m 1901. - Nr. 29. li'EWßll HI'M IJllJLi 8 W E TTÄÄji Sonntag den 24. Februar. M r _ .5 ud sinken wir all' in des Todes Schoß, f< Ich will nicht klagen der Menschen Los. g, Ihr seht die Spanne flüchtigen Lebens, Ich sehe den Wandel ewigen Webens. Ihr seht den Rauch im Winde verweh'n, Ich sehe im Regen ihn niedergehn'n. Ihr seht das Blatt nur welken vom Baume, Ich ahne die junge Knospe im Traume. Ihr seht nur die Geister, ich sehe den Geist, Der unvergänglich zum Lichte weist. Er waltet von Anbeginne zu Ende, Daß sich die große Erlösung vollende. Drum, sinken die Menschen in Todes Schoß, Ich will nicht klagen der Menschheit Los. Karl Henckell. (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) Ich mochte ungefähr eine und eine halbe Stunde geschlafen haben, als ich einen häßlichen, alpähnlichen Traum hatte. Ich träumte, 'ich wäre zu Hause in Neweastle und iäße mit meinem Vater in dem alten Wohnzimmer, als plötzlich auf eine nur in Träumen mögliche Art das ganze Zimmer in hellen Flammen stand. Wir versuchten hinauszukommen; die Thür war verschlossen. Tas Feuer ergriff schon meines Vaters Kleider, und in herzzerreißenden Tönen bat er mich, das Fenster zu öffnen, da seine Hände verbrannt seien. Aber ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Die Flammen umloderten mich, der Rauch, wurde immer btder, und ich war schon dem Ersticken nahe — da er» toaä)te ich, und zwar in Schweiß gebadet, und noch voller schrecken von dem gräßlichen Alpdrücken. Die Lampe brannte — aber was war das? Das Licht schimmerte nur trübe wie durch einen Schleier, als ob die to“re- Ich spürte einen entsetzlichen Geschmack im Munde wie von giftigen Dünsten, und konnte nur mit großer Mühe atmen, so daß das Gefühl des Er» stickens jetzt noch ebenso stark war als wie vorher im Traume. - . aus der Koje und bemerkte, daß es Rauch sei, was ich für Nebel gehalten hatte. Ein durchdringender Brandgeruch sowohl wie diese unbeschreibbaren, schauderhaften Dunste erfüllten die Kammer. Richard lag festschlafend in seiner Koje. Er hatte nur Rock und Stiefel ausgezogen, da er sich an Bord überhaupt nur selten völlig entkleidete. Ich ergriff ihn beim Arme und schüttelte ihn. Gewöhnlich hatte er einen sehr leisen Schlaf; auf den ersten Ruf oder die leiseste Berührung Pflegte er sofort völlig wach zu fein. Jetzt murmelte er nur, obgleich ich ihn heftig schüttelte, hustete, als ob er ersticken wollte, und behielt die Augen geschlossen. Er schien betäubt zu sein. Der Rauch wurde merklich dicker, und ich fühlte, daß ich kaum noch eine Minute in der Kammer würde aushalten können. In wahrer Todesangst schüttelte ich meinen Mann, und kreischte ihm in die Ohren, daß die Bark in Flammen stände. Da öffnete er die Augen, und blickte zuerst etwas verwirrt um sich; dann aber überflog sein Gesicht der Ausdruck tödlichen Schreckens. „Barmherziger Himmel, Jessie!" schrie er, indem er sich abmühte, Atem zu schöpfen, „was ist das?" Er sprang aus dem Bette und riß die Thüre auf. Die Kajüte war ebenso voll von dem gräßlichen, nebelartigen Dämpfen wie unsere Kammer; glücklicherweise war der Dunst wenigstens nicht dicker als bei uns; sonst würde er uns, als wir die Thür öffneten, unfehlbar erstickt haben. „Wo sind Deine Kleider?" schrie Richard. „Nimm schnell zusammen, was Du irgend erreichen kannst!" Während ich mein Kleid von der Wand riß, und Unterkleider 2C. zusammenraffte, zog er die Stiefel an, nahm den Rock über den Arm, ergriff mich bei der Hand, und rannte mit mir der Kajütentreppe zu. Es waren nur wenige Schritte, und doch ioäre ich fast ohnmächtig geworden, als ich meinen Fuß auf die Treppe setzte. Richard half mir hinauf. Da stand ich in der köstlichen frischen Luft. Die Wohlthat jenes ersten Atemzuges nach den tödlichen Dämpfen, denen ich entronnen war, läßt sich nicht mit Worten beschreiben. Es war dunkel, aber doch eine herrliche schöne Nacht. Es wehte etwas Wind; allerdings nur ein ganz schwaches Lüftchen. An Deck war alles totenstill. Der schwarze Umriß des Steuerrades hob sich von dem sternbedeckten Horizont ab — aber es stand kein Mann daran. Auch vorne war keine Spur von einem lebenden Wesen zu entdecken, und als ich nach oben blickte, bemerkte ich, daß die Vorraaen back gebraßt waren. Das Schiff lag beigedreht, obgleich unter vollen Segeln, von dem Groß-Royal bis zum Gaffeltopfegel. Aus allen Teilen der Bark aber, von den Lukensillen, den Mastkragen, sogar ans den Schiffsseiten und anderen Orten, die ich für undurchdringlich gehalten hätte, stiegen dünne, fpiralsörmige Rauchstreifen auf. Sie brachen mit einer gewissen zögernden Bewegung hervor — wie der von einem Mistbeet aufsteigende Dampf. Man konnte beim Licht der Sterne den Rauch deutlich erkennen. Richard stand an der Kapp und schaute sich um. Ich 114 hatte seinen Arni losgelassen, und begann mich mit zitternden Händen anzukleiden, wobei ich bemerkte, daß rch glücklicherweise alles Notwendige mit heraufgebracht hatte, sogar Hut und Schuhe. „Ist niemand an Deck?" schrie Richard, indem er dte Hand an den Mund legte. Seine Stimme schallte mit einem hohlen Klang über das Deck, und wurde in schwachem Echo von dem oben ausgebreiteten Segeltuch zurückgeworfen. Keine Antwort erfolgte. „Herr Short!" schrie er wieder. 9htr das schwache Geräusch der leichten Brise in der Takelage war vernehmbar, und der leise klingende Ton des gegen die Schisfsseite plätschernden Wassers. Wiederum blieb alles still, und niemand zeigte sich. Richard rannte nach vorne; in kaum einer Minute war er wieder da. „Die Mannschaft hat uns verlassen", rief er. „Sie sind mit dem großen Boot von Bord gegangen. Siehst Du die Taljen in den Raanocken? Wie leise die Banditen ihre Arbeit gethan haben!" „Ach, Richard", schrie ich, „Herr Heron ist unten eingeschlossen und muß ersticken." Ich hatte kaum ausgesprochen, als mein Mann in die Kajütskapp hinabstürzte. Dicker Rauch stieg jetzt empor, und die vorhin erwähnten scheußlichen, giftigen, gasartigen Dämpfe waren noch in bedeutend höherem Grade damit vermischt als zuvor. Ich stand in Todesangst an der Kapp und wartete, daß Richard mit dem Steuermann wieder heraufkommen sollte. Die Qualen jener wenigen, erwartungsvollen Minuten werde ich nie vergessen. Glücklicherweise dauerte es nicht lange. Mein Mann kam die Treppe wieder heraufgestürzt; er hielt beide Hände vor den Mund. Kaum war er an Deck, so stürzte er der Länge nach hin. Heftiges Erbrechen folgte. Was mich aber noch mehr ängstigte, war das Blut, mit dem Gesicht und Hände bedeckt waren; die Wirkung der giftigen Gase. Ich rannte an eines der Wasserfässer, füllte die Plumpe und brachte sie ihm. Das kalte Wasser, mit dem er Mund, Gesicht und Hände reinigte, erfrischte ihn, und er erhob sich wieder. „Hast Du den Steuerinann gefunden?" fragte ich. „Er ist fort mit den anderen", antwortete er. „Seine Thür steht weit offen. Die Kammer ist voll Rauch, und ich mußte mich hineintappen, um in seine Koje zu fühlen. Er ist fort", wiederholte er. Weiter sagte er nichts darüber. Jetzt trat er an das eine der Quarterboote, und besah e5 genau. Er hatte seine Fassung wiedererlangt, und sprach ganz ruhig. „Sie sind wenigstens so menschlich gewesen, uns zwei Boote zu lassen", meinte er, „vielleicht haben sie auch gehofft, daß der giftige Rauch uns die Mühe ersparen würde, ein Boot überzusetzen. Gott sei Dank! wir haben keine Eile. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ladung in Flammen steht; höchst wahrscheinlich stecken Steuerleute und Matrosen dahinter. Daß sie es in der Absicht gethan haben, uns zu töten, oder mir wenigstens einen schweren Nachteil in meinem Berufe zu bereiten, davon bin ich ebenso fest überzeugt, wie davon, daß ich hier an Deck stehe, wenn ich auch nur aus der Art und Weise, wie die Banditen sich weggestohlen haben, darauf schließen kann. Jeß, mein Kind, wir müssen sehen, daß wir unser Leben retten. Laß uns kaltblütig bleiben, und aufiGottes Barmherzigkeit vertrauen. Geh etwas weiter von der Kapp fort, diesem Rauch aus dem Wege. Ich werde im Augenblick wieder hier sein." Er stürzte nach vorne und verschwand. Nach ungesähr drei Minuten kam er zurück. Er trug ein Bündel in der Hand, das er achtern in das eine Book warf. Zugleich nahm er ein kleines Fäßchen aus dem Buge des Bootes, trug es an eins der Wasserfässer und füllte es mit der Plumpe. Dann brachte er sowohl Fäßchen wie Plumpe wieder in das Boot. Ich schaute ihm müßig zu; ich wußte nicht wre und was ich ihm helfen könnte. Selbst jetzt war mir bas Furchtbare unserer Lage noch nicht klar. Es schien mir immer noch wie ein Traum, eine Fortsetzung des Alps, der mich vorhin bedrückt hatte. Als Richard das Fäßchen mit frischem Wasser ordentlich feftgestaut hatte, sprang er in das Boot und untersuchte es nochmals auf das gründlichste. Er glaubte offenbar. den Leuten selbst einen so teuflischen Plan zutrauen zu können, daß sie die Boote vielleicht durchlöchert und in Fallen für uns verwandelt hätten. Dann rief er mich und bat mich, ihm zu helfen, wenn er das Boot ins Wasser ierte. Ich brauchte hierzu keine besonderen Weisungen. Wie ms gemacht wurde, wußte ich ganz genau. Als Richard klar war,' nahm ich mit dem Taljenläufer einen Turn unter einem Coffeynagel und fierte vorsichtig mit ihm zugleich weg. Als das Boot im Wasser lag, stieg mein Mann an der einen Talje hinab und hakte die Blöcke aus. Dann holte er das Boot bis an die Großrüsten und machte es dort mit der Fangleine fest. Darauf kam er an Deck. Als er vorder Schanzkleidung herabsprang, stolperte er und fiel leicht auf die Hände. Sofort sprang er aus und rief: „Jeß, das Deck ist so heiß wie ein Backofen. Du mußt in das Boot und zwar sofort. Das Schiff ist voller Feuer. Die Ladung muß in hellen Flammen stehen, um eine solche Hitze ztl erzeugen. Es kann jeden Augenblick eine Explosion erfolgen." Mit diesen Worten sprang er auf die Schanzkleidung, zog mich hinauf, ließ mich in die Rüsten und aus den Rüsten in das Boot hinab. Einen Augenblick zauderte er noch, als er vorne int Boote stand und die eine Hand an dem Schlag bet Fangleine hatte. Er schien zu überlegen, ob er bleiben ober an Deck gehen solle — ba ergoß sich ein grünlicher Lichtschein über bie vorderen Segel. Er kam und verschwand so schnell, baß ich es für einen Blitz hielt, bis ein Blick auf bett wolkenlosen Himmel mich überzeugte, baß es ein durch trgenb eine Oeffnung bes Decks aufschießender Flammenstrahl 'gewesen sein müsse. Der Rauch wurde an verschiedenen Stellen des Schiffes dichter und dunkler, und mein Mann erklärte, indem er die Hand an die Schiffsseite legte, daß diese womöglich noch heißer sei als das Deck. Das plötzliche Emporschießen der Flamme und die zunehmende Hitze bestimmten ihn, sich zu entscheiden. Er warf die Fangleine los, ergriff einen Riemen und schob das Boot ab. Dantt kam er nach achtern und wrickte das Boot bis zu einer Entfernung von ungefähr fünfzig Faden von der Bark, wo er es treiben ließ, um das brennende Schiff zu beobachten. (Fortsetzung folgt.) Eine Dankesschuld des deutschen Volkes. Es ist in Deutschland nichts Neues, daß ein Künstler, Komponist ober Dichter ohne Anerkennung zu Grabe geht, und erst nach seinem Tode zu Ruhm und Ansehen gelangt. Oft genug haben wir solche Künstlertragöbien erlebt, uno gerabe in biefen Tagen erleben wir es toteber, tote einem unserer genialsten Lieberkomponisten, bent Oesterreicher Hugo Wolff, Ruhm unb materieller Erfolg blüht, tote ihm von hoher Stelle selbst eine Leibrente ausgesetzt toirb, aber erst, nachbem er durch die gemeine Not des Lebens unheilbarem Wahnsinn verfallen ist. Eine grausige Jrome des Schicksals! Aehnlich geht es einem unserer bedeutendsten Humoristen und Dialektdichter, dem prächtigen John Brinckman. In bedrängten Verhältnissen, sich aufreibend für bett Lebensunterhalt einer zahlreichen Familie ist er vor vielen Jahren, ben Zeitgenossen unbekannt, in einer Mecklenburgischen Lanbstabt gestorben. Erst lange nach seinem Tobe wurde ihm die verdiente Anerkennung, indem ernste Männer wie Klaus Groth, Heinrich Seidel, Johannes Trojan und manche andere immer von neuem auf den hohen. litterarischen Wert seiner Schöpfungen hinwiesen, und dem deutschen Volke vorstellten, was sür einen Schatz an Humor und Gemüt es an John Brinckmans Werken besitze. Da gegenwärtig die erste Gesamtausgabe von John Brinckmans plattdetttschen Schriften tn Wilhelm Werthers Verlag zu Berlin erscheint, (4 Bde. Preis Mk. 4,— für das geheftete, Mk. 5,— für ba* gebunbene Exemplar), wollen wir die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, erneut auf Brinckmans litterartsche Bebcuiung hinzuweisen, bantit bas deutsche Volk wenigsteu- durch eine nachträgliche Anerkennung der Dankesschuld ge- gerecht werden kann, die man dem lebenden Dichter vorenthalten hat. „ „ Wir glauben dies nicht besser thun zu können, al* wenn wir hier zusammenstellen, was anerkannte Dichter 115 -unseres Volkes über ihren Kollegen gedacht und geschrieben haben. So erschien vor Jahren ein Aufsatz Johannes Trojans, in dem es heißt: „Durch den ungeheuren Erfolg Fritz Reuters ist ein -anderer plattdeutscher Dichter, der es verdient, nicht nach, sondern neben Reuter genannt zu werden, ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Es ist John Brinckman. Der bescheidene Mann erkannte es selbst wohl, wie gefährlich ihm Reuters Lorbeeren waren und ergab sich in sein Schicksal. Nicht ganz hat es ihm an Anerkennung und Schätzung gefehlt, und Klaus Groth hat zu verschiedenen Malen mit Wärme für ihn das Wort genommen; aber die Anerkennung breitete sich nicht weit aus, und die Empfehlung blieb wirkungslos. Freilich wurde Brinck- mans Hauptwerk, die Erzählung „Kasper Ohm un ick", die im ersten Druck gegen das Ende der fünziger Jahre erschien, im Jahre 1876 zum dritten Male aufgelegt; dennoch ist dieses Werk in weiteren Kreisen so gut wie unbekannt geblieben. Und was sind auch drei Auflagen in zwanzig Jahren? Neber zwanzig Auflagen hat in einem Jahr „Rembrandt als Erzieher" erlebt, und Tausende haben sich daran wirr gelesen. Und doch ist „Kasper Ohm un ick" ein Buch, das seinen Verfasser zu einem der beliebtesten und gelesensten Dichter hätte machen müssen, soweit niederdeutsche Mundart verstanden wird. Und wenn jetzt auch Kritik und Publikum ihm gerecht werden sollten: der Verfasser kann sich dessen nicht mehr freuen. Er ist tot seit langen Jahren. . . . John Brinckman war ein Rostocker Kind. In Rostock hat er das Gymnasium absolviert und dann studiert, zuerst die Rechte, dann, als er sah, daß die Jurisprudenz „die Rechte" nicht toor, neuere Sprachen und Litteratur. Auch darin hat er vermutlich das Richtige nicht gefunden; denn unzweifelhaft war er als Dichter geboren, und dazu berufen. Doch das ist ein Beruf, für den sich keiner gern offen entscheidet, weil er nicht zu den „ehrlichen" Berufsarten zählt. Brinckman trieb sich dann eine Zeit lang in der Welt herum. Zuerst ging er nach England, dann war er sieben Jahre in New Aork als Sekretär im "Bureau der brasilianischen Gesandtschaft. Das Klimafieber trieb ihn nach der Heimat zurück. Seit 1846 ist er wieder in Mecklenburg, und gewinnt anfänglich seinen Unterhalt als Hauslehrer, dann errichtet er in Goldberg eine Privatschule und Pensionsanstalt. Glück scheint er dabei nicht gehabt zu haben. 1849 wurde er an die Realschule zu Güstrow als Lehrer der neueren Sprachen berufen, und dort ist er im Alter von dreiundfünfzig Jahren gestorben. Die Geschichte „Kasper Ohm un ick" ist ein Meisterwerk. Von Anfang bis Ende ist sie von dem köstlichsten Humor durchdrungen. Man kommt aus der behaglichen Stimmung nicht heraus, so lange man das Buch in Händen hat. Es liegt eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit darin, daß ein Mensch, der stets mit Not und Sorgen zu kämpfen hat, etwas so von Heiterkeit Strahlendes, etwas so herzerfreuendes schafft. Ausgleichende Gerechtigkeit liegt darin, wenn das Wort wahr ist — und unzweifelhaft ist es wahr — daß Geben seliger ist, denn Nehmen. — Die Personen, von denen das Buch handelt, in erster Reihe „Kasper Ohm" oder „Kaptein Pött" selbst, sind nach dem Leben gezeichnet mit der Sicherheit, die nur echter Kunst eigen ist. Alles ist echt daran. Dabei ist das Buch vollständig frei von Sentimentalität, und darin ist Brinckman sogar Fritz Reuter „über", wie Onkel Bräsig sagt. Uebrigens fehlt es Brinckmans Werk nicht an dem, was auf Herz und Gemüt wirkt. Der letzte Teil der Erzählung ist sogar sehr wirkungsvoll in dieser Beziehung. Die kunstvolle Anlage des Ganzen spricht sich darin aus, daß zum Schluß ein überaus spannendes Abenteuer erzählt wird. Ob das Ge- sehichtchen, — es handelt sich um die auf kühne Weise ins Werk gesetzte Befreiung eines Gefangenen —, auf Wirklichkeit beruht, weiß ich nicht, es ist so vortrefflich erzählt, daß es in höchstem Grade glaubwürdigerscheint. Offenbar hat Brinckman aus seinen Jugenderinnerungen geschöpft, und rn den alten Andrees, der im Kreise guter Freunde bei „Schato Dickem" das Ganze zum Besten giebt, viel von sicy selbst hineingelegt. Die tollen Jugendstreiche, ohne Die ein richtiger Rostocker Junge nicht zu denken war. nehmen einen großen Raum in der Erzählung ein. Dazwischen spinnt sich eine kleine Liebesgeschichte ab, die mit wenigen Strichen auf das Anmutigste ausgeführt wird, und mit einer Hochzeit schließt. Auf dieser Hochzeit hält „Kasper Ohm", der Onkel des glücklichen Bräutigams Andrees und der Vater der Braut, eine Rede, die ebenso kurz als vortrefflich ist, und mit dieser Rede schließt die Erzählung. Sie könnte keinen wirkungsvolleren Schluß haben. Möge diese Empfehlung ein Weniges dazu beitragen, dem köstlichen Buch Leser zu gewinnen. Hat es eine gewisse Zahl von Freunden er st erworben, so werden diese dafür sorgen, daßesweiterverbreitetwird." Nicht minder anerkennend urteilt einer der Berufensten, der nun auch verstorbene Klaus Groth, wenn er in einem Artikel schreibt: „John Brinckman gehört unter die plattdeutschen Schriftsteller ersten Ranges. In seinem „Vagel Griep" finden sich Lieder und Romanzen voll Reiz und Schönheit, fein „Kasper Ohm un ick" ist ein Roman von einer Vollendung, daß man prophezeien darf: man wird ihn lesen, so lange man plattdeutsch ließt, und die Zahl seiner Freunde und Verehrer wird wachsen mit den Jahren. Es geschieht int Interesse aller Freunde des Plattdeutschen, daß ich nochmals dem vortrefflichen „Kasper Ohm" ein Wort der Empfehlung mit ans die weitere Reise gebe; denn sobald sie seine Bekanntschaft gesucht haben, wird er sich ihnen selbst empfehlen." Einer der eifrigsten Vorkämpfer für den Ruhm seines Landsmannes ist aber Heinrich Seidel, der noch in persönlichem Verkehr mit ihm gestanden hat, und so mögen denn auch einige Worte aus seiner vielbeliebten Feder hier Platz finden: „John Brinckman ist als plattdeutscher Dichter noch lange nicht so bekannt, als er es verdient. Es ist dies um so wunderbarer, als sein „Kasper Ohm un ick" ein höchst amüsantes Buch ist, und bei jedem Leser, der Sinn hat für humorvolle und charakteristische Darstellung wirklichen und eigenartigen Lebens, ein unvergleichliches Behagen erzeugt. .... Unsere deutsche Litteratur ist merkwürdig arm an humorvollen poesieverklärten Darstellungen der Wirklichkeit. Durch unsere meisten in moderner Zeit spielenden Romane von Bedeutung geht ein tendenziöser Zug, man will irgend etwas beweisen, für irgend eine Sache kämpfen oder eine Idee entwickeln. Unser Volk hungert aber nach Darstellungen wirklichen Lebens, das beweist die außerordentliche Verbreitung von „Soll und Haben", das beweist noch mehr der für Deutschland geradezu märchenhafte Erfolg einer noch dazu im Dialekt geschriebenen Geschichte, wie Fritz Reuters „Stromtid". Um so mehr ist es verwunderlich, daß das diesem Werke vollkommen ebenbürtige Gegenstück „Kasper Ohm un ick" saft unbekannt bleiben konnte; denn was die „Stromtid" in unübertrefflicher Darstellung mecklenburgischer ländlicher Verhältnisse bietet, dasselbe leistet Brinckman, indem er uns die Schifferkreise der alten See- und Handelsstadt Rostock mit ihren wunderlichen Originalen, ihrer Freude und ihrem Leid vorführt. Und wenn es durch die „Stromtid" weht wie ein Erdgeruch frisch aufgebrochenen Landes und ein Duft nach Heu und reifem Korn, so geht durch „Kasper Ohm un ick" ein Hauch von frischer Seeluft und ein leiser Hafengeruch nach geteertem Tauwerk..... Das Buch enthält eine Fülle scharfumrissener Charaktere, die wirklich leben und sich bewegen, und von denen jeder feine eigene Sprache spricht. Es gehört zu den guten Büchern, aus denen ein frischer Quell von Heiterkeit und Lebenslust strömt. Auch an ergreifenden Stellen ist es nicht arm, besonders in feinem letzten Teile, der in der Franzosenzett spreit. Aber durchaus frei ist es im Gegensatz zu Reuter von jeder Sentimentalität, alles ist gesund, srisch und urwüchsig. Auch enthalten sämtliche Dialektschriften Brinckmans niemals jene nur plattdeutsch geschriebenen, aber hochdeutsch gedachten Stellen, die bei Reuter oft ganze Seiten füllen. Brinckman ist stets unbeschreiblich echt und treu in dem durchaus plattdeutschen Grundcharakter seiner Darstellungen..... Und so rate ich denn jedem, sich dies gute Buch einzuthun. Sofern 116 er Sinn hat für wahren Humor und echtes, unverfälschtes Volkstum, wird er es nicht bereuen." . , Die vorstehend abgedruckten Urteile beschäftigen sich meist mit Brinckmans bekanntestem Buche, dem „Kasper Ohm"; kaum minder bedeutend stnd ferne Kernen Er- räblunaen, seine Gedichte und seru prächtiges Buch „Uns Herrgott up Reisen". Wenn das letztere und seine Gedichte bisher fast unbekannt blieben, so geschah dies, nur, weil sie bisher niemals neu aufgelegt wurden, somit vom Büchermärkte verschwunden waren. Alle Freunde des Dichters werden es daher mit Freude begrüßen, wenn ihnen durch die jetzt erscheinende Gesamtausgabe Gelegenheit gegeben wird, auch die Bekanntschaft dieser trefflichen Werke zu machen. Tiere im Frost. (Nachdruck verboten.) Hunger und Kälte bringt die Tiere dem Menschen mäher; sie überwinden ihre Scheu, ihre Angst und nähern sich vertrauensvoll ihrem Feinde. In dem, Moment, wv sie nichts mehr zu verlieren haben, spekulieren sie auf die Milde der Menschen, irnd gerade ihre Bertraueu^- seligkeit veranlaßt barmherzige Leute, die armen Ge chopse in ihrer Not auszunehmen und für sre zu sorgen, bu> wiewr die Mutter Natur milder mit ihnen verfahrt. Thatsache ist es aber, daß; nicht nur die Tiere dem Menschen dura- die Not näher gebracht werden, sondern daß sich auch die Tiere einander in Zeiten der Not vertrauensvoll nähern. Während einer strengen Frostperiode bemerkte em Herr Tuck in Suffolk eines Tages unter der Schar von Vögeln, die regelmäßig vor seinem Fenster von ihnr gefüttert wurden, ein Cnchhörnchen und eine Feldmaus. Das Eichhörnchen hatte vermutlich von seinem Versteck im Baume aus die Vögel bemerkt und wollte nun sehen, was für eme besondere Anziehungskraft wohl der Platz vor dem Fenster dev Herrn Tuck für 'dieselben habe; die Feldmaus mußte gelegentlich eines Raubzuges auf den Flug der Vögel nach em und derselben Richtung aufmerksam geworden sein; sw fand es angemessen, an dem reichlichen Mahl teil zu nehmen. Die Furchtlosigkeit der Tiere in harten Wintern führte vor einigen Jahren im Staate Wyoming (Vereinigte Staaten) zu einem Rechtshandel. An einem kalten Abend des Winters 1897—98 fand eine Elchherde, 71 Stuck an der Zahl, ihren Weg durch ein zufällig offen gelassenes Thor in einen Heuschober und that sich gütlich an den aufgestapelten Heuvorräten. Der Besitzer hatte kaum das Eindringen der Fremdlinge bemerkt, als er das Thor schloß, um die Tiere an der Flucht zu verhiudern; er hegte dw schönsten Erwartungen von einer Zähmung der ganzen wertvollen Herde. Nun fütterte er sie den ganzen Wmter hindurch und, wie man sich denken kann, mit einem bedeutenden Kostenaufwand. Als aber der April ins Land zog und der Schnee schmolz, erschienen auch schon Vertreter der staatlichen Behörden und forderten die sofortige Freilassung der Tiere. Herr Adams weigerte sich, natürlich, indem er hervorhob, daß die Tiere ihnr gehörten, weil er sie vom sicheren Tode errettet hatte. Das entsprach der Wahrheit, und der Einwand hatte gewiß seine Berechtigung, aber die Jagdgesetze verbieten auf das strengste, Wild einzufangen durch eine Falle. Obgleich man nun nicht annehmen konnte, daß Herr Adams das Thor mit der Absicht offen gelassen habe, die Tiere einzufangen, so entschied das Gericht doch, er habe sie dadurch emgesangen, daß er das Thor schloß. So verlor Adams seinen Prozeß samt den Elchen, die ihm einige Fuder Heu gekostet hatten. Vor einigen Jahren verlor ein Gutsbesitzer seinen ganzen Kauinchenbestand, weil die Kaninchen in der Nachbarschaft reicheres Futter witterten. Die Dwre verließen ihr Gehege, gingen über einen breiten, gefrorenen Bach und gelangten zu einem Strohschober, wo sie ihre reichliche Nahrung fanden und deshalb so lange dort blieben, bis der Eintritt von Tauwetter sie für immer von ihrer Heimat trennte — sehr zum Mißvergnügen des Besitzers, aber zum Vorteil von dessen Nachbar jenseit des Baches. Infolge ihrer hohen Normaltemperatur können dw Vögel ziemliche Kälte aushalten. Trotzdem macht fich auch ihnen die Kälte in grausamer Weise fühlbar. Wenn marr in einer kalten Nacht eine mit Epheu oder anderen Schlingpflanzen überzogene Mauer mit einer Laterne iinrersucht, wird man eine ganze Schar Sperlinge bemerken. Dw Vogel nesteln sich da zu einer dicht gedrängten Masse zusammen, und wenn sie einen Schornstein sinden, so wählen sie diesen als ihren Schlafplatz, um die Wärme, die er spendet, zu genießen. Die Vögel entwickeln überhaupt sehr, viel -Scharfsinn wenn es gilt,'einen warmen Platz ausfindig zu machen. An einem kalten Tage int Februar 1895 wurde, ttne eine englische Zeitschrift berichtet, ein Herr aus Warwickshwe dadurch überrascht, daß plötzlich aus einem Strauch eine Wanderdrossel herabgeflogen kam und sich auf em Kaninchen setzte, welches soeben durch einen Schuß gefallen war. Die Absicht des Vogels war ihm sogleich klar; als aber noch mehrere Kanincheu geschossen und. nebeneinander gelegt waren, zeigte der Vogel deutlich, was er wollte, moem er sich zwischen den warmen Körpern der Twre verkroch. Das Bemerkenswerteste in diesem Falle war, daß der kluge Bogel alle Tage der Jagdgesellschaft folgte und daß die Schützen, da sie nun die Wünsche des kleinen Vogels kannten, dafür Sorge trugen, daß er auf seine Rechnung kam. In einem kalten Winter vor einigen Zähren fand etu Hegemeister in Suffolt in einem Kaninchenbau einen wirren kleinen Haufen von Moorhühnern und Amseln, dw hier wahrscheinlich zur Freude des berechtigten Eigentümers Zuflucht gesucht hatten. Die Moorhühner verbergen sicy, wenn die Flüsse zugefroren sind und tiefer Schnee liegt- gewöhnlich an den untiefen Stellen mit schnellem Wasserlauf, die nicht frieren. Sie tauchen unter bis zum Grund und klammern sich an Steinen und Unkraut fest, bis dw Gefahr, vor der sie geflohen sind, vorüber ist, oder bis sie Atem schöpfen inüssen. r . Wenn das Quecksilber um mehrere Grade unter dem Gefrierpunkt steht, so kann es den Vögeln unter Umstanden sehr schlecht gehen. Es ist nicht selten, daß man Vogel aus eisernen Gittern oder eisbedecklen Steinen angefroren findet In diesem Zustande wurde z. B. bei Mainz eine Wachtel an der eisernen Krampe eines Thorpfostens angesroren gefunden, und ein harter Klumpen Schnee bildete den Marterpfahl eines unglücklichen Sperlings. Schnepfen hat man auf den Platten einesiBrunnen-Deckels angefroren gefunden, auf denen sie, um zu trinken, Platz genommen hatten; und einen so kräftigen Vogel wie eine Wildgans hat man aus einem Sumpf befreien müssen, in dessen Eis ihre Füße festgehalten wurden. Die Tiere appellieren in ihrer Hilflosigkeit während des Winters an unser Mitgefühl Mögen sie bei barmherzigen Menschen ein offenes Herz und eine offene Hand finden. GelmekirnNtziges. Moderflecken aus Geweben zu entfernen. Man hängt die Stoffe einige Zeit bei trockener Witterung an die Luft; hilft dies nicht, so bestreicht man dw stellen mit zehn- bis sechzehnfach durch Wasser verdiinntem Sal- miakgeist e r Nüsse. Sowohl Wallnüsse als Haseb nüsse sind im Herbst oder im Winter zu säen. Es ist wdocy falsch, wenn man annimmt, daß sie gleich vom Baume herunter in die Erde kommen müßten; im Gegenteil ist es besser, wenn die Nüsse einige Wochen nach ihrer Ernte erst an der Luft etwas trocknen können und dann erst gesar werden. („Prakt. Wegweiser", Würzburg' Geheimschrift. (Der Schlüssel besteht in einer Regel.) Nachdruck verboten. Nap xüsbe, xie nap ximm Niv xifestqaudk fle sefe, Xisf xiisbe pus pidkv lotv Upf xifestqsudk pidko gekfe. Mettipu. Auflistung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Garnisonskapelle. Redaktion: ®. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schm UmderfitStS-Buch- und Steindruck«« (Pietsch Trbeu) in »ießm.