1901, Rr. US. IS31Ü ' D »McSi SS al^fcS>"; ir sind große Philosophen für andere, aber nicht für nns selbst Im Augenblick, da sich der Gram des Gemüts bemächtigt, hören wir auf, den Maßstab des Vernünftigen an ihn anzulegen. Bulwer. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ort mann. (Fortsetzung.) Lilli von Ranten tanzte wie eine Elfe, und es schien sie so wenig anzustrengen, daß sie kaum in schnelleren Zügen atmete, als Rudolf sie endlich zu einem der Stühle führte. Da er das Verbot, ihr phrasenhafte Artigkeiten zu sagen, sehr ernst nahm, war er in einiger Verlegenheit, wovon er mit ihr sprechen solle. Er hielt sich zuletzt Einfach an die schlichte Wahrheit, indem er berichtete: „Ich ging heute morgen an Ihrem Hause vorüber, weil ich hoffte. Sie dort zu sehen, und ich hätte mich ohne Zweifel später auf die Suche nach Ihrem geheimnisvollen Lieblingsplätzchen gemacht, wenn mich nicht die unerwartete Begegnung mit -einem Freunde daran gehindert hatte, Daß ich! Sie hier finden würde, hätte ich gewiß am wenigsten zu hoffen gewagt." „Es ist auch ein bloßer Zufall; denn im ganzen finde ich die Gesellschaft hier recht wenig nach- meinem Geschmack." „Auch Sie geben also der Einsamkeit den Vorzug vor diesem geräuschvollen Treiben?" Sie schüttelte lachend den Kopf. „Nein, das möchte ich denn doch nicht sagen. Alles zu seiner Zeit. Es ist wirklich nur die Zusammensetzung der hiesigen Gesellschaft, die mir nicht gefällt. — Also meinen Schlupfwinkel oben in den Bergen wollten Sie aufspüren? Und vielleicht hegen Sie sogar diese schlimme Absicht noch immer?" „Ja, es sei denn, daß Sie es mir ausdrücklich verbieten. Und ein solches Verbot würde mich, sehr traurig machen, Fräulein von Rauten." „Warum sollte ich's Ihnen auch verwehren? Erstens habe ich gar kein Recht dazu, und zweitens werden Sie mein Versteck ja doch nicht finden. Freilich" — und sie schien weniger zuversichtlich zu werden — „freilich habe ich ja die Unvorsichtigkeit Begangen, Sie gestern selbst aus die rechte Sur zu leiten." Eine kleine, verschrumpft und gebrechlich aussehende alte Dame kam in diesem Augenblick auf sie zu. „Wollen wir nicht jetzt nach Hause gehen, liebste Lilli?" fragte sie, ohne von Rudolf weiter Notiz zu nehmen, mit einer dünnen, ängstlich klingenden Stimme. „Der Major hat die Güte gehabt, mir feine Begleitung anzu- bieten, und wenn wir noch länger warten, fällt mir die Abendkühle so auf die Brust." „Meinetwegen mögen wir aufbrechen", erwiderte Lilli in einem Tone, der durchaus nicht den Anschein erweckte, als hätte die Teilnahme für die schwache Brust des alten Fräuleins ihren Entschluß bestimmt. „Sie wissen jä, daß ich überhaupt nur auf Ihr Zureden hierher ging. — Guten Abend, Herr Rechtsanwalt, — und wenn Sie mein Märchenschloß finden, so —“ „Nun?" forschte er, da sie inne hielt. „Wird es ein Lohn oder eine Strafe sein, was mich! alsdann erwartet?" „Das werden wir sehen. Eins oder das andere gewiß — und vielleicht auch beides. Aber Sie werden sehr viel Scharfsinn aufwenden müssen, um zu meinem Lieblingsplätzchen zu gelangen." Völlig verwirrt von dem süßen Lächeln, das ihre letzten Worte begleitet hatte, kehrte Rudolf zu dem Studiengenossen zurück, der ihn mit scherzhaften Vorwürfen empfing. „So also sehen die charakterfesten Leute aus! Vorhin nahmst Du es beinahe für eine Beleidigung, daß ich! Trr zumutete, zu tanzen. Aber Du darfst mildernde Umstände für Dich geltend machen, das gebe ich zu. Ein reizenderes Mädchen ist mir seit langem nicht borge» kommen. Wer ist sie denn?" „Ein Fräulein von Rauten", sagte Rudolf kurz; denn er fühlte sich unangenehm berührt durchs den Ton, in welchem Doktor Stahlschmidt von Lilli sprach, „Weitere Auskunft aber kann ich Dir leider nicht geben; denn meine Bekanntschaft mit ihr datiert erst feit gestern, und ist eine ganz oberflächliche." , „Wirklich? Es sah, offen gestanden, nicht so aus: Die Kleine hat ja ein paar prachtvolle Augen, und sie weiß guten Gebrauch von ihnen zu machen. Ich werde mich doch 'mal ein bischen nach ihr erkundigen." Die Gesellschaft des redseligen Freundes war Rudolf ganz unerträglich geworden, und er machte sich von ihm los, ohne erst lange nach einem Vorwande zu suchen. „Der ist tüchtig verschossen", dachte Doktor Stahl- schmidt, indem er ihm lächelnd nachblickte. „Und die kleine Wetterhexe hat es auch ganz offenbar auf ihn abgesehen. Für eine Bekanntschaft von vierundzwanzig ■ Stunden wenigstens war das Augenspiel doch schon ein bischen allzu lebhaft, und ausdrucksvoll." Während des ganzen folgenden Tages stieg Rudolf Irnberg in den Bergen umher, um Lilli von Rantens! Märchenschloß zu finden. Als er an dem Marterl auf der Adlerwand vorüberkam, las er bewegt die Inschrift, 474 dem Boden lag, gaben Zeugnis von der behaglichen Muhe, der sich Fräulein Lilli hier hingegeben hatte. Als er sich bückte, um das Buch aufzuheben, nahm dies vorbei." Sie hatte sich -auf einen Felsvorsprung hmaufge- schwungen, und saß mit gekreuzteu Füßen und verschränkten Armen da, während ihr Gesicht mit dem seinen fast in gleicher Höhe war. Ein paar Sonnenstrahlen spielten auf ihrem schimmernden Haar, und Rudolf fühlte sich völlig berauscht von dem Zauber ihrer in dieser Umgebung fast märchenhaften Schönheit. „Wußten Sie nicht, daß ich Sie gestern während des ganzen Tages gesucht habe?" fragte er. „Wenn Sie hier oben waren, müssen Sie notwendig mein Rufen gehört haben." „Gewiß, — ich habe es gehört." „Und Sie fühlten gar kein Erbarmen mit mir? Sie ließen mich mit meiner schmerzlichen Enttäuschung wieder thalwärts wandern, ohne mir auch nur das kleinste Zeichen zu geben?" „Aber das Ganze war doch nur ein Spaß. ^m Grunde lag Ihnen ja gar nicht so viel daran, mich zu finden. Es ist komisch, daß die Männer bei den germg- fügigsten Anlässen immer gleich so hochtrabende Worte brauchen müssen." Sie hatte sich weit zurückgebogen, um zu dem blauen. Himmel hinaufzuschauen. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und in ihren braunen Augen flimmerten goldene Pünktchen. Da war es um Rudolfs Selbstbeherrschung geschehen. . r ~ . „Aber es war nichts Geringfügiges für mich, Fräulein von Ranten", rief er. „Erraten Sie es denn noch immer nicht, daß ich seit unserer ersten Begegnung überhaufck an nichts anderes mehr denken kann, als an Sie — daß ich mich nach jechm neuen Wiedersehen sehne mit aller Macht meiner Seele?" Sie löste die verschränkten Arme nicht, um ihn gebieterisch zurückzuweisen, obwohl er ihr so nahe gekommen war, daß sie den Hauch seines Atems auf ihrer Wange fühlte, während er zu ihr sprach. „Ei, mein Herr Rechtsanwalt, ich hoffe, Sie werden die Gastfreundschaft nicht mißbrauchen, die ich Ihnen hier in meinem Schlosse so vertrauensvoll erweise. Wenn Sie nicht sehr artig und bescheiden sind, laufe ich davon." . Bei der Gelassenheit, mit der fie tn ihrer bequemen Stellung verharrte, konnte diese Drohung nicht viel Erschreckendes haben, aber sie hatte doch hingereicht, Rudolfs heiß aufflammende Leidenschaftlichkeit zu dämpfen. Daß sie sich ihm gegenüber hier schutzlos in tiefster Einsamkeit befand, gab ihr seiner tleberzeugung nach in der That ein Recht auf die ritterlichste Zartheit seines Benehmens. Er schämte sich ein wenig, und trat einen Schritt von ihr zurück. , ,, „Verzeihen Sie, wenn ich ungestümer und ofseu- herziger war, als eine Bekanntschaft von wenig Tagen es in Ihren Augen rechtfertigen mag, ich hatte — —" Sie kehrte ihm ihr Gesicht zn, uni» fiel ihm lachend in die Rede. „O, unsere Bekanntschaft ist titel älter. Habe ich mich denn so sehr zu meinem Nachteil verändert, daß Sie sich meiner durchaus nicht erinnern?" Er suchte in ihren Zügen, aber er suchte noch immer vergebens. „Ich hatte von Anfang an. die Empfindung, daß ich Ihnen schon einmal begegnet sein müsse", gestand er, „aber ich weiß nicht--" ' „Es war allerdings eine Begegnung unter titel weniger romantischen Umständen, als die von vorgestern abend. Damals waren Sie es, der mir einen Dienst die von dem sähen Ende eines hoffnungsvollen jungen Menschenlebens erzählte. Eine leise Empfindung des Grauens dnrchzitterte feine Seele, als er über das roh gefügte Geländer hinweg in die schauerliche Tiefe blickte, die mit ihren unten vorspringenden Klippen und Schroffen allerdings jedem hier Abgestürzten sicheren Tod verhieß. Aber dtts sehnsüchtige Verlangen, das ihn heraufgeführt hatte, gab seinen Gedanken bald wieder eilte andere Richtung. , , r Er verfolgte den.Pfad, der offenbar sehr wenig be-° gangen war, und der immer beschwerlicher wurde, weiter und weiter aufwärts, und versäumte nicht, überall scharfe Umschau zu halten. Doch- das, was er suchte, fand er nicht. Wenn auf die Juchzer, die er hin und wieder erschallen ließ, überhaupt eine Antwort erfolgte, so war es gewiß nur ein neckendes Echo, das sie ihm gegeben. Als er endlich in beträchtlicher Höhe über der Thalsohle die Vegetationsgrenze erreicht hatte, wo auch der letzte kümmerliche Baumwuchs aufhörte, und die einsamen Regionen des nackten, zerklüfteten Felsgesteins begannen!, gab er ein weiteres Vordringen als aussichtslos auf. Während er langsam wieder hinabstieg, oftmals vom Wege abschweifend, wenn irgend eine prächtige Baumgruppe ober ein paar phantastisch übereinander getürmte Felsblöcke ihn mit neuer Hoffnung erfüllten, hier die Gesuchte zu finden, war es ihm einmal, als hätte er Lillis fröhliches, helles Lachen gehört. Freudig erschrocken blteb er stehen, und rief ihren Namen. Aber er rief ihn vergebens, auch! als er ihn zum zweiten und- zum dritten Mal wiederholte, und nachdem er dann in weitem Umkreise jedes Fleckchen abgesucht zu haben meinte, mußte er wohl zu dem Schluß gelangen, daß irgend einer von den mannigfaltigen Tierlauten des Bergwaldes ihn genarrt habe. Er kehrte ins Thal zurück, um das abenteuerliche Suchen, das er sichtlich- bei jedem -anderen über die Maßen thöricht gefunden hätte, am Nachmittag von neuem zn beginnen. Der Erfolg war nicht besser, als am Morgen, und tote er dann nach Einbruch der Dunkelheit verstimmt und todmüde seiner Wohnung zuschritt, stieg ihm der Verdacht auf, daß die übermütige Kleine nur bte Abficht gehabt habe, sich über ihn lustig zu machen, und daß das romantische Plätzchen, von dem sie ihm gesprochen, in Wahrheit gar nicht existiere. „Vielleicht amüsiert sie sich letzt kostltch bet dem Gedanken an den Narren, der in den Bergen herumklettert, ihr fabelhaftes Märchenschloß zu finden", dachte er. „Mag es denn genug sein. Ich toerbe mich nicht langer bemühen, ihre holde Waldeinsamkeit zu stören." Während der ganzen ersten Hälfte des- folgenden Tages blieb er diesem Vorsatz- treu, und als er am Nachmittag doch wieder zu dem Marterl hinaufstteg, geschalt es, wie er sich selbst einzureden suchte, nur um der Mbönheit und Stille des von allen -anderen Touristen gemiedenen Weges willen. Aber er kam doch auch heute unversehens höher und höher hinauf, und plötzlich- diesmal konnte es wahrlich keine Täuschung gewesen sein — klang ihm wieder das Helle, neckische Lachen ms Ohr. Da war all sein Groll verflogen. „Fräulein von Ranten!" rtef er. „Haben Ste Mitleid mit mir, und lassen Sie sich finden!" Ein schmetternder Jodler gab ihm Antwort. Gleich -darauf trat sie, kaum fünfzig Schritt von ihm entfernt, -zwischen zwei Steinblöcken hervor, die sich tn ihrem oberen Teil so gegeneinander neigten, daß nur eine schmale, thorartige Oeffnung zwischen ihnen blteb. „Sagte ich's Ihnen ntcht, daß Ste meutert Schlupft winkel niemals entdecken würden?" rtef ste ihm srohlich zu. „Aber ich will großmütig sein, und da ich ihn voraussichtlich heute doch zum letzten Mal besucht habe, will ich ihn Ihnen freiwillig zeigen." Sie bedeutete ihn, sich durch den schmalen Eingang zu winden, und Rudolf sah sich, nachdem er das gethan hatte, mit einiger Ueberraschnng in einer kleinen, von moosigen Felstrümmern rings umschlossenen Grotte, tn die oben der blaue Himmel hineinlachte, und die allerdings ganz für die einsamen Träumereien einer welt- flüchtigen Seele geschaffen schien Eine ausgespannte Hängematte und ein Buch, das neben dem Bergstock auf sie es ihm hastig fort. V „Nein, Sie brauchen nicht zu wissen, was ich lese. Aber sagen Sie selbst, ist es hier nicht wnnderhübsch? Hatte ich nicht recht, es ein Märchenschloß zu nennen?" Er gab rückhaltlos seinem Entzücken Ausdruck, das allerdings viel mehr dein heißersehnten Glück dieses Wiedersehens als irgend etwas anderem galt. Sie aber schien den eigentlichen Grund seiner Freude gar nicht zu ahnen; denn sie sagte heiter: „Wohl, ich schenke es Ihnen. Heute abend kommt mein Vater, und dann ist es mit den einsamen Streifereien ohne- erwies. Und als ich Sie wiedererkannte, freute ich mich- ihn vergelten zu können." Als wäre unmittelbar vor ihm ein blendender Blitzstrahl niedergefahren, prallte Rudolf zurück. Wie war es denn nur möglich, daß er sie nicht sofort wiedererkannt, daß er sich auf einer ganz, falschen Fährte befunden hatte! Noch vermochte er die ganze Bedeutung dessen nicht zu fassen, was .sich ihm da offenbarte, aber daß etwas Fürchterliches darin fein müsse, sagte ihm die atemraubende Beklemmung, die seine Brust zusammenpreßte. „Den Brillantschmetterling —" stieß er hervor — „Sie — Sie waren es?!" Sein Benehmen versetzte sie offenbar in unangenehmes Erstaunen, und ihre Oberlippe kräuselte sich ein wenig. „Freilich war ich's, und es scheint ja, daß ich dadurch in Ihren Augen zu einem Ungeheuer geworden bin. Wir waren eben in Geldverlegenheit, und mußten ihn verpfänden. Ist denn das so schrecklich? Und er dürste inzwischen doch wohl längst wieder eingelöst worden sein — nicht wahr?" „So wissen Sie nicht, welche Bewandtnis es mit diesem unglückseligen Schmetterling hatte?" rief er, außer sich vor Erregung, und wie vom Fieber geschüttelt. „Aber nein — weshalb frage ich Sie erst! Es ist ja- selbstverständlich, daß Sie es nicht wissen. Wie könnten Sie sonst bis zu diesem Augenblick geschwiegen haben!" Sie löste die Arme, und neigte mit verwundertem Gesicht ihren Oberkörper gegen ihn vor. „Mein Gott, was ist Ihnen denn? Sie verwechseln diese Angelegenheit offenbar mit irgend etwas anderem. Was für eine Bewandtnis soll es denn mit dem Schmetterling gehabt haben, als die, daß er zu dem Nachlaß meiner Mutter gehört, und daß- mich- mein Vater bei einer vorübergehenden Verlegenheit bat, ihn zum Pfandleiher zu tragen, weil er sich in seiner gesellschaftlichen Stellung doch nicht gut selbst einer solchen Demütigung aussetzen konnte." Rudolf dachte in diesem Augenblick nicht an den falschen Namen, dessen sie sich bedient hatte, und nicht an ihre Aehnlichkeit mit Margarete Willisen, die ihm doch schon aufgefallen war. Er dachte nur daran, daß sie ohne allen Zweifel schuldlos sei, und daß ihr deshalb um ihres Seelenfriedens willen die Wahrheit verborgen bleiben müsse, so lange es immer möglich war. Er selbst dagegen mußte diese Wahrheit -erfahren, die -ganze Wahrheit; denn es galt ja die Ehre -eines anderen beklagenswerten Geschöpfes, das gebüßt und gelitten hatte für fremde Schuld. „In der Thal," sagte er, sich zu äußerer Ruhe zwingend, „es scheint, daß hier eine Verwechslung vorliegt. Antworten Sie mir, bitte, nur auf eine einzige Frage: kennen Sie eine Frau Therese Haller in B.?" „Gewiß — sie ist ja meine Tante — die Schwester meiner verstorbenen Mutter." „Und Ihr Vater war es, der Ihnen den Brillantschmetterling gab, nachdem — nachdem er bei dieser Frau Haller gewesen war?" Jetzt sprang sie von ihrem Sitze herab, und wirklicher Zorn lag auf ihrem Antlitz. „Dies- Verhör ist lächerlich, mein Herr! Und ich habe keine Lust, Ihnen weiter Rede zu stehen. Weiß ich doch, sehr gut, in welcher Absicht Sie plötzlich diese abgeschmackte- Rolle eines Untersuchungsrichters zu spielen anfangen." „Wie — Sie wissen das, Fräulein von Ranten?" '„Natürlich.! Es ist wegen der -dummen Visitenkarte meiner Freundin Melanie, die ich Ihnen statt der meinigen gab. Da glauben Sie sich nun berechtigt, mich zu erschrecken und zu ängstigen, damit ich- Sie himmelhoch um Verzeihung bitte, oder damit ich vielleicht gar — pfui, ich mag es nicht aussprechen. Aber Sie haben sich! in mir geirrt. Ich will nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben, und ich ersuche Sie, mich meines Weges gehen zu lassen." Sie hatte ihren Bergstock und- ihr Hütchen aufgerafft, und stürmte an Rudolf vorbei, indem- sie ihm noch einen letzten funkelnden Blick zuwarf. Er aber machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten; denn ihm war, als sei er an allen Gliedern gelähmt, und weder eines Wortes noch -eines klaren Gedankens fähig. Nach Verlauf von Minuten erst trat er ebenfalls zwischen jbett Gesteinstrümmern hervor in den Wald hinaus. Seine Haltung . war gebeugt, als drücke unsichtbar eine schwere Last auf seine Schultern, und er stieg langsam bergab, wie einer, der sicher ist, daß ihn am Ziel seines Weges nichts anderes erwartet, als Herzeleid und bittere Pein. (Fortsetzung folgt.) Heimweh. Ein Liebesgeschichtchen von LuiseGlaßl (Nachdruck verboten.) Oktober war's, Lesezeit: Arbeit, Fröhlichkeit, Wald-hvrn- blasen und Raketenwerfen. Das Wachhold-ermariechen aber, das überall aushilft, und sonst allezeit fröhlich ist, läßt den Kopf hängen, und weiß nur Halb warum. Sie nannten sie die Waisenmarie; denn sie war bei fremden Leuten aufgewachsen, und hatte nur einen Pflegebruder übrig behalten: den Walther Franz, den besten Burschen im Land, den gescheitesten Kopf, und ihr Liebster war er auch, — wenn er nur nicht so phantastische Zukunstspläne gemacht hätte! Da kam er, um sie abzuholen; im Hellen Lauf nahm er die Weinbergstreppchen, und schon von fern ries er ihr zu: „Juchhe, Mädel! Jetzt kommt das Glück! jetzt können wir heiraten!" Sie setzte sich auf die Steinbank, so zitterten ihre Knie. Das Glück? Heiraten? das war ja gut. Da konnte, die Muhme, die ihnen aus Freundschaft haushielt, wieder aufs Dorf —" ' „Freilich sieht das Glück anders aus, wie wir's uns träumen, das ist nun so —- das Leben's giebt uns nur das rohe Eisen, schmieden müssen wir's uns schon selber". Und dann erzählte er, daß ihm in Newyork eine Stelle angeboten sei, von einem Vaterbekannten, der drüben sein Glück gemacht hatte. „Wir sind jung, Jugend muß tapfer sein." Mariechen sah über die Rebenhügel hin, und sagte mühsam: „Nach Amerika!" Ihm wurde unbehaglich zu Mute.. Ja, freute sie sich denn gar nicht? —- Auf einmal sagte sie: „Wenn Du noch wartetest, bekämst Du gewiß hier -eine ebenso gute Stelle." „Nein, so eine krieg ich hier nicht, hier kommen wir nie auf einen grünen Zweig, dort brauchen wir -einfach, hinaufzufliegen. Wenn Du mich lieb hast, freust Du Dich, daß w-ir endlich so weit sind. Und denkst an nichts', als daß wir da drüben glücklich sein werden." „Da drüben", sagte sie wehmütig, streichelte ihm aber dabei die Hand, als wollte sie etwas abbitten. Wie sie nachher durch die Stadt gingen an den alten Kirchen vorbei mit dem gotischen Zierat, an den Denkmälern, deren Marmorleiber leuchteten, durch trauliche Gassen und stolze Prunkstraßen, da sagte sie: „Das soll ich nie Wiedersehen!" „Ei, warum denn nicht? Später." „Nein, ich seh's nicht wieder, ach- es ist zum Herz- btedien." Das Heimweh- rumorte auch! bei ihm, aber sie sollte nichts davon merken, damit sich ihr's nicht dran Wrke. Stumm ging er neben ihr weiter. „Jst's nicht schön hier?" „Freilich, aber wo man sich liebt und- vorwärts kommt, ist's auch- schön." „ Sie führte ihn nach dem Friedhof. Wer wurde nun die Gräber der Eltern pflegen. „Wir tragen's dem Totengräber auf — an ine Toten denken ist. mehr, als Rosen für sie pflanzen/ Er hatte ja recht, doch machte sie's meinen, daß hier der Totengräber hantieren sollte, dem alle Gräber nur eine Nummer waren. — Von den Bergen ftiegen Raketen auf, irgendwo sangen sie: Morgen muß ich fort von hier. Da schluchzte Mariechen hell auf: „Ich kann nicht, ich- kann nicht." t , . ,, Franzens gutes Gesicht wurde bläst „Komm heim", sagte er freundlich, „Du besinnst Dich noch." Sie besann sich, ach Gott, „so viel". Sie bedachte sich am Tag und bedachte sich bei Nacht, aber sie kam zu keinem anderen Schluß: Ich kann nicht. — Ob sie an künftigen 476 Reichtum dachte oder an bett gesegneten Ehestand, das Heimweh verdunkelte alles: Ich! kann nicht. Er sagte chr, daß er nicht mehr zurück könne — das Verschärfte ihr Herzweh, aber half ih-r nicht. Die Muhme dankte ihrem Herrgottle, daß sie wieder aufs Dorf durfte — ein Tag kam, da fuhr der Franz früh davon und die Muhme am Mittag. „Behüt Dich Gott", sagte er, „wenn Tir's leid wird, komm nach." — Sie aber schüttelte den Kopf und bat mit matter Stimme: „Komm wieder!" Die guten Leute uttb Nachbarn fanden's recht verstänbig, daß er erst mal. auf „die Probe hinüberginge. Mariechen aber sah im leeren Haus und sehnte sich zwiefach: Mit ihren lebendigen Wirklichkeitsgedanken nach dem Franz, und mit ihren Phantasiegedanken in seiner Seele nach der alten Heimat. Er schrieb ihr, daß er's reichlich) gefunden sehe, wie man's ihm versprochen gehabt, und daß auch über New-York die Sonne aufgehe uttb der Mond sich runde, und dahin schwinde in ewigem Wechsel, wie daheim. Sie .weinte, als seine Stimme so vernehmlich aus den festett Buchstaben zu ihr redete, aber die Kette, die sie an die Heitnat schmiedete, schien mit jedem Tag fester zu werden. Das Antworten wurde ihr blutsauer, da kam ein zweiter Brief: „Bist Du krank? Warum schreibst Du nicht? Das ist uttrecht von Dir!" Nichts Von der Schönheit und dem guten Leben dort, wie das erste Mal. — Es geht ihm schlecht, dachte sie, Vater im Himmel, was soll ich thun?! — Sein froher Brief hatte sie tiicht irre gemacht; jetzt, wo er bange schrieb, wurde sie unsicher. Sie schickte gleich eine Karte: sie sei gesund, aber wie's ihm gehe? und zuletzt: Die Gräber sind noch alle grün. — Dann trug sie Kränze hinaus und kämpfte mit ihrer Sehnsucht. Wie sie so da saß in ihrer Ratlosigkeit, kam der Probst gegangen, der die Waisenkinder einsegnet. Der grüßte sie freundlich und fragte: „Wann geht's denn nun nach Amerika, Mariechen?" Sie sah ihn verwirrt an. Gar nicht zweifelhaft war's ihm, daß sie nach Atnerika ginge? Rechnete er denn für nichts, was sie hier festhielt? — Und da strömte es der Schüchternen plötzlich über die Lippen: von den Bergen ringsum, und dem Neckar, und der Heimaterde, und den Gräbern, die sonst keiner lieb hatte. „Soso?" — Der Probst sah Mariechen nachdenklich an, und sie schaute ihm flehend in die Augen. — Ach, daß er doch sagen möchte: Du hast recht, mein Kind, Du bist eine Heldin, Dein Leiden wird Dir im Himmel vergolten werden. Er aber fragte: „Hast Du ihm denn gesagt, daß Du ihn nicht mehr liebst und freigiebst?" — „Nein", antwortete sie erschrocken. „Ich lieb' ihn doch noch! Komm wieder, habe ich gesagt." Der alte Herr schüttelte den Kopf: „Das ist mir eine wunderlicheÄi-be. Tu bleibst daheim im behaglichen Gleis, er geht in die Welt und arbeitet für Euch. Statt ihm ein Stück Heimat in die Fremde zu pflanzen, willst Du ihn übernommenen Pflichten abspenstig machen. Komm wieder, hast Tu gesagt? Ja, wenn Du m'itgegangen wärst, Dich mit ihm durchgekämpft hättest durch Leben und Heimweh, und Ihr hättet's erreicht, dann dürftest Du bitten: nun komm heim! nun wollen wir dem Vaterland bringen, was wir der Fremde abgerungen haben." Mariechen sah den alten Herrn entsetzt an: also nicht einmal recht hätte sie gethan bei all ihrem Weh und ihrer Sehnsucht? Sie fing bitterlich an zu weinen. „Mein gutes Kind, vergiß Dich selber und denke nur an den andertt, und dann sage nur, was Tu thun willst. Wo Tn hingehst, da will ich auch hingehen, wo Du bleibst, bleibe ich auch, der Tod muß Dich: und mich scheiden. Sd spricht Liebe und Treue." Darauf ließ er Mariechen mit ihren Thränen allein. Zwei Tage später waren die Gräber nicht mehr grün, nackter Frost färbte sie braun; dann kamen schüchtern« Schneeflocken, die das Land einzuhüllen versuchten; aber immer schmolzen sie wieder, und Mariechens Herz that weh, toettn sie kamen, und weh, wenn sic gingen: „Nun ist er allein in der Dunkelheit in der Fremde." Aber die Heimat hielt fest- und die Gräber hielten fest. Die Adventsruhe begann, die Läden putzten sich! auf, sogar von Tannenbäumen war schon die Rede, und kein Brief kam von drüben. — „Er ist krank — keiner pflegt, ihn — er stirbt." Jetzt schneite es ein, die Flocken blieben fest und bauten einen Wall auf, der Mariechen eine Kerkermauer schien, die sie auf ewig von ihrem Franz trennen wollte. Ta riß sie ihr Tüchlein vom Nagel, lief zum Probst und ries .ihm schon in der Thür entgegen: „Ach, helfen Sie mir! Ich muß zu meinem Franz, er darf doch Weihnachten nicht allein sein." Der Probst half; er redete dem zitternden Herzen Mut ei», er übernahm das Häuschen, er schaffte das Reisegeld, er besorgte die Papiere, er belehrte sie über Reise und Seefahrt. — So kam sie schnell fort, noch halb im Traum gelangte sie aufs Schiff; dann aber hatte sie eine Woche Zeit zum Denken und Bangen. — Sie spürte nichts von Wellen und Sturm, sie sah immer nur rückwärts drei verschneite Hügel, und vorwärts ihren Franz, einsam in winterlicher Dunkelheit, mit Heimweh und Sehnsucht im Herzen. Das gab ihr Mut — der Glückliche hätte sie nicht hinübergezogen. An einem frostklaren Morgen lag ihr Dampfer im Hafen. Franz hatte recht. Die Sonne schien hier wie daheim — eine sanfte Hoffnung drang in Mariechens wundes Herz: nun war sie bei ihm. — Freilich, ehe sie sein Zimmer gefunden hatte, verging noch eine bange Zeit, endlich aber stand sie davor, und die Wirtin verstand sogar deutsch. „Herr Franz Walther? Kommt erst um 6 Uhr aus dem Geschäft." Mariechen durfte warten. Die Wirtin war gar zu neugierig, was das geben würde; gewöhnlich freuten sich die hübschen, jungen Männer nicht, wenn ihnen eine von zu Hause nachgereist kam. — Diesmal aber hatte sich die weltkluge Frau geirrt. Als Franz die Thür aufriß und des Mädchens ansichtig wurde, das immer noch in Hut und Jäckchen ganz still am Fenster saß, stieß er einen richtigen Weinbergsjuchzer aus, timfaßte sie und hob sie hoch in die Luft. „Mariechen, mein Wachholder-Mariechen! Gott sei Dank, daß Du da bist!" Da fiel das letzte Stück der Kette von ihr ab. „Ja, Gott sei Dank, daß ich da bin." Verfahren zum Verhindern des Zusammenklebens zusammen gerollt er oderäuf- einander geschichtet er Hektographen blätter. Das Verfahren besteht darin, daß man die Kopierfläche der Hektographenblätter vor dem Ausrollen oder Aufeinanderschichten der Blätter mit vegetabilischem Mehl, beispielsweise Weizenmehl, Reismehl, Kartoffelmehl ober dergleichen, einstäubt, worauf ohne Gefahr des Zusammenklebens die Schichten zusammengesegt oder aufgerollt werden können. Es genügt ein leichtes Abwaschen, um diese Art Mehle von der Kopierfläche zu .entfernen, und die Blätter augenblicklich- gebrauchsfähig zu machen. Mit gleicher Wirkung kann auch die Rückseite oder auch diese allein mit der Schicht vegetabilischer Mehle überzogen werden. Kapselrätsel. Nachdruck verboten. Tränkeimer — Modena — Schneider — Ostern — Muskateller — Mariechen — Vanille — Strumpf — Eigelb — Geknatter — Wortwitz — Polizei — Pfeil — Flamme. In jedem der vorstehenden Wörter ist ein anderes Hauptwort eingekapselt (wie „Ast" in „Aster" oder „Gasthaus" oder „Damast"). Sind die richtigen Wörter gefunden, ergeben die Anfangsbuchstaben im Zn- aiNmenhang den Namen der Hauptstadt eines großen Reichs. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Haut — Hut. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindrtickerei (Pietsch Erben) in Gießen.