E Irrrimm.iWMifi i?« KW M ;■ ZL.MW MWWM erarmtes Herz, dem nichts die Welt beschert! O reiches Herz, das nicht nach ihr begehrt! Es gleicht das Herz der Urne des Brahminen, Der bettelnd bei den Reichen eingekehrt. Sie brachten Edelsteine, Gold und Früchte, Und haben prahlend manchen Schrein geleert. Doch füllt sich das Gefäß nicht bis zum Rande, Mit allen Schätzen dieser Welt beschwert, Bis eines Kindes reine Hand die Gaben Um einen Lotosstengel nur vermehrt. So bleibt stets ungesättigt heil'ge Sehnsucht, Ob ihr das Reichste diese Welt gewährt; Indes ein Frühlingshauch, ein Bild, ein Lächeln Die Seele füllt, als hält' sie nie entbehrt. Hieronymus Lorm. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Sie hatte es geduldet, daß er sie zärtlich auf beide Wangen küßte, aber sie war offenbar viel weniger bewegt als er. „Natürlich habe ich Dir diese Mitteilung unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit gemacht, Bernhard! Tenn ich- habe Harro bis jetzt noch keine bestimmte Antwort gegeben, und ich weiß nicht einmal, ob es schon morgen oder in den allernächsten Tagen geschehen wird." „Aber wenn Du doch, wie es scheint, entschlossen bist, ja zu sagen, weshalb schiebst Du es dann hinaus — sicherlich zur Qual des armen Jungen?" . „Ah, seine Qual wird so unerträglich nicht sein. — Du bist also von der Beweiskraft dieses Briefes überzeugt, Bernhard?" „Wenn er echt ist — und er muß echt sein — unbedingt!" „Ter Anspruch der Restorpschen Erben muß Deiner Meinung nach anerkannt werden — sei es nun durch einen Vergleich oder auf dem Prozeßwege? Es scheint Dir ganz und gar unmöglich, daß er dennoch abgewiesen werden könnte?" „Ich halte es für unmöglich. Aber ist das vielleicht die Antwort auf meine letzte Frage?" „Wenn Du es dafür nehmen willst — meinetwegen!" „Tas heißt, es war diese Aussicht auf eine Million, die den Ausschlag gegeben hat für Deine Entscheidung auf Harros Werbung?" „Und wenn es sich so verhielte, würdest Du es tadeln?" „Ich würde es beklagen, Hanna! Ein Mann wie Harro hat Anspruch darauf, um anderer Vorzüge als um des Geldes willen geliebt zu werden." „Es ist auch nicht das Geld allein, das mich bestimmt. Ich glaube, daß er das Zeug hat, ein berühmter Künstler zu werden, vorausgesetzt, daß er jemanden findet, der ihn dazu macht." „Und dieser jemand, — Tu willst es ihm sein?" „Ja — ich ! Aber er ist ein großes Kind, und wie ein Kind muß er behandelt werden. Darum will ich freie Hand haben, ihm von seinem Glücke Mitteilung zu machen, wann und wie es mir zweckmäßig erscheint. Du darfst meine Absichten da nicht durchkreuzen, Bernhard!" „Ich denke natürlich nicht daran. Aber mit Georg von Restorp darf id), doch morgen reden?" „Gewiß. Nur möchte ich wünschen/ daß es in meinem Beisein geschieht. Am besten bestellst Du ihn wohl zu morgen nachmittag hierher in Dein Bureau. Seine schwachmütigen Damen erfahren die große Veränderung immer noch früh genug, wenn Eure Entschlüsse gefaßt sind." „Gut. Ich füge mich auch darin Deinem Willen. Denn da Herr von Restorp und Harro Dir allein ihr Glück zu danken haben werden, müssen wir Dir wohl erlauben, auch weiter ein wenig Vorsehung zu spielen." Er verwahrte den entscheidungsschweren Brief wie die übrigen Schriftstücke in dem diebes- und feuersicheren eisernen Wandschrank, den schon sein Vorgänger hier hatte anbringen lassen. Als er die mit schweren Stahlplatten belegte Thür ins Schloß geworfen hatte, reichte ihm Hanna die Hand. „Gute Nacht — ich bin müde. Auf morgen also! Und es wird in dieser Sache nichts geschehen, ohne daß ich davon weiß — Tu versprichst es mir ausdrücklich, Bernhard?" „Ich verspreche es Dir, Schwesterchen! Mit unserer Mascotte, unferm Glücksengel dürfen wir es doch unmöglich verderben." Sie trennten sich^ und als Hanna Sylvander in ihrem Zimmer stand, breitete sie wieder mit einem tiefen Aufatmen die Arme aus wie an jenem Abend, da sie ihrem Bruder gesagt hatte, daß es für sie nichts größeres und köstlicheres gebe als das Bewußtsein, zu herrschen. Und in ihren Augen war ein Leuchten, als sähe sie schon greifbar nahe alle die Herrlichkeiten vor sich, nach deren Genuß ihre Seele in heißem Verlangen dürstete. Achtes Kapitel. „Fräulein von Restorp läßt fragen, ob sie den Herrn Rechtsanwalt auf einen Augenblick sprechen könnte." 286 Es war am Morgen des auf Hannas wichtige Entdeckung folgenden Tages, als einer von Bernhards Schreibern mit dieser Meldung die Thür des Bureaus öffnete. Eine freudigere und zugleich überraschendere hätte er kaum erstatten können; denn es war das erste Mal, daß Inge allein zu ihrem Verlobten kam. Die Verlegenheit stand ihr denn, auch leserlich auf dem Gesicht geschrieben, als sie über die Schwelle trat, und sie wich seinem Versuch, sie zu umarmen, durch eine rasche Bewegung aus. „Nein, nicht hier — ich bitte Dich, Bernhard! Wenn uns einer von Deinen Angestellten sähe!"- „So würde er vermutlich denken, daß wir es genau so machen, wie alle Brautleute seit Erschaffung des Menschengeschlechts. Aber ich will nicht darauf bestehen. Es ist schon Glück genug, daß ich Dich so unverhofft bet mir sehe. Bringst Du etwas neues, mein Lieb? Denn daß es nur die Sehnsucht nach mir gewesen wäre, die Dich hergeführt hat, wage ich in meiner Bescheidenheit nicht zu glauben." „Ja, es war auch Sehnsucht nach Dir", sagte sie leise. „Ich hatte in dieser Nacht einen so schrecklichen Traum, und wenn es auch Thorheit sein mag: ich hätte nicht eher wieder ruhig sein können, bis ich Dich frisch und gesund vor mir gesehen." „Tu träumtest also, daß ich krank geworden sei oder vielleicht gar gestorben?" Wie in bittender Abwehr erhob sie die Hände. „Laß uns nicht weiter davon sprechen — ich konnte es Dir doch nicht erzählen. Aber ich komme Dir recht kindisch vor, daß ich mich so von einem Traume beeinflussen lasse, nicht wahr?" „Ich bin glücklich darüber, weil es mir beweist, daß Du mich! lieb hast." „Ja, hast Tu denn daran bisher gezweifelt, Bernhard ?" „Nein, aber ich kann mich gar nicht oft genug aufs neue davon überzeugen. Und nun, da Tu mich leibhaftig und lebendig vor Dir siehst, — sind die bösen Traumgeister nun verscheucht?" Inge nickte lächelnd. Aber ihr feines Gesichtchen wurde gleich wieder sehr ernst, und befangen blickte sie vor sich nieder. Bernhard beobachtete sie ein paar Sekunden lang, dann trat er an ihren Stuhl und beugte sich zärtlich über sie herab» „Tu hast noch etwas anderes auf dem Herzen, mein Lieb! Warum zögerst Du, es mir zu sagen? — Kannst Du mir denn nicht alles anvertrauen?" „Ach, es fällt mir so schwer, so furchtbar schwer! Und doch — ich habe ja niemand als Dich, zu dem ich in meinen Sorgen und in meiner Ratlosigkeit flüchten kann. Ohne diesen garstigen Traum hätte ich mich vielleicht noch nicht dazu entschlossen — jedenfalls noch nicht heute. Nun aber, da ich einmal die Unschicklichkeit begangen habe, hierher zu kommen —" „Nun wirst Du mir aucp ganz offen und rückhaltlos beichten, was Dich bedrückt. Ich bitte Dich nicht nur darum, liebe Inge, sondern icy fordere es sogar als mein gutes Recht. Es handelt sich um Deinen Vater — nicht wahr?" „Ja, aber Tu darfst nicht glauben, daß ich gekommen sei, um ihn anzuklagen. Es ist sein Unglück, nicht sein Verschulden, unter dem wir leiden — er selbst gewiß am allermeisten. Er ist nun einmal nicht dazu gemacht, sich in die Enge unserer jetzigen Verhältnisse zu finden." „Nein — es scheint in der That, daß er nicht dazu gemacht ist. Und ich glaube die Ursache Deines Kummers zu erraten. Der Vater hat Schulden — ?" Sie nickte bejahend das Köpfchen. Tas Zucken ihrer Lippen verriet, eine wie grausame Pein diese Geständnisse ihr bereiteten. „Es sind sehr schlimme Schulden, glaube ich. Und jedenfalls viel, viel mehr, als wir in Monaten oder selbst in Jahren bezahlen können. Dabei weiß ich sicherlich noch nicht einmal alles. Der Vater sagt mir ja niemals die volle Wahrheit, wie flehentlich ich ihn auch darum bitte." „Und weshalb schlimme Schulden, liebste Inge? Was ist es, das Du darunter verstehst?" „Ich glaube, es — es sind Spielschulden, Bernhard!" „Ah, das wäre allerdings — woher hast Du diese Vermutung?" „Es kommen ja fortwährend Leute zu uns, die allerlei Forderungen geltend machen — Forderungen, von denen die Mutter und ich niemals etwas wissen. Und da auch recht grobe und ungebildete Menschen unter ihnen sind, kommt es manchmal zu sehr häßlichen Auftritten. Doch das sind immer nur kleine Summen, wie schwer es uns auch bei unseren Verhältnissen werden mag, sie aufzubringen. Aber seit einer Woche erscheint beinahe täglich ein Mann, der nach seiner Behauptung mehr als tausend Mark von dem Vater zu fordern hat. Er sagte es mir, als der Vater sich zum drittenmal vor ihm hatte verleugnen lassen. Und er sagte auch — ach, es will mir nicht über die Lippen: „Er sagte Dir, daß es Spielschulden seien?" „Nein. Und ich habe mich auch vorhin nicht richtig ausgedrückt. Die Verpflichtungen, die er aus seinen Spielverlusten hatte, soll ja der Vater getilgt haben. Der Mann sagte mir, daß er ihm eben dazu das Geld gegeben habe. Gegen Wechsel und Ehrenscheine, wie er es nannte. Das alles sei nun verfallen, ohne daß er sein Geld zurück- bekommen hätte. Und überdies hätte er inzwischen erfahren — nein, ich kann es nicht wiederholen; es ist gar zu schimpflich." „Und doch wirst Tu es mir sagen müssen, mein armes Herz, wenn ich in den Stand gesetzt werden soll, zu raten oder zu helfen." „Er hätte erfahren, daß der Vater ihm unrichtige Angaben über feine Verhältnisse gemacht habe. Er sprach von falschen Vorspiegelungen und davon, daß er sich an den Staatsanwalt wenden würde, wenn er nicht innerhalb weniger Tage sein Geld erhalte." „Nun, und Tein Vater? Hast Du ihm die Worte des Mannes wiederholt?" „Ich mußte es wohl, Bernhard! Aber ich wünschte nachher beinahe, daß ich es nicht gethan hätte. Denn der Vater geriet in eine furchtbare Aufregung. Er drohte, daß er auf der Stelle hingehen und den Menschen als einen nichtswürdigen Lügner und Verleumder mit der Reitpeitsche züchtigen würde. Fast ans den Knien mußte ich ihn bitten, davon Abstand zu nehmen. Und dann, nachdem er sich eine Stunde lang in sein Schlafzimmer eingeschlossen hatte, dann rief mich der Vater herein und gestand mir unter Thränen, es fei alles wahr, was jener gesagt hatte. Wenn er nicht noch einmal Aufschub erhielte, sei er ein verlorener Mann, der sich eine Kugel vor den Kopf schießen müsse. Und schließlich — schließliche verlangte er von mir, daß ich hingehen solle, den Mann nm Aufschub zu bitten." „Ah, das ist — das ist denn doch etwas stark! Du hast ihm natürliche erklärt, daß Tu Dich dazu uiemals hergeben würdest?" Inge schüttelte den Kopf. „Wie hätte ich ihm etwas derartiges erklären können, als er so gebrochen und verzweifelt" vor mir faß! Ich hatte ja keinen anderen Wunsch als den, ihn zu beruhigen und ihn aufzurichten." „Du hast es ihm also versprochen?" „Ja. Ich sagte, daß ich heute hingehen würde. Und ich will es auch thun." „Nein, das wirst Du nicht — unter keinen Umständen! Ich verbiete es Dir auf das Entschiedenste! Dem Himmel sei Dank, daß Du wenigstens Vertrauen genug zu mir hattest. Dich vorher an mich zu wenden. Laß es nun meine Sache sein, diese Angelegenheit zu ordnen. Wie ist der Name des Mannes? Und wo wohnt er?" „Ich werde es Dir nur unter einer Bedingung sagen, Bernhard!" „Und diese Bedingung lautet?" „Du mußt mir Dein Wort geben, daß Du von der Schuld meines Vaters nicht einen Pfennig aus Deiner Tasche bezahlen wirst. Ter Gedanke, daß Du auf solche Art für uns eingetreten wärest, würde mich zu tief demütigen. Ich konnte ihn nicht ertragen. Wenn es Dir gelingt, ihn zur Gewährung einer Frist zu bewegen, so müssen wir auf die eine oder die andere Weise Rat zu schaffen suchen. Und der Vater hat mir ja auch feierlich 287 erklärt, daß es ihm möglich sein würde, in zwei oder drei Monaten das Geld aufzubringen." „Und wenn der Gläubiger nicht in die Frist willigt Tas blonde Haupt des jungen Mädchens senkte sich noch L \X I CL. „Tann müssen wir eben tragen, was wir nicht ändern können", sagte sie leise. „Aber vielleicht ist es doch besser wenn ich selbst hingehe, ihn zu bitten." „Nein, das sollst Du nicht, mein Lieb! Und Du darfst ganz ruhig sein. Ich will Dir das verlangte Versprechen geben. Und Dein Vater soll trotzdem Zeit genug gewinnen, serne Schuld zu zahlen. Laß mich nur endlich die Adresse des schrecklichen Menschen erfahren, der meinem armen Schatz soviel Qual und Sorge verursacht hat!" (Fortsetzung folgt.) Der Simplon-Tumel. Von Arnold Rohde. (Nachdruck verboten.) Ter Srmplonpaß hat schon immer wegen seiner ge- rrngen Höhenlage als Verbindungsweg zwischen Frankreich und Italien eine große Rolle gespielt, und schon seit langer Zeit war die Herstellung einer neuen Schienenverbindung zwischen diesen Ländern geplant. Tie Bahnen auf beiden Serien waren sich schon so nahe gerückt, daß es sich nur noch um eine Verbindungsstrecke von 35 Kilometer handelte, nämlich! zwischen den Orten Brig (an der Nordseite) und ToMo d' Ossola (an der Südseite). Aber diese 35 Kilometer sind in der Luftlinie gemessen, und zwischen den Orten liegt der Gebirgsstock des Simplon. Vor ber' Aufgabe, einen Tunnel durch diesen zu legen, waren bisher die kühnsten Ingenieure zurückgeschreckt. Tie Schwierigkeiten waren außerordentlich! große; denn man hatte es nicht allein mit einer ungewöhnlichen Tunnellänge zu thun, sondern mußte auch mit einer außerordentlich hohen Temperatur rechnen, auf die man sicherlich in der Mitte des Tunnels treffen mußte, und die im Verein mit den giftigen Gasen, und den Dünsten der Explosionsstoffe eine andauernde Arbeit unmöglich gemacht hätten. Man wird begreifen, daß es unter diesen Umständen Aufsehen erregte, als der Ingenieur Brandt, der schon vom Gotthardt- Tunnel her berühmt war, sich! erbot, durch den Simplon einen Tunnel von 19 731 Meter Länge zu bohren, welcher somit der längste der Welt werden sollte. Für die Bahn, welche eine direkte Verbindung zwischen Paris und Mailand Herstellen sollte, lagen die Verhältnisse recht günstig. Während der Gotthardt-Tunnel 1115 Meter über dem Meere liegt, sollte der höchste Teil des Simplon- Tunnels, d. h. eine 500 Meter lange horizontale Strecke nur 705 Meter hoch liegen. Daraus ergab sich an der Nordseite des Berges eine Neigung von nur 2 Prozent, an der Südseite eine Senkung von nur 7 Prozent. Die Einfahrt bei Brig liegt nur 50 Meter höher als die Auffahrt bei Jsella. Das war außerordentlich günstig, und nur das tiefe Niveau des Tunnels — derselbe liegt an einzelnen Stellen 2140 Meter unter dem Berggipfel — gab zu Zweifeln an dem glücklichen Erfolge Veranlassung. Aus der Dicke des darüber liegenden Felsens berechnete man eine Temperatur von 105 Grad Fahrenheit. Bei den Bohrarbeiten des Gotthardt-Tunnels betrug die höchste Temperatur etwa 88 Grad Fahrenheit. Damals erlagen viele Menschen und Pferde der Hitze, und nun sollten die Leute nun gar noch in weit höherer Temperatur arbeiten? Und dennoch schloß die Firma Brandt, Brandauer u. Co. einen Vertrag mit der Jura-Simplon-Eisenbahn, auf Grund dessen sich! erstere verpflichtete, den Bau innerhalb fünfeinhalb Jahren zu vollenden. Und zwar wollte sie gleich! zwei Parallel- Tunnel bauen, von denen der zweite jedoch erst fertiggestellt werden sollte, wenn es der zunehmende Verkehr bedinge. „Was? — Gleich, zwei Tunnel", sagten die Ingenieure. Und bald darauf gaben sie zu, daß Herr Brandt vollkommen im Recht sei. Der zweite Tunnel hatte nämlich den Hauptzweck, dem ersten frische Luft während des Baues zuzuführen. Ueber diese Verwirklichung des Projektes weiß nun „Cassiers Magazine" sehr interessante Daten mitzuteilen. Beim Bau des St. Gotthardt-Tunnels hatte man die Erfahrung gemacht, daß mit dem Falle der letzten Zwischen- ! wand in der Tunnelmitte die Gefahr sofort schwindet, und daß von diesem Augenblicke srische Luft in genügender Menge zutritt. Beim Simplon-Tunnel ist aber die Gefahr ganz vermieden. Der zweite Tunnel soll in einer Entfernung von etwa 55 Fuß mit dem Haupttunnel parallel lausen, und wird in Entfernungen von je 650 Fuß mit dem letzteren durch einen Querschlag verbunden. Die beiden Tunnel laufen in parallelen Kurven bis zum ersten Querschlag. Von dort gehen sie in gerader Linie bis unweit des Endpunktes bei Jsella, in der Nähe von Domo d'Ossola, weiter, wo sie wieder eine Kurve nach Südosten machen, um auf die projektierte, von Süden kommende Eisenbahnlinie zu treffen. Un beiden Linien ist in der Verlängerung der geraden Fäuptlinie ein Stück Leittunnel angelegt, welcher für die richtige Führung der Bohrung erforderlich ist. Man begann auf beiden Seiten mit der Bohrung des Leit- und Nebentunnels. Um die Ventilation zu fördern, bohrte mau einen vertikalen Luftschicht, welcher vom Boden eines kurzen Querschlages ausgeht bis zur Oberfläche des Berges, der an jener Stelle etwa 200 Fuß hoch ist. Sobald die Verbindung zwischen den beiden Tunneln an der Nordseite hergestellt war, entzündete mau auf der Sohle des Luftschachtes ein Holzfeuer und schloß den Eingang zum Leittunnel. Die erhitzte Luft stieg empor und entwich durch den Luftschacht; dadurch wurde frische Luft in den Bau gezogen, gleichsam hineingesaugt, und strich durch den Nebentunnel und den ersten Querschlag. Nun hätte man beim Fortschreiten der Arbeit die Lustzirkulation durch Verschließen aller Querschläge mit Ausnahme der zuletzt hergestellten ständig bewirken können. Man wollte jedoch! ganz sicher gehen, und setzte in den zweiten Tunnel eine Maschine, welche die Luft durch! lange Röhren bis zur Arbeitsstelle pumpt. Auf der Südseite wendete man natürlich! dieselbe Methode an. Nachdem die Ingenieure so die Gefahr beseitigt hatten, ließen sie es sich! angelegen sein, an möglichst vielen Stellen gleichzeitig zu arbeiten. Wenn z. B. der Haupttunnel schon 1000 Meter weit getrieben ist, während der Nebentunnel erst 500 Meter vorgeschritten, so arbeitet man ohne Rücksicht auf letzteren im Haupttunnel eifrig weiter, legt aber immer schon die Querschläge an, welche später die Verbindungen bilden sollen, und treibt dann von diesen aus nach beiden Richtungen, d. h. vor- und rückwärts, je ein Stück Nebentunnel in das Gestein. Schreitet aber die Bohrung desselben schneller vor, als die des Haupttunnels, so thut man die gleichen Schritte zur Förderung des letzteren. Der Haupttunnel, dessen Bohrung schon mehr als 12 000 Fuß vorgedruugen ist, ist gegenwärtig nur etwa 6 ein halb Fuß hoch und etwa 10 Fuß breit; man will ihn vorläufig auch nicht vergrößern. Das volle Profil des Tunnels wird jedoch 16 mal 20 Fuß betragen, und eine starke Nachhut ist dauernd damit beschäftigt, die Seitenwände und die Tachwänd bis zur erforderlichen Breite und Höhe auszusprengen. Die Fütterung mit Mauerwerk beginnt in großem Maßstabe, sobald der Tunnel genügend vorgeschritten ist, um einen gleichzeitigen Angriff dieser Arbeit an verschiedenen Stellen zu gestatten. Das angewendete Bohr- und Sprengsystem bietet keine wesentlich neuen Züge. Alle durch lange Erfahrung erworbenen Verbesserungen kommen zur Geltung. Die Lage und Länge der Bohrlöcher, die Sprengladungen rc., alles ist genau berechnet, um die besten Resultate zu liefern. Die Bohrmaschinen finb von der gebräuchlichen Art, aber einzelne Betriebsteile hat Herr Brandt bedeutend verbessert. Ihr Betrieb geschieht mittels hydraulischer Kraft, die drei Dampfmaschinen von zusammen 300 Pferdekräften erzeugen, und die Hochdruckpumpen und Röhren zum „Ort- stoß" befördern. Später will man die Maschinen durch! Turbinen ersetzen. Die nötige Wassermenge liefert die Rhone durch! Röhren von ettoa 63 Zoll Durchmesser und fast zwei Meilen Länge. Am Südende ist die Wasserleitung fast drei Meilen lang. Wenn das Wafser seinen doppelten Zweck, die Bohrmaschinen zu treiben und die Trümmer nach dem Sprengen wegzuschaffen, erfüllt hat, fließt es durch den Tunnel ab, wo man, oft knietief, in ihm waten muß. Tie Bohrmaschinen laufen auf Schienen, so daß sie leicht zurückgezogen werden können, wenn an der Arbeitsfläche 288 durch die beabsichtigte Anwendung flüffiger tiuft zu Spreng- AtüCtfCTl Tas gegenwärtig gebrauchte Sprengmittel ist Sprenggelatine (auch Sprenggummi genannt), das 18/6 von Nobel entdeckt wurde und zu den gewaltigsten Dynamiten gehört. Der Bedarf an Explosivstoffen stellt sich bei dem Sunplon- tunnel auf etwa 50 Kilogramm pro laufendes Meter, was etwa 4000 000 Mk. Kosten ausmacht. Mittels flüssiger Luft hergestellte Sprengkörper schienen gerade das zu sein, was man brauchte. In Bezug auf Kraft ließen sie nichts zu wünschen übrig, und ihr Preis war verhältnismäßig gering, da sich' flüssige Lu st an Ort und Stelle Herstellen läßt, wenn man reichliche Wassertraft zur Verfügung hat. So ist es z. B. möglich, flüssige Luft in eigens dazu konstruierten Gefäßen 14 Tage und langer Bei Patronen von 6 Zoll Durchmesser wurde die verbrauchte flüssige Luft nicht so schnell verdunsten, daß ne schon einige Augenblicke, nachdem man sie aus ihren^Bade genommen, untauglich wäre. Patronen von diesem Durchmesser würden über eine Viertelstunde wirksam bleiben, das würde zum Laden und Abfeuern genügen. Doch bleibt noch ein großer Nachteil; die Patronen können ftch vorzeitig entzünden, wenn sie durchs einen unglücklichen Zufall mit Feuer in Berührung kommen, und da überall im Simplontunnel nackte Bergmannslampen ältester Form zur Verwendung gelangen, liegt diese Gefahr außerordentlich ""^Professor Linde, der soviel gethan hat, um die flüssige Luft in den Dienst der Industrie zu stellen, leitete diese Experimente persönlich in seinem Laboratorium bei Brig, und seine gründlichen Kenntnisse auf diesem Gebiete verbürgen einen günstigen Erfolg, wenn ein solcher überhaupt möglich ist. Einstweilen ist man von der Herstellung flüssiger Luft zu Sprengmitteln abgegangen; aber, jedenfalls ist es höchst wahrscheinlich, daß man von diesem Sprengmittel später noch viel zu hören bekommt, und vielleicht wird es sogar noch beim. Bau des Simplontunnels eine hervorragende Rolle spielen. Jugendermnerungen eines alten Mannes. Jugenderinnerungen eines alten Mannes (Wilhelm von Kügelgen). Original-Ausgabe. 2O Auflage. Berlin 1901. . Verlag von Wilhelm Hertz. (Besser sche Buchhandlung.) Preis geb. Mk. 2.40. Es - ist wohl nicht von ungefähr, daß der Künstler das Gewand des Buches mit Sternblumen schmückte, vielmehr wollte er damit sicherlich dessen Inhalt versinnbildlichen. Schlicht und lauter, wie der Charakter des Verfassers ist auch der Niederschlag seines Lebens. Empfänglich für alles Gute und Schöne hat er es vor anderen verstanden, wahrhaft zu leben, und so ewige Jugend sich zu erhalten. Das nach seinem Tode herausgegebene Buch ist als nngeschminkte Selbstbiographie, wie als trefflicher Beitrag zur Zeitgeschichte gleich schätzenswert. Einer Kunstler- familie entstammend, und selbst begnadeter Künstler, verstand Kügelgen die höchste Kunst; das heißt zu leben, zu lieben und zu leiden, und das macht ihn zum leuchtenden Vorbild für alle, die das gleiche Ziel verfolgen. Wie der Verfasser ewig jung geblieben, so wird auch dies sein Werk nie veralten, sondern ein unversieglicher Jung- und Gesundbrunnen bleiben für alle, die gleich ihm die Wahrheit redlich suchen, und darum zu ihrer Erkenntnis kommen. Trotz aller Mühsal heiter und harmlos zu sein, und zu einer ab- aeklärten, einheitlichen Persönlichkeit zu werden, kann man von ihm lernen. Unschwer wird der Leser den goldenen Schlüssel zur Lebenspforte finden, wenn er sich von dem erfahrenen Führer leiten läßt. , Daß die Jugenderinnerungen ein selten hervorragendes Familienbuch, sind, bedarf nach dem Vorausgeschickten nicht erst besonderer Erwähnung. Möchten vieler Hauser Pforten sich ihm gastlich erschließen. Bdt. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Apfelsine. mA «erl«8 b«r «rShi'fch-n «*> SteiataiAret (Putsch •*»*»> - *** gesprengt wird. Zwei bis drei Löcher von 6 Fuß Tiefe und 4 Zoll Durchmesser werden gleichzeitig gebohrt. Im ganzen werden jedesmal zehn Bohrlöcher zugleich gebohrt und ab- gefeuerü des Gesteins beansprucht das Bohren dieser zehn Löcher, welche man als Attacke (A'Esfspunkt- bezeichnet, drei bis fünf Stunden. Haben dre Locher. die gewünschte Tiefe erreicht, so zieht man . dre Bohrmaschinen rn sichere Entfernung zurück und füllt jedes Loch mrt etwa 10 Kilogramm Sprenggelatine. Dann entzündet man dre Pulverzünder, und die Arbeiter ziehen sich! erlrg rn den Schutz des nächsten Querschlages zurück. Merkwürdigerweise hört man in 1000 Meter Entfernung keinen Laut mehr von der Explosion, und doch ist in dieser Entfernung der Luftdruck noch so stark, daß er Ohrenschmerzen verursacht. Mit einer gewissen ängstlichen Spannung und Erregung erwartet man jede dieser unterirdischen Explosionen. Dre dunkle Umgebung, die tiefe Stille; denn rn dieser Wartezeit spricht niemand, außer vielleicht . im Flüsterton, vermehrt nur die Spannung des Augenblicks. Doch auch der Minierer nimmt teil an der Erregung. Er hat mißlungene Entladungen zu befürchten, dre stets mit Gefahr und großem Verlust an Zeck und Arbeit verknüpft sind. Bei angemessener Sorgfalt und besten Materialien ist ein solches Mißlingen glücklicherweise sehr selten. Doch fühlt man eine Erleichterung, wenn man den letzten Schuß abgezählt hat und die zu bearbertende Flache einer neuen „Attacke" auszusetzen ist. .. Das etwas langweilige Werk der Trummer-Entfernung geschieht im Simplontunnel mit wenig Zeitverlust. Zu diesem Zweck haben die unermüdlichen Ingenieure _ihrer Ausrüstung eine weitere furchtbare Waffe, ern riesiges, 300 Fuß langes Luftgewehr mit einem Kaliber von 6 ern halb Zoll hinzugefügt. Dies Gewehr ist mit gepreßter Luft unter einem Druck von 100 Atmosphären geladen und feuert ern Wurfgeschoß von 900 Gallonen Wasser ab. Wir werden gleich sehen, in welcher Weise man sich desselben bedrent. Sobald erst die Kanone an Ort und Stelle gebracht ist, will man von den Pulverzündern abgehen und das Zünden mittels Elektrizität besorgen. Auf diese Weise wird es möglich! sein, den Sprengstoff m den Bohrlochern und das Gewehr gleichzeitig abzufeuern. So wrrd rn demselben Augenblick, in dem der Sprengstoff den ma stven Felsen in Keine Stücke sprengt, ein riesiges Volumen Wasser gegen die Trümmer geschleudert, das dieselben augenblicklich mit fortwäscht, und sie etwa 50 Meter weiter tmrnelabwarts an den Wänden absetzt. Herr Brandt hatte schon Gelegenheit, fein hydropneumatisch,es Gewehr an anderer stelle zu erproben und fand es äußerst zweckentsprechend. Ob es aber inzwischen hier schon Anwendung gefunden hat, ist mrr nicht bekannt. . . . Eine weitere sinnreiche Erfindung ist die beabsichtigte Anwendung des Wassers zu Kühlzwecken; man setzt große Hoffnungen auf dieselbe für die Zeit, da man sich der Tunnelmitte nähern wird, und sich aus hohe Temperaturen gefaßt machen muß. Man beabsichtigt, die Luft tm Tunnel mittels frischen Bergwassers abzukühlen, das man durch Röhren in den Tunnel einführen und an den Arbeitsstellen zu einem feinen Sprühregen zerstäuben will. Auf diese Weise hofft man die Temperatur unter 75 Grad Fahrenheit festzuhalten. ■ Nach, den Kontraktbedingungen erhalten die Herren Brandt, Brandauer u. Co. - so heißt die Ingenieur-Firma - von der Eisenbahngesellschaft 70 Millionen Franken für ihre Arbeit. Der Tunnel muß, bis zum 13. Mar 1904 vollendet sein, widrigenfalls die Unternehmer eure Buße von 4000 Mk. pro Tag zu zahlen haben. Andererseits erhalten sie für jeden Tag früherer Fertigstellung eine Vergütung von 4000 Mk. Schreitet das Werk in demselben Maße fort, wie. jetzt, d. h. 16 bis 22 Fuß pro Tag, und treten keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten ein, so kann der Bau m der fest- aesetzten Zeit fertig sein; sobald man das hydropneumatische Gewehr in Betrieb setzen wird, kann man das Werk noch täglich um 6 ein halb Fuß mehr fördern. Doch! hat man noch günstigere Aussichten, Zeit zu gewinnen, und zwar