(Nachdruck verboten.) Wie ich Feldwebel wurde und blieb Militärhumoreske von Otto Anthes. (Schluß.) Ten ganzen Nachmittag lag der Fähnrich! tut Schul- Hause auf seinem Bett und trieb eine seltsame Gymnastrk mit seinen Beinen. Einmal zog er das rechte bis auf bte Brust herauf und streckte das linke lang aus, uno dann umgekehrt; und von zehn zu zehn Minuten steckte er sie alle beide in das Waschbecken, das er vor dem Bette auf- qepflanzt hatte. ~ . „ , , , „ . , „Morgen ziehen Sie Ihre alten Strefel wieder an", sagte ich voll väterlichen Wohlwollens zu ihm. , „Ach warum nicht gar!" rief er. „Ich! muß mach! doch daran gewöhnen. Tas bißchen Brennen wird sich schon geben." Und als er zum Abendbrot ins Gutshaus einge- laden wurde, strahlte er, als ob er eine Schlacht gewonnen hätte. Die Stiefel aber mußte der Dorfschuhmacher auf den Leisten spannen. . Ter Marsch am .zweiten Tage verlief ähnlich! tote der erste. Es wurde noch etwas mehr Laufschritt gemacht — „man muß systematisch zulegen", sagte Leutnant Flott — der Fähnrich mußte zweimal austreten, um seme Mß- lappen in Ordnung zu bringen, und es fehlte noch eine Minute an halb neun, als wir anlangten. Der Haupt- tnaun machte ein finsteres Gesicht, sagte aber nichts. Der Feldwebel nahm mich! auf die Seite: „Lassen Sie doch! -ein bißchen früher antreten ! Es macht einen schlechten Em- druck, wenn Sie immer fo> tat letzten Moment ankommen." Ich hob verzweifelnd die Schultern. „Der Leutnant will ja nicht!" Ich nahm mir aber vor, ihm auf dem Rückweg ernste Vorstellungen zu machen. Er lachte unbändig, als ich ihm damtt kam. Offenbar freute er sich diebisch über meine Besorgnisse. „Was Sie sich da bloß Gedanken machen! Das tst doch' mein Risiko. Und Sie wissen doch, wie ich mit dem Hauptmann stehe. Nein, Sie können ganz ruhig sein, da passiert nichts. Außerdem habe ich einen Mann in unserem Zuge ausfindig gemacht, der hier in der Gegend zu Hause ist Ter wird uns morgen führen. Passen Sie mal auf, das wird ein Hauptspaß. Wir marschieren eine Stunde später 1901. UWhlUj jfijb 6 W MM er immer faul und müßig blieb, War lebend anch ein Schatten; Der Tagdieb ist der größte Dieb, Er kann nichts mehr erstatten. Jmm ermann. ab als die anderen und schlagen sie alle. Um sieben Uhr Abmarsch!" , _ , Jcy kriegte einen Dodesschrecken. Aber was wollte uh thun? Das einzige — ich nahm mir den Mann vor, der aus der Gegend war. , . „Gewiß, Herr Feldwebel. Em Fußweg durch den Wald. Man schneidet eine halbe Stunde ab." „Kennen Sie aber den Fußweg genau?" Ter Mann lächelte herablassend. „Wie meine Hosentasche." Am Abend* war Abschiedsfestlichkeit tat Gutshause. Der Fähnrich war auch wieder eingeladen. Er kam erst nach, ein Uhr ins Schulhaus zurück und machte dabet ent eit furchtbaren Radau aus der Treppe. Ich that kein Auge zu in dieser Nacht. c Dreiviertel sieben stand ich nnt dem Zug vor dem Quartier des Leutnants. Totenstille herrschte int ganzen Hause. Ich ging über den Hof nach dem Stallgebäude, wo der Bursche schlief. Der kam pomadig die Treppe herunter, noch in der Drillichjacke. „Wo ist denn der Leutnant?" schnaubte td) ihn an. „Schläft noch" „Dann wecken Sie ihn! Aber sofort!" „Darf ich- nicht. Zehn Minuten vor sieben soll ich erst kommen." r . „Auf meine Verantwortung, gehen ste hinein! Er that's zögernd. Ter Leutnant schlief tat Erdgeschoß. Ich stand unter seinem Fenster und hörte, wie er drinnen aufwachend stöhnte: „Was ist denn los?" Der Bursche machte seine Meldung. Der Leutnant ächzte. „Der Herr ist furchtbar aufdringlich, Sieben Uhr hatte ich, doch befohlen. Er soll tue Gewehre zusammensetzen lassen." , Ich kehrte zu meinem Zuge zurück. Der Fähnrich machte eiw abgründig schwermütiges Gesicht. „Jetzt steht er wieder nicht auf", sagte er mit weinerlicher Stimme. „Ich habe doch auch herausgemußt. Und leicht tst's mir wahrhaftig nicht geworden." Das sah man ihm an. Aber die neuen Stiefel hatte er doch wieder an den Füßen. „Jetzt haben sie sich dran gewöhnt", versicherte er. Als es auf der Dorfkirche sieben schlug, trat der Leutnant aus der Hausthüre, indem er den Säbel unter- fcftncillte. „Vorwärts!" schrie er. „Flattig an die Spitze!" Flattig war der Mann aus der Gegend. Und nun ging's los. Zum Dorf hinaus, ent kurzes Stück auf der Straße, dann.seitwärts über Feldwege, Raine, wo ein Mann hinter dem anderen gehen mußte, dann wieder eine Strecke einfach quer über einen Acker, immer weiter, über Stock und Stein, wie die wilde Jagd. Hinter uns keuchte der Fähnrich eine Weile wie ein geängstigtes - 406 — Tier in gepreßten, halb unterdrückten Klagelauten; nach und nach wurden die Töne leiser, undeutlicher und entfernten! sich immer weiter von uns, bis sie ganz für unsere Ohren erstarken. Er hatte sich wieder an das Hintere Ende des Zuges gemacht. Nach einer halben Stunde nahm uns der Wald auf. Steil ging es bergan auf schmalem, oft von Buschwerk überwucherten" Pfad, Flattig immer voran, der Leutnant ihm auf deu Fersen folgend. Er zog die Uhr und wandte sich triumphierend nach mir um. „Na, was sagen Sie mm? Wenn wir oben sind, brauchen wir uns bloß auf der anderen Seite den Abhang hniunterzukollern und sind an Ort und Stelle. Nicht wahr, Flattig?" „Jawohl, Herr Leutnant", sagte Flattig, und in demselben Augenblick stutzte er und blieb stehen. „Nun, was giebt's?" Flattig sah sich ratlos um. „Der Weg . . . der Weg — stotterte er, „der Weg ist alle." Es war so. Dieser niederträchtigste aller Fußwege hörte mitten im Walde aus, hörte einfach auf; ohne sichtbare Veranlassung, getoissermaßen ohne Sinn und Verstand, aber er hörte auf, er verschwand vor unseren Augen, er verlief sich im dichten Moose! Und vor nns stieg der Berg immer weiter in die Höhe, mit dichtem Unterholz bestanden. Was half's. Hinauf mußten wir. Der Leutnant kroch voran und ich folgte seiner Spur; hinter uns verteilte sich der Zug in einer breiten Linie, und jeder suchte ein Loch zum Durchschlüpfen. Es war ein endloses Klettern. Der Berg wollte und wollte kein Ende nehmen. Als wir endlich schweißbedeckt den Gipfel erreicht hatten, rief jemand von hinten: „Herr Leutnant!" „Nanu?" „Ter Fähnrich ist schlapp geworden." Der Leutnant, der bis dahin noch immer schlechte Witze gemacht hatte, wurde mit einem Male betrübt. „Das fehlte ja gerade noch. Gehen Sie doch einmal zurück und sehen Sic nach ihm!" Ich kroch wieder rückwärts. Und dabei fiel es mir auf, daß von unseren: Zuge eigentlich, sehr wenig mehr zu sehen wer. Drei oder vier Leute nur bemerkte ich,, die halb auf dem Bauche liegend sich mit Mühe aufwärts schroteten. Die übrigen mutzten sich durch den ganzen Wald hin zerstreut haben. Hier und da hörte man einen aus weiter Ferne quieksen, wenn er im Unterholz hängen blieb und nicht weiterkonnte. Die Sache fing an, ungemütlich zu werden. Den Fähnrich, fand ich lang am Boden ausgestreckt, außer Atem und wimmernd wie ein Sterbender. „Ich, kann nicht mehr", jammerte er mir entgegen, „ich gehe ein." „Sehen Sie wohl", sagte ich, ärgerlich, „das kommt von Ihren/dämlichen neuen Stiefeln." „Ach, nein", klagte er, „einen vernünftigen Marsch hätte ich sehr gut ausgehalten. Aber diese Hetzerei durch den Wald, ich bin doch schließlich kein Jagdhund." Dagegen ließ sich, wenig einwenden. Mit Not requirierte ich, zwei Leute, die als Nachzügler angekrochen kamen, und befahl ihnen, den Fähnrich, weiter zu befördern, so gut es gehen wollte. Ich selbst stürmte abermals nach oben. Wenn man auf der Höhe stand, hatte man den fast senkrechten jenseitigen Abhang in seiner ganzen Ausdehnung vor sich). Das Unterholz verschwand auf dieser Seite vollständig, hochstämmige Tannen allein bildeten hier die Bewaldung. Tief unten schon sah ich den Leutnant in mächtigen Sätzen abwärtssausen. Eine Sektion vielleicht von unserem Zuge kollerte, in Atome zersplittert, hinterher. Ich, ließ midj ebenfalls los und fauste thaleiu. Vor mir segelte der unglückselige Flattig von Stamm, zu Stamm, um nicht unaufhaltsam in die Tiefe gerissen zu werden. „Nehmen Sie sich; in acht", schrie ich; ihm zu, „Sie werden sich; noch Ihren dicken Kopf einrennen!" Dann ließ ich; ihn hinter mir. Ein anderer kam quer über meinen Weg geschossen, stolperte über eine Wurzel und schlug hin. Ich hörte es krachen und splittern und sah int Vorüberfliegen, daß er den Kolben seines Gewehres zerschlagen hatte. Ich sagte gar nichts mehr. Tie wilde Fahrt benahm mir den Atem. Als ul) wieder zu mir kam, stand ich unten auf der Straße neben dem Leutnant. Ein paar Schritte von uns hielten die beiden anderen Züge unserer Kompagnie. „Ja, das hilft nun nichts", sagte der Leutnant, der seine Seelenruhe aud), jetzt nicht verlor. Er ging hin und meldete. , Der Hauptmann stieg auf seinen Gaul, rutschte wteder herunter und kletterte wieder hinaus. Erst dann fand er Worte. „Der Vizefeldwebel!" schrie er und sprengte auf mich- los, als ob er mich, ü6 erretten wollte. „Warum sind Sie nicht bei Zeiten abmarschiert?" Ich, warf einen flehenden Blick auf den Leutnant. Der legte die Hand an den Helm. Aber der Hauptmann ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Was geht das den Herrn Leutnant an! Die Herren Offiziere können sich _ darum nicht kümmern. Die sind nicht dazu da. Dazu sind Sie da, Herrrrr. . . „Feldwebel"!" Er legte in das letzte Wort so viel Hohn, als mir hineingehen wollte. Und dann konnte er vor Wut überhaupt nicht weitersprechen. Er warf seinen Gaul herum und lieh mich, stehen. Ick) bin denn auch richtig Vizefeldwebel geblieben. Als ich nachher beim Schießen hinter der Schützenlinie neben den Leutnant zu liegen kam, sagte der ganz vergnügt zu mir: „Sehen Sie wohl, ich habe es Ihnen doch voraus verkündigt: zu mir hat er kein Wort gesagt." Rordlandsmsen und nordischer Sommer. Von Heribert von Hiller-Sternberg. (Nachdruck verboten.) Seit Kaiser Wilhelm II. es sich zur Regel gemacht hat, im Anschluß an - die Regatten der Kieler Woche alljährlich, auf einige Wochen nach Skandinavien zu dampfen, kann man vielfach in deutschen Zeitungen die Behauptung lesen, daß erst durch diese Kaiserfahrten das schöne Nordland, in dem die Pracht der Berge mit jener das Wassers sich vermählt, touristisch entdeckt worden sei. Tas ist ein großer Irrtum; denn lange, bevor der Strom deutscher Touristen sich in das Land der Mitternachtssonne zn ergießen begann, war der Engländer, den eine kurze Wasserfahrt von den Häfen der Ostküste Schottlands und Englands nach den Fjorden Norwegens bringt, dahinter gekommen, daß es dort prächtige Sommerfrischen giebt mit Fischgründen, wie sie sich der leidenschaftlichste Angler nicht besser wünschen kann, daß die Verpflegung gut uud billig ist, daß diese nördlichen Gefilde keineswegs unter einer ewigen Eisund Schneekruste starren, und daß man, unter Drangabe etlicher Bequemlichkeiten, sich; dort oben jedenfalls mehr Mensch; fühlt als auf den Prahlspaziergängeu Pontre- sinas und Interlakens, wo der Mensch, gleichsam nur als Sperbentier ciufttitt. Die Kaiserreisen haben unzweifelhaft das Gute gehabt, daß sie von dem nach Hunderttausenden zählenden, allsommerlichen, deutschen Tvuristenheere einen namhaften Teil gen Nordland lenken, das wenigstens von Norddeutschland mit nur wenig Mehrkosten zu besuchen ist als die Alpen, und in dem ein stammverwandtes Volk lebt, das uns früher zum mindesten gleichgiltig, wenn nicht feindselig gegenüber stand, seine Vorurteile gegen deutsches Wesen dank der häufigen Berührung mit deutschen Vergnügungsreisenden aber mehr und mehr aufgegeben hat. Eisenbahn- direktionen, Dampfs,chiffahrtsgesellschaften und Reisebureaus habeu es, dem allgemeinen Zuge gen Norden folgend, den Touristen denn auch; so bequem wie möglich gemacht. Man braucht nur abends in Berlin auf dem Stettiner Bahnhof den Schnellzug zn besteigen, um nach, etwa 24 Stunden über Saßnitz oder Gothenburg oder Kopenhagen Stockholm zu erreichen, und dabei kostet eine Rückfahrkarte nach diesem fernen Ziele in dritter Klasse nur 63 Mark und etliche Pfennige; in der nur wenig längeren Zeit von 28 Stunden erreichen wir Norwegens Hauptstadt Christiania, und wer die Genüsse des nordischen Meeres voll und ganz auskosten will, den führt ein Hamburgischer Salondampfer vom Stapelplatz an der Elbe in knapp 60 Stunden direkt nach Bergen und von dort entlang der zerrissenen norwegischen Steilküste bis zum Nordkap und noch; 10 Grad darüber hinaus bis zur Nordspitze des einsamen Spitzbergenarchipels, 401 - tot) den Touristen nur noch! eine Strecke von 90 deutschen i Meilen vom Nordpol der Erde trennt. r m r I Norwegen und Schweden, die beiden durch Personal- I Union unter König Oskar geeinigten Staaten, zeigen hin- I sichtlich, der Gemütsart ihrer _ Bewohner und deren I Lebensgewohnheiten so viel Verschiedenheiten, daß> ana) I der flüchtige Vergnügungsreisende, der sich nur wenige I Wochen im Lande aufhält, darauf aufmerksam werden must i Während man in Norwegen mehr zu englischen Gewöhn- I heilen hinneigt, hat das Leben in Schweden einen deutschen I Anstrich mit einem starken Einschlag ins Französische. Dazu I kommen die leidigen, dauernden, politischen .Hecheleien I zwischen beiden Ländern, welche einem beständig miteinander I hadernden Ehepaare gleichen, das es dennoch nicht auf I Trennug ankommen läßt, da es triftige Gründe hat, beisammen zu bleiben. Tie Hauptschuld trägt davon zweifellos Norwegen, dessen Politiker seit Jahrzehnten in unerhörter Weise gegen die skandinavische Union gearbeitet haben, ^n Schweden aber rächt man sich dafür in eigenartiger Weise, indem man — sehr zu Unrecht — die Norweger als eine Nation von halbzivilisierten Barbaren und Hungerleidern ansieht. t. , . „ _ ., . , I Allerdings lebt man, was die materielle Seite . des I Unterhalts betrifft, in Schiweden ungleich besser und üppiger. I Tas „Venedig des Nordens", wie mau Stockholm in Hm- I ficht auf seine wundervolle Lage in den Skären genannt I hat, bietet in Betreff der Verpflegung besseres _ als alle I anderen europäischen Großstädte. Man wohnt in Hotels I und in Privatlogis mindestens ebenso gut, aber weitaus I billiger als in jenen. Wie vorzüglich man aber ißt, davon I gewähren die sich hier und da in manchen Restmtrationen I deutscher Großstädte einbürgernden schwedischen Frühstücks- I tisckM eine wenn ailch nur ungenügende Vorstellung. Aller- I dings muß man den Magen eines Haifisches haben, um I alles bewältigen und verdauen zu können, was einem hier I für wenia Geld geboten wird. Am berühmtesten ist das I Smörgasbrot, welches als Vorspeise zum Mittagessen mn- I genommen wird und nichts kostet, sofern man gleich darau, I ein reichhaltiges Mittagsbrot von 5 oder mehr Gangen I einnimmt. Tie Hauptsache ist dabei Fisch m alten erdenk- I lichen Zubereitungen, in Gelee, mariniert, geräuchert, gtz- I röstet, und daneben Kaviar, Hummer, kalter Braten, Ge- 1 Mgel und dergleichen, was man mit den erforderlichen I Mengen Aquavit herunterspült. Tann kommt, wenn man I nach unseren Begriffen eigentlich schon vol ig gesät ig ist, I erst das eigentliche Mittagessen, welches einschließlich dieses I Smörgasbrots in besseren Restaurationen und Hotels^drei I bis vier Kronen kostet, und regelmäßig aus Suppe, MM, I zweierlei Braten und den üblichen dtachgerichten besteht. Und zu allem 'diesen der bekannte schwedische Punsch, decken' Geister den Reisenden vom frühen Morgen bis zum iväten Abend iimnebeln und um so heimtückischer sind, als der Unkundige diesem Getränke, das stets, m Eis gekühlt, wie Champagner gereicht wird, feinen hohen Alkoholgehalt, nicht ansieht, und auf die Vermiitiing, zuvieldavon genossen zu haben, erst kommt, wenn sich sämtliche Gegenstände in seinem Gesichtsfelde verdoppeln. ! Wehe, wenn der Tonrist aus dem trinkfvohen Schweden, dessen Bewohnerschaft entschieden etwas Weiches, Lebenslustiges und Genußfrohes au sich! hat, an einem Samstag abend oder Sonntag verdurstet in eine norwegische Stadt kommt Hier herrscht für die Zeit von Samstag 6 Uhr abends bis Montag 8 Uhr früh das strengste Verbot des Ausschanks geistiger Getränke, und in kemem Hotel Christianm^, Berstens, Trontheims vermag der Reisende in dieser ^stündigen Zeit eine harmlose Flasche Bier «der Wem zu erhalten, denn lauf die erstmalige Uebertretung des Ansschankvex-, botes ist eine hohe Geldstrafe gesetzt, und im zweiten Falle droht die gänzliche Entziehung der Konzession Huldigt man nun wirklich! nicht während dieses Zeitrarmis tn Norwegen dem Zwingherrn Alkohol? Keineswegs! Denn man braucht nur an solchen Abenden eine kurze Promenade m den norwegischen Hafenstädten zu machen, um an die Anfangsworte der Zueignung des Goetheschen Faust gemahnt zu werden, wo es heißt: „Ihr naht Euch! wieder schwankende Gestalten." Denn wenn vom trinkfvohen Deutschen der Vers gilt, „ein weiser Zecher steckt sich fein den Hausknecht schon früh morgens ein", so ist der Norweger doch schon ans einer viel höheren Stufe der Weisheit angekommen, am Firmament prangt. „ e...,, „ , Tiefe Sehnsucht, sich an den nördlichsten Küsten Europas einmal vom ‘ Glanze der mitternächtigen Sonne bestrahlen zu lassen, entstammt übrigens keineswegs der neuesten Zeit, sondern knüpft an iieberheferungeit au§ dem grauen Altertum an. Wir besitzen zwar keine iirkund- lichen Nachweise, daß Römer und Griechen ihre Reisen bis Über den nördlichen Polarkreis ausgedehnt hatten; aber es hätte merkwürdig Mgehen müssen, wenn Nicht auch damals schon hin und wieder ein Kauffarteischiff, welches die Ka st- teoriden oder die Bernsteinküste aufsuchte, tn den höchsten Norden verfchlagen worden wäre. Seit jenen Zeiten wurzelt der Glauben an ein eisfreies Polarmeer m der ^hantafie der Völker. Natürlich! haben sich Einbildungen, die von einem warmen vegetationsreichen Lande in der nach den Umgebund des Poles faseln, als unhaltbar erwiesen. Aber gewiß liegen die Verhältnisse hier so, daß, falls dort festes Land gefunden werden sollte, dieses ebenso tote die Jieei- becken wenigstens zeitweise im Sommer eisfrei fein wird. Schon jetzt steht in Spitzbergen ein regelmäßig im Sommer besuchtes Touristenhotel, und was dort möglich ist, wird auch weitere 90 Meilen nördlich erreichbar fem. Der Grund, daß der Nordpol noch immer nicht entdeckt t)t, hegt ver mutlich darin, daß es dort weder Gold noch Diamanten zu holen giebt, und daß die Kräfte zur Erreichung dieses Zieles bedauerlicherweise stets verzettelt worden sind. Ein mit wirklich großen Mitteln von kühnen Führern systematisch ! auf den Nordpol ausgeführter, etappenweiser Angriff wurde zweifelsohne binnen wenigen Jahren zum gewünschten Ziele ^r$iel hundertmal ist das prächtige Farbenbild der Mitternachtssonne schon beschrieben worden; aber Worte und der Pinsel des genialsten Künstlers vermögen der kaum eine Vorstellung dieser seltsamsten Wirklichkeit zu geben In der nächsten Umgebung des Nordpols muß, wie ein Blick auf den Globus zeigt, eigentlich immerfort Sud- | toind wehen; denn auch der direkt von den Polen her- niederkommende Wind ist meistens schon jenseits derselben | entstanden, also eigentlich auch ein Südwind. Dem Pole denn er läßt sich seine groß bemessene Branntweinflasche eben schon Samstag früh füllen, Das Gesetz erfüllt somit seinen Zweck gar nicht und ist wie so manche andere Polizeimaßregel unserer erleuchteten Gegenwart nur zur Unbequemlichkeit der anständigen Menschen da. Der Norweger war im allgemeinen, wie schon angedeutet, dem Deutschen nicht besonders hold; wenn er auch! nicht so fürchterlich grob ist wie der Ungar, oe,,en Lieb- lingslied mit den Worten anfängt ,,^aj de humczut a uemet; hogy a fene ragya meg" zu deutsch „Ja der Deutsche ist ein Hundsfott; daß der Teufel ihn fressen ntoge , so heißt es dafür in Norwegen: „Was thut der Deutsche nicht für Geld". Das mag eine Erinnerung aus langst vergangenen Jahrhunderten fein als die handeltreibenden Hanseaten das norwegische Volk ziemlich rucksichtsloserweise ausbeuteten, und bei der liebenswürdigen Gewohnheit fast aller Nationen, den Fremden zu schmähen, um dabei die eigenen Vorzüge in ein um so helleres Licht zu fegen, hat sich eben dieses bitterböse Sprichwort erhalten. Uebri- aens steigt das Deutschtum bei den Norwegern von Jahr in Jahr in der Achtung; denn mag vielleicht am früher hier allein als Tourist herrschenden Engländer etwas mehr Geld zu verdienen sein, so gehört doch die hochfahrende Art des Engländers, und im Gegensatz dazu das gemütliche Entgegenkommen des deutschen Recketiden, der sich hier wie Überall womöglich mit den Eingeborenen m deren Sprache zu verständigen sucht, zu den Unwägbarkeiten, welche für die Entfremdung und das Zueinanderrucken oer Bolter von nicht zu unterschätzender Bedeutung smd. Für den deutschen Touristen, der nach Norden geht, sind die Städte und das Land mit fernen Bewohnern aber immer nur von nebensächlicher Bedeutung; denn so sehr der Reiz der Landschaft auch in den Thälern des südlichen Schwedens entzücken mag, deren Besuch m das übliche Reiseprogramm aufgenvmmen wird, so bieten jte ooe,/ eigentlich nichts, was nickst in den Alpen m ähnlicher Weise gefunden werden könnte. Tas Hauptziel bleiben daher immer die tief eingeschpittenen Fjorde, dre Lofoten uno das Nordkap, überhaupt die nördlichst gelegenen Teile tu Landes, wo die Sonne mehrere Monate ununterbrochen 408 wird dadurch fortwährend ein Wärmeüberschuß zugeführt, der um so bebcutcitber ist, als am Nordpol die Sonne nicht genau ein halbes Jahr, sondern etwas länger, nämliche 186 Tage ununterbrochen scheint. Dazu kommt an der Nordküste Norwegens und um Spitzbergen die wärmende Wirkung des Golfstromes. Diese Umstände führen aber in den Hochfommertagen zur Bildung großer Mengen Wasser- dämpf, welche die eigentliche Ursache der Farbenerscheinung der Mitternachtssonne sind. Bor Mitternacht, wenn die Sonne bis nahe an den Horizont herabgestiegen ist, hat sich die Luft so weit abgekühlt, daß sie nahe an der Grenze der Sättigung mit Wasserdampf ist. Eine solche Atmosphäre reflekUert und absorbiert aber alles grüne, blane und violette Licht und läßt nur rote und gelbe und orangefarbene Strahlen durchdringen, nmsomehr als die Strahlen nicht steil durch .die Atmosphäre hindurchgehen, sondern mit großer Schiefe auf sehr langem Wege diese passieren müssen, um sie zu erreichen. Aus diesem Grunde kommt nur das rote Ende des Sonnenspektrums zur Geltung und machen sich, auch die jense'.s oes Rots liegenden, purpurfarbenen Strahlen bemerkba , bi? für gewöhnlich als unsichtbar bezeichnet werden, aber doch vom Auge empfunden werden, 'sobald die m isten andersfarbigen abgeblendet sind. 9htr wenige Mim ten währt das großartige Schauspiel; bann steigt bie Sonne ioieber langsam in bie Höhe, mit golbigem Lichte bas Nordland überflutend, unb die lebhaften Schreie der neu erwachenden Tierwelt, der schnatternden, pfeifenden, gackernden, unzähligen Vogelscharen zeigen uns an, daß ein neuer Tag des uns schier endlos dünkenden Polarsommers angebrochen ist. Was hat eine Mutter ihrer erwachsenen Tochter zu sagen? Belehrung über das 'Geschlechtsleben nach seiner physischen und ethischen Seite. Von Klara Muche. Leipzig, Th. Griebens Verlag (L. Fernan). Preis kart. Mk- 1.20. Unter dem Wahlsprnch: Nur das Wissen stärkt das Gewissen!" macht die Verfasserin, wie es für die Gesundheit und Sittlichkeit unserer erwachsenen Söhne und Töchter notwendig ist, diese in ernster, würdiger Weise mit den Beziehungen des Geschlechtslebens bekannt. Es geht trotz aller Verirrungen unserer Zeit durch sie als charakteristisches Zeichen ein unausgesetztes Suchen nach Wahrheit; wer aber die Wahrheit erfahren, der ist gegen Verirrungen gefeit. Unter diesem Gesichtspunkte betrachten wir bie Herausgabe vorstehenden Buches als eine erlösende Thal und möchten das unsere dazu beitragen, ihm den Weg in die dazu berufenen Hände zu bahnen. Bdt. Ueber allerlei kleine Modesachen berichtet uns das neueste Heft der „Wiener Mode", Ausgabe vom 15. Juli. Auch diese Nummer ist sehr au» ziehend, die allerliebste Plauderei über Modelaunen, Schönheitspflege und Toilettegeheimnisse bemerkenswert. Dabei fehlt es nicht an neuen Toiletten, Blusen unb Hüten für bie gegenwärtige Jahreszeit. Im Handarbeitsteil finden wir u. a. eine große Mustertafel für Doppelkreuz- unb Füllstich. Für Belehrung und Unterhaltung ist bestens gesorgt, der Beitrag von Wilhelm Bölsche über sein rühmlichst bekanntes Erstlingswerk: „Das Liebesleben in der Natur" verdient hervorgehoben zu werden, sowie ein Beitrag über Blumenpflege. Daß bie „Wiener Mode" auch Küchenangelegenheiten behandelt und dem Haushalte in ersprießlicher Weise bient, ist unseren Hausfrauen bekannt. — Man abonniert in allen Buchhandlungen, außerhalb Oesterreichs bei jeder Postanstalt, aber auch! direkt beim Verlag in Wien, VI. Gumpendorferflraße 87. Preis vierteljährlich 2.50 Mk. Welche Umstände vermehren die Frostgefahr?,. Der vergangene Winter hat unserem Obstbau manch tiefe Wunde geschlagen, und er ist ganz merkwürdig verschieden aufgetreten. Hier find Bäume ganz und gar erfroren, dort sind andere, dicht danebenstehend, kerngesund geblieben. Es ist deshalb sicher, daß verschiedene Umstände die Frostgefahr vergrößern müssen. Welches si w nun diese Umstände? Darauf geben verschiedene gewichtige Stimmen im „Erfurter Führer im Gartenbau" die Antwort, wir erfahren dabei, daß sogar die Schneedecke, wenn sie zu zeitig kommt, nachteilig wirkt und die Frostgefahr vergrößert. Wer die interessanten Aeußerungen verfolgen will, lasse sich Nr. 14 des „Erfurter Führer im Ga rtenbau" mittels Postkarte kommen. Unseren Abonnenten wird sie kostenfrei zugeschickt. Gemeinnützige». Die Wanderlust zieht jetzt zur besseren Jahreszeit wieder in die Herzen; mit frohem Mut und leichtem Gepäck eilt der Tourist hinaus ins Freie, fjinbet sich int Ränzel oder int Rucksack ein Töpfchen Liebigs Fleischs-Extrakt, so ist es dem Wanderer möglich, mittelst etivas kochendem Wasser und Salz, das ja überall zu beschaffen, eine Tasse kräftiger Bouillon zu bereiten, sicherlich das beste Labsal für den ermüdeten Körper. Auch gewährt eine Messerspitze Fleisch-Extrakt, auf etwas Brot gestrichen, Stärkung und neue Auffrischung der Lebensgeister während der Tour. Die Zweckmäßigkeit dieses einfachen Mittels bezeugen viele erfahrene Reisende. Kalte Getränke. Es ist ein großer Irrtum, daß kalte Getränke den Durst stillen und die Schweißabsonderung verhindern. Im Gegenteil, die Schweißabsonderung wird gefördert, der Durst nur vorübergehend gestillt. Das Blut kühlt sich durch den kalten Trunk ab, aber der Schweißausbruch besteht fort. Ganz besonders schaden die eiskalten Getränke, vornehmlich den Nervösen, die an Verdauungsstörung leiden. Wer das Bedürfnis, zu trinken, empfindet trinke niemals zu kalt, und dann pur in kleinen Zügen und in kleinen Mengen. Eine plötzliche UeberfüIIung des Magens hat keinen Zweck, aber sehr oft ist Krankheit die Folge. Als Getränke sind vorzüglich erfrischende Limonaden, verdünnter Apfelwein (nicht gezuckert) zu empfehlen. Nährwert des Honigs. Der Verbrauch des Honigs, der in früheren Jahrhunderten ein sehr ausgedehnter war, sank erheblich durch die Einfuhr des Zuckers. In neuerer Zeit lernt man wieder, dank den eifrigen Anstrengungen der Bienenzüchtervereine, den Honig nach seinem wahren Wert zu schätzen, und zwar mit Recht; denn der reine Bienenhonig enthält gerade diejenigen Stosse, welche am schnellsten und leichtesten die Verdauung befördern. Nach den chemischen Untersuchungen von Tr. Müllenhoff aus Berlin besteht reiner Bienenhonig durchschnittlich aus 35 Proz. Traubenzucker, 39 Proz. Schleimzucker, 20 Proz. Wasser und etwa 5 Proz. festen Körpern, die als Nichtzucker bezeichnet werden. Es empfiehlt sich, den Honig mit solchen Speisen zu genießen, die weniger leicht zu verdauen sind. Kinder, welche rasch! wachsen und dabei bleich und matt aussehen, fühlen instinktiv wovon sie Abhilfe zu erwarten haben; sie tragen ein großes Verlangen nach Süßigkeiten. Nichts aber hilft ihnen mehr, und ist ihnen zuträglicher, als gerade der Honig, der schon durch sein liebliches Aroma an. der Spitze aller Süßigkeiten steht. Ueberdies essen Kinder Honig viel lieber zum Brot, als jede andere Beigabe. Beim Frühstück genossen, wirkt der Honig kräftigend und erwärmend. Namentlich ist er älteren Personen zu empfehlen, da er leicht zu verdauen ist, und Wärme erzeugt. Willst Tu alt werden, so genieße täglich die köstlichste Speise der Alten: Milch unb Honig. Brocke leichtes Weißbrod in eine Schüssel mit Milch, und thue reinen und unverfälschten Honig hinein. Ties ist das gesundeste, nahrhafteste und wohlschmeckendste Frühstück. D. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Merkrätsel. (Nachdruck verboten.) Aufrichtigkeit, Bedrängnis, Leichtsinn. Von jedem Wort sind drei nebeneinanderstehende Buchstaben zu merken, die im Zusammenhang einen männlichen Vornamen bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Looogriphs in voriger Nummer: Saul, Sau. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.