(Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Doktor Volkmar, der zwei Tage später von seiner sommerlichen Erholungsreise zurückkehrte, war geradezu entsetzt über das schlechte Aussehen Irnbergs. Er zweifelte nicht, daß die hochgradige körperliche und seelische Abspannung, die er an dem sonst so kraftvollen und elastischen Freunde wahrnehmen mußte, in irgend einen Zusammenhang mit seinen unsinnigen Heiratsabsichten zu bringen sei; aber wie er es bisher vermieden hatte, auf den Gegenstand zurückzukommen, so that er auch fetzt keine Frage. Mit aller Entschiedenheit bestand er nur darauf, daß Rudolf etwas zur Kräftigung seiner Gesundheit thue, was ja um so leichter zu ermöglichen war, als fast noch die Hälfte der Gerichtsferien vor ihnen lag, und die kleine Zahl der Feriensachen ohne Mühe von Volkmar selbst bearbeitet werden konnte. Er hatte gefürchtet, daß Jmberg seinem Andrängen hartnäckigen Widerstand entgegensetzen würde, aber er sah zu seiner Freude, daß diese Besorgnis eine grundlose gewesen war. Zwar erklärte der junge Rechtsanwalt zuerst, daß er keine Erholung brauche und daß er sich's überlegen wolle, doch! schon am nächsten Morgen sagte er: „Du hast recht — es wird mir gut thun, wenn ich auf ein paar Wochen fortgehe. Von besonderer Reisesehnsucht freilich verspüre ich herzlich wenig, aber das Vergnügen an der Sache stellt sich vielleicht ein, wenn ich erst einmal unterwegs 6m." Doktor Volkmar verhehlte die Genugthuung nicht, die er über die vernünftige Nachgiebigkeit seines in manchen anderen Dingen so eigensinnigen Mitarbeiters empfand. „Und hast Du Dich auch über das Ziel Deiner Ferienfahrt schon schlüssig gemacht?" fragte er. Rudolf Jmberg verneinte. „Es ist mir vollkommen gleichgiltig, wohin ich gehe. Du bist ja ein vielgereister Mann, vielleicht kannst Du mir einen Rat geben." „Mehr als das, mein Junge. Ich! werde mir sogar herausnehmen, ein wenig Vorsehung für Dich zu fpielen. Geh nur nach Hause, Deinen Koffer zu packen. Ich werde Dir heute abend das fertig zusammengestellte Rundreise- I® Z 1901. fie Menschen sollen sich einander bei den Händen fassen und nicht nur gut sein, sondern auch froh. Die Freude ist der Sommer, der die inneren Früchte färbt und schmilzt. I. Paul. billet bringen, und am Ende ist es ja früh genug, wenn Du alsdann erfährst, welche Sommerfrische ich! für Dich ausgewählt habe." Rudolf hatte nichts gegen diese etwas eigenmächtige Erledigung einzuwenden. Er zeigte weder Mißvergnügen noch freudige Ueberrafchging, als er am Abend erfuhr, daß er über München und Innsbruck in die Tiroler Berge fahren solle. „Natürlich treibe tcty die Bevormundung nicht so weit, daß ich! Dir für die ganze Dauer Deiner Reise einen bestimmten Aufenthalt vorgeschrieben hatte", sagte Volkmar, „aber ich denke, der Ort, wo ich heute Wohnung für Dicht bestellt habe, ist wie für Dich geschaffen. Nicht zu einsam und nicht zu sehr von Touristen und Sommerfrischlern überfüllt, nicht zu primitiv und nicht zu elegant, mitten in herrlicher landschaftlicher Umgebung. Gefällt er Dir aber nicht, kannst Du ja Deinen Stab zu jeder Stunde ganz nach Belieben weitersetzen." Rudolf dankte ihm für seine freundschaftliche Fürsorge, und ehe er ihm am nächsten Morgen auf dem Bahnhof zum letzten Male die Hand drückte, sagte er: „Tu wirst Dich inzwischen hier und da über das Ergehen der Frau Willisen und ihrer Tochter unterrichten, nicht wahr? Natürlich so zart und diskret als möglich, und vor allem so, daß sie nicht in mir die Veranlassung dazu erblicken können." „Soll bestens besorgt werden, obwohl mich! der Auftrag einigermaßen wunder nimmt. Wirst Du denn während Deiner Abwesenheit nicht mit ihnen korrespondieren?" „Nein. Und damit es nicht etwa zu peinlichen Miß-- verständnissen kommt, so erkläre ich Dir: Ich werde Fräulein Willisen nicht heiraten." „Nicht? Na, ich wußte es ja, daß Du noch rechtzeitig zur Vernunft--" „Vergieb, wenn ich Dich- unterbreche. Ich werde fie nicht heiraten, weil sie vor einigen Tagen meinen Antrag rundweg zurückgewiesen hat." „Zurückgewiesen? Ist es mögliche? Und mit welcher Begründung?" „Mit der, die ich verdient hatte. Ich meinte, sie nicht belügen zu dürfen, indem ich ihr eine leidenschaftliche Zuneigung vorheuchelte, und sie ist zu stolz, sich einem Manne zu geben, der ihrer Ueberzeugung nach nur aus Mitleid um sie wirbt." „Ein seltsames Mädchen — wahrhaftig! Aber jedenfalls ist es so am besten für Dich wie für sie. Sei versichert, daß ich ein wachsames Auge auf das Schicksal der beiden Frauen haben werde." „Ich danke Dir. Und noch eins: Mein Vater ist ein alter Mann — es kann ihm etwas Menschliches zustoßen, und wie wir miteinander stehen, würde er mich vielleicht nicht einmal davon in Kenntnis setzen lassen, wenn er 466 erkrankte. Du wirst Dich deshalb auch um ihn ein wenig kümmern müssen." „Gewiß, Du kannst darauf rechnen. — Und nun — glückliche Reise, mein Junge! Kehre mir mit roten Backen und mit blanken Augen zurück. Die leidigen Grillen aber wirf in den tiefstein Slbgrund, an dem Dein Weg Dich vorüberführt." Die Räder setzten sich in Bewegung, und Rudolf Irnberg lehnte sich mit geschlossenen Augen tief in die Polster, um jedem lästigen Annäherungsversuch seiner Reisegefährten von vornherein vorzubeugen. Es war des Lobes nicht zu viel gewesen, das Doktor Volkmar dem herrlich gelegenen Tiroler Luftkurort gespendet hatte. Etwas stiller und naturwüchsiger freilich hätte sich Rudolf Jmberg seine Umgebung wohl gewünscht. Es waren für seinen Geschmack zu viele Sommergäste in theatralisch zurechtgestutzter Gebirgstracht da, und in dem großen Hotel, aus dem er sich schon am ersten Tage in eine der abgelegenen kleinen Pensionen geflüchtet hatte, ging es ihm zu weltstädtisch vornehm und geräuschvoll zu.' Er war fest entschlossen, keine Bekanntschaften anzuknüpfen, und die erste Woche seines Aufenthalts war fast schon vorüber, ohne daß er diesem Vorhaben hätte untreu werden müssen. Freilich war er in dieser ganzen Zeit jeder Berührung mit anderen Touristen beinahe ängstliche ausgewichen und hatte für seine Spaziergänge stets nur solche Wege gewählt, von denen er wahrnahm, daß sie sich bei den übrigen geringerer Beliebtheit erfreuten. Die wohlthätige Wirkung auf seinen Gemütszustand aber, die er von der Einsamkeit erhofft, hatte sich bisher nicht gezeigt. Margarete Willisens Schicksal beschäftigte fast unausgesetzt seine Gedanken, und je gewisser alle seine Grübeleien mit der Erkenntnis enden mußten, daß dieses Schicksal jetzt, nachdem sie ihre Strafe verbüßt hatte, als ein unabänderliches anzusehen sei, desto trübseliger war die Stimmung, die sie ihm hinterließen. Die Beschaffenheit der Wege in der Umgebung des Kurortes und ein vortreffliche ausgebildeter Ortssinn gestatteten Rudolf, seine Ausflüge ziemlich weit auszudehnen, ohne daß er sich durch die meist recht unerfreuliche Gesellschaft eines Führers gegen die Gefahr des Verirrens hätte sichern müssen. Auch! wenn er einmal unversehens etwas höher in die Berge hinaufgeraten war oder sich in irgend ein pfadloses Seitenthal gewagt hatte, war er doch vor Eintritt der Dunkelheit stets wieder auf bekannter Straße gewesen, oder ein Blick in die mitgesührtr Karte hatte ihn rasch orientiert. Eines Abends am Ende der ersten Woche aber mußte er zu seiner unangenehmen Ueberraschung inne werden, daß er bei dem Eindringen in eine verlockende Waldwildnis doch etwas zu leichtfertig gewesen war. Der schmale, selbst für seine scharfen Augen an vielen Stellen kaum erkennbare Birschpfad, den er seit dem Beginn der Dämmerung thalwärts verfolgt hatte, in der sicheren Erwartung, auf ihm endlich an einen richtigen Weg zu gelangen, hörte plötzlich, vor einer steilen Geröllhalde auf, die er nur mit äußerster Lebensgefahr hätte passieren können. Und während er noch unschlüssig dastand, nahm die Dunkelheit so schnell zu, daß seine Hoffnung, sich in der unwegsamen Einsamkeit zurechtzufinden, von Minute zu Minute eine geringere werden mußte. Er wußte, daß er nicht mehr weit von seinem Standquartier entfernt war, aber es gab hier ringsumher der schroffen Felsabstürze so viele, daß ein einziger unglücklicher Schritt, wie er ja in der Finsternis nur zu leicht möglich war, ihm zum Verderben gereichen konnte. Darum machte er sich bereits halb und halb darauf gefaßt, die Nacht hier oben irrt Bergwalde zuzubringen — eine Aussicht, die immerhin so wenig verlockend war, daß er auf die schwache Möglichkeit hin, die Aufmerksamkeit eines in der Nähe befindlichen menschlichen Wesens zu erregen, zunächst doch noch einige kräftige Juchzer erschallen ließ. Wie er es nicht anders erwartet hatte, verhallten die ersten von ihnen, ohne eine Antwort zu finden- Dann aber fühlte er sich um so freudiger überrascht, als eine hell und jugendlich klingende Stimme, ohne allen Zweifel die Stimme eines weiblichen Wesens, seinen Ruf zurückgab. Er wiederholte ihn, und jetzt ertönte aus dem Walde oberhalb seines Standorts, offenbar nur um ein Geringes von ihm entfernt, ein so glockenreiner Jodler, daß er über dem Vergnügen, ihm zu lauschen, seine unbehagliche Lage beinahe ganz vergessen hatte. Zum Glück jedoch erinnerte er sich ihrer noch früh genug, um die unsichtbare Sängerin nicht erst wieder aus dem Bereich seiner Stimme entschwinden zu lassen. „Ich habe den Weg verloren", rief er hinauf. „Möchten Sie mich nicht aus Menschenfreundlichkeit zurechtweisen?" Eine halbe Minute lang blieb es still, dann fragte es fast unmittelbar über ihm wie eine Stimme vom Himmel: „Wollen Sie ins Dorf hinunter? Und auf dem kürzesten Wege?" Er sah hinauf. Es war eben noch hell genug, daß er die obere Hälfte einer schlanken Mädchengestalt erspähen konnte, die sich, seiner Meinung nach etwas tollkühn, über den Rand eines klippenartig vorspringenden Felsabhanges bog. — , „Das möchte ich allerdings. Aber ich bitte Sie um des Himmels willen, mein Fräulein, seien Sie vorsichtig — Sie können ja abstürzen." Ein helles, übermütiges Lachen bewies ihm, daß die Gewarnte seine Besorgnis sehr belustigend fand. „Ich nicht, mein Herr! Sie aber befinden sich in der That bereits auf dem kürzesten Wege in das Dorf. Nur noch ein paar Dutzend Schritte nach rechts, und Sie können einfach hinunterspringen. Dafür, daß Sie mit heilen Gliedern unten anlangen werden, möchte ich freilich keine Bürgschaft übernehmen." „Ich danke für die freundliche Auskunft, aber ich würde unter solchen Umständen doch einen anderen Weg vorziehen, selbst wenn er etwas länger sein sollte." „Nun, so bleiben Sie noch ein paar Minuten lang da, wo Sie sind. Ich will hinabsteigen, um Sie zu führen; denn allein fänden Sie sich trotz aller Zurechtweisungen doch wohl schwerlich da heraus." Rudolf hörte das Knacken von Zweigen, und das Herabrollen der kleinen Steine, die unter springenden Menschenfüßen wegglitten. Jir viel kürzerer Zeit, als er es für möglich gehalten hätte, stand die unbekannte Helferin in der Not lebhaft atmend an seiner Seite. „Sehen Sie mich nicht an", sagte sie lachend; „denn ich glaube, ein abscheulicher Ast hat mir ein großes Loch in den Rock gerissen. Aber Sie müssen wahrhaftig ein sehr ungeübter Gebirgswanderer sein, mein Herr, wenn Sie gerade an diese Stelle geraten konnten. Eine größere Auswahl von bequemen Möglichkeiten, sich auf die eine oder die andere Weise den Hals zu brechen, hätten Sie schwerlich irgendwo hier in der Nähe gefunden." Der Klang ihrer Stimme, und die Umrisse ihrer Gestalt hatten ihm ja schon vorhin verraten, daß sie noch jung sein müsse. Diese Vermutung fand er jetzt bestätigt. Sie trug, wie er trotz der bereits herrschenden Dämmerung noch wahrzunehmen vermochte, das übliche Kostüm einer Bergsteigerin, ein schlichtes, knappanschließendes Lodenkleid, das nur bis zu den zierlichen Knöcheln reichte, und ein allerliebstes, kokettes Tirolerhütchen mit nickender Spiel- hahnfeder. Die kleinen Hände vermochten kaum den dicken Bergstock zu umspannen, auf dem sie sich jetzt in ungesucht anmutiger Haltung stützte. Ihre Züge konnte er nicht mehr genau unterscheiden, aber er glaubte sie lächeln zu sehen; denn der Klang ihrer Stimme verriet, daß sie die hilflose Not des Fremden, dem sie als Führerin zu dienen gewillt war, von der humoristischen Seite nahm. „Jcki bin allerdings zum ersten Mal in den Alpen", erwiderte er etwas verlegen. „Aber nie würde ich mir meine Unbedachtsamkeit verzeihen können, wenn ich denken müßte, daß Sie, mein Fräulein, sich jetzt meinetwegen in Unbequemlichkeiten oder gar in Gefahr begeben haben." „Ja, ich konnte Sie doch nicht einfach Ihrem Schicksal überlassen! Und außerdem brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen. Ich kenne hier jeden Stein und ich habe schon ganz andere Kletter- und Rutschpartien gemacht, als diese da. Halten Sie sich jetzt nur dicht hinter mir, dann bringe ich uns beide schon unversehrt hinunter." Er that, wie sie ihn geheißen. Aber trotz seiner turnerischen Gewandtheit wurde es ihm keineswegs so 467 leicht, wie sie es vorauszusetzen Men. Nicht nur ihre bessere Hebung, und ihre genauere Kenntnis des Geländes, sondern vor allem ihre Geschmeidigkeit gaben ihr bei dieser mühseligen Wanderung eine Heberlegenheit, die ihn mit wachsender Bewunderung erfüllte. Das unvermutete Abenteuer wollte ihm von Minute zu Minute reizvoller erscheinen. Die Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hatten, und die ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch! nahmen, verboten zunächst jede Unterhaltung. Nur hie und da sah sich die junge Führerin flüchtig nach ihrem Schützling nm, weil sie ihm irgend eine Warnung ober auch ein lustiges Wort der Ermutigung zuzurufen hatte. Plötzlich aber, vor einer weit überhängenden Gesteinsmasse, wo nach Rudolfs Heberzeugung jedes Weiterkommen unmöglich gemacht war, blieb sie' stehen. „Das ist die unangenehmste Stelle", erklärte sie, „aber wenn wir sie hinter uns haben, sind wir auch auf gebahntem Wege. Wir müssen ein paar Schritte hinab, und dann unter der überhängenden Wand an dem Felsen entlang. Sind Sie schwindelig?" „Ich denke nein! Eine stichhaltige Probe freilich habe ich bisher nicht darauf gemacht." „So geben Sie mir Ihre Hand, und fürchten Sie sich nicht. Ich bin stärker als ich aussehe. So — hier hinunter! Hub nun drehen Sie Ihr Gesicht nach! dem Felsen, und vertrauen Sie sich ganz meiner Führung. Setzen Sie ruhig einen Fuß vor den anderen — es kann Ihnen wirklich nichts passieren." (Fortsetzung folgt.) Der Herr Direktor. Eine lustige Geschichte von Alwin Römer. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Es dauerte auch nicht lange, so wurden Herrn Emanuel Grasmüller, der sich vor ein paar Minuten im „Bären" eingefunden hatte, die Zeichen des Friedens in Gestalt einer höchst appetitlichen Schinkenstulle, sowie eines' schäumenden Kruges Bier vorgesetzt. „Herr Mahlmann kommt bald!" erklärte der Kellner und drückte sich wieder nach der Kutfcherstube hinüber, in der Herr Theobald Lickefett mit knurrendem Magen Vortrag über alle die Genüsse hielt, die den Lachnitzern demnächst bevorstanden. „Was fällt denn dem Menschen ein?" dachte Grasmüller. „Ich habe doch gar nichts bestellt!" Hnd so ließ er die Friedensgaben unberührt, obwohl ihm der Schinken verführerisch in die Nase duftete. Tapfer vertiefte er sich in das Lachnitzer Tageblatt, das auf .dem Tische lag, und studierte die Anzeigen über Matjesheringe, saure Gurken, möblierte Zimmer und Holzauktionen. „Na, Direktorchen, keinen Hunger?" störte ihn plötzlich eine gemütliche Baßstimme ans seinen Lokalinformationen auf. Das schien der Bärenwirt zu sein. Er schnellte empor, um sich porzustellen. Aber der joviale Gasthalter drückte ihn sofort wieder nieder. „Weih schon, weiß schon. Sie sind! der Direktor ans Dingsda und möchten hier gern . . ." „Allerdings!" erklärte Grasmüller verdutzt. Auf einen so freundlichen Empfang war er nicht vorbereitet. „Ganz so schlecht scheint's übrigens in Dingsda nicht gegangen zu fein!" meinte Mahlmann. „Ich, hatte Sie höllisch hungrig taxiert und deshalb . . - hm - -" „Aber erlauben Sie, Herr Mahlmann. . „Ach was, da ist gar nichts zu erlauben. Wer' nicht will, der hat schon ! Nehm' ich Ihnen gar nicht Wel! Im Gegenteil! Freue mich, daß Sie einen so guten Eindruck machen! Feiner Frack, neuer Klapphut, feine Wäsche! Sehr anständig! Wird Ihnen von vornherein Anhang machen! . . „Mein Gott, ich glaube der Kerl ist noch bezecht!" dachte Grasmüller und wischte sich den Schweiß ab, den Verlegenheit und Entrüstung auf seine Stirn getrieben. „Aber ich werde mich hüten und ihn reizen! Mag er reden, was er will!" „Wenn sich die Sache hier macht", fuhr der Bärenwirt fort, „so werden Sie hier ganz gute Einnahmen haben! Nur müssen Sie Ihre Bande ordentlich in Zucht halten, wissen Sie! Keine Liebschaften und so etwas! Bei Ihrem Vorgänger war's gräulich, sage ich Ihnen! Die DänichM immer mit den Herren vom Landgericht rc., bis das der Bürgerschaft denn doch zu arg wurde. Na, und da mußte er schließlich fort!" „Das kann bei mir nicht vorkommen!" beteuerte Emanuel. „Ich verstehe nicht, wie ein Direktor . . ." „Na, feien Sie nur fülle, Freundchen. Engel find's doch alle nicht!" „Engel allerdings nicht! Mer . . ." „Wir versteh'n uns! Wir versteh'n uns!" schmunzelte Sebastian. „Hnd nun noch eins: Was haben Sie für ein Programm? Schießen Sie mal los!" „Ein Programm?" fragte der Kandidat achselzuckend und innerlich empört über dies Ausfragen. „Ich neige zu der modernen Richtung. Hnd was ich kann, werden Sie morgen bei der Probe sehen!" „Morgen ist schon Probe? Aber das ist ja großartig! Und nun will ich Ihnen was sagen! Ich kenne nämlich! den Rummel besser, als Sie vielleicht ahnen! Zuerst machen wir ,Eine tolle Nacht!' Das zieht! Unbebingt! Damit haben Sie sofort gewonnen! Aber unf’re Jugend will doch auch was von Ihnen haben! Welche klassischen Dinge wollen Sie ihnen denn auftischen?" „Gräßlicher Mensch!" dachte der unglückliche Bewerber. Aber er bezwang sich noch einmal. „Wenn Sie das so interessiert", sagte er, „Wilhelm Tell!" „Ach, lassen Sie doch die olle Aeppelgeschichte weg, die kennen sie ja auswendig! „Nee, nee, wenn's denn schon mal was Klassisches sein soll, dann ,Götz von Berlichingen' oder ,Die Räuber'!" „Ich glaube kaum, daß sich das für höhere Töchter eignen dürfte!" erklärte Grasmüller und stand auf. Seine Geduld war erschöpft, sein Zorn zum Heberlaufen. Doch der Bärenwirt bemerkte davon nichts. „Hnsinn!" sagte er. „Gerade diese Zimperliesen müssen mal erkennen, was ehrliches Deutsch ist! Also 'ran mit den Räubern!" „Herr Mahlmann, so leid es mir thut, aber in solche Sachen lasse ich mir nicht hinein reden. Davon verstehen Sie genau so viel, wie ich vom Wein- oder Bieräbtzapfen!" entgegnete Grasmüller schneidend und griff nach' seinem Hut. „Heberhaupt muß ich Ihnen sagen, ob mir das bei Ihnen den Hals bricht oder nicht, eine solche Behandlung ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht widerfahren wie hier! Sie haben nicht nur . . ■ „Väterchen!" unterbrach ihn hier eine sehr angenehm klingende Stimme, die ihm merkwürdig bekannt vorkam. „Drüben ist. . ." In diesem Augenblick drehte er sich um und sah die Sprecherin an. Statt jeder Fortsetzung ihrer Einsprache Meß diese darauf einen merkbar freudigen Schrei des Erstaunens aus und wurde rot wie eine Blutnelke. „Nun, was ist?"' fragte unwirsch der Alte. „Ach, das ist ja der Herr Direktor, den wir voriges Jahr im Bade kennen gelernt haben, Mutter und ich! Erinnerst. Du Dich nicht mehr, Väterchen?" „Was? . . - der Dich immer so angeschmachtet hat? Ja?" „Aber, Vater!" „Schon gut, ich weiß Bescheid! Mach, daß Du hinaus- kommst!" Hnd als sie gegangen war, fuhr er fort: „So ein Kunde sind Sie also! Eine Frau unb vier Kinder, die nichts zu beißen haben und bann anftänbigen Mäbchen nachstellen unb die Köpfe Verbrehen! Haha! Darum vorhin: Das kann bei mir nicht Vorkommen! Alter Heuchler! Groß- protziger Komöbiant! Huverschämter Hallunke! Hinaus!" „Ich gehe!" sagte wutbebend Emanuel GrasMüller! „Aber wenn Sie nicht im Säuferwahn reden, so mag man mich ins Irrenhaus stecken!" Damit ging er. „Schurke!" schrie ihm Sebastian Mahlmann noch nach und ballte drohend die Fäuste. „Aber, Väterchen!" sagte ängstlich Anna, und an ihren geröteten Lidern hingen noch die Spuren eines eben vergossenen Thränleins. „Es war ein so netter Mensch!" „Hast Du Dir etwa mit ihm geschrieben?" „Er wußte ja gar nicht, woher wir waren. Gerade an — 468 dem Tage, wo wir. . hm. . kam Dein Telegramm, und wir mußten fort ohne Abschied!" „Dafür danke dem Himmel! Der Schuft hat eine Frau und vier Kinder, wie er mir heute morgen geschrieben hat! Wie konntet Ihr Euch überhaupt mit einem solchen Kerl einlassen! So ein Schmierendirektvr!" „Was wollte er denn?" fragte Franz, der Oberkellner, schadenfroh. . „Vorstellungen geben draußen in meiner Scheune! Schreibt erst heute früh ganz de- und wehmütig und wird dann frech!" „Um Vergebung, Herr Hotelier!" machte sich plötzlich! eine bänglich zitternde Stimme geltend, „der Schmierendirektor bin ich! Aber es sind alles nur erste Kräfte! Auf mein Wort!" ,c Und eine Gestalt, in schäbige Eleganz gekleidet. Mit verschminkten Zügen und etlichen Schnupftabaksresten um den Mund herum, schob sich aus der vffenftehenden Thür der Kutscherstube. „Was, zum Teufel, Sie sind. . -" „Theobald Lickefett, genannt Theo von Linkfeld! Zu dienen!" „Mensch, wer war denn aber der andere?" schrie entsetzt der Bärenwirt. „Aber das war doch.Herr Grasmüller, Väterchen!" klagte Anna Mahlmann. „Was für ein Grasmüller?" „Schuldirektor, soviel wir wissen! Mama hat sich über ihn erkundigt." , , „Donnerwetter, jetzt fällt mir's ein, der hatte sich ja für unsere höhere Töchterschule gemeldet! Franz, hol' ihn zurück! Und auch Sie da, Theobald Lickefett! Schaffen Sie ihn wieder her! Wenn Sie ihn bringen, brauchen Sie auch keinen Pfennig Pacht für mein Prachttheater zu zahlen!" „Von dem hält' ich sowie so nichts gekriegt!" murmelte er schmunzelnd hinterdrein, wie er seine beiden Boten nach zwei Richtungen hin losrennen sah. Nach einer guten halben Stunde brachte ihn Lickefett trrumptzerend an. „HM ist er, hier ist er!" sagte er keuchend. „Nicht wahr, es gilt, was Sie mir versprochen haben?" „Na und ob!" versicherte Mahlmann. „Sie aber, verehrter Herr Direktor, — das sind Sie nicht, lieber Lickefett! — jetzt meine ich Herrn Grasmüller! — Sie bitte ich tausendmal um Entschuldigung wegen des unsinnigen Mißverständnisses/ Treten Sie gefälligst näher! Anna, eine Rauen- thaler!" . Emanuel sträubte sich zwar noch eine Wecke; tnt Hinblick aber auf den Rauenthaler, der in keinem schlechten Rufe stehen soll, sowie auch in Erwägung der lieblichen Schenkin, die ihm kredenzen würde und der weiteren Aussicht, diesem Schlingel von Bärenwirt späterhin vielleicht mit einer noch viel intimeren Bewerbung kommen zu müssen, ging er schließlich mit. Und der Alte verhieß ihm in einer Anwandlung von Rührung, Großmut und Rauenthaler nicht nur das Direktorat, sondern auch die — Frau Direktor! Eutzündung der darunter liegenden Gewebe, verbunden mit Schmerzen, eintritt. Deshalb können genügend große Schuhe oder Sandalen dem Uebel vorbeugen. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Aür die Küche. Gemüse schmackhaft leicht verdaulich zn k o ch e n. Wie häufig hört man, daß dies oder jenes Gemüse vom Küchenzettel abgesetzt ist, weil man es schwer vertragen kann. Woran liegt nun die schlechte Verdausichkeck vieler Gemüse? Lediglich daran, daß sie nicht so zubereitet sind, wie sie zubereitet sein sollen. lieber die richtige Zubereitungsart der Gemüse sind sich ja leider die meisten im Unklaren. Uebermäßige Mengen von Gewürzen werden verwendet, um den durch falsches Kochen verloren gegangenen Geschmack zu ersetzen. In Nr. 5 der „Praktischen Ratschläge für Haus und Hof", dem Nebenblatte von Nr. 18 des „Erfurter Führers im Gartenbau", finden wir eine Abhandlung über richtiges Kochen der Gemüse. Da bie Gemüse jetzt reichlich vorhanden sind, ihr Genuß allen, besonders aber Blutarmen und Rheumatismuskranken von besonderem Vorteil ist, wenn sie gut verdaulich gekocht werden, so möchten wir auf diesen Artikel verweisen, umsomehr, als die denselben enthaltende Nr. 18 des „Erfurter Führers" unseren Abonnenten kostensrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt wenden. Verrmschtes. Der Briefumschlag verdankt seine Entstehung keineswegs einem grübelnden Erfindergeist, sondern einem Zufall. Tie Entstehungszeit der Hüllen fällt in das Jahr 1820, der Vater des Gedankens wurde der Papierhandler Brewer in Brighton in England. Er beabsichtigte, eine neue und originelle Auslage für sein Schaufenster herzuftellen, dabei kam er auf die Idee, eine Pyramide aus zahllosen kleinen Papierblättchen aufzubauen. Bald türmten Zch dre immer kleiner werdenden Blättchen übereinander und endeten schließlich in einem der Form unserer heutigen Visitenkarten entsprechenden Kärtchen. Bald fand dre Auslage Brewers allgemeine Beachtung und rief sogar erne Umwälzung auf .dew Gebiete des Schreibpapiers hervor; denn während man sich bisher zum Schreiben der großen Briesbogen bediente, wurde es nun mit einem Male Mode, diese kleinen Blättchen als Briefpapier zu verwenden. Dieser „Sport" kam bald sehr in Aufnahme, doch zergteer auch sehr rasch seine Schattenseiten; denn, wenn dieses Blättchen zum Brief gefaltet wurde, blieb kaum noch Raum für dre Adresse übrig. Die vielen dem Papierhändler vorgetragenen Klagen brachten diesen auf bie Erfinder-Idee, welche wir heute im Briefumschlag verkörpert finden. Brewer liest zu den verschiedenen Formaten passende Hüllen schneiden und erzielte damit so großen Beifäll und so großen Absatz, daß er nach ganz kürzer Zeit zwölf Lieferanten mrt der Anfertigung von Hüllen beauftragen mußte. Heute ist, dre Hüllen-Fabrikation eine Erwerbsguelle für Hunderte von Familien und erreicht einen Millionen-Umsatz. Gemeinnütziges. M i t t e l g e g e n d i e R i s s e d e r L i p p e n. Die Lippen find doppelt "empfindlich infolge des heißen Atems von innen und der gleichzeitigen Berührung mit dem kalten Wind von außen; sie erfordern daher eine ganz besondere Pflege, um stets in gesundem Stande zu sein. Erne vorzügliche Lösung, mit welcher man sie abends wascht, wird folgendermaßen zubereitet: 30 Gramm Honig, 30 Gramm Zitronensaft und 15 Gramm Kölnisches Wasser. Die Lösung ist fast ganz farblos und ihre Verwendung durchaus nrcht unangenehm Als bestes Mittel gegen Hühneraugen hat Pfarrer Kneipp das Barfußgehen oder das Tragen von Sandalen empfohlen, und in der That, berde Mrttel sinb unfehlbar; denn die Ursache der Hühneraugen srnd nur enge Schuhe, welche durch den ständigen Druck auf einzelne Stellen des Fußes eine vermehrte Hautwucherung und Verhärtung der Haut zur Folge haben, so daß schließlich eine Diamanträtsel. (Nachdruck ir |x ix verboten.) In die Felder dieser Figur sind die Buchstaben AA, EBBE, I, JJ, L, M, NNN, 0, PP, BRR, 8, TT, DU derart einzulragen, daß die mittelste wagerechtc und senkrechte Reihe gleichlautend ist, und die wagercchten Reihen ohne die beiden Spitzen Wörter von folgender Bedeutung bilben: 1. Getränk; 2. Gebirge; 8.Himmelskörper; 4. männlicher Vorname; 5. Gewässer. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der A i'hm g phs in vor Nr : Qafrn, Ottomar, Roman, Nacht, Minna, Arzt, China, Hahn, Tizian, Bach, Libanon, Iran, Nil, Diana. — Zorn macht blind. Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Vnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen