(Nachdruck verboten.) Wie ich Feldwebel wurde nud blieb. Militärhumoreske von Otto A n t h! e s. So ein Vizefelöwebel der Reserve ist das überflüssigste Geschöpf unter der Sonne. Wenn er sich, zur schönen Maienzeit in zwei oder drei Exemplaren bei der Kompagnie em- stjellt,! den nagelneuen Sähel (knapp um die Lenden geschnallt, die Brust von Stolz und Watte geschwellt, dann hält rhm der Hauptmann eine schwungvolle Rede, in der er alles mögliche von dem Neueingetretenen erwartet, vor allem aber „Interesse am Dienst". Tritt aber der Unglückswurm am nächsten Tage an mit dem festen Entschluß, den Mond herunterzuholen, wenn es verlangt werden sollte, so stprzt er aus einer Enttäuschung in die andere. Er findet uänmch nicht die geringste Gelegenheit, sein riesenhaftes Interesse zu bethätigen. . , , , Ist großer Dienst, so ist anfänglich überhaupt kem Platz für ihn vorhanden. Zuletzt wird er noch irgendwo, als schließender Unteroffizier untergebracht, wo er srch dann einzig und allein dadurch, auszuzeichnen vermag, daß er jeden Vorbeimarsch, verdirbt, weil er die Richtung, in der Unteroffizierslinie nicht einhält. Ist kleiner Dienst, -uf dem Kasernenhofe, dann ist die Sache womöglich noch Glimmer, dann ist er erst recht an allen Ecken überflüssig. Tritt er an eine exerzierende Abteilung heran, um etwa oer Richtung ein wenig nachzuhelfen, dann wirft ihm der jüngste Gefreite einen so seltsamen, aus Neugierde und grenzenlosem, Erstaunen gemischten Blick zu, daß, er für die nächste halbe Stunde genug hat. Erlaubt er srch gar, bei einer anderen Gruppe ein paar Worte einsließen zu lassen, vielleicht nur: „Auf den Kolben drücken!" oder „Der zweite Mann vom rechten Flügel — die rechte Schulter vor!", dann nimmt ihn der Leutnant vertraulich, auf dre Seite und gießt ihm zu verstehen, daß er das besser den aktiven Unteroffizieren überließe. Und wenn er sich, am Ende, ary Erfolg seiner Bemühungen verzweifelnd, in einer stillen Ecke des Kasernenhofes mit seinen Leidensgenossen zusammenfindet, um mit ihnen die neuesten Witze ans- zutauschen, dann ertönt ganz bestimmt die Stimme des Hauptmanns: „Die Vizefeldwebel der Reserve! Ich muß Sie doch, dringend bitten, etwas mehr Interesse am Drenst zu zeigen." Und wie mit den Vorgesetzten, so ergelst's dem armen Vizespieß, mit den Leuten. Hält er sich, patent, dann ist er rW |41 MD SB i U liebe im Munde und eine Lunte in der Hand sind böse Prediger. Sprichwort. ein „Affe": läßt er sich, gehen, ein „Schlappsflefel". Tritt er entschieden auf und kehrt den Befehlshaber heraus, dann ist er ein eingebildeter „Sommersoldat"; läßt er btc Leute machen, was sie wollen, dann versteht er nichts voni Dienst. Es ist einfach eine Qual. Auf diese Weise hatte ich, die ersten sechs Wochen meiner Uebung verlebt, und! yiein von Natur heiteres Gemüt begann sich, bereits mit düsteren Schatten zu färben. Da kam die Nachricht, daß, das Bataillon zu einer dreitägigen Schießübung ausrücken werde. Das war ein Fest! Etidlich, einmal hinaus aus der Garnison, wo unsere Talente so gar nickst zur Geltung kamen, hinaus ins Gelände, wo man wenigstens seinen Spaß, haben konnte, wenn man sonst zu nichts zu gebrauchen war, wo es lustige Märsche, vergnügte Quartiere gab — ich lebte geradezu wieder auf bei dieser Aussicht. Cs sollte noch, besser kommen, als ich, es mir gedacht hatte. Wir legten den größten Teil der Entfernung mit der Eisenbahn zurück. Als wir ausgeschifft waren, rief mich, der Feldwebel zu sich'. „Ich, habe einen Posten für Sie", sagte er schmunzelnd. „Die Kompagnie wird- geteilt; Sie kommen mit dem zweiten Zug nach Wambach und werden dort die Feldwebelgeschäste übernehmen." Jchi schlug die Hacken zusammen. Ein unbändiger Stolz stieg in meiner Soldatenseele auf. Also doch, noch, eine Gelegenheit, meine militärischen Tugenden zu entfalten. Der Feldwebel verstand die ehrgeizige Regung meines Herzens. In köllegialischem Tone fuhr er fort: „Was Sie dabei zu Itfhun haben, wissen Sie ja. Der Leutnant Flott führt den Zug. Melden Sie sich, bei ihm!" Darauf gab er mir noch, die Parole für den kommenden Tag und ließ mich, ziehen. Ich, war selig. Ein Auftrag war mir geworden, so ehrenvoll, wie ihn wohl noch, kein Vizefeldwebel der Reserve bekommen hatte. Und was mein Glück, vollkommen machte — mit dem Leutnant Flott zusammen. Tas war ein Prachtkerl. Noch ganz jung, einige zwanzig Jahre erst, bildhübsch und mit dem herrlichen leichten Mut begnadet, der in jedem Augenblick zu fragen scheint: Was kostet die Welt? Ich nehme sie für echen Dreier! Die Leute schwärmten für ihn, obgleich er unter Umständen grausig rücksichtslos sein konnte. Seine Persönlichkeit hatte sogar etwas Geheimnisvolles, Achtunggebietendes für sie. Das kam daher, weil der Hauptmann nie etwas an ihm tadelte. Ten ernsten, gesetzten, gewissenhaften Premier schnauzte er manchmal derb an; der Leutnant Flott konnte anstellen, was er wollte: der Hauptmann sagte nie ein unangenehmes Wort zu ihm. Er hatte wohl seine stille Freude au dem schneidigen Jungen, war vielleicht selbst so einer gewesen in seiner Jugend — kurzum, es war so. 402 Als ich mich meldete blinzelte mir der Leutnant verständnisvoll zu und sagte: „Na, wir werden Won miteinander fertig werden." Tas glaubte W auch; als wir nachher durch! das Städtchen marschierten, trat ich einen Augenblick aus, kaufte mir in einem Buchbinderladen ein dickes Notizbuch und einen ellenlangen Bleistift — und nun konnte es meinetwegen losgehen. Wir kamen tit Wambach an. Für mich war Quartier 6et dem Lehrer gemacht, und der Fähnrich von Hiller lag mit mir zusammen. Ter kleine Kerl teilte meinen Jubel. Er hatte noch keine größere Uebung, noch kein Manöver mitgemacht, es war sein erster Ausflug aus der Garnison. Nur schillerte seine Freude noch, etwas ins Kindliche, Ausgelassene hinüber. Er war erst siebzehn Jahre alt. Seine Dankbarkeit gegen alle Welt kannte keine Grenzen. .Den Lehrersleuten gegenüber bewies er sie, indem er von sämtlichen aufgetragenen Gerichten so reichliche Portionen genoß, als ob er in .feinem Leben noch nicht satt geworden wäre und nun versuchen wollte, tote das eigentlich, thut. Ich, selbst hatte wenig Appetit. Tie Verantwortlichkeit meines Amtes lastete auf mir. Ich: aß nur so viel, als nötig war, um nicht unhöflich zu erscheinen; dann schnallte ich: meinen Säbel wieder um, steckte das dicke Notizbuch zwischen den ersten und vierten Knopf meines Drillich- rockech und ging mein Reich zu besehen. Der Feldwebel des Kantonnements! Langsam schritt ich die Straße hinab, mit Falkenaugen jedes Haus musternd. Die Leute standen vor den Thüren und putzten ihre Sachen. Hier und da fragte ich einen Manu, ob er mit seinem Quartier zufrieden sei. O, sie waren alle zufrieden. Ich auch, Das ging ja famos! Ganz von selbst. Halb so schlimm, die ganze Feldwebelei! Alsdann begab ich, midj zum Leutnant, um ihm den Dienst für den nächsten Tag zu bringen. Er saß noch bei Tisch .im Gutshause, kam aber gleich heraus. „9htn, mein Lieber, wann sollen wir morgen früf) am Schießplatz sein?" „Acht Uhr dreißig, Herr Leutnant." „Utid wie lange marschieren wir?" „Zwei gute Stunden, sagen die Leute." „Ach, wissen Sie, was die Leute sagen, daraus kann man nicht viel geben. Also, wann wollen ioir antreten?" „Ich denke, um sechs Uhr, Herr Leutnant." „Ach, warum nicht gar! Nachher können wir dort wer weiß wie lange warten. Wissen Sie, wenn die Leute sagen, zwei Stunden, dann kamt man sicher sein, daß es nur anderthalb sind. Sagen wir also — sechs Uhr dreißig. Dann haben wir zwei volle Stunden vor uns." „Herr Leutnant . . ." versuchte ich, schüchtern einzuwenden. Er wurde ungeduldig. „Was dann? . . . Nein, das ist früh genug. Sechs Uhr dreißig. Es ist gut, ich danke Ihnen." Er nickte und kehrte ins Zimmer zurück. Hinter ihm trug das Dienstmädchen einen neuen Gang hinein, junge Hähnchen mit eingemachten Aprikosen. Ich schob ab. „Meinetwegen", brummte ich vor mich hin, „mir kann's ja gleich, sein. Wenn wir zu spät kommen, na, ihm sagt der Alte ja nichts." Unterwegs kam der kleine Fähnrich an mich, heran. Er hatte unterdessen seine Dankbarkeitsgefühle erschöpft. „Herr Feldwebel", fing er an, „tote lange marschieren wir morgen?" „Zwei Stunden." „Tas ist ja großartig! Wenn's nicht mehr ist! Da kattn ich mir meine neuen Stiefel vertreten." Diese neuen Stiefel! Von denen erzählte er nun schon, so lange meine Uebung dauerte. Sie waren nach: feinen eigenen Angaben vom Bataillonsschuhmächer gebaut, wahre Kunstwerke der Schuhverfertigung, wie er sestbst begeistert sagte. Auf Rand genäht, schmal, zierlich und doch, bequem, von einer entzückenden Schlankheit in der Knöchelgegend und inwendig mit Rot ausgesteppt, kurz, Jdealstiesel. Bloß tragen hatte er sie noch, nicht können, weil er sich vor dem ersten Mal fürchtete. Aber morgen kamen sie dran, das war eine ausgezeichnete Gelegenheit, sie einzuweihen. Ich schlief wenig in dieser Nacht. Sobald der Tag graute, war ich auf, lief im Torfe umher und holte meine Leute aus den Betten. Damit sich mir ja keiner verspätete! Pünktlich sechs Uhr dreißig standen wir vor dem Gutshäuse. Der Bursche sah aus dem Fenster. „Der Herr Leutnant säße noch, beim Kaffee." Ich! verzappelte mich; beinahe während der nächsten fünf Minuten. Dann kam er über den Hof gerasselt, noch damit beschäftigt, sich die Handschuhe anzuziehen. Schon von weitem kommandierte er: „Das Gewehr — über! Ohne Tritt — marsch!" Daraus setzte er sich mit ein paar Sprüngen an die Spitze und fing mit seinen langen Beinen so grimmig an auszuschreiten, daß ich, der ich in dieser Hinsicht auch nicht unbegabt bin, die größte Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben. Hinter uns schnaufte der Zug. Und er hielt mir einen Vortrag. „Wissen Sie", sagte er, „je mehr man den Leuten zumutet, desto mehr leisten sie. Und es ist sehr gut, wenn man ihnen von Zeit zu Zeit mal was ordentliches zumutet. Die Kerle haben ja heute weiter nichts zu thun. Eine Stunde lang im Sande zu liegen und zu schießen, das ist doch, keine Leistung. Nee, so ein Gewaltmarsch ist eine sehr erfrischende Sache." Sobald es ein Stück bergab ging, kommandierte er: „Laufschritt — marsch, marsch!" Und im Hnndetrab ging's die Anhöhe hinunter. Wir kamen schnell vorwärts, aber der Weg zog sich erbärmlich in die Länge. Der kleine Fähnrich, der anfänglich dicht hinter uns gestampft war und hier und da ein fröhliches Wort hatte hören lassen, war mit einemmal verMmmt. Ich sah mich nach ihm um und gewahrte ihn ganz hinten am Ende des Zuges, wo er sich in einer merkwürdigen hüpfenden Gangart fortbewegte. Aha, dachte ich, die Jdealstiefel! Ich, konnte ihm aber nicht helfen, vorwärts mußten wir. Die letzte Viertelstunde legten wir in andauerndem Sturmschritt zurück, die Uhr in der Hand und jeden Hundertmeterstein zählend. Drei Minuten vor der festgesetzten Zeit meldete der Leutnant dem Hauptmamie seinen Zug. Nachdem die Gewehre zusammengesetzt toaren, suchte ich meinen Fähnrich auf. Er saß auf einem Rain und bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen, schielte aber dabei nach seinen Füßen, die in den Graben hinabbaumelten, als ob sie nicht zu ihm gehörten. Als ich ihn anredete, verzog , er mit einem gewaltsamen Ruck sein rotglühendes Antlitz zu einem forschen Lächeln und sagte: „Schließlich hätte er eine Viertelstunde früher aufstehen können. Aber wenn's nun einmal nicht anders ist, dann wird's eben geschafft." Die Sache war also gut abgelaufen, und der Leutnant war auf dem Heimweg sehr vergnügt. „Wann sollen wir nun morgen da! sein?" fragte er. „Um dieselbe Zeit, Herr Leutnant." „Machen wir's wieder so, wie heute." Ich. sah: ihn ganz verdutzt von der Seite an. Er lachte. „Oder vielleicht nicht? Weshalb denn nicht? Cs war doch sehr nett heute . . . Was, Hiller", rief er dem Fähnrich zu, der wieder hinter uns marschierte, „war's nicht sehr hübsch, heute früh, der Marsch?" „Sehr hübsch, Herr Leutnant", kam es prompt zurück. „Forsch!" „Na also! Da hören Sie es ja^'1 (Schluß folgt.) Der Wert des Schwitzens. Eine gesundheitliche Betrachtung für die heißen Tage. Von Dr. RudolfCurtius. (Nachdruck verboten.) Wenn auf einen langen und strengen Winter ein rauhes und unfreundliches Frühjahr folgt, das uns zwingt, dem kohlenfrefienden Ofen, wie es zuweilen der Fall war, noch im Mai die schwarzen Diamanten haufenweise in feinen unersättlichen Bauch zu werfen, klagt männiglich über die Unbilden der Witterung. Wenn sich aber dann des Himmels Schleusen schließen und Helios, im Strahlenglanze lächelnd, die Fluten auftrocknet und den Schaden wieder gut machen will, jammert sofort alles über die unerträgliche Hitze, und mit grimmigem Behagen liest man baust,' daß es anderswo — besonders häufig ist da von Nordamerika die Rede — noch viel, viel heißer ist, wobei allerdings stets vergessen wird, daß die Temperaturangaben, 403 die von dort kommen, in Fahrenheitgraden ausgedrückt sind, und daß. die gemeldete heiße Temperatur nur um wenige Grade höher ist, als bei uns an den heißesten Sommertagen. Die Menschheit von heute will nicht mehr schwitzen. Von dieser Thatsache kann man sich schnell durch! eine Umfrage unter den Bekannten überzeugen, von denen gewiß neun Zehntel den Winter dem Sommer vorziehen, während höchstens einer unter zehn der unendlichen Vorzüge des licht- und wärmereichen Sommers mit seinen langen Tagen und kurzen Nächten anerkennt. Wenn man am Ende eines langen Winters bei seiner Gesundheit das Ergebnis zieht und mit einer erheblichen Unterbilanz abschließt, dann hofft mau wohl auf die Heilwirkung der wärmeren Jahreszeit; sobald aber der Reaumur-Thermometer mehr als 20 Grad zeigt, möchte man am liebsten den Eiskeller zum Standquartier niachen. Besonders unsere Damenwelt leistet darin großartiges, wenn sie sich bei den ersten schüchternen Strahlen der Frühlingssonne ängstlich hinter ihren Sonnenschirm verstecken, um ja die Entstehung von Sommersprossen zu verhüten, und wenn sie unsere Zimmer, deren Tape- zierung glücklicherweise wieder hellere Farben bevorzugt, durch schwere dunkle Uebergardinen und dichte Stores in finstere Eulenhorste verwandeln, in denen ja auch Mann und Kinder leben sollen, die gewiß nicht zum Nachtgetier gehören wollen. Leider wissen die wenigsten, wie schlecht sie ihrer Gesundheit damit dienen, wenn sie jedem Sonnenstrahl, jedem zu vergießeudeu Tropfen Schweiß, ängstlich aus dem Wege gehen. Tas Leben in den modernen Großstädten ist ja, trotz aller Fortschritte der Hygiene, kein zweckentsprechendes; denn wenn man am Morgen so spät aufsteht, daß! man gerade noch sein Frühstück verzehren kann, sich dann auf die Straßenbahn setzt, um zum Kontor oder Bureau zu gelangen, und nachdem man mehrere Male hinein-, und hinausgefahren ist, den Abend mit einem bis Mitternacht währenden Aufenthalt auf der Loggia der eignen Wohn- nung oder in einem Biergarten beschließt, ist der Körper zu kurz gekommen, der, um sich gesund zu erhalten, ein reicheres Maß von Bewegung beansprucht. Diese körperliche Bewegung, welche uns Stadtmenschen eben so sehr zu unserem Schaden abgeht, ist das einzige Mittel, sich jung und gesund zu halten. Der Vergleich des menschlichen Organismus mit einer Maschine, die Heizmaterial verbraucht und dafür Arbeit leistet und Kraft zur Verfügung stellt, ist tausendfach gebraucht und alt. Nichtsdestoweniger muß! immer wieder darauf hingewiesen werden, daß, wenn die menschliche Maschine täglich ihr Heizmaterial beansprucht, dafür auch fozusageu Schlacken entstehen, die im Wege des Stoffwechsels entfernt iverden müssen. Dieser Stoffwechsel erfolgt nun bei Mensche« mit sitzender Lebensweise viel zu langsam. Daß die beiden hierher gehörigen Prozesse, welche sich zuerst der sinnlichen Wahrnehmung darbieten, bei Hunderttausenden viel zu schlaff arbeiten, beweist der stets zunehmende Besuch! der Bäder mit abführenden und harntreibenden Trinkquellen wie Karlsbad, Marieubäd, Wiesbaden, Salzschlirf u. s. w., und unzählige Menschen, bei denen die vegetativen Lebensäußerungen sich langsam vollziehen, müßten zu Grunde gehen, wenn nicht die Hautausdünstung den größten Teil dessen gut machte, was im übrigen Stoffwechsel unterblieben ist. Tas Schwitzen ist nun nichts anderes als die nachhaltigste Form der Hautausdünstung. Wie bedeutend diese ist, geht daraus hervor, daß ein Mensch von mittlerein Gewicht von 70 Kilogramm, der zwei einen halben Liter Flüssigkeit den Tag zu sich! nimmt, reichliche ein Drittel davon, auch, wenn er dabei keinen Tropfen Schweiß vergießt, auf dem Wege der Hautatmungen von sich giebt, während sich bei korpulenten Leuten mit reichlichem Flüssigkeitsgenuß der durch gewöhnliche Hautatmung und Schwitzen herbeigeführte Flüssigkeitsverlust sowohl prozentmäßig als auch nach absoluter Menge gemessen noch bedeutend erhöht. Diese sehr bedeutende Abgabe von Schweiß ist nur dadurch, möglich daß unsere Haut mit zahllosen Schweißdrüsen bedeckt ist. Jede Schweißdrüse besteht nun aus einem einfachen mehr oder weniger gewundenen Gange und dem am untersten Ende desselben befindlichen, eigentlich den Schweiß absondernden Drüsenknäuel, in dem sich unter dem Einfluß, der zu jeder Drüse führenden Nervenendigungen die Schweißabsonderung vollzieht. Tie Schweißdrüsen sind nun zwar über die verschiedenen Teile der Körper- oberfläche sehr ungleich verteilt; denn während inan am Nacken und Rücken nur etwa durchschnittlich« 50 bis 60 Schweißdrüsen auf dem Quadratzentimeter Haut zählen kann, kommen auf die gleichen Flächenräume an Hals und Stirn etwa 200, am Handrücken 250 und an Hohlhand und Fußsohle über 400. Im Durchschnitt besitzt jeder Mensch etwa 2 500 000 Schweißdrüsen, deren absondernde Gesamt- oberfläche mit 30 Quadratmeter Fläche sehr mäßig eingeschätzt ist. Wenn wir also nun durch die Haut mit einer Flache ausatinen, welche derjenigen emes stattlichen Zimmers von 6 Meter Länge' und 5 Meter Breite gleichkommt, so kann sowohl die ausgeatmete Menge Flüssigkeit als auch die bedeutende Menge giftiger Abfallstoffe nicht mehr in Erstaunen versetzen, die auf diesem Wege aus dem Körper entfernt werden. Man hat nun zwar den gesundheitlichen Wert des Schwitzens schon vor Jahrtausenden gekannt, und gewußt, daß man bei rechtzeitiger Anwendung desselben nicht nur verschiedenen Gesundheitsstörungen Vorbeugen, sondern auch bereits ausgebrochene Krankheiten heilen kann; es blieb aber erst der neueren Zeit und zwar der analytischen Chemie und der Bakteriologie Vorbehalten, as „Warum" zu ergründen. Wenn man nämlich den natu ich en Körper- schweiß des Menschen sammelt und von demselben einem Versuchstiere auch nur Bruchteile eines Kubikzentimeters unter die Haut spritzt, so geht dieses Tier an Vergiftungserscheinungen zu Grunde, welche große Aehnlichkett mit denjenigen nach dem Biß einer Giftschlange oder nach Behaftnng mit Leichengift haben. Dasselbe geschieht, wenn man die menschliche Ausatmungsluft durch Wasser filtriert und mit diesem, welches nun natürlich auch« mit giftigen Stoffwechsel- Produkten beladen ist, impft. Endlich hat man, von der Vermutung ausgehend, daß sich in den Poren der menschlichen Haut Millionen von Bakterien aufhalteu, den Gehalt des Badewassers an bakteriellen Keimen festgestellt und dabei gefunden, daß — natürlich« nach dem Gebrauch — das Wasser eines heißen Bades etwa viermal mehr bakterielle Keime enthält als dasjenige eines gewöhnlichen lauen Rei- nignngsbades. Untersucht man nun den Keimgehalt des menschlichen Schweißes, wie man ihn etiva in einem heißen Luftbad anfsammeln kann, so kommt man auf geradezu schreckcuerregende Zahlen, da ein einziger Kubikmeter Schweiß nicht selten viele Zehntausende bakterieller Keime enthält. Aus allen diesen Versuchen geht hervor, daß durch Schwitzen und langandauernde heiße Bäder, denen ein mächtiger Schweißausbruch folgt, der Körper nicht nur von Milliarden jener verdächtigen Eindringlinge, die in der Haut nisten, befreit wird, sondern daß damit auch! regelmäßig alle jenen schlechten Säfte entfernt werden, welche, die Ursache zahlloser Beschwerden sind, und bei größerer Anhäufung im Körper zu nicht zu hebenden Schädigungen führen können. Zu alledem tritt nun noch« die Erfahrungs- thatsache, daß zahlreiche Krankheit verursachende Kleinlebewesen, welche sich bei unserer Körpertemperatur von 37 Grad Celsius am wohlsten fühlen, die Erhöhung der Blutwärme um 2 bis 3 Grad, lute sie einem Schwitzbade folgt, nicht zu ertragen vermögen, sondern absterben. Man sieht also, daß das Sck,Witzen teilt so übles Schutzmittel gegen alle Erkrankungen ist, und der Umstand, daß auf der Krisis aller schweren, zehrenden und mit hohem Fieber verbundenen Infektionskrankheiten der Eintritt des lösenden Schweißes den Anfang der Gesundheit bedeutet, spricht lauter und eindringlicher für dessen Nutzen, als dicke Bücher. Bei Erkältungen, Rheumatismus und Gicht ist das ja längst anerkannt; aber auch! bei vielen anderen krankhaften Zuständen sollte man mehr als bisher auf diese Heilmethode Gewicht legen. Jedenfalls ist es für alle stark beleibten Personen, die man entweder bemitleidet oder verspottet, wenn ihnen der Schweiß von der Stirne perlt, ein Ableitungsmittel von höchster Bedeutung, und wer in der Hundstagshitze, mit stattlicher Wohlbeleibtheit behaftet, schweißtriefend daherwaitdelt, möge sich bei den zahllosen mehr oder minder harmlosen Neckereien, denen er zeitlebens ausgesetzt ist, gegenwärtig halten, daß er dabei gesünder ist als derjenige, dessen Haut ein undurchlässiges Pergament ist. 404 Wer freiwillig oder unfreiwillig viel schwitzt, muß na- türlich dabei einige Vorsichtsmaßregeln beobachten. So lange man bei einer Fußpartie in Bewegung ist, schadet die durch- fenchtete Wüsche in keiner Weise; daß man aber dieselbe nicht auf dem Körper trocknen lassen, sondern, ins Quartier gekommen, zur Vermeidung von Erkältungen, baldigst wech seln soll, ist allbekannt. Großer Mißbrauch wird aber mit dem Schwitzen bei gewaltsamen Entfettungskuren getrieben. Im römisch-irischen Heißlustbad verliert man in einer halben Stunde mit Leichtigkeit ein Kilogramm an Schweiß; das elektrische Lichtbad ist noch wirksamer, und ein Wohlbeleibter von 90—100 Kilo Gewicht verliert bei einer 6—8 stündigen Tagespartie oft 3—4 Kilo Wasser in Form von Schweiß. Es ist nun ganz verfehlt, auf diese That- sachen eine Entfettungskur zu gründen; denn eigentlich wird nur verhältnismäßig wenig Fett dabei aufgebraucht und um so mehr Wasser aus dem Körper getrieben. Dies kann aber zu einer gefährlichen Eindickung des Blutes mit darauf folgendem tätlichem Herzschlag und anderen das Leben bedrohenden Erscheinungen führen, wie die zahlreichen Unglücksfülle bei marschierenden Truppen beweisen, ans der erst wenige Jahrzehnte zurückliegenden Zeit, als man ihnen noch das Trinken auf dem Marsche bei schwerer Strafe verbot. Diese bedauerlichen Unfälle sind fast gänzlich geschwunden, seitdem man den marschierenden Truppen- törpern beim Durchzug durch die Dörfer den ausgiebigen Genuß von frischem Wasser gestattet. Wer viel schwitzt, muß daher für reichlichen Ersatz der ausgeschwitzteu Flüssigkeiten sorgen, und das geschieht am besten durch frisches Wasser oder stark verdünnten kalten Thee und Kaffee. Alkohol hingegen ist in diesen Fällen immer vom Uebel. Unsere Großeltern lebten in dem Wahne, daß ein kalter Trunk bei erhitztem Körper immer vom Uebel fei. Durch! tausendfältige Beispiele ist inzwischen erwiesen, daß das erfrischende Labsal, wenn mein gleich darauf weitermarschiert, keineswegs schadet. Wenn man dagegen auf einen Berg hinaufgekeucht ist, und sich nun zu dauernder Ruhe, womöglich im Zugwinde sitzend, niederläßt, um große Mengen eiskalter Getränke hinunterzuschütteu, läuft man natürlich Gefahr, sich einen argen Bronchialkatharr oder gar eine Lungenentzündung zuzuziehen. Immerhin aber ist auch dies das kleinere Uebel, wenn bei weiterem Enthalten tzom Getränk die Gefahr von Sonnenstich und Hitz- schlag in unmittelbarste Nähe rückt. Es ist nun einmal die Bestimmung des Menschen seit seiner Vertreibung aus dem Paradies, daß er „im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen soll"; aber der biblische Fluch wandelt sich in Segen, insofern gar manche menschi- liche Großstadtpflanze gebräunt und gehörig ausgeschwitzt, viel gesünder als bei der Abreise ins Heim zurückkehrt. Auch das Radfahren ist in diesem Punkte von unberechenbarem Nutzen und trägt viel dazu bei, daß man sich uicht mehr so ängstlich wie früher vor Licht und Wärme versteckt. Wilhelm Raabe. Eine Würdigung seiner Dichtungen von Paul Gerber. Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich. Preis geh. Mk. 5.-, geb. Mk. 6.-. Verfasser äußert sich über den Zweck seines Buches in der Vorrede dazu, wie folgt: „Das vorliegende Buch betrachtet die Romane und Novellen Raabes 'im Sinne der Aufgabe, die mir jede Besprechung von Dichtwerken heut scheint hauptsächlich erfüllen zu müssen. Das erste Kapitel läßt sich gelegentlich näher darüber aus. Aber auch! wer eine andere Ansicht vertritt, wird es billigen, wenn aus den wüsten Massen der Zeitschriften und der Bücher die Werke der wahren Dichter hervorgeholt werden. An Raabe ist für viele Gebildete diese Arbeit erst noch zu thuu. Weder bei der Erholung von schwerer Tageslast durch Vorlesen abends am Familientisch, noch etwa über den Strickstrumpf hinweg kann man den Wert eines Dichters beurteilen lernen. Mein Buch soll deswegen allen, die Raabe gar nicht wder nur flüchtig gelesen haben, einen Wink geben, mehr seinen Schriften Beachtung zu zollen. Wenn es viel öfter lobt, als tadelt und des billigen Scheines der Geistreichigkeit und der kritischen Schärfe entbehrt, so möge die größere Mühe, die es darum erfordert hat, nicht vergebens gewesen sein." Wir haben es letzthin wiederholt unternommen, Raabes glänzende Gaben in das rechte Licht zu rücken und dem Leserkreis der Familienblätter die Dankesschuld zu Gemüte zu führen, die er dem nun bald siebenzigjährigen Volksdichter zu zollen hat. Möchte auch das vorerwähnte Buch das seine dazu beitragen, Raabes Werke so bekannt und verbreitet werden zu lassen, als sie es verdienen. Bdt. GeMernnützige». Vorsicht beim Schwimmen. Eltern mögen ihren schwimmenden Kindern verbieten, den sogenannten Kopfsprung zu machen. Ohrenleidende sollten sich erst gewissenhaft untersuchen lassen, ehe sie schwimmen. Bei Durchlöcherung des Trommelfells kann Wasser ins Mittelohr dringen und den Tod herbeiführen. Gegen Vergiftungen mit Schierling wende sofort bis zur Ankunft des Arztes Essig oder Weinessig an, event. in Klystierform. Bei Mohnvergiftung gieb starken, schwarzen Kaffee. Nach dem Genuß giftiger Pilze, bei Käsevergiftung und nach dem Genuß von Sadebaum gjeb Essig (bei Kindern mit Wasser verdünnt) zu trinken. Weigert sich der Kranke, so gieb Essig in Klystierform. Gefährlichkeit der Raupen. Raupen können nicht nur auf der mensMichen Haut, die sie berühren, Ausschläge Hervorrufen," es können vielmehr auch die Schleimhäute, besonders aber die Bindehaut des Auges bei Raupenberührung entzündlich erkranken. Hier bringen die feinen Raupenhärchen den Reiz auf die betreffenden Partien hervor. Auch veranlaßt das Eindringen dieser feinen Härchen in die Atmungsvrgane entzündliche Prozesse, besonders Bronchialkatarrh. Man soll deshalb nichf längere Zeit an Stellen verweilen, wo sich Raupen aufhalten, noch viel weniger aber dieselben berühren. Ein alkoholfreies Sommergetränk liefert die Jngwerwurzel und die Citrone. Es wird 10 Gramm pulverisierte Jngwerwurzel mit 10 Liter Wasser und 3 Kilogramm gemahlener Raffinade eine Stunde lang unter stetem Abschäumen zu einem dünneren Jngwerzuckerwasser gekocht, dessen Maßinhalt ungefähr 12 Liter sein dürfte. Diesem giebt man den Saft und die ganz klein zerschnittenen Schalen von 5 Citronen und einem Theelöffel Preßhefe zu und füllt diese Masse auf ein Fäßchen, welches zuvor gut geschwefelt und gereinigt wurde. Es muß spundvoll gemacht und durchs Wasserzusatz spundvoll gehalten, aber nicht hermetisch verschlossen, sondern nur mit dem Spund bedeckt werden. Nun läßt man die Flüssigkeit in diesem Fäßchen zwei Wochen hindurch abgähren, worauf sie in kleine Flaschen abgezogen wird. Es schäumt in frischen Zustande wie Champagner, schmeckt sehr angenehm und hat ein sehr gutes Aussehen. Tie Fläschchen sind aber nicht lange aufzubewahren, sondern gleich auszutrinken, da sich! selbstverständlich dieses schwache Getränk nicht lange hält. Vereinfachen kann man sich die Herstellung desselben durch. Mischung von 2 Gramm Citronen- schalenöl und einigen Tropfen in Sprit gelösten Jngweröls, was nur halb so viel kostet, dabei ein volleres Aroma liefert. „Prakt. Wegw.", Würzburg. Logogriph. Nachdruck verboten. Ich war ein König im Morgenland; Als Tier bin ohne „l" ich bekannt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: L RAA KATZE LATERNE __ HARFE ENZ E Redakt . >- E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brllhl'schm Universitäts-Buch- und Stcindrnckerei (Pietsch Erben) in Gießen.