend die Gäste meines Hauses bewillkommnete?" „Nun gut, so laß uns selbst fortgehen", versetzte sie ungeduldig. „Die Langeweile tötet einen hier beinah. Laß uns nach Berlin oder noch besser — nach der Riviera. Sei gut. Eitel Fritz — Du sollst auch mit mir zufrieden sein . . . nur diese schreckliche Langeweile bringt mich auf solche thörichten Gedanken. Erinnere Dich unserer Hochzeitsreise nach der Riviera und Rom — war es nicht herrlich? —" Sie legte schmeichelnd den Arni um seine Schulter, und blickte ihn mit verführerischem, schelmischem Lächeln an. Aber der Zauber ihres Blickes war für ihn erloschen, hatte er doch zu oft sehen müssen, daß sie mit diesem selben Blick anderen Männern den Sinn verwirrte. Er streifte mit einer leichten, abwehrenden Bewegung ihren Arm von seiner Schulter. „Damals glaubte ich noch, wir würden uns verstehen lernen", sprach er ernst, „ich hoffte, wir würden uns in einander einleben, und die Liebe, welche uns zusammengeführt, würde in unseren Herzen immer tiefere Wurzeln fchlagen. Mein Glaube ist zerstört, meine Hoffnungen sind getäuscht. . ." „War es meine Schuld?" fragte sie kurz und scharf. „Ja", entgegnete er ruhig; denn er hatte seine volle Fassung wiedergewonneu. „Ja, es war Deine Schuld! Dir war das Leben stets nur ein Spiel, ein Fest, und die Menschen nur dazu geschaffen, itnt Dir Unterhaltung zu gewähren.. Ich, will mich nicht besser machen, als ich bin — auch ich lebte eine zeitlang leichtherzig und leicht- srnnrg dahin, auch ich glaubte, die Arbeit, die ernste Pflichterfüllung sei eine Last, der man aus dem Wege gehen müsse. Auch für mich war das Leben eine zeitlang nrcyts als Genuß uud äußerer Glanz. Aber ich habe einen tieferen Einblick in das Leben gewonnen, ich habe erkannt, daß das Leben leer und öde ist, ohne ernste Arbeit, ohne strenge Pflichterfüllung. Und deshalb entschloß ich mich, yrer zu bleiben und zu arbeiten, und deshalb werden wir auch jetzt nicht fortgehen, sondern in ernster Erfüllung unserer Pflichten gut zu machen suchen, was wir beide verfehlt." . Das alte spöttische Lächeln lag wieder auf ihrem Antlitz bet dreien Worten ihres Gatten. „Wer hat Dich diese schönen Worte gelehrt?" fragte sre ironisch!. ' a „Spotte nicht, Irma", entgegnete er fest, „irr dieser Stunde , nicht, wo, es klar zwischen uns werden soll. Ich brete Drr noch, einnial die Hand zürn Frieden. Was ge- chehen rst, soll vergangen und vergessen sein — auch Deine Verirrung — nur laß von Teurem thörichten Leichtsinn ab, sucpe mich in meiner Arbeit zrr unterstützen, nimm Anteil — wahres, warmes Interesse — an meiner Arbeit, und schaffe "A-vc selbst einen Wirkungskreis ernster Arbeit. Dann wird der Frieden wieder in unser Haus einkehren, wir werden beide vergessen, was hinter uns liegt, wir werden unsere Fehler einander verzeihen, die Liebe und das Glück werden wieder in unsere Herzen einkehren, und nach Jahren wrrd uns die Zeit unseres Leichtsinns als ein wüster Traum erscheinen, über den wir dann lächeln werben. Hier meine r ' Srntn — ich meine es ehrlich! und aufrichtig — Tu soilst Dich nie mehr über mich zu beklagen haben, wenn Tu auf meine Wünsche eingehst. . Sie blickte eine Weile sinnend vor sich nieder. Stieg vor ihrem,,seelischen Auge ein schönes Bild heiteren Friedens, liülen Glückes uiid gemeinsamer Arbeit empor, wie sie es drüben in Jesewitz bei Arno und Ruscha gesehen hatte? Wte glänzende Bild des großeii, welüi Mo tischen Lebens mit seinen hundert und aberhundert Ge-° Nüssen, Anregungen, Abwechselungen und Aufregungen vor ihr auf? Langsam erhob sie das Auge, und blickte ihn unsicher an. „Ich könnte vielleicht ans Deinen Vorschlag eingehen", sagte sie dann, „wenn ich überzeugt von der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit Deiner Worte wäre . . ." „Irma, Du zweifelst? In dieser Stunde, wo Du als Verzeihung Bittende vor mir stehen solltest — wo ich Dir dm Hand zur Versöhnung, zum Friedcil reiche — wo ich alles vergessen will, was zwischen uns vorgesallen?" Ihr Stolz, ihr Trotz erwachten wieder in ihrem Herzen. Tie Rolle einer Verzeihung Erbittenden sagte ihrer trotzigen, hochmütigen Seele nicht zu; was er ihr vorwarf, das hatte er in weit höherem Maße begangen. , „Ja", entgegnete sie, „ich zweifle an Deiner Aufrichtigkeit; denn nicht das Interesse an der Arbeit, an Deinem Besitz, nicht der Ueberdruß an unsereni früheren Leben haben Dich hier festgehalten, sondern ein höchst persönliches! Interesse, das mit dieser strengen Pflichterfüllung, die Tu von mir forderst, durchaus im Gegensatz steht.. . „Irma . . .? Ich verstehe Dich nicht?" „Tu wirst mich verstehen, wenn ich Dir sage, daß ich Dich vorn ersten Tage unseres Hierseins cttt durchschaut habe, wenn ich Dir sage, daß ich Deinen ganzen Roman mit Else Brcymann kenne. . ." Eine leichte Blässe überzog seine Wangen, und er wich etwas von ihr zurück. Sie bemerkte sein Erschrecken und ein triumphierendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, „Irma, Du weißt nicht, was Du sprichst." „Ah, sehr wohl, mein Bester", entgegnete sie spöttisch „Ich! weiß, daß Else Brcymann Deine Jugendgeliebte ist, ich weiß, daß Du sie bereits am Tage nach unserem Eintreffen wieder gesehen hast, und daß dieses Wiedersehen den Entschluß in Dir entstehen ließ, hier — in ihrer Nähe zu bleiben, und ich habe Dich oft genug mit iHv zusammen gesehen. Und jetzt antworte mir — jetzt leugne, wenn Du es vermagst!" „Ich werde die Wahrheit nicht verleugnen", sagte er, und seine Stimme bebte vor innerer tiefer Erregung. ,„Ja, es ist wahr, Else Brehmann und ich wir liebten uns! einst, und wenn die Verhältnisse es gestattet, so würde sie jetzt an Deiner Stelle stehen. Aber um Deinetwillen! habe ich ihr entsagt — bin ich ihr treulos geworden. . 'S Irma lachte höhnisch auf. „Um meinetwillen?! — Bleiben wir bei der Wahrheit: um meines Geldes willen." „Irma — bei Gott, es ist nicht wahr! Ich liebte Dich damals — nicht um Deines Geldes willen, sondern um Teiner selbst willen .. ." Sie zuckte die Schultern, und wandte sich ab: „Redensarten", sagte sie, „Tein Verkehr mit Deiner Geliebten beweist es. . „Sprich nicht in solchem Don von Else!" fuhr er auf. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen — unser Verkehr war rein und harmlos — die Verleumdung selbst kann keinen Fleck an dem Leben und Denken Elses finden." „Verschone mich mit solchen gesalbten Worten. Verschone mich aber auch mit albernen Anklagen und gefühlvollen Redensarten. Nicht ich habe Dich hintergangen, sondern; Tu — Du hast mich betrogen und belogen, und nicht Du hast Rechenschaft zu fordern, sondern ich — ich ganz allein!"• „Tas ist zu viel!" stieß er heftig hervor. Ein rasender Schmerz krampfte sein Herz zusammen, daß ihm das Blut in Stirn und Wangen stieg. Ja, die Liebe zu Else war wieder in ihm erwacht — er hatte erkannt, daß er M ihrer Seite das Glück, den Frieden gefunden haben würde, nach dem er alle die Jahre vergeblich gerungen, aber niemals war ihm der Gedanke einer sündigen, verbrecherischen Liebe gekommen! Er hatte diese Liebe tief in sein Herz verschlossen — ein heiliges, reines Vermächtnis seiner glücklichen Jugendzeit — er hatte, als er erkannte, daß auch Else ihn noch liebte, seine Besuche auf Jägerhof eingestellt, hatte Else wochenlang nicht gesehen, nur immer in flüchtiger Begegnung — er hatte alles vermieden, um auch! nur den leisesten Schein des Unrechtes auf sie zu werfen, Und jetzt mußte er hören, daß die elendeste Verleumdung sich doch an dieses reine Verhältnis heranwagte', daß man Else dennoch mit Schmutz bewarf? Ter Zorn übermannte ihn. Mit festem Griff erfaßte er Irinas Handgelenk. 607 ■Sitte um Beitreibung der Mäßigkeitsbestrebungen wird natürlich; die ,Tu lügst", stieß er keuchend hervor. selbst hast eingestanden, daß Du mid)i seinem drohenden Blick etwas zurück, wir haben nichts mehr mit einander zu zeihung, oder. Er preßte ihr Handgelenk so fest, daß' er ihr Schmerz bereitete. Ihre Hand streckte sich nach der elektrischen Klingel aus, und im nächsten Augenblicke schallte der feine, schrille Don derselben durch die Stille der Nacht. „Tu willst es — so mag es denn sein", sagte er kurz, und verließ das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Umgehung geradezu herausgefordert. Jedes Kind weiß, daß auch in der strengsten Temperenzstadt ein guter Tropfen zu haben ist — nur nicht im Restaurant, sondern in der Apotheke! Da zum Essen aber doch auch was Trinkbares gehört, so giebt es in diesen alkoholfreien Speisehäusern. außer dem eiskalten Wasser, noch! Kaffee, Thee und Milch; außerdem allenfalls noch Sodawasser und eine Anzahl limonadenartiger Getränke, wie Sarsa- parilla und Gingerale (Ingwer). Die eisige Kälte des Wassers (auch die Milch wird meist kalt getrunken) ist ua- türlich ebenfalls übertrieben. Die Folge davon ist die amerikanische Nationalkrankheit „Dyspepsie" (Verdauungsbeschwerden), die zunr Teil — neben dem Genuß auch anderer geeister Getränke — allenfalls wohl noch auf die Hast, zurückzuführen ist, mit welcher der Amerikaner'seine Nahrung verschlingt. Dem deutschen Geschmack ist also in den amerikanischen Speisehäusern wenig Rechnung getragen, und die Umgewöhnung wird noch! überflüssig erschwert dadurch, daß der Kaffee in diesen Lokalen nichts und der Thee wenig zu taugen Pflegt. Auf der anderen Seite verbietet es sich für die Schankwirtschaften, die also auch eine abgesonderte Existenz führen, auch Speisen zu verkaufen, und zwar aus dem sonderbaren Grunde, weil sie die Speisen eben gratis verabfolgen. Diese Einrichtung des „Free Lunch" (Gratis- Frühstück) ist gleichfalls eine historische und daher bis jetzt trotz mehrerer Versuche seitens der Gesetzgebung nicht auszurotten gewesen. Es steckt ein Stück schöner Gastfreiheit darin, dem Durstigen eine Kleinigkeit — ein Biscuit, ein Stückchen Käse oder ein Scheibchen Wurst anzubieten, für das nichts berechnet wird. Schließlich werden ja auch diese kleinen Sächelchen, die meist sehr trocken -oder sehr scharf gewürzt sind, wieder zum Trinken anregen, so daß der Wirt auf seine Kosten kommt. Freilich arten solche schöne Einrichtungen, wie immer so auch hier, aus. Kommt man heute in einen Saloon (Bier-Salon) so befindet sich auf der einen Seite der Schenktisch und auf der anderen Seite der Free-LunchMounter, — ein Tisch, ebensolang wie der erstere und beladen mit Schüsseln, in denen die verschiedensten Gerichte den Kunden zur Verfügung stehen. Die Art dieser Gerichte ist natürlich je nach dem Publikum des Saloon sehr verschieden, doch ist hervorzuheben, daß es fast überall äußerst appetitlich und peinlich sauber eingerichtet ist. Tie Ausgabe für den „Free Lunch; Counter" spielt natürlich eine große Rolle ini Etat des Wirtes: da er sich ihr aber in keinem Falle entziehen kann, so findet er sich mit der Notwendigkeit in der besten Art ab. Meistens zahlt er einem besonderen Unternehmer einen bestimmten Betrag täglich, fiir welchen der Lieferant so viel leistet als er eben kann uni) will. Die Free-Lunch-Lieferung ist eben eine so große Branche für sich, daß schon die Konkurrenz zu guter Bedienung zwingt. Zur besseren Illustration sei erwähnt, daß eine ganze Anzahl von Saloons die hübsche Summe von je 25 Dollar täglich (100 Mk.) für den Free-Lunchl verausgabt, also über 30 000 Mark per Jahr. Tie Hauptrolle spielen bei diesen Zugaben natürlich die „Sandwiches" — zwei dünne Scheibchen Brot mit Fleisch, Wurst oder Käse dazwischen. Um die Mittagstunde wird, mit Ausnahme der ganz feinen Saloons,,ein Teller Suppe verabreicht. Abends um 6 Uhr, wenn die Arbeiter nach Hause gehen, und vorher eins trinken, kann man in vielen Saloons auch ein paar heiße Würstchen zu feinem Bier bekommen. — Alles gratis! Außerdem giebt es dann noch eine Anzahl Schüsseln die fortwährend tagsüber nachgefüllt oder durch neue ersetzt werden. Vom Kartoffelsalat bis zum Hummersalat, von „Boston Beans" (ein Gemüse von ganz weißen BÄhnen bis zu den Makkaroni mit Tomaten sind eine ganze Reihe oft ausgesuchter Delikatessen anzutreffen. Einiges wird den Fremden hauptsächlich deshalb in Erstaunen versetzen, weil er die landesüblichen Preise nicht kennt. Man mnß sich vergegenwärtigen, daß gutes Fleisch in New-York schon von 5 'Cents (20 Pfg.) — manchmal sogar schon von 3 Cents an — zu haben ish daß Seemuscheln fast garnichts kosten, daß der Straßenjunge sich schon fstr 1 Cent (die kleinste Münze) schon eine Auster, und zur Saison für den gleichet! Betrag eine Scheibe Ananas kaufen kann! Immerhin muß man sich! doch wundern, wie der Wirt betrogen . . ." „Irma?!" Sie wich vor „Ich glaube, schaffen." Mvyorker Nestamatioiiswesen. Von Henry A. Davis (New-York). (Nachdrnck verboten.) Essen und Trinken sind für den Stock-Amerikaner zwei so verschiedenartige Beschäftigungen, daß er dafür auch zwei verschiedene Lokale haben muß. Wenigstens findet man kaum ein amerikanisches Lokal, toy man zu seinem Mittagoder Abendessen auch ein Glas Bier bekommt. Dieser merkwürdige Zustand hat sich aus den sonderbarsten Ursachen entwickelt, die an sich recht interessant sind. Daß man nämlich in den Speisehäusern kein Bier- unb keinen Wein bekommt, stammt von der: puritanischen Ge- wohnherten der ersten Ansiedler her. Die nichtpuritanische Einwanderung, die erst im letzten Jahrhundert in größeren Massen nachströmte, fand schon festgefügte Sillen und An- schanungen vor, die dadurch auf die neuen Elemente mächtig einwirkten. In einigen Staaten ist selbst heute noch drese puritanische Richtung eine so starke, daß der Transport von Spirituosen durch das' Gebiet des Staates gesetzlich verboten werden konnte.! Durch eine solche Ueber- „Soll ich um Hilfe rufen?" sagte sie bebend. „Unt „Um Hilfe gegen meinen Gatten, der mich mißhandelt." Er stieß ihren Arm so heftig fort, daß sie einige Schritte zurücktaumelte. Fast wäre sie zu Boden gefunten, aber sie wollte nicht schwach erscheinen, fest stützte sie sich auf den Tisch, und blickte ihn mit trotzigen, haßerfüllten Augen an. „Deine Verleumdung ist zu niedrig, als daß sie an Else heranreichen könnte", sprach er mit leidenschaftdurch- bebter Stimme. „Ja, ich; liebe jenes reine und edle Mädchen — ja, ich wäre mit ihr glücklich geworden — tdj; hätte bei ihr den Frieden gefunden, den Du in meinem Herzen für immer vernichtet hast. . ." Er sank in einen Sessel, nnd bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Schmerz, der Zorn, die Scham über das ganz verlorene Leben überwältigten ihn, er stöhnte leise ans, er hätte in Thränen ausbrechen mögen. „Ich werde Deinem Glück, Deinem Frieden nicht im Wege stehen," entgegnete sie, und ein böses, verächtliches Lächeln zuckte um ihre Lippen, „diese Stunde hat uns für immer geschieden — die Liebe, die ich einst für Dich zu fühlen glaubte, hast Du selbst vernichtet — aber die Gewohnheit hätte wohl manches' ausgeglichen — jetzt ist alles vorbei — jetzt hasse ich Dich! Ja, ich hasse Dich . . ." Er führ empor. Wie eine Furie stand sie vor ihm, mit haßerfüllten Augen und geballten Fäusten. Er wußte nicht, was er sagen sollte — er rang nach Worten — nach einem klaren Gedanken — doch er fühlte, nach dieser Stunde war jeder Versuch einer Versöhnung ausgeschlossen. — Langsam erhob er sich. Ihre Blicke ruhten feindselig in einander. „Vielleicht war ich zu heftig", sagte er stockend, und nach Fassung. ringend. „Wer Deine Verleumdung hat mich zu schmerzlich getroffen — ich verzichte auf weiteres — wie es werden soll, ich! weiß es nicht- Aber meinen Ent- schlnß kennst Du jetzt — nichts wird mich davon abbringen, weder Dein Trotz, noch Deine Verdächtigungen. . ." „So höre denn auch meinen Entschluß", entgegnete sie finster. „Ich, bleibe nicht hier — und wenn Du mich! zwingen willst, dann — dann werde ich Di ch zwingen, mir die Freiheit wieder zu geben." „Du mich! zwingen?" 608 bei solchen Gratislieferungen auf seine Kosten kommen kann. Ta muß man eben zusehen, wie es in so einem Lokal zugeht, und auf welchen Voraussetzungen überhaupt das Wirtshausleben dort beruht. Tie folgende Darstellung wird davon ein Bild geben. Wenn zwei Leute sich auf der Straße treffen, die irgend ein paar Worte zu wechseln haben, sei cs nun privatim oder geschäftlich, so gehen sie in den Saloon. Tas Hasten und Treiben auf den Straßen zwingt auch fast dazu." Da sie keinen eigentlichen Durst haben, so bestellen sie jeder ein ganz, ganz kleines Glas Bier — nicht größer als ein tüchtiges Schnapsglas — Preis a 5 Gents.*) Oder man nimmt eine Zigarre — Preis 5, 10, 15 oder 25 Cenis. Oder einen Wiskey — 10—25 Cenis. Kennen die ^wei Bekannten gar den Wirt, oder den Bartender (entspricht etwa dein Schankkellner) oder treffen sie sonst ein bekanntes Gesicht im Lokal, so wird gefragt: what do you tare? — ' was nehmen Sie? Da eine Weigerung einer Beleidigung gleich kommt, und bei guter Stimmung — obwohl dies nicht gerade Brauch — auch zurück traktiert wird, so kann man sich einen Begriff machen, was der Wirt einsackt, weil Mr. Smith den Mr. Jones doch nicht auf der Straße fragen kann, ob seine Frau wieder gesund ist, oder ob er ihm keinen Kunden weiß, für einen Posten Rohr- stühle usw. Unter solchen Umständen kommt es dann eben nicht daranf an, ob ein armer Schlucker inzwischen am Lunch-Counter die furchtbarsten Verheerungen angerichtet hat. Selbst wenn er ein ganzes Pfund heruntergewürgt hat, so hat der Wirt allenfalls an seinem Glase Bier nichts verdient oder wohl auch ein paar Cents zugesetzt. Da die ganze Geschichte außerdem nur das übrige Publikum oder den Lunchlieferanten angeht, so kann so ein Fall den Wirt ganz kalt lassen. Manches Mal auch wird er sich dadurch einen dankbaren Klienten erworben haben, der sich verpflichtet fühlt, bei ihm dafür gelegentlich seinen halben Wochenverdienst anzubringen. Nachdem wir hier eingehend bei den New-Porker Triukgelegenheiten verweilt haben, wird es Zeit, zu den Speisehäufern zurückzukehren, und noch^ einiges nachzutragen. Mann kann überall in New-Aork billig und — nach amerikanischem Geschmack auch leidlich gut — zu essen bekommen. Eine Eigentümlichkeit des Geschäftsviertels im unteren Teil der Stadt ist es, daß ntan dort kein eigentliches Mittagessen oder Abendbrot bekommt (das letztere schon gar nicht): aber das hängt damit zusammen, daß alle Geschäfte in dieser Gegend um 6 Uhr schließen, nach welcher Zeit der ganze Distrikt wie ausgestorben daliegt. Man findet in diesen Geschäftsstraßen fast nur sogenannte „Lunch Roo ms" — Frühstücksstuben, die außer ihrem alkoholfreien Charakter an unsere Stehbierhallen erinnern. Sie sind hauptsächlich auf „Mahlzeiten im Vorüb e r g e h e n" berechnet. Sonst findet man in allen Stadtteilen Restaurants, in denen man für 25 Cents (etwa 1 Mk.) ein ganz erträgliches Mittag- oder Abendessen bekommt. Dies ist die eigentliche Mittelklasse der Speisehäuser. Es giebt auch noch eine Menge teurerer Plätze, doch ist damit bessere Qualität des Gebotenen keineswegs immer verbürgt. Im deutschen Viertel New-Porks findet man natürlich eine große Anzahl von Restaurants mit deutscher Küche, sowie auch nicht wenige, die ihre Kochmethoden noch enger spezialisieren. Auffällig ist besonders die große Anzahl von ungarischen Restaurants in dem Winkel, den Houston street und Second Avenue bilden. Speziell die erstere Straße ist schon immer für diese Eigentümlichkeit bekannt, und führt daher den stolzer klingenden Beinamen Gullaschj-Avenue (nadji dem ungarischen National-Gericht „Gnlyas"). Ich erwähne von den vielen fremdländischen Spezialitäten, die *) Es giebt nämlich nichts unter einem Nickel. Die kupfernen Cents kommen fast nur im Straßenverkauf — Zeitungen, Obst, Zuckerzeug — und am Postschalter vor. Beim Bier spielt übrigens d ie Größe des Glases keine Rolle. Man bekommt für denselben Preis von 5 Cents in demselben Lokal —, also je nach Wunsche das kleinste ivie das größte Glas Bier. Letztere Sorte, der sogenannte „Schvoner" faßt in einigen Lokalen drei Viertel Liter uubi mehr! mau in New-Hark antreffen kann, gerade diese, weil das deutsche Element die ungarische Küche der amerikanischen unbedingt vorzieht, und zwar sehr mit Recht. Außer der größeren Aehnlichkett mit der deutschen Art, die Speisen zuzubereiten, haben diese Restaurants noch den Vorzug ganz besonderer Billigkeit. Man bekommt in Houston street eine sehr schmackhafte und reichhaltige Mahlzeit, bestehend aus Suppe, Gemüse, Fleisch, Kompott und Kaffee für 15 Cents (ca. 60 Pf.). Will man aber den üblichen New- Norker Preis von 25 Cents anlegen, so bekommt man dafür in der Second Avenue eine Mahlzeit, die selbst einen verwöhnten Gaumen befriedigt. So billig stellt sich diese Seite des Lebensunterhaltes „drüben", in New-Pork, trotz all der gegenteiligen Ansichten, die man in Deutschland noch immer hierüber hegt, und die allenfalls auf Zeiten gepaßt haben, die nun längst verschwunden sind. Katechismus der algebraischen Analysis. Von Franz B e n d t. Mit 6 Abbildungen. In Originale leinenband 2 Mark 50 Pfennig. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Abgesehen davon, daß die Lehre von den Gleichungen, und der binomische Lehrsatz in allen mathematischen Zweigen vorkommen können, sind die Sätze der algebraischen Analysis auch in weiten Gebieten der Praxis von. größter Bedeutung. Unerläßlich ist sie bei der Behandlung von Aufgaben, wie sie die höhere Bankarithmetik, die sogen, politische Arithmetik und statistische Berechnungen! erfordern. Das vorliegende Buch soll als Einleitung in die algebraische Analysis dienen. Es will den Leser mit den wichtigsten Gesetzen und Methoden dieser Wissenschaft bekannt machen; dies geschieht entweder — in den einfacheren Fällen — durch allgemeine Ableitungen oder, wo diese ein höheres algebraisches Geschick erfordern, durch Ans- führuug praktischer Aufgaben. Zuweilen hat sich der Verfasser darauf beschränkt, nur die Formeln zu geben. GsmeinirMzLses. Verpflichtung zur Beleuchtung. Wer gewisse Räume für den öffentlichen Verkehr bestimmt, ist verpflichtet/ für die Sicherheit der sie benutzenden Personen zu sorgen/ insbesondere durch Dunkelheit gefährliche Stellen sachgemäß zu beleuchten. Daraus, daß jemand die betreffende! gefährliche Stelle bereits früher passiert hat, bei derem späteren Betreten er verunglückt, folgt noch nicht ein Mangel an eigener Vorsicht. Das sollten sich besonders die Hausbesitzer merken, die zur Beleuchtung des Hausflures, Treppen-i Hauses usw. verpflichtet sind, unb für Unglücksfälle, die infolge mangelhafter oder fehlender Beleuchtung entstehen, haftbar gemacht werden können. Tomaten vier. Wenn der erste Frost die Tomaten befallen hat, sammelt inan sie sofort und kocht sie in einem großen Kessel.. Dann läßt man die Masse gären und behandelt sie wie Cider, nur vollzieht sich der Prozeß hier viel langsamer. Das Bier schmeckt fast ganz wie das berühmte Gräzer-Bier und ist gewiß sehr zuträglich. Zucker ist hierbei nicht nötig. , („Prakt. Wegw.", Würzburg.) Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. 1. Haustier. | 2. Musikstück. 3. Charaktcrzug. 4. Ruhestätte. In die Felder des vorstehenden Quadrates sind die Buchstaben AA, BB, EE, II, K, LL, B, 8, TTT derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen gleichlautend mit den senkrechten sind und Wörter von der beigefügten Bedeutung bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor, Nr.: Vogesen. Redaktion: E, Burkbardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sckcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.