Donnerstag den 21. Februar 1901. 4 M ia§ sie fritteln, laß sie lachen, Schließ voll Gleichmut deine Ohren; Wer es allen recht will machen, Geht am End' sich selbst verloren. . @. Keil. (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) Neunzehntes Kapitel. Ein Orkan. Wir hatten die kanarischen Inseln passiert, eine derselben, Palma, sogar gesichtet. Das Schiss befand sich nun in den Breitegraden, wo der Nordostpassat gewöhnlich zu wehen beginnt. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit hatte in den letzten sieben Tagen über zweihundert Seemeilen betragen, und allem Anscheine nach konnten wir auf eine schnelle Reise rechnen. Inzwischen hatten wir den Winter weit hinter uns gelassen. Die Sonne wurde von Stunde zu Stunde wärmer, und unsere Schatten an jedem Mittage kürzer. Am 14. Februar schien der Wind uns untreu werden zu wollen. Es war gegen vier Uhr nachmittags, als Richard in unsere Kammer trat, wo ich gerade in meinen Kleidern kramte. „Ein vollständiger Temperaturwechsel, aber immer besser als Schnee und Eis, nicht wahr, Jeß? Wenn nur der niederträchtige Wind nicht abflauen wollte. Ich hatte so fest darauf gerechnet, daß er uns in den Passat hinein- vringen würde." „Vielleicht zeigt dieser Wechsel eben den Passat an." „Das wäre sehr schön", meinte er, „leider haben wir vorläufig aber erst einen schweren Sturm in Aussicht. Sieh Dir einmal das Barometer an. Das ist ein ganz bedenkliches Fallen seit zwei Stunden." Er zog einen leichten Rock an und ging an Deck. Ich folgte ihm, nicht ohne vorher noch einmal das Barometer zu betrachten, wobei ich bemerkte, daß das Quecksilber noch immer fortfuhr, zu fallen. Die Bark trieb in völliger Windstille. Die leichteren Segel waren festgemacht. Nur die Marssegel und die Fock waren noch bei, und schwangen leise hin und her, wenn das Schiff mit der Dünung sanft schlingerte. Die Temperatur war ähnlich wie in einem Warmbade. Es fehlten nur noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang, und doch hatten die Sonnenstrahlen etwas so stechendes an sich, wie man es gewöhnlich so weit nördlich vom Aequator noch nicht findet. Ich bemerkte, daß mein Mann fortwährend unruhige Blicke über die See warf. Auch in seinem hastigen Auf- und Abgehen verriet sich seine Besorgnis. Ich war kein Wetterprophet. Wenn mir aber auch die Anzeichen des Barometers unbekannt gewesen wären, so wären mir doch diese plötzliche Stille, das Aussehen der Luft und die verschwommene Sonne mit dem wild aussehenden Ringe darum höchst bedeutungsvoll vorgekommen. Als es zwei Glasen schlug, gab Herr Heron, der sich jetzt an Deck befand, den Leuten den Befehl, mit der Arbeit auszuscheiden, und zum Abendbrot zu gehen. Kein Lüstchen regte sich, und nicht das leiseste Katzenpfötchen konnte auf der spiegelblanken Meeresfläche wahrgenommen werden. Die Sonne stand noch ein gutes Stück über dem Horizont, und hatte den Ring verloren. Dafür stand rechts oben neben dem Tagesgestirn ein dunkler, schwarzer Fleck am Himmel, als ob die Nacht auf der verkehrten Seite der Welt beginnen wollte. „Siehst Du das, Richard?" rief ich aus, indem ich auf die finstere Erscheinung deutete. „Ob ich es sehe, Jeß", antwortete er lächelnd. „Ei, ich habe die letzte halbe Stunde beobachtet, wie es sich allmählich zusammenzog." „Aber wodurch entsteht diese Finsternis? Ich kann keine Wolken entdecken." „Die Luft ist gar zu dick", erwiderte er. „Die Finsternis ist eben nichts als Wolken. Wie stetig die Dünung von Nordwest her heranrollt! Von dort wird auch der Sturm kommen." „Du scheinst darauf vorbereitet zu sein", sagte ich und blickte nach oben. „Noch nicht ganz", antwortete er. „Laß die Leute nur erst essen, und ihre Pfeife rauchen. Sie sollen mich stets entgegenkommend finden; denn ich wil lein« Meuterei haben." „So weit ist alles gut gegangen, Richard." „So weit, wie Du sehr richtig sagst. O, wie sehr ich jetzt einen tüchtigen Seemann vermisse, wie ich ihn haben möchte — und haben müßte von Rechts wegen." Dabei blickte er stirnrunzelnd auf Heron, der nachdenklich die Sonne betrachtete. Drei Glasen wurden angeschlagen. Mein Mann verließ mich. „Herr Heron, lassen Sie Fock- und Vormarssegel festmachen, und das Großmarssegel dicht reffen." Der Steuermann wiederholte den Befehl mit lauter Stimme, und die Mannschaft befolgte ihn sofort. Wäre ich selber ihr Kapitän gewesen, ich hätte die Leute nicht mit größerer Spannung beobachten können. Als die Fock aufgegeit war, stiegen alle Mann hinauf, um sie fest- 106 mit schnellen und refft das das Vormars- die Kajütskapp. . . Weshalb?" versetzte der Steuermann, indem er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und die Arme erhob. „Gehen Sie hinunter!" schrie Richard. . j Der Steuermann zauderte. Im Augenblick hatte mem Mann ihn mit beiden Händen am Rockkragen gepackt und drückte ihm mit den Daumenknöcheln den Hals zusammen. So schleppte er ihn das Deck entlang der Kajütskapp zu. Bei diesem Anblick brach ich fast zusammen, weck ich fürchtete, daß noch Schlimmeres darauf folgen konnte, ^ch zitterte, daß die Leute sich auf meinen Mann stürzen würden, und da stand ich, ein schwaches Werb und halb ohnmächtig vor Aufregung, bereit, mich zwischen ihn und den ersten herankommenden Matrosen zu werfen. Die Leute ließen die Taue fallen und versammelten sich, alle an Steuerbord, um besser sehen zu können. Einen Versuch, den Steuermann zu befreien, machten sie nicht. Mein Mann schleppte den Elenden hinter sich ber wie einen leeren Sack. Von Widerstand konnte kerne Rede sein. Wenn Herr Heron ein Riese gewesen wäre, wurde ihn doch der eigentümliche Griff, mit dem Richard ihn gepackt hatte, wehrlos gemacht haben. Ich konnte einen Schrei wicht unterdrücken, als ich sah, daß Herons Gesicht dunkelrot gefärbt war und ihm die Augen aus dem Kopf hervorquollen. Da hatte ihn Richard auch schon an der Kajütskapp, drehte ihn herum und schob ihn die Treppe hinunter. zz Nun, Jungens, laßt uns das Marssegel aufgewn , ries "der Zimmermann, als ob er sagen wollte: „Der Spaß ist vorbei, also wieder an die Arbeit." Die Leute fingen wieder an, auszusingen, und sobald das Segel aufgegeit war, stiegen wieder wie vorher alle Mann, mit Ausnahme von Herrn Short, nach oben. In diesem Augenblick kam mein Mann wieder an Deck. Der Rand des finsteren Schattens im Nordwesten erstreckte sich bereits über unsere Mastspitzen, die Sonne war ver- chwunden, und es wurde immer finsterer ^ch konnte kaum noch Richards Gesicht erkennen. Er blickte auf die Vor. marsraa mit der Mannschaft darauf und dann auf das Wetter. Jetzt stiegen die Leute die Fockwanten hmab. Es war schon so dunkel geworden, daß man ihre Gestalten kaum noch erkennen konnte. Plötzlich zuckte mitten aus der Finsternis em scharfer Blitzstrahl über die See und beleuchtete das Fwmament 61S einige Grade diesseits des Zeniths. Ich horchte gespannt, konnte aber nicht die leiseste Spur von Donner vernehmen. i Totenstille lag über der See. Die Schwankungen de„ Schiffes waren zu schwach, um das schwer herabhangende Tuch des Großmarssegels zu bewegen. Auch rn der Takelage wa? alles still bis auf das gelegentliche Klirren emer Kette oder das Quieken emer Scheibe, wenn sich das diwch den Mock geschorene Tau plötzlich straff anspannte. Die Luft war dick und schwer, sodaß man sie nur mit Muhe einatmen konnte. W und zu bemerkte man auf der dunkeln Dünung einen schwachen, phosphorartig leuchtenden Glanz, der die blassen Blitze nachzuahmen schien, die dort wo der Sturm brauste, aufleuchteten. Wenn: die Ba^ I langsam und sanft ihre Seiten ins Wasser tauchte, stiegen Strahlen und allerlei Figuren von grünlichem steuer aus I dem schwarzen, gurgelnden Wasser empor, als ob ringsumher I Feuergeister in dem nassen Element ihr Wesen trieben. I " „Vorwärts, Leute, an die Refftahen. Schnell, damit ihr herunter seid, ehe der Wind kommt!" rwf Richard mit ! laut schallender Stimme. . . Ein schwerer Regentropfen frei mrr mS Gesicht, I machte eine Bewegung nach der Kajütskapp, hielt aber I inne. Ich fürchtete die Hitze in der Kajüte und wollte I auch den Sturm losbrechen sehen und mit eigenen Augen | beobachten, was daraus würde. Richard beachtete mich nicht, hatte auch wohl den Kopf zu voll, um an mich zu denken. I Nur wenige Regentropfen fielen. In dem vo» | Oberlicht ausströmenden Schein bemerkte ich ihre Spuren atl Da^ als ich querab auf die See blickte, — in der Stille war die Bark mit der Breitseite zur Dünung herumgeschwast und lag nun Südwest an — sah ich den Sturm kommen. Dichte Finsternis umhüllte uns jetzt. Es war, als sahen totr in einem Kellergewölbe. Eine seltsame Erscheinung zeigte sich dort am Himmel, von wo der Sturm heranjagte und kündigte ihn an. Die Wolken schienen sich wie em Vor- !-Hang geteilt zu haben, und ließen eine schmale schar, I begrenzte, bogenförmige Oeffnung hervortreten. Ununter brachen beleuchteten blasse Flächenblitze dieses Thor, ohne die gewichtigen Wolkenmassen auf beiden Seiten zu durch dringen. Einen schauerlichen Eindruck machte der unter dieser Oeffnung liegende Teil der Meeresoberfläche, der in qefpenstischem Scheine erglänzte, ähnlich wie das Ltch eines Lampions aus geöltem Papier. Es sah aus, als ob de^ I Orkan durch jene Oeffnung m den Wolken hmdurchrapc I und die See darunter aufwühlte. I „Herunter von der Raa, Leute! Es gilt das Leben. I donnerte mein Mann. „Laßt das Segel fliegen. Schon lange, ehe uns der Orkan erreichte, hörte rck, | das Donnern des Windes und das Zischen der nredergr preßten See, als ob der ganze Ozean kochte. Es war emer sener Augenblicke, die von niemandem, der sie emmm erlebt hat, jemals wieder vergessen werden können: iw Südwesten schwarze Finsternis tote em Meer von flüssigem Pech, in welchem unsere Masten schon emige Fuß ube, Deck verschwanden, und tiefe Totenstille und Grabesruh ^ sodaß selbst das pendelartige Auf- und Niedersteigen de Dünung aufgehört zu haben schien, als ob vor dem heran brausenden Sturm auf Meilen voraus alles Leben m I Tiefe erstorben wäre; im Nordwesten die blassen VUpe, zumachen. Inzwischen breitete sich die Finsternis im Nord- I westen immer mehr aus, und die Sonne erschien wie ein großer Blutflecken am Himmel. Sw stand nur noch ein paar Grad über dem Horizont, und fah tote eine formlose Masse von flüssigem Feuer aus, das durch einen Riß im Himmelsgewölbe herauszutropfen schien. Dw Bewegung der See war so träge, als ob das Meer aus Oel bestünde, und ein merkwürdig starker Geruch erfüllte die Luft, ähnlich wie man ihn am Seestrande bei Niedrigwasser infolge von Seetang und anderen Auswursen des Meeres findet. Es blitzte nicht mehr, aber die zunehmende Dunkecheit — es war noch nicht die herembrechende Nacht, sondern nur der Schatten der finsteren Wolken - deutete darauf hin, daß ein furchtbar schweres Unwetter uns unmittelbar bevorstand. Mein Mann rief dem Steuermann zu: „Eine Wache genügt, um das Vormarssegel festzumachen. Lassen Sw die Steuerbordwache nach achtern kommen, und das Großmarssegel dicht reffen, so lange wir noch keinen Wind haben. Sagen Sie den Leuten, sie sollten sich beeilen, sonst haben wir die Bescherung hier, ehe sie noch von der Raa herunter sind." „ Der Steuermann wiederholte den Befehl fast wörtlich. Die Leute hielten in ihrem Gesang inne, und erne Stimme — ich weiß nicht wessen — rief aus: „Wir brauchen beide Wachen zu jedem Marssegel, und wenn noch mehr Freiwächter da wären, könnte es auch nichts schaden. „Wer war das?" rief Richard, und ging r* , Schritten bis an den Großmast. Keine Antwort. „Nach achtern hier die Steuerbordwache, Großmarssegel dicht!" schrie mein Mann. Niemand rührte sich. Zuerst hatten sie seael aufgegeit: jetzt standen sie, die Taue m den Händen | und blickten müßig achteraus, während die Leute un Vormars grinsend her ab schauten. Herr Heron", schrie Richard, dunkelrot vor Wut, „hier haben wir wieder Meuterei und zwar angesichts eines Sturmes, der uns entmasten und vernichten kann. Helfen Sie mir. Was starren Sie mich an? Folgen Sw nur und reicwn Sie der Steuerbordwache den Weg nach achtern. „Ich kann dabei nichts thun", erklärte der Steuermann, ohne" sich von der Stelle zu rühren. V Nicht?" schrie Richard und ballte die. Fauste. „Sw versuchen es ja überhaupt nicht! Sie sind ebenso trage, meuterisch und nichtswürdig, tote dw ganze Bande. Wollen Sie mich unterstützen oder nicht?" Die Leute können das doch selber am besten beurteilen", erwiderte der Steuermann mit lauter Stimme, damit es alle Mann hören sollten. „Sie behaupten, mit einer Wache das Marssegel nicht festmachen zu können und werden ihre eigenen Kräfte doch wohl kennen. Mit einem Sprunge stand mein Mann vor ihm. „Gehen Sie in Ihre Kammer!" rief er und zeigte aus 107 die sich wie ein riesiges Auge zu öffnen und zu schloßen schienen, der wilde und furchtbare Schein, der sich vom Fuße des Wolkenthores über die See ausbreitete, das weiße, in der Dunkelheit wie Schnee flimmernde Wasser, das sich uns mit entsetzlicher Geschwindigkeit näherte, und endlich der alles übertönende Donner des herannahenden Sturmes. Plötzlich stürmte mein Mann auf mich, los. „Bist Du das, Jessie?" „Ja", antwortete ich, „Um Gottes willen, sieh Dich vor!" schrie er. „Hier kannst Du nicht bleiben; hier ertrinkst Du ja." Damit schleppte er mich nach der Kajütskapp und dort im Schutz der Luke kauerte ich mich nieder und klammerte mich fest an das Geländer, während er nach achtern sprang und dem Manne am Ruder einen Befehl zuschrie. Unmittelbar darauf traf uns der Orkan. Seine Wut zu beschreiben, ist unmöglich Es giebt in keiner Sprache Worte, die diesen betäubenden Donner, diese zerschmetternde Wucht beschreiben könnten. Die Bark legte sich aus die Seite, immer weiter und weiter, bis ich das Wasser in Lee über die hohen Schanzbekleidungen wie Gebirgsbäche an Deck hineinströmen hörte. Noch weiter ging es hinüber, sodaß die Kajütskapp fast parallel zur See stand und mir das Blut zu Kopf stieg; das Wasser konnte ich mit der Hand erreichen, und Schaumflocken, so dick wie ein nordischer Schneefall, erfüllten die Luft. Einige der aufgepeitschten Schaumflocken flogen mir ins Gesicht. Es schmerzte, als ob ein Schrotschuß mich getroffen hätte. Plötzlich hörte ich über mir einen lauten Knall, ähnlich wie ein Kanonenschuß. Das Großmarssegel war weggeblasen, und das Schiff richtete sich nun wieder ein wenig auf. Noch immer aber lag es zur Hälfte unter dem Wasser, das allerdings ganz bewegungslos war. Der Orkan hatte die See so "flach wie ein Brett gepreßt. In der kurzen Zeit konnten sich noch keine Wogen bilden. Ich war buchstäblich bötäubt von dem entsetzlichen Ausruhr und hielt mich krampfhaft am Treppengeländer fest. Es war nur ein schwacher Schutz vor der Gewalt des Sturmes, sodaß ich Vollständig durchnäßt wurde. So viel Besinnung hatte ich noch, um mir zu sagen, daß wir uns aus das Aeußerste gefaßt machen mußten. Es schien, als ob die Bark sich nicht wieder aufrichten wollte. In diesem Falle, das wußte ich, mußte sie zu Grunde gehen. Nach einer Weile bemerkte ich, daß die fürchterliche Krängung des Decks abnahm. Langsam fiel das Schiff ab, bis es das Heck dem Winde zugekehrt hatte, und es war wie eine Erlösung aus Todesgefahr, als man fühlte, wie es sich allmählich wieder erholte, bis schließlich das Deck seine horizontale Lage wieder erlangt hatte. Wie ein Pfeil flog die Bark jetzt vor dem Orkan her, während das Wasser in Sturzbächen aus den Speigatten strömte. (Fortsetzung folgt.) Der KlassikeMder Nebersetzung. Zum 150. Geburtstag von Johann Heinrich Voß. 20. Februar. Von Dr. Ernst Wilms. (Nachdruck verboten.) Es war das Los dieses verdienten Mannes, mit Ungerechtigkeit behandelt zu werden — ebensowohl in der Ueber- schützung als Unterschätzung seiner litterarischen Bedeutung. So wie ein Goethe in seiner Anerkennung für Voß unstreitig zu weit ging, so sehr schossen später Litterarhistoriker über das Ziel, wenn sie in dem begeisterten Rektor von Eutin nichts anderes mehr sahen, als einen verknöcherten, sana- tischen Spießbürger mit engbegrenztem geistigen Horizont und keiner Spur von Verständnis für die höheren Ideale der Poesie. Wie Bürger, Hölty, die Brüder Stolberg und andere, nahm auch er seinen Ausgang vom Göttinger Dichter- und Hainbund, jener am 12. September 1772 ins Leben gerufenen Vereinigung junger, poesiebegeisterter und poetisch beanlagter Studenten in Göttingen, die, von Klop- stvcks Dichtungen angeregt, sich in die alte deutsche Bardenzeit zurückträumten, in Wäldern und Hainen unter alten Eichen bei Mondschein zusammenkamen, schwärmerisch einander ihre Freundschaft versicherten, und die Schriften des Sittenverderbers" Wieland den Flammen überantwortete». Der Bund, dessen ganze litterarische Bedeutung nur darin besteht, daß einzelne seiner Mitglieder, wie eben Bürger, Voß und Hölty, einen guten Namen auf dem deutschen Parnaß errangen, hatte keine ausgeprägte Tendenz unfc blieb deshalb auch ohne Einfluß auf die Richtung und Entwickelung der deutschen Dichtung überhaupt, er war nichts, als eine schöne Illusion, aus der heraus die Mitglieder sich zu den entgegengesetztesten Anschauungen entwickelten, die zuletzt sogar zwischen den alten Jugendfreunden Voß und Fritz Stolberg zum offenbaren Bruch und zur erbitterten litterarischen Fehde führte. Voß war vielleicht noch derjenige unter den Hainbünd- lern, der die Vereinigung von Anfang an und in der Folge am ernstesten nahm. Er war kein Schwarmgeist und aucb kein Originalgenie, dem es bestimmt war, die höchsten Höhen der Poesie zu erklimmen; wer seine Lyrik studiert, dem ist dies ohne weiteres klar — aber er besaß feste Grundsätze und eine heilige Ueberzeugung sowie das erforderliche Selbstbewußtsein und den darin gipfelnden moralischen Mut — zu dem sich sreilich eine gute Portion Eigenwille gesellte — sie zu vertreten. Ein Mecklenburger von Geburt — er wurde am 20. Februar 1751 zu Sommersdorfs Bei Waren geboren — sah er sich infolge der Unbemitteltheit seines Vaters schon frühzeitig auf eigene Füße gestellt. Die Schule in Neubrandenburg, die er im Jahre 1766 bezog, mußte er nach drei Jahren — also erst 17 Jahre alt — bereits wieder verlassen, um als Hauslehrer sein kärgliches Brot zu suchen. Sein poetisches Talent bahnte ihm den Weg zu einer glücklichen Zukunft. Er sandte einige Gedichte an Bote, den Herausgeber des ersten deutschen, des Göttinger Musenalmanachs, die dessen Interesse auf sich lenkten. Ohne selbst ein gottbegnadeter, schöpferisch beanlagter Dichter zu sein, hat sich dieser ehrenwerte Mann durch seine Herausgabe des Almanachs und der ausgezeichneten Zeitschrift „Deutsches Museum", sowie durch die Gründung des Hainbundes, die selbstlose Förderung junger Talente und seinen litteraturhistorisch wichtigen Briefwechsel nicht unbedeutende Verdienste um unsere Sitter atur erworben. Er war es, welcher Voß einlud, nach Göttingen zu kommen, wo sich der junge Mecklenburger, die ökonomische» Schwierigkeiten mit eiserner Energie überwindend, dem Studium der neueren Sprachen und des klassischen Altertums widmete. Die beiden jungen Leute schlossen sich eng aneinander an, Boie übertrug sogar (1775) die Herausgabe des Almanachs an den Freund, der sich, um sich den neuen Pflichten ungestört hingeben zu können, und vielleicht auch angezogen von dem dort wohnhaften „Wandsbecker Boten" Mathias Claudius, nack dem stillen Wandsbeck zurückzog. Zwei Jahre später fano das innige Freundschaftsbündnis' noch eine weitere Besiegelung durch die Vermählung des 26jährigen Johann Heinrich Voß mit Ernestine Boie, der Schwester des Freundes. Nun galt es allerdings, sich eine festere Position im Leben zu sichern, als der Musenalmanach und seine anderen schriftstellerischen Arbeiten sie gewährten, und so sehen wir unseren Dichter bereits 1778 von seinem Wandsbeck Abschied nehmen, er ging als Rektor nach Otterndorf, welchen Posten er vier Jahre später aus Gesundheitsrücksichten mit dem eines Rektors in Eutin vertauschte. In dieser idyllischen Wohnung am Eutiner See verlebte er achtzehn glückliche, friedliche Jahre. Hier war es, wo er der lieblichen Landschaft jene reizenden Idyllen ablauschte, die feinen Namen so berühmt gemacht haben, hier schuf er seine vorzüglichen Uebersetzungen der WerL Homers, Vergils und anderer Dichter des Altertums, wodurch er die bisher nur den höheren Gebildeten zugänglichen Dichtungen des griechischen Meisters zum Gemeingut des ganzen deutschen Volkes machte. Während der ersten Jahre fügten die freundschaftlichen Beziehungen zu seinem Jugendfreunde, dem Grafen Friedrich von Stolberg und dessen ausgezeichneter Gattin dem friedlichen Leben einen weiteren hohen Reiz bei, mit der Zeit aber trat die Gesinnungsänderung Stolbergs, der inzwischen (1793) den Posten eines Regierungspräsidenten in Eutin angetreten hatte, und dessen veränderte Anschauung ihren Ausgang schließlich in seinem Heber tritt zur katholischen Kirche sand, immer unzweideutiger hervor, und an die-Stelle der alten- Vertraulichkeit trat mehr und mehr eine immer offener zutage tretende Spannung. Seine geschwächte Gesundheit nötigte Voß 1802, sein Amt niederzulegen, eine ihm von dem Prinzen von Holstein-Gottorp ausgesetzte Pension von 600 Thalern setzte ihn in den Stand, sich für den Rest seines Lebens ganz den Musen zu weihen, er siedelte nach Jena über, ivo er mehrere Jahre ein freundliches Haus mit Garten in der Bachgasse bewohnte. Als häufig und freudig bewillkommneter Gast stellte sich hier des 'öftern Goethe ein, der ein großer Verehrer und Freund des Verfassers der „Luise", ihn gern dauernd an sich gefesselt und nach Weimar gezogen hätte. Voß zog es aber vor, einer Einladung des Großherzogs von Baden, der ihm einen Ehrensold verliehen hatte, nach Heidelberg (1805) zu folgen, wo er als Professor und Schriftsteller noch länger als 20 Jahre in eifriger Thatrgkert hinbrachte. Er starb am 29. März 1826. Von Charakter unbeugsam und eigenwillig, schuf er sich mancherlei Feinde, aber ebensoviele warme Freunde und Anhänger. Seine reizende Idylle „Luise" bietet trotz der Anspruchslosigkeit der darin geschilderten Situationen auch jetzt noch eine erquickende friedliche Lektüre, wenn sie sich auch mit „Hermann und Dorothea" nicht messen kann, da ihr alles fehlt, was eben Goethes schönes Gedicht zu einem hervorragenden Kunstwerk und einem Lieblingsstück des deutschen Volkes erhebt: Der große historische Hintergrund und die tiefere Lebensanschauung. Anregend und befruchtend hat er aber sicherlich auf Goethe eingewirkt, Meister des antiken Verses, verschaffte er den fremden Versmaßen in der deutschen Sprache das Bürgerrecht, und wenn auch seine gereimten Lieder und Gedichte zum Teil sogar über das Niveau der Mittelmäßigkeit nicht hinausragen, so bleiben doch einige seiner kleineren Idyllen, in erster Reche „Der siebzigste Geburtstag" und „Philemon und Baucis", für alle Zeiten Perlen der deutschen Dichtung, gleich schön im Vortrag als herz- und gemüterquickend. Kein Geringer als Goethe hat in seiner objektiven, mildruhigen, sympathischen Art die Oden, Elegien und Lieder des Dichters recensiert und die Eigenart und Schönheit derselben gewürdigt. Und eines Goethe Ansicht hat doch wohl auch einigen Wert. Auch Schiller war sehr für chn eingenommen, und nur eine einseitige, von Parteihaß und Eigendünkel diktierte Feder kann ihm die Anerkennung versagen, die sein redliches Streben, seine Ueberzeugungstreue, seine metrische Gewandtheit, seine Uebersetzungskunst, fern idealer Sinn und seine freie Gesinnung verdienen. Als Uebersetzer stellt man ihn noch höher, denn als Dichter, preist seine formale Fertigkeit, seine kräftige Sprache, seine prächtige Diktion. Sein „Homer" war eine litte» rarische That, seine im Verein mit seinen Söhnen Heinrich und Abraham unternommene Uebersetzung Shakespeares wird der von Schlegel und Tieck zwar nachgestellt, übertrifft sie aber sicherlich an urwüchfiger Kraft und Hervo- kehrung mancher glänzenden Eigentümlichkeit. Auch um die Altertumswissenschaft erwarb er sich erhebliche Verdienste; er stellte erfolgreiche Untersuchungen über Quellen, Zeiten und Momente der ältesten Geographie an und gab wichtige Aufschlüsse über Verkehr und Produktionen in den alten Staaten. „ Als sein früherer Freund Graf Fr. von Stolberg zur katholischen Kirche übertrat, griff ihn Voß in seiner Schorst: Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier" aufs heftigste an und entfachte dadurch einen harten geistigen Kampf, der gewaltiges Aufsehen erregte. Ebenso scharf führte er ur seinen „Mythologischen Briefen" und seiner „Antrsymbolrk die Feder gegen Heyne und Creutzer, indem er für den nationalen und selbständigen Ursprung der griechischen Mythologie eintritt und eine streng historische und kritische Behandlung der Mythologie verlangte. Die dankbare Nachwelt hat ihm auf der Stätte seiner Hauptwirksamkeit, vor dem Eutiner Gymnasium, ein würdiges Denkmal errichtet: am 6. Juli 1883 fand die Enthüllung desselben in feierlicher Weise statt. Vor allem der Jugend ist sein Name auch jetzt noch geläufig; denn seine gemütvolle, mit kunstvoll-realistischer Kleinmalerei ausgestattete Idylle: „Der siebzigste Geburtstag": ,Auf die Postille gebückt, zur Seite des wärmenden Ofens Saß der redliche Tamm in den Lehnstuhl, welcher mit Schnitzwerk Und braunnarbigem Jucht voll schwellender" Haare, geziert war" usw. befindet sich noch heute in jedem Lesebuche, und auch sein Lied: „Seht den Himmel wie heiter, Lauter Blumen und Kräuter" usw. wird noch vielfach gesungen. Genrernnütziges. «Damast- und Atlasstoffe zu waschen. Man bestreicht die Stoffe mit venetianischer Seife, wäscht sre sehr sorgsam in lauem Regenwasser, spült in kaltem Wasser nach und trocknet sie im Zimmer. Alsdann bereitet man folgende Appretur: 10 Gramm Gummitragant wird in 200 Gramm klarem Brunnenwasser aufgelöst, 150 Gramm Weinessig hinzugefügt und die Mischung durchgeseiht; nun legt man den Stoff hinein und drückt ihn vorsichtig darin durch, so daß e>r gleichmäßig naß wird, ringt ihn dann leicht aus und streicht ihn mittelst einer ganz sauberen Bürste auf ein mit Leinwand bedecktes Brett glatt, mit dem man ihn möglichst so aufstellt, daß der Stoff schnell trocknet; doch Gesundheitspflege. Bei welchen Krankheiten darf man rauch en? Diese Frage beantwortet Jankau folgendermaßen: In erster Linie ist das Rauchen bei den meisten chirurgischen Krankheiten erlaubt, mit Ausnahme von dem Rekonvaleszentenzustande nach Blasen- oder Bauchopeüationen. Augen-, Nasen-, Hals- und Rachenkranke sollten niemals rauchen. Innere Krankheiten, welche das Rauchen ausschließen, sind: Peritonitis, Typhus und ähnliche. Bei Magenaffektwnen kann das Rauchen gestattet werden, wenn der Rauch filtriert wird. Bei Lungenkrankheiten hält der Autor das Rauchen unter Umständen für angezeigt. Bei Nervenkrankheiten laßt sich die „Handhabung" des Rauchens nicht allgemein feststellen; plötzliches Entziehen schadet sehr oft, während bei Herzneurosen andererseits nur sehr leichter Tabak unter Filtration des Rauches benutzt werden darf. In Krankenzimmern zu rauchen, ist unzulässig. Die beste Zeit für das Rauchen ist mehrere Stunden nach der Mahlzeit. „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Lttterarisches. Gewerbeordnung für Vas Deutsche Reich. Textausgabe mit Sachregister. In Origivalleinenband 1 Mark 2u Psg. Der lag von I. I. W-ber in Leipzig. Die ursprüngliche Fassung der deutschen Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 hat durch eine qanze Reihe von Novellen sowie mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs und des neuen Hand.lsgesetz- buchs am 1. Januar 1900 so zahlreiche Abänderungen erfahren, daß alle Ausgaben älteren Datums ihren praktischen Werl völlig verloren baben. Die vorliegende Textausgabe, die soeben erschienen ist, wird deshalb Arbeitnehmern wie Arbeitgebern in Gewerbe und Industrie ebenso rote den Organen der Gemeinde-. Orts- und Polizeibehörden cm willkommenes Nachschlagebuch sein, dessen Register das gerade in der Geweibeordmwg nicht ganz mühelose Ausfinden der einschlägigen Bestimmungen sehr erleichtert. __________________ Zahlenrätsel. Nachdruck verboten. 123456578 Land in Amerika. 2 3 17 Vogel. 3 4 5 7 8 Teil der Erde. 4 5 7 1 7 8 Zahlwort. 5 2 7 8 7 weiblicher Vorname. 6 5 6 5 7 Blume. 5 8 4 7 6 geographische Bezeichnung. 7 4 7 6 Haustier. 8 5 7 2 7 innerer Körperteil. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Kapselräisels in voriger^Nummer: Allzuscharf macht schartig. Redaktion: «..Burkhardt. - Druck und Verlag der BrühlftÄen UniversttStS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erden) i« Sieh«.