Sonntag den 20. Oktober 1901. — Nr. 150. Jjthl i'hoKS Qi MS DIMM ^~sVc'j?.||| mb'mimw—»ui mim U » j I | ^Aäg' an, es fällt von deinem Haupte 2$ Kein Haar, von welchem Gott nicht weiß — ®=^ Und was der Tag uns Größ'res raubte, Das fiele nicht auf sein Geheiß? Trag es, wenn seinen Schnee der Winter In unser Hoffen nicderstiebt; Gin ganzer Frühling lacht dahinter: Gott züchtigt immer, wen er liebt. Laß in dem Leid, das er beschicken, Den Keim uns künft'gen Glückes schau'«; Dann kommt der Tag, wo Frend' nnd Frieden In nnserm Herzen Hütten bau'«. Theodor Fontane. (Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O.. Elster. (Fortsetzung.) Ein düsterer Schatten huschte über Eitel Fritz' Gesicht. Er hatte bittere Erfahrungen mit diesen Gutsnachbaren und Standesgenossen gemacht) man hatte ihn und seine Gattin empfangen, aber Eitel Fritz glaubte herauszufühlen, daß einige Familien Irma mit einem gewissen Mißtrauen begegneten. Die gräflich Zehrensche Familie und einige andere, welche zu dem alten Uradel zählten, hatten bislang den Besuch noch nicht einmal erwidert-, obgleich bereits mehrere Wochen verflossen waren. Es war dasselbe wie in Berlin — die erste vornehme Gesellschaft setzte der. Aufnahme seiner Gattin einen gewissen Widerstand entgegen, der kaum zu überwinden war. Es wußten selbst bis hierher Gerüchte über die Familiengeschichte Irmas gedrungen sein. ■ Diese kühle Aufnahme verletzte Ettel Fritz aus das Empfindlichste!, sa daß er sich selbst, gegen diejenigen seiner Standesgenossen abschloß, welche ihn. und seiner Gattin mit vollstem Freundlichkeit entgegengekommen waren. . Er ging auch jetzt auf das von dem alten Breymann Ungeschlagene Thema nicht ein,, sondern wandte sich mit einer landwirtschaftlichen Frage an Else, und bald war man |tt ein lebhaftes' Gespräch über den Ernteertrag und die Plötzlich sprang der Jagdhund- welcher Eitel Fritz auf seinen Ritten zu begleiten pflegte, auf, und rannte bellend «auf die Landstraße. Hufgetrappel von Pferden ward ver- uehmbar, und dann erschienen in der Umrahmung des Kofthvrs die Gestalten eines Reiters und einer Reiterin. „Ihre Fran Gemahlin und Herr Wedemeher, Herr Baron", sagte Breymann, indem er sich'erhob, und höflich grüßend den Hut zog. ' Einen Augenblick schien es, als ob Irma in Jägerhof einlenken wollte; sie hielt ihr Pferd an, und blickte aufmerksam nach der Veranda herüber. Herr Breymann machte bereits einige Schritte nach dem Thore, um die Baronin einzuladen, "da lachte Irma spöttisch auf, winkte mit der Reitgerte, und setzte dann ihr Pferd in einen leichten Trab. Herr Wedemeher grüßte seinen Chef unterirMsig>, dann folgte er stumm, und im nächsten Augenblick entzog sie die langgestreckte Scheune, welche unmittelbar an der Straße lag, den Blicken der auf der Veranda Befindlichen. „Wollen Sie Ihre Frau Gemahlin nicht begleiten, Herr Baron!" fragte Breymann. „Nein —" entgegnete Eitel Fritz kurz und schroff, indem er finster in die Ferne blickte. Eigenartige, häßliche Gedanken stiegen zum erstenmale in seiner Seele empor, Bislang hatte er sich über das rege Interesse, welches Irma der Landwirtschaft entgegen- zu bringen schien, gefreut. Er hoffte, daß sie sich doch noch verstehen lernen würden, und hatte nichts Arges in diesen fast täglichen langen Ritten Irmas in Gesellschaft Wedemeyers gefunden. Heute zum erstenmal — er wußte selbst nicht, weshalb — schlich sich ein häßlicher Argwohn in sein Herz, als könne Irma ein frivoles Spiel treiben. Er kannte nur zu gut die Gefallsucht seiner Gattin, der es eine unedle Befriedigung gewährte, die Herrenwelt vor ihren Triumphwagen zu spannen. Dieses kokette Bestreben Irmas war ja einer der Hauptgründe, daß sich ihr Verhältnis so unerquicklich gestaltet hatte. Und dieser Herr Arthur Wedemeher — der verab-, schiedete Husarenfähnrich — er war ganz der leichtsinnige Windbeutel und Schwerenöter, der sich den Launen einer schönen Fran zu fügen und anzuschmiegen verstand. Eine peinliche Pause trat ein.. Der alte Breymann. zündete sich seine Zigarre wieder an, und paffte dichte Rauchtvolken in die Lust; Else begann den Tisch abzuräumen, ihr Gesicht hatte auch einen ernsten,, triiben Ausdruck angenommen. Sie las die. Gedanken in der Seele Eitel Fritz', und eine tiefe Wehmut, ein inniges Mitleid mit dem Freund ihrer Jugend beschlich sie. Sie hatte noch immer nicht jenen schönen sonnigen Sommerabend vergessen — da draußen unter dem ein-i samen Baum, umwogt von dem goldenen Aehrenmeer! —. Niemals würde sie jene eine glückliche, selige Stunde ihres Lebens vergessen, und wenn sie sich auch zur Klarheit und Ruhe äußerlich und innerlich durchgerungen, so war sie doch eine viel zu tief gegründete Natur, als daß fie ein Gefühl vergessen konnte, das , ihr ganzes Wesen mit sonnigem Glanz und später mit tiefem Weh erfüllt hatte. Sie war stark und stolz genug, dieses Gefühl nicht 59'8 Sieger über sich werden zu lassen, aber auszulöschen vermochte sie es nicht, das vielmehr als ein ruhiges/ ewiges, nie erlöschendes Feuer in ihrem Herzen brannte, und ihrem ganzen Wesen jenen stillen Glanz, jene innerliche Schönheit verlieh, die jeden, der mit ihr in Berührung trat, bezauberte. Sie hatte gehofft, Eitel Fritz würde in seiner Ehe glücklich werden oder doch jene Befriedigung finden, welche man herkömmlich als das Glück zu bezeichnen Pflegt. Und jetzt sah sie, was sie schon längst geahnt, daß er nicht nur nicht glücklich geworden war, sondern daß sogar das Unglück, die bitterste Enttäuschung, die einen Mann treffen kann, sein Herz bedrohte. Und anstatt einen gewissen Triumph zu verspüren für diese Folgen der gebrochenen! Treue, empfand sie nur inniges Mitleid mit ihin. „Darf ich Ihnen noch ein Glas Wein einschenken, Herr von Petershagen?" fragte, sie, um endlich diese peinliche Stille zu unterbrechen. Wer ihre Stimme erbebte leicht, und eine feine Röte verbreitete sich langsam über ihr Antlitz, als er sie so ernst, so traurig anblickte. In dieser Minute lasen sie beide in der Seele des andern, — in dieser Minute wußten sie, daß einer des anderen Gedanken erraten, und erkannten sie, daß trotz allem, was zwischen ihnen lag, sie auf ewig durch ein geheimnisvolles Band mit einander verknüpft'waren. „Ich danke", entgegnete er, und seine Stimme klang rauh' und heiser. „Es wird Zeit, daß ich! aufbreche. . und er erhob sich „Leben Sie wohl. . ." ec reichte Else die Hand, in die sie schweigend die ihre legte. Sie durften sich nicht Wiedersehen, das ward ihnen beiden klar in diesem Augenblicke des Abschieds. Ter Frieden dieses Hauses, der Friede» ihres Herzens sollte nicht entweiht werden — das schwor er sich zu. Schweigend nahmen sie Abschied. Langsam schritt er dem Hofthor zu, während Breymann sein Pferd herbeiholte. Von: Pferde herab reichte Eitel Fritz dem alten Mann die Hand. „Leben Sie wohl, lieber Herr Breymann — wenn eine längere Zeit vergeht, bevor wir uns Wiedersehen — verzeihen Sie — es gießt jetzt viel zu ihn», und ich habe die feste Wsicht, mich einzuarbeiten, damit ich — demnächst — ohne — Inspektor fertig werde» kann. . ." „So ist es recht, Herr von Petershagen — und Gott mit Ihnen..." Er trabte davon, ohne noch einen Blick nach der Veranda zurückzuwerfen. XVII. Der Winter war angebrochen, und Irma begann sich nach Wwechselung zu sehnen. Die.langen Spazierritte in Wald und Feld mit Herrn Wedemeyer, die heimlichen Plauderstunden mit ihrem Verehrer, die ehrerbietigen Huldigungen, die ihr Arthur Wedemeyer zu Füßen legte, das wurde ihr nachgerade langweilig; sie empfand ja keine Leidenschaft für ihren Verehrer, den sie nur als ein zeitvertreibendes Spielzeug angesehen hatte. Ta Irma ihren Gatten jedoch nicht dazu bewegen konnte, nach Berlin überzusiedeln, so verlangte sie wenigstens in dem alten Schlosse von Petershagen glänzende Geselligkeit und rauschende Feste, und wenn Eitel Fritz auch nicht i» der Stimmung war, an solchen Festen Gefallen zu finden, so sah er doch ein, daß er nicht wie ein Einsiedler leben konnte, und daß er gewissen gesellschaftlichen Pflichten seine» Nachbaren gegenüber Nachkommen mußte. So ergingen denn die Einladungen zu einer Ball- sestlichkeit; den» Irma bestand darauf, daß getanzt werden sollte. „Ich bin wirklich nicht im stände, Dir einen Vortänzer zu stellen", sagte Eitel Fritz aus ihre Frage, wer dieses wichtige Amt übernehme» solle. „Ich kenne keinen der jüngeren Herren der Nachbarschaft genau genug, um ihm Mit dieser Bitte nahe treten zu können." „Nun gut", entgegnete Irma lachend, „so werde ich Mch dafür sorgen, ich werde Herrn Wedemeyer bitten. . Er sah sie betroffen an. „Bist Du auch sicher, daß Du mit dieser Wahl andere Herren der Gesellschaft nicht verletzst?" „Ah bah, Herr Wedemeyer ist ein anständiger Mensch •— wenn er nicht Unglück gehabt hätte, wäre er jetzt Rittmeister." Eitel Fritz wandte sich! achselzuckend ab. „Ich! überlasse Dir alles", sagte er ruhig. Und entfernte sich ... . Am Tage des Festes trafen die eingeladenen Gäste fast vollzählig ein, Nur wenige Familien — darunter; Graf und Gräfin' Zehren — hatten abgesagt. Man war doch neugierig geworden, und wollte sehen, wie sich die Baronin, von der so seltsame Gerüchte umgingen, in dem eigenen Hause eingerichtet hatte. Auch! Arno von Sannvw mit seiner reizenden Gattin war natürlich; erschienen, und Ruschg unterstützte Irma in den Pflichten der Wirtin. (Fortsetzung folgt.) Herbst. Von R. Leppin. (Nachdruck verboten.) Herbst! Ein trüber, grauer Himmel. Es regnet ein-f tönig, ununterbrochen. Der Siurm jagt durch die Straßen und schüttelt die Bäume, und das matte welke Laub fällt zur Erde. Dort bleibt es liegen, im Schmutz, im Schlamm, Tie halten es fest; sie sind stärker als der Sturm. Der jagt ungebärdig weiter; immer gewaltiger tobt er, gleicht, sam, als wüte er, weil das leichte Laub ihm widersteht; er rüttelt an den Fensterläden und fährt in die Schornsteine, und heult da drinnen bis in die Defen hin ein/ und ängstlich fitzen die Kinder beisammen in der Stube und flüstern. Es klingt so geheimnisvoll, so schaurig/ und wirkt auf die.Kinderseele wie alte Gespenstergeschichten/ In seinem . Zimmer am Fenster steht der Magistrats-, felretär Christian Ehregott Waltelang, und blickt hinaus! in die tobende Natur. Klatschend schlägt der Regen gegen die Scheiben, und läuft langsam an ihnen herunter; die alten, grauen Wetterrouleaux werden vom Sturm hin- und hergeschüttelt/ und ihre Holzstangen klappern gegen das Mauerwerk. Dazwischen fällt ab und zu ein einzelner Tropfen auf den Breiten, blechbeschlagenen Fenstersims, und jedesmal zuckt der Beschauer zusammen. „Als wenn eine Hand voll Erdei auf den Sarg füllt, dumpf, beängstigend", murmelt er. Tann geht er an das andere Fenster, gleichsam, um die schweren Gedanken abzuschütteln, und blickt hinüber aus den Park, der ihm gegenüber an der anderen Seite der Straße liegt. Tie Erlen und Rüstern, die Buchen und Birken zittern/ Blatt aus Blatt sinkt hernieder auf die aufgeweichten Steige, auf den Rasen und in den Epheu, der am Boden entlangkriecht Nur die kleinen Akazienblätter halten Stand. TaH Starke fällt, das Schwächliche lebt weiter. „Wieder ein Herbst. Nun kommt der Winter, und daun ist es ganz öde. Kahle Bäume und strohumhülltei Sträucher; aber die Hülle nützt nichts. Der Frost findet doch! feinen Weg, und wenn der Frühling kommt, bann wacht manch einer nicht mehr mit auf. Wer weih. . . ., Morgen ist's wohl wieder hell und trocken, und nur der Wind bläst noch!. Tann kommt der Gärtner und harkt al! das welke Laub zusammen, und die hübschen, bunten Blätter, die noch gar nicht ans Sterben dachten, kommen dann in ein gemeinschaftliches, großes Grab. Gänse und Enten wackeln bann durch den Park, und schnattern so vergnügt, als ob sie ewig zu leben hätten, und hoch ist das Messer schpn gewetzt, das ihrem Dasein ein Ende machen soll. So war es all die Jahre. Die Bäume sind größer geworden, manch einer ist gefallen; der Gärtner ist ge-, storben; jetzt waltet sein Sohn dort drüben. Wie lange wird es bauern, dann . ... Weshalb werde ich alt?! Weshalb folgt dem Frühling ein Sommer, dem Sommer ein Herbst und Winter? Könnt' es nicht immer Frühling fein?" Ihn fröstelt. Weg mit bett Gedanken. Sterben! Wer wird ans Sterben denken! Er tritt vom Fenster zurück, und geht weiter in daN Zimmer hinein. Ihm ist so beklommen zu Mute. Es ist dämmrig geworden, gespenstische Schatten lagern an den Wänden und in den Ecken; es ist so schrecklich still im Zimmer, und im ganzen Hause. Nichts rührt sich-, nur der Wurm nagt leise weiter in den alten Möbeln. Waltelang steht stumm am Tisch und horcht auf ein; Geräusch, auf einen Laut von draußen, die diese W. *— 599 *—" ängstigende Stille unterbrochen könnten. Wenn er doch nur jemand um sich hätte, einen Menschen, der sich mit ihm unterhielte, ein Tier, mit dem er sich beschäftigen könnte. Er hat niemand, er ist allein, ganz allein. Es wird immer dunkles im Zimmer. Er zündet die Lampe an, und setzt sich aus das Sofa; dann blickt er 'gedankenvoll Vor sich hin. Draußen heult der Sturm und klatscht der Regen, und die alten Rouleauxstangen klappern und erschrecken den Sinnenden. „Ob ich hinuntergehe? Ich ertrag's nicht länger allein hier oben". Seufzend erhebt er sich, zieht statt der Pantoffeln warme Schuhe an, bindet sich ein dickes Tuch, um den Hals, und bedeckt den Kopf mit einem Sammetkäppchen. Tann steigt er die zwei Treppen hinab, um in dem im Erdgeschoß gelegenen Restaurant auf andere Gedanken zu kommen. Stunlm setzt er sich! in eine Ecke. Der Wirt begrüßt ihn, schilt auf das Wetter, und wendet sich dann wieder zu den anderen Gästen. Allein, auch! hier allein, -mitten unter Menschen allein. Warum setzte er sich nicht zu ihnen? Warum hielt er den Wirt nicht durch ein Wort fest? Er wußte es nicht; er konnte es nicht; er mußte krank sein. Krank? Er erschrak vor dem Wort. Krank? Das Wort war bei ihm verpönt. Nur nicht trcmf werden, vicht sterben; er fürchtete jede Krankheit; er witterte überall Ansteckungsstoffe. Ein halbes Semester hatte er Medizin studiert; aber dann hatte ihn die Beschreibung all der Krankheiten schon krank gemacht. Seitdem vermied er jedes Kespräch über sie, und hatte eine unbesiegbare Scheu vor allen schkechtgekleideten Menschen, immer durch. Berührrurg mit ihnen die Uebertragung eines Ansteckungsstoffes befürchtend. _ Er sah vor sich hin. Ihm war fo. sonderbar, die Kehle war ihm trocken, die Lippen brannten — wenn er doch krank würde? Er wollte lieber Vorbeugen, Milch trinken, Milch mit Cognac, und sich! während der Nacht Umschläge machen. Langsam schlich- er wieder nach oben in sein Zimmer. Es war still wie zuvor. Eine dumpfe Luft schlug ihm entgegen von den gar vielen Salben und Medikamenten, die auf dem Waschtisch standen; er merkte es nicht, er war daran gewöhnt. Einen Augenblick zögerte er, dann rief er nach seiner Wirtin, und bat um heiße Milch Tie Nacht legte ihre dunklen Schatten auf die große Stadt. Düster lag der Park vor Waltelangs Wohnung; der Sturm fuhr in ungemäßigter Stärke durchs die alten Bäume; die Blätter wirbelten zur Erde; unablässig fiel der Regen. Unruhig lag der alte Mann in seinem Bett, Und! horchte - auf das Heulen des Sturmes und den prasselnden Regen, auf das Klappern des Wetterrouleaux und die vereinzelten dumpfen Tropfen. Er dachte zurück in die Vergangenheit; dunkle Bilder erstanden vor ihm. Er sah vorwärts in die Zukunft — grau und trübe lag sie da. Was konnte sie ihm noch bringen? Er war ein alter Mann; das Leben lag hinter ihm, bald wiirde ihn der Tod hin- wegnehmen, wie der Sturm die Blätter entführte. Er mochte nickt daran denken. Aber die Gedanken kamen immer wieder. Die Hände bald ineinander legend, bald nervös rmgeud, lag er da. Da klopfte es. Dreimal kurz hrutereinander. Der Kranke fuhr zusammen; er richtete sich! auf, er rief — niemand antwortete. Einen Augenblick horchte er noch mit angehaltenem Atem, es war alles still. Da klopft es wieder — ein schwerer Regentropfen ist aus das Gesims gefallen. Erleichtert lehnt sich Waltelang zuruck; ein Seufzer hebt seine Brust. Still horchte er auf die Musik da draußen; seine Jugendzeit fällt ibm ein, wie er als Knabe schauernd hiuausgelauscht hat in die dunkle Nacht, wenn der Sturm tobte und der Regen fiel, wenn draußen alles in Aufruhr war, und drinnen Ruhe und Frieden ausgebreitet lag. Freundlichere Bilder spregeln sich vor seiner Seele; es wird ruhiger in ihm; er schließt die Augen, um ungestört sich in diese Gedankenwelt versenken zu können, und schläft ein. Als er am andern Morgen erwacht, fühlt er sich! wie zerschlagen. Mißmutig erhebt er sich, mißmutig nimmt erden Kaffee ein. — Nachdem er sich sorgsam eingehüllr hat, geht er langsam und vorsichtig die Treppe hinab. Draußen schlägt ihm der Regen entgegen; geschäftige Menschen eilen an ihm vorüber. Die Pflicht ruft. Die Pflicht ruft auch ihn; stärker aber als die Pflicht ist die Furcht vor dem Alleinsein. Ihm ist nicht wohl; es liegt ihm in allen Gliedern; aber er mag nicht zu Hause bleiben. Tort kommen ihm' die Gedanken, jene ängstigenden, quälenden Gedanken. Weshalb giebt es eine Erinnerung? Er spannt seinen Schirm auf, hält ein Taschentuch vor den Mund und mischt sich so unter die hastende Menge, der einzige in ihr, der ruhig seines Weges geht. An der Anschlagsäule vor dem Rathause steht er trotz des Regens einen Augenblick still, aber nur einen Augenblick. Tann hebt die alte Rathausuhr zum Schlagen aus, und als der erste Schlag ertönt, wendet sich Waltelang zum Gehen, und ehe der letzte noch völlig verhallt ist, tritt er in das ehrwürdige Haus ein. Langsam geht die Zeit. .. WEelang sitzt an seinem Pult, den Kopf in dre linke Hand gestützt, während er mit der rechten unablässig Papierkügelchen dreht. Seine Kollegen lassen ihn gewähren. Tiefer oder jener fragt wohl einmal nach seinem Befinden; aber auf ein halb unwirsches, halb trauriges Kopfschütteln schweigt er. Ter Bureaudiener kommt und fragt, was' die Herren zum Frühstück begehren. Waltelang bestellt Milch mit Kognak, dann sitzt er wieder wie vorher. Endlich rafft er sich auf und beginnt eine fieberhafte Thatrgkeit.' Er prüft das Journal, sortiert die Schriftstücke und legt sie in die Akten, bis er schließlich! zu den alten, vergilbten Bänden aus früheren Zeiten kommt und darin herumblättert, daß der Staub auffliegt und ihn zum Husten reizt. Ta hört er auf, hält sein Taschentuch vor den Mund und geht zurück an sein Pult, während er den Bureaudiener beauftragt, die alten Folianten wieder an Ort und Stelle zu legen. Waltelang aber beginnt das alte Spiel mit den Papierkügelcken; stumm schaut er vor sich nieder, mechanisch! dreht nnd formt er das Papier, seine Gedanken weilen bei etwas anderem. Ein Frösteln geht durch. seinen Körper, er zittert. Ter Bureaudiener bringt chm abermals Milch; aber das Frösteln läßt nicht nach; es wrrd immer stärker. Seine Zähne schlagen zusammen, er bebt am ganzen Leibe, aber er harrt aus. Endlich schlägt es drei Uhr. Die Fedechklt« fliegen wie auf Kommando auf das Schreibzeug, und naM wenigen Minuten ist es still in dem Bureau; auch Waltslang geht. „Nur nicht krank tuerden, nur das "... Er zittert vor Frost und kann sich kaum anfrscht erhalten. Endlich ist er daheim. Besorgt fräst -rh» seine Wirtin, ob sie zum Arzt gehen solle. „Nein, nein, es wird schon wieder vsrüb«LKrHsn." „Nur nicht krank werden", murmelt er und leat sich zu Bett, um sich zu erwärmen. Erst fröstelt ihn, dann rinnt es wie Glut durch seine Adern. Seine Zunge ist trocken, seine Lippen brennen, sein Kopf heiß — er fiebert. Tie Wirtin kommt herein. „Soll ich nicht doch lieber zum Arzt gehen. Herr Walte- lang?" ' „Ja, gehen Sie." Der Arzt kommt; die Untersuchung dauert nicht lange. „Lungenentzündung." Er schreibt ein Rezept und verordnet kalte Umschläge. „Morgen korume ich.wieder." Damit geht er. Der Kranke ist!wieder allein, allein mit seinen Schmerzen und^ seinen Gedanken. „Alle Aufregung ist fernzuhalten. Besuch äbzuweisen", hatte der Toktvr gesagt, und die Wirtin handelte ganz nach seiner Vorschrift. Und doch war.jemand da, jemand, den sie nicht sah, von dem sie keine Ahnung hatte, und-' der den Kranken doch mehr auftegte als jeder andere -< die Angst. Da lag er nun den ganzen Tag allein; niemand sprach mit ihm, niemand erwies ihm Liebes, niemand tröstete Nur ab und zu kam die Wirtin und setzte ihm Citronen- wasser hin und fragte nmf) seinen sonstigen Wünschen. Und dann kamen die Gedanken, dann kam die Angst und die Erinnerung, die Erinnerung an Unangenehmes, Quälendes. Weshalb gerade sie? Er wollte wieder an seine Kindheit denken, aber es gelang ihm nicht; immer wieder drängten sich andere Bilder vor. Er hatte viele Jähre lang arg gelebt, iw Saus und 600 Braus, bis er plötzlich nüchtern geworden war.; Ter Tod hatte eingegriffen und in kurzer Zeit drei kräftige Männer aus dem übermütigen Kreise herausgerissen. Ta war's vorbei mit der alten Fröhlichkeit. Tie Angst vor dem Tode packte ihn; sie hatte ihn eigentlich nie ganz losgelassen, aber in dem tollen Treiben kam er nicht recht dazu, an den Tod zu denken. Ter Tod' mit seinen Schrecken war kein Thema für die lustige Gesellschaft, daran dachte man nur ungern. Nun aber hatte er gemahnt, gewarnt, und ob man wollte, oder nicht, der Gedanke an das Ende kam immer wieder und lieh hie alte Fröhlichkeit nicht mehr auf- vommen. Es war aus mit ihr, und die, die vordem so laut gewesen waren, wurden jetzt ganz stille. Sie gingen aus- Mnander, der eine hierhin, der andere dorthin; sie mochten sicht nicht mehr sehen, weil dadurch die Erinnerung geweckt wurde. ■ Waltelang lebte nun ganz für sich. Er hatte das Leben, das hinter ihm lag, nötig gehabt, um seine Angst zu betäuben; er Hütte es gerne fortgesetzt, wenn nicht das eine gewesen wäre: die Furcht, sein Leben zu verkürzen. Nirgends ging er mehr hin, in kein Konzert, in kein Theater, in keine Gesellschaft, kaum, daß er noch hin und wieder einen Spaziergang machte. Je älter er wurde, desto mehr schloß er sich ab. Er dachte nur noch an zweierlei: Dienst thun und schlafen. Ihn trieb zum Dienst nicht die Pflicht, zum Schslaf nicht das Bedürfnis. Gr arbeitete, um die Angst einzuschläfern, er schlief, um alles zu vergessen. Immer näher rückte das Alter. Waltelang hatte bereits das 60. Lebensjahr überschritten. Der Dienst wurde ihm schwer; er klagte nicht, er harrte aus. AengsUich achtete er auf seine Gesundheit, alles vermeidend, was nachteilig für sie sein konnte. Immer düsterer wurde sein Gemüt; zu der Angst vor dem Tode trat die Furcht vor zwangsweiser Pensionierung. Der Ruhestand nahm ihm den Hauptinhalt seines Lebens, mit ihm mußte er zusammenbrechen. Tas wußte er und davor fürchtete er sicht Im Dienst sterben • „in der Tretmühle", tote seine Kollegen sagten — das erschien ihm nur halb so schwer, als daheim langsam hinzusiechen, Von niemand gepflegt, von keinem betrauert. Tiefer Gedanke hielt ihn aufrecht, gab ihm Kraft. Und nun wollte es nicht mehr gehen, nun war der gefürchtete Augenblick gekommen, früher als der Kranke gedacht hatte — und anders. Tag für Tag kam der Arzt, aber er war wenig zufrieden mit dem Patienten. Seilt Zustand verschlimmerte sicht Freitag mußte es sich entscheiden, 0b Tod oder Leben. „Hat Herr Waltelang noch Verwandte?" fragte der Doktor die Wirtin. Bestürzt sah ihn diese an. „Wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen; die Kräfte des Kranken nehmen ab; sein Zustand ist besorgniserregend." Es war Freitag gegen Wend. Waltelang lag im Fieber. Seine Phantasie beschäftigte sich wieder mit der Vergangenheit und quälte ihn. „Wer bist Tn?" rief er. „„Ich kenne Dich nicht; ich weiß nichts von Dir. Fort, fort!" „Tu kennst mich nicht?" „Ha, Tn bist es, Elise?" Was willst Du von mir ? Habe W nicht für Tich gesorgt, und auch für das Kind?" Tie Gestalt trat näher auf ihn zu. „Fort", wimmerte er, „ich habe nichts. Jene Zeit ist Msgelöscht. Tu weiht, daß sch gebüßt habe, gebüßt mit meinem Leben! Hörst Tu, mit meinem Leben!" „Ich liebe DW; ich will nur Liebe, mir Dein Herz, Ehregott! Gieb mir Tein Herz." Ter Kranke schlug um sich und zog das Bett höher hinauf, „Geh weg! sage ich Dir!" Tas schrie er so laut, daß die Wirtin hereingeststrzt kam, Mer sie bekam auf ihre Frage keine Antwort. „So" sagte er ruhiger, „nun ist sie weg." . Plötzlich wurde er wieder unruhiger: „Tn! Du hast Dein Meld bekommen. Weshalb warst Tu so thöricht und wurdest zum Säufer? Tu hättest es benutzen sollen zur Erziehung des Kindes, Deines Kindes/' Er lachte laut aus. „Geh' zu Deiner treuen Elise. Geh' Such' sie Dir; sie war eben hier. Geh' !"■ - i Er richtete sich auf, sank aber alsbald wieder zurück in die Kissen. Es wurde dunkel. Auf den Straßen brannten schon die Laternen, und durch die Fenster blinkte das Licht vieler Kerzen — man feierte bett Geburtstag des Landesfürstew Trauhen lärmte die Straßenjugend' und sang patriotische Lieder. Hier in dem stillen Zimmer lag ein Kranker, der keine Hoffnung mehr hatte, den die Angst vor dem Tode zu Dove hetzte. Tas Fieber hatte nachgelassen. Der Kranke hörte den Gesang auf der Straße. Er wollte auch singen; das brachte ihn vielleicht auf andere Gedanken. Mit leiser Stimme begann er ein patriotisches Lied und dann einen Cho rast Er erschrak selbst vor seiner Stimme und wunderte sich!/ daß er den Text noch wußte. Seine Wirtin stand in der Thür und weinte. Er mußte doch wohl selbst fühlen, daß der Tod kam, hätte er sonst einen Choral gesungen? Tie vielen Jahre, die er bei ihr wohnte, hatte sie das nicht ein einziges Mal von ihm gehört. Tie Nacht brach herein. Die Lichter erloschen, nur die Laternen brannten wie immer still und stetig.' Im Park raschelte das Laub, und die kahlen Zweige seufzten, daß es Herbst getoiorden war. — „Herbst . . . Ich sehe den Frühling nicht mehr . . ." Ein Seufzer, Christian Ehregott Waltelang war tos. Gemeinnützrses. Zur Aufbewahrung des Tafelobstes,, das hauptsächlich- für den Winter bestimmt ist, wähle man kühle, trockene Räume, die höchstens 3—7 Grad Wärme haben." Je kühler das Winterobst liegt, desto besser hält es sich. Es wird allerdings vielfach der Fehler gemacht, das Obst zeitig zu ernten, meistens zu früh. So lange nicht starke Fröste dasselbe schädigen, ist das Verbleiben am Saunt: der Einlagerung vorzuziehen. Tann vermeide man luftige, zügige Räume, die ebenso, das Welken des Obstes be- günstigen, wie die frühe Ernte. Tas Einpacken der Früchte in Kisten mit Holzwolle ist nur dann zu empfehlen, trenn: dieselbe vollständig geruchlos ist. Besser eignet sich! gewaschener und gut getrockneter Torfmull oder feiner ©anb.; Durch einen derartigen Luftabschluß wird das Welken verhindert und die Früchte halten sicht vorausgesetzt, daß es Winterobst ist, sehr lange. Es darf auch nur tadelloses Obst ohne Beschädigungen eingelegt werden. „Praktischer Wegweiser", Würzburg., Schachaufgabe, Von I. Jespersen in Svendborg. Nachdruck verboten. Selbstmatt in 2 Zügen. (Auflösung in nächster Nummer.) (10 + 14) a b o d e f g h Weitz. b c d e f g h Auflösung des Füllrätsels in vor, Nr,l WARUM MEDOC RISPE WEBER Redaktion; E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfltäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,