SamslsA den 21» Dezember. W 1901. — Nr. 183. tewa M ÄÄI SiiSBil fcSf^T^: Awei Augen, deren Blick uns verdammt, Die üben gewaltiges Nichteramt; Doch zwei, die nun geschlossen der Tod, Die einer weinen machte in Not, Die lassen ihn nimmer ans Erden ruh'n, Wie tief ihr sie mögt in die Erde thun. Alter Spruch. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman voit R e i n h o l d O r t m a n n. (Fortsetzung.) „Und Sie selbst, Herr Doktor — haben Sie gar teilten Verdacht?" „Keinen, der stark genug wäre, daß ich ihm Worte geben dürfte, Fräulein Hilde!" „Wird es Sie nicht zu sehr anstrengen, wenn ich Ihnen etlvas erzähle, das vielleicht zur Entdeckung des wirklichen Thäters führen kann!" „Sie sehen, daß mein Befinden ein ausgezeichnetes ist. Sprechen Sie getrost mit mir wie mit einem ganz Gesunden." „Mrn denn — man hat in der Nähe des Thatortes einen Mantel gefunden, den der Mörder dort verloren oder von sich geworfen haben soll, und den mein Bruder als den seiuigen anerkannt hat. Auf diesen Mantel stützt sich der ganze Verdacht. Vor einer Stunde aber ist eine Person zu mir gekommen, die bereit ist, zu beschwören, daß sie diesen nämlichen Mantel auf den Schultern des Fräulein Felicia Nubarth gesehen, als dieselbe an ihrem Polterabend heimlich aus meinem Elternhause entwich, — Aber was ist Ihnen, Herr Doktor? Habe ich Sie nun doch aufgeregt oder erschreckt?" Sie fragte es ängstlich, da sie sah, daß Hermann Müller seine Hand über die Augen legte, und da sie wahrzunehmen glaubte, daß sich seine Brust in einem schweren Atemzuge hob. Aber er schüttelte beruhigend den Kopf, und sagte nach einem kurzen Schweigen: „Warum hat die Person, von der Sie sprechen, eine so wichtige Mitteilung nur Ihnen und nicht dem Untersuchungsrichter gemacht?" „Weil sie der Meinung ist, daß mein Bruder, wenn er es gewollt hätte, sehr wohl hätte Auskunft darüber geben können, wie der Mantel an jene Stelle kam. Sie deutete sein Schweigen dahin, daß er lieber eine Zeit lang den schrecklichen Verdacht auf sich nehmen, als ein Wesen preis geb en wollte, das ihm über alles tener ist. Und weil sie sich nicht berechtigt glaubte, seine Absichten zu vereiteln. gab sic es mir anheim, ob ich von ihrer Mitteilung Ge- brauch machen wolle oder nicht." „Seltsam, sehr — seltsam! Und Sie, Fräulein Hilde —i was wollen Sie thun?" „Ich bin hierher gekommen, Herr Doktor, um es von Ihnen zu erfahren. Denn Sie wissen von Felicia Rubarth viel mehr, als wir alle, das ist meine feste Ueberzeugung. Und Sie werden mir jetzt sagen, was Sie von ihr wissen — nicht wahr?" „Und von dem, was ich Ihnen sage, wollen Sie dann Ihr Schicksal abhängig machen?" „Ja — das heißt, Sie sollen mir raten, was ich thun oder lassen soll." m Wieder war in ihren Worten jener rührende Ausdruck kindlichen Vertrauens, der ihn schon einmal so tief ergriffen hatte. Er sah ihr in die schönen, unschuldigen Augen; dann neigte er, wie zustimmend, den Kopf.. " „Ich kann leider nicht aufsteheu, Fräulein Hilde — darum muß ich Sie ein wenig bemühen. Oefsnen Sie, bitte, jenes Fach dort in meinem Schreibtische, — der Schlüssel steckt im Schlosse — und reichen Sie mir das obenauf liegende Bündel von Papieren. So — ich danke Ihnen! Und nun werfen Sie einen Blick auf diesen Brief. Ist Ihnen die Handschrift vielleicht bekannt?" „Gewiß!" erklärte Hilde ohne Zögern. „Es ist Felicias Hand." „Sie sind sicher, sich darin nicht zu irren?" „Ganz sicher — eine Schrift, wie diese, muß man ja unter hundert anderen sofort erkennen." „Und noch eine Frage! Die Braut Ihres Bruders hat mit Ihnen unter dem nämlichen Dache gelebt-- haben Sie au ihr jemals etwas wahrgenommen, was Sie vielleicht vor. den Blicken anderer zu verbergen bemüht war, eine Narbe oder etwas derartiges?" „Ja, Felicia hatte eine Schnittnarbe am linken Unterarm, die ~ sie nicht gerne sehen ließ. Sie hatte sich die Verletzung, von der sie herstammte, vor Jahren durch den Fall in eine Glasscheibe zugezogen." „Nun, so ist wohl kein Zweifel mehr — und da es sich um Ehre und Freiheit Ihres Bruders handelt, bin ich Ihnen die volle Wahrheit schuldig. — Ja, die Frau, deren Portrait ich auf dem Schreibtische Ihres Vaters sah, war mir keine Fremde mehr. Unter dem Namen Felicia Rubarth allerdings habe ich sie nie gekannt, wohl aber unter dem Namen Ellen Howard und später unter dem, den sie nach dem Gesetze tragen mußte, als sie meine Frau geworden war." Hilde fuhr zurück, und ihr Gesichtchen war plötzlich wie mit Blut übergossen. „Felicia war Ihre — Frau?" „Sie war es nicht nur, sondern sie ist es noch heute. Und das erklärt Ihnen nun erst alles — ihre abenteuerliche Flucht und diesen schlecht gezielten Schuß aus dem nächsten Hinterhalte." Aber das junge Mädchen schüttelte den Kopf., 780 „Nein, ich begreife und verstehe nichts von dem, was Sie da sagen. Wie hätte sich denn Felieia mit meinem Bruder verloben können, wenn sie doch schon mit Ihnen verheiratet war?" „So lassen Sie mich im Zusammenhänge erzählen! Vielleicht wird Ihnen dann manches verständlicher werden. Aber Sie müssen sich in Geduld fassen; denn es ist eine lange Geschichte." Die hoch aufhorcheude Hilde erfuhr nun, unter wie romantischen Umständen Hermann Müller in Denver die Bekanntschaft der Schauspielerin Ellen Howard gemacht hatte, und wie er dazu gekommen war, sie' zum Weibe zu begehren. Auch der Bedingung, an die sie ihr Jawort geknüpft hatte, that der Doktor ausdrücklich Erwähnung, und er fügte hinzu, daß er sein Versprechen, niemals nach ihrer Herkunft zu forschen, getreulich gehalten habe. Bei der Leichtigkeit, mit der in Amerika Ehen geschlossen werden können, hatte das Nichtvorhandensein irgend welcher urkundlichen Ausweise über' ihre Persönliche feit der im Städtchen Ouray im Felsengebirge erfolgten Trauung keinerlei Schwierigkeiten entgegengesetzt, und ein paar Wochen lang hatte es den Anschein gehabt, daß Ellen sich in den. neuen Verhältnissen wohl und glücklich fühle. „Aber die Täuschung war nur timt kurzer Dauer", fuhr der Erzähler fort. ' „Unsere Ehe war erst wenige Monate alt, als mich eine dringende Angelegenheit.zu einer mehrtägigen Reise nötigte. Als ich zurückkehrte, fand ich meine Frau nicht mehr vor, wohl aber diesen Brief, den Sie getrost lesen mögen, mein liebes Fräulein, da er Ihnen das weitere besser erklären wird, als ich es vermöchte. Zögernd leistete Hilde der Aufforderung Folge und las: „Mein großmütiger Freund! Ja, ich bin fort — dieser Brief soll Dir auch den letzten Zweifel davon nehmen — rind ich werde niemals zu Dir zurückkehren. Mir ist, als müßtest Du längst geahnt haben, das; dies das Ende sein würde; denn ich bin wohl nicht felbstverleugnend genug gewesen, meinen Seelenzustand vor Dir zu verheimlichen. Ich bin eben nicht gemacht, in einem Käfig zu leben — mit der gnädig gewährten Erlaubnis, darin von einer Sprosse aus die andere zu hüpfen. Und Du darfst mir nicht entgegenhalten, daß es mein freier Wille war, der mich in diesen Käfig gebracht hat. Damals, als Du um mich ivarbst, war ich schwach und krank. Ich fürchtete mich vor dem Kampf, der mich draußen erwartete und machte mir in meiner Hilflosigkeit eine übertriebene Vorstellung von dem Werte eines sicheren, ruhigen Heims. Man sollte fürivähr einen Menschen, der nicht ganz gesund ist, niemals zu einer folgenschweren Entscheidung über seine ganze Zukunft drängen. Das ist kein Vorwurf, den ich Dir mache; denn Tu hast es gut mit mir gemeint und allezeit ritterlich Dein mir damals gegebenes Versprechen gehalten. Wie unerträglich mir die Enge des Verhältnisses sein würde, in die Du mich brachtest, käunst Tu wohl nicht ahnen. Ich habe Deine Mutter einmal gefragt, wie sie es ängefcmgen habe, sich ein Menschenalter hindurch in diesen Verhältnissen glücklich zu fühlen. Und sie hat mir geantwortet: „Eine Frau, die ihren Gatten von Herzen liebt, braucht zu ihrem Glücke nichts als die Gemeinschaft mit ihm." Vielleicht ist das wahr; aber wenn es wahr ist, so war der Fehler, den wir mit unserer Verheiratung begingen, nur um so verhängnisvoller. Denn da ich mich in unserer Gemeinschaft seit Monaten sehr unglücklich gefühlt habe, muß meine Zuneigung für Dich wohl die rechte Liebe nicht gewesen sein. Ich weiß nicht, ob es ein Verbrechen ist, das einzugestehen; aber ich denke, in einer Lage gleich der unsrigen giebt es kein schlimmeres Verbrechen als die Lüge. Und dieses wenigstens will nicht ich länger auf dem Gewissen haben. Wir sind beide jung und haben voraussichtlich noch ein langes Leben vor uns. Sollen wir es um eines einzigen Irrtums willen in endlosem Jammer hinschleppen? Oder sollen wir den befreienden Entschluß hinausschieben, bis der nutzlose Kampf das Beste in uns aufgezehrt und uns stumpf gemacht hat für alle Freuden des Lebens? Es wäre ein Opfer, das niemandem Vorteil brächte — eine selbstquälerische Grausamkeit ohne Zweck und Ziel. Nein, laß üns lieber als vernünftige Leute handeln, die ihren Irrtum nicht nur offen bekennen, sondern auch den Mut k>aben, ibn wieder gut zu machen! Laß uns annehmen, bte Ereignisse dieser letzten Monate hätten sich in unserer Einbildung zugetragen — und laß uns ihrer gedenken, wie eines wunderlichen Traumes, dessen Anfang voll poetischer; Romantik und dessen Ende voll kleinlicher Alltags-, unsere war! Wie ich nichts an Geld oder Geldeswert mit mir ge- uommen habe, so lasse ich hier auch den Namen zurück, den Du mir gegeben. Man soll dort, wohin ich zurückkehre, glauben, daß ich wiederkomme, wie ich gegangen bin. Und ich schwöre Dir, daß der Tag, an dem man dort die Wahrheit erführe, der letzte meines Lebens sein würde. Darum bitte ich Dich! nicht, in eine gerichtliche Scheidung zu willigen, die aller Welt die Geschichte meiner Thorheit! offenbaren müßte, sondern ich flehe Dich an, diese Scheidung, für die wir keines Richterspruches mehr bedürfen, als mit meiner Abreise vollzogen zu betrachten. Wenn wir beide damit einverstanden sind, daß ich mich von heute an nicht mehr Mrs. Hermann Müller, sondern wieder Miß Ellen Howard oder mit einem beliebigen anderen Mädchennamen nenne, wer hat dann noch ein Recht darauf, zu erfahren, daß ich nach dem Buchstaben des Gesetzes noch immer Deine Frau bin? Ich weiß, daß Du meinem Verbleib nicht nachforschen wirft, nachdem ich Dir gesagt habe, daß ein Erfolg dieser; Nachforschungen mich nimmermehr zu Dir zurückführen, sondern mich wahrscheinlich in den Tod treiben würde. Welche Enttäuschungen anch immer unsere kurze Ehe uns; beiden gebracht haben mag — mein Vertrauen in Deine. Hochherzigkeit und Großmut hat mich doch nie betrogen. So mag denn mein letztes Wort ein Wort des Dankes! sein für alles Freundliche, das ich von Dir erfahren, und eine Bitte um Verzeihung für jedes Herzeleid, das ich Dir bereitet habe. Und nun lebe wohl, mein Freund, lebe wohl auf immer.; Ellen.". „Mein Gott, was für ein Brief!" sagte Hilde, nachdem sie zu Ende gekommen war, leise. „Das alles scheint mir so unfaßlich, und doch; ist mir's bei jedem Wort, als obs ich Felicia sprechen hörte." „Ja. Als sie diesen seltsamen Abschiedsbrief zu Papier brachte, war sie jedenfalls nicht bemüht, sich zu ver- stellen. . Und weil ich mich in der That nicht freisprechen! konnte von dem Vorwurfe, bei meiner Werbung sehr über- eilt gehandelt zu haben, hielt ich es nun für meine Pflicht, sie ungehindert in die Freiheit zurückkehren zu lassen, nach der sie ein so sehnsüchtiges Verlangen trug." „Sie haben also gar nichts gethan, sie zurückzuführ,en — haben nicht einmal den Versuch gemacht, ihren Aufenthaltsort zu erfahren?" „Nein; denn ich war überzeugt, daß sie eines Tages, wieder von sich hören lassen würde, wäre es auch nur,; um sich mit meiner Hilfe der drückenden Fessel zu entledigen, die ihr früher oder später unerträglich werden; müßte. Was sie da in ihrem Briefe von der Wiederannahme eines beliebigen Mädchennamens sagte, konnte ich ja unmöglich so verstehen, wie sie es in Wahrheit gemeint zu haben scheint. Daß sie jemals an eine Wiederverheiratung ohne voraufgegangene Scheidung denken könnte, kam mir nicht einen Augenblick in den Sinn. Und selbst als mir in jener Nacht das Bild der entflohenen Braut die Züge meines verschwundenen Weibes zeigte, wollte ich lieber an eine bloße Aehnlichkeit, an ein wunderbares! Spiel des Zufalls glauben, als daran, daß Ellen sich verbrecherisch gegen göttliche und menschliche Satzungen vergangen habe. Aber es würde geradezu Wahnwitz sein, auch jetzt noch, daran zu zweifeln. Der traurige Zusammenhang; der Dinge liegt denn doch gar zu klar vor unseren Augen da.; Ellen muß Gelegenheit gehabt haben, mich bei meinem! Erscheinen in Ihrem Elternhause zu sehen, noch ehe ich ihrer ansichtig geworden war, und in ihrer Bestürzung, als sie mich erkannte, fand sie dann keinen anderen rettenden Ausweg als den einer im Grunde äußerst thörichten Flucht! Das andere aber, das, was sich vorgestern abend zugetragen,, bleibt auch mir noch völlig unsaßlich. Die. Liebe zu Ihrem Bruder und die verzweifelte Angst- ihn zu verlieren, muß den Verstand des unglücklichen Weibes verwirrt und ihr in; einem Augenblick gänzlicher Unzurechnungsfähigkeit die Mordwaffe in die Hand gedrückt haben." „Ja, so muß es sein — sie kann nicht Herrin gewesen sein über ihre Sinne. Nun aber, v mein Gott, was soll! nun geschehen?" „Wenn Sie dem Untersuchungsrichter Mitteilung machen NMtro LM ms LL s »Skt?» 8D rierwuerTimfrvt.'e e-e>^r-ir-t er 7.W, e -L. - 77» nznw wtsi zwar — 731 — von dem, was Sie wissen, so wird man Ihren Bruder ohne Zweifel sofort in Freiheit setzen." „Und Felicia? — Man wird sie verfolgen — sie statt seiner ins Gefängnis werfen, nicht wahr?" „Allerdings. Auch das würde eine unvermeidliche Folge Ihrer Anzeige sein." „Nein, dann kann ich es nicht thun. Dann muß meines Bruders Schuldlosigkeit auf andere Weise an das Licht kommen als durchs mich. Ich- habe sie zu lieb gehabt, als daß ich, die Urheberin ihres Unglücks sein könnte. Das Herz will mir brechen, wenn ich daran denke, wie schrecklich sie ohnedies in diesem Augenblick leiden muß." Ehe Hilde es verhindern konnte, hatte Hermann Müller ihre Hand ergriffen und an seine Lippen geführt. „Ich danke Ihnen für dieses hochherzige Wort, mein liebes, verehrtes Fräulein! Und ich hatte es nicht anders von Ihnen erwartet. Es ist meine Ueberzeugung, daß Felicia sich in diesem Augenblick bereits auf dem Wege nach Amerika befindet. Gönnen wir ihr also die Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Ist man auch nach Verlauf dieser Zeit noch nicht zur Erkenntnis von Ihres Bruders Schuldlosigkeit gelangt, und steht er dann nicht völlig gerechtfertigt da, so mag in Gottes Namen geschehen, was ihr nicht länger erspart werden kann, bis dahin aber — nicht wahr? — bis dahin werden Sie mit einer Anzeige warten?" Hilde hatte ihm ihre Hand nicht entzogen, und der feste Druck ihrer schlanken, weichen Finger sagte ihm mehr als hundert Versprechungen. „Ja", erwiderte sie einfach, „und ich weiß, daß es so auch im Sinne meines Bruders, ivie im Sinne jenes edlen Mädchens gehandelt ist, dessen Mitteilungen mich hierher geführt haben. Die Wahrheit wird ja ans Licht kommen, auch ohne daß wir eine Unglückliche verderben müßten." Der Doktor wollte ihr etwas erwidern, aber in diesem Augenblicke trat der getreue Pining, dem die Unterredung wohl zu lange währen mochte, über die Schwelle, und Hilde nahm diese Gelegenheit wahr, sich nach einem nochmaligen raschen Händedruck zu entfernen. (Fortsetzung folgt-). Frau Perchta. Ans der Weihnachtszeit, von Bernhard Ohrenberg. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Doktor Wellbach hat ein lebhaftes Temperament, er bewegt sich so elastisch und rasch, wie er spricht; eine Minute genügt ihm, den Hausherrn, dessen Gattin, und Wolfram zu begrüßen, nach dem Befinden der Kinder zu fragen, und die alte Frau Forstrat durch einige herzliche Worte zu erfreuen; als sein Blick über die schlanke Gestalt von Frau Sontheim gleitet, die ihm, freudig bewegt, die Hand zum Gruße reicht, verschönt ein glückliches Lächeln sein geistvolles Gesicht. „Hast Du etwas Gutes gefunden, — neulich bei der Auktion?" fragt der Professor seinen Schwager. „Bitte, urteile selbst, mit diesen Worten entnimmt Bernardi dem Bücherschrank eine Ledermappe, die mit alten Kupferstichen angefüllt ist. Die Kunstblätter gehen von Hand zu Hand, auch Frau Sontheim mustert sie, und winkt lachend den Professor au ihre Seite: „Schauen Sie nur, wie drollig! — Die mittelalterliche Justiz entbehrte, trotz ihrer grausamen Strenge, doch nicht ganz des Humors. Der Kupferstich veranschaulicht die Strafe des Eselritts, der über alle Frauen verhängt wurde, die den Pantoffel gar zu derb über ihren Eheherrn schwangen, und dadurch bei den Nachbarn Aergernis erregten". Wolfram betrachtet lächelnd das Bild unb spricht: „Diese Strafe, die sowohl Mann als Frau der öffentlichen Verspottung preisgab, wurde von der Obrigkeit gar nicht selten verhängt; es bestand sogar in vielen Städten das „Eselslehen", das eine ortsansässige Familie von alters her verpflichtete, den erforderlichen Esel zu diesem Strafvollzug zu stellen." Auch Doktor Wellbach ist näher getreten und deutet aus die Reiterin, die statt des Zaums den Schwanz des! Grautiers in der Hand halten muß, mit den Worten: „Es ist lustig zu schauen, wie trutziglich das sMnucke Weibchen auf die lachenden Gaffer blickt, und welchen kläglichen Eindruck ihr alter Mann macht, der den Esel führt." „Sie scheinen die Frau, die den Men bedrängt und sogar schlägt, rächt zu verdammen?" fragt Frau Sontheim im Don der Ueberraschung. „Nein, das kann ich nicht! — Die junge Xantippe hatte vielleicht sehr berechtigten Grund, den alten Narren zu meistern; — jeder Mann verdient die Frau, die er hat. Von Rechtswegen gehört der alte, verliebte Geck, der vermutlich die kleine Frau mit unbegründeter Eifersucht peinigte, auf den Esel, — denn ein richtiger Mann darf sich nicht schlagen lassen; — mir könnte das nicht widerfahren! „Sind Sie dessen so sicher, Herr Doktor-?" fragt Frau Sontheim mit leisem Spott. „Unbedingt! — Auch von der schönsten Frauenhand würde ich das nicht dulden!" „Wenn man Sie schlau überlistete?" „Das erkläre ich für ganz unmöglich!" „Gehen Sie darauf eine Wette mit mir ein?" fragt lauernd und mit schelmischem Blick die junge Witwe. „O, mit Vergnügen!" „Nun gut, so wetten wir!" „Um welchen Preis?" „Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß ich zum Vorstand des „Vereins für Unterstützung notleidender Arbeiterinnen" gehöre; — wenn Sie sich als besiegt erklären müssen, dann zahlen Sie in die Vereinskasse hundert Mark." „Wenn ich mich aber nicht überlisten lasse?" „Ei, das ist ausgeschlossen," lacht übermütig die siegesbewußte Frau; — aber als Pflaster auf die Wunde dürfen Sie von mir eine Gunst erbitten." „Topp, es gilt!" ruft der Doktor vergnügt, und die Wette wird mit Handschlag besiegelt. Frau Bernardi nickt jetzt ihrer Freundin heimlich zu, und deutet auf die Thür. Frau Sontheim versteht diese Zeichensprache; sie blickt auf die Uhr und spricht, scheinbar erschrocken: „Wie rasch sich die Zeit verplaudert! — O weh, nun komme ich zu spät; ■— es ist ja heute eine wichtige Vorstandssitzung wegen der Gabenverteilung, da darf ich nicht fehlen." „Sie wollen uns schon verlassen?" klagt Wellbach, und blickt sehnsüchtig nach der schöne:: Frau. „Ich muß, Herr Doktor! — Leben Sie alle wohl!" — Im Spalt der geöffneten Thür des Nebenzimmers zeigt sich das Schelmenköpfchen Gertruds, die kichernd fragt: „Ist Knecht Ruprecht schon dagewesen?" „Nein, noch nicht", spricht Mama; „aber kommt nur herein, Kinder, — ich habe schon ein ganz unheimliches Poltern gehört." „Ha, ha! — ich fürchte mich nicht!" prahlt Hugo keck. Plötzlich ist ein seltsames Schlürfen und Rascheln im Vorsaal vernehmbar; — alle, im Salon Anwesenden machen ein ernstes Gesicht und verhalten sich mäuschenstill. Jetzt werden drei laute, kräftige Schläge gegen die Thür gethan; Trudchen blickt ängstlich nach der Mama, aber Hugo ruft beherzt: „Nur immer herein, wer draußen steht!" Da schiebt sich ein, vom Alter gekrümmtes, häßliches Mütterchen humpelnd über die Schwelle. Um ihre grauen, zerzausten Haare ist ein feuerrotes Tuch geschlungen; das vielfach geflickte Gewand umgürtet ein Strick; tiefe Runzeln' durchfurchen das braune Antlitz mit der spitzen Nase; ein stechender Blick aus rotumränderten Augen mustert forschend die Kinder. Die Alte stützt sich mit der linken Hand auf eine Ofengabel, und trägt in der rechten die Rute; der Rücken ist mit einem groben Sack belastet. Schlürfend nähert sich das Weib den Kindern, — da ruft Trudchen entsetzt: „Mama, — Mama, eine Hexe!" Hüstelnd fragt das Mütterchen in drohendem Tonr „Wart Ihr stets artig? — Könnt Ihr auch recht schön' beten?" Hugo ist blaß geworden, spricht aber ein Gebet, vhnch zu stocken; auch Gertrud, die mit scheuem Blick die Hexe betrachtet, besteht das Examen gut. Da greift die Alte in den Sack und sagt: „Weil jetzt wieder -die heilige Weihnachtszeit ist, wo die Pfefferkuchen auf den Tannenbäumen wachsen" — die Kinder tauschen einen ungläubigen Blick —, „und Ihr, zu meiner Freuoe, fromm und brav seid, sollt Ihr belohnt werden.^ Gertrud mußte ihr Schürzcheu aushalten, das sich mit Lebkuchen, Marzipan, Aepfeln und Nüssen füllt. Jetzt befragt die Hexe den zunächst stehende» Doktor Wellbach mit tiefer Altstimme: „Nun, Du großes Kind, hast wohl das Beten schon verlernt? — Gleich sage das Vaterunser!" Der Arzt gehorcht, aber nach den ersten vier Bitten verläßt ihn das Gedächtnis. Das Mütterchen spricht tadelnd: „O, wie unwissend bist Du! — Das verdient Strafe!" Bevor der verblüffte Doktor es hindern kann, hat er schon einige derbe Streiche mit der Rute bekommen, und duckt sich erschrocken; die Szene ist so komisch, daß sie allgemeine Heiterkeit erweckt.. ‘ Dann richtet sich die Alte hoch auf, schaut beut erstaunten Arzt triumphierend in die Augen, und flüstert mit unverstellter Stimme: „Ich habe die Wette gewonnen!" Hierauf humpelt Frau Perchta mit gebeugtem Rücken, hustend und schlürfend, aus dem Zimmer. Schon am nächsten Mittag fährt Doktor Wellbach in feinem eleganten Gefährt vor Sie Villa Sontheim; ein Diener öffnet die Thüreir des Salons, wo ihn die junge Witwe mit freundlichen Worten begrüßt, imb entschuldigend sagt: „Ich bat meine Gesellschafterin, für die Weihnachtsbescherung der armen Kinder Einkättfe zu machen, und aus diesen: Grunde empfange ich Sie allein." Ter Arzt überreichte einen kostbaren Blumenstrauß, aus dessen Mitte ein nagelneuer Hundertmarkschein hervorlugt. Frau Sontheim nimmt die Blumen hocherfreut entgegen, und spricht lobend: „Wie brav non Ihnen, daß Sie dem Grundsatz huldigen: ,„Wer rasch gießt, der gießt doppelt"; — ich danke Ihnen herzlich im Namen der Notleidenden." „Aber vor Ihnen muß- matt sich hüten, schöne Fran!" sagt Wellbach scherzend. „Bin ich wirklich so gefährlich?" ,,O, gewiß, Sie sind eine reizende Hexe und Zauberin! Damit aber Frau Perchta nicht noch mehr Unheil an- richten kamt, soll sie mir die versprochene Gunst gewähren." „Das ist Ihr gutes Recht", lautet die Antwort, die von einem ermutigenden Blick begleitet ist. „Nun, dann erbitte ich als mein Eigentum die liebe Hand, die mich geschlagen hat, nnb mit ihr die Besitzerin dieser entzückenden Hand." „Ach, die gehört Ihnen • ja schon längst, mein thörichter, zaghafter und geliebter Freund", flüstert erglühend die fnnge Witwe, und sinkt an feine Brust. Vom echten Kölner Wasser. Unter den zahllosen wohlriechenden Essenzen, wie sie uantetttlich die moderne Destiliierkunst herzustellen weiß, hat bekanntlich nicht eine anch nur annähernd die Verbreitung und ben Weltruf zu erringen vermocht, deren sich das Kölnische Wasser seit nunmehr nahezu 200 Jahren erfreut. Und Sas mit vollem Recht; denn bis jetzt hat jene Kunst trotz aller Fortschritte der Wissenschaft es nicht verstanden, zum zweiten Male eine. Mischung von Pflanzenextrakten — denn sie bilden neben rnöglichst reinem Weingeist das Wesen des Eau de Cologne — zu ersinnen, die gleich dieser stets angenehm, stets erfrischend und belebend auf die Sinne wirkt, mag man sie noch so oft, und in noch so verschwenderischer Fülle anwendeu, die weiter, was ein Hauptvorzug, nicht blos dem Gesunden einen der feinsten aromatischen Genüsse bereitet, sondern auch für den S ch w e r k r a n t e n wie für den Genesenden ein geradezu unersetzbares Erfrisch un g s mitt el bietet, die mit einem Wort allen einfachen und zusammengesetzten Wohlgerüchen erfolgreich den ersten Rang streitig macht. Der Erfinder ist Paul de Femiuis aus einem bei Mailand gelegenen Dörfchen. Es wird allseitig zugegeben, daß Johann Paul de Femiuis der Erfinder des Kölner Wassers ist, der die Fabrikation desselben als Geheimnis der Familie Farina mitgeteilt hat. Ferner ist bestätigt, daß dieses Geheimnis im unbestrittenen Besitze der Firma Jo- hann Anton Farina zur Stadt Mailand in Köln ist. Diese alte Farina-Firma „Zur Stadt Mailand" Redaktion: E. vererbte sich 1849 durch die Familie Leven an die Familie Neumann, in deren Besitze dieselbe heute noch ist unter der Firma: Joseph Anton Neumann zur Stadt Mailand. _______ Heimatkläuge aus deutschen Gauen. Für jung und alt ausgewählt von Os,kar Dähnhardt. Mit Buchschmuck von Robert Engels. 2. Band: Aus Rebenflur uud Waldesgrund. Mitteldeutsche Ge«: dichte und Erzählungen. (XX und 185 S.) Groß Oktav. 1901. In Leinwand geb. 2.60 Mk. Verlag von G. B. Teubner in Leipzig. Mit dem vorliegenden Band der Heiinatklänge ist das Werk abgeschlossen. Der 2. Band darf derselben freudige»! Aufnahme gewiß sein, die der erste und dritte von alleni Seiten gefunden haben, und er ivird mit den anderen beiden: zusammen eine hochwillkommene Weihnachtsgabe sein, zumal dem Humor auch in ihm ein wohlverdienter Platz eingeräumt ist. Die Aufgabe, die sich der Herausgeber mit dem Ganzen gestellt hat, hat er in bester Weise gelöst: das Werk ist eine treffliche Charakteristik der deutschen Volksstämme geworden, in der die wundervolle Mannigfaltigkeit des Gemüts- und Geisteslebens der einzelnen Gaue zu ihrem vollen Rechte kommt. Wenn man die Gedichte und Erzählungen unbefangen ans sich wirken läßt, dann fühlt man mit bei» Herausgeber, Saß bie Saiten ber Seele anders erklingen, wo bas Meer an bas Gestabe rauscht, anders, ioo der Berg- wind mit den Waldbäumen Zwiesprache hält, anders, wo der brauseirde Föhn über bie Schneebecke fährt. Und doch ivird man zugleich der Einheit und ber Eigenart bes deutsche» Volkstums und deutschen Wesens sich voll bewußt. Ei» Grundzug geht überall durch, es ist der Reichtum des Ge- nrütes, das Kraft und Tiefe, Zartheit und Innerlichkeit in sich vereinigt, uud worin die besten Tugenden, ivie Familien- u::d Heimmatsinn, Naturfreude, Anhänglichkeit an Recht und Sitte der Väter wurzeln. So ist das Buch wie wenige berufen, ein echtes Hausbuch zu werden, vor allem kann es seinen Teil dazu beitragen, in unserer Jugend lebendiges Gefühl nnb tiefes Verständnis für deutsche Art und deutsches Volkstum zu wecken und zu pflegen. _________ Vermischtes. Allerlieb st eWeihnachtsbilder werden von der Liebigs Fleisch-Extrakt-Kompagnie ihrer Knubschaft überreicht, wie schoi: oft zu diesem Feste geschehe» Die iteitet Serie der bunten Farbendruckkärtchen, die von so vielen Sammlern begehrt werden, bietet eine Geschichte des Weihnachtsbaumes. Das Pflanzen, das Fällen, das Verkaufe» auf dem Markt, das Aufputzen durch die Eltern, bie strahleube Pracht am heiligen Abend unS endlich die Plünderung werden anschaulich dargestellt. Die Kochrezepte auf der Rückseite werden der Hausfrau willkommen fein; möge auch auf ihrem Weihnachtstisch ein Töpfchen Liebig nicht fehlen, das man gerade zu Siefen festlichen Tagen so gut verwenden kann, und das sich überhaupt zu praktisch-nützliche» Weihnachtsgaben ganz besonders eignet. Bilverrülsel. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Rösselsprungs in vor. Nr.: Bleibt dir auch ein Ziel versagt, Nur nicht gleich deshalb verzagt! Mutig weiter vorgedrungen! Had're nicht mit dem Geschick! Nicht in dem, was du errungen. Nur im Ringen liegt das Glück! (Schuppli.) Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schm llniversitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.