Dienstag den 20. August 1901 m ersten Anblick hatte er die sichere Empfindung gehabt, daß sie eine junge Dame aus gutem Hause sein müsse, und wenn ihn die beinahe knabenhafte Freiheit ihres Wesen- daran inzwischen ein wenig hatte irre werden lassen, so, fühlte er seine anfängliche Ansicht nun aufs neue befestigt. Er hielt es denn auch für geboten, sein eigenes Verhalten danach einzurichten. r Die ungewöhnlichen Verhältnisse, unter denen unsere Bekanntschaft zu stände kam", sagte er, „mögen es, entschuldigen, daß ich mich Ihnen bisher noch nicht ^einmal vorgestellt habe. Ich bin der Rechtsanwalt Ludolf Amberg aus B, und icE), würde es als eine große Gunst ansehen, wenn Sie mich erfahren liehen, wen ich, künftig als mente Lebensretterin zu verehren habe." . Ter Weg war jetzt breit genug, daß sie nebeneinander gehen konnten, und Rudolf bemerkte, daß sie auf seine letzten Worte hin ihn ein paar Sekunden lang forschend ansah, ehe sie — noch immer mit einigem Zögern — erwiderte • „Ich heiße Lilli von Ranten. Aus Verehrung aber erhebe ich keinen Anspruch- weil ich mir nicht bewußt bin, daß ich sie verdient hätte." Der Name klang ihm ins Ohr, als horte er ihn nicht zum ersten Mal, und wieder, tote es schon bei ihrem ersten Anblick der Fall gewesen war, regte sich in ihm zugleich eine dunkle Vorstellung, daß er dieses anmutige junge Wesen, das so leichtfüßig an seiner Seite dahinschirttt, nicht zum ersten Mal in seinem Leben sehe. Er zerbrach! sich den Kopf, wo er ihr wohl schon begegnet sein konnte, aber er kam bald zu dem Schluß, daß ihn irgend eine zusällige Aehnlichkeit täuschen müsse; denn sein Verkehr mit Damen der vornehmen Gesellschaft beschrankte sich aus einige so vereinzelte Fälle, daß er sich gewiß daran erinnert haben würde, wenn das Fräulein von Ranten darunter gewesen wäre. Ihr Gespräch war seit der gegenseitigen Vorstellung ins Stocken geraten. Die liebenswürdige Führerin Wales, die zuerst das lauge Schweigen brach, indem sie an einer Stelle, wo der in Windungen abwärts! führende Pfad wieder schmaler wurde, auf ein roh gezimmertes Geländer zu ihrer Rechten wies. „Schauen Sie einmal da hinunter ! Es ist die sogenannte Adlerwand, ein fast senkrechter Absturz. Wenn es jetzt nicht schon so dunkel wäre, könnten tote auch hier an dem Marterl lesen, daß da vor vier Jahren einjunger Maler abgefallen ist, und auf der Stelle seinen $ob gefunden hat. Natürlich hat man erst nach jenem Unglnck das schützende Geländer angebracht." Rudolf war ihrer Aufforderung gefolgt, und an die aus einigen jungen Stämmen zusammengefugte Brustwehr getreten. Unheimlich schwarz gähnte ihm die -mese zu seinen Füßen entgegen. Sw weilen vermutlich schon seit längerer Zeit hier Seme gewähren, ungerne bitten, Niedres verheißen, Hohes leisten: Sind stolzer Ehre beste Sitten, Der nur ein Edler sich mag erdreisten. Reim ar v. Zweier. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von ReinholdOrtrnann. (Fortsetzung.) Sie behandelte ihn so unbefangen, wie sie etwa mit einem verlaufenen Kinde umgegangen sein würde. Wenn er sich vor dem schwierigen Uebergange geängstigt hatte, was allerdings nicht im mindesten der Fall war, so wäre die sorglose Sicherheit dieses merkwürdigen jungen Geschöpfes sicherlich ganz danach angethan gewesen, feine Angst zu verscheuchen. Sie ging vor ihm, den Rücken gegen die Felswand, und das Gesicht dem Abgrund zugewendest an dem sich der schmale Steig dahinzog. Mit festem Druck umschloß ihre Hand seine Finger, und sie ahnte es offen- bar nicht, daß die lebendige Wärme, die er aus die,er kleinen Faust in sich hinüberströmen suhlte, ihn ungleich mehr verwirrte, als die Gefahren des immerhin nicht unbedenklichen Weges. Doch wenige Minuten nur, und sie hatten ihn glücklich überwunden. „Nun sind Sie da, wo Sie bei einiger Ortskenntnis wohl schon vor einer halben Stunde hätten fein,tonnen", sagte sie, indem sie seine Hand losließ. „Von hier geht's so gemächlich, und so sicher bergab, daß man's zur Not mit verbundenen Augen machen könnte. Es kommt wohl noch eine gefährliche Stelle, aber sie ist durch ein sestes Geländer hinlänglich geschützt. Hätten wir nicht zufällig den nämlichen Weg, so würde ich es für überflüssig halten, Sie weiter zu begleiten." „Um so besser für mich, daß toir den nämlichen Weg haben, mein Fräulein! Wie aber soll ich es nun anfangen, Ihnen nach Gebühr zu danken?" _ c r „Sie sollen mir gar nicht danken. Es ist doch selbstverständlich, daß in solcher Lage ein Mensch dem anderen beisteht. Und außerdem ist es jetzt vorbei. Es wäre mir unangenehm, wenn Sie noch viele Worte darüber machten." Es war in dieser letzten Bemerkung ein leiser Klang von vornehmer Zurückweisung, der nach Rudolfs Meinung zu ihrem bisherigen Benehmen nicht recht stimmen wollte, ihm aber trotzdem keineswegs mißfiel. Schon bei ihrem 470 in den Bergen, Fräulein von Ranten", sagte er, „da Sie mit allem so Wohl vertrant sind." „Es ist der dritte Sommer, den ich hier verlebe. Aber ich kenne freilich keinen anderen Weg so gut als gerade diesen. Ich gehe ihn beinahe täglich; denn es ist der Weg zu meinem Lieblingsplätzchen." „Hat dieses Lieblingsplätzchen auch einen Namen, der es für andere Sterbliche auffindbar machen würde?" „Nein. Ich habe es ganz allein aufgespürt, und ich werde mich wohl hüten, das Geheimnis preiszugeben. Würde es dann doch wahrscheinlich bald genug um meine schöne Bergeinsamkeit geschehen sein." „Geraten denn Ihre Angehörigen nicht in Sorge, mein Fräulein, wenn Sie so lange mutterseelenallein hier oben weilen? Ich für meine Person habe ja alle Ursache, mich dessen zu freuen, aber ich würde gewiß in schrecklicher Angst um Sie sein, wenn ich jetzt als Ihr Bruder oder Ihr Vater unten im Thal auf Ihre Heimkehr warten müßte." „Um mich ängstigt sich niemand", sagte sie so gelassen und einfach, wie man etwas ganz Natürliches ausspricht. „Einen Bruder habe ich nicht, und mein Vater ist nicht hier. Die alte Dame aber, in deren sogenannter Obhut ich mich seit Jahren befinde, hat sich derartige Thorheiten längst abgewöhnt — zu ihrem eigenen Besten; denn ich vermute, daß sie sonst aus den Angstzuständen gar nicht herauskäme." Die letzten Worte begleitete sie wieder mit dem schelmischen Lachen, das Rudolf vorhin so bestrickend gefunden hatte. Wie gering auch immer die Vertraulichkeit sein mochte, die sie ihm durch ihre Mitteilungen erwiesen, sie bereitete ihm doch ein sehr lebhaftes Vergnügen, und er würde sich letzt gewiß auf das Eifrigste bemüht haben, die Unterhaltung im Fluß zu erhalten, wenn nicht Fräulein Lilli zu seiner schmerzlichen Ueberraschung diese gute Absicht vereitelt hätte. Sie blieb plötzlich wieder stehen, und sagte: „Hier geht's nach der Villa Luise — und das ist mein Weg. Um ins Dorf oder zu den Gasthöfen zu gelangen, brauchen Sie nur die bisherige Richtung inne zu halten. Ein Verirren ist ganz unmöglich. Gute Nacht!" An seinem Gegengruß schien ihr nicht viel zu liegen; denn sie eilte so schnell davon, daß sie ihn wohl kaum noch hören konnte. Rudolf fühlte sich einen Augenblick sehr stark versucht, ihr zu folgen, obwohl sie ihm ja deutlich genug gesagt hatte, daß dies nicht sein Weg sei; aber er besann sich; dann doch noch zur rechten Zeit, daß er damit eine arge Ungeschicklichkeit begehen würde, und wanderte seine Straße weiter. Seine Gedanken freilich hätten sich mit der neuen Bekannten nicht lebhafter und ausschließlicher beschäftigen können, wenn sie noch immer leibhaftig an seiner Seite gegangen wäre. Ja, er merkte es eigentlich erst jetzt, einen wie starken Eindruck sie mit ihrer zierlichen Anmut, ihrer Verwegenheit, der Frische und Munterkeit ihres Wesens auf ihn gemacht hatte. Von ganzem Herzen fühlte er sich dem Zufall verpflichtet für die Gunst, die er ihm da erwiesen, und es stand unumstößlich in ihm fest, daß diese erste Begegnung mit Lilli von Ranten nicht auch die einzige bleiben dürfe. Achtes Kapitel. Als Rudolf Irnberg am nächsten Morgen den ersten Blick zum Fenster hinauswarf, machte er die überraschende Wahrnehmung, daß die Welt seit gestern viel schöner geworden war. So köstliches" Himmelsblau, so goldigen Sonnenschein, so viel lachende, prangende Herrlichkeit der Natur meinte er seit langem nicht mehr gesehen zu haben, obwohl doch auch während der verflossenen Tage die Sonne hell am blauen Himmel gestanden, und dasselbe großartige Landschaftsbild mit ihrem Glanze verklärt hatte. „Lilli von Ranten", sagte er vor sich hin, während er rasch seine einfache Toilette machte, „ein hübscher Name! Wenn ich es nur herausbringen könnte, wo ich ihn schon gehört habe. In der Billa Luise also! Nun, da es ja ja ganz gleichgiltig ist, wohin ich meinen Moraenspazier- gang mache, kann ich ebensogut einmal an der Villa Luise vorübergehen." Dem Vorsatz folgte die That. Aber wenn er gehofft hatte, daß sich ihm der Zufall abermals dienstwillig erweisen, und ihm Fräulein Lilli im Garten oder wenigstens an einem Fenster des Hauses zeigen würde, so fand er sich enttäuscht. Und er mußte sich überdies zu seinem Verdruß mit einmaligem Vorübergehen begnügen; denn die Villa war offenbar noch von verschiedenen anderen Sommergästen bewohnt, und ein dickes, verdrießliches Ehepaar, das Kaffee trinkend im Vorgärtchen saß, hatte den frühen Spaziergänger ohnehin mit mißtrauischen Blicken beobachtet. Etwas herabgestimmt kehrte Rudolf auf einem Umwege in das Dorf zurück. Und um die rosige Laune, in der er den jungen Tag begrüßt hatte, war es ganz und gar geschehen, als er sich vor dem größten Hotel des Ortes bei seinem Namen angerufen hörte, und als er in dem Rufenden einen alten Schulkameraden und Studiengenossen erkannte, der mit ausgestreckten Händen auf ihn zueilte, und dem er wohl oder übel standhalten mußte. Bei der großen Freude, die Doktor Stahlschmidt über die unverhoffte Begegnung an den Tag legte, war an ein Entkommen vorläufig nicht zu denken, nm so weniger, als Rudolf es in solchen "Fällen grundsätzliche verschmähte, sich einer sogenannten Notlüge zu bedienen. Der Doktor gedachte eine Woche lang hier zu verweilen, und wenn auch der junge Rechtsanwalt entschlossen war, sich an den folgenden Tagen seine Freiheit unter allen Umständen zu wahren, so ergab er sich doch für heute mit verstohlenem Seufzen in sein Geschick. Auch die Einladung, nach einem großen Ausfluge, den sie gemeinsam unternommen, mit Stahlschmidt um sechs Uhr an der Wirtstafel zu speisen, hatte er trotz seines Widerwillens gegen derartige geräuschvolle Massenmahlzeiten angenommen, um den alten Kameraden nicht zu kränken. Sie saßen nunmehr nach dem Essen auf dem freien Platz vor dem Gasthofe in etwas schleppendem Gespräch bei einander, als aus den geöffneten Fenstern des Saales die Klänge eines Klaviers zu ihnen heraustönten. „Der Donauwalzer!" rief Doktor Stahlschmidt freudig, indem er zugleich wie elektrisiert von seinem Stuhl in die Höhe fuhr. „Was gilt's, altes Haus — da drinnen wird getanzt! Und ein paar Kerle wie wir, dürfen dabei natürlich nicht fehlen." Rudolf, der den Anlaß sehr gern benutzt hätte, um sich zu verabschieden, erklärte zwar mit Bestimmtheit, daß er nicht tanzen werde, aber der andere gab ihn darum doch nicht frei. „So laß uns wenigstens ein bischen zusehen. Es waren so viele hübsche Mädchen an der Tafel. Komm, fei kein Spaßverderber! Wozu sind wir denn in der Sommerfrische, als um uns zu vergnügen!" Es half ihm nichts — er mußte sich fügen. Aber er hatte kaum von der Thüre aus einen Blick in den Saal geworfen, in dem sich fünf oder sechs Paare nach dem feurigen Rhythmus des beliebten Tanzes' drehten, als sein Gesicht fidf seltsam erhellte, und fein bisheriges zauderndes Widerrstreben sich in lebhafteste Teilnahme verwandelte. Hatte er doch in einer der Tänzerinnen Lilli von Rauten erkannt, feine holde Lebensretterin, wie er sie mit einiger Uebertreibung ihres Verdienstes in feinen Gedanken nannte, und erwartete er doch mit sehnsüchtiger Spannung den Augenblick, wo er sich ihr würde nähern dürfen. Seine Geduld wurde da freilich! auf eine ziemlich harte Probe gestellt; denn Fräulein Lilli erwies sich hier als ebenso ausdauernd wie gestern bei der beschwerlichen Kletterpartie. Erst als der Herr am Klavier zu spielen aufhörte, gönnte sie ihrem völlig erschöpften ■ und atemlosen Tänzer Ruhe. In der nächsten Sekunde schon war Rudolf Irnberg bei ihr. „Guten Abend, Fräulein von Rauten", sagte er, und wenn sie ein scharfes Ohr hatte, konnte ihr das freudige Beben seiner Stimme kaum entgehen. „Ich bin glücklich, zu sehen, daß das gestrige Abenteuer Ihnen nichts geschadet hat. Darf ich Sie um die Ehre des nächsten Tanzes bitten?" Sie trug heute ein weißes, bis zum Halse geschlossenes Kleid, und schien ihm fast noch reizender als gestern. Aber sie war nicht ganz so unbefangen, ©eine Anrede hatte sie offenbar in Verlegenheit gebracht, und 471 wieder wollte es ihm Vorkommen, als glitten ihre braunen Augen beinahe ängstlich forschend über sein Gesicht. ' „Gern", sagte sie etwas zögernd, „obwohl es eigentlich meine Absicht war, jetzt nach .Hause zu gehen." „Um so höher weiß ich die Gunst zu schätzen, die Sie mir gewähren", brachte Rudolf, der sich auf die herkömmlichen Galanterien' im Verkehr mit jungen Damen Ziemlich schlecht verstand, einigermaßen unbeholfen heraus. Und nun war mit einem Mal das schelmische Lächeln wieder aus ihrem Gesicht. „Das steht Ihnen frei, Herr Rechtsanwalt, aber Sie müssen es im stillen thun. Ich liebe es nicht, daß man von meinen vermeintlichen Gunstbeweisen viel Aufhebens macht." Er war gleichzeitig beschämt und entzückt. Als der Klavierspieler eine Polka-Mazurka intonierte, und als er seinen Arm um Lilli legen durfte, fühlte er sein Herz in rascheren Schlägen klopfen. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, so daß ihre langen Wimpern einen feinen Schatten auf die zart gerundeten Wangen warfen, und da durchfuhr es ihn abermals, diesmal viel bestimmter und deutlicher als zuvor, daß er dies alles schon einmal gesehen habe — die Augen, die Wimpern, das seine, gerade Näschen, und den kleinen, kirschroten Mund. Nur wo und wann es geschehen war, wollte ihm durchaus nicht einfallen, wie er auch während der nächsten Minuten darüber grübelte und sann. Doch mit einem Mal ward es ihm klar, daß das ein Irrtum gewesen, zugleich aber mit dieser Erkenntnis kam ihm auch die Erklärung dafür. Fräulein Lilli besaß, wie er plötzlich entdeckte, eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Margarete Willisen, und er fand es jetzt unbegreiflich, daß ihm das nicht sofort klar gewesen war. Diese Aehnlichkeit mußte ihn getäuscht haben, so daß er sich anfangs einbilden konnte, Lilli selbst schon früher irgendwo gesehen zu haben, was doch zweifellos nicht der Fall war. (Fortsetzung folgt.) Das Natürliche in der Heilkunde. Von Dr. Guth m ann. Nachdruck verboten. Das Wörtchen „Natur" besitzt eine sehr elastische „Natur"; es lassen sich damit die glänzendsten Wortspiele zu Wege bringen. In der deutschen Sprache giebt's nur wenig Ausdrücke, die eine größere Zahl von verschiedenen Begriffen in sich schlössen. Leider wird mit dem Worte „Natur" mehr im Ernst, als im Scherz gespielt, durchs .liebenswürdiges Geplänkel mit diesem Worte wird nur selten ein fröhliches Lachen entfesselt, dagegen drohen durch das besagte ernsthafte Spiel sehe viele menschliche Köpfe in Verwirrung zu geraten; sie wissen am Ende nicht mehr recht, was eigentlich natürlich, und was unnatürlich ist, mag es sich um irgendwelche Handlungen oder körperliche Dinge handeln. Besonders in der Heilkunde ist das Wort in letzter Zeit recht gebräuchliche geworden. Hier finden wir oft, daß! zwei, die siche stundenlange über „natürliche Heilmittel" herumshreiten, einen erfolglosen Kampf miteinander führen, dabei es niemals zu einer vernünftigen -Einigung kommen kann — und zwar nur deswegen nicht, weil jede der sich befehdenden Parteien unter dem „Natürlichen" etwas anderes versteht. Wir haben deshalb -Grund genug, uns über das Wesen des Wortes „Natur"! genau aufzuklären, bevor wir uns mit der Frage beschäftigen, was wir wissenschaftlich unter „natürlichen" Heilmitteln verstanden wissen wollen. Wenn man die „Natur" in ihrer weitesten Bedeutung; auffaßt, so denkt man sich- darunter „die große Mutter aller Dinge", die „allumfassende und allerhaltende" Natur. In diesem Sinne gäbe es, da nichts aus der Natur herans- genommen werden kann, überhaupt nichts Unnatürliches. In diesem Sinne würde auch eine Mutter, die gegen das allgemein giltige Gesetz der Mutterliebe ihr Kind grausam behandelt, nichts Unnatürliches vorstellen, da die Natur selbst ja zu einer derartigen häßlichen Erscheinung gefühit hat. Wenn man aber von einer „unnatürlichen" Mutter spricht, so versteht man darunter eine Mutter, die in ihvem Wesen von der durchschnittlichen Art der Mütter abweicht. Aber was in der Natur die Regel ist nennt man „natürlich", die Abweichung von der Natur wird als „unnatürlich" bezeichnet. Einer, der auf den Händen herumspaziert, statt die Füße zu diesem Vorgang zu benutzen, bedient sich einer unnatürlichen Art der Fortbewegung. Schließlich versteht man unter Natur noch- — den Charakter eines lebenden Wesens. Jedes Wesen hat eine seiner Art zukommende eigentümliche Natur, und unterscheidet sich noch von dem ihm gleichartigen Wesen durch seine besondere persönliche Anlage. Der Löwe ist tapfer, der Hase feige — es giebt unter den Hunden sanfte und wilde „Naturen". Wir könnten die Beispiele häufen, aber wir haben schon genugsam zu unserem Schrecken gesehen, welchen Irrungen und Wirrungen uns das Wörtchen „Natur" auszusetzen vermag, und wir beginnen sehr nachdenklich zu werden, wenn wir uns jetzt dem Kapitel über die „natürlichen" Heilmittel zuwenden. Es gab eine Zeit, in der man sich über die Natur des Menschen und über das Wesen der Krankheiten in völliger Unkenntnis befand. Wie der Mensch in den Uranfängen seiner Entwickelung über derartige gelehrte Fragen denkt, das können wir dadurch am besten kennen lernen, daß wir uns in das primitive Geistesleben wilder Volksstämme, Indianer, Afrikaner, oder Australier, vertiefen. Wie die Wilden das Leben selbst für einen in den toten Körper von außen hineinwehenden Hauch, ansehen, so ist ihnen die Krankheit desgleichen weiter nichts, als ein in den Menschen hineinfahrender böser Geist. Sie suchen bekanntlich, — ihrer Ansicht nach, aus dem „natürlichsten" Weg« — diesen Teufel aus dem Leibe ihres Mitmenschen durch Beschwörungsformeln und einen Höllenlärm, den sie vollführen, herauszutreiben. Uns fortgeschrittene Menschen hat die N a t u r w- i s s e n s ch a f t darüber belehrt, daß, der Vorgang des Lebens im lebendigen Körper einen ähnlichen, blos viel verwickelteren Prozeß, darstellt, als der Vorgang der Arbeit in irgend einer Maschine. Das Leben ist vom Körper ebenso wenig loszulösen, wie die Arbeit von der Maschine. Wenn der Körper zertrümmert wird, erfolgt gleichzeitig die Vernichtung des Lebens, wenn die Maschine zerbricht, so hört ihre Arbeitsleistung damit aus. Nun braucht weder beim lebendigen Körper, noch bei der Maschine immer gleich eine vollkommene Zerstörung des- ganzen Gesüges einzutreten. Es kann an den Teilen etwas' zerbrechen oder in Unordnung kommen, so daß die Thätigkeit des Lebens oder die Arbeitsleistung dadurch nur beeinträchtigt wird-, ohne doch, ganz ins Stocken zu geraten. In solchem Falle sagt man von «einem lebendigen Körper, daß er krank ist, von einer Maschine, daß sie nicht regelrecht, d. h. n i ch t normal schafft- Nun bemerken wir alsogleich den gewaltigen Unterschied zwischen der Natur des lebenden Körpers und der Natur einer von uns gebauten Maschine. Die Maschine müssen wir, sofern sie überhaupt wieder herstellbar ist, ausflicken oder mit neuen Teilen versehen, um sie wieder heil zu machen, im lebendigen Körper dagegen werden Lebensäußerungen eigentümlicher Art von selbst rege, die darauf hinauslaufen, die schadhaften Stellen im Innern auszubessern. Wenn sich einer in den Finger schneidet, so wird von den getrennten Gewebsflachen ein Stoff erzeugt, vermöge dessen die zerschnittenen Teile wieder zusammenwachsen. Wenn ein Fremdkörper in den Kehlkopf hineingerät, so verursacht er infolge des Reizes einen Hustenstoß, durch den es häufig gelingt, den fremden Eindringling herauszuschleudern und so den Erstickungstod abzuwehren. Wenn ferner Pilze, Krankheitserreger in das Gewebe oder in die Blutbahn einbringen, so sucht der Körper diese durch Harn und Schweiß aus sich herauszuscheiden; er bildet den Giften der Pilze gegenüber Gegengifte, Impfstoffe, die die schädliche Wirkung der ersteren aufheben sollen; er stellt seine Temperatur auf einen höheren Wärmegrad ein, was dem Gedeihen und der Fortpflanzung der Pilze sehr nachteilig ist Es giebt also in der menschlichen Natur eine ganz „natürliche" Heilkraft, die alle krankhaften Schädlichkeiten auszugleichen strebt. Leider ist diese natürliche Heilkraft den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht immer gewachsen. Die mediziüische Wissenschaft und Kunst sucht 'das Wesen dieser natürlichen 472 Heilkraft zu ergründen, und die Mittel zu finden, wie diese am wirksamsten unterstützt werden kann, sie sucht diese Heilkräfte, die manchmal in ihrem Streben zu heftig übers Ziel hinausschießen, wie beim Fieber, in vernünftige und heilsame Bahnen einzudämmen. Das ist eine Wissenschaft, so umfassend in dem, was sie geleistet hat, fn) viele andere große Wissenschaften, Chemie, Physik u. a. in ihrer Gefolgschaft führend, daß eß eines Lebensstudiums bedarf, um sie annähernd zu verstehen, und daß es sehr schwer ist, in kurzem eine oberflächliche Borstellung'. von ihrer Bedeutung zu geben. Während es eine sehr einfache Handlung darstellt, wenn wir mit geübter Hand zwei auseinander geschnittene Ge- websslächen durch die Naht miteinander vereinigen, um die Heilkraft der Natur zur Geltung kommen zu lassen, bedurfte es des höchsten menschlichen Scharfsinns, um für die im Körper' gebildeten Krankheitsgifte die passenden Gegengifte aufzufinden. Stoffe, die durch die Wissenschaft als solche Gegengifte herausgefunden sind, kommen in fertigem Zustande in der Natur vor, wie z. B. das Quecksilber, sie werden mit Hilfe der Chemie aus Pflanzenteilen, der Kohle, wie z. B. Salicylsäure, Chinin, Antipyrin u- a. gewonnen, oder sie werden, wie die Kuhpocken-Lymphe und das Diphtherie-Heilserum, aus den tierischen Geweben und Säften, die zu ihrer Verteidigung schon den Impfstoff gebildet hatten, herausgezogen. Die Behandlung des Körpers mit Wasser, Lust, Licht und mit besonderen Nahrungsmitteln ist ein wichtiges Unterstützungsmittel für die Heilkraft der Natur; weder das Studium, noch die Anwendung dieser Mittel werden von der Wissenschaft vernachlässigt. Es läßt sich aber kein Grund sinden, weswegen man diese Behandlungsweise allein „natürlich" nennt und sich darauf beschjränkt. Wenn man sagt: wir wollen den Körper nicht mit Giften behandeln, sondern nur mit natürlichen Stoffen, so hat man dabei vergessen, daß zum mindesten im kranken Körper auch Gifte, gerade häufig Gifte vorkommen. Die Benennung der Heilmittel als „natürliche" in dem letzteren Sinne entbehrt somit jeglicher Begründung. Wahrhaft natürliche Heilmittel in der Medizin sind allein diejenigen, die die H e ilkr a ft d er N atur unterstützen: Wasser, Luft, Licht, Diät, Stoffe aus dem Pflanzen- und Mineralreich, Impfstoffe, kurz alles, was uns die Wissenschaft zur Bekämpfung von Krankheiten an die Hand giebt, um welche Art von Mitteln es sich dabei auch immer handelt. _____________ Gemeinnütziges. Mo stob st. Während im Norden und Osten unseres Vaterlandes das Obst, besonders Aepsel und Birnen, fast ausschließlich roh oder zubereitet genossen wird, verwendet man das Kernobst in Süd- und Westdeutschland, auch der Schweiz, in seiner Hauptmasse zum Mosten eines Haustrunkes, zu Obstwein. Vom Main, besonders von Frankfurt aus, hat sich der Obst-, der Aepfelwein, ein weites Feld erobert. Er wird in feiner Qualität von besonderen Keltereien zubereitet. In Süddeutschland dagegen mostet jeder Grundbesitzer, ob groß oder klein, seinen Obstchern selbst. Er stellt wemq Ansprüche an Feinheit des Getränkes, wenn er nur viel hat. Im Sommer und Herbst steht jedem Erntearbeiter eine bestimmte Menge Most zu, dre rn Flaschen mit auf das Feld genommeu wird. Wegen des großen Bedarfes an Most sind in Süddeutschland, besonders rn Württemberg, sehr viel Kernobstsvrten angebaut, deren Fruchte roh, des hohen Gerbstoffgehaltes wegen gar nicht zu gemeßen sind, die aber einen ganz vorzüglichen Most liefern, wre neueste Nummer des praktischen Ratgebers rm ^bft- und Gartenbau, vom Geschäftsamt rn Frankfurt a. Oder zu beziehen, enthält einen längeren Artikel über Mostbirnen, rn dem jede bedeutendere Mostbirne einer eingehenden Besprechung unterzogen ist. , . . Wie soll gesundes Fleisch beschaffen fern? Das Fleisch der Schlachttiere soll eine angenehme, mehr dunkle als blasse, keineswegs grünlich schimmernde^Färbung, derbe aber nicht harte Konsistenz besitzen, keme zerstreuten schwärzlich brandigen Punkte, welche aus Krankheit deuten würden, zeigen, und überhaupt in seinem ganzen Aussehen eine frische Beschaffenheit erkennen lassen. Allerdings sind diese wenigen Merkmale bei weitem nicht genügend, um zu verhindern, daß Fleisch von kranken, krepierten, vergifteten Tieren in die Küche gelangt; wir müssen uns, schreibt die Zeitschrift „Gesunde Kinder, Gesunde Frauen", in dieser Beziehung darauf verlassen, daß das Fleisch tierärztlich untersucht ist, und die'glücklicherweise mehr und mehr zur Einführung gelangenden Schlachthäuser, in denen eine obligatorische Fleischbeschau besteht, sind von größter Bedeutung, um die aus dem Genuß schädlichen Fleisches sich ergebenden Gefahren abzuwenden. Fleisch von allen Tieren, welche durch zu große Anstrengungen (Hetzen) verendet sind, von solchen, die an ansteckenden Krankheiten, wie Milzbrand, Rotz, Wutkrankheit, Pocken, Maul- und Klauenseuche, Tuberkulose (Perlsucht), typhösen und pyämischen (Eiter-) Erkrankungen litten, ist im allgemeinen ebenso als für den menschlichen Genuß ungeeignet zu betrachten wie solches Fleisch, welches lebendige, auf den Menschen übertragbare tierische Parasiten, als Trichinen und Finnen, enthält. Von dem Genuß auszuschließen ist auch das Fleisch eben geborener Tiere. Als gesundheitsschädlich ist weiter faules Fleisch anzusehen, da durch die bei der Zersetzung beteiligten Bakterien giftige Stosfwechselprod ukte (Ptomaine) erzeugt sein können. Der Genuß rohen Fleisches sollte wegen der selbst bei sorgfältigster Fleischbeschau möglichen Gefahren durch tierische oder pflanzliche Schmarotzer, soweit irgend angängig, eingeschränkt werden. Unter demGebrauchevonReizmit keln leidet der ganze Körper. Tie Nerven werden geschwächt, die Leber erschlafft, die Güte und der Umlauf des Blutes wird beeinflußt, und die Haut wird unthätig und blaß. Säckchen für Hülsenfrüchte. Sehr geeignet zum Aufbewahren von Hülsenfrüchten und dabei leicht anzufertigen sind folgende Säckchen. Man gebraucht zu jedem einzelnen Säckchen ein Stück Rohleinen von 30 Zentimeter- Länge und 36 Zentimeter Breite. Die obere Breitseite des Stoffes wird mit großen Bogen in rotem ober blauem Stickgarn festoniert, dann das Säckchen so zugenäht, daß nur der sestonierte Teil offen bleibt; nun zeichnet man auf die eine Seite des Säckchens die Bezeichnung für den späteren Inhalt, tote Erbsen, Linsen, Bohnen, Graupen rc. und stickt mit dem gleichfarbigen Garn in Plattstich. Hieraus wird an der Kehrseite, 4 Zentimeter vom oberen Rand entfernt, ein 2 Zentimeter breites Rohleinenband aufgesteppt, durch das ein 1,5 Zentimeter breites, 50 Zentimeter langes Band geleitet wird. Will man die Säckchen hängend aufbewahren, so kann noch an der Kehrseite eine Bandschlinge angebracht werden. Mahagoni möbelaufzn frisch en- Man vermischt acht Teile Stearinsäure, acht Teile Terpentinöl und ein Teil Karmin recht gut, taucht in diese Mischung ein Stück Flanell, drückt es gut ans, und reibt damit die Möbel sorgfältig ab. Vorher müssen die Möbel von allem Staub und Schmutz gereinigt werden, wenn nötig, mit warmem Wasser. („Prakt. Wegw.", Würzburg.) Rätsel. Nachdruck verboten. Die Zwiebel hai's, die Milch, das Tier, Und es ist auch an dir und mir; Doch wenn der zweite Laut ihm fehlt, Es zu den Kleidungsstücken zählt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Diamantrülsels in voriger Nummer: J RUM ALPEN JUPITER ANTON SEE ! R '!« Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühlychen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei M-tsch Erben) in Gießen.