►TfT'*'1’ kliT’’*"' -figiu feuchter Frühlingsabend, Wie hab' ich dich so gern — Vs£$v Der Himmel wolkenverhangen, Nur hier und da ein Stern. Wie leiser LiebeSodem Hauchet so lau die Luft; Es steigt aus allen Thaleu Ein warmer Veilchenduft. Ich möcht' ein Lied ersinnen, Das diesem Abend gleich, Und kann den Klang nicht finden, So dunkel, mild und weich. Geibel. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Nach dem Abendessen pflegte Hanna sich auch jetzt noch in ihr trauliches Arbeitsstübchen zurückzuziehen; aber auf die Frage des Bruders, ob sie sich denn noch immer mtt dem unfruchtbaren Studium von Dietrich von Restorps nachgelassenen Papieren beschäftige, hatte sie leichthin erwidert, daß sie nur gelegentlich einen Blick in dieses oder jenes Briefbündel werfe. „Nun siehst Tu!" meinte er darauf lachend. „Ich wußte es ja, daß Tu den Mut verlieren würdest. Man muß die Geduld eines Engels oder meiner Inge haben — was für mich natürlich dasselbe ist — um diese Riesenarbeit zu bewältigen." Harro Boysen war in den acht Tagen, welche dre ^rtz- ungen in Professor Herbolds Atelier nun bereits währten, nicht ein einziges Mal bei den Geschwistern erschienen. Und Bernhard, der nicht ahnen konnte, daß er aus Hannas ausdrückliches Gebot fernblieb, äußerte wiederholt seine Verwunderung über dies wenig freundschaftliche Verhalten. Tie Antwort seiner Schiwester bestand dann gewöhnlich nur - in" einem gleichgiltigen Achselzucken oder in der lässig hin- v geworfenen Bemerkung, daß Harro wahrscheinlich seinem - kranken väterlichen Freunde und dessen Tochter Gesellschaft leisten werde. „Es ist also doch nichts zwischen den beiden", dachte der Rechtsanwalt in solchen Augenblicken, und er war dessen im Grunde recht froh; denn wie herzlich er auch den Freund und die Schwester liebte, als ein zu einander passendes Paar wollten sie ihm doch durchaus nicht erscheinen. Wieder hatte er sich heute nach seiner Gewohnheit, die stillen Abendstunden zur Arbeit zu benutzen, vor den Schreibtisch gesetzt, und er war eben im eifrigsten Studium eines geringfügigen, aber äußerst verwickelten Rechtshandels begriffen, als Hanna in der Thür erschien. „Störe ich Tich?" sagte sie, um dann, noch ehe er antworten konnte, hinzuzufügen, „aber das ist eine überflüssige Frage, denn Tu müßtest dies hier lesen, auch wenn Tu darum die allerwichtigste Arbeit zu unterbrechen hättest. Ich habe das Blatt soeben unter Dietrich von Restorps Papieren gesunden." Sie näherte sich seinem Schreibtisch, und das Licht der Studierlampe fiel voll auf ihr Gesicht, in dessen Zügen vielleicht eine- gewisse Spannung, doch nichts von einer ungewöhnlichen Erregung zu lesen war. Bernhard glaubte denn auch keineswegs an eine Entdeckung von besonderer Wichtigkeit und sagte, indem er das dargereichte Papier aus ihrer Hand entgegennahm, halb im Scherz: „Also doch ein Fund ? — Nun, wenn er zwei Millionen wert ist, darfst Tu Dich jedenfalls auf eine hübsche Belohnung gefaßt machen." „Lies!" sagte sie nur, und trat einen Schritt zurück, sodaß ihr Gesicht jetzt im Halbschatten war. Der Rechtsanwalt aber kam ihrem Verlangen nach und las: „Seiner Hochwohlgeboren Herrn Freiherrn Dietrich von Restorp Königsberg. In ergebener Beantwortung Ihres gefälligen Schreibens vom gestrigen Tage muß ich zunächst auf das Bestimmteste wiederholen, daß ich mich zu meinem Bedauern nicht in der Lage sehe, Ihren Besitzanteil an den von uns gemeinsam erworbenen Ländereien bei Salzbergen käuflich zu übernehmen." „Was? — Was ist das, Hanna? Ja, sehe ich denn wirklich recht? — Oder ist es ein Spuk?" „Lies weiter!" klang ihre ruhige Stimme aus dem Halbdunkel, in das sie sich jetzt völlig zurückgezogen hatte. „Lies erst zu Ende! Tann wollen wir darüber reden." „Ja — ja! Aber dies ist so überraschend, so unfaßlich! Tie Buchstaben tanzen mir vor den Augen. — Wo war ich doch? — Ja, so —! „„käuflich zu übernehmen. Tie Gründe dafür habe ich Ihnen vor einigen Tagen bei Ihrer Anwesenheit in Breslau so ausführlich dargelegt, daß ich es mir wohl ersparen kann, hier darauf zurückzukommen. Bei der gegenwärtigen schlechten Geschäftslage ist es mir eben einfach unmöglich. Was nun weiter Ihr Verlangen betrifft, im Fall meiner Ablehnung Ihres Angebots als Miteigentümer des Terrains in das Grundbuch eingetragen zu werden, so widerspricht das zwar eigentlich unserer Abrede, da wir übereingekommen waren, daß ich der Einfachheit und der leichteren geschäftlichen AbwickeluW halber 282 „Weißt Du, Bernhard, was ich an Deiner Stelle thun würde?" „Nun?" „Ich würde mich mit diesem Regierungsassessor Wede- king zu vergleichen suchen. Er kann doch schließlich an der Echtheit des Briefes so wenig zweifeln wie an dem für ihn ungünstigen Ausgang des Prozesses. Und wenn man sich zu einigem Entgegenkommen bereit zeigte —" „Freilich, es wäre das Vernünftigste. Und ich werde selbstverständlich schon ans Gründen des kollegialischen Anstandes seinem Anwalt sofort unter Beifügung einer Abschrift Nachricht von der Auffindung des Briefes geben. Vielleicht wird er selbst dann den ersten Schritt zur Anbahnung einer gütlichen Uebereinkunft thun." „Immerhin würde es nichts schaden, wenn Du von vornherein eine gewisse Geneigtheit Uw Verhandlungen durchblicken ließest. Auf ein Opfer von hundert oder hundertfünfzigtausend Mark kann es ja nicht cmkommen, sobald dadurch alle Kosten und Weitläufigkeiten eines langwierigen Prozesses vermieden werden." „Wie leichtherzig Tu mit den Tausenden umherwirfst, Hanna!" sagte er lächelnd. „Aber wir dürfen wohl vor allem nicht vergessen, daß die hunderttausend, die Tu dem Regierungsassessor so bereitwillig schenken willst, weder Tir noch mir gehören. Georg von Restorp allein ist es, der hier zu entscheiden hat." „Ah, bah, er wird thun, was Tu ihm vorschlägst." „Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Er kann sehr eigensinnig sein, der gute Restorp. " „Nun, so wird er thun, was ich ihm Vorschläge. Dafür kann ich jede Bürgschaft übernehmen. Am Ende wäre es doch auch offenbare Narrheit, wenn er nicht so schnell als möglich aus seinem kümmerlich übertünchten Elend herauszukommen suchte." Bernhard Sylvander blickte wieder in den Brief, den er noch immer in der Hand hielt, und wieder schüttelte er wie vor etwas Unbegreiflichem den Kopf. „Ich kann mich noch gar nicht in diese Veränderung finden, Hanna! Zu denken, daß dies armselige, kleine Blatt die Restorps mit einem Schlage wieder zu reichen Leuten macht —" „Und daß es Dir eine Mitgist von dreimalhundert- tausend Mark sichert. Auch daran hast Tu hoffentlich ge- dacht, Bernhard!" „Ah, das ist Thorheit! Jcy habe diesem Gerede meines künftigen Schwiegervaters niemals eine Bedeutung beigelegt, und es würde mir nicht einsallen, ihn beim Wort zu nehmen." „Ich aber verlange von Dir, daß Tu ihn beim Wort nimmst, Deinetwegen nicht allein, sondern auch um Inges und nicht zuletzt um seiner selbst willen. Er ist nun einmal zum Verschwender veranlagt und er würde ohne allen Zweifel die neue Million innerhalb weniger Jahre verwirtschaftet haben wie sein früheres Vermögen. Wenn Tu ihn davor bewahren willst, noch einmal zum Bettler zu werden, so mußt Tu jetzt unbedingt darauf bestehen, daß er sein als Edelmann gegebenes Versprechen einlöst." „Nun, darüber zu reden, ist es wohl auch später noch früh genug. Aber weißt Tu auch, Hanna, daß dieser Brief für Harro Boysen genau dieselbe Wichtigkeit hat wie für Georg von Restorp? Wie sonderbar, daß wir daran bisher noch gar niicht gedacht haben!" „O doch, ich habe daran gedacht, Bernhard!" „Natürlich muß auch er sogleich davon in Kenntnis gesetzt werden. Ah, wie ich mich darauf freue, das verdutzte Gesicht des guten Jungen zu sehen, wenn er die unerwartete Kunde erfährt!" „Tu wirst aus dies Vergnügen verzichten müssen; denn ich möchte Dich bitten, seine Benachrichtigung und die Wahl des geeigneten Zeitpunktes sür dieselbe mir zu überlassen." „Dir, Hanna? Hast Tu für dies Verlangen einen besonderen Grund?" „Ja, und einen sehr triftigen. Ich stehe im Begriff, mich mit Harro zu verloben." Ter Rechtsanwalt sprang auf. „Also doch! — Er hat sich Dir schon erklärt?" „Ja." ",Und Du? Du liebst ihn, Hanna?" nach außen hin als alleiniger Besitzer Auftreten sollte. In Anbetracht der veränderten Verhältnisse aber, ine durch das Scheitern unseres Projekts herbeigeführt worden sind, und da Sie an jene Ländereien ja in wer That genau dieselben Eigentumsrechte haben wie ich, erkläre ich mich trotzdem gern bereit, Ihrem Verlangen zu willfahren. Augenblicklich mit dringenden Arbeiten überhäuft, werde ich an einem der nächsten Tage die Ihrem Wunsche entsprechende Aenderung bei dem zuständigen Grundbuchamte beantragen und wird Ihnen dann ohne Zweifel von dort aus eine direkte Benachrichtigung zugehen. In der Hoffnung, daß Ihr Gesundheitszustand sich rn- zwischen gebessert habe und daß Sie bald ein Mittel finden werden, Ihre augenblicklichen Verlegenheiten zu beseitigen, begrüße ich Sie in bekannter Hochachtung Julius Wedeking."" „Hanna — liebe Hanna — sage mir, ob ich träume oder- wache ! Dies ist ja ein Anerkenntnis in aller Form. Wenn wir den verstorbenen Wedeking heute als Zeugen vor Gericht zitieren könnten, er würde nicht deutlicher zu Gunsten unseres Anspruches aussagen können, als es hier aus diesem Blatte geschieht." ' „So meine ich auch, Bernhard! Glaubst Tu jetzt daran, daß Dietrich von Restorps Erben den Prozeß gewinnen werden?" . c _ r „Und ob ich daran glaube! — Aber freilich — das Datum des Briefes — auf das Datum wird am Ende alles ankommen." „Er trägt das Datum desselben Tages, an dem nach Deinen Aufzeichnungen Julius Wedeking vom Schlage getroffen wurde und starb." „Dann ist es entschieden! Denn daraus erklärt es sich zur Genüge, weshalb die hier erwähnte Aenderung im Grundbuch nicht erfolgt ist. Aber es ist ein Wunder ein offenbares Wunder! Sage mir Hanna: wo hast Tu den unschätzbaren Brief gesunden?" „Hier in diesem Bündel. Ich, begreife nicht, daß er der Aufmerksamkeit Inges hat entgehen können. Gar zu sorgfältig scheint sie bei ihren Nachforschungen doch nicht verfahren zu fein." Sie legte ein Päckchen von Papieren, das sie bis dahin noch in der Hand gehalten, vor ihn auf den Tisch. Es waren Schriftstücke und Notizen der mannigfachsten Art, aber auch eine Anzahl von Briefen in der markanten und charakteristischen Handschrift Julius Wedckings befand sich unter ihnen. Ter Rechtsanwalt legte sie alle nebeneinander auf die Schreibtischplatte, um sie mit dem inhaltsschweren Dokument zu vergleichen. Und er empfand offenbar eine fast kindliche Freude an der zweifellosen Ueber- einstimmung aller äußeren Merkmale. „Es ist dasselbe Briefpapier — da, sieh selbst, Hanna! Tie vorgedruckte Firma, die eigentümliche Liniierung, das. Wasserzeichen — alles haargenau dasselbe! Ten möchte ich sehen, der da noch an der Echtheit unseres Beweisdokumentes zweifeln könnte?" „Ja, glaubst Du denn, daß man es als eine Fälschung verdächtigen könnte?" „Man wird es natürlich nicht ohne weiteres anerkennen. Wo Millionen auf dem Spiele stehen, wie es hier der Fall ist, giebt man sich nicht so leicht besiegt. Man wird die späte und zufällige Auffindung des Briefes als einen bedenklichen Umstand bezeichnen, wird seine Untersuchung durch Schreibsachverständige und andere kluge Leute verlangen, und die Gerichte werden selbstverständlich allen derartigen Anträgen stattgeben. Wir aber können dem Ergebnis in aller Gemütsruhe entgegensehen; denn da die Papiere sich seit Dietrich von Restorps Tode im Gewahrsam seines Bruders befanden und aus seinen Händen unmittelbar in die meinigen übergegangen sind —" „Ist jede Möglichkeit eines Betruges ausgeschlossen — natürlich! Aber wenn wirklich alles das geschieht, was Tu da eben in Aussicht stellst, so kann sich ja trotz dieses überzeugenden Beweisstückes der Prozeß immerhin in die Länge ziehen." , , „Daraus müssen wir uns gefaßt machen, liebe Hanna! Es sei denn — daß auch unser Gegner irgend welches Interesse an einer raschen Entscheidung hätte." 283 „Ich denke es mir ganz hübsch, ihn zum Manne zu haben!" „O — und das ist alles? Glaubst Tu wirklich, daß es genug sei zu einem Bunde für das ganze Leben?" „Ich denke — ja." „Nun, so bleibt mir Wohl nichts anderes übrig, als Dir und ihm vom Herzen alles Glück der Erde zu wünschen. Einen ehrlicheren und treueren Gefährten als er es Dir sein wird, hättest Tu wahrlich nicht finden können, Hanna!" (Fortsetzung folgt.) Das Brillen der Vögel. Von F. Clemens. (Nachdruck verboten.) Wenn der holde Wai die Zweige der Bäume und Hecken, die wie durchsichtige feine Gespinnste herabhängen, mit zartem Grün überzieht, wenn die Sonne einen Blütenteppich! auf den Fluren hervorzaubert und der Himmel der Erde den keuschen Brautkuß giebt, als welchen der Dichter den Wonnemonat so sinnig empfindet, so erschallt aus Wald und Feld der Jubelsang der lieblichen Sänger. Tie Lerche, hoch im blauen Raum verloren, schmettert ihre Triumphhymnen, die Nachtigall flötet aus der Hecke, die Amsel ruft aus dem Garten, der lustige Fink vom Blütenbaum. Während aber die Vogelmännchen uns mit ihren fröhlichen, schmelzenden, süßtönenden Melodien poetisch stimmen, liegen die kleinen zärtlichen Weibchen im traulichen Neste dem anstrengenden Brutgeschäfte ob; geduldig und treu hocken sie auf den zierlichen, schöngezeichineten Eiern und bieten mutig den Feinden Trotz, welche zu frevelhafter Störung herannahen. Der Anblick eines brütenden Vogels ist eins der lieblichsten Naturbilder. Nicht allen Menschen ist solcher freilich! vergönnt; denn die intelligenten Waldsänger verstehen es, die Wiegen jhrer Kinder den zudringlichen Blicken der Neugier zu entziehen, ein gar geübtes Äuge und eine nicht geringe Kenntnis der Lebensgewohnheiten, sowie ein tiefes, vor Dornen und Hindernissen nicht ohne weiteres zurückschreckendes Eindringen in die Geheimnisse der Hecken und Waldungen ist in den meisten Fällen erforderlich!. Oft hab' ich! mich! im Winter, wenn Sturm und Kälte Bäume und Gesträuch! entlaubt haben, über die zahlreichen Nester gewundert, die ich an Stellen fand, an denen ich während der schönen Jahreszeit hundert Mal vorübergegangen, ohne ohne auch nur eine Ahnung vom Dasein der klugen Tiere zu hegen. Noch mehr bekundet sich die schlaue Vorsicht derselben jedoch in der Wahl des ersten Nistplatzes im April, wo den Bäumen und Hecken noch das schützende, bergende Grün fehlt. Man sollte meinen, diese Nester müßten jedem suchenden Auge zur Beute fallen, und doch entziehen sie sich den Blicken fast besser, als die für die späteren Bruten bestimmten, die der Vogel, dem deckenden Blättertzickicht vertrauend, mit weniger Vorsicht anlegt. Für die April- brnt dagegen wählt das Tierchen den Ort so geschickt, daß wir vielleicht tagtäglich vorbeischreiten und ihn nicht wahrnehmen — umsoweniger, als die Nestbesitzer bei dem Aus- und Einfliegen die größte Vorsicht und Scheu an den Tag legen, und das Männchen selbst seinen Gesang von einem andern Platze aus erschallen läßt, der den Verdacht nicht auf die Niststätte hinlenkt. Ist es uns aber doch gelungen, ein Nest mit einem brütenden Weibchen zu finden, so bewundern wir den Mut des Vogels, der uns ruhig nahe kommen läßt, während er sonst so scheu jede Annäherung vermeidet. Erst tnt letzten Augenblicke fliegt er mit ängstlichem Gekreisch! davon. Indessen dürfte es ntcht Mut allein sein, was den Vogel zu diesem Verhalten veranlaßt. Tie Vorsicht hat daran sicher ebensoviel Teil. Der Vogel weiß noch nicht, daß sein Nest entdeckt ist, er hofft bis zum letzten Augenblick, der Suchende werde das gut verborgene nicht finden, und unverrichteter Sache abziehen. Durch, vorzeitiges Auffliegen würde er ja gerade herbeiführen, was er vermeiden will, er würde die Aufmerksamkeit des Suchenden erwecken. Daher trotzt er, im Vertrauen auf seine Flugkraft, die ihn selbst ja vollkommen sichert, der Gefahr, und es gelingt ihm, sie auf diese Weise in den meisten Fällen abzuwenden. Weiter kommt auch der Brütezustand an sich in Betracht. T!er Brüteakt beim Vogel ist kein freiwilliger, er ist der Ausfluß eines Naturtriebes, bei dessen Ausübung in kemer Weise von einer Liebe zur Nachkommenschaft in dem Sinne die Rede ist, in welchem wir das Wort Liebe gewöhnlich deuten; denn das Vogelweibchen brütet, wenn man seine Eier durch andere runde Gegenstände ersetzt, ebenso ruhig auf diesen, und kennt weder seine eigenen Eier noch deren Zahl, so wenig wie es eine Wahrnehmung davon hat, wenn ihm ein Junges genommen wird. Unter fünf jungen Kanarienvögeln, die ich besaß, befand sich ein in dev Enttvickelung zurückgebliebenes Tierchen. Obwohl es im Neste von den Alten gefüttert wurde, gleich! seinen Geschwistern, blieb es doch unansehnlich und fast nackend, während die andern sich! mit einem schönen Federgewand bedeckten. Trotzdem ließ sich die kleine Mißgeburt es nicht nehmen, am 18. Tage mit den übrigen auszuflregen. Tie Entwickelung seines kleinen Gehirns war jedenfalls bis zu dem Akte des Nestverlassens vorgeschritten, die körperliche Unfähigkeit blieb ohne Einfluß. Natürlich- plumpste es auf den Boden des Raumes herab, trotzdem wiederholte es den Versuch, als ich es ins Nest zurück-, versetzte, mehrmals; ich mußte es schließlich gewahren lassen. Ta stellte es sich! denn heraus, daß die Alten ibr eigenes Fleisch und Blut gar nicht mehr kannten; während sie die anderen eifrig fütterten, sperrte der Arme vergeblich den Schnabel auf; fremd starrten sie ihn an; und schienen ihn gar nicht für ihresgleichen anzusehen. Ich mußte den Hungernden selbst speisen, wenn er nicht verkommen sollte, leider rettete ihm auch dies das Leben nur um wenige Tage, trotz aller Fürsorge und Mühe. Der Vogel übt mit dem Brüten also einen Akt der Notwendigkeit aus, dem er sich unter normalen Verhältnissen nicht zu entziehen vermag, er muß ebenso brüten, wie er Eier legen muß, nachdem diese Thätigkeit einmal, ausgelöst ist. Aus welche Weise die physischen Veränderungen, welche der Brütezustand im Organismus des Vogels hervorbringt, zustande kommen, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Tie hauptsächlichste Physische Wirkung besteht jedenfalls in starkem Blutandrang nach dem Unterleibe, wodurch die hohe Wärme entsteht, welche der hauptsächlichste Zweck des ganzen Aktes genannt werden inuß; denn die Wärme wesentlich allein ist es, welche die Entwickelung der Eier bedingt, wie das Beispiel der Wallnister, und die künstlichen Brutöfen beweisen. Der brütende Vogel gerät also in einen förmlich fieberhaften, beinahe krankhaften Zustand, welcher vielleicht nicht wenig zur Herbeiführung des geduldigen Ausharrens im Neste beiträgt. Wird er plötzlich verscheucht, so befindet er sich manchmal förmlich, in einem Verwirrungsstadium, er hockt wie krank am Boden, und starrt wie betrunken um sich. Erst nach einer Weile scheint seine Besinnung zurückzukehren, und er beeilt sich dann, seinen Platz im Neste wieder einzunehmen. Ob auch, eine Art Genuß mit dem Brüteakt verbunden ist, wage ich nicht zu entscheiden. Fast möchte man es annehmen, wenn man den Brüteeifer des Weibchens bedenkt. Es gönnt sich kaum Heit, Nahrung einzunehmen, und die Anhänglichkeit an seine Eier oder Jungen ist so groß, daß es manchmal freiwillig in die Gefangenschaft folgt. Wenn uns eine solche Treue an sich rührend und erhaben dünkt, so dürfen wir doch auch nicht übersehen, daß der Vogelhahn, der eben noch die im Neste befindlichen Jungen zärtlich hat füttern helfen, einen oder zwei Tage später, wie ich es in der Kanarienhecke so häufig beobachtet habe,' über die aus geflogen en Hähnchen eifersüchtig herfällt, sie wütend hackt und zerzaust, und auch das Weibchen seine Jungen nicht mehr kennt, wie diese die Mutter nicht, sobald beide Teile einander nicht mehr nötig haben. Hier sind große Mätsel und Widersprüche vorhanden, deren Lösung wohl sobald nicht gelingen wird. Bei einzelnen Vogelarten brüten die Männchen allein, bei anderen wieder sind die Männchen die erbittertsten Feinde ihrer Brut. Für gewöhnlich besorgt jedoch das Weibchen das Brutgeschäft, und wird nur vom Männchen zeitweise abgelöst. Doch geschieht letzteres nur selten, und meist nnr für so viel Zeit, als zur Nahrungsaufnahme erforderlich! ist, während welcher das Weibchen das Männchen 284 oft noch mißtrauisch beobachtet. Die AG der Mer betrügt von 1 bis 24, das Gewöhnliche sind betett 4 bis 5. Die Farbe wechselt nach der Stelle des NesteS, Höhlenbrüter bringen meist weiße ober einfarbige Mer hervor; die in offene Nester gelegten Mer sind getüpfelt. Die Mer mancher Vogelarten sind von geradezu wunderbarer Zeichnung und Färbung, Die zur Entwickelung der Mer erforderliche Zeit ist sehr verschieden, sie schwankt nach der Größe des Vogels und der Mer selbst, auch die mehr oder mindere Wärme des Nestes dürfte nicht ohne Einfluß sein. Ein Strauß braucht 50 bis 60 Tage, ein kleiner Singvogel nur deren 11 bis 13. Die Brutwarme beträgt zwischen 37 bis 40 Grad Celsius, sie ist am Anfang des Brütens geringer, und steigert sich allmählich, bis fte in den ersten Tagen nach! dem Ausschlüpfen der Jungen ihren höchsten Grad erreicht. Die Erkaltung der bereits angebrüteten Eier ist in der ersten Zeit nicht so leicht zu befürchten; meine Vögel blieben oft so lange von ihrem Gelege fort, daß ich bestimmt fürchtete, die Keimlinge seien getötet, und doch war es nicht der Fall. Auch die jungen Vögel halten mehr aus, als man denkt. In einer bitterkalten Märznacht hatte mein bereits aus etwa zwei Tage alten Jungen sitzendes Kanarienweibchen infolge einer Störung das Nest verlassen, und sich vermutlich nicht wieder dahin zurückgesunden; früh fand ich zu meinem Schrecken die Mutter verstört in einem anderen Nistkasten, auS dem sie wahrscheinlich! den Ausweg im Finstern nicht zu finden vermochte, und die fünf Jungen eiskalt und starr. Natürlich gab ich jede Hoffnung aus. Plötzlich kehrte aber das Weibchen zu seinem Neste zurück, eS schien auch! Kenntnis vom Zustande der Brut zu nehmen, ja, es verharrte während längerer Zeit, es mochte wohl eine halbe Stunde sein, in sonderbar vibrierender leiser Bewegung aus den Jungen, die ich mir nur so zu deuten vermag, daß das Tierchen die Brutwärme auf diese Weise zu vermehren strebte, oder hierin das Mittel zur Steigerung der Nestwärme, beziehungsweise de» eigenen Körperwärme, besaß. In der That befanden sich nach etwa einer Stunde die Jungen bis auf eines, das nicht mehr gerettet werden konnte, munter und wohl, und gediehen vorzüglich. Sehen wir doch auch die brütenden Weibchen die Brutwärme auf andere Weise regeln, indem sie die zu warmen Mer verlassen oder wenden, ober den Platz der einzelnen Der- ändern. Bewundernswert und rührend zugleich! wirkt auch die Vorsicht, mit welcher der brütende Vogel sein Nest verläßt, um die Eier nicht zu verletzen, oder die Vorsicht, die er bei der Rückkehr in dasselbe anwendet. Tie Wärme ist zwar die Hauptsach!e bei dem Brüteakt, ihut's aber nicht allein, wie man sich bei den srüher angestellten mißlungenen Versuchen der künstlichen Bebrütung überzeugt hat. Ten Mern muß nämlich frische Lust zugeführt werden, da die im Innern befindlichen Keimlinge den Sauerstoff zu ihrer Entwickelung bedürfen. In China und Aegypten kannte man die künstliche Aus- brütung schon in alter Zeit, man bediente sich dazu aus Lehm hergestellter Kammern, in welchen die Mer auf Stroh am Boden lagen, und alle sechs Stunden gewendet wurden. Die Heizung geschah durch in die Mde hineingebaute Ziegelsteinöfen. Tie alten Aegypter sollen aus diese Weise jährlich gegen 100 Millionen junger Hühner erzielt haben. MiniuS, welchem wir obige Nachricht verdanken, berichtet ferner, daß Julia Augusta, die Gemahlin des Tiberius, tn ihrem Busen Eier ausgebrütet habe — eine Beschäftigung, für welche sich heutzutage wohl kaum viele Liebhaberinnen finden dürften. Wir haben die Sache mit unseren gut funktionierenden Brutöfen jetzt bequemer. Die Brutpflege ist übrigens nicht das alleinige Vorrecht der Vögel, sie kommt auch bei anderen Tieren vor, wenn sie auch! nicht dieselbe Form annimmt. Die Wolfsspinnen z. B. tragen ihre Mer in einem gesponnenen Sacke am Hinterleibe, manche Krebstiere und Frösche in besonderen Taschen, Schlangen legen ihre Eier in Sand oder Mist, die Schildkröten graben Löcher in den Boden, die sie wieder zudecken, nachdem sie ihre Mer hineingelegt. Unter den Vögeln giebt eine Hühnerfamilie, die der Wall- Nister, das Beispiel einer künstlichen Ausbrütung. Die Wall- ttiftet brüten nämlich ihre Mer nicht selbst, sondern verscharren dieselben in von ihnen selbst angelegte hügek- örmigen Anhäufungen von Mde, Schlamm, Sand, Pflanzen- und Tierresten, alles andere der durch Gärung organischer Stoffe bereiteten Wärme überlassend. Andere Arten der Familie graben in vulkanischen Gegenden oder am Meeres- trand Löcher in den heißen Sand, und bringen in diesem die Mer unter. Die Entstehung der Brutpflege erklärt Dr. Wilh. Haacke in seiner „Schöpfung der Tierwelt" aus folgende Weise: „Mne eigentliche Brutpflege ist erst dadurch entstanden, daß die Eier längere Zeit in der Mutter verweilten. Die älteste Art der Brutpflege ist die innere, zu welcher erst päter die äußere gekommen ist. Letztere ist entweder da- durch! zu stände gekommen, daß die Eltern sich! der neugeborenen Jungen, ober der von den Weibchen abgelegten Mer annahmen. Ost scheint es indessen nicht die Mutter, sondern der Vater ober ein anderes Männchen gewesen zu sein, das die Sorge für die Mer ober bte Brut übernahm. Das erscheint sehr merkwürdig, ist aber verständlicher als die Entstehung der vorher nicht vorhandenen Liebe der Weibchen zu Eier und Brut. ... Es scheint, daß der von den Mern ausgehende und dem des Weibchens ähnliche Duft bei den Männchen ein angenehmes Gefühl hervorgerufen, und sie veranlaßt hat, die Mer an sich zu nehmen, sodaß also die Ursache der männlichen Brutpflege durch den Geschlechtstrieb zu erklären ist. Das Männchen gewöhnte sich! daran, die Eier mit sich! herumzutragen ober zu bewachen. Die Gewöhnung würbe zum erblichen Instinkt, unb würbe so auch auf die Weibchen vererbt, wodurch sich allmählich! die vollkommene Art der Brutpflege entwickelte, wie wir sie bei den höher entwickelten Tieren finden. Daß es vielfach! das Männchen ist, welches ursprünglich! die Brutpflege übernahm, dafür spricht nach Haacke die Thatsache, daß bei vielen auf niederer Entwickelungsstufe stehenden Tieren das Männchen noch heute die Brutpflege ausübt. Das nestbauende Stichling-Männchen ist ein Beweis dafür. Auch bei den oben erwähnten Wallnistern sind es die Männchen, welche die Bruthaufen aulegen, die Hügel bewachen, und den Jungen beim Aus- schlüpfen behilflich sind. Und bei manchen Vögeln (z. B. den Nandus und Straußen) besorgen die Männchen noch heute das Brutgeschäft. KesundHeitspflege. Kalte Füße, die trotz guter Fußbekleidung nicht gebessert werden, sind durch geeignete Wasseranwendungen zu beseitigen. Hierzu eignet sich früh nach dem Aufstehen das warme Fußbad mit 32 Grad Reaumur und ein- viertelstündiger Dauer mit nachfolgender 20 grätiger Abreibung der Füße und Beine. Ein halbstündiges Nachruhen mit gut eingehüllten Füßen ist zu empfehlen. Tagsüber trage man genügend weites Schuhwerk, damit sich die Füße mitbewegen können. Am Abend macht man kurz vor dem Schlafengehen eine 20 grädige Abreibung der Füße und Beine, und trocknet letztere ab. Barfußgehen im Sommer, überhaupt ausgiebige Bewegung der Füße unterstützt das Verfahren, S. „Prakfischer Wegweiser", Würzburg. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbenversteckrätsels in voriger Nummer: Telegraphie ohne Draht. Mten: »urktzardt. — Start «* »erlag der «rShl'schev UntverfitilS-vuch- »ud «Ntatarterri (Pietsch Erdei,) in Eiet«.