(Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Er schien Willens, zu gehen, und der Kämmerer glaubte nun auch vor dem letzten Mittel nicht mehr zurückschrecken zu dürfens um ihn an der Ausführung seines gefährlichen Borhabens zu hindern. „Und wenn Dir diese Erklärung nur eine noch schwerere Demiitigung brächte, Herbert?" fragte er. „Ich hätte Dich für zu stolz gehalten, um Dich ohne Not einer solchen auszusetzen." r r _L Der Assessor war wieder umgekehrt. Eine aufs äußerste gespannte angstvolle Erwartung spiegelte sich in seinen auf den Vater gerichteten Augen. „Du weißt also noch mehr? Du hast mir bisher noch etwas verheimlicht?" „Ich wollte den Stachel der schmerzlichen Enttäuschung nicht noch tiefer in Deine Seele drücken, mein Sohn — denn ich sehe ja, wie es Dir zu Herzen geht, und Dein Kummer ist mir bei Gott nicht gleichgiltig. Aber es ist doch Wohl besser, wenn ich Dir's sage. Die Erklärung, nach der Du vergebens suchst, ist einfach die, daß Margarete einen anderen lieber gewonnen hat als Dich." Stumm und bleich, mit zuckendem Gesicht und fest zusammen gepreßten Lippen stand Herbert da. Tief gruben sich seine Finger in das Polster der Sessellehne, die er mit beiden Händen erfaßt hatte, und dem Stadtrat war keineswegs wohl während des langen Schweigens, das seinen Worten fogte. „Ist das gewiß, Vater?" kam es endlich mit halber Stimme aus dem Munde des Assessors. „Hast Du — hast Du dafür einen Beweis?" „Keinen — außer den allerdings kaum mißzuverstehenden Andeutungen, die mir Margarete heute machte."' „Und wer — wer sollte dieser andere sein?" „Das hat sie mir selbstverständlich nicht gesagt, und Samstag den 23. November. Nr. 168. 1901 TEdsTHg ■ MM üde sinkt hinab das Jahr; Noch ein letztes Blühen Ohne Sang und ohne Klang; Auch die Sonne läßt so bang Ihre Kraft versprühen. Sinne, liebe Seele mein, Lausche tief in dich hinein: So, nach überstand'ncr Pein, Sollst auch du — bald wird es wahr — Blütenarm verglühen. Eugen Reichel. ich kenne ihren Umgang zu wenig, um in dieser Hinsicht auch nur eine Vermutung zu hegen. Aber ich denke, man wird es Wohl früher oder später erfahren." „Ja, ich werde es erfahren. Und dann — —" „Dann wirst Du, wie ich hoffe, vernünftig genug sein. Dich nicht in der Rolle des unbefugt Eifersüchtigen lächerlich zu machen. Auch die wildeste Leidenschaft soll uns niemals unsere Selbstachtung vergessen lassen, mein Sohn." Dies in väterlich mildenr Tone gesprochene Wort ver- fehlte seine Wirkung nicht. Ludwig Ignatius kannte den Stolz und das beinahe überfeine Ehrgefühl seines Sohnes zur Genüge, um zu wissen, wie er zu behandeln war. Von vornherein hatte er gewußt, daß dieses Mittel unmöglich versagen könne, und nur die Gefahr, von Herbert früher oder später einer Lüge überführt zu werden, hatte rhn so lange zögern lassen, es in Anwendung zu bringen. Nun aber, da es geschehen war, wartete er, seines Erfolges sicher, ruhig auf die Erwiderung des Assessors. Und sie lautete ihrem Sinne nach ganz so, wie er es erwartet hatte. Seine Hände von der Sessellehne lösend und sich plötzlich hoch aufrichtend, sagte der junge Mann: „Ja, Vater, Du hast recht. Wenn dies die Erklärung für ihr Verhalten ist, habe ich Margarete nichts mehr zu fragen. Und Du bist gewiß. Dich nicht zu täuschen — es ist Deine feste Ueberzeugnng, daß Du sie nicht mißverstanden, ihren Worten nicht eine irrige Deutung gegeben hast?" „Es ist meine feste Ueberzeugung, Herbert! Und wenn Du ihren Brief noch einmal daraufhin ansiehst, wirst Du auch in ihm eine Bestätigung dafür finden." „Nachdem ich Dein Wort habe, bedarf es dessen nicht mehr. Vergieb, wenn eine meiner Aeußerungen Dich gekränkt hat, und laß uns nicht mehr davon reden. Diese Seite ist nun für immer aus meinem Lebensbuche gelöscht — Gute Nacht, Vater!" Er ging, und der Kämmerer lauschte auf feinen sich langsam entfernenden Schritt. „Das war der leichtere Teil der Aufgabe", sagte er vor sich hin, „nun zu dem anderen! Was immer es kosten mag, auch das muß gelingen!" Zehntes Kapitel. „Mr. George Rubarth ist eine der angesehensten Per^ sönlichkeiten in der deutschen Bevölkerung von Boston. Er hat sich schon seit Jahren von den Geschäften zurückgezogen, und man schätzt sein Vermögen auf mindestens zwei Millionen Dollars. Er war in erster Este mit einer deutschen Dame verheiratet, die, wie man sagt, in einem Anfall von Geistesverwirrung ihrem Leben freiwillig ein Ende machte. Ans dieser Verbindung stazmnt sein einziges Kind, eine Tochter Namens Felioia, die sich augenblicklich' zum Zwecke ihrer musikalischen Ausbildung in Deutschland aufhalt. Vor vier oder fünf Jahren verheiratete sich Mr. Rubarth zunt zweiten Male und zwar mit einem mittellosen, aber sehr schönen Mädchen irischer Abkunft, namens Lillian O'Eonnor, 670 Das Verhältnis zwischen Miß Felicia Rnbarth und ihrer Stiefmutter soll indessen von allem Anbeginn ein sehr schlechtes gewesen sein, nnd man erzählt von vielen stürrni- schen Szenen, die sich damals im Rubarthschen Hause abgespielt haben sollen. Schließlich war junge Mädchen, das als sehr exzentrisch geschildert wird, sogar eines Tages ganz verschwunden, und man glaubte allgemein, daß sie sich ans Verzweiflung über die unglücklichen häuslichen Verhältnisse gleich ihrer Mutter ein Leid angethan habe, bis sie neun Monate später plötzlich wieder auftauchte, nachdem Mrs. Lillian Rnbarth kurz vorher nach nur zweitägigem Krankenlager an einer Lungenentzündung gestorben war. Man erfuhr jetzt, daß. sie die Zeit ihrer Abwesenheit bei Verwandten in Kalifornien zugebracht-habe, und es scheint, daß sie seitdem in bestein Einvernehmen mit ihrem Vater gelebt hat. Da sie für eine der ersten Schönheiten von Boston gilt, sollen sich während der letzten Jahre viele junge Herren aus den besten Familien nm ihre Hand beworben haben, doch hat sie alle Anträge abgewiesen, und man sagt, daß sie überhaupt nicht heiraten wolle. Mr- George Rnbarth ist seit längerer Zeit halb gelähmt, sodaß er sein Haus und seinen Garten nicht mehr verläßt. Bis vor Jahresfrist führten Vater und Tochter ein sehr eingezogenes Leben, und erst während der letzten Saison zeigte Miß Felicia zur allgemeinen Ueberraschung ein sehr großes Interesse für gesellschaftliche Vergnügungen. Sie besuchte viele Bälle und andere Veranstaltungen, wie denn auch im Hause ihres Vaters häufig glanzende Feste gefeiert wurden. Ihre plötzliche Abreise nach Europa hat deshalb großes Erstaunen hervorgerufen, und man erblickt darin wieder eine der exzentrischen Launen, deren die junge Dame sehr viele zu haben scheint. Jedenfalls aber hat sie diesmal im voller: Einverständnisse mit Mr. George Rnbarth gehandelt, und von einem neuen Zerwürfnisse zwischen Vater und Tochter ist keine Rede." Der Stadtrat Ludwig Ignatius überlas das Blatt, das er einem soeben aus Amerika eingetroffenen Briese entnommen hatte, mit großer Aufmerksamkeit noch ein zweites Mal und saltete es dann mit einem leichten Seufzer zusammen. Tie Mitteilungen, die ihm da aus seine vor kaum vier Wochen abgesandte Anfrage von einem der ersten Uuskunftsbureaus der Bereinigten Staaten gemacht wurden, waren ja erschöpfend und günstig genug; eine rechte Freude aber vermochten sie ihm doch nicht zu bereiten. Denn die Angelegenheiten hatten in diesen vier Wochen nicht den Verlauf genommen, den er erhofft und vielleicht auch erwartet hatte. Wohl war die drohende Gefahr einer Entdeckung der von Lindemann begangenen Unterschleife vorläufig noch abgewendet worden. Der Oberbürgermeister hatte seinen Antrag aus eine Teilung der Kassenverwaltung zurückgenommen, und wenn der Name des Rendanten in den Büchern des glücklich entkommenen Jrmischi überhaupt verzeichnet gewesen war, so hatte man darin doch jedenfalls nichts Verdächtiges gefunden, da er weder von dem Polizeikommissar noch von dem Untersuchungsrichter vernommen worden war. Aber der Kämmerer konnte doch keinen Augenblick vergessen, daß die damit gewonnene Frist nur eine Galgenfrist war. Bei der nächsten Kassenrevision mußte das begangene Verbrechen unsehlbar an den Tag kommen, wenn es nicht bis dahin gelungen war, den fehlenden Betrag aufzutreiben. Und die Summe war viel zu groß, als daß Ludwig Ignatius daran denken durfte, sie durch Darlehen bei seinen Freunden oder bei gewerbsmäßigen Geldverleihern zu erlangen. Die schlechte Beschaffenheit seiner Bermögensverhältnisse war trotz feiner glänzenden Lebensführung zu bekannt, als daß man ihm auch nur den zehnten Teil jenes Kapitals anvertraut haben würde. Und von allem Anbeginn hatte er auf die Möglichkeit dieses Answeges nicht die geringste Hoffnung gesetzt. Wohl aber hatte er sich mit ganzer Seele an den rettenden Gedanken geklammert, der blitzartig in seinem Meiste aufgetaucht war, als er gesehen, mit wie leidenschaftlicher Inbrunst Felicia das Bild seines Sohnes geküßt hatte. Wenn es gelang, eine Verheiratung Herberts mit ber Millionenerbin zu stände zu bringen, so gehörte die Beschaffung von hunderttausend Mark — Ludwig Ignatius liebte es, mit runden Summen zu rechnen — nicht mehr Ku den unmöglichen Dingen, gleichviel, ob sie von Felicias Mitgift genommen oder auf ihren künftig zu erwartenden Reichtum hei Wucherern entlehnt würden. Zwar hatte er die Schwierigkeit des Unternehmens von vornherein richtig gewürdigt, aber er hatte doch mit der so unzweideutig kundgegebenen Leidenschaft der jungen Amerikanerin als mit einer mächtigen Bnndesgenossin gerechnet, und daß es gerade diese war, die ihn nun allem Anscheine nach völlig im Stiche ließ, war die einzige Ursache seiner Entmutigung; denn im übrigen ivar ja der Weg für einen! günstigen Fortgang der Angelegenheit auf das beste geebnet. Herberts Verlöbnis mit Margarete Lindemann war gelöst, ohne daß es zu einer Aussprache zwischen den beiden gekommen wäre, und ohne daß der Assessor den eigentlichen Beweggrund des so jäh herbeigeführten Bruches ahnte. Er hielt sich für den schmählich Getäuschten und war von jenem tiefen Groll erfüllt, der nach alter Erfahrung den besten Nährboden für eine neue Neignng abgeben mußten Wie ernst und schweigsam er auch umhergehen, wie finster er auch dreinschauen mochte, dem berückenden Zauber von Felicias Schönheit nnd Liebenswürdigkeit hätte er nach des Kämmerers Meinung doch unmöglich lange widerstehen! können, wenn sie alle die tausend Künste weiblicher Gefallsucht anfgeboten hätte, um ihn zu gewinnen. Aber sie dachte augenscheinlich nicht im entferntesten daran, etwas derartiges zu versuchen, nnd ihr Benehmen/ das seinen Erwartungen so wenig entsprach, brachte den Stadtrat nachgerade fast zur Verzweiflung. Bei ihrem ersten Besuche nach dem mehrtägigen Ausfluge hatte Felicia aus Hildes Munde erfahren, was sich inzwischen zugetragen, und die Mitteilung ihrer tief betrübten jungen Freundin, daß ihr von dem Vater und dem! Bruder jeder Verkehr mit Margarete Lindemann untersagt!! worden sei, hatte sie sogleich von der Unheilbarkeit des Bruches überzeugen müssen. Wohl hatte sich von. diesen Stunde an ihr Verhalten gegen den Assessor auffällig geändert; aber es war keine Veränderung nach dem Sinne! des Stadtrates gewesen. Sie forderte Herbert nicht mehr zum Widerspruche heraus und führte keine hitzigen Wortgefechte mehr mit ihm, wie zur Zeit seines Verlöbnisses mit der anderen. Aber sie vermied auch geflissentlich, in! seiner Gegenwart das Brillantfeuerwerk ihres Geistes spielen zu lassen, und wenn ihre dunklen Augen sich imi Laufe der Unterhaltung auf ihn richteten, so war nichts von süßer Lockung oder ermutigender Verheißung in ihnen zu lesen. Nur von sehr ernsthaften und sehr unverfänglichen Dingen war zwischen ihnen die Rede. Es gab keine Meinungsverschiedenheiten, doch auch keine temperamentvollen Aeußerungen mehr, die ein lebhaftes Interesse des! einen an den: anderen hätten erkennen lassen. Dem luftigen Kriegszustände war ein langweiliger Friede gefolgt. Und! aus der Art ihres gegenwärtigen Verkehrs mochte sich vielleicht mit der Zeit eine lauwarme Freundschaft, ninuner- mehr aber eine stürmische Leidenschaft entwickeln. Hier und! da hatten sie sogar wieder miteinander gesungen, obwohl! es vielen Zuredens seitens anderer bedurft hatte, sie dazu! zu bewegen. Aber es war nicht mehr dasselbe gewesen!/ tote an jenem ersten Abende. Sie dachten jetzt offenbar nur noch an die Musik, und es war ihnen höchst gleichgiltig,- ob ihre Stimmen sich in einem feurigen Liebesduette oder in einer feierlich ernsten kirchlichen Komposition miteinander verschmolzen. Wie scharf auch Ludwig Ignatius sie beobachten mochte, es wollte ihm nicht gelingen, ein Wort oder einen Blich zu erhaschen, die seinen hinschwindenden Hoffnungen neues! Leben eingeflößt hätten. Und da er Felicia doch nicht! auffordern konnte, dem Zuge ihres Herzens zu folgen und; seinen thörichten Sohn zu umwerben, so nahmen die dunklen Schatten der Sorge mit jedem ergebnislos ver-j lanfenen Tage drohendere und Unheimlichere Gestalten an'v Nahezu ein Monat war jetzt bereits seit dem Geständnisse des Rendanten verstrichen, und der Stadtrat sah sich! von der Verwirklichung seines rettenden Planes noch ebenso! weit, wenn nicht weiter entfernt als am ersten Tage. Nur ein Wunder konnte noch zur rechten Zeit die ersehnte Wendung herbeiführen, und es kamen Stunden, wo sich Ludwig Ignatius in tiefster Entmutigung sagte, daß es! offenbar Wahnwitz fei, auf ein solches Wunder zu hoffen.- Auch der Empfang des amerikanischen Briefes, der ihn bei günstigeren Aussichten wahrscheinlich! mit der größten! Befriedigung erfüllt hätte, hatte ihn anfs neue in Grübelereü versinken lassen, die einen immer unerfreulicheren Cha-, ratter annyhinen. Da störte ihn der Klang eines leichten 671 Schrittes aus seinem Nachdenken auf, und er hörte Hildes schmeichelnde Stimme: „Möchtest Dn Dich nicht auch für das Fest ankleiden, lieber Vater? Wir sind schon fertig, und Herbert ist eben gegangen, um Felicia abzuholen!" Es handelte sich da um eine Wohlthätigkeitsveran- staltung, der die Familie Ignatius aus Rücksicht auf die amtliche Stellung des Kämmerers nicht fern bleiben durfte. Und wenn auch der Assessor anfänglich ganz entschieden abgelehnt hatte, mitzugehen, so war er doch durch die Bitten seiner Schwester umgestimmt worden, die ihn gar zu gern als Kavalier für Felicia gewinnen wollte. Aber er hatte nicht verhehlt, daß er sich ungern dazu entschloß, und daß man kaum einen sonderlich unterhaltenden Gesellschafter an ihm haben werde. (Fortsetzung folgt.) - s . Ein Liebling unserer Kiuderzcit. Zu Ludwig Bechsteins 100. Geburtstag, 24. November. . Von Dr. Ernst Wilms- \ . - (Nachdruck verboten.) „Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar" — Das alte Zauberlied der Romantik. In der Kindheit find wir alle Romantiker, und selbst wenn die Zeit schon vorüber ist, wo wir den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit noch nicht begreifen, und unserer Mutter ebenso gläubig lauschen, wenn sie uns von dein Riesen erzählt, der zehn Menschen zum Frühstück verzehrte, als luciut sie uns berichtet, daß die Bnttersemmeln vom Bäcker stammen, selbst dann noch übt das Wunderbare einen uuvermin- oerten Zauber auf uns, und streitet noch lange iit unserem Herzen mit dem Reiz des Historischen um die Herrschaft. Welch ein geheimnisvoller Zauber liegt nicht allein fchon in dem Worte „Märchen". Wer von uns war so wenig Kind, daß er nicht eine Zeit in seinem Leben hatte, in welcher ein Märchen ihm über alles ging? „O sing' uns ein Märchen, o sing' es uns oft, Daß ich und der Brnder es lerne; Wir haben schon längst einen Sänger gehofft — Die Kinder, sie hören es gerne." So sehr auch manch kalte Vernünftler neuerdings dagegen loseifern, und allerhand Gespenster sehen, indem sie behaupten, die Kinder würden nervös, furchtsam/ überspannt und wer weiß tvas alles — ich möchte nicht Kind gewesen sein, ohne Märchen, und möchte nicht, daß meine eigenen Kinder ohne sie nufwüchsen. Gewissenhafte Eltern werden natürlich nicht nur in der Auswahl vorsichtig verfahren, sondern auch auf Gesundheitszustand, Temperament und Empfänglichkeit ihrer Kinder Rücksicht nehmen; ich habe zahlreiche Kinder gekannt, die wohl nie eine Geschichte erzählt bekommen oder gelesen haben, und die trotzdem voller Furchtsamkeit und Ueberreizung waren. Die Märchen befruchten Gemüt und Phantasie, und bereiten den Boden des Herzens und Geistes für die ernstere Saat — das müssen unglückliche Kinder sein, die nie etwas von Schneewittchen, Rotkäppchen, Aschenbrödel, Blaubart, Dornröschen, Schlaraffenland usw. hört haben! „Wie pochte das Herz, wenn die Amme uns Bon der Königstochter erzählte, Die einsam auf der Heide saß Und die goldenen Haare strählte. Die Gänse mußte sie hüten dort Als Mänsemagd, und trieb sie Am Abend die Gänse wieder durchs Thor, Gar traurig stehen blieb sie. Denn angenagelt über dem Thor Sah sie ein Roßhaupt ragen, Dos war der Kopf .des armen Pferd's, Das sie in die Fremde getragen. Die Königstochter seufzte tief: . O Falada, daß Dn hangest! Der Pferdekopf herunter rief: O wehe, daß Du gangest! Die Königstochter senfzte tief: Wenn das meine Mutter wüßte! Der Pferdekopf herunter rief: Ihr Herze brechen müßte!" Unendlich viel erscheint alljährlich auf dem Gebiete der Kinderlitteratur, aber das meiste versinkt in den Ozean der Vergessenheit; nur eine Anzahl Namen und Werke ragen als unerschütterliche Fclseniiiseln aus diesem Ozean empor, und erheben immer wieder, alt und ehrwürdig und doch eivig jung, ihr Haupt stolz ans dem Wust des Neuen und Unbekannten. Robinson, Heys Fabeln, Hebels originelle Schatzküstleingeschichien, Struwwelpeter, 1001 Nacht, Grimms, Andersens, Bechsteins und Hauffs Märchen, werden sie je vom Weihnachtstische verschwinden? Nein — unter den Tausenden von Erzeugnissen gleicher und ähnlicher Art sind und bleiben sie die einzigen: „Die auf dem Gestade der Erinnerung an die Kuabeiizeit eine Spur in den Sand getreten, von welcher der Tritt ganzer Generationen nicht ein Sandkorn verrücken wird." Diese schönen Worte, von Charles Dickens ans Robinson Crusoö angewandt, gelten für alle diese klassischen Werke der Kinderwelt und ihre Verfasser — und unter den letzteren nicht zum wenigsten für den Mann, dessen 100. Geburtstag heute wiederkehrt, und dessen Name schon uns unsere Kindheit in Verbindung mit. mancher süßen, herrlichen, sorglosen, heiligen Stunde zurückruft! Ludwig Bechstein! "Tie meisten von uns haben seine Märchenbücher oder wenigstens sein „Deutsches Märchenbuch" besessen, und sehen bei der Nennung seines Namens eine Reihe vertrauter, lieber Gestalten aus dem Bilderbuch ihrer Erinnerung hervorsteigen. Voranstolziert gar possierlich „Das tapfere Schneiderlein" im blanken Harnisch und mit der goldenen Inschrift auf dem Brustschild: „Sieben! auf einen Streich", daun folgt der „Meisterdieb", der beu Schulmeister und Pfarrer aus der Kirche stiehlt, und sie lebend in einem Sack in den Schornstein hängt, trotzig schreitet der „Schmied von Jüterbog" mit Hammer und Schurzfell, welcher den Tod auf dem Birnbaum festhielt. „Hänsel und Gretel" knuspern am Pfefferkuchenhäuschen, „Rotkäppchen" spaziert au der Seite des Wolfs, Gevatter Tod, Hans im Glücke, der Däumling, der Hase und der Igel, die sieben Raben, der Dumme mit dem Knüppel aus dem Sack, Blaubart und Haus, der das Gruseln lernen wollte — sie alle geben ihre Visitenkarten in unserem Geiste ab, und fordern uns auf, an seinem Gedenktage uns des Mannes zu erinnern, der sie geschaffen oder doch für die Jugend bearbeitet, und sich dadurch um unsere Kindheit ein so unvergängliches Verdienst erworben hat. । Aber wir müssen nicht denken, daß Ludwig Bechstein nur ein Märchendichter war! O nein, feine Thätigkeit war eine äußerst vielseitige und fruchtbare. Er war ein Thüringer, aber nicht bloß von Geburt, sondern von Herzen, Leib und Seele; und Zeit seines Lebens war die Liebe zu seinem Vaterlande der Sporn seines Schaffens. Thüringen, Du holdes Land, Wie war sein Herz Dir zugewandt! Seine Wiege stand in Weimar, dem Bethlehem Deutschlands, wie Goethe es nennt, „!vie Bethlehem in Juda, klein und groß", und ba er zu der Zeit geboren würbe, als noch die Göttersöhne Schiller nnb Goethe am deutschen Dichterhimmel strahlten, und dem Namen Weimar zu unsterblichem Ruhm verhalfen, (24. November 1801), so ist es kein Wunder, daß auch in ihm der poetische Drang mächtig sich; regte, wenn auch erst später, als er bereits in Verkennung seines Talents eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen hatte. Frühzeitig Waise, nahm ihn sein Oheim, Johann Mathäus Bechstein, an Kindes Statt an, und gab ihm eine gute Erziehung. Nachdem er bis zum 18. Jahre das Lyceum zu Meiningen besucht, widmete er sich dem Apothekerberuf, beu er in Arnstadt erlernte, um seine Kenntnisse sodann in Meiningen und Salzungen als Gehilfe zu verwerten. Der Dichter in ihm war aber stärker als der Apotheker; erst 23 Jahr alt, veröffentlichte er seine „Thüringischen Volksmärchen", er trat also gerade mit dem zuerst hervor, was ihn überleben sollte, obgleich er vielleicht diesen Teil seiner schriftstellerischen Thätigkeit hinter sein anderes Schaffen tr n cf d c ff1f hnf. Das Glück begünstigte ihn: seine 1828 in Arnstadt erschienenen „Sonettenkränze" lenkten die Aufmerksamkeit des Herzogs von Meiuiugen auf beit jungen Mann, bessert 'Unterstützung ihn in bett Staub setzte, sich fortan ganz den schönen Wissenschaften zu widmen. Drei Jahre lang studierte er, in Leipzig Geschichte und Philosophie, 672 — Logogriph. Nachdruck verboten. Zlm Herde ift’S, und Eisen Und Stahl kann es zerbeißen; Mit anderm Fuß entzückt es, Durch holden Duft erquickt es, Der Sommer hat's geboren, Die Liebe sich erkoren. (Auflösung in nächster Nummer.) Auslösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Sächsische Schweiz. Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Sondern wir wollen von der Mühe reden, äuf welche Mutter Weißhaar zielte, wenn sie aus ihre acht Kinder zu sprechen kam, von denen drei auf dem Kirchhof lagen, einer in der tiefen Nordsee, und die übrigen vier in Amerika wohnten, von welchen zwei seit Jahren nicht an sie ge- schrieben hatten. Und von jener Arbeit, über welche Geert Doofe klagte, als er am dritten Tage nach der Schlacht, bei Gravelotte noch nicht sterben konnte, obgleich er die furcht-i bare Wunde im Rücken hatte. Mer obgleich wir die Absicht haben, in diesem Buche von so traurigen und öden Dingen — wie viele sagen —i zu erzählen, gehen wir doch fröhlich, wenn auch mit zu-i sammengebissener Lippe und ernstem Gesicht, an die Schreib--, ung dieses Buches; denn wir hoffen, an allen Eckert und Enden zuzeigen, daß dieMühe, dieunsere Leute sich machen, der Mühe wert gewesen ist." So sagt Frenssen zu Eingang des ersten Kapitels seines! Jörn Uhl, wir aber müssen am Schluß des letzten Kapitels angelangt, ausrusen: „Das ist einmal wieder etwas Rechtschaffenes! Alles Kraftund SaftundLeben.- D erb e Ko st aller d in g s, d ar um nichts für ein en verdorbenen Magen, aber zuträglich einem jeden, dem kerndeutsche Art vertraut, und der von redlicher Arbeit gesunden Hunger heimbring t." Tas Verlangen nach der Lektüre des herrlichen Buches zu wecken, setzen wir einige Kernwahrheiten daraus hierher: „Nichts bildet den Menschen mehr, als Menschenschicksal sehen." — „Tas ist das Beste auf der Welt, daß man freundlich und lieb miteinander ist und mit allen Menschen." — „Wenn ein großes Ereignis plötzlich unter die Menschen tritt, als ein finsterer Riese, und im Eintreten sie mit seinem Aermel streift, dann zucken die Seelen der Berührten und bleiben in einer zitternden Bewegung, die je nach der Größe und Plötzlichkeit des Ereignisses andauert. ' In diesem Zustand zeigt sich der Charakter der Menschen offener, ihr Mund ist redseliger, ihre Ohren sind wacher. Sie sind wie tiefgepflügtes Land, aus dem der starke Geruch frischer Erde aufsteigt." — „Wenn über dem jungen Wald, der in Schnee und hartein Frost liegt, der Westwind anhebt, sanft zu wehen, dann beginnt es in den Tannen von oben bis unten leise zu knattern und zu splittern: es will sich nicht biegen, es muß brechen. Aber die weichen Lüste schmiegen und schmeicheln um all die Eiskrystalle, gleiten und streicheln. Und wie es geht: Das Weiche siegt zuletzt überall aus der Erde. DieLiebestegt. Das Klingen und Klirren und Waffengerassel hört auf. Die Eiskrystalle lassen die blanken Lanzen fallen; es schmelzen ihre Harnische; es laufen ihnen die Augen über; sie sinken der weichen Luft in die Armeq Wenn einer nun durch den Wald geht, hört er, wie es gleitet und fällt, und wie es im Träumen leise und eintönig redet.; Schön ist es zu sehen und zu Höven, wenn der Wald auftaut. Schöner noch ist es, dabei zu sein, wenn ein Mensch „Ja", sagte Jörn Uhl, „Zutrauen haben: das rst alles." — Nun, wir hegen zu dem Verfasser des Jörn Uhl, der Sandgräfin" und der „drei Getreuen" das berechtigte Vertrauen, daß der Born seiner Erfahrung noch nicht gar erschöpft ist, und daß er uns noch manche Frucht erfahrener Lebensweisheit, gereift in liebevoller Arbeit, darbieten wcrd, so Gott will und wir leben! Bdt. in München Kunst und Litteratur. Auch! als er im Herbst 1831 nach Meiningen zurückkehrte, nahm sich der Herzog seiner an, indem er ihn zu seinem Kabinettsbibliothekar, und zugleich zum zweiten Bibliothekar der herzoglichen öffentlichen Bibliothek ernannte. Zwei Jahre später bereits rückte er zum ersten Bibliothekar auf, und war nunmehr in den Stand gesetzt, aller Unterhaltssorgen ledig, seinen Neigungen zu leben. Der Dichter verlor auch in der That seine Zeit nicht; eine ebenso vielseitige als reiche Schaffenszeit Hub an, sowohl auf dem Gebiete des Dramas, des Romans und der Novelle, als auch auf lyrischem und epischem Gebiet. Am meisten fesselte ihn die Vorgeschichte seiner Heimat. Bereits am 12. November 1832 begründete er den „Hennebergischen altertumsforschenden Verein", dem er als Direktor mit großem Eifer Vorstand, und durch welchen er in den Stand gesetzt wurde, das Sammelwerk „Deutsches Museum für Geschichte, Litteratur, Kunst und Altertumsforschung" (1842—43), die „Chronik von Meiningen" und ähnliche Werke, darunter die Prachtausgabe des Minnesängers Ottos von Botenlaube (1845), das altdeutsche Gericht „Der Ring" von Heinrich von Wittenweiler (1851) und das berühmte Eisenacher „Spiel von den zehn Jungfrauen" herauszugeben. Ueberhaupt widmete er sich mit Vorliebe altertümlichen und geschichtlichen Forschungen, ohne indessen besonders wertvolle Erfolge zu erzielen. Ebensowenig vermochte er als Dramatiker, Epiker und Romanschriftsteller Lorbeeren zu sammeln. . Bon großer romantischer Neigung, besaß er gleichwohl nicht den poetischen Schwung, den seine Gegenstände erforderten; seine Erzeugnisse _ litten unter der Schnelligkeit und Fülle seines Schaffens. . Dagegen sind ihm Formengewandtheit, Phantasie, Innigkeit und Tiefe der Empfindung, und hohe Begeisterung für alles Gute und Schöne nicht abzusprechen. Am höchsten steht er _ als Märchen- und Sagendichter, und in dieser Eigenschaft verdient er sich auch; den Kranz der Nachwelt. In vier Bänden erschienen 1835 bis 1838 „Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringer Landes", dann folgten das berühmte, in zahlreichen Auflagen erschienene „Deutsche Märchenbuch" (1844), das „Neue deutsche Märchenbuch" (1856), „Thüringer Sagenbuch" (zwei Bände, 1858), und „Der Sagenschatz des Frankenlandes" (1842). In seinen „Wanderungen durch Thüringen" giebt er seiner Liebe zur Thüringer Heimat den innigsten und wärmsten Ausdruck. Aus der großen Menge seiner poetischen und prosaischen Werke seien hier nur genannt das historische Gemälde „Tie Weissagung der Libussa", die Gedichte „Die Heimonskinder" und ^,Der Totentanz", der Roman „Das tolle Jahr von Erfurt", das Gedicht „Luther", das Zeitbild „Der Fürstentag", die „Erzählungen und Phantasiestücke", der mit großem Beifall aufgenommene Roman „Fahrten eines Musikanten", und sein humoristisches Lehrgedicht „Neue Naturgeschichte der Stubenvögel". Das äußere Leben Bechsteins nahm einen ruhigen Verlauf, und brachte ihm mancherlei Ehren und Anerkennungen, so 1840 den Hofratstitel und 1848 die Ernennung zum gemeinschaftlichen Bibliothekar der Teilhaber des hamburgischen Gesamtarchivs. Sein Tod erfolgte am 14. Mai 1860 in Meiningen, das 50 Jahre lang die Stätte seines Lebens und Wirkens gebildet hatte. Frenssen, Jörn Uhl. Jörn Uhl, Roman von Gustav Frenssen. Berlin, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung. 1901. Preis geh. 4 Mk., geb. 5 Mk. „Wir wollen in diesem Buche von Mühe und Arbeit reden. Nicht von der Mühe, die der Bierbrauer Jan Tortsen sich machte, der versprochen hatte, seinen Gästen einen besonders guten Eidersisch vorzusetzen, und sein Wort nicht halten konnte und darüber tiefsinnig wurde und nach Schleswig mußte. Wir wollen auch nicht von der Mühe reden, welche jener reiche Bauernjunge sich machte, dem es trotz seiner Dummheit gelang , seines Vaters Geld in vier Wochen durchzubringen, indem er tagelang die Thalerstücke über den Fischteich schunkte.