Donnerstag den 19. September. Nr. 133. 1901. ÜQ mi WD st ■le 7/A E ir machen keine neuen Erfahrungen; aber eS sind immer neue Menschen, die alte Erfahrungen machen. Rahel. (Nachdruck verboten.) Prüfung. Kriminalerzählung von E. H a i n b e r g. (Schluß.) Gegen Mittag des nächsten Tages saß! Werner, in trübe Gedanken verloren, in seiner Zelle. Bon Tag zu Tag hatte er gehofft, daß man ihm sagen würde: „Der abscheuliche Verdacht ist von Dir genommen, wir haben endlich den Schuldigen entdeckt." Doch nicht einmal eine Nachricht über b'CTt Gang der Untersuchung war ihm geworden. Waren die Bemühungen des Privatdetektivs von Erfolg? War er überhaupt eingetroffen? Ach, er sah es ivohl ein, seine Ungeduld hatte ihn der Zeit vorauseilen lassen, er erwartete von wenigen Tagen, was bisher in Wochen nicht gelungen war. Konnte der von Held Berufene nicht auch Abhaltung gehabt, mit dem Verfolg einer anderen Angelegenheit be-- schäftigt sein, die er erst zu Ende führen mußte, ehe er Den neuen Auftrag übernahm? Unzählige Mille konnten da hindernd in den Weg treten, das hatte er nicht bedacht, als tzr so sehnsüchtig Tag um Tag eine Befreiung aus seiner peinlichen Lage erwartete. Er mußte erst noch lernen, sich in Geduld zu fügen und ruhig warten, was das Schicksal ihm bringen würde. Ach, dem Glücklichen toitrbe das ja leicht, unzählig anderes lenkte ihn ab und verkürzte Tage tund Stunden. Aber ihm, dem Einsamen, in enge Zelle Gebannten? Wie kummervoll schlichen ihm die Stunden, dahin, die Zeit schien in ihrem Lauf still zu stehen, nur um seine Qual zu vermehren. Da kamen Schritte den Korridor entlang, Das war immer ein Wechsel in dem öden Einerlei der Ereignisse. Nun wurde gelauscht, welche Thür dem ungewöhnlichen Besucher .Einlaß gewähren würde. Vielleicht ein Besuch der Freundschaft oder Liebe, die sich auch im Unglück nicht verleugnet, der Gefängnisgeistliche, oder Untersuchungsrichter, was es auch war, es lenkte doch für Augenblicke die Gedanken der .Unglücklichen, die hier eingeschlossen waren, von ihrem eigenen Geschick ah. Die Schritte standen setzt vor Werners Thür still, der Schlüssel wurde in das Schloß gesteckt, und die Thür öffnete sich. Werner war aufgesprungen, sein Gesichtsausdruck, seine ganze Haltung drückte die höchste Spannung aus.. Held war eingetreten, der Schließer hatte sich entfernt, und die Thür wurde nicht wieder verschlossen, „(sch komme, -Ihnen Freiheit anzukündigen, Herr Forstmes—ster —" Helds Stimme brach in einem inneren, unterdrückten Schluchzen,, Werner war totenbleich geworden, in gewaltiger Bewegung war er auf seinen Sitz zurückgesunken; die Botschaft, auf die er so lange gehofft, von Tag zu Tag sehnlichst ,gewartet hatte, fand ihn schwach Dieser Augenblick erst zeigte ihm, daß er oie Hoffnung auf diese Botschaft anfgegeben hatte, und der gewaltige Umschwung von zagender Unge- wißheit der nun verwirklichten Thatsache gegenüber machte ihn schwindeln. „Kommen Sie, Herr Forstmeister", tönte wieder Helds Stimme an sein Ohr, „unten wartet der Wagen; erlauben Sie, daß ich Sie hinausbegleite zu den Ihren, die in Sehnsucht Ihrer warten." Da raffte Werner sich auf, aber wie eilt Trunkener wankte er über die Schwelle und ergriff gern Helds dargereichten Arm, um an ihm eine Stütze zu haben. Unterwegs erzählte Held ihm den Verlauf der Ereignisse, und tote der Tank für den raschen Erfolg und die erzielte Ueberführung der Verbrecher seiner, des Forstmeisters Gattin gebühre, die durch ihre mutige Handlung das alles herbeigeführt habe. Dem Detektiv, welcher ander- weit beschäftigt gewesen, und deshalb noch nicht eingetroffen sei, habe er, als überflüssig geworden, abgeschrieben:. Es würde nun alles seinen regelrechten Gang gehen. Schwarz sei der That so gut wie überführt, da sich nicht allein des Forstmeisters vermißte Jagdjvppe in seinem Besitz befunden habe, sondern außerdem eine blonde und rote Perrücke mit zwei gleichfarbigen Vollbärten. Dem Staatsanwalt sei Schwarz, angethan mit der erwähnten Jagdjoppe, der blonden Perrücke und dito Vollbart, vorgeführt, und derselbe habe, im höchsten Grade betroffen, das Eingeständnis gethan, daß diese Persönlichkeit zum Verwechseln seinem Angreifer in jener Nacht gleiche. Und wie Böses, sowie Gutes fast nie allein kommt, sprach Held weiter, so hat sich heute morgen, wahrscheinlich infolge der Haussuchung bei Karsten eilt Mann gemeldet, welcher in jener Nacht einen Menschen mit blondem Vollbart und in der beschriebenen Kleidung in Karstens Haus habe schleichen sehen; es sei ihm dies zwar schon damals aufgefallen, aber er habe geglaubt, daß es sich um Wilddieberei handle, und da habe er nicht gern den Verräter spielen wollen. Am nächsten Tage schon habe er einer mehr- wöchentlichen militärischen Hebung sich unterziehen müssen und habe daher von den Vorfällen Hierselbst so gut wie nichts gehört. Erst gestern spät sei er zurückgekehrt. Heute morgen aber sei Karsten und Schwarz in jedermanns Munde, und da habe er es dann für seine Pflicht gehalten, seine Wahrnehmung in jener Nacht zu gerichtlicher Kenntnis zu bringen. Da hätten wir nun also das vollständige Beweismaterial zusammen. Es ivar eine Zeit schwerer Prüfung für Sie, mein Freund, doch auch solche soll ja zu unserem Besten dienen. Jetzt aber hat sich das Dunkel gelichtet, und die Sonne strahlt wieder in reinem Glanz, vielleicht klarer denn vorher", setzte er noch hinzu, und Werner schien ihn zu verstehen, indem er an seine Gattin dachte. Ihre letzte mutige That um seinetwillen zeigte ihm, daß ihre Liebe zu 530 ihm rein und echt kor, und daß die Zeit schwerer Prüfung vielleicht einen Läuterungsprozeß an ihr vollzogen und sie gereinigt und befreit hatte von alledem, was bis dahin ihren Charakter verdunkelte. „Ta wären wir", unterbrach Held den stillen Gedankengang Werners. Dieser blickte auf. Er hatte in der That ganz vergessen, Ausschau zu halten, und doch hätte es sich wohl der Mühe gelohnt, die zwei Paar Frmlenaugen zu sehen, die mit zagendem Hoffen dem schon längst wahrgenommenen Wagen entgegenblickten. Jetzt mochten sie ihn wohl erblickt haben; denn ehe er noch Zeit fand, den Wagen völlig zu verlassen, wurde er auch schon von zlvei weichen Frauenarmen stürmisch empfangen. „Robert, Bruder! Gott sei .Dank, daß Du wieder da bist!" Werner erwiderte herzlich die Begrüßung, dann aber befreite er sich sanft aus Hannas ihn noch immer umfangenden Armen und eilte seiner Gattin entgegen, die thränenden Auges, von den verschiedenartigsten Empfindungen bewegt, am Eingang des Hauses seiner harrte. Er begriff ihre scheue Zurückhaltung und ehrte sie, doch in seiner alten herzlichen Weise legte er seinen Arm um ihre schlanker gewordene Gestalt und betrat, so mit ihr vereint, das trauliche Wohn- gemach. . „Laß mich Dir vor allem danken", sagte er mit bewegter Stimme, „Held hat mir eben erzählt, was Tu meinetwegen unternommen." O, nicht danken!" sagte sie, während eine heiße Blutwelle für Minutendauer ihr bleiches Gesicht übergoß; „Was ich that, war meine Pflicht, doppelte Pflicht, nachdem ich durch meine Unbedachtsamkeit und Leichtsinn, — ja, laß mich das rechte Wort nur aussprechen, es war Leichtsinn", unterbrach sie sich, als Werner bei ihren sich anklagenden Worten eine abwehrende Bewegung machte, „Veranlassung zu dem aus Dich fallenden Verdachte gegeben, der Dich tagelang der Freiheit beraubte und vielleicht noch schlimmer hätte enden können." , r „ „Wenn ich nicht eine so mutige Frau gehabt hatte, vollendete Werner auf seine Weife liebreich diesen Satz. „Nein", sagte sie, „ich bin und bleibe in Deiner Schuld und nur Dein Herz kann mich freisprechen. Wer das soll nicht heute geschehen in dieser, Stunde mächtiger Erregung, erst laß mich sühnen, durch jahrelange, treue Liebe Dar zeigen, daß Tu, trotz aller Fehler, die an mir hafteten, doch immer das höchste Gut meines Lebens wärest." „Tas hast Du bereits gezeigt, mein liebes Weib. Und nun kein Wort weiter über die Vergangenheit. Wir sind vereint, die böse Zeit liegt hinter uns, und vielleicht war dieselbe uns nötig, um unsere Liebe aus Schlacken und Asche neu erstehen zu lassen." „Nicht die Deine", entgegnete sie, „die war immer echt und rein." t o r Hanna hatte dem davonschreitenden Paare etwas beschämt nachgeschaut. Sie war etwas unbescheiden gewesen. Der Schwägerin hätte die erste Begrüßung des heimkehrenden Gatten gebührt. Aber warum blieb Bertha auch so zaghaft im Hintergründe, während sie doch alles trieb, ihrer Freude über die Wiederkehr des geliebten Bruders Ausdruck zu verleihen. , t Und während sie noch nachdenklich dastand, tonte eme gar wohlbekannte Stimme neben ihr: „Ihr Bruder kann Sie jetzt entbehren, Fräulein Hanna, desto sehnlicher aber wünsche ich, daß Sie mir einmal Ihr liebes Gesicht zuwenden." Sie fuhr herum und sah in Helds strahlende, zu ihr niederblickende Augen. Sie hatte thii noch gar nicht gesehen; wahrscheinlich war er, um die erste Begrüßung Nicht zu stören, im Wagen geblieben. Er reichte ihr die Hand, und ' der Druck, mit dem er die ihre nach einer kleinen Weile wieder freigab, zeigte ihr, daß sie bei ihm noch unvergessen war. „Darf ich Sie bitten, mit in das Haus zu treten?" sagte sie einigermaßen befangen. „Ich denke, wir benutzen die uns gelassene Freiheit und durchstreifen ein wenig den Garten. Ich hätte Ihnen so viel zu sagen, Fräulein Hanna!" Wie schön ihr Name von fernen Lippen klang! ... Sie hatte nur stumme Gewährung für ferne Bitte. Erne Weile schritten sie, ohne zu sprechen, Seite an ©eite dahrn; dann sagte Hanna, um bent beklommenen Schweigen em Ende zu machen: „Sie waren so lange nicht hier, Herr Amtsrichter."^ „Die Vorsicht forderte das; ich hielt es rm Interesse Ihres Bruders für geböten, eher eine Entfremdung zwischen uns ahnen zu lassen, als bas nahe Interesse, das mich in Wirklichkeit mit allem, was Ihnen zugehört, verknüpft. Tenn e weniger Freunde anscheinend Ihr Bruder hatte, die an eine Unschuld glaubten, je leichter würde sich der unbekannte Thäter einmal durch eine Unvorsichtigkeit verraten haben.: Glauben Sie mir, Fräulein Hanna, meine Gedanken waren immer bei Ihnen." Sie waren jetzt in die Nähe einer dicht mit Pfeifenkraut bewachsenen Laube gekommen; nun faßte er abermals ihre! Hände und zog sie da hinein. Auch da drinnen in dem lausch^ igen Halbdümmer ließ er diese nicht frei. „Das' war es,- Hanna, was ich Ihnen sagen wollte, daß meine Gedanken Sie stets umgaben; Sie waren der erste Gedanke, mit dem ich den jungen Tag begrüßte, und der letzte, mit dem ich den Tag beschloß!." Er hielt einen Augenblick inne und sah forschend in ihr gesenktes Gesicht. „Hanna! Ich habe Sie lieb, von Herzen lieb! Können Sie mich ein wenig, nein nicht nur ein wenig, andern so recht von Herzen wieder lieben, so lieben, daß Sie mein sein wollen fürs Leben — Hanna, können Sie das?" Jetzt endlich hob sie die gesenkten Augen zu ihm empor., „Ja", hauchte leise ihr Münd. Aber so verschwindend leise das Wort auch gewesen war, er hatte es doch! vernommen., Voller Jubel giog er sie an sich, fest an seine Brust, küßte ihre rosigen Lippen und sah ihr, strahlend vor Glück, in die verschämten Augen. „Also Tu hast mich lieb. Tu, meine herzige Braut/ meine geliebte Hanna! O, welch ein Leben wollen wir führen! So von Liebe gehoben und von Glück durchdrungen, daß uns die Welt da draußen nichts anhaben kann!" Jetzt fah sie leuchtenden Blickes zu ihm aus. „O, Tu guter, Tu geliebter Mann, wie selig bin ich, daß! ich, Tein sein darf!" Er zog sie abermals stürmisch in seine Arme. „Tank,, Tank! Geliebte, für dieses Bekenntnis! Doch nun komm, daß wir den andern beiden Glücklichen unsere Seligkeit verkünden." Sie gingen hinein in das Zimmer, wohin das Ge-, schwisterpaar sich mit seinem neugewonnen Glück geflüchtet., Tas Paar sprang nun auf, als Held und Hanna über ©cf)Wette txciteTt. Tiefbewegt schloß Frau Bertha ihre junge Schwägerin in die Arme, während die beiden Männer ebenfalls eine Umarmung tauschten. Tie glücklichen Gesichter der beiden jungen Leute hatten das ältere Paar sofort erraten lassen, was beide herführte/ „Sei glücklich, liebe Hanna", flüsterte Fran Bertha dep jungen Braut zu. „Dein reiner Sinn und Deine Selbstlosigkeit wird Dir eine Zeit der Reue und Buße, wie ich sie, eben durchgemacht habe, ersparen." „Ja, glücklich fein und glücklich machen, das ist Wohl das allerschönste Ziel unseres Erdendaseins. Aber auch Tu wirst nun glücklich fein und anch Robert glücklich mach,en —; ich weih das jetzt", entgegnete Hanna voll freudiger Zu^ verficht. _______________ Bob und Dolly. Eine Manövergeschichte von Alwin Römer. (Nachdruck verboten.) (Fortfetzung.) Tas Herz stand ihm still vor wonnigem Schreck und schlug ihm dann fast beängstigend bis unter die enge Halsbinde hinaus, als er am anderen Mittag mit seinem Zug nette Quartiere bezog und ans einem verwitterten Stein-: balkon des grauen Gutsgebäudes, das ein bischen abseits! von den übrigen Quartieren seines Regiments lag, ein paar- junge Damen mit wehenden Tüchern ihnen „Willkommen"- zuwinken sah, von denen die eine, jüngere, ihn mit den bethörend schönen Augen, die ihn auch in den Träumen der letzten Nacht nicht verlassen hatten, anblickte. Ein inniges! Gefühl von Dankbarkeit gegen die Vorsehung, mit der er es doch noch nicht ganz verdorben Haben konnte, wallte in ihm aus. So geschahen also doch noch Zeichen und Wunder! aus diesem langweiligen Erdball? Entzückt grüßte er hinaus zu den gastlichen Hüterinnen des grauen Hetmwesens/ sprang hurtig vom Pferde, gab seine letzten Anweisungen für die Mannschaften und folgte dann erwartungsvoll etnetrt alten Diener, der ihm zunächst ein paar Zimmer überwies! und nach kurzer Toilette ihn in den Salon führte, wo ihn die Hausfrau mit bezaubernder Liebenswürdigkeit empfing.. — 531 — „Wie nett, daß man- unseren kleinen Wunsch noch! in letzter Minute berücksichtigt hat!" sagte sie. Sem Antlitz drückte natürlich ein ungeheucheltes Erstaunen aus, da er keine Ahnung hatte, was die schöne Hausfrau mit diesen Worten meinen konnte. „Wir haben uns nämlich gestern, nachdem Sie uns in so ritterlicher Weise zu einem wohl eigentliche für das Publikum nicht bestimmten Aussichtspunkt verhalfen, bei den Offiziersburschen, die wir nachher trafen, nach Ihrem Namen erkundigt und gleich Bei unserer Rückkunft gebeten, daß man uns, tvenn möglich, den Herrn von Eschenbvrn nach Kleinkoberstedt senden möchte. Und siehe da, unsere Bitte !hat Erhörung gefunden. Also herzlich willkommen aus Kleinkoberstedt, Herr von Eschenborn! Mein Gatte hält noch! einen Umritt, ist aber in einer halben Stunde sicher auch» da. Er erwartete Sie nicht vor zwei Uhr! Sind Ihnen Ihre Zimmer recht? Oder wünschen Sie —" „Aber, gnädige Frau", stotterte Arno, ganz überwältigt von so viel Glück, „wie int Paradiese komme ich mir vor . ." „Na, werm's im Paradiese nicht lieblicher ausgesehen hat, als aus unserem grauen Gutshof, bann haben unsere Uaschigen Stammeltern damals nicht gerade viel verloren!" „Sagen Sie das nicht, gnädige Frau!" erwiderte er eifrig. „Herrlicher kann es im Paradiese auch nicht gewesen sein. . -" „Wenu's Ihnen Vergnügen macht, Herr von Eschendorn, so streiten Sie sich darüber mit meiner Schwester herum, Die intmer behauptet, Kleinkoberstedt wäre das gräßlichste älte Eulennest, das ihr je vorgekommen wäre! Habe ich recht?" Und damit wandte sie sich dem eben eintretenden Mädchen zu, das mit einer leisen Verlegenheit kämpfend, anmutig errötete und mit niedergeschlagenen Augen näher kam. „Herr von Eschenbvrn — meine Schwester: Dora Malden! Entschuldigen Sie mich, bitte, aus ein paar Minuten. Ich habe nämlich noch Hausfrauen-Pflichten!" So blieb er mit ihr allein, die es ihm gestern aus den ersten Blick angethan hatte. Aber das Herz war ihm so voll, daß er zunächst nicht vermochte, die gleichgiltigen Dinge, die sich Menschen bei einer ersten Begegnung zu erzählen pflegen, über die Lippen zu bringen. Und da auch sie nicht wußte, worüber sie mit diesem stolzen und eleganten Husaren-Offizier wohl plaudern könnte, entstand eine artige kleine Verlegenheitspause, die indes keinem von beiden peinlich wurde, weil sie doch gegenseitig großes Wohlgefallen aneinander hatten, wenn das bei ihr auch noch unter der Schwelle des Bewußtseins schlummerte. Lange dauerte es aber nicht, so bewahrheitete sich die alte Erfahrung wieder, daß Leute, die gut miteinander zu schweigen wissen, auch die schönsten Gespräche zu führen vermögen, wenn sie nur erst einmal den Anfang finden. „Ist Ihnen wirklich dieser idyllische alte Schloßbau mit seiner herrlichen Umgebung so zuwider?" hatte er gefragt. „Nur mitunter, wenn mich die Sehnsucht nach..... nach .... ja, ich weiß nicht, was, packt!" hatte sie lächelnd erwidert, und ihre großen, tiefen, unschuldigen Augen dazu ausgeschlagen, in deren klarem Grunde auch nicht ein Hmrch von koketter Absicht schimmerte. Und dann hatte sie ihm erzählt von den köstlichen Wanderungen in den seierlich stillen Buchenwäldern, die sie so gern unternahm, von dem fröhlichen Treiben bei der Waldbeeren-Ernte, von der verschneiten Einsamkeit des Winters, wo sie Jensen und Storm gelesen, nicht zu vergessen den Meister Raabe, der so alte Nester wie Kleinkoberstedt mit geradezu spukhafter Treue zu zeichnen im stände sei. Und immer lebendiger und jauchzender war die leise Stimme in seiner Seele geworden, die ihm schon gestern ganz heimlich zugerusen hatte: „Das ist sie! Die oder keine!" Wie verzaubert kam er sich vor, und ganz verträumt führte er Beim Mittagessen die leere GaBcl mehr als einmal an den Mund, sodaß ihn der Hausherr, der sonst kein Freund vom Nötigen war, schließlich doch fragte, ob ihm der Braten in dieser Art nicht zusage. Natürlich war er rot dabei geworden, weil er glaubte, der noch etwas zugeknöpfte Gutsbesitzer sehe ihm ferne verliebten Gedanken von der Stirne leuchten, und hatte nun, um sich und die Hausfrau zu rechtfertigen, einen wahren Vernichtungskampf gegen die Bratenschüssel eröffnet, was ihm nach den Strapazen des Vormittags übrigens ganz gut bekam. ®er Kaffee wurde im Park eingenommen, und da die schönen, alten Bäume Herrn Arnos Interesse erweckten, so ergab sich ein kleiner Spaziergang von selbst. Wie majestätisch die alten Linden rauschten! Wie fröhlich die jungen Vögel darin zwitscherten! Bei jedem Stamm von einigermaßen ausfallendem Umfange blieb der Schalk stehen und gab seiner Freude über den alten Riesen Ausdruck, bis die Entfernung zwischen dem Ehepaar und ihm, der die liebliche Schwester der Wirtin am Arme hatte, groß genug geworden war, um ein wenig von seinem lodernden Herzen verraten zu können. Aber das rechte Wort fand er zunächst doch nicht. Alle die flachen Phrasen, die ihm entfielen, schienen ihm eine Entweihung der schönen Viertelstunde. Das holde Mlldchenwunder da an seinem Arme sollte nicht von ihm glauben, daß- er so ein Schablonen-Leutnant sei, der nichts weiter wisse, als die abgenutzten, parfürmierten Salon- Redensarten, mit denen in Sedeuheim die Garnisons-Damen vom Schlage der Mühlenbrechers gefüttert wurden. Schlicht und einfach wollte er reden, ihr feine Zukunft schildern und d-as Leben, das sie an seiner Seite führen würde, und dann fragen, gerade heraus und ohne Umschweife, ob sie ihn ein klein wenig lieb haben könne und es mit ihm versuchen wolle. Aber dafür in ar jetzt denn doch wohl nicht der richtige Augenblick gekommen, wiewohl er aus der leisen Sprache ihres lieben, unschuldigen Antlitzes einen goldenen Schimmer von Hoffnung herauslesen zu dürfen glaubte. Er konnte sich da eben so gut täuschen! Und eine Abweisung von ihr schien ihm unmöglich zu ertragen! Ein Paar Tage noch, während der sie sich gegenseitig näher treten würden, wollte er ab warten. Das Quartier war ja für fünf Tage be- ssimmt in Aussicht genommen. Und so schwieg er denn zunächst von der Leidenschaft, die ihn durchtobte, und nur der heiße Druck seiner Hand, die lodernde Sprache seiner Augen, gaben ihr ahnungsvolle Zeichen von dem Zustande seines Herzens. Ach, und wie erfüllten ihr diese verstohlenen Boten der heimlichen Liebe die jungfräuliche Seele mit zagender Wonne und freudigem Leben! Wie eine Rofenknospe in linder Mainacht war ihr keusches Herz erwacht. Und ob sich ihre Gefühle auch! in mädchenhafter Scheu nicht durch die leuchtende Klarheit der Gedanken zum Bewußtsein wach- küssen ließen, ihre Träume waren von ihm erfüllt, der ihr so plötzlich in den Weg getreten war, und sie mit seinem fröhlichen, offenen Angesicht schon am ersten Tag wie ein alter, lieber Bekannter angemutet hatte, sodaß sie am Morgen Beim Erwachen jäh in Glut getaucht erschien, als sie sich darauf Besann, was für thörichte Tinge sie diese Nacht im Traum gehört und gesprochen! .... Arno startete am anderen Morgen den Briefträger aß, der aber trotz eines gestern aufgegeßenen Telegramms noch immer nicht mit dem vom Photographen zu liefernden Bilde erschien. Sein Mißmut barüber verschwanb jedoch schnell, als er Beim Betreten des Gutshofs Tora traf, die gerabe bamit Beschäftigt war, bie Tauben unb Hühner zu füttern, und babei aß unb zu einem schönen, großen Hühnerhunde einen tätschelnben Klaps gab. Es war ein ent» zückenbes Bilb, bas er ba genoß Aber es schien, als ob sie seinen Blick sühle, .wiewohl sie ihm bas Antlitz nicht zukehrte. Sie drehte sich auf einmal um unb begrüßte ihn errötend. „Haben Sie Hunde so gern?" fragte er sie, unb als sie es bejahte, erfüllte ihn bas mit großer Freude. Sie paßten eben in.allen Dingen zu einander. „Ich auch!" erklärte er nun und fing an, bem mächtigen Kerl die Ohren zärtlich zu zausen. „Wie heißt denn ber gute Bursche?" fragte er dabei. „Bummel!" sagte sie. „Ein drolliger Name, nicht?" „Sehr!" gab- er zu und dachte an seine Engländer, bie Menschennamen trugen. „Wie ihn mein Schwager kaufte, hieß er Seo. Wer bas klang uns abscheulich, weil wir einen alten, guten Onkel haben, der auch Leo heißt! Ta haben wir ihn einfach um- getauft! Und „Bummel" kann ein anWnbiger Mensch bvch Wohl kaum heißen!" lachte sie. Er war rot geworden, und in seinem Herzen stand bev Entschluß fest, daß bei ihm daheim auch Umläufe stattfinden müsse. „Phylax und Moppel" wollte er sie nennen, oder ,„Tipps und Tapps", aber nie mehr Bob und Tolly ! Dieser Engel sollte ihn in Zukunft nicht wieder an Menschenfreundlichkeit beschämen, == 532 mdjt?"- - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Nedaltion: E. Burkbardt. Auflösung des Füllrätsels in vor. Nr.: Der weis« Mann wird nicht leicht von einem anderen erkannt als von einem Weisen, der redliche von keinem anderen als einem rednchen Mannet (Waland.) . Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. 1. Wichtiger Körperteil. 2. An Gewässern. 8. Tauschmittel. 4. Planet. sandt, wenn sie sich mittelst Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" wenden. Um Veilchen im Winter blühend zu haben, pflanzt man jetzt geeignete Treibsvrten in Töpfe oder Kistchen und stellt sie einige Tage in einen geschlossen gehaltenen kalten Mistbeetkasten. Später werden die Fenster wieder abgenommen. Tie Pflanzen können bis zum Eintritt des Frostes im Freien bleiben, dann kommen sie zwischen die Wmter- fenster oder ins Kalthaus recht nahe ans Licht, toentt , , nicht überhaupt ein sonnig gelegenes Frühbeet jetzt oa- I mit vollständig bepflanzt werden soll. Der Blumenlleb- E । Haber muh sich mit einigen Töpfen begnügen, wird aber auch daran viele Freude erleben, wenn er die Pflanzen nicht Zu warm hält. („Prakt. Wegw.", Würzburg.). >,Fä, ganz recht!"- >,Eschenholz loder so muß er heißen!"! >,Eschenborn! Aber wvher weiht Du?^ „Ich bin vor etlichen Tagen von Sedenheim bis Trim- bürg mit ihm in der Eisenbahn zusammen gefahren!"^ >,AH! Aber woher weißt Du denn, daß der hier In die Felder vorstehenden Quadrates find die Buchstaben Ä, DD, .oroerre ore i EEEEE, F, 60, L, RR, UU derart einzutragen, daß di-vier wagerechten .poroerre me g aleiLlautend sind mit den vier senkrechten und Wörter von der .Sie können rn die Küche | ^gefügten Bedeutung bilden. (Auflösung in nächster Nummer.) rhPtr ' 1 diu ---.—.—- >,Dolly!" klang es in diesem Augenblicke über den Aos Wie^elektrisiert führ er herum. Aefste ihir dä jemand? Oder hatte er Sinnestäuschungen? , , Ich komme!" antwortete nun aber das Fraulern an seiner Seite, und blitzschnell fiel es ihm ein, daß Dora und .. ber qlcicß‘C lernte fei, beut bie ^nßlcittbet! I u'ei ' f t , - V- ' sich Dolch geformt hatten! Merkwürdig, wie oft die britische I „Weil wir rh«! vorhin m Gilmvode durchreiten sahE Abkürzmig gerade in dieser Gegend vorkam! I den Weg von Kleinkob erstedt her, dem Sammelplatz der ^Heißen Sie auch Dolly?" fragte er lächelnd.. I Kaltenberg, glaub' ich, zu! Daraufhin hab ich sofort g« "Meine Schwester ruft mich mitunter fo!" gab! sie zur | sagt: der liegt in Kleinkoberstedt im Quartier, und etsch^ Finden Sie die Form nicht nett?" | — dabei schabte sie ihrem langen, ssirnrunzelnden Ehe-t " <4t" Gegenteil, ganz köstlich!"< entgegnete er, und in I gemahl allerliebste Rübchen — „ich habe Recht gehabt!'" Gedanken fügte er seufzend hinzu: „Ich wollte, Kind, ich „Wenn Sie glauben, gnädige Frau, daß ich m Wirk- dürfte Dich auch erst Dolly nennen!" I lichkeit eifersüchtig: bin", begann der etwas pedantische ^n- „Es llingt wenigstens nicht so steif wie Tora oder so I spektor. pathetisch wie Dorothea!" lachte sie, und mit einem froh- I „Nah na! drohte die Hausfrau. lichen „Auf Wiedersehen!" schwebte sie über den Hof hin. | , „Auf keinen Fall! Aber man weih doch: dwse Herren Arno sah ihr nach- so lange sie überhaupt sichtbar war. I Offiziere, tH zumal dre von der Kcwallerre. Dabei hatte er sogar den Hufschlag seines Braunen nicht I „Sogar leichten Kavallerie! fugte srau Eva hmzm vernommen, der von Stübecke gesattelt aus dem Stall | „Findet Ihr ihn nicht komisch, Konstanze? .^ollch --ms?, geführt, jeU ein munteres Gewieher neben ihm erhob. I Aus einen so lieben, gutmutigeii Mid zartlichen^Familien-^ Das wär 'n feiner Spielkam'rad für Bob und Dolly !" I Vater wie diesen Leutnant eifersüchtig zu sem. „, meinw StüMcke! dabei auf Bummel zeigend, der an dem „Familienvater?" fragte erstaunt dm Hausfrau, wah, ihn: schon vertrauten Burschen in täppischer Freude empo^ | rmd Jolly m toti svrana Aber die Nennung dieser Namen war so ziemlich I „Ja, wißt Ihr denn das Nicht? . ,, hna dümmste, was der arme Stübecke Vorbringen konnte. I „Kein Sterbenswörtchen! d.w Gegeniell, wir oach.en . Stübecke", sagte der Leutnant wütend, „wenn Du noch I „Ach, das ist aber wunderlich! Gewiß ist er verheiratet.: ein emziqes Mal, so lange wir hier sind, von Bob und Dolly | HM sogar Zwillinge! Und das Madel davon heißt Dolly . - Ls^^Ln fAst Du drei Tage in den Kasten, ver- „Wer's glaubt!" murmelte der Inspektor. standen?" v . | sF0tt,ehnng koigr- ' „Zu Befehl, Herr Leutnant!" murmelte Stübecke ganz (KemetitttÜfctoCS» wi-d-r' Se Jtmstti S«6en tonnte. zid-N-n Prägte er sich den No U Ost h-t diese R°s-rw»r eine,!«»«--!> Ufer« seines Lerrn Leutnants gehörig em: denn der Teufel | Wuchs, bringt aber doch nur wenige muien, fuhr ein leichtes Korbwägelchen unter lustzgem Peitschen- | 8 auy Ziemliche Tiefen zerstoßene Holzkohle! knallen auf den Hof. , , „ , , , .I .„.„Hioen weil diese den Boden luftiger, leichter und „Hollah, Wirtschaft!" rief sem.^langaufgeschossener ! ^rmer macht. Eine sehr interessante Anleitung über die Lenker, der die Uniform, dm königlichen Steuerbeamten | mettonj:)runct yer Nielrose bietet ein Aufsatz: „Rosenonkels! trug, warf einem Knecht die Zugel zu und sprang gewandt | im Erfurter Führer im Gartenbau"" Nr. 22; ab, um einer schmucken, klemen Frau und darnach auch dem i MEnenten wird diese Nummer kostenftei zuge- Kindermädchen, das em etwa halbjähriges Baby trug, auf | fi& mittelst Postkarte an das Geschäftsamt den Erdboden zu helfen; Währenddessen war auch schon die Hausfrau in der Thür des Herrschastsgebäudes erschienen und ries den Ankömmlingen ein fröhliches „Willkommen" zu. „ „Dolly!" rief sie dann in den großen Flur zuruck. „Komm schnell, es ist Besuch da! Die Trimburger: Vater, Mutter und Kind!" „Wie geht's, gnädige Frau?" fragte nach herzlicher Be- | arüßung der Obersteuerinspektor Rößling. „Viel Wirtschaft durch die Einquartierung, nicht? Wir sind auch bloß auf zwei Stunden da! Ich war drüben auf der, Zuckerfabrik in Gilmrode und muß nachher noch nach Hohenfiebeck! Weills fo schönes Wetter ist, habe ich das ganze Volk mitgenommen" , . , ,, „ „Aber Ihre Frau müssen Sie uns hier lassen, Herr Ober-Inspektor! Nicht, Eva, Du bleibst doch ein paar Tage?"" „Freilich bleibt sie!"" sagte jetzt Dora, die eben in der Thür erschien, und schüttelte den Gästen fröhlich die Hande. „Auf keinen Fall!" entschied der Inspektor lachend. „Er ist nämlich eifersüchtig!" ergänzte die junge Frau seine kategorische Ablehnung. 1 „Eifersüchtig? Auf wen denn?" erkundigte sich lachend die Frau vom Hause und bat die Herrfchasten durch eme Handbewegung, endlich näher zu treten. „Geben Sie mir Dolly nur her, Anna!" forderte^ dre junge Mutter ihr Mädchen aus. ,f gehen und die Freundschaft besuchen!" Als sie nun aber im Salon waren, gab sie Antwort auf die Frage. „Auf Euere Einquartierung!"' sagte s:e sichernd. „Ihr habt doch einen Leutnant von den blauen Husaren,