(Nachdruck verboten.) Der Bauer vom Wald. Novelle von Anton v. Perfall. (Fortsetzung.) Johannes hatte jede Haltung verloren; er glich jetzt mit dem weingeröteten, aufgedunsenen Antlitze, den schwankenden Bewegungen mehr einer luftigen Faschingsfigur, mit der man sich ungestraft jeden Scherz erlaubte. Auch die Bäuerin hatte ihren Groll und ihre Bedenken über den unzähligen Schmeicheleien, ihr Aussehen betreffend, längst vergessen, und schwamm mit in dem Strome, dessen gleißendes Spiegelbild sie schon einmal verlockte. Den Höhepunkt erreichte der Abend, als Herr Vigo, von Frau Wanda feurig begleitet, stark gewürzte Couplets vortrug, jene charakteristischen Lieder einer in wilden Genuß^iebern sich schüttelnden Zeit. Alles drängte sich mit erhitzten Gesichtern um die beiden, welche nicht verfehlten, durch gegenseitiges Augenspiel die schwüle Wirkung zu erhöhen. Auf Johannes wirkte diese Musik im Gegenteil ernüchternd. Der Inhalt dieser Lieder verdroß ihn. Solche Späße waren ihm von jeher in die Seele hinein verhaßt; selbst in der Verfassung, in der er sich augenblicklich befand, kam er nicht darüber hinweg. Die Leexe, die sich um ihn gebildet, ließ ihn zur Besinnung kommen. Ein unbestimmtes Angstgefühl packte ihn wie Schwindel. Er erhob sich, und ging in den Nebenraum, in dem er mit dem Minister die llnterredung gehabt. Die Kühle hier that ihm wohl, die näselnde Stimme des Tenors drang nur verschwommen herein. Er setzte sich in einen Winkel, den eine stattliche Fächerpalme dicht beschattete. Das Haupt sank ihm auf die Brust. Er mußte geschlafen haben, dem langen, schönen Traume nach Es war so kühl im Walde, in seinem Walde. Er ging von Stamm zu Stamm, und der alte Grimm legte die Meßstange an und rief Zahl auf Zahl. Er aber trug jede sorgfältig in sein Buch ein. Dann stand plötzlich der Minister vor ihm, und er steckte rasch das Buch ein, und der drohte lachend mit dem Unger. „Sie sind ein braver Mann, und ich verlasse mich auf Sie." Dann nahm er ihn am Anne, uni) sie gingen dem Hose zu. Ueber den grünen Hügel herab kam hie Rosl! 1901. Donnerstag de» 18. April. yi,,l"i«rw ie größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden. Friedrich Nietzsche. gelaufen mit fliegenden Zöpfen. „Vater — Vater, wo bleibst d' denn so lange?" Oder war es gar kein Traum? Er griff nach den grünen Blättern, die sein Antlitz streiften — und was war das? Das Flirren und Sausen und Knistern, das an sein Ohr drang, tote von Millionen Flügeln — die furchtbaren Vernichter, die Dämonen der Zerstörung, die Nonnen! Er bog die Blätter auseinander, beugte sich vor — da blieb sein Blick an einem Paare haften, das sich eng umschlungen hielt. Ein gepichtes Weib, ein junger Mann — sie küßten sich, flüsterten — das Weib war das Weib des Matthias, war Wanda! Der Mann der Sänger, der eben noch die häßlichen Lieder sang. Jetzt träumte er nicht, jetzt war er wach. „Was sträubst Du Dich, schöne Wanda, toenn ich Dir sage, daß ich Dich über alles liebe? Ich, Vigo, den alle Frauen begehren. Soll ich einem Bauernjungen weichen?" - Der Sänger flüsterte die Worte. Wanda machte wohl eine Einwendung, einen schwachen Versuch, sich seiner Umschlingung zu entziehen. „Thorheit!" flüsterte er, „in unserer Zeit!" Noch inniger umarmten sie sich, dann legten sie die Finger auf die. Lippen, und beide verließen Arm in Arm beit Raum. Johannes sprang auf, als ob - er ihnen nacheilen wollte, ballte die Faust. Da vernahm er wieder das seltsame Geräusch. Jetzt klang es fast tote damals, als die Milliarden von Raupen seinen Wald auffraßen, Milliarden von Kiefern sich bewegten, und der Nadelregen herabrieselte. Er stürzte nach der Thür. Bunte Paare drehten sich im Tanze, Seide knisterte, Fächer wehten, und in dem Augenblicke flog die Moni an ihm vorbei in beit Armen eines Mannes, das Antlitz erhitzt, das Krönchen von Perlen schief im halbgelösten Haare, und dicht hinter ihr her walzte Wanda mit dem Sänger, Matthias mit einem halben Kinde, zu dem er wohl ähnliche Worte flüsterte, wie eben der Sänger in das Ohr seines Weibes geflüstert hatte, dem häßlichen Lachen nach- auf feinen Lippen, dem heißen Blicke seiner Augen. Ter dicke Polentz im Arme einer Schönen, die ihm verständnisvoll zulächelte — dann verwirrte sich alles wieder im bunten Kreisel. Johannes trat mitten hinein. Er rief zornig nach feinem Weibe. Man lachte über den trunkenen Bauern, umtanzte ihn noch toller, zog ihn am Rocke, bis die Bäuerin selbst sich seiner anuahm, ihm zuflüsterte, er solle sich doch schämen und sie nicht vor allen Leuten zu Schanden machen. 214 Doch, et faßte sie mit eisernem Griffe bei der Sjaitb. „Wir geh'», Moni!" Tie Bäuerin stutzte. Ten Ton hatte sic schon lange nicht mehr gehört. Noch einmal versuchte sie, unterstützt von den Umstehenden, welche die Sache scherzhaft nahmen, schwachen Widerstand, doch ein Blick des Bauern, ein neuer Druck seiner Hand, und sie folgte ihm. Johannes erwiderte kein Wort auf die Vorwürfe seiner Frau über fein Benehmen. Erst als er das Licht angesteckt in seiner Wohnung, bemerkte sie das Verstörte seines ganzen Wesens; das sonst tiefgerötete Gesicht erschien jetzt grau, jede Spur von Trunkenheit war verwischt. „Ja, was hast denn, Johannes?" fragte sie besorgt, „heut' könna wir uns wahrhafti net beklag'n. All's, was recht is. In mein'n Aug'n haben s' all's guat g'macht, reichli. Leut' san's do, das muaß ma schon sag'n. Wenn i dageg'n denk, was unsereins hätt' werd'« könna, und was man jetzt is." „Was ma hätt' werden könna, und was ma jetzt is!" Johannes nickte schwer mit dem Kopfe. „Ja, da hast recht, Moni, das darf ma net denk'n." Er stand auf und öffnete die Thür zu feiner Kammer. An der Schwelle blieb er noch einen Augenblick stehen, als ob er noch etwas sagen wollte, dann machte er mit der flachen .Hand einen Strich durch die Luft und schloß die Thür. Ter Luftzug vom geöffneten Fenster verlöschte die Kerze, das Sausen und Brausen der rastlosen Stadt drang herein, welche bereits zur neuen Arbeit erwachte. Er warf zornig das Fenster zu und streckte sich auf das Lager. „Sie sind ein braver Mann, und ich verlasse mich auf Sie! Die Seele des Geschäftes! Grimm! Grimm: — Schuft! — Thorheit! In unserer Zeit! — Genießen! Genießen!" Im Osten graute schon der Tag, als der letzte Gast das Palais Polentz verließ, der berühmte Tenor Vigo. 6. Die Presse brachte lange Artikel über das Fest bei Polentz, diesem Hauptmitarbeiter an dem Aufschwünge der Stadt. Ter Minister Graf Waradin und der würdige Vater Johannes lieferten natürlich höchst dankbaren Stoff, an dessen Ausschmückung man es nicht fehlen ließ. . Ein rührendes Bild war es - ein glorreiches Zeichen - der Zeit! Das waren die mildesten Ausdrücke. Drei Monate später war die Ringbahn erledigt. Sie ging mitten durch den Grund des Polentz. Die Bureaus wurden nimmer leer, ein Menschenstrom wälzte sich des Tages über hindurch ' Man kaufte und verkaufte nur noch durch Polentz. Der flotte Einspänner aber mit dem prächtigen Apfelschimmel davor, welchen Johannes selbst lenkte, war unterdessen in der ganzen Gegend eine geivohnte Erscheinung gewrden. Und überall wurde er mit Freuden begrüßt. Das Glück saß hinten auf dem Radkasten. Wer strebte nicht gerne heraus aus seinen kleinen Verhältnissen, wenn von allen Seiten her ausregende Kundschaft kam von dem und dem, der sein Glück gemacht, von unerhört günstigen Verkäufen und raschem Empor- kommen. Ein Narr, wer sich da noch abplagen tvill mit dem kargen Boden! Ter Johannes aber, man kannte ihn nur noch unter diesem Namen, war der, der es machte, Polentz' rechte Hand; er war selbst Bauer und wußte, was den Bauern wohl und wehe that, und keiner kam zu kurz, der ihm vertraute. , , . „ . Er schätzte gut em, zwackte nichts ab, und mr Handumdrehen hatte' er ein „hintersassiges" Anwesen bereit, das, dem Verkehre entlegener, von geringerem Boden- werte, dafür aber bedeutend größer war und eine seinem Bodenwert entsprechende Rente abwarf. Ter Rest des Kaufpreises, welcher dem Bauer in der Hand blieb, wanderte zu Polentz und trug seine schönen Prozente, wie sie keine Bank der Welt zahlte. Man hätte ja am liebsten den ganzen Kaufpreis dahin getragen, aber das paßte dem Johannes nicht, ja, er weigerte sich entschieden, in diesem Falle den Handel äbzuschließen. „Ein Bauer soll Bauer bleiben, er taugt zu nix anderem. Ich hab's an mir selb'r erfahr'«!" war fein Wahlspruch:. Johannes ivar den Tag iiach dem Feste entschlossen gewesen, schleunigst mit seinem Weibe zu fliehen aus der vergifteten Luft. Eine unbändige Sehnsucht erfaßte ihn nach der Heimat. Tann aber dachte er wieder der Worte des Ministers. Nein, es wäre eine feige Flucht, jetzt zu gehen. Tann rief ihn Polentz zu sich in das Kontor. Das war ein ganz anderer Mann, der da am Schreibtische saß mit seinem ernsten, fast sorgenvollen Gesichte, nicht mehr zu erkennen gegen den Polentz von gestern abend. Und wie er ihm das alles auseinandersetzte, das ganze Geschüftsgebahren, welche Rolle er, Johannes, von nun an darin zu spielen habe. Alles so gediegen, so durch und bnrdj rechtlich. Nur ängstlich wagte er sich ganz zuletzt mit seiner Beobachtung betreffs der Schwiegertochter hervor, mit der Szene im Vorzimmer, die er belauschte, seine Besorgnis aussprechend. Polentz hörte ihm ruhig zu, mit einem fast schmerzlichen Ausdruck um die Mundwinkel. „Ja, die Jugend!" sagte er dann, schwer aufseufzend. „Die heutige Jugend! Aber Sie müssen das nicht so ernst nehmen, lieber Attinger. Wir leben einmal in der Großstadt und nicht ans einem Dorfe. Uebrigens ist Ihr Matthias in diesem Punkte auch nicht vorwurfsfrei, ich weiß es. Nicht, daß ich darin eine Verteidigung meiner Tochter sehe, wohlverstanden; indes — ich will Ihnen was sagen, Johannes, mischen wir uns nicht hinein. _ Wir ziehen doch den kürzeren mit unseren veralteten Anschauungen und können nur Unheil stiften." . ' Johannes mußte ihm auch hierin recht geben. Er hatte einmal kein Urteil über diese fremde Welt und sah wohl alles in zu düsteren Farben. Was kümmerte sie ihn auch weiter? Seine neue Thätigkeit führte ihn ja auf das' Land zu seinen Berufsgenossen. Ehe er dieselbe begann, machte er noch einen kurzen Abstecher nach dem Hofe zu Ferl und Rosl. Es war ihm, als müsse er erst dort die rechte Kraft schöpfen zu dem neuen, verantwortungsvollen Werke. Er traf Ferl und den alten Grimm tu voller Thätigkeit. Große Schlagflächen mären bereits mit kräftigen Pflanzen versehen, anderwärts schloß sich bereits wieder der bei dem großen Neuhieb verschonte Unterwuchs zu förmlichen Dickungen. Es war ein sonderbares Gemisch von Freude über den neuerstehenden Wald und Verdruß über sein feiges Weichen, was in ihm aufstieg. Trotz aller Liebe Rosls, trotz aller Erinnerung, die sie in ihm wachrief an glückliche Zeiten, hielt er es nicht länger aus wie zwei Tage, die Ruhe ringsum regte ihn jetzt auf. * Und am Ende ist doch die ganze Wirtschaft da, das langsame Abwarten und Wachsenzuschauen ein recht kleines Werk gegen das, welches er jetzt vorhatte. Der gesunde Bauerninstinkt hatte ihn bereits verlassen, die Ehrfurcht vor dieser Arbeit im kleinen, die nur die eigene Scholle gab. Tie vielgestaltige des Händlers und Vermittlers erschien ihm bereits viel wichtiger und bedeutender. So Zain Johannes in den allbekannten Einspänner mit dem Apfelschimmel. (Fortsetzung folgt.) Ebbe und Flui als Arbeitskräfte der Zukunft. Von Dr. Gustav Petters. (Nachdruck verböte«.) Daß sich int Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Industrie aus einem schwächlichen Keime zu einem mächtigen Baume entwickeln konnte, und daß die Bevölkerung Europas trotz der starken überseeischen Auswänderung sich in dem genannten Zeiträume auf nahezu das Dreifache zu vermehren vermochte, ist zum größten Teile eine Folge des ■ glücklichen Reichtums unseres Kontinents' an Steinkohle«. Nur die Ettergie, welche in den schwarzen Diamanten 215 == aasgespeichert ist, mit denen wir die Kessel in unseren Fabriken und die Lokomotiven unseres dichtmaschigen Eisenbahnnetzes Heizen, hat die intensive kulturelle Entwicklung Europas ermöglicht, und mit Schaudern denken wir .an eine ferne Zukunft, in welcher uns das nicht hoch genug zu schätzende fossile Brennmaterial ausgehen könnte. Deutschland und England haben zwar einen sehr beträchtliche größeren Kohlenreichtum als alle anderen europäischen Staaten und werden deshalb in den nächsten Jahrhunderten noch mehr als bisher die sührende Rolle unter den Industrieländern einnehmen; aber der Hunger unserer gefräßigen Dampfkesselfeuerungen wächst in einer beunruhigenden Weise, und obwohl die Bevölkerung Deutschlands in den letzten 30 Jahren sich nur um rund 40 Prozent vermehrt hat, ist die Kohlenförderung der deutschen Steinkohlenbergwerke in dem gleichen Zeitraum von 23 Millionen Tonnen auf 110 Millionen, also aus fast das fünffache gestiegen. Unter solchen Umständen denkt man natürlich schon seit langem an die Ausnutzung anderer Hilfsmittel, welche uns die Natur zur Verfügung stellt. Wir zapfen die Wasserläufe vom Gießbach in den Alpen bis zum Rheinfall und dem gigantischen Sturz des Niagara an; wir spekulieren über eine umfangreiche Verwertung unserer Torfmoore als Brennmaterial, wir hoffen, in absehbarer Zeit zur Konstruktion leistungsfähiger Sonnenkraftmaschinen zu gelangen, ja wir wiegen uns sogar in dem schönen Traum, durch Apparate, von deren Konstruktion wir allerdings noch nicht die leiseste Ahnung haben, die enormen Kräfte der atmosphärischen Elektrizität in unseren Dienst stellen zu können. Aber eine der gewaltigsten der Naturkräfte haben wir bisher noch nicht in den Frohndienst menschlichen Nutzens gestellt, obwohl Ansätze zu ihrer Nutzbarmachung weit in die Vergangenheit zurückreichen. Es ist dies die Wasserbewegung der Ebbe und Flut, deren ungeheure Kraft der Strandbewohner täglich vor Augen hat, und deren Ausnutzung, wenn nicht alle Vorzeichen trügen, im neuen Jahrhundert in großem Maßstabe in Angriff genommen werden wird. In der Wasserwelle, welche in ungefähr 12 ein halb bis 13 stündigem Zwischenraum entsprechend dem oberen und unteren Durchgang des Mondes durch den Meridian des Ortes zweimal täglich an die Küsten der Festländer brandet /liegt eine Kraft, von deren Größe sich der Laie wohl kaum eine richtige Vorstellung macht. Unabhängig von irdischen Einflüssen, sondern nur aufgetürmt, durch die seit Jahrmillionen wirkende Anziehungskraft von Sonne und Mond, wirft sich die Flut immer wieder aufs neue an die Gestade, sägt meilenweite Fjorde in dasselbe hinein, verwandelt Halbinseln in Inseln, indem es diese allmählich vom festen Lande losfrißt, und ist sogar tut stände, die Umdrehung der Planeten zu verlangsainen, welche wir noch bis vor kurzem für das einzige unveränderliche Maß in dieser Welt hielten. Ern kleiner Teil dieser nutzlos vergeudeten Naturkraste wäre ausreichend, sämtliche Maschinen unserer Fabriken zu treiben, und es würde immer überreichliche Kraft übrig bleiben, um bis weit ins Binnenland hinein elektrische Ströme zu senden, die unsere Wohnungen erleuchteten und wärmten und für den Küchenofen die erforderliche Heizkraft lieferten. Erstaunt fragt man sich, warum denn eigentlich die Technik nicht schon längst ernstliche Anläufe unternommen hat, Ebbe und Flut als Kraftquellen zu benutzen, und man kann darauf nur die Antwort geben, daß es eben bequemer wär, in den ausgefahrenen Gleisen der mit Kohle geheizten Dampfmaschine zu wandeln; denn an sich ist die Ausnutzung der Kräfte von Ebbe und Flut durchaus nicht etwas so unendlich Schwieriges, wenigstens soweit es sich unt kleinere Anlagen handelt. Ein Beispiel, wie die Sache zu machen ist, hat die Natur dem Menschen selber gegeben, und zwar bei Argostoli auf der Insel Kephalonia (Cephallinia), wo das Meerwasser an zwei Punkten des felsigen Gestades mit einer Masse von 150000 Kubikmeter den Tag und einer Fallhöhe von anderthalbem Meter in den Erdboden hineinfließt, und zwei gewaltige, seit 1835 und 1859 dort errichtete' Mühlen treibt. Dieses Einströmen findet nur bei Flut statt, während zur Ebbezeit das in das Innere der Insel hineingeflossene Wasser auf der anderen Seite der von vulkanischen Kräften unterminierten, von Höhlen und Spalten durchsetzten Insel in Gestalt zweier mächtigen Brackwasser enthaltenden Quellen zu Tage tritt. Es wird also, um Ebbe und Flut zu motorischen Zwecken auszunutzen, immer darauf ankommen, eine Einrichtung derart zu treffen, daß sich zur Flutzeit ein nahe am Meeresstrande befindliches Bassin mit Wasser füllt, während es das letztere zur Zeit der Ebbe wieder abgiebt; die Fallhöhe beim Ein- und Ausströmen muß dann durch Wasserräder und Turbinen zur Krafterzeugung ausgenützt werden. Abgesehen von den oben genannten Meeresmühlen bei Argostoli ist bisher immer nur die Kraft des aus Stau- bassins ins Meer zur Ebbezeit zurückströmenden Wassers ausgebeutet worden. Schon vor 250 Jahren schufen die Holländer nahe bei dem von ihnen gegründeten Neu- Amsterdam, dem heutigen New-Port, und zwar an dem Ufer der heute mit New-Port vereinigten Stadt Brooklyn, umfangreiche flache Staubassins, indem sie die Mündungen einiger sich hier ins Meer ergießenden Bäche erweiterten und gegen letzteres in geeigneter Weise abdämmten. Das in diese Behälter zur Flutzeit eingetretene Wasser wurde während der Ebbe durch Kanäle zu großen unterschlächtigen Wasserrädern geleitet, welche so lange in Gang waren, bis die Bassins sich gänzlich vom Wasser entleert hatten. Tie Reste dieser Anlagen sind zwar noch heute sichtbar, sind aber schon seit einer langen Reihe von Jahren außer Thätigkeit gesetzt worden; andere Staubecken von ge- ringerenr Umfange bei Hamburg an der Unterelbe, bei Bristol in England und an den Küsten der Normandie und Bretagne in Frankreich funktionieren zwar noch, haben jedoch keine Nachahmung gefunden; denn die Staubassins nehmen immerhin einen bedeutenden Raum ein, erfordern erhebliche Anlagekosten und gestalten sich nur dann rentabel, wenn sowohl die Kraft des ausströmenden wie die des einströmenden Wassers zur Benutzung kommt. In dieser Richtung einer doppelten Ausnutzung eröffnet nun eine neue Erfindung eines deutschen Ingenieurs, des Hamburger Wasserbautechnikers R. Knoblochs ungewöhnliche und glänzende Aussichten, da man mit einer nach seinen Angaben gebauten Stauanlage nicht nur zur Zxit der Ebbe ablaufenden Wasser, sondern auch mit dem zur Flutzeit ausströmenden Maschinen treiben kann. Knoblochs Verdienst ist es nun, eine „Ebbe- unb Flutturbine" erfunden zu haben, durch die das Wasser in beiderlei Richtungen, sowohl beim Einströmen aus dem Meere wie beim Zurückströmen in dasselbe passieren kann. Derartige Turbinen sind ztvar an sich nichts Neues; sie haben jedoch die unangenehme Eigenschaft, daß sich mit der Umkehrung der Richtung des durchströmenden Wassers auch die Umkehrung der Turbinenschaufeln umkehrt. Knobloch erreicht nun durch ein System von Klappen, daß in dem Augenblick, wo nach! tiefster Ebbe wieder Flut einzusetzen beginnt oder nach höchster Flut das Meereswasser wieder zu ebben anfängt, selbstthätig eine Umkehrung der Eintrittsrichtung des Wassers in die Schaufeln stattfindet. Ter Effekt ist, daß die Kraft des Wassers durch diese doppelte Umkehrung immer in demselben Sinne wirkt, und dadurch auch! die Dynamomaschinen — es, ist hauptsächlich auf Erzeugung fortleitungsfähiger, elektrischer Kraft abgesehen —' sich in derselben Richtung drehen. Man hat berechnet — und zwar ist dies nicht seitens des Erfinders, sondern durch unparteiische Ingenieure geschehen — daß eine Anlage für 1000 Pferdestärken, wie sie an der Unterelbe bei Hamburg überall ntöglich ist, während zweimal 12 Stunden in vier Perioden durch zu- sanimen 15 Stunden arbeiten würden, und dabei eine Pferdekraft in der Stunde um den billigen Preis von 5 einen halben Pfennig liefern könnten, obwohl während der übrigen 9 Stunden eine Tampfkraft den Weiterbetrieb übernehmen müßte. An der Elbmündung, wo die Ebbe und Flut wentger intensiv ist als anderswo, arbeitet eine derartige Kraftanlage itoch mit verhältnismäßig geringem Nutzeffekt. Weitaus günstiger gestaltet sich jedoch der Betrieb an Küsten mit höheren Gezeiten. Schon in Bremerhaven, wo die 216 - durchschnittlich« Kluchöhe mit 3,30 bis 3,40 Meter um die Hälfte höher ist als bei Hamburg, wäre die Rentabilität um fünfzig Prozent besser. Noch vorteilhafter liegen natürlich die Verhältnisse au Küsten mit hoher Flut. Solche Gestade sind der Kanal von Bristol, bei welcher Stadt der Flutwechsel 9,6 Meter beträgt während er bei Portishead sogar die Zahl von 12,2 Meter erreicht, ferner die Ufer bei Golfs von Saint-Malo, wo zwischen Ebbe und Flut eine Differenz von 11 Meter liegt, und ferner überhaupt die ganzen atlantischen Gestade Europas. Auch die östliche und westliche Uferlinie bietet überall mit ihrer Fluthöhe günstige Gelegenheit zur Anlage derartiger Kraftstationen. Weniger günstig liegt die Sache für die nach Süden und Norden gelegenen Küsten, weil dort die Fluthöhe eine niedrigere ist; tn Binnenmeeren wie im Mittelländischen, dessen Fluthöhe nicht viel mehr denn einen Meter beträgt, wäre die Schaffung einer derartigen Anlage wenig angebracht, und in der Ostsee, wo der Flutwechsel fast mikroskopisch klein ist, nämlich zwischen 20 und 70 Millimeter beträgt, ist sie natürlich eine bare Unmöglichkeit. Bieten die deutschen. Nordsee-Küsten auch mit ihrer geringeren Fluthöhe nicht so viel günstige Verhältnisse wie die atlantischen Gestade Englands und Frankreichs, so smd anderseits an den Steilküsten der genannten Länder große Bassins zur Aufnahme des Flutwassers nur mit wert größeren Kosten anzulegen als an den flachen Ufern der Nordsee von der holländischen bis zur dänischen Grenze. Die Deutschen kpnnen also sehr gut mit diesen Ländern in wirksame Konkurrenz treten, nmsomehr als es in dem flachen Wattenmeer Küstenstreifen genug giebt, welche jetzt nahezu wertlos sind und die Gewinnung von Wasserkräften gestatten, die sich auf Millionen-von Pferdekräften beziffern. Die Ausnutzung von Flut und Ebbe ist, wie man zu sagen pflegt, ein Millionenkapital, das auf der Straße liegt; In Gebirgsländern sind fast alle erheblichen Wasserkräfte bereits für gewerbliche Anlagen angekauft; die dauernde Höhe der Kohlenpreise wird nun das übrige dazu thun, die Verwertung der unbändigen Kraft des Meeres anzubahnen. Die Nachfrage nach billiger Kraft ist überall vorhanden und wird, da die ganze moderne Entwickelung dahin geht, menschliche und tierische Kräfte durch maschinelle zu ersetzen, auch in absehbarer Zeit nicht nachlassen. G enieinnützi ges. Mittel gegen jede Art von Flechten. Eine Abkochung der Wurzel der großen Klette, die sehr bekannt und überall erhältlich ist, leistet hier gute Treuste. Wahrend einiger Wochen täglich als Thee genommen, hat man damit diese Krankheit mit Erfolg bekämpft. Außerdem ist reizlose Kost, Bewegung in frischer Luft, Hautpflege im allgemeinen, Dampf- und Wannenbäder, sehr zu empfehlen. Frenfien, Die Sandgräfin. Die Sandgräsin. Roman von Gustav Frenssen. 2. Auslage, geb. 5 Mk. Berlin, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung. 1901. Obschon, vielleicht gar gerade weil Kürschners Litteratur- kalender seinen Namen verschweigt, zählt Gustav Frenssen zu den gottbegnadeten Dichtern. Wie seine Schöpfung „Die drei Getreuen", so atmet auch die „Sandgräsin" trotz des prosaischen Titels eitel Poesie. Der Wahrspruch „Die Liebe überwindet alles" gelangt hier zu voller Lebens- und Gell altungskraft. Ich habe das Buch in den Ostertageu ge- eien und daran eine Osterlektüre gefunden, tote man sie esselnder und ergreifender sich kaum wünschen kann. Diese Liebe, die dem Verfall wehrt, der Wahrheit über alles gilt, und die damit Lebenslust und Mut zu wecken versteht, indem sie sich mit voller Hingabe sür die bedrängten Nächsten in die Schanze schlägt, das ist des Oster- ^heimnisses innerstes Wesen und belebende, lauternde Wer je des Meeres Hauch gespürt und der Küsten- hewohner Kampf ums Dasein geschaut hat, der wird sich In die Felder vorstehenden Quadrates find die Buchstabe« AÄ, EE, HH, I, LL, 0000, RR, 8 derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen gleichlautend mit den senkrechten stnd und Wörter von der bei- gesügten Bedeutung bilden. Auflösung in nächster Rümmer. dem Zauber der markigen und doch so sinnigen Darstellungen Frenssens nicht verschließen köiinen und mit uns dem Verfasser Tank wissen für die glückliche Verschmelzung von Wahrheit und Dichtung, die er uns auch hier so vollendet geboten. Wir können es uns nicht versagen, das Vorwort zu gedachtem Roman wiederzugeben, und hoffen, daß des Verfassers darin zu Tage tretende gewinnende Art ihres Eindruckes auf den empfänglichen Leser nicht ermangeln wird. Bdt. Vorwort. Tie Heimat ist Marschland, fruchtbar wie ein Treibbeet und ebep wie eine Schiefertafel. Die Geschichte hat nicht viel darauf geschrieben, und die Menschen gehen schwerfällig darüber hm, wie die Hand eines siebenjährigen Kindes. Der Knabe, der in dieser Heimat auf- wuchs, hatte eine unruhige Phantasie, aber keine Gelegenheit, sie zufrieden zu stellen. Er suchte ein Land, mannigfach in feinen Formen, schön in seinem Wechsel, und fand es nicht. Eine Stunde Wegs entfernt war nach Westen das Meer, das immer unruhige. Zu Osten aber stieg steil das alte Land aus, das trug Dörfer und Hügel, Heide und Wald bunt durcheinander. Dahin floh die hungrige Seele. Heber das wüste Meer und über die öde Heide sah der Knabe Menschen ziehen, die viel Großes und Hartes erlebten. . . . Als er dann anfing, ein Mann zu werden, schrieb er dies fein erstes Buch. Er ist seitdem ein gut Stück weitergekommen, hat langsamer gehen und deutlicher sehen' gelernt. Aber wenn er einmal wieder in dies Buch sieht, wird ihm nicht leid thun, was er geschrieben hat. Er wird sich freuen, daß er's so fröhlich niederschrieb, und wird sich wundern, daß er damals so Vieles und so Buntes gesehen hat. Wundern wird er sich, so lange er lebt. Das nil admirari wird er immer andern überlassen. Der Verfasser. Quadraträtsel. Nachdruck verboten. 1. Arzneipflanze. 2. Stadt in Baden. 3. Fluß in Amerika. 4. Altgriechischer Gott. Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: F REH BRUST STIEFEL FEUERWEHR SCHWEIN GLEIM UHU R Auflösung des Preisrätsels in Nr. 49: a. Enkel, Amor, Roten, Emil, Stern, Mahl, Dirne, Bart, Salbe, Reis, Otter, Sense, Genie. b. Nelke, Omar, Tonne, Leim, Ernst, Halm, Kinde, Trab, Basel, Eris, Torte, Essen, Neige. — Not lehrt beten. Es gingen insgesamt 90 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 1, Einsender: Friedrich Ludwig Schmidt, Alten-Buseck. „ 21, „ Bertha StraNb, Gießen, Bergstr. 21. „ 56, „ Louise Koch, Gießen, Bleichstr. 13. „ 58, „ 31. Plank, Gießen, Schanzenstr. Der Preis — Fred Rompel, „Siegen oder Sterben. Die Helden des Burenkrieges" — ist von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. «ebÄtirm 8- «nrkhardt. — Snrf «ch Nrrl», brr »rsthl'schm UMNerMtS-Buch. «e* 6«i*Mra