(Nachdruck verboten.) Ein Staatsstreich in Hessen. Historische Erzählung von Wilhelm Wagner. (Fortsetzung.) Hans traf am Abend in seiner sieben Stunden entfernt liegenden Garnison Gießen ein; er hatte sein Pferd durch den tollen Ritt halb tot gehetzt. Alsbald begab er sich zu seinem Oheim, dem Regierungsrat du Thil. „Nun, wie steht es um die Freierei?" fragte der freundliche Herr lächelnd den sehr aufgeregten Neffen. „Tot kann ich sie haben, lebendig — nie!" rief Hans. „Hahaha! Tas sieht dem alten Trotzkopf ähnlich! Doch tröste Dich, die Hessen-Darmstädter Regierung beschäftigt sich gegenwärtig sehr eifrig mit der Burg Friedberg. Auf dem Reichstag zu Regensburg hat man uns die Stadt Friedberg zugesprochen, wir haben von ihr am 6. Oktober 1802 Besitz genommen, und nun muß auch die Burg Friedberg in unsere Hände. Freiwillig treten die Burgmannen die Burg nicht ab, warte deshalb, lieber Hans, bis ein Befehl kommt, daß wir die Burg mit Gewalt nehmen sollen, dann darfst Tu dabei sein." „Dauert das vielleicht auch, noch! hundert Jahre?" fragte Hans mißtrauisch. „Nein, wir arbeiten jetzt etwas rascher; das hat uns Napoleon beigebracht. Gehe nach) Hause, und! lege Dich schlafen mitsamt Deinem Liebeskummer; ich! lasse Dich! rufen, wenn der Befehl des Landgräfen Ludwig X. von Hessen-Darmstadt eintrifft." Mit recht geringen Hoffnungen verließ der verliebte Leutnant den Oheim; doch schon näch acht Tagen wurde er durch eine Ordonnanz zum Regierungsrat befohlen. Als er das Haus betrat, waren dort bereits seine Vorgesetzten: Major Beck und Hauptmann Moter anwesend. Regierungsrat du Thil begrüßte den Leutnant lächelnd und ergriff dann das Wort: „Meine Herren, ich habe Sie hierher geladen, um Sie mit einem Staatsstreich bekannt zu machen, den Hessen- Darmstadt in den nächsten Tagen auszusühren gedenkt. Doch schwören Sie mir zuvor, daß Sie kein Wort von dem Staatsgeheimnis verraten werden, und daß Sie bereit sind, Ihr Leben für das Vaterland zu lassen." 1901. Vri'ni !J er Erfolg ist offenbar, Die Absicht aber ist niemals klar! ■ Drum wird man alle Menschengeschichten Ewig nach dem Erfolge richten. Rückert. „Wir schwören es!" „Ich danke Ihnen, meine Herren. Hören Sie mich nun an. Mitten in unserem Lande besteht eine Einrichtung aus dem Mittelalter: die Burg Friedberg. Diese Burg bildet mit ihrem Burggrafen, ihren Burgmannen, ihren Soldaten und Beamten einen Staat mitten in unserem Staate. Tie Burg stützt ihr Dasein auf die Rechte, welche ihr vor vielen hundert Jahren das heilige römische Reich und die verschiedenen Kaiser verliehen haben. Es ist aber eine neue Zeit angebrochen; "die Zwistigkeiten zwischen der Burg und der Stadt Friedberg, sowie dem ganzen Lande ringsum, haben sich derart zugespitzt, daß ein friedlicher Vergleich nicht mehr möglich ist. Ter Burggraf will sich auch gar nicht ergeben, sondern hat sich zur Verteidigung gerüstet. Unser erhabener Herrscher, der Landgraf Ludwig X. von Hessen-Darmstadt hat sich! deshalb gestern entschlossen, nach langem Zögern, die Burg Friedberg mit Gewalt anzugreifen und erstürmen zu lassen." „Hurra!" rief Hans. „Schweige!" gebot sofort der Regierungsrat. „Herr Major Beck, Ihnen übertrage ich die Ausgabe, von der Burg Friedberg Besitz zu nehmen. Sie werden mit der unter dem Herrn Hauptmann Moter und dem Herrn Leutnant Rabe stehenden Kvlnpagnie in den nächsten Tagen nach Friedberg marschieren und dort Bürgerquartiere "beziehen. Der dortige Aufenthalt muß den Anschein erwecken, als wollten Sie nur auf dem Marsche nach Darmstadt in dem Städtchen übernachten. Die Einnahme der Burg überlasse ich Ihrer militärischen Tüchtigkeit; ich bitte Sie nur, jedes Blutvergießen möglichst zu vermeiden. Ich selbst werde mich unauffällig nach Friedberg begeben, um nach der militärischen Aktion als landgräflicher Zivilkommissär im Namen unseres Fürsten von der Burg Besitz zu ergreifen. Haben mich die Herren verstanden?" „Zu Befehl, Herr Regierungsrat!" ---- — Am Nachmittag des 21. Januar war es, als die am Tage vorher in Friedberg einquartierte Kompanie hessischer Infanterie, die Breitestraße herauf marschierte, um anscheinend das Städtchen nach Norden zu wieder zu verlassen. Die Abteilung mußte dabei au dem südlichen Thore der Burg vorüber. Tas Thor war fest verschlossen, und an den Schießscharten und vor der .Wache standen Burgsoldaten, Tas Gewehr bei Fuß. Die Stimmung in der Burg war eine vollständig kriegerische. „Hm, ich dackste, die wollten nach Darmstadt ziehen", brummte Sergeant Kreß, „aber sie schlagen ja einen anderen Weg ein; das sind mir schöne Soldaten, die ihren Weg nicht kennen." Ueber diesem militärischen Kritiker stand oben an der breiten Burgmauer Henriette, des Burggrafen Töchterlein. 414 die Burg niemals einnehmen kann?" fragte gedankenvoll der Burggraf. „Niemals!" erwiderte stolz der Burghauptmann Mar- quard. In diesem erhabenen Augenblick drang gerade donnerndes Hurra und Trommelwirbel vom Burgplatz herauf, und tzleich danach- riß Sergeant Kreß die Thüre auf. „Herr Burggraf, wir sind überrumpelt worden! Vier als Schreiner verkleidete Hessen-Darmstädter Soldaten haben sich unter erdichtetem Vorwand Eingang durch das Burg- thor verschafft, und die Wache überwältigt! Gleich darauf ist auch die Kompanie, die nur scheinbar aus Friedberg marschiert war, wieder umgekehrt, und mit Hurra zum Thore hereingezogen! Hört Ihr, das sind die Trommeln der Hessen-Darmstädter!" „Das ist Verrat!" schrie der Burggraf. „Auf solch unrühmliche Weise besiegt, zu, werden? Nimmermehr! Sie hatte gestern die Kompanie einziehen sehen, und von demselben erhöhten Platze aus,, trotz der, Warnung vor dem „Feinde", dem Geliebten erneu heimlichen Gruß zugewinkt. Jetzt ivar sie sehr enttäuscht: Hans befand srch nickt bei den abziehenden Soldaten! Sollte er vielleicht krank geworden sein?" dachte sre und "verließ die Mauer. Als sie an den Burgsoldaten vor- ^„Sergeant Kreß, warum war denn wohl der Leutnant Rabe' nicht bei der Kompanie?" „Das lveiß ich nicht, gnädiges Fraulern. — Vielleicht hüt er angst, hier vorüber zu gehen", erwiderte der Krieger kurz angebunden. Solche Worte beleidigten das liebende Mädchen; Henriette Mit Bossenheim würdigte deshalb Kreß, mit dem sie onft sehr gut stand, keiner Erwiderung, sondern schritt, das blonde Haupt stolz erhoben, in das Burggrafiat zuruck. __________ QU derselben Zeit näherten sich von dem Städtchen I Lieber sterben mit den Waffen in der Hand!" aus vier Zivilpersonen dem Burgthor und klopften an.' I „Noch sind wir nicht besiegt!" rref der Burghauptmann Sergeant Kreß öffnete vorsichtig ein Guckloch und fuhr I feurig. „Ich werfe mit meinen Getreuen den Femd tn die mit einfachen Mänteln bekleideten vier Männer I den Burggraben!" Er riß den langen Degen aus der Scheide barsch an- »und stürmte fort. Auf dem Burgplatz schrie und komman- Heda, was wollt Ihr?" I vierte er nach seinen Leuten, da aber feine kamen, fees ' Wir sind die Schreiner, die der gnädige Herr Burg- I er ganz allein mit wildem Hurra gegen die halbe Kom- araf" bestellt hat, um die Möbel zu reparieren", sprach I panie am südlichen Thor Sturm. Der Erfolg dieser ruhm- der Größte von den Männern. glichen Waffenthat war der daß man chn^ einfach; ent- „Ter gnädige Herr Burggraf hat allerdings Schreiner I waffnete, und Leutnant Rabe erklärte den kühnen Streuer besteltt, und deshalb will ich Euch auch herein lassen", I zum Kriegsgefangenen. antwortete Kreß streng, und ließ die schmale Pforte öffnen. I Mit Bewunderung hatten der Burggraf und Sergeant Die vier Männer traten ein. Die Burgsoldaten hatten, I dem Hauptmann nachgeblickt. da die hessische Kompanie um die Ecke verschwunden war, I Der Hauptmann hat recht!" rief der Burggraf, und die Schießscharten verlassen, ihre Gewehre wieder vor die I nach einem Schwerte aus dem Mittelalter, das ernst Wache gestellt, und betraten nun die Wachtstube neben 1 reine Ahnen ruhmreich durch! viele Schlachten geführt hatten, dem Thor. Nur Kreß und einige Mann standen bei den I Verteidigen wir die Burg bis zum letzten Blutstropfen! angeblichen Schreinern. I — Ha, Kreß, ist vielleicht der Leutnant Rabe auch 6et „Ihr seid also die bestellten Schreiner?" examinierte I ben Feinden?" fragte er plötzlich. der stets mißtrauische Kreß noch einmal, und zu dem 1 „Der hat uns ja überfallen! Jetzt wird er wohl Größten von den Fremdlingen gewandt, fügte er forschend I $ommeU/ um Eure Tochter zu holen, Herr Graf!" hinzu: „Hört mal, Ihr kommt mir etwas bekannt vor, he?!" I , $ob soll er sie haben, lebendig — nie!" schrie der „Tas kann schon sein", entgegnete dieser spöttisch. I Ulte. „Ihr müßt meine Tochter vor diesem Verräter m Der Sergeant stutzte aberruals beim Klang dieser I Sicherheit bringen! Schafft sie sogleich in das geheime Stimme und gebot kurz: Versteck im Keller, neben dem alten Kamm, dann sagen .Bleibt mal hier und weist Euch erst richtig aus! Unter I wir, sie wäre verschwunden, gestprben, tot! Heute Nacht den Mänteln habt Ihr wohl Euer Werkzeug, he? Aber das I aber holen wir sie wieder heimlich aus dem Versteck, und muß ich erst mal sehen. Heraus also mit dem Zeug; hier I bringen sie aus der Burg! Erstattet mir Bericht, sobald wird nichts verborgen gehalten!" I Ihr meinen Befehl ausgeführt habt. Verstanden ? „Unser Werkzeug sollt Ihr sogleich sehen!" gab der I „Jawohl, Herr Burggraf! Tot soll er sie haben, le- Große zurück. Dann schrie er plötzlich: I bendig — nie!" „Es lebe der Landgraf, Hurra!" Tie vier Männer I greg, eilte hinaus. Bald hörte mau auf dem Flur warfen ihre Mäntel ab, und vor Kreß standen Leutnant I eine schreiende Mädchenstimme. Ter Burggraf wollte schon Rabe und drei Soldaten in Uniform und Waffen. Hans I ^ine That bereuen und hinauseilen, da ward es still; zog blitzschnell den Degen, und hielt ihn Kreß auf die Brust. I schien, als würde man jemand den Mund zn halten, „Ergebt Euch, oder Ihr seid des Todes!" I und fortschleppen. Jetzt hörte man unter Waffengeklirr Ein Soldat riß die beiden Thorflügel auf, während I mehrere Männer die Treppe heraufkornmen. Der Burggraf die beiden anderen ihre Gewehre gegen die in und vor I sehnte seufzend das alte Ritterschwert an die die Wand, der Wachtstube versammelten Burgsoldaten anschlugen. I unb empfing die Feinde. „Der Leutnant Rabe !^ stammelte Kreß betroffen. Schnell I '(Schluß folgt.) aber faßte er sich, drückte die Degenspitze beiseite, und I f 2 I „Wir ergeben uns nicht! Kameraden, an die Gewehre! I litt Werfen wir die Kerls hinaus! Es lebe der Burggraf!" I | Ul " , Ta Hans den Sergeanten nicht niederstechen wollte, I Ein Mahnwort von Dr. med. Kurt Rudolf Kreu->ner. so begann jetzt zwischen den beiden Soldaten ein Ringen I (Nachdruck verboten.) um den drohenden Degen. Auch die Burgsoldaten schienen I Die Sommerferien sind da und mit ihnen ist der Miene zu machen, sich; den beiden Gewehren entgegen zu I o^tpunkt gekommen, wo ungezählte Tausende hinausziehen werfen. Ta ertönte von außen lauter Trommelwirbel, I fst bie gernc, um nach! Monaten angestrengtester Berufsund mit Hurra drang eine halbe Kompanie Hessen-Darm- I ar6eit wenige Wochen im intimsten Verkehr mit Mutter ftäbter durch das geöffnete Burgthor ein. Die andere I g^atur ,u verbringen. Für wen nicht die leichte Erreich-- Hälfte der Kompanie hatte unterdessen in der Nähe der I 6arteit be§ Strandes oder eine besondere Vorliebe für Sandgasse den Burgwall erstiegen; sie besetzte jetzt das I Mefen ausschlaggebend ist, um seine Schritte nach den hintere Burgthor, und entwaffnete die dortige Wache. I Meeresküsten zu lenken, der sucht wenn irgend möglich!, Sergeant Kreß gab den Kamps auf, riß sich los und I Bergrevier zu erreichen. Mag ein Plätzchen im Walde eilte in das Schloß.--- I ber Ebene noch so idyllisch gelegen fein,, so hat es doch Im Eckzimmer des Schlosses standen vor dem großen | einen eigenen, unwiderstehlichen Reiz, ans der Bergmatte ■ eicfienen Tische der Burggraf, und sein Burghauptmann; eine andere Vegetation wachsen, Über den Steinsturz den sie studierten abermals die Pläne zur Verteidigung der I krystallenen Bergquell hupfen zu sehen und in der reineren ausaedehnten Werke der Burg Höhenlust die kranke Brust gesund baden zu können, und „Ihr seid also ganz sicher, Hauptmann, daß man * die blauen Berggipfel zu unseren Häupten winken uiu 415 verheißungsvoll zu, als wollten sie sagen: „Komm herauf zu uns und sieh Dir die Welt einmal von oben an." Wer hartnäckig dem Grundsätze huldigt, daß man die Kirchen von außen, die Berge von unten und die Wirtshäuser von innen betrachten soll, hat freilich! keine Ahnung, welche neue entzückende Welt sich bei einer Bergwanderung den Sinnen aufthut; er mag getrost seinem Bequemlichkeitsstandpunkte Rechnung tragend, unten bleiben; denn er verdient den auserlesenen Naturgenuß einer Bergwanderung gar nicht. Aber Hunderttausende, die den beschwerlichen Aufstieg zu den lichhen Höhen nicht scheuen, sind klüger als er, und ihnen, soweit sie noch! nicht durch eigene Erfahrung kundig geworden sind, gelten nachfolgende Zeilen, ob nun das Ziel ihrer Reise die firnbedeckten hohen Alpengipfel sind oder die bescheidenen Bergzüge des Riesengebirges, des Harzes, des Schwarzwaldes'oder der anderen deutschen Mittelgebirge. Zwei Irrtümer, oder besser gesagt, Vorurteile sind nun hinsichtlich der Bergwanderungen weit verbreitet; erstens, daß nur muskelstarke Personen für Bergbesteigungen befähigt seien und zweitens, daß. es nur bei wirklichen Hochtouren und Kletterpartien besonderer Vorsichtsmaßregeln bedürfe. Beides ist grundfalsch Gesundheit und - ein den Willensantrieben genau gehorchender Körper ist natürlich die erste Vorbedingung, und es ist ein bedauerliches Unterfangen, wenn ein an vorgeschrittener Lungentuberkulose Leidender oder ein Asthmatiker oder ein, mit einem Herzfehler oder einer Arterienverkalkung Behafteter einen auch nur mäßigen Berg ersteigen will; derartige Personen gefährden direkt ihr Leben und thun besser daran, unten zu bleiben. Im übrigen aber ist hervorragende Muskelkraft durchaus keine Bürgschaft für den Erfolg. Wer viel in den Bergen gewesen ist, wird gewiß schon oft beobachtet haben, daß der fleischmassige Herkules, der wie August der Starke ein Hufeisen mit leichter Mühe durch den Druck seiner Hand zerbricht, mit gerötetem Gesiebt und fliegenden Pulsen, überhaupt mit allen Zeichen der Atemnot und Herzschwäche zurückbleiben muß, während ein hagerer, unansehnlicher und schwächlich aussehender Tourist ihm einfach davonläuft und ohne Anstrengung den Gipfel erklimmt. Wer also mit einem zarten, schlanken Körper durchs Leben wandelt, braucht deswegen, falls er sonst nur gesunde Organe hat, keineswegs aus das Vergnügen einer Bergpartie zu verzichten; denn es ist der Geist, der sich den Körper baut und biefeit durch! die Willenskraft zu Leistungen befähigt, die man von ihm beim ersten Anblick oft nicht erwarten zu dürfen glaubt. Andererseits sind es nicht nur die schneebedeckten Häupter der gletsehergepanzerteu Alpenkette, bei deren Besteigung ein unzweckmäßiges Verhalten des Touristen Gefahren für die Gesundheit heraufbeschwören kann; nodji einer durchkneipten Nacht kann auch eine Tour auf die Schneekoppe, den Brocken, ja sogar auf die doch! recht zahme Bastei den begangenen Trinkverstoß durch Nasenbluten, Ohnmächten, Anfälle von Sonnenstich! und Hitz- schlag, ja sogar durch einen lebenzerstörenden Schlagfluß rächen, und es ist unverantwortlich!, wenn man nach einer weit über Mitternacht bei obligatem Münch>ener Bier ausgedehnten Skatpartie den nicht ordentlich! ausgeruhten, eine große Menge Wasserballast in den Säften mit sich schleppenden Körper zu Anstrengungen zwingt, welche er nicht gewöhnt ist, zu ertragen. Der Körper muß vielmehr -- um es mit wenigen Worten zu sagen — sich! in denkbar kräftigster Beschaffenheit befinden. Dazu gehört nun keineswegs, daß man auf einer Bergreise ungeheure Mengen eiweißhaltiger Nahrung verschlingt und diese mit Kognak und literweise getrunkenem Wein hinunterspült. Aber schon vor Beginn der Reise muß der Körper insofern gut ernährt sein, als er über den nötigen Kraftvorrat verfügen muß, damit die Maschine nicht, sobald die erste größere Leistung von ihr gefordert wird, mangels des erforderlichen Heizmaterials versagt. Es ist also gänzlich verfehlt, wenn man, nachdem man das ganze Jahr in der Großstadt eine wenig nahrhafte Kost genossen, welche gerade dazu ausreicht, den bei andauernd sitzender Lebensweise ziemlich bedürfnislosen Körper im Gleichgewicht zu halten, in die Berge geht, in der Hoffnung, daß sich infolge der Bergpartien ein so mächtiger Appetit einstellen werde, daß der abgemagerte Körper sich! in wenigen Wochen durch einen bedeutenden Fleischansatz bereichern werde. Tenn die Kraftleistungen des Organismus werden zum allergeringsten Teile unmittelbar ans der zugesührten Nahrung bestritten, sondern in der Hauptsache aus den angeglichenen Körperbestandteilen, wie Fett und Zucker, gedeckt, die der Organismus schon lange vorher aufgespeichert hat. Im übrigen sei man aber auf Bergwanderungen bedacht, außer dem' knoblauchduftenden „Schunken" und den wie Blei im Magen liegenden harten Eiern, wie sie namentlich in Tirol und den anderen deutschen Alpenländern zur unerläßlichen Touristenkost gehören, dem Körper das kräfte- cheudende Fett, Zucker und andere Kohlehydrate in größeren Mengen als üblich zuzuführen. Besonders verdienen in dieser Beziehung die leicht verdaulichen Mehlspeisen, wie Eierkuchen, Schwarm, Omelette usw. besondere Beachtung; auch eine Tafel guter Chokolade sollte in der Tasche des Touristen nie fehlen. Eine leidige Aiigewohnheit des deutschen Touristen ist ferner der durch nichts gerechtfertigte Verbrauch starker Alkohole. Gegen ein Gläschen guten Rums oder Kognaks zur rechten Zeit wird man füglich nichts einwenden können; wenn man aber schon in früher Morgenstunde der Marke fine champagne mit den drei Sternen über Gebühr zuspricht, so wird dem anfänglichen trügerischen Kraftgefühl bald die Erschlaffung folgen, da das Reizgefühl, das zuerst nach dem Alkoholgenuß eintritt, schnell in Ermüdung übergeht. Weitaus zweckmäßiger ist es, in einer mindestens einen halben Liter fassenden Feldflasche einen au Extrakt streifenden starken sehr gesüßten kalten Kaffee oder noch, besser — Thee, mit sich zu sühren, von welchem man am ersten besten Quell eine kleine Menge mit dem vier- bis fünffachen Quantum Wasser verdünnt, um ein Getränk herzustellen, das ganz vorzüglich den Turst stillt, ohne zu ermüden. Befindet sich der Tonrist in einer wasserarmen Region, so ist auch die erfrischende Kraft einer Citrone nicht zu verachten, von welcher man ein Stück abfchneidet und, so wie es ist, int Munde anssaugt. Den Kognak aber sollte man als Medizin aufsparen, wenn es gilt, einen er- hebUchen Schwächeanfall zu überwinden. Wer schon zu Hause in der Stadt den dritten oder vierten Stock eines .Hauses nicht ohne, sichtliche Ermüdung und Schmerzgefühl in den Beinen rsteigen kann, darf nicht erwarten, daß er die Berge wie eine Gemse erstürmen wird. Er muß daher mindestens etliche Wochen vor Beginn der Reise durch anfangs kürzere, später aber ausgedehntere Fußtouren den Körper an das Ertragen größerer Anstrengungen gewöhnen und wird einen um so höheren Genuß haben, je weniger ihn ein Marsch von etlichen Stunden anstrengt. Unberingt erforderlich ist auch! eilte angemessene Kleidung. Eine große Anzahl von Bergsteigern uilternimmt die Partien in der gewöhnlichen städtischen Kleidung und brüstet sich damit, eine Hochtour in diesem Kostüm ausgeführt zu haben. Wenn aber jemand, wie es schon mehrfach geschehen, den Ortler im Kammgarnanzug und mit dem Regenschirm bewaffnet, erklimmt, so ist dies viel weniger feilt eigenes Verdienst als das feines Führers, und Sache des Wet'terglücks. Man wird auch! nicht gleich in den Verdacht eines Salontirolers, wie ihn uns Defregger in seinem prächtigen Bilde auf die Leinwand gezaubert hat, geraten, wenn man sich in wollene oder seidene Trikotunterkleider steckt und darüber einen lockeren, aber wasserdichten Lodenanzug zieht, und die Füße in doppelt gesohlte, mit Randnägelu beschlagene, rindslederne Schuhe steckt; wenn mau sich aber auf einer Tour von schlechtem Wetter überrascht sieht, wird man die Wohlthaten dieser Kleidung erst schätzen lernen, besonders wenn man daneben in einem mit seiner städtischen Kleidung bei Regen- weiter Mißerfolge erzielenden Touristen das abschreckende Beispiel vor Augen hat. Auch eine kleine Reiseapotheke kann oft unschätzbare Dienste leisten; man muß sich hier natürlich mit dem aller- nötigsten behelfen; aber im Raume einer Cigarrentasche lassen sich immerhin eine Müllbinde, englisches und Heftpflaster, einige Antipyrinpulver, ein Fläschchen Optuin- tropfen, eine Schachtel Schweizerpillen, eine Salicylsalbe und eine Büchse Gnajacolcarbonat unterbriugen, mit welchem letzteren man so ziemlich! jeder Erkältung, die 416 auf den Bergreisen nicht zu den Seltenheiten gehört, begegnen kann. Und nun no,cf): ein Wort zur Ausführung der Partien selbst Es sind goldene Worte, welche in den bekannten roten Reisehandbüchern von Bä de ter dem Text vorgesetzt sind: Wer reisen will, der schweig fein still. Geh' leichten Tritt, nehm' nicht viel mit. Brech' auf am frühen Morgen Und lass' daheim die Sorgen. Wer dies treu befolgt, braucht eigentlich kaum weitere Anweisungen. Insbesondere kann die Mahnung, vom Beginn der Partie an ein gleichmäßiges langsames Tempo einzuhalten und sparsam mit seinen Kräften zu wirtschaften, nicht oft genug wiederholt werden. So lange es noch ziemlich eben im Thale dahingeht, wird aber meistens unvernünftig gerannt, um vor den Zurückbleibenden mit einem glänzenden Spurt zu brillieren; ermüdet kommt man an die steileren Stellen, wo die Muskeln erst zeigen sollen, was sie leisten können, und mit Spott und Hohn sieht sich der Prahlhans von dem anfangs weit zurückgebliebenen, erfahrenen Touristen überholt; denn -es ist so, wie der Italiener sagt: „Chi va piano, va sano; chi va sano, va lontano; zu Deutsch : „Wer langsam gehet, geht gesund, und wer gesund geht, lange." Für das Bergsteigen muß man sich- überhaupt eine besondere Art zu gehen, angewöhnen. Wenn der gestrenge Herr Unteroffizier oder Wachtmeister in der Einbildung lebt, daß der ihm verfallene Civilist unter feiner Leitung überhaupt erst laufen lernt, so mag dieser schmerzliche Drill der Knochen und Gelenke für den Paradeplatz ja ganz angemessen sein; aber beim Bergsteigen ist der sogenannte stramme Gang mit durchgedrückten Knieen keineswegs am Platze. Im Gegenteil sollen die Gelenke nie bis an die Grenze ihrer Streckfähigkeit in Anspruch genommen, sondern stets leicht gekrümmt gehalten werden, sodaß der Körper niemals Stößen ausgesetzt ist, sondern, gewisser- maßen leicht federnd, wie der Turner, der beim Sprunge in den Knieen nachgiebt, sich- allen Unebenheiten des Geländes anschmiegt. Je stärker die Steigung, desto langsamer und kürzer müssen natürlich auch die Schritte sein, und der beste Maßstab dafür, ob man richtig geht, ist, daß dabei die Lungen nicht zu keuchen und das Herz nicht zu klopfen beginnen darf. In richtiger Weise wandernd, kann man viele Stunden lang fortmarschieren. Wer übrigens lange Touren zu unternehmen beabsichtigt, thut gut, wenn er nach) vier- bis fünfstündigem Morgenmarsch längstens um 10 oder 11 Uhr vormittags zur längeren Mittägsrast einkehrt und erforderlichenfalls nachmittags von 4 Uhr an noch einige Stunden fortwandert. Kann man im Nachtquartier, wie es jetzt auch im Hochgebirge bereits häufig der Fall ist, ein laues Bad haben, so verschmähe man es nicht, davon so oft wie möglich Gebrauch zu machen. Man befreit dadurch nicht nur den Körper von Staub und Schmutz, sondern beugt damit auch am besten dem Steifwerden der Glieder vor, welches das lästigste Gefühl nach anstrengenden Partien ist. Gemeinnützige». Hitze mutz Hitze vertreiben. Diese altbewährte Regel verdient in der gegenwärtigen Zeit vollste Beachtung. Thatsächlich wird durchs kalte Getränke nur die Schweißabsonderung befördert, und dadurch das Durstgefühl aufs neue hervorgerusen. Anstatt den Magen mit allen möglichen kalten „Erfrischungen" zu überschwemmen, trinke man eine Tasse warmen Kaffee oder Thee; besser noch ist eine Tasse Fleischbrühe; denn sie regt die Nerven an, ohne eine Erschlaffung im Gefolge zu haben. Fleischbrühe bereitet man sich am schnellsten und einfachsten aus Maggi's Bouillonkapseln; mit ihnen läßt sich in wenigen Minuten, nur mit heißem Wasser, eine Tasse vorzüglicher Fleischbrühe für 6 Pfg. oder extrastarker Kraftbrühe für 8 Pfg. Herstellen. Setzt man dieser Fleischbrühe noch etwas heißes Wasser zu, und würzt mit einigen Tropfen Maggi, so erhält man ein vollkommenes Getränk. Ohnmächten. Als Ursache der Ohnmacht ist vor allem das Atmen schlechter Luft zu bezeichnen, auch heftige unerwartete physische Eindrücke, heftige Sinneseindrücke, zumal solche, welches -aus den Gehör- und Geruchssinn wirken. Auch Erschütterung des Gehirns beim Fall oder Schlagen auf den Kopf, schnelle Zunahme des Druckes aus das Gehirn können ebenfalls Ohnmächten Hervorrufen. Die gewöhnlichste Ursache der Ohnmacht aber ist eine schnell eintretende Uebersüllung des Gehirns mit Blut oder umgekehrt eine schnelle Verminderung des Blutes in der Gehirnmasse. Die bloße Ohnmachtsneigung vergeht, wenn man den Kranken frische Luft einatmen läßt, oder wenn man ihm ein wenig kaltes Wasser, Wein zu trinken giebt oder stark riechende Stoffe, Essig, Salmiak, Kölnisch Wasser zu riechen giebt. Stark riechende Substanzen vermeidet man dagegen bei solchen Personen, welche vollblütig sind und ein heißes rotes Gesicht haben, hier wende man vielmehr kaltes Wasser an, bestehend in Umschlägen und Begießung des Kopfes. Hat sich der Kranke aber den Magen überladen und sich dadurch eine Ohnmacht zugezogen, so gebe man ihm reichlich klares Wasser zu trinken, damit Erbrechen eintritt. Das Besprengen des Gesichts und der Herzgegend mit kaltem Wasser kann bei allen Ohnmächtigen ohne Nachteil angewendet werden. Wo aber die angewendeten Hilfsmittel nicht ausreich-en, säume man nicht, den Arzt zu holen. E. I. Tintenflecken aus Wäsche und bergt zu entfernen. Man nimmt eine Messerspitze voll Kleefalz, kocht solches in einem Blechlöffel mit Regenwasser über einer Spiritusmaschine auf, benetzt den Fleck mit heißem Wasser und taucht ihn in die Lösung. Ist der Fleck aus- gezogen, wäscht man die Stelle sofort mit heißem Wasser aus. Hygienische Tapeten aus Korklinoleum werden zurzeit in Amerika verwendet. Sie lassen sich unbeschadet der Musterung mit Wassser abwaschen. Man hat sie sowohl für die Decke, als auch für die Wände. Mit der Rückseite sind sie an der Wand durch ein Klebemittel befestigt. Vielleicht greifen unsere deutschen Linoleumfabriken diesen Gedanken ebenfalls auf. Ein sehr einfaches und billiges Mittel gegen Wanzen ist das rote, dvppeltchromsaure Kali. Seine Anwendung ist einfach und seine Wirkung sicher. Bettstellen und andere Möbel werden mit einer Auflösung von 7 Gramm auf das Liter begossen, während es bei den Wänden entweder unter die Tünche oder den Kleister beim Tapezierer gemischt wird. Unkraut auf Wegen zu entfernen. Es macht einen ungemein unfreundlichen Eindruck, wenn man auf Wegen und Plätzen und kiesbestreuten Gartenwegen das Unkraut üppig hervorsprossen sieht. Ein einfaches und sicher wirkendes Mittel besteht darin, daß man gesättigte Kochsalzlösung in eine Gießkanne bringt und damit das Pflaster oder den zu reinigenden Weg begießt. Am besten geschieht dies an einem heißen Tage, an welchem Regen nicht zu erwarten ist, da berselbe bie Wirkung abschwächen würde. Das Unkraut stirbt bald ab, und kommt in demselben Jahre kein neues mehr zum Vorschein. („Prakt. Wegw.", Würzburg.) Arithmogriph. Nachdruck verboten. 1 2 3 2 4 5 Blume. 2 14 2 Planet. 3 5 5 1 deutscher Fluß. 2 3 15 biblischer Prophet. 4 5 112 industrielle Anlage. 5 3 3 2 Kartenbezeichnuug. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrütsels in voriger Nummer: Wozu ist Geld doch gut? Wer's nicht hat, hat nicht Mut; Wer's hat, hat Sorglichkeit; Wer's hat gehabt, hat Leid! Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.