Donnerstag den 19. Dezember. 1901 am' M WW W Steife MB H» in Narr macht mehre, doch gebt nur acht, Wie viele Thoren ein Weiser macht. Paul Heyse. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold O r t m a n n. (Fortsetzung.) Daran, daß Felieia seinen Rat freudig befolgen würde, zweifelte Ludwig Ignatius keinen Augenblick. Nicht nur jene Szene mit dem Bilde des Affesfors, sondern noch mehr rhr Verhalten während des kurzen Brautstandes und vor allem die Glut ihres an Herbert gerichteten Briefes waren ihm Bürgschaft genug dafür, daß sie unbedenklich jedes, auch das schwerste Opfer bringen würde, wenn es ihrem heißen Liebes- Verlangen Erfüllung verhieß. Die Schwierigkeit, über die er mit all seinen nächt-, lichen Grübeleien nicht hatte Hinwegkommen können, lag nur in der Herbeiführung einer heimlichen Unterredung, von der vor allem Herbert nichts erfahren durfte. Und er hatte sich schon mit dem abenteuerlichen Gedanken vertraut gemacht, jedem Einspruch zum Trotz und ohne Rücksicht auf seine Gesundheit nach N. zu fahren, als die Nach^ richt von der Verhaftring seines Sohnes diese Schwierigkeit mit einem Schlage zu beseitigen schien. Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden war die Freilassung des Assessors kaum zu erwarten, und wenn Felicia nicht — wie der Kämmerer es für das wahrscheinlichste hielt auf die erste Zeitungsnachricht hin freiwillig nach M. zurückkehrte, so würde sie doch sicherlich aus einen Ruf des Stadt- rats kommen, vorausgesetzt, daß derselbe rechtzeitig in ihre Hände gelangte. Die Chiffre, unter der sie Herberts pvstlagernde Briefe verlangt und empfangen hatte, bewahrte Ludwig Ignatius noch im Gedächtnis, und unter dieser Chiffre wollte er ihr unverzüglich schreiben. Sie hätte kein Weib sein müssen, wenn nicht die .Hoffnung, daß ein Wunder den Sinn des Geliebten dennoch geändert haben könnte, sie veranlaßt haben sollte, Tag für Tag auf dem Postamte nach einge- gangenen Briefen zu fragen. Und seine Aufforderung würde eine so verheißungsvolle Fassung haben, daß sie ihr wahrlich nicht widerstehen sollte. ÄS Während noch der Polizeikommissar mit aller Höflichi- keit und Schonung, die seine dienstlichen Pflichten ihm gestatteten, im Jgnatins'schen Hause seines Amtes waltete, brachte bereits eines der Mädchen den mit Felicias Chiffre versehenen Brief des Stadtrates zur Post, und an der Hand des Fahrplanes rechnete der Kämmerer aus, daß er schon an: Nachmittage seinen Bestimmungsort erreicht haben würde. Die Haussuchung, die vor allem auf die Auffindung des weichen Filzhutes und der vermuteten Schußwaffe gerichtet war, verlief ebenso ergebnislos, wie die Vernehmung der Hausbewohner. Keiner vermochte über das Verschwinden des Mantels Auskunft zu geben, und keiner wollte etwas davon bemerkt haben, daß der Assessor am verflossenen Abende in der Zeit zwischen acht und zehn Uhr noch einmal nach Hause gekommen wäre. Auch bei seiner spateren Rückkehr hatte ihn niemand gesehen, und es ließ sich auf solche Art nicht feststellen, welche Kleidung er Bet dieser Heimkehr getragen. = Mit einigen ironischen Worten hatte Ludwig Ignatius den Komtnissar verabschiedet, und seine vollkommene Gelassenheit übte einen wohlthätigen Einfluß, mich auf das bestürzte und geängstigte Gemüt seiner Gattin, die ja von jeher gewöhnt war, die Handlungen und Worte ihres ebenso sehr geliebten als gefürchteten Mannes zur Richtschnur für ihr eigenes Denken und Enlpfinden zu nehmen. Eine aber gab es, die sich nicht beruhigen ließ, sondern die sich in der Stille ihres Zimmers einem geradezu verzweifelten Schmerze hingab. Seitdem sie die Schreckenskunde von der — wie man ihr sagte — tätlichen Verwundung des Doktor Hermann Müller erfahren hatte, befand sich die arme Hilde in einem wahrhaft mitleidswürdigen Zustande. Bitterlich weinend lag sie auf dem Sopha ihres Stübchens und wünschte sich mit der ganzen Inbrunst thres reinen jungen Herzens, noch vor dem Doktor zu sterben. Denn daß sie die Nachricht von seinem Tode doch nvcht würde überleben könnet:, stand als unumstößliche Gewiß- heit in ihrer Seele fest. Sie fragte sich nicht, ob es Ltebe für den Gefährdeten sei, die ihr diese grausamen Qualen bereitete, sie fühlte nur, daß in einer Welt, aus der er geschieden war, auch für sie kein Platz mehr fein konnte; und sie hielt sich überdies für das schlechteste und herzloseste! Geschöpf, weil sie sich durch das Gebot ihres Bruders hatte hindern lassen, ihm zu zeigen, wie er ihr vor allen anderen Menschen so wert und teuer war. Nun war es zu spat, nun würde sie ihn nie mehr sehen — nie — nie mehr! Und der Himmel war vielleicht nicht einmal gnädig UQ,nnt ihm zugleich hinwegzunehmen aus die,er schreckltchen Welt. Was ihr die Mutter von der Verhaftung Herberts erzählte, und von dem entsetzlichen Verdachte, in den er durch eine Verkettung von Zufällen geraten, war, horte ste nur wie im Traume. Sie wußte, daß er nicht der fluchwürdige Mörder sein konnte, und sie hatte auch d:e Empsindung, daß es etwas sehr Furchtbares sei, lvas ihm da widerfahren war. Aber neben dem großen heiligen Schmerze, der von ihrer ganzen Seele Besitz genommen hatte, konnte ntchr einmal das Mitleid für den Brmder bestehen. Er lebte za, und er war gesund! In einigen Tagen oder Wochen oder zu irgend einer Zeit-würde er von dem schlimmen Verdacht« gereinigt sein und dann würde er wieder lachen und fröhlich sein und sich seines Daseins freuen wie andere glucknch^ Menschen. Er aber, der beste, edelste, herrlichste von allen/ 726 er würde dann fcittgfi kalt und starr in der dunklen Erde liegen und — — Hilde schrie aus und drückte ihr thränenüberströmtes Gesichtchen noch tiefer in die feuchten Polster. Sie hatte die Thür ihres Zimmers verriegelt und sie weigerte sich beharrlich, sie zu öffnen, so ost ihre Mutter oder eines der Mädchen erschien, um sie zu einer Mahlzeit zu rufen oder ihr das Essen hierher zu bringen. Während des ganzen Tages brachte sie keinen Bissen über die Lippen, ohne daß sie auch nur die geringste Empfindung von Hunger oder Durst gehabt hätte. Als sie dann aber — thränenmüde und zum Tode erschöpft, ihr Köpfchen erhob und sich von tiefem abendlichem Dunkel umhüllt sah, wurde ihr das Alleinsein und die Ungewißheit mit einem Male unerträglich. Sie sprang auf, badete ihr heißes Gesicht in kaltem Wasser und machte sich, ganz von ihrem plötzlich gefaßten Entschlüsse beherrscht, zum Ausgehen fertig. Niemand merkte etwas davon, daß sie das Haus verließ, und ohne aufgehalten zu werden, gelangte sie auf die Straße. Sie hatte sich sonst immer gefürchtet, zu später Strinde allein über die Gasse zu gehen; heute aber empfand sie nichts von einer solchen Furcht. Und nicht einmal in den menschenleeren, halb dunklen Parkanlagen der Heilstätte wandelte sie auch nur das leiseste Bangen an. Sie wußte, wo sich die Wohnung des Doktor Müller befand. Noch am Tage vor dem unglücklichen Polterabend war sie mit ihrem Vater und Felicia hier vorübergefahren, Und der Stadtrat hatte ihnen alle Einzelheiten der großartigen Wohlthätigkeitsschöpfung erläutert. Sie sah die Feuster erleuchtet, und der Pförtner, dem sie sagte, daß sie hinaufgehen und sich nach dem Befinden des Doktors erkundigen wollte, legte ihr keine Hindernisse in den Weg. Mit klopfendem Herzen und fast versagender Stimme hatte sie jene Worte angebracht; denn sie fürchtete ja, daß ihr der Mann antworten würde, sie könne sich die Mühe ersparen, weil der Verwundete bereits ausgelitten habe. Daß er nichts derartiges erwidert hatte, ließ sie wieder etwas freier aufatmen, und ein unnennbar wonniges Gefühl durchzitterte ihre Brust, als sie bei ihrer Ankunft im ersten Stockwerk von drinnen den Klang mehrerer Männerstimmen vernahm, die in lebhafter und, wie es schien, fast heiterer Unterhaltung begriffen waren. Hilde wagte es nicht, die elektrische Klingel in Bewegung zu setzen, aus Furcht, den Patienten zu stören. Und sie mußte ihr schüchternes Klopfen zweimal wiederholen, ehe man es drinnen vernahm. Ter flachsblonde Pining war es, der ihr öffnete. Sein breites, ehrliches Gesicht war wunderbar überglänzt von einem Schimmer der Freude, die sein Herz erfüllte, -und er schien es ganz und gar nicht befremdlich zu finden, daß eine schöne junge Dame noch in so später Abendstunde kam, um sich nach dem Befinden seines Herrn zu erkundigen. Wegen der verlangten Auskunft aber verwies er sie an die drei Herren, die in eifrigem Gespräch etwas abseits standen, und deren einen Hilde als einen jungen Arzt erkannte, dem sie schon wiederholt in befreundeten Häusern begegnet war. Er war ihrer denn mich kaum ansichtig geworden, als er auf sie zu kam, um sie achtungsvoll zu begrüßen. „Wünschen Sie den Patienten zu sehen, mein gnädiges Fräulein? Das wird sich leider für heute abend kaum ermöglichen lassen, denn er bedarf zunächst noch dringend der Ruhe." Hilde, die sich plötzlich von einer großen Verlegenheit ergriffen fühlte, schüttelte den Kopf. „Ich wollte ihn nicht sehen, Herr Doktor; ich kam nur. Um zu fragen, wie es ihm geht." „Er ist außer aller Gefahr. Unsere Befürchtung, daß durch den Schuß ein wichtiges Lebensorgan schwer verletzt worden sei, hat sich glücklicherweise als grundlos erwiesen. Wir hatten einigen anfänglich zu Tage tretenden bedrohlichen Erscheinungen eine irrige Deutung gegeben, während der Verwundete selbst seinen Zustand von vornherein vollkommen richtig beurteilte. Er bestand darauf, daß wir den zuerst vergeblich gebliebenen Versuch, die Kugel zu finden und zu entfernen, noch einmal wiederholten. Und wir hatten damit dann auch heute nachmittag den gewünschten Erfolg. Mit gutem Gewissen kann ich Ihnen versichern, daß mein verehrter Kollege binnen kurzem völlig wiederhergestellt sein wird." Bor den Augen des jungen Mädchens flimmerte es wie von Millionen kreisender Feuerfunken, und für einen Moment fühlte sie sich einer Ohnmacht nahe. Was das Uebermaß des Schmerzes nicht vermocht hatte, das drohte nun das Uebermaß der Freude zu bewirken, und sie mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, nm Herrin der peinlichen Schwäche zu werden, ehe sie von dem Arzte bemerkt wor-, den war. Mit einigen mehr gestammelten als vernehmlich gesprochenen Dankestvorten wandte sie sich zum Gehen, und sie hatte keine Erwiderung, als ihr der junge Doktor, während er sie bis zur Thür geleitete, in freundlichster Absicht versicherte, es werde aller Wahrscheinlichkeit nach kein Bedenken dagegen vorliegen, daß der Patient morgen; bereits den Besuch seiner nächsten Freunde empfange. Davon, wie sie nach Hause gekommen war, hatte Hilde später nicht einmal eine dunkle Vorstellung. Es war ihr, als sei sie auf Engelsflügeln heimwärts getragen worden, und sie glaubte sich zu erinnern, daß ein wunderbares! Klingen und Singen um sie her gewesen sei, wie luenm unsichtbare Musikanten sie geleiteten ober alle Glocken der Stadt auf einmal geläutet würden. In ihrem Zimmer angelangt, sank sie neben den: Ruhebett, das ihren Schmerz und ihre Verzweiflung gesehen hatte, in die Kniee, und nimmer mochte der Himmel ein heißeres Dankgebet vernommen haben, als es aus ihrem reinen, frommen Kinder-, herzen zu dem Lenker aller irdischen Geschicke emporstieg., Zwanzigstes Kapitel. Als es um die zehnte Vormittagsstunde des folgenden Tages an der Wohnung des Stadtrates klingelte, war das- öffnende Hausmädchen nicht wenig erstaunt, die Tochter des Rendanten Lindemann vor sich zu sehen. Und ihre Verwunderung war gewiß eine sehr begreifliche, denn seit der Aufhebung ihres Verlöbnisses war die ehemalige Braut des Assessors selbstverständlich nicht mehr im Ignatius- scheu Hause erschienen. Margarethe kümmerte sich wenig um die verdutzte Miene des Mädchens, sondern äußerte! in ruhigem Tone den Wunsch, Fräulein Hilde zu sprechen. Mit einem freudigen Ausruf wurde sie von dem jungen Mädchen empfangen; denn Hilde hatte niemals aufgehört, in herzlicher Freundschaft ihrer zu gedenken, und fie hatte trotz ihrer Schwärmerei für Felicia schmerzlich unter dem Abbruch des ihr so lieb gewordenen Verkehrs gelitten. Gar zu gern hätte das Hausmädchen erfahren, ivas die beiden jungen Damen mit einander zu sprechen hatten; aber obgleich sie sich noch eine Viertelstunde lang unter allerlei Vorwänden im Nebenzimmer zu schaffen machte, vernahm sie doch nichts anderes als einen halblauten Aufschrei, den ein Schrecken oder höchste Ueberrafchung erpreßt zu haben schien, und gleich nachher den Ausruf Hildes: „Nein, es ist unmöglich! — Du mußt Dich getäuscht haben. Ich kann es nicht glauben." Dann mußten die beiden ihre Stimmen wohl bis zu leisem Flüstern gedämpft haben, denn es drang kein Laut mehr an das Ohr der Lauschenden, und als sie vernahm, daß drinnen ein Stuhl gerückt wurde, hielt sie es für angezeigt, sich schleunigst zurückzuziehen. Hilde und Margarethe aber verließen wenige Minuten später gemeinsam das Haus; die Tochter des Rendanten! mit bleichem, aber ruhigem Gesicht, während ihre jüngere Freundin sich unverkennbar in einer gewaltigen Aufregung befand. Nnr ein paar Straßen weit gingen sie zusammen, dann blieb Margarethe stehen: „Ich muß mich jetzt von Dir verabschieden. Tu wirst mich von dem Erfolge Deiner Bemühungen unterrichten, nicht wahr? — damit ich weiß, ob ich mich bei dem Gericht mit meinem Zeugnis zu melden oder ob ich zu schweigen! habe." „Gewiß! Wenn es mir gelingt, den Doktor zu sprechen, so wird er sich unter solchen Umständen sicherlich nicht weigern, mir alles zu sagen, was er über Felicia weiß. Daß er sie gekannt hat und daß irgend welche geheimnisvolle; Beziehungen zwischen ihm und ihr bestanden haben müssen, halte ich jetzt für ganz ausgemacht, wenn ich auch noch immer nicht daran glauben kann, daß sie selbst diese schreckliche Thai begangen haben sollte." „Ich beschuldige sie dessen nicht, Hilde!, Und niemals würde es mir eingefallen sein, sie damit in Verbindung zu bringen, wenn ich nicht heute üt der Zeitung gelesen hätte, daß es die Auffindung jenes Mantels ist, die man als einen Beweis für die Schuld Deines Bruders auslegt." „Es ist ganz unbegreiflich. Irgend ein fürchterliches — 727 — Geheimnis muß sich hinter alledem verbergen. Wenn es uns nur gelingen möchte, es zu enthüllen." Sie reichten sich die Hände wie in den alten, glücklichen Tagen, und während Margarethe mit langsamen, müden Schritten nach Hause zurückkehrte, setzte Hilde mit um so größerer Hast ihren Weg fort, der sie wieder, wie am ver- slossenen Abend, nach der Wohnung des Doktor Hermann Müller in der neuen Heilanstalt führte. Der junge Arzt, mit dem sie gestern gesprochen hatte, war eben int Begriff, das Bor gemach zu verlassen. Sobald er sie erkannte, öffnete er mit einem kleinen, bedeutsamen Lächeln ohne weiteres die Thür des Krankenzimmers, sodaß sich Hilde dem Doktor gegenüber sah, noch ehe sie Zeit gehabt hatte, sich aus eine passende Anrede vorzubereiten. Und ihre Verwirrung war um so größer, als Hermann Müller gar nicht in dem Maße den Eindruck eines Schwer- kranken machte, wie sie es trotz der gestern empfangenen beruhigenden Versicherungen erwartet hatte. Er saß in einem Lehnstuhl nahe dem Fenster, eine seidene Decke über den Knieen und mit Kissen gestützt. Das Licht der Wiuter- sonne fiel aus sein Haupt, und für Hilde war es, als ob das lockige graue Haar sein jugendliches Antlitz wie mit einem Glorienschein umgäbe. Gewiß war er aus das Höchste überrascht, sie zu sehen. Aber diese Ueberraschung äußerte sich in einem Aufleuchten der Freude, wie es sonniger kaum je ein Menschengesicht verklärt haben konnte. Und in dem Augenblick, da er mit unsicherer Stimme, aber in einem nicht mißzuverstehcnden Tone ausrief: „Fräulein Hilde — Sie?!" — in diesem Augenblick fiel wie unter der Berührung eines Zauberstabes alle Befangenheit und Verwirrung von der jungen Besucherin ab. Sie ging auf ihn zu, und, nachdem sie blitzschnell den Handschuh abgestreift hatte , legte sic ohne alle Scheu ihre Siechte in seine, dargebvtene Hand. „Ja, Herr Doktor — ich bin's. Ich wußte ja, daß Sie mir nicht die Thür weisen würden, obwohl mein Bruder unter dem schändlichen Verdacht steht, Ihnen nach dem Leben getrachtet zu haben." , „Hoffentlich halten Sie nicht mich für den Urheber dieses unsinnigen Verdachtes, mein liebes Fräulein! Noch heute früh habe ich dem Untersuchungsrichter auf das Bestimmteste erklärt, daß er sich nach ineiner festen und unumstößlichen Neberzeugung in einem ganz gewaltigen Irrtum befindet. Die Rechtfertigung Ihres bedauernswerten Bruders muß ohne allen Zweifel in kürzester Zeit erfolgen."' (Fortsetzung folgt.) Frau Perchta. Aus der Weihnachtszeit, von Bernhard O h r e n b e r g. (Nachdruck verboten.) Friedliche Sonntagsruhe herrscht in der alten Handelsstadt an der Ostsee; eine dichte Schneedecke hat Giebel und Simse der ehrwürdigen Patrizierhäuser mit losem, weißem Flaum verbrämt, und die Straßen in eine glatte Schlittenbahn verwandelt. Tas ist das richtige Weihnachtswetter, wie es unsere Kleinen, sich wünschen; nun können die Knaben ein lustiges Gefecht mit Schneebällen auskämpfen, und der Jubel ist groß, wenn eine Schneebombe auf dem Haupt des Getroffenen platzt. Auch ist es ein prächtiger Zeitvertreib, in emsiger Arbeit einen drolligen Schneemann aufzubauen, der dann breit und protzig dasteht, und mit dem käseweißen Gesicht die Spatzen schreckt. .... Im Salon des Wein-Großhändlers Bernardi ist ein kleiner Kreis von Verwandten und Freunden zu traulicher Plauderstunde vereinigt; — das soeben noch lebhaft geführte Gespräch stockt plötzlich, da wird hastig die Thür geöffnet, und die Bernardischen Kinder treten ein. Voran die flachshaarige Gertrud, deren rosiges Gesichtchen von der molligen Pelzkappe umrahmt ist; sie hält in der kleinen Faust, umhüllt vom weißen Wollhandschuh, eine Peitsche. Nach ihr kommt der ältere Bruder Hugo, ein kräftig gebauter, dunkellockiger Knabe mit fröhlich blitzenden Augen. Nach artiger Begrüßung der anwesenden Gäste eilen beide auf die Mutter zu. Gertrud bittet: tj „Ach, liebe Mama, erlaubst Du, daß wir noch ein Stündchen Schlitten fahren? — Hugo will sich als Pferd Vorspannen." Schmeichelnd ergreift der Knabe die Hand der Mütter, und bettelt: „Erlaube es doch, Herzensmama! Valentin wird uns auch begleiten." „Der Valentin verwöhnt Euch viel zu sehr", spricht Frau Bernardi in leise schmollendem Ton, — sie ist nämlich ein ivenig eifersüchtig auf den alten, treuen Diener, der die Kinder seines Herrn abgöttisch liebt. „Wozu brauchst Du denn die Peitsche, kleine Maus?" fragt eine anmutige junge Frau, die sich int Schaukelstuhl wiegt. „Nun, das kannst Du Dir doch denken, Taute Sontheim; — !venn mein Pferdchen nicht flink trabt, dann bekommt es Hiebe, — thut aber nicht weh!" fügt die kleine Herrscherin mit schelmischem Lächeln gnädig hinzu. „Na, dürfen wir, Mama?" mahnt Hugo ungeduldig. „Trollt Euch nur, aber bleibt nicht zu lange fort — vielleicht kommt heute abend der Knecht Ruprecht", sagt Frau Bernardi, und gießt ihrem Knaben einen liebkosenden Schlag. „'Ach, — der Ruprecht! — wenn er's nicht besser kann", lautet die spöttische Antwort, und Trudchen ruft lachend: „Es ist ja doch nur der Onkel Paul int Schafpelz." Nachdem die Geschwister das Zimmer verlassen haben, wendet sich Herr Bernardi belustigt zu seinem Schwager: „Hast Du die Kritik Deiner vorjährigen Leistung gehört?" „Leider!" bestätigt lächelnd Professor Wolfram. Der gelehrte Herr ist zwar in den Volksfagen aller Länder bewandert, besitzt aber wenig schauspielerisches Talent. Vom grauen Winterhimmel rieselt der Schnee aufs neue sanft herab; — wenn die großen Flocken durch den Lichtkreis der Laterne schweben, glänzen sie wie silberne Sterne. „Frau Holle schüttelt schon wieder tüchtig ihre Betten", spricht die verwitwete Frau Forstrat Bernardi; die alte Dame sitzt dicht am flackernden Kaminfeuer, und ist eifrig mit einer Filet-Arbeit beschäftigt. „Aber, verehrte Tante, heute könntest Du doch! die fleißigen Hände ruhen lassen, — Arbeit am Sonntag ist ja verboten", spricht der Hausherr neckend. „Nein, nein, das lasse ich mir nicht wehren, lieber Neffe", entgegnet lächelnd die Greisin, „Arbeit ist mir ein Bedürfnis, und wenn Weihnachten so nahe ist, inuß man sich sputen. — Du weißt, ich stamme noch aus jener alten Zeit, !vo die Töchter niemals die Hände müßig in den Schoß legen dnrften. Lang', lang'' ist's her, als in meinem Geburtsorte, der tief in den Harzbergen versteckt liegt, an den langen Winterabenden noch lustig die Spinnräder schnurrten. Da versammelten sich die jungen Mädel bei meiner Mutter int stillen, gemütlichen Pfarrhause; wir waren eifrig bestrebt, unser Garn so fein als möglich zu spinnen, damit wir in Ehren bestehen konnten, wenn während der heiligen „Zwölfnächte" Frau „Perchta" in der Spinnstube Umschau hielt. Ich will nicht verschweigen, daß damals in den einsamen, abgelegenen Dörfern der Aberglaube in der üppigsten Blüte stand. Meine Großmutter war schuld daran, daß wir Mädchen uns heimlich vor dem unsichtbaren Walten der alten Heidengöttiu Perchta gruselten; die alte Frau pflegte in ihrem Polsterstuhl am dickbauchigen Kachelofen zu sitzen, und war unermüdlich int Erzählen von alten Sagen und Spukgeschichten, obgleich! das in ein ehrbares Pfarrhaus nicht paßte. Sie verstand es, die wunderbarsten Begebenheiten so überzeugend zu schildern, daß es uns Mädchen manchmal eiskalt über den Rücken rieselte. — Wenn das Wetter stürmisch war, und der Schrei des Käuzchens bis in's stille Zimmer drang; — der Wind ächzend durch den Schornstein fuhr, und die kahlen Zweige des Apfelbaums vor dem Fenster, wie mit knöchernen Fingern an die Scheiben pochten; — der Hofhund winselte, und die Schindeln vom Dach prasselten; — dann behauptete die Großmutter, daß der „wilde Jäger" durch die Lüfte brause, — und wir rückten ängstlich noch dichter zusammen. — Aber wie glücklich und zufrieden waren wir alle in jener fernliegenden Zeit, als das Spinnrad noch in Ehren gehalten wurde". Frau Bertha Sontheim wendet sich zu der Greisin, und spricht: „Haben Sie Dank, Frau Rat, für Ihre lebhafte Schilderung der Spinnabende, die noch jetzt in meiner Heimat Kärnten üblich sind; sowohl noch dort, luie in den anderen südslavischen Ländern, auch in Siebenbürgen, ist das Spinnrad, dieses ehrwürdige Hausgerät noch in 728 handelt. Die Erziehung des Gefühls und des Willens schließt sich an: hier kommen die aktuellen Fragen nach dem Verhältnis der Schule zur Kirche, der künstlerischen Erziehung unseres Volkes und den Aufgaben der sittlichen Erziehung zur Sprache. Die beiden letzten Vorlesungen über die Organisation des Erziehungswesens beantworten die Frage: wer erziehen und wer erzogen werden soll, und schließen mit der Darstellung der verschiedenen Schul- gattungeu in unserem heutigen Erziehungssystem. Dabei ist überall auf den neuesten Stand der Dinge, insbesondere auch auf die Ergebnisse der Berliner Schulkonferenz von 1900 und die preußischen Lehrpläne von 1901 Beziehung genommen. Uebrigens handelt es sich auch hier nicht etwa nur um die höheren Schulen, sondern ebenso auch um das Volks- und Fortbildungsschulwesen, und um die Frage der Mädchenerziehung, so daß wirklich das Ganze unseres Bildungswesens zur Sprache kommt. I e d e m s i ch für die Jugenderziehung Interessierenden sei das Schriftchen warm empfohlen. Plaud erstunden. Von F. Gansberg. (VII und 152 S.) 1901. Groß Oktav. Vornehm geb. 1.60 Mk. Verlag von B- G. Teubner in Leipzig. In anmutiger Form zeigen die vorliegenden Skizzen, daß die erste belehrende Unterweisung, wie sie die Mutter im Hause und der Lehrer während der ersten Schuljahre zu erteilen hat, von Poesie, Stimmungsgehalt und lebendiger Empfindung erfüllt sein kann, und daß sie dazu beizu- tragen vermag, schon in dem Kinde den künstlerischen Funken, der in jedem Menschen liegt, zu entzünden, und so zur Selbstthätigkeit und Schaffensfreude zu erziehen. Alle Eltern und Erzieher werden von dem Buche reichen Gewinn haben, zum Nutzen und zur Freude einer helläugigen Kinderschar. Vermrseyres. DieältestebisjetztbekannteNachrichtüber den Weihnachtsbaum datiert vom Jahre 1508. In diesem Jahre, am Sonntag vor Mittfasten, kam der Prädikant der freien Stadt Straßburg, der berühmte Geiler von Kaisersberg, in seiner Predigt daraus, daß alle in Straßburg herrschenden Weihnachtsgebräuche heidnische seien und abgeschafft werden müßten. Die Heiden hätten um Neujahr den Jenner oder Janus geehrt: „etlich mit tantzen und springen, ander mit stecken, ander mit danreiß in die Stuben legen . . . ander, daß sie einander gaben schicken, lebkuchen, wein" rc. — Um 1600 hatte die katholische Kirche gegen den Tannenbaum nichts mehr einzuwenden. Eine Chronik jener Zeit berichtet uns, daß am Christabend in der Herrenstube zu Schlettstadt „Meyen" (d. h. Festtannenbäume) aufgerichtet und mit Aepfeln und Oblaten geziert wurden, und von dieser Feier zogen die Mitglieder der Stube, zu denen Geistliche gehörten, zur Mette. Am Drei- Königs-Tage kamen dann die Kinder „die Meyen schüttlin", also die Tannebäume zu plündern. Seit dem vorvorigen Jahrhundert erst ist der Weihnachtsbaum ein allgemeiner deutscher Brauch geworden. Rösselsprung (Auflösung m nächster Stummer.) Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr. Dem Reinen ist alles rein. der er ter dem ein gen du vor mit ziel run wei ge auch sagt liegt mit dem bleibt re des nur ge was gen nicht tig in dir schick das nur gen zagt had gleich im halb drun glück nicht rin ver nicht voller Thätigkeit. In den Spinnstuben herrscht harmlose Fröhlichkeit, man scherzt und lacht, schmaust Aepfel, zum „Netzen" der Lippen und singt Lieder, die bisweilen recht schwermütig klingen, oft aber von keckem Humor gewürzt sind. Frau Perchta, der Rocken und Spinnrad seit uralter Zeit geweiht sind, spielt dort noch eine wichtige Rolle; an ihren Kultus erinnern Bräuche, wie das „Perchtenlaufen" und „Perchtenspringen", die während der „Zwölfnächte" in südlichen Alpenländern geübt werden. Es herrscht dort auch die Sitte, daß nicht Knecht Ruprecht vor den Kindern erscheint und sie straft, oder beschenkt, sondern Frau Perchta übernimmt diese Rolle." „Und in welcher Gestalt zeigt sie sich?" fragt Professor Wolfram. „Leider nicht mehr als die glänzende, Licht verbreitende hehre Göttin, auch nicht als die düstere Todesgöttin Hel, mit der sie gleichbedeutend ist, sondern als Furcht erweckendes altes Weib." „Das ist die Folge jenes unseligen Werglaubens, der die Hexen-Verbrennungen hervorrief", erläutert der Professor. „Als man den gewaltigen Heidengott Wuotan zum Teufel mit dem Pferdefuß herabsetzte, mußte die holde Beschützerin, häuslichen Fleißes, die auch unter dem Namen „Frau Holle" verehrt wurde, es erdulden, daß sie im Volksglauben zum Zerrbild einer Hexe umgewandelt ward." „Ach liebe Freundin, erscheinen Sie doch heute abend als Frau Perchta, an Stelle des Knechts Ruprecht, der bei meinen Kindern in Mißgunst geraten ist, wie Sie wissen", spricht die Hausfrau bittend int Flüsterton. „Mit Vergnügen will ich den kleinen Mummenschanz vollziehen, wenn Sie über die nötige Ausstattung verfügen, zu der auch eine graue, langsträhnige Perrücke gehört", entgegnet Frau Sontheim leise. „Die ist vorhanden, es wurde eine gebraucht, als wir kürzlich bei den lebenden Bildern den König Lear darstellten; auch ein Hexengewand muß in der alten Truhe liegen; doch bitte, verraten Sie nichts." --„Aber wo bleibt denn heute Euer liebenswürdiger Hausarzt? — er kommt doch sonst regelmäßig am Sonntag", fragt die Forsträtin ihren Neffen. „Wahrscheinlich muß er in seinem Beruf thätig sein, verehrte Tante." „Er ist ein so feiner, kluger und ehrbarer Herr; — möchte wohl wissen, weshalb der sich keinen Hausstand gründet", bemerkt die alte Dame kopfschüttelnd. Frau Bertha Sontheim fühlt, wie das Blut jäh in ihre Wangen strömt, sie wendet sich ab, und schürt das Feuer im Kamin. ■ Herr und Frau Bernardi tauschen lächelnd einen verstohlenen Blick; — es ist öffentliches Geheimnis, daß die junge, sehr begüterte Witwe innige Zuneigung zu dem allgemein beliebten, hochbegabten Doktor Wellbach hegt; — der junge Arzt erwidert auch, lebhaft diese Neigung, zögert aber, eine Entscheidung herbeizuführen, weil die reizende und viel umworbene Dame in der Verteilung von Körben schon sehr freigebig war. „Wölfchen in der Fabel!" — wenn man von ihm spricht, ist er da!" ruft Professor Wolfram lachend,, als soeben die hohe Gestalt des Arztes im Rahmen der Thür sichtbar wird. (Schluß folgt.) A l l g e m e i n e Pädagogik. Von Professor Dr. Theobald Ziegler- Oktav, geh. Mark 1,—, geschmackvoll gebunden Mark 1,25. („Aus Natur und Geisteswelt". Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 33 Bändchen.) Verlag von B- G. Teubner in Leipzig. In diesen sechs Vorträgen, welche in Hamburg und ähnlich so schon früher in Frankfurt gehalten worden sind, bespricht der Verfasser die großen Fragen der Volkserziehung, nicht im Anschluß an ein bestimmtes pädagogisches System, sondern in praktischer und allgemein verständlicher Weise und in sittlich-sozialem Geist. Es handelt sich zunächst darum, die Zwecke und Motive der Erziehung zu bestimmen. Dann wird das Erziehungsgeschäft selbst und die Mittel, die dafür zu Gebote stehen, im einzelnen dargestellt, und dabei zuerst die leibliche, dann besonders ausführlich die intellektuelle Bildung beRedaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.