Ilfflp »kW M) « äM®Ä ia§ ab von diesem Zweifeln, Sleubm, Bor dem da- Beste selbst zerfällt, Und wahre dir den vollen Glauben An diese Welt trotz dieser Welt. Schau hin auf eines Weibe- Züge, Das lächelnd auf den Säugling blickt, Und fühl'-, eS ist nicht alle- Lüge, Was un- daS Leben bringt und schickt. Und, Herze, willst du ganz genesen, Gei selber wahr, sei selber rein! WaS wir in Welt und Menschen lesen, Ist nur der eig'ne Widerschein. Theodor Fontane. (Nachdruck verboten.) Der Bauer vom Wald. Mv-lle von Anton v. Perfall. (Fortsetzung.) La wandte sich der Alte, mit der Rechten aus den Tisch sich stützend, und beugte sich weit vor. Ein haßerfülltes Grinsen verzerrte das verwitterte Gesicht, um das bereits die Schatten des Todes sich zogen. „Ja, dann freili — wenn Tu da bist, Geier, verdammter! Bauer vom Wald! Hab'n s' Di net so g'heiß'n? Bauer vom Wald, schämst Di net, z'komma, den Sohn gegen den Vater z' hetz'n, sei' Heimat zu verschachern?" „Schasst mir den Narr'n vom Hals!" schrie jetzt Johannes, vom Stuhl aufspringend, von Entsetzen gepackt vor dem auf ihn eindringenden Greis. Ter junge Mann legte die Arme um den Alten und zog ihn zurück. „Sei do g'scheidt, Vater; 's laßt si' amal nimm« ändern. Mach' do keine G'schicht'n! Er meint’§ ja guat mit uns, der Johannes." Ta knirschte der Alte auf in grimmigem Hohne. „Hör' mi, Bauer vom Wald" — er wandte sich noch einmal au Johannes, und seine gebrochene Gestalt schien sich zu strecken — „verflucht sollst sein, in Zeit und Ewigkeit für das, was T' mir heut' authan hast! Mit ein’m Fuah im Grab ruaf i Dir's zua." Er schüttelte die Faust gegen Johannes, daun sank er ermattet zurück in die Arme seines Sohnes, der ihn aus der Stube führte. Johannes war wachsbleich. Vergebens gab er sich Mühe, wenigstens vor dem Beamten sich zu fassen. Derselbe hatte keinerlei Erwiderung auf seine Aeußer- ungen von Undank, Dummheit, ausgesprochenem Wahnsinn. Er zog wieder bedenklich die Falten auf der Stirne in die Höhe und klopfte mit dem Federhalter auf den Tisch. „Bin i Denn der Käufer? Der Käufer is der Poleutz. Sind S' so guat und mach'n Sie/ mi net a no zum reinsten Gurgelabschneider." Ter Notar warf einen scharfen Blick hinüber und lächelte herbe. Unterdes trat der Sohn ein. „Entschuldigens g'rad, Herr Notar! Er is ganz ausanander, der Vater —" „Haben Sie noch etwas einzuwenden, zu berichtigen?" fragte dieser, ohne weiter auf die Worte zu achten. „Sie, Herr Altinger?" Beide verneinten. Ter Schreiber verlas das Protokoll. Ter Bot' und Johannes unterzeichsteten. Dem letzteren zitterte die Hand; er konnte kaum feinen Namenszug vollenden. Tab ei war es ihm immer, als höre er von neuem das Schleifen auf dem Gange, als müsse jeden Augenblick die Thüre sich öffnen, der entsetzliche Alte wieder erscheinen. Hastig zählte er die Anzahlung von fünftausend Mark ans den Tisch. Wenn er nur erst glücklich fort wäre aus diesem entsetzlichen Hause! Tew alten Brauche nach mußte er den Verkäufer zu einem Schoppen einlaben. Vergebens hoffte er, derselbe werde ihn unter diesen Umständen ausschlagen. Aber er täuschte sich; der Notar schützte Geschäfte vor und fuhr eilig davon, als wenn ihm selbst nicht mehr recht geheuer wäre in diesem Hause. Johannes waren mit der Zeit diese Trinkgelage zur Gewohnheit geworden, welche mit dieser Art Handelschaft unzertrennlich sind. Heute war es ihm wahrlich nicht darum zu thun; aber die erregten Nerven zitterten nach; so trank er hastiger als sonst seine Art war, dabei fühlte er das Bedürfnis, sich dem jungen Manne gegenüber zu verteidigen, ihm einerseits das Unrecht begreiflich zu machen, das ihm der Vater angetha«, andererseits die großen Vorteile des Verkaufes. Dieser kam bei dem schweren Roten, den Johannes auffahren ließ, rasch über Die eben empfangenen Eindrücke und das leise Gefühl von Reue hinweg, welches das Benehmen des Alten in ihm wachgerufen hatte. Tie Neugierde, das Nähere zu erfahren über den Verkauf, trieb weitere Gäste herbei. In einer Stunde waren alle Tische besetzt. Johannes hatte das Bedürfnis, den Großmütigen zu spielen. Ein Faß Mer wurde auf seine Rechnung aufgelegt. Damit war auch der Groll vergessen, den man gegen 222 ihn hegte, und als dev Bot' endlich die unmäßige Summe nannte, die er für sein Anwesen bekomme, da überwog der Neid alle anderen Regungen, und man rückte näher an den Johannes. Man klagte und lästerte über den Bauernstand, legte alle seine kleinen Leiden bloß und pries den Verkäufer glücklich, der der ganzen Plackerei nun ledig sei. Die schwach vertretene Gegenpartei tarn nicht dagegen auf mit ihren Einwänden. Johannes thaten diese Reden unendlich wohl, der Fluch des Alten, der ihm immer noch im Ohre saß, wurde durch dieselben gleichsam aufgehoben. Wenn Dutzende ihn segneten, in ihm geradezu den Befreier sahen von schwerer Lebenslast — was lag da an einem hinfälligen Greis, dem körperliches Elend die Sinne verwirrte? Jetzt dachte er selbst nicht mehr an das Fortgehen, er schrie sich alle Sorgen hinweg — der Wein that das übrige. Es dunkelte schon in der Stube. Draußen fegte ein Sturmwind um die Strohdächer, welcher durchaus nicht zum Aufbruch einlud. Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Man ließ den Johannes leben, selbst seine Gegner stimmten ein. Er dankte gerührt, sprach vom verstorbenen Minister, dem Grafen Waradin, wiederholte seine Worte — „Sie sind ein hraver Mann, und ich verlasse mich auf Sie" — kam dann auf schwarzen Undank, harten Beruf, bis ihm die Stimme vor Rührung erstickte. Plötzlich riß einer von den Gästen das Fenster auf. Ver- worrene Rufe drangen herein. Ein roter Schein flog auf über dem Nachbarhaus. — „Feuer!" rief eine Stimme. Man überstürzte sich, warf Tische und Bänke nm, eilte in das Freie. Das ganze Torf war lebendig. „Beim Boten brennt's!" Zerstoben war die ganze.Gesellschaft. Tie Sturmglocken läuten, Spritzen rasseln. Vor Johannes drehte sich alles im Kreise, der Wein pochte im Gehirne. Er wär allein! Und doch muß er hin! Es ist ja sein Anwesen, das brennt! Da schoß ihm ein Gedanke auf. Der Alte! Jetzt lief er die Dorfftraße hinab. Die Hellen Feuergarben zuckten schon empor über die Dächer. Ein Knäuel Menschen versperrte ihm den Weg. Er brach sich Bahn, stand vor dem brennenden.Hofe. Ter Sturm beugte die Flammen und fegte sie im quirlenden Rauche, in lohenden Fetzen über das Dorf. Tas Vieh brüllte laut im hell erleuchteten Stalle, dessen Thür weit offen stand. Johannes sah die in der Todesangst au ihren Ketten reißenden Tiere, rauchumhüllte Männergestalten, er sah seinen treuen Schimmel sich bäumen und zerren. Er wollte hineineilen, helfen, retten. Da trat ihm aus Glut und Rauch eine rußgeschwärzte Gestalt entgegen, die Fetzen eines Hemdes umflatterten sie. Das Antlitz mit dem versengten Haare war grauenhaft entstellt. Der Mensch lachte grell auf und warf die langen Arme wild umher. Ter Alte war es, den der Wahnsinn erfaßt hatte. Johannes prallte zurück, wollte ihm ausweichen, da erkannte ihn der Entsetzliche. Eine wilde Lache erschütterte die Luft. Er kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. „Bist endli' da, Johannes? Hui! Was sagst Du zu dem Feuert? Hui! Was sagst zu Dein'm Hof? Schau 'nein! Siehst Dein' Schimmel? Hui! Hui! Judas! Judas!" Ter Wahnsinnige umklammerte ihn, zerrte ihn dicht gegen den Feuerherd. Johannes rief um Hilfe. Mit Gewalt inußte man die Finger des Wahnsinnigen lösen, die sich an seinen Hals fest gekrallt; bann entwischte der Unglückliche mit einer raschen Wendung und eilte zurück in das brennende Haus. Man hatte keine Zeit mehr, sich; um ihn und den vom Entsetzen gelähmten Johannes zu kümmern. Tas Flugfeuer hatte an anderen Stellen gezündet. Dazu raste der Sturm und vermehrte die Gefahr. Als Johannes sich ans seinem Taumel erhob, war die Nacht taghell von der feurigen Lohe. Eben stürzte der Dachstuhl des Hauses vor ihm krachend in die Glut. Er gedachte schaudernd des furchtbaren Alten, und wo er sich hinwandte, überall Flammen, Schreckensrufs, fliehende Menschen. Ter schrille Glockenanschlag der von allen Nachbarorten herbeieilenden Feuerwehren mischte sich mit den dumpf dröhnenden Akkorden vom Kirchturme herab zu einer düsteren Melodie. Tas ist alles dein Werk! — Der Alte hat's gethan, aber doch ist es Dein Werk! Und es war ihm plötzlich, als ob man von allen Seiten seinen tarnen riefe, haßerfüllt, drohend. In das Feuer mit ihm, mit dem Judas — dem Judas! Ta floh er in die Nacht hinaus über die Felder. Der vor ihm herfliegende Feuerschein wies ihm den Weg. Nur weiter — weiter. Oft strauchelte er, stürzte er aus den vom Regen durchfeuchteten Aeckern. Immer wieder auf! __ Ter gaukelnde Schein trieb ihn vorwärts, als ob die Flamme selbst hinter ihm drein liefe. Endlich hatte er die Straße, erreicht, ein Wald nahm ihn auf. Ermattet fiel er auf den Boden. Tie feuchte Kälte trieb _ ihn wieder auf. Er verließ den Wald. Ein Blick zurück ließ ihn schaudern. Die Höhe, auf welcher das Dorf stand, lag in roter Glut. Bald lohte sie hoch auf, bald schien sie sich hinter den schwarzen Horizont zu verkriechen. Er gedachte seines getreuen Schimmels, er hörte seinen Todesfchrei; dann tönte es wieder schrill durch den Sturm: Judas — Judas! Von neuem trieb es ihn vorwärts, der Stadt zu. Mitternacht war bereits vorüber, als er vor dem Palais Polentz anlangte, die Füße trugen ihn kaum mehr. Alle Fenster im ersten Stock waren erleuchtet. Ein bekannter Walzer wurde auf dem Klavier hernntergeleiert, während die Schatten Tanzender sich auf den geschlossenen Vorhängen abzeichneten. Johannes mußte lachen über das tolle Völkchen da oben, es tanzte noch zuletzt dem Tod in den Rachen. Ein matter Schein rechts zu ebener Erde wirkte sonderbar ernst dagegen. Dort lag das Kontor des Polentz. Offenbar war er noch darin und saß bei der Arbeit. "" (Fortsetzung folgt.) Die Leseratte. Novellette von Michel T r i 0 e l e y. Autorisierte Uebersetznng ans dem Französischen. Bon H. L e o n a r d i. (Nachdruck verboten.) Jeder nimmt sein Vergnügen, wo er es findet. Viele der heutigen jungen Leute suchen es auf Bällen und im Theater, auf Ausflügen mit dem Rad und Automobil durch Gottes freie, schöne Natur, auf dem Rennplätze oder beim Wassersport, oder sie verlegen sich in Ermangelung sportlicher Neigungen auf das Sammeln von Münzen und Altertümern. Ernst Brunel, der Held dieser Geschichte, ein sechund- zsvanzigjähriger junger Mann mit angenehmen, intelligenten Zugen und sehr beträchtlichem Vermögen, zählte zu keiner dieser Gattungen, und doch ritt auch er ein Steckenpferd — er war ein leidenschaftlicher Freund der Lektüre. Nicht von Romanen und Novellen, — obwohl er die fesselnden Erzählungen „unter dem Strich" der Zeitungen auch nicht zu verachten, sondern das Schicksal mancher jugendlichen Helden im Kampfe gegen Falschheit und Jntrigne mitunter voll Interesse zu verfolgen pflegte, — allein das galt ihm 'oznsagen nur als Nebengericht, als Dessert. Seine Hauptkost waren solide alte Schmöker, Klassiker, historische Werke, Memoiren nsw. Er durchforschte die Kataloge der Bibliotheken, subskribierte auf neue Ausgaben und kaufte auf Auktionen ganze Bibliotheken ay; kurzum, obwohl er bereits so viel gelesen, daß seine Freunde die „Leseratte", wie sie ihn nannten, für ein wandelndes Lexikon erklärten, schien er von einer Art unstillbaren, litterarischen Heißhungers besessen. Erschienen Sonntags seine Freunde, um ihn zu einer Spazierfahrt, einem Konzert oder sonst dergleichen abzu- holen, so pflegte er in der Regel abzulehnen. „Nein, nein, vielen Dank, mein Bester, aber zählt heute nicht auf mich." „Warum?" klang es dann wohl zurück. „Hast Du schon eine andere Verabredung?" „Tas nicht, aber ich möchte lieber daheim bleiben." „Um zu lesen?" hieb es dann spöttische Doch der an den Sarkasmus seiner Freunde Gewöhnte ließ sich dadurch nicht verstimmen. „Allerdings. . . um zu lesen." „Aber Mensch, diese Sucht ist doch die pure Verrücktheit", mehlte eines Tages sein Freund Jacob. „Verrücktheit? Warum denn?. . . Hältst Tu es etwa für vernünftiger, wenn man wie Du seine Zeit bei den Gemäldehändlern verbringt, die Deine Unschuld ausbeuten, um Dir die Pinselei irgend eines Schmierers als echten iliubens oder Rembrandt anzupreisen?" Jacob fühlte sich beleidigt. „Erstens, mein Lieber, bin ich nicht ganz so einfältig wie Tu mich hinzustellen beliebst. Und falls ich meine Sammlung morgen verkaufen wollte, würde ich zweifellos ein schönes Sümmchen dafür erzielen. Doch selbst, wenn ich mich, wie Du behauptest, wirklich einmal anführen ließe, gestatten meine Verhältnisse mir diese kleine Liebhaberei. Jedenfalls — und das ist eben die Hauptsache — nimmt meine Sucht — falls von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, nickst meine ganze Zeit in Anspruch, sondern läßt mir genügend Muße zum Spazierengehen, zuni Besuch von Theater, Konzerten, Bällen, kurzum zu den meinem Alter angemessenen Vergnügungen, während Du. . . Jst's nicht geradezu lächerlich? . . Sag' mal, hast Du Dir wohl schon jemals ein Mädchen näher angesehen? Kennst Du den Reiz eines Beisammenseins im lauschigen Salonwinkel, eines kleinen Flirts mit einem dieser allerliebsten Kinder voll Reiz und Anmut? Hast Du sie studiert, sie mit einander verglichen, Dir eine Meinung über sie gebildet, damit Du Dich eines schönen Tages nicht etwa ohne Ueberlegung in die Ehe stürzest?" „In die Ehe? Aber wer denkt denn an die Ehe? Ich jedenfalls nicht. . . weder jetzt noch später." „Na, das ist wahrhaftig der Gipfel! Gedenkst Du dieses trübselige Klausnerleben bis ans Ende Deiner Tage fortzuführen ?" „Trübseliges Klausnerleben? Hm, das ist Ansichtssache. Habe ich nicht meine Bücher? Sieh", fuhr er, auf ein in gelben Maroquin gebundenes Buch deutend, fort, „nie könnte das Glück der Ehe — falls es überhaupt ein Glück zu nennen ist — mir so viel Freude und Befriedigung gewähren, wie der Fund, den ich heute z. B. unter einer Anzahl von Büchern gemacht, die ich gestern auf einer Auktion erstanden. Ernst nahm das Buch, schlug es auf und zeigte Jacob den Titel. Memoiren des Chevalier de Grignotel über die letzten Reunions der Madame de Maintenou in Versailles. Jacob zuckte die Achseln. „Als ob Du nicht schon vollgepfropft mit Memoiren wärst und die Geschichte der Main- tenon in- und auswendig kenntest! Und wer ist denn überhaupt dieser Chevalier de Grignotel?" „Ah, siehst Du wohl", lächelte Ernst triumphierend, „ein Unbekannter! Noch kein Kritiker, kein Archivar hat ihn bisher in der Geschickite ausfindig gemacht! Ein Vergessener, und dieses Exemplar seiner Memoiren vielleicht das einzig noch vorhandene! . . . Ein ganz famoser Fund, sage ich Dir." , „Na, nur immer weiter, Du Unverbesserlicher", brummte Jacob. „Ter Unverbesserliche bist Du, der nicht zu begreifen vermag, wie fesselnd und anziehend . . ." „Ach geh' mir mit Deinen Schmökern. Für mich sind hübsche Frauen jedenfalls fesselnder und anziehender. Und nun sei einmal vernünftig, laß Deinen Chevalier schießen und begleite mich zum Rennen. Ein herrliches Wetter heute. Die Damenwelt wird in ihren schönsten, duftigsten Toiletten erscheinen. Und dazu all die schönen Gesichter, kurzum eine Gelegenheit, das Leben lieb zu gewinnen. Nun thu' mir den Gefallen und komm!" Jacob hatte den Freund am Arm gefaßt und suchte ihn mitzuziehen, doch Ernst wehrte ihm. „Nein, nein, ich bin fest entschlossen, zu Haufe zu bleiben." „Bei Monsieur de Grignotel?" „Schön. Thu' wie Du willst, vergrabe Dich meinetwegen in Deinen Folianten, Tu Leseratte, während draußen der Frühling lacht und das frische, fröhliche Leben braust. Ich halte nicht mit. Adieu!" Und fori war er. Ernst hatte es sich in seinem Faullenzer bequem gemacht und sich in die geistvollen, witzsprühenden Memoiren vertieft. Eine halbe Stunde, mochte er gelesen haben, als seine Finger beim Versuche, das Blatt zu wenden, auf einen gewissen Widerstand stießen. Bei näherer Besichtigung ergab es sich, daß zwei Blätter am Rande zusammengeklebt waren. Vorsichtig, mit Hilfe seines Federmessers und etwas warmen Wassers löste er die Kleberänder und — stieß einen Laut der Ueberraschung aus. Zwischen den beiden Blättern lag eine Tausendfranknote. „Was bedeutete das? Wie kam der Schein in dieses Buch? Natürlich untersuchte er sofort sämtliche Blätter des Bandes und entdeckte noch zwei weitere Tausendfranknoten. Wäre er ein armer Teufel in Geldnöten gewefen, so hätte dieser ihm so urplötzlich in die Hand gefallene Schatz vielleicht Veranlassung zu sehr naheliegenden Erwägungen gegeben und möglicherweise zu einem Kompromiß mit seinem Gewissen geführt. Da er aber, wie gesagt, sehr vermögend war, kam nur ein Gedanke für ihn in Betracht: wie er den rechtmäßigen Eigentümer des Geldes ausfindig machen und ihm sein Eigentum wieder zustellen könne. Doch wo und wie ibn finden? Dieses Buch hatte er auf einer Auktion erworben? Durch wieviel Hände mochte es daher schon gegangen sein? Und wer bürgte ihm dafür, daß der letzte Besitzer zugleich der rechtmäßige Eigentümer des Geldes war? „Pah!" sagte er schließlich mit der reichen Leuten eigenen Gleichgiltigkeit in Geldangelegenheiten, „was soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Ich werde diese dreitausend Franks dem Maire meines Bezirks zur Verteilung an die Armen überweisen, das wird das Beste sein. Und zufrieden mit seinem Entschlüsse versenkt er sich aufs neue in die Memoiren des Chevalier de Grignotel. Allein seine Gedanken wollten den Augen nickst folgen, *>ph Sinn der Zeilen nicht erfassen. Was hatte er nur? Er begrijf sich selbst nicht. Sein Gerechtigkeitsgefühl, sein zartes Gewissen wollten sich mit seinem Entschlüsse nicht zufrieden geben. Diese dreitausend Frank den Armen schicken — das war leicht gesagt und leicht gethan, aber war cs auch das Richtige, Pflichtgemäße? Im Geiste sah er einen armen Mann, den der Hunger bewogen, dieses Buch, dessen Wert er nicht geahnt, für ein bis zwei Frank an irgend einen Antiquar zu verkaufen. Tann spann seine Phantasie einen ganzen Roman aus. Eine alte, vornehme Familie, deren Mittel allmählich auf die Neige gegangen, hatte sich schließlich gezwungen gesehen, all ihre Wertgegenstände, Gemälde, Mobiliar, Bibliothek usw. zu veräußern. Welche Freude würde es den braven Leuten gewähren, wenn sie diese Ersparnisse, die ein etwas sonderlicher Ahne an dieser Stätte geborgen, zurückerhielten! Und immer romantischere, rührendere Episoden zogen an seinem Geist vorüber. Dabei war sein Blick träumend ins Leere gerichtet, und der Chevalier de Grignotel lag vergessen in seinem Schoß. — — .— — — — j— <— — — — Am folgenden Morgen war Ernsts Entschluß gefaßt. Er wollte beit ursprünglichen Eigentümer des Buches zu erforschen suchen und machte sich alsbald auf den Weg. Aber das war keine leichte Sache. Ohne des kostbaren Inhaltes des Bandes zu erwähnen, fragte er zunächst den Auktionator. Dieser sandte ihn zu einem Antiquar, der das Buch von einem Papierhändler erhalten hatte. Letzterer verwies ihn an einen Trödler, und dieser erklärte, daß er den Memoirenband mit verschiedenen anderen Gegenständen von einer Familie in der Rue St. Antoine erworben. Namen und Hausnummer kannte er leider nicht. Eines Morgens — es mochte etwa sechs Monate her sein — war ein junges Mädchen mit — 224 einem Korbe voll der verschiedensten Sachen bei ih-m erschienen, die es ihm zum Kauf angeboten; unter anderem zwei Kandelaber, einen silbernen Serviettenring, ein Trinkhorn aus ciseliertem Kupfer und ein Dutzend alte Bücher, und er hatte für alles zusammen vierzig Frank gezahlt. ,Haben Sie keinen Empfangsschein über diese Summe?" fragte Ernst. „Nein mein Herr. Das Fräulein kam im Namen ihrer kranken Mutter, und ich sah. daß ich es mit unglücklichen aber ehrlichen Leuten zu thun hatte. Daß sie in der Rue St. Antoine wohnen, hat sie mir so beiläufig gesagt, aber chren Namen habe ich nicht behalten. Mir ist so, als wäre es Durand oder Duval oder so ähnlich gewesen. Ja wirklich, es könnte Duval sein oder am Ende auch Martin. . ." Mehr war durchaus nicht in Erfahrung zu bringen. Andere an Ernsts Stelle waren dadurch entmutigt Worden, ihn aber reizte die Schwierigkeit, und noch zur selben Stunde begann er seine Suche. Täglich besuchte er eine Anzahl von Häusern in der unendlich langen Rue St. Antoine und hielt eingehende Nachforschungen bei Portiers, Bäckern, Fleischern und sonstigen Lebensmittellieferanten. Aber wieviel Schwierigkeiten ergaben sich hierbei. Wie oft ward er von Pontius zu Pilatus gesandt, um schließlich, wenn er sich bereits am Ziel wähnte, einen Irrtum zu erkennen. Wohl ward ihm bei diesen Wanderungen manche Not, manche Armut offenbar, doch nicht die gesuchte. Doch auch an dem vom Zufall ihm enthüllten Elend vermochte er nicht kalt und unempfindlich vorüberzugehen; vielmehr pflegte er von seinen Gängen stets mit leerem Portemonnaie heimzukehren. Schon seit drei Wochen befand Ernst sich auf der Suche und konnte nicht umhin, gewahr zu werden, daß er dabei unsinnige Summen verausgabt und seine bisherige Liebhaberei — die Lektüre — unterdessen vollkommen vernach- nachlässigt hatte. Dennoch vermißte er sie nicht; im Gegenteil, er hatte sich noch nie so glücklich gefühlt. Eine neue Liebhaberei, die des Wohlthuns, erfüllte fein ganzes Sein und gewährte ihm eine ungleich höhere Freude und Befriedigung chls die alte Leidenschaft. Rue St. Antoine Nr. 207, ganz oben im Mansardenstock. Ernst klopfte, nachdem er sich vergebens nach einem Glockenzuge umgesehen. Ein junges Mädchen, eine schlanke Brünette mit edel- geformten Zügen und großen, sanften , schwermutsvoll lickenden dunklen Augen öffnete ihm. Ohne recht zu wissen warum, hätte Ernst in diesem Moment sein halbes Vermögen darum gegeben, die Gesuchte vor sich zu haben. Nach einigen erllärenden Worten begann er seine gewöhnlichen Fragen, und bald verklärte ein Lächeln des Triumphes sein Gesicht. Welches Glück! Es blieb kein Zweifel, sie war es. Estelle de Fonterive lebte allein mit ihrer leidenden Mutier, welche durch einen betrügerischen Advokaten um ihr ganzes sehr beträchtliches Vermögen gebracht worden war,' sodaß Estelle, um die Apothekerrechnung bezahlen können, zu Anfang des Winters genötigt gewesen war, verschiedene Gegenstände, darunter auch den bewußten Me- morrenband, den sie in einer alten Truhe gefunden hatte, zu verkaufen. Man kann sich die Freude der beiden Frauen beim Empfang der dreitausend Frank und ihre Dankbarkeit gegen Ernst vorstellen, als sie erfuhren, wie schwer es gehalten, den Eigentümer des Geldes ausfindig zu machen. Und als er vor seinem Scheiden um die Erlaubnis bat, wiederkommen zu dürfen, ward seiner Bitte gern Gewährung. „Wie? Was?" rief Jacob in starrem Staunen. „Du verlobt? ... Na, da schlägt's dreizehn! . . . Wer in aller Welt ist Estelle de Fonterive, und wie bist Du zu ihrer Bekanntschaft gelaugt?" „Durch gütige Vermittelung veK Chevalier de Griß- notel. Ja, ja, mach' nur kein so ungläubiges Gesicht, es ist, wie ich Dir sage. Nur meiner vielgeschmähten Lesewut verdanke ich das holdeste Glück meines Lebens —• meine Braut. Gemeinnützige». Passifloren. Wer kennt sie nicht, die PasswnS- blumen, mit ihren tief dunkelgrünen Blättern, mit denen die lieblich duftenden roten oder weißen Blüten so angenehm kontrastieren? Wie leicht kann man sich von diesem willig wachsenden, rankenden Gewächs einen grünenden, blühenden, duftenden Rahmen um das Fenster bauen, wie einfach ist die Pflege, wie gern heftet man die wachsenden Ranken immer wieder an das vorher gebaute, zierliche Holzgestell, um recht bald eine dichte, grüne Guirlande zu bekommen. Besonders zwei Sorten: Passiflora coerulea var. Constance Elliot und Passiflora kermesina var. Londoni sind für den Zimmergärtner zu empfehlen. In welcher Weise die Passiflora das ihr zur Bekleidung gebaute Gestell berankt, sowie eine Anleitung zur erfolgreichen Pflege ist aus der neuesten Nummer des „Praktischen Ratgebers im Obst-- und Gartenbau" zu ersehen. Dieselbe ist vom Geschäftsamt der Zeitschrift zu Frankfurt a. O. zu beziehen. Spengler, Schlosser, Schreiner rc. können ihre mit Farbe, Lack rc. besudelten Hände schnell und gründlich reinigen, wenn sie dieselben trocken mit Fett gut einreiben, und dann mit Seife abwaschen. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Litterarlfches. WaS mutz mau vou der Schöpfungsgeschichte wissen? Diese Frage beantwortet allgemeinverständlich und in fesselnder Darstellung ein Büchlein von Dr. R. Konrad, das soeben im Verlage von Hugo Steinitz, Berlin, erschienen ist. Die ebenso intereffanten, wie schwierigen Kapitel von Schöpfungsbericht und Wissenschaft, dem Aller der Sonne, der Erde und des Menschengeschlechtes, dem Ursprung und der Entstehung unseres Sonnensystems, den Anfängen der Erdgeschichte, dem Ursprung des organischen Lebens aus der Erde, der Urzeugung, von der Abstammung und dem Ursprung des Menschen, seinen ersten Spuren auf der Erde — 'sie alle finden hier nach den Ergebnissen der modernen wissenschaftlichen Forschung eine kurz zusammenfassende, aber hinreichend unterrichtende Besprechung. Es gewährt dem gebildeten Laien einen eigenen Reiz, sich in diese Lektüre zu vertiefen, welche über Zeiträume von Jahrtausenden hinwegführt, und scheinbar phantastische Perspektiven eröffnet, die doch auf den strengen Forschungen der modernen Naturwiffenschaften begründet sind. Es ist, wenn man will, eine Art naturwissenschaftlicher Romantik in diesem Büchlein enthalten, feffelnder als jede Romanlektüre, und doch zugleich sich nicht von dem Boden der Wirklichkeit und der Forschung entfernend. Der Preis des Buches beträgt nur 1 Mark. Delphischer Epruch. Nachdruck verboten. Lieblich glänzt es im Strauß, den ich der Paula verehrte, Sie draus setzt eS mir vor, aber ihr Herz war darin. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlenrätfels in voriger Nummer: Pantomime, Anton, Rote, Lanne, Ottomane, Minna, Inn, Motte, Emma. 8. Preisrätsel für Burenfreuude.*) Kapselrätsel. Nachdruck verboten. bei, eel, de, der, ex, fal, gast, krei, kfl, lenz, pin, ecbel, eohnei, sei, sei, ter, wol. AuS vorstehenden 17 Silben sind 8 Wörter zu bilden von nachstehender Bedeutung: 1. Insekt; 2. Spielzeug; 3. Gefäß; 4. Fluß in Belgien; 5. Titel; 6. Malgerät; 7. Handwerker; 8. Stadt in Pommern. In jedem dieser Wärter ist wieder ein andere» Hauptwort cingekapselt, und die Anfangsbuchstaben dieser eingekapselten Wörter bezeichnen im Zusammenhang einen Teil des Jahres. *) Lösungen sind mit Aufschrift: „PreiSrätsel-Lösung" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Stetzene« einzusenden. Redaktion: E. Burkhardt. — »ret und Verlag der Brühl'scheu UnirerfitütS-Buch» und Eteindruckcrei (Pietsch Erden) in Gießen.