Sonntag den 22. Dezember. 1901. — Nr. 184. aöTfii] rid wie wär’' es nicht zu tragen, Dieses Leben in der Welt? Täglich wechseln Lust und Plagen, Was betrübt, und was gefällt. Schlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf; Aber eine sel'ge Stunde Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf. Wisse nur das Glück zu fassen, Wenn cs lächelnd dir sich beut; In der Brust und auf den Gassen Such' es morgen, such' es heut'. Doch bedrängt in deinem Kreise Dich ein flüchtig Mißgeschick: Lächle leise, hoffe weise Auf den nächsten Augenblick. Em. Geibel. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Einundzwanzigstes Kapitel. Als Hilde nach ihrer Heimkehr den Gang betrat, an dem Ihres Vaters Zimmer lag, sah sie sich auf dem halbdunklen Korridor unerwartet einer weiblichen Gestalt gegenüber, die soeben aus jenem Gemache geroniuren sem mugte. Sie erkannte sie nicht sogleich, denn ihr Gesicht war hinter einem dichten schwarzen Schleier verborgen; aber in dem Moment, da sie die großen dunklen Augen hinter dem durchscheinenden Gewebe aufleuchten sah, schrie sie in jähem Entsetzen auf: „Felicia — Du!" „Ja, ich bin's", lautete die mit gedämpfter Stimme gegebene Antwort. „Scheint Dir mein Anblick so fürchterlich, daß Du vor ihm erschrickst wie vor einem Gespenst." „O mein Gott, wie konntest Du es wagen, noch einmal hierher zu kommen? Ich glaubte Dich längst in Deiner Hermat." „Ein. freundlicher Willkomm — in der That! Und ich war thöricht genug, zu hoffen, daß Du einige Freude über Arerne Wiederkehr empfinden würdest." Mit, trauriger Miene schüttelte Hilde den Kops. -Mein, Felicia, es ist wahrlich nicht Freude, was ich ftt diesem Augenblicke fühle. Und Du kannst auch nichts derartiges erwartet haben — jetzt, nach allem, was sich Überragen. Aber wir können nicht hier auf dem Korridor darüber sprechen. Komm', laß uns in mein Zimmer gehen — und schnell; denn Du hast fürwahr keine Minute zu verlieren." „Ich verstehe Dich nicht, Hilde", wollte Felicia einwenden, „und ich weiß nicht--" Aber die Tochter des Kämmerers hörte nicht auf ihre Worte. Mit einer gebieterischen Energie, die der Amerikanerin an dem schüchternen, jungen Mädchen sonst völlig fremd gewesen war, zog sie die Widerstrebende mit sich fort, und verschloß, als sie in ihr Zimmer eingetreten waren, hinter sich die Thür. „Es war eine Tollkühnheit, Felicia, daß Du Dich noch einmal hierher wagtest", sagte sie jetzt in heftigem Flüstertöne; „denn Du haft das Schlimmste zu fürchten. Irgend ein unglücklicher Zufall kann noch heute alle Welt erfahren lassen, daß Du es gewesen bist, die auf den Doktor geschossen hat." Der Schleier, den die Amerikanerin noch immer vor dem Gesicht trug, verhinderte Hilde, ihr tötliches Erbleichen zu bemerken. Der seltsam veränderte, beinahe rauhe Klang ihrer Stimme aber verriet hinlänglich, welche Wirkung die angstvollen Worte ihrer bisherigen Freundin auf sie hervorgebracht. „Wahrhaftig! Fürchtest Du das? Und woher hast Du die Gewißheit, daß ich es gethan?" Sie hatte es vielleicht mit einem ironischen Ausdrucke sagen wollen, aber ihre Bestürzung Ivar doch eine zu große gewesen, als daß nicht alle schauspielerische Kunst in diesem Augenblick kläglich hätte versagen sollen. Unb Hilde hörte denn auch aus ihrer Frage nur das Entsetzen vor der drohenden, fürchterlichen Gefahr. Was auch immer sie seit den Enthüllungen des Doktors an Groll und an Verachtung gegen Felicia gefühlt haben mochte, in diesem Moment war es nur noch eine Empfindung des tiefsten Mitleids, die ihre Seele bewegte. Und über die Gewißheit, daß es eine Unglückliche war, die da vor ihr stand, lernte sie rasch vergessen, daß ihr Unglück eigenem Verschulden entsprungen war. Mit der liebevollen Zärtlichkeit vergangener Tage schlang sie ihren Arm um Felicia und zog sie neben sich auf das Sopha nieder. Mit schonenden Worten, ivie nur das natürliche Zartgefühl einer Frau sie in solchem Augenblick zu finden vermag, gab sie der in schweigender Starrheit Zuhörenden zu erkennen, daß es keines Geständnisses mehr bedürfe, um ihr die ganze Wahrheit zu offenbaren. Sie sprach ihr von der Wahrnehmung Margarethens, und dann — wenn auch zögernd und vielfach stockend — von ihrem Besuche bei Hermann Müller und von dem, was sie dort erfahren hatte. Von Sekunde zu Sekunde befürchtete sie einen leidenschaftlichen Verzweiflungsausbruch Felicias, und es wurde ihr beinahe unheimlich, daß die Amerikanerin bei all' den für sie so niederschmetternden Dingen, die sie da vernahm, vollständig stumm blieb und in einer geradezu statuenhaften Unbeweglichkeit verharrte. Zuletzt vermocht« — 734 sie dies seltsame Schweigen nicht mehr zu ertragen, und mit den innigsten Tönen ihrer weichen Kinderstimme bat sie: „So sprich doch ein Wort, liebste Felicia! Sieh, ich muß ja von diesen schrecklichen Dingen reden, damit Tu die Größe der Gefahr erkennst, in der Du Dich befindest. Aber ich denke ganz gewiß nicht daran, mich zur Richterin über Dich zu machen. Und ich glaube sicher, daß Tu zu allem, was Du gethan, durch Gründe getrieben worden bist, die wir anderen nicht kennen, und deshalb auch nicht verstehen. Jetzt, da der Doktor, Gott sei Dank, außer Lebensgefahr ist —" Mit einer ungestümen Bewegung entriß sich Felicia dem sie umschlingenden Arm des jungen Mädchens und richtete sich auf: „Ist er das, Hilde? Du weißt es ganz gewiß." „Ja, Du darfst in dieser Hinsicht vollkommen beruhigt sein. Ich weiß es ganz getviß." Ein Laut, der fast wie ein spöttisches Auflachen klang, kam von den Lippen der Amerikanerin. „Ich danke Dir für diese gute Kunde, kleine Hilde! Und auch für alles andere muß ich Dir ja wohl von Herzen danken. Es fällt mir natürlich nicht ein, auch nur ein einziges von den schwarzen Verbrechen zu leugnen, deren Du mich da soeben angeklagt hast. Ich sehe, daß ich das Spiel verloren habe, und es bleibt mir nur noch übrig, wie ein rechtschaffener Spieler meine Schuld auf Heller und Pfennig zu bezahlen. Das ist es doch wohl auch>, was ihr von mir erwartet?" „Wir erwarten von Dir nichts anderes, Felicia, als daß Du alle erdenklichen Mittel aufbietest. Dich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Und was Einer von uns thun kann. Dir dazu behilflich zu sein, das soll sicherlich geschehen." „Wie? Verstehe ich. Dich recht? Tu rätst mir zur Flucht? Und Du forderst nicht, daß ich hingehe, Deinen Bruder zu rechtfertigen?" „Nein, nein! Herberts Schuldlosigkeit wird ohnedies bald an den- Tag kommen. Und er selbst wäre gewiß der letzte, der seine Untersuchungshaft um solchen Preis abgekürzt sehen möchte." „Wohl — was ihn betrifft, so magst Du seine Denkungsart wohl richtig beurteilen. Aber Fräulein Margarethe Lindemann — sie, die mitt) so lange als eine siegreiche Nebenbuhlerin gehaßt hat — wird auch sie damit einverstanden sein, daß ich meiner verdienten Strafe entgehe." „O, wie wenig Du sie doch kennst, Felicia, wenn Tu eine solche Frage stellen kannst! Auch wenn ich sie nach meiner Unterredung mit dem Doktor nicht gesprochen hätte, würde ich Dir unbedenklich antworten, daß Du ihr bitter Unrecht thust mit einer derartigen Vermutung. Aber ich komme soeben geraden Wegs von ihr, und ich kann Dir versichern, chaß sie ebenso sehnlich wünscht wie ich Dich vor allen üblen Folgen Deiner Handlungsweise bewahrt zu sehen." „Wirklich? Was für seltsame Menschen ihr doch seid? Man sollte wahrlich meinen, es flösse statt Blut nur Milch in euren Adern. Und mein — und der Doktor Müller? Ist auch er so nachsichtig und versöhnlich gegen mich gestimmt?" „Wie magst Du daran zweifeln? Könnte er Dich jemals geliebt haben, wenn er jetzt einen anderen Wunsch hegte als den, Dich zu retten. Hätte Margarethe Dich nicht gesehen, und hätte er nicht einen Unschuldigen in Gefahr geglaubt, so würde er mir gewiß nicht ein Wort von alledem gesagt haben, was ich heute aus seinem Munde erfuhr. Er gehorchte nur einer bitteren Notwendigkeit, aber er hat nicht ein einziges unfreundliches Wort über Dich gesprochen, und er würde gewiß sehr unglücklich sein, wenn seine Hoffnung auf das Gelingen Deiner Flucht sich nicht erfüllte." Felicia schob ihren Schleier empor und neigte sich gegen Hilde, um sie zu küssen. Ihre Lippen waren eiskalt, und eiskalt war auch die Hand, die sie dem jungen Mädchen reichte. „Sv muß ich denn wohl schon um Euretwillen darauf bedacht sein, mich so rasch wie möglich an einen Ort zu flüchten, wo Polizei und Gerichte mir nichts mehr anhaben können. Du hattest vollkommen recht, als Du sagtest, daß ich keine Minute verlieren dürfe. Keine lange Abschieds- scene also, meine liebe Hilde, sondern nur ein kurzes, einfaches Lebewohl!" „Wer hast Du Dir denn auch schon einen bestimmten Plan für Deine Flucht gemacht? Und kann ich gar nichts thun. Dir dabei zu helfen?" „Nichts! Mein Plan ist bereits bis in alle Einzelheiten festgestellt, und ich bedarf zu seiner Ausführung keines Menschen Hilfe." „Und Du hast mir sonst nichts zu sagen — hast mir keine Bestellung aufzutragen? Auch nicht für Deinen — für den Doktor Müller?" „ Nichts, als daß ich ihm für seine Großmut danke und chm alles Glück der Erde wünsche. Aber Deinem Vater, zu dem ich nicht noch einmal hineingehen werde, magst Du! sagen, daß es bei unserer Verabredung bliebe. Er brauche sich in der bewußten Angelegenheit keine Sorgen mehr, zu machen." „Ich werde Deinen Auftrag ausrichten, Felicia, obwohl ich ja nicht weiß, um was für eine Angelegenheit es sich handelt. Und Herbert? — Soll ich — —" Felicia machte eine heftig abwehrende Handbewegung. „Deinem Bruder werde ich selbst schreiben. Und nun genug! Die Zeit drängt — ich muß fort! Noch einmal; Lebe wohl, mein Liebling! Und kein trüber Schatten der! Erinnerung an mich falle dereinst auf Dein Glück!" Hilde hatte wohl noch einige dringende Fragen auf dem Herzen gehabt, aber die Amerikanerin ließ ihr nicht Zeit, auch nur eine von ihnen auszusprechen. Sie war nach einer letzten, fast leidenschaftlichen Umarmung hastig zur Thür geeilt, und ein flehender Blick hielt die Freundinl zurück, als diese sich anschickte, sie aus dem Zimmer zu geleiten. (Fortsetzung folgt.) „Ihr Weihuachtsivunsch". Ein lustiges GeMchtchen von Nataly von Eschstruth,- Nachdruck verboten. Herrliches Wetter war es, so recht dazu angethan, um in den Straßen herumzuwandern, die Pracht der Schauläden zu bewundern und viele, recht viele Weihnachtseinkäufe zu machen. Nicht zu warm und nicht zu kalt, die Trottoirplatten trocken, und die Bäume nur ganz leicht übergereift, dazu klare, Helle Wintersonne. . . was Wunder, wenn die Leipziger- und Friedrichstraße noch viel, viel belebter waren,: als sonst, wenn sich eine schaulustige Menge in seliger, fröhlicher Weihnachtsstimmung vor den Geschäften drängte, und.- die Jungens mit den Hampelmännern und den „Schäfchen fürn Dreier" geradezu glänzende Einnahmen erzielten. Nur einer wanderte still und ernst, mit einem beinahe trübseligen Ausdruck in dem männlich schönen Gesicht, mit den großen dunklen Augen und dem eleganten Schnurrbart — durch das fröhliche Getreibe. Die Hände in die Taschen des grauen Offizierpaletots: versenkt, mit fast gleichgiltigem Blick all die Herrlichkeiten der Auslagen streifend, schritt er langsam durch die Menschen- menge und blieb an der Haltestelle der Straßenbahn stehen, die erst fern am Ende der Straße sichtbar werdende, zu erwarten. Der Oberleutnant Egon von Waldeck kannte in diesem Jahre keine richtige Weihnachtsfteude. Einsam und unbekannt weilte er, den ein Kommando auf die Kriegsakademie berufen, in der Hauptstadt, alle Kameraden waren ab gereist, nur er mußte schweren Herzens zurückbleiben; denn seine! Eltern weilten für den ganzen Winter in Kairo, woselbst sich die sehr zarte Mutter nach schwerer Influenza erholen sollte. — Man hatte abgemacht, daß Egon das Weihnachtsfest bei seinem verheirateten Bruder auf dem Lande verleben solle; vor wenigen Stunden aber war eine Depesche ein getrosten: „Nicht kommen, Kinder am Scharlach erkrankt!" —i Da war es vorbei mtt all der Weihnachtsfteude; denn so gründlich auch Waldeck alle näheren und ferneren Ver- wandten, welche meist weit entfernt in seiner süddeutschen Heimat wohnten, int Gedächtnis vorüb erzieh en ließ, da toaci kein Haus, in welchem er wohl gern und glücklichen Herzens! den Christbaum hätte brennen sehen mögen! So beschloß er, trübselig daheim zu bleiben, sich selbes ein bescheidenes Bäumchen zu putzen und seinem Burschen aufzubauen. — Aber das Herz war ihm schwer bei diesem Gedanken; denn feit jeher war Weihnachten sein liebstes Fest, an welchem das Herz so froh und wett wurde, welches ülle Jahre — und wurde er auch immer älter vion neuem den süßen Zauber auf ihn übte, wie ehemals in der Kinderzeit, wo er noch hochklopfenden Herzens auf die Klingel des Christkindchens lauschte und der wunderholde Duft von Tannengrün und Christgebäck ihn bis in die tiefsten, glückseligsten Träume begleitete. Und dieses Jahr? Der junge Offizier seufzte tief auf, sein Blick schweifte traurig über die Menschenmenge, und haftete plötztich auf einem schlanken Mädchenkopf, dessen goldblonde Löckchen sonnebeglänzt unter dem breitkrempigen, Feder umwallten Hut hervorleuchteten. Gerade solches Haar hatte Lenore, seine Schwester. Egon blickt unwillkürlich aufmerksamer nach der schlanken Gestalt, welche just von dem Schaufenster zurucktritt und ihm das reizendste, rosige, zartgeschnittene Gesichtchen zuwendet. Welch' ein entzückender Ausdruck der Freude verklärt es, — tote vertiefen sich die Grübchen in den Wangen beim Anblick eines Jungen, welcher ihr voll etwas zudringlicher Liebenswürdigkeit einen uniformierten Zappelmann änpreist und mit krähender Stimme versichert, „den nehme Se sich man mit, Freileinchen! So ein feiner Leitnant is jrade wie jeschafsen vor Ihnen I" — — Sie lacht, zieht das Geldtäschchen und ersteht für 20 Pfennige den Angepriesenen. Ihre Wangen deckt jähe Röte, welche sich itvch vertiefte, als ihr Blick flüchtig die nächsten Passanten mustert; Gottlob, niemand hat die kleine Szene beobachtet — Egon steht zu entfernt, um von der jungen Dame bemerkt zu werden, und so läßt sie ihren Leutnant von Pappe flink in die große Musikmappe am Arm gleiten und eilt weiter, dem Pfahl an der Haltestelle zu. Und plötzlich zögert sie und blickt aus das blasse, elende Geschöpfchen nieder, welches ihr mit blaugefrorenen Händchen einen Veilchenstrauß entgegenhält und flehentlich bittet: „Ach, liebes Freileinchen! Kaufen Sie! Man blos 10 Pfennig! Mein Vater ist so krank!" Beinahe erschvocken blickt die junge Dame in das blasse, verhungerte Kindergesicht, ein Ausdruck solch tiefen, warmherzigen Erbarmens, liegt plötzlich auf dem erst noch so schelmisch lachenden Gesichtchen, daß Egon fühlt, wie ihm das Blut zum Herzen schießt. Die Fremde zieht abermals das Geldbeutelchen, entnimmt ihm anscheinend ein Markstück und reicht es dem kleinen Mädchen. „Laß nur, Du brauchst nicht herauszugeben! Ich schenke es Dir zum heiligen Christ!" sagt sie mit einer Stimme, so weich und herzlich, so rein und hell, wie Glockenklang, und sie beuch sich, nimmt das Sträußchen und streicht mit der Hand über die hageren Wangen des Kindes, welche sich vor Freude mit roten Flecken färben. Da klirren Sporen neben ihr. „Kann ich auch einen Strauß haben?" frägt Egon, sucht sich unter den vielen, welche noch das Körbchen füllen, einen stus und legt einen Thaler in die bebende Hand des Kindes: „Was überhin ist, schenke ich Dir auch zum heiligen Christ!" sagt er freundlich, und während die Kleine ihn anstarrt, wie eine Vision, klingelt die Straßenbahn neben ihnen, und Waldeck klappt höflich die Hacken zusammen und tritt zurück, Um die junge Dame einsteigen zu lassen. Das herzige Gesicht ist unter dem weißen Schleier abermals heiß erglüht, ein schüchterner und doch so glänzend beredter Blick, welcher ihm im Namen des sprachlosen Kindes zu danken scheint, trifft ihn, und dann schwingt sie sich! voll anmutiger Hast in die Straßenbahn, und nimmt in derselben Platz. Er folgt ihr, und setzt sich der reizenden Fremden gegenüber nieder. Es ist eine Strecke, welche außer dem großen Verkehr liegt, außerdem geht jeder, der es nicht allzu eilig hat, bei dem Prachtwetter heute zu Fuß, — Egon und die junge Dame ftnd die einzigen Fahrgäste in dem Wagen. Nun hat er rechte Muße, das liebe Gesichtchen verstohlen anzusehen, diewell sie in jäher Verlegenheit das Köpfchen nach der Fensterscheibe wendet, und auf die Straße schaut. Wie reizend ist siel Wie viel unberührte, süße Kind- ltchkeit liegt noch auf den weichen Zügen, wie unendlich viel des Guten und Schönen liest der ernste Blick Egons kn diesem aufgeschlagenen Buch holder Mädchenseele. Noch Ni« zuvor hat ihn «in Gesichtchen derart gefesselt, und bis ins innerste Herz erwärmt. Eine jähe, beinahe leidenschaftliche Sehnsucht überkommt ihn, sie kennen zu lernen, und doch schließt ihm eine gewisse Scheu den Mund. Der Gedanke, von ihr mißverstanden zu werden, ist ihm unerträglich. Ein Herr steigt ein, wirft sich in die Ecke neben die Thür, öffnet eine Zeitung und liest. Die junge Dame hat aufgeschaut, ihr Blick begegnet dem des jungen Offiziers, und abermals erglüht sie. Welch eine holde Verlegenheit dies stumme sich Gegenübersitzen, welch eine süße Pein, dieses verstohlene Ansehen, dieses sich Suchen und Fliehen mit den Blicken!" Beide merkten nicht, wie schnell die Zeit vergeht, und Mtzlich erhebt sich die junge Dame hastig, und eilt zur Egon hat kaum Zeit zu grüßen, noch im letzten Moment muß sie sich von dem Perron herabschwingen. Egon sieht, daß bei der hastigen Bewegung, mit welcher sie die Musikmappe faßt, etwas Weißes aus derselben her- ausgleitet und niederfällt, jetzt, als sich die Bahn schnell wieder in Bewegung gesetzt hat, kehrte sein Blick darauf zurück,--ein Brief! Jählings neigt er sich, und rafft ihn empor. Er trägt keine Adresse und ist unverschlossen. Soll er der Fremden nacheilen? Unmöglich, sie ist längst in dem Menschengewühl verschwunden. Mechanisch schiebt Egon --- Die Lampe brennt auf Waldecks Schreibtisch, und der junge Offizier sitzt vor demselben, und starrt mit brennendem Blick auf den Brief der reizenden Fremden! nieder, welcher vor ihm liegt. Ist es indiskret zu öfsuen? — Dieses Blatt ist ja herrenloses Gut, es enthält vielleicht nur eine Rechnung — oder auch den Namen der Dame — ihre Adresse —, dann wird er ihr das Verlorene zurückerstatten. Mit etwas unsicherer Hand schlägt Egon den Umschlag zurück. Zwei enggeschriebene Bogen- „Berlin, 20. Dezember 1900. Potsdamerstraße Nr. . z Und nach dieser genauen Adresse die Anrede." „Mein Herzens-Klärchen! Soeben haben wir die große Kiste voll Geschenke für die Dorfarmen an Deine liebe Mutter abgesandt, als Großmama einfällt, daß sie keinen Zettel an die sechs Paar Wvllsocken gesteckt hat! Sie sind für den alten Thiessen bestimmt, da der Aermste ja so viel Rheuma in den Füßen bat! Ach, Klärchen, was gäbe ich darum, könnte ich in diesen Brief hineinkriechen, und zu Euch! nach- dem lieben Klausendorf eilen! Wir wären ja auch heim auf das Gut gereist, wenn Gooßmütterchen nicht gar zu erkältet wäre! Das wird ein stilles, trauriges Weihnachten für uns werden! Berlin ist ja eine herrliche Stadt, wenn man aber keine einzige bekannte Seele hier hat, wie wir, dann ist es trostlos! Großchen und ich! sind ja so wie allein auf her Welt, aber in Klausendorf haben wir doch wenigstens Euch Ihr ließen Menschen, und da giebt es so viele, für welche Großchen als Gutsherrin sorgen muß, — aber hier?! Den Portierskindern darf ich bescheren, das wird aber auch meine einzige Freude sein! Es war so gut gemeint von Großmutterchen, für den Winter mit mir nach Berlin überzusiedeln, ich soll noch singen und malen lernen, und Bälle und Gesellschaften mitmachen! Das Erstere geschieht ja, und macht es mir auchü. viel Spaß, aber mit Bällen und Gesellschaften sieht es sehr traurig aus, wir kennen ja niemand! Großchen hat sich das wohl auch nicht so schwierig Vvrgeftellt, sie ist selber ganz traurig, und sagt immer: „Du bist nun 18 Jahre alt, Tassy! es ist tue höchste Zeit, daß Du mal unter Menschen kommst!" — Und damit meinte sie int Grunde ihres Herzens wohl, es sei Zeit, daß ich heirate! Aber weist Du, Klärchen, daran denke ich nicht, ich wüßte auch keinen Einzigen, den ich mir zum Bräutigam wünschen möchte, der so ganz meinem Ideal entspräche! Weißt Du noch, wie vor vier Jahren das Manöver bei uns war, und wir die viele, reizende Einquartierung hatten? An die Zeit denke ich ewig zurück I Damals schworen wir ja beide, Klärchen — ,,nur einen Leutnant! —" Mir gefiel der hübsche, dunkeläugige Dragoner so gut, entsinnst Tu Dich noch? Er hatte Trauer und tanzte nicht mit, als der nette, dicke Oberst nach Tisch aufspielen ließ, und Mademoiselle, Du und ich, und Deine Cousine Ma so. — 736 himmlisch tanzen konnten! Wer der Schönste von allen — Waldeck — (ach, ich weiß seinen Namen noch so genau, habe seine Visitenkarte als Rarität zum ewigen Andenken aufgehoben), der war hinauf in sein Zimmer gegangen, und darum weinte ich noch spät am Abend, und Mademoiselle sagte zu Großchen: „Sie 'at die Katzejammer!" — Oh, wenn sie geahnt hätten!! Nur Du allein erfährst die Wahrheit, Klärchen! — Und siehst Du, so wie Waldeck, — so muß einmal mein Zukünftiger aussehen! So ernst, mit so schönen, dunklen Augen, so groß und schlank, so elegant, und so. . . so gut! — Ja, Klärchen, gut war er, wenn er uns beide auch noch wie Kinder behandelte; das sah ich an seiner Sorge um die Soldaten, welche bei der großen Uebung den Sonnenstich bekommen hatten, und dann. . . erinnerst Du Dich, wie er nicht litt, daß der Gärtner den Willmers Fritze durchprügelte, weil er auf dem Apfelbaum gewesen? — Ach, das vergesse ich nie! es -war gar zu brav und gut von ihm! Aber wohin verirren sich meine Gedanken! Das ist alles das trübe Weihnachten, wo jede Sehnsucht neu erwacht. Aber einen Witz muh ich Dir noch erzählen! Großchen sagte mir vor ein Paar Tagen: „Nun schreib mir einen Weihnachtswunschzettel, Tassy! ich iveiß ja noch gar nicht, was ich Dir schenken soll!" Mir fiel beim besten Willen nichts ein, und da machte ich mir den Witz, und schrieb nur auf: „Einen Leutnant!" — Großchens Gesicht war zum Totlachen. Erst sah sie ganz betroffen aus, und seufzte: „Ach Liebling, gerade diesen Wunsch kann ich ja beim besten Willen nicht erfüllen!" — Da lachte ich sie tüchtig aus, und werde nun aus der Stadt einen Hampelmann, wie es auch solche in Uniform hier zu kaufen giebt, mitbringen. Den baue ich dann dem Gvoßchen auf, und necke sie: „Du hast Dir ja noch vielmehr einen gewünscht, wie ich!!" — Nun aber Addio für heute, liebes, liebes Klärchen! Ich nehme diesen Brief mit in die Singstunde, und lege Dir noch einen Zettel mit den Namen der gewünschten Musikalien ein, — meine Lehrerin weiß sicher, wie Stücke für Mäxchen Passen, und bestellt sie Euch sofort bei Bote und Bock. Und nun nochmal Addio! Wie sehr werde ich am 24. an mein geliebtes Klausendorf — an Euch, Ihr Herzens-Menschen denken! Grüß Deine lieben Eltern und die Kleinen tausendmal, und schreib bald, sehr bald wieder. Deiner getreuen Tassv." (Schluß folgt.) Meeresforschung und Meeresleben. Won Dr. Janson. Mit zahlreichen Abbildungen. Geh. 1 Mk., geschmackvoll geb. 1.25 Mk. („Aus Natur und Geisteswelt". Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 30. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Gerade jetzt, zu einer Zeit, wo unser deutsches Volk seine Blicke weit hinaus in die Ferne richtet, erschien eine den Msichten der Sammlung entsprechend im engsten Rahmen gehaltene Zusammenfassung der hauptsächlichsten Erfolge und der zunächst ins Auge genommenen Ziele der modernen systematischen Meeresuntersuchiung umsomehr geboten, als Hand in Hand mit dem zunächst aus rein handelspolitischen Beweggründen hervorgegangenen Ausdehnungsbestreben Unseres Volkes auch eine Vertiefung des wissenschaftlichen Interesses an allen den Erscheinungen und Verhältnissen ging, die ihm gerade durch die neueren Beziehungen zu fernen Erdgegenden so nahe gerückt wurden. — Einer kurzen Darstellung der Entwicklungsgeschichte der modernen Meeresforschung und ihrer Ziele folgt eine Betrachtung der Verteilung von Wasser und Land auf der Erde, der Tiefen des Meeres, der Erhebungen seines Bodens und der ihn bedeckenden Ablagerungen. Daran schließen sich die physi- mlischen und chemischen Verhältnisse des Meerwassers in Beziehung auf Wärmeverteilung, vertikale und horizontale Strömungen der Massen, Licht und Druck in der Tiefsee und dre Zusammensetzung und Farbe des Meerwassers an. Den Schluß bildet eine kurze Beschreibung der wichtigsten Organismen des Meeres, der Pflanzen und Tiere, der Werk- zeuge und Methoden ihres Fanges und ihrer Anpassungs- erschemungen an die so eigenartigen Lebensverhältnisse der Ozeane. Bei dem sehr mäßigen Preise wird sich das Bändchen sicher bald viel Freunde erwerben. Wilhelm Raabe, Gesammelte Erzählungen, Bd. 1 u. 2. 2. Aufb Abu Telfan, 3. Stuft. Der Schüdderump, 3. Ausl. Preis gebunden je Mark 5.—. Verlag von Otto Janke, Berlin. Es giebt geborene Mediziner, die, obwohl sie kaum je im Leben diesen Beruf wirklich ergreifen, alles, was ihnen unter dre Finger kommt, an das Seziermesser liefern müssen und nicht eher ruhen, als bis sie jedes Glied aus dem Zusammenhänge gelöst haben und den Knochen ins innerste Mark gedrungen sind. Ob sie freilich damit sich selbst, noch irgend jemand sonst wirklich gedient haben, ist eine andere! Frage. Soviel steht indes fest, daß sie dem Ding an sich mrt der Zergliederung all und jeden Reiz genommen haben, und daß eine gewisse Nichtbefriedigung das Ende vom Liede ist. So widerfährt es auch manchem Kritikus, daß ihm über der Sucht, einzelnes zu meistedm, die Schönheit des ganzen Gebildes unter den Händen zergeht. Darum halte ich dafür, Geschichten soll man nicht zergliedern, sondern den Gesamteindruck auf sich wirken lassen, ihn festhalten und daraus Gewinn zu ziehen suchen. Die Familien blätter hatten letzthin wiederholt erfreulichen Anlaß, sich mit Wilhelm Raabe, dem begnadeten Dichter, der allerdings wie so mancher andere erst zu Jahren kommen mußte, ehe man ihn zu Ehren kommen ließ, zu beschäftigen, und immer mußten sie zugestehen, daß er aus einem unversieglichen Born schöpft, daran jedermann sich setzen kann. Auch der Inhalt der vorstehenden vier Bände bekräftigt dies vollauf. Wem über der faden Künstelei so mancher Richtung unserer Zeit die Freude am urwüchsigen, volkstümlichen Leben und Schaffen nicht abhanden gekommen ist, der greife nach der Raabenweisheit und setze sich mit gesundem Humor hinweg über alles das, was ihn an seiner Zeit verdrießt, ohne ihr deshalb gute Seiten rundweg abzusprechen. Die Menschen sagen immer: Tie Zeiten werden schlimmer; Die Zeiten bleiben immer; die Menschen werden schlimmer! Bdt. Schachaufgabe. Von M. Trcala in Kromenz. (Turnier der St. Petersburger Zeimug.) (Nachdruck verboten.) a b c d e f g h ab cdef gh 8 8 6 6 5 4 3 Weiß. (8 + 5) Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Phantasien. W“ Wohlfeiles Schachspiel "W für 20 Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter. Redaktion: E, Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch. und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.