Nr. 181. 1901. M LM WWM i-Viv." •;• ■ —JXuA..- ? ■ ■ , uS Glück Vorteil ziehen kann jeder; sein Glück bcnntzen ist dem Hippel. Weisen Vorbehalten.. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmanm (Fortsetzung.) Sekutldenlänges Schweigen folgte dieser Erklärung, und der Ausdruck eitler grenzenlosen Ueberraschung auf dem Antlitz des Untersuchungsrichters inachte einer Miene tiefen, feierlichen Ernstes Platz, wahrend er in dem vor ihm liegenden Aktenstück blätterte und sich ganz in den Inhalt desselben •Vit Vertiefen । tfiien. „Nehmen Sie, bitte, noch einmal Platz, Herr Assessor!" sagte er endlich, in auffallend verändertem T-one. „Wenn dieser Mantel, tote Sie sagen, der Ihrige ist, werden Sre mtt ja auch angeben können, auf welche Art er an seinen Fundort gelangte." , . „Nein, das kann ich nicht. Den,t noch vor wentg Mt- nnten hätte ich darauf geschworen, daß er zu Hause in meinem Kleiderschrank hänge." „Er niüßte Ihnen also gestohlen worden sem? Und danach wäre der Mörder des Doktor Müller zugleich auch ein Dieb." „ , „Ich kann dieser Vermutung utcht wtdersprechen — vorausgesetzt, daß es wirklich der Mörder war, der ihn dort ins Gestrüpp geworfen." . „Darüber kann wohl kein Zweifel obwalten. Aber wenn Sie keinen 'Verdacht hinsichtlich der Person des Attentäters hatten, so haben Sie doch jetzt vielleicht einen Verdacht hinsichtlich der Person des Spitzbuben. Sind Ihnen denn in der letzten Zeit noch andere Gegenstände abhanden gekommen außer diesem einen?" „Nicht daß ich Wüßte. Und ich wiederholte, daß ich auch von einer Entwendung des Mantels, den ich zuletzt im verflossenen Frühjahr getragen, nicht das Geringste ahnte." „Aber Sie haben doch keine andere Erklärung als die eines Diebstahls?" „Nein, ich habe keine andere." „Wann müßte derselbe wohl Ihrer Meinung nach verübt worden sein?" „Jedenfalls innerhalb der letzten drei Wochen; denn es kann noch nicht länger her sein, daß ich den Mantel an seinem Platze im Schrank gesehen. In Bezug auf die Person hege ich keinen Verdacht." „Besitzen ©ie vielleicht auch einen weichen, ziemlich breitrandigen Filzhut von grauer Farbe?" „Ja." „Pflegten Sie denselben häufig zu tragen?" >,Neuerdings nicht mehr." „Und wo befitldet er sich in diesem Augenbltck?" „In meiner Wohnung." ' „Sie sind also ganz sicher, daß er Ihnen nicht etwa ebenfalls gestohlen worden ist?" „Ich glaube nicht, wenn ich mich auch in diesem Augenblick nicht erinnern kann, daß er mir in der letzten Zeit zu Gesicht gekommen wäre." „Von Ihren Hausgenossen hatte niemand einen Haß -oder einen tiefer gehendett Groll gegen den Doktor Müller?" „Soweit es sich um die Mitglieder meiner Familie handelt — gewiß nicht!" „Aber Sie selbst hatten vielleicht irgend eure Ursache, ihn: unfreundlich gesinnt zu sein?" Während alle seine bisherigen Antworten rasch tnti) bestimmt erfolgt waren, zögerte Herbert jetzt mit der Erwiderung. In merklich unsicherem Tone sagte er endlich: „Eine Erklärung auf diese Frage muß ich zu meinem Bedauern verweigern." „Der Diener des Doktor Hermann Müller hat ausgesagt, daß Sie sich sowohl bei Ihrem ersten Besuche vor einigen Tagen wie namentlich gestert: abend augenscheinlich in sehr übler Laune und, wie er gesehen ztt haben glaubt, sogar in großer Atisregung befanden. Ich habe diesen Bekundungen bisher keinen Wert beigelegt, möchte Sie aber nun doch bitten, sich darüber ztt äußern." „Ich kann nicht bestreiten, Herr Rat, daß der Dtener meinen Gemütszustand ziemlich richtig beurteilt hat." „Und welches war die Ursache Ihrer Aufregung? Stand sie etiva im Zusammenhang mit jener zwischen Ihnen und dem Doktor Müller obschwebeuden Privatangelegenheit, deren Sie vorhin. Erwähnung thaten?" „In einem gewissen Sinne — ja." „Sie beharren dabei, -eine nähere Auskunft über die Natur dieser Angelegenheit abzulehnen?" fragte der Landgerichtsrat. , ., , „Ich sehe mich außer stände, sie zu geben", erwiderte! der Assessor. , L „Und Sie wollen mir auch nicht sagen, ob etwa eine Dame dabei im Spiele ist?" Die Antwort Herberts bestand nur in einem bedauernden Achselzucken. Und der Untersuchungsrichter, der wieder tu seinem Aktenstück geblättert hatte, fuhr fort: „Bleiben wir also zunächst bei den offen zu Tage ltegen- den Thatsachen! Sie erfuhren von dem Diener Ptnmg, daß sein Herr nicht anwesend sei, und Sie erklärten, inner- halb einer Stunde bestimmt noch einmal vorsprechen zu wollen. Sie sind aber trotzdem nicht wiedergekommen. „Nein. Ich hatte mich eben inzwischen eines anderen besonnen, und die Besprechung mit dem Doktor erschten nur nicht mehr so dringend, daß ich ihn deshalb zu dieser späten Stunde hätte belästigen müssen." — 722 — „Wo haben Sie bett» bett Rest des Abends verbracht? Sind Sie sogleich in Ihre Wohnung zurückgekehrt?" „Nicht sogleich, sondern erst »ach einigen Stunden." „Können Sie mir bie Zeit nicht eitvas genauer an« geben?" „Es mag gegen Mitternacht geitiefen sein. Genauer vermag ich es nicht zu sagen." „Ihr Gespräch mit bem Dietier Pining hatte zwischen acht uttb neun Uhr stattgefunben. — Ihre Heünkehr erfolgte, wie Sie angebeu, gegen Mitternacht. Es liegen zwischen beiben Ereignissen also minbestens drei Stunben. Natürlich werben Sie mir ohne weiteres Mitteilen können, wo unb in wessen Gesellschaft Sie bieselben zugebracht." „In niemanbs Gesellschaft, als in meiner eigenen, Herr Rat! Ich bin eben spazieren gegangen!" „Wie? Zu solcher Tageszeit? Unb brei ganze Stunben lang? Sie müssen schon verzeihen, Herr Assessor, wenn mir eine solche Erklärung einigermaßen besremblich vorkommt." „Sie entspricht nichtsdestoweniger ber Wahrheit." „Pflegen Sie öfter berartige lang ausgedehnte nächtliche Spaziergänge zu machen?" „Zu meinen ständigen Gewohnheiten gehören sie jeben- falls nicht." „Daß Sie es gerabe gestern thaten, hing ivvhl auch mit Ihrer außergeivöhnlichen Aufregttng zusammen^ „Vielleicht." „Nun, so werben Sie mir doch wenigstens sagen können, wo Sie spazieren gegangen sinb. Machten Sie Ihre Pro- menabe etwa in ben zur Heilstätte gehörigen Anlagen?" „Nein. Ich habe bieselben nach meinem mißlungenen Versuch, ben Doktor Müller zu sprechen, unverzüglich verlassen." „Unb sinb auch nicht mehr in diese Gegenb zurückgekehrt?" „Nein." „In welchem anderen Teile der Stabt also haben Sie sich währenb der drei Stunben auf geh alten?" „Ich kann darüber nähere Angaben nicht machen." „Das heißt: Sie haben es vergessen? Obwohl erst eine so kurze Zeit seitdem vergangen ist?" „Ich habe es nicht vergessen, aber ich wünsche barüber zu schweigen." Die klugen unb sonst so freundlichen Augen bes Untersuchungsrichters hefteten sich mit tiefernstem, durchdringen- bettt Blick auf bas Antlitz bes Assessors. Herbert aber hielt ihnen Stand, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Er war noch immer sehr bleich, unb der Umstand, daß er bisher nicht bas geringste Befremden über die sonderbaren Fragen des Landgerichtsrates geäußert hatte, bewies zur Genüge, daß er sich der Bedeutung dieses Verhörs vollkommen bewußt war. Aber in seinen Zügen war nichts von Aufregung und Unruhe zu lesen. Mit unbewegter Miene erwartete er die Fortsetzung des Verhörs. „Es müssen sehr triftige Gründe sein, Herr Assessor, bie Sie bestimmen, auch in Bezug auf Dinge, bie jebent anderen sehr harmlos erscheinen würden, die Auskunft zu verweigern. Aber mir scheint, daß Sie in Ihrem eigenen Interesse gut thäten, etwas weniger zurückhaltend zu sein. — Für jetzt nur noch eins: Wie waren Sie gekleidet, als Sie gestern mit dem Diener des Doktor Müller sprachen?" „Genau wie in diesem Augenblick, Herr Rat!" „Das heißt: Sie trugen diesen dunklen Winterpaletot und diesen Cylinderhut?" „Fa. „Wieviel Zeit ist tiaeh Ihrer Schätzung erforderlich, um von der Wohnung des Doktors bis zu der Ihrigen zu gelangen?" „Es mag ein Weg von ungefähr zwanzig Minuten sein. Ein rasch ausschreitender Fußgänger macht ihn vielleicht noch schneller." „Sie hätten also, wenn es Ihr Wunsch gewesen wäre, sich daheim utnzttkleiden und noch vor Ablauf einer Stunde wieder wt Der Nähe der Heilanstalt zu sein, eine solche Absicht in aller Bequemlichkeit aus führen können?" „Nach meiner vorigen Erklärung, Herr Rat, beantwortet sich diese Frage wohl von selbst." „Sie behaupten aber, zwischen acht und zehn Uhr nicht wieder in Ihrer Wohnung gewesen zu sein?" .L „Allerdings — ich behaupte es/« „Sind Sie im Besitz eines Revolvers oder einer änderen Schußwaffe?" „Nein." „Wünschen Sie mir vielleicht aus freien Stücken noch irgend etwas zu sagen, das Ihrer Ansicht nach zur Aufklärung der Sache oder zur Ermittelung der Schuldigen beitragen kann?" „Ich weiß nichts derartiges, Herr Rat!" „?lun, Herr Assessor Jgnatins, so muß ich Ihnen zu meinem tiefsten Schmerz erklären, daß Sie selbst in hohem' Grade verdächtig erscheinen, dieser Schuldige zu sein. Und um des Namens willen, bett Sie tragen — um Ihres! ehrenwerten, hochgeachteten Vaters willen, lege ich Ihnen bringend ans Herz, die Wahrheit zu sagen und Ihr Gewissen' zu entlasten. Ein Mann von Ihrer Bildung und Erziehung! kann doch unmöglich gesonnen sein, sich den Folgen einer vielleicht in blinder Leidenschaft begangenen Thal durch! feiges Leugnen zu etitziehen." Um Herberts Lippen zuckte es wie ein bitteres Lächeln. „Daraus, daß ich eine solche Mahnung würde über mich ergehen lassen müssen, war ich bei meinem Eintritt in dies Zimmer allerdings nicht vorbereitet. Aber ich begreife Ihren Irrtum, Herr Landgerichtsrat, und gestehe offen, daß ich wahrscheinlich zu denselben Schlüssen gekommen wäre, weuti ich dort an Ihrer Stelle säße. Am Ende muß ich ja noch froh sein, daß Sie in so humanen! Worten an mein Ehrgefühl appellieren und tnich nicht vielmehr von vornherein wie einen überführten Meuchelmörder behandeln." Auf ber Stirn des alten Herrn erschien eine Falte des Unmutes. „Statt mir diese überflüssige Anerkennung zu teil werden zu lassen, sollten Sie lieber darauf bedacht sein, mich meines angeblichen Irrtums zu überführen. Sie haben mir auf eine ganze Reihe von Fragen bie Antwort verweigert, unb gerabe bas ist es, was den gegen Sie vorliegenden Ver- dachtsgrünben ein so schweres Gewicht giebt. Ich fordere Sie also nochmals dringend auf, dies gefährliche Versteckspiel nicht fvrtzusetzen und mir wenigstens zu sagen, welcher Art die Differenzen waren, die ohne allen Zweifel zwischen Ihnen und bem Doktor Müller bestauben." „Ich vermag meinen vorigen Erklärungen nichts hinzu- zufügen, Herr Rat! Was ich sagen konnte unb durfte, habe ich gesagt." „Dann haben Sie sich's selbst zuzuschreiben, wenn ich nach den prozessualischen Vorschriften, die kein Ansehen ber, Person kennen, gegen Sie verfahre. Ich erkläre Sie für! verhaftet, Herr Assessor!" Herbert verbeugte sich leicht. „Ich konnte es' nicht anbers erwarten unb ich habe für bett Augenblick nur noch eine einzige Bitte." „Lassen Sie hören!" „Mein Vater ist noch immer leibend uttb jebe hochgradige Aufregung bedeutet eine Gefahr für sein Leben'.! Wenn es also möglich wäre, ihm die Nachricht von meiner! Verhaftung und die Ursachen derselben auf eine schonende! Weise beizubringen--■" „Ich werde mich! bemühen, diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Sonst also haben Sie mir nichts zu sagen?" „Nichts!" Der Landgerichtsrat machte eine vielsagende Bewegung mit ben Schultern, bann griff er nach ber Glocke, um bie Abführung bes Untersuchungsgefangenen Herbert Ignatius! zu verfügen. Neunzehntes Kapitel. Es schien fast, als hätten bie schmerzlichen unb aufregen-! bett Ereignisse der letzten Zeit ben Stabtrat Ignatius nachgerade unempfindlich gemacht für die Pfeile, bie das! tückische Schicksal in so rascher Folge auf ihn absandte. Als ber Polizeikommissar Pauli unmittelbar nach Herberts! Vernehmung vor bem Untersuchungsrichter erschien, um nach gewissen Gegenständen zu suchen unb zugleich den Angehörigen des Verhafteten in schonender Weife von dem Vorgefallenen Kuttde zu geben, legte unter allen Bewohnern bes Hauses gerade der Kämmerer die größte Fassung und! eine beinahe an Gleichmut grenzende Zuversicht an den Tag. „ , , Er unterbrach die Erzählung des Kommrsfars toteber» holt durch ein sarkastisches Auflachen und sagte, der Herr Landgerichtsrat werde schwerlich Veranlassung haben, sich des heute bewiesenen, Scharfsinns später mit besonderen 723 GenugthuUng zu erinnern. Ein unsinnigerer Mißgriff als diese Verhaftung seines Sohnes sei wohl kaum jemals dagewesen, und er werde nach seiner Wieder genefung selbst dafür sorgen, daß der thörichte Uebereifer des Herrn Untersuchungsrichters von feiten der vorgesetzten Instanz die gebührende Anerkennung finde. In der That glaubte er keinen Augenblick an Herberts Schuld und hielt sich fest überzeugt, daß binnen kurzem seine Freilassung werde erfolgen müssen. Wenn aber sein Erschrecken wie seine Entrüstung über die dem Sohne zugefügte Unbill sich in so wenig heftigen Formen äußerten, so geschah es, weil diese so ganz außerhalb aller vorherigen Berechnung liegende Verhaftung seinen Absichten auf eine geradezu wunderbare Weife zu Hilfe kam. Während der unendlich langen, schlaflosen Nacht hatte sein erfinderischer Kopf einen verwegenen Plan ersonnen, der ihm als pie letzte Möglichkeit der Errettung aus seiner verzweifelten Lage erschienen war. Felicias leidenschaftliche Liebe und der Stolz seines Sohnes sollten ihm, wie er meinte, dennoch helfen, das tollkühne Spiel zu gewinnen. Und er glaubte die Karten dazu nicht einmal mit besonderer Geschicklichkeit mischen zu müssen. Es war genug, tvenn es ihm gelang, die Amerikanerin zu sprechen und ihr die Gefahr zu offenbaren, in der er sich befand. Daß dies Geständnis eine furchtbare Demütigung für ihn bedeuten würde, verhehlte er sich zwar nicht; aber keine Regung des Ehrgefühls machte ihn auch nur für einen Augenblick an seinem Vorhaben irre. Wenn er nur der Schande und dem öffentlichen Skandal entging, so brauchte es ihn wenig anzufechten, welche Meinung seine künftige Schwiegertochter n-on ihm hatte. Und zu einem Kopfzerbrechen darüber, wie sich etwa künftig ihr gegenseitiges Verhältnis gestalten würde, war jetzt wahrscheinliche nicht die rechte Zeit. Er wollte Felicia alles sagen und wollte sie glauben machen, daß Herberts abweisendes Verhalten gegen ihre Vorschläge lediglich seiner zartfühlenden Bedenklichkeit entsprungen sei, ihrem Gelds die Rettung der Familienehre zu verdanken. Zugleich aber wollte er ihr den sicheren Weg zeigen, auf dem sie ihr Ziel, den Besitz des so heiß geliebten Mannes, Unfehlbar erreichen würde. Wenn sie ohne Herberts Vorwissen die hunderttausend Mark hergab, deren der Kämmerer bedurfte und wenn sie ihren Verlobten dann vor eine vollendete, nicht wieder rückgängig zu machende Thatfache stellte, so mußte derselbe Stolz, der ihn jetzt so hart gegen Felicias Bitten gemacht hatte, dem Assessor verbieten, das fürstliche Geschenk ohne die erwartete Gegenleistung anzunehmen. Er konnte sich nicht länger weigern, die Trauung Unter den von ihr gestellten Bedingungen stattfinden zu lassen, und er würde durch jene Verpflichtung für alle Zu- kunst mit stärkeren Ketten an sie gefesselt sein als durch die leidenschaftlichste Liebe. (Fortsetzung folgt.) Vom Monat Dezember. Dezember 19 01, (Nachdruck verboten.) ' Vom Dezember erwartet man schon echtes Winterwetter; regnerische Witterung bildet in der Regel den ungemütlichen Uebergang zu Frost und Schneegestöber. Kalendermäßig beginnt der Winter, wenn die Sonne in das Zeichen des Steinbocks tritt, am 22. Dezember und die kürzesten Tage und längsten Nächfe bringt. Das dann wachsende Licht erfüllt die Herzen wieder mit froben Hoffnungen auf ein neues, segenbringendes Jahr, auf eine gute Zukunft und auf fonnenreiche lichtvollere Tage; auf diesen letzteren beruhte die uralte Feier des Winter-Sonnenwendfestes. Jetzt ist es' der Christenheit froher Feiertag — die Feier der Geburt des Christkindes — das WeihnacWfest, das Fest des Lichtes, des Friedens und der Liebe, — aber auch zugleich ein Fest der Schnabelweide für groß und klein. An den Rüstungen zum Weihnachtsfeste, von dem uns nur noch wenig Wochen trennen, nimmt darum auch der Markt in seiner Weise teil. Es bietet in diesen Wochen, was die Winterszeit zu bieten 'vermag. Außerordentlich gut ist der Fleisch- und Geflügelmarkt versorgt. Vorherrschend unter dem Geflügel ist noch immer die Gans, Enten werden schon seltener. In guter Ware ftnden wir Hühner, Perlhühner und die hochgeschätzte Pute oder Truthahn, der besonders in Frankreich und England auf jeder Weihnachtstafel seinen Platz einnimmt. Feines Mastgeflügel, als Kantburger Kücken, steirische Kapaunen, Brüsseler und französische Masthühner bieten die Delikateßhandlungen. Wildgeflügel ist durch recht feiste Fasanen, bulgarische Steinhühner, Schnepfen aus Dalmatien, Schnee-, Birk- und Haselhühner aus Rußland vertreten. Das Wild unserer Waldungen, zumal der Hase, scheint in diesem Winter nicht billig zu werden, auch Rehwild wird teuer, da in der zweiten Hälfte des Monats die Jagd auf Riken aufhört. Vorhanden ist Rot- und Damwild, sowie Wildschwein, sodaß zu Weihnachten auch! der von unseren Vorfahren besonders gefeierte „Juleber" nicht fehlt. Als willkommene Aushilfe für das teuer werdende Reh fendet Rußland das Renntierfleisch, das namentlich dann vollkommenen Ersatz leistet, wenn es von jungen Tieren stammt. Ein beliebter schwedischer Leckerbissen sind Renntierzungen, die in Büchsen eingelegt, von Schweden und Norwegen aus in den Handel gebracht werden. Eine wohlschmeckende Zubereitung der Renntierznngen ist folgende: Man kocht drei Renntierzungen ab, zieht die Haut herunter, legt sie in eine Kasserolle auf Speck, Schinken und Wurzelscheiben, gießt eine leichte Bouillon aus Liebigs Fleisch-Extrakt nebst zwei Glas Madeira darüber und dämpft sie weich. Man richtet sie in Scheiben geschnitten kranzförmig an, füllt in die Mitte gedämpfte Champignons, viereckig geschnittene Salzgurkenscheiben und kleine Wildklöschen. Der entfettete und mit Kraftsauce verkochte Fleischsaft wird darüber gegossen. Im Fifchhandel nimmt der Karpfen als beliebter Weihnachtsfisch allgemeines Interesse in Anspruch; Nach Einführung des Christentums in Deutschland wurde der Karpfen, der int Schwarzen Meer und der unteren Donau heimisch war, durch! byzantinische Mönche in klösterlichen Gewässern in Pflege genommen, und so an die Kloster- zucht gebunden, daß er einfach! „Klosterfisch" genannt wurde. Erst vor ungefähr 30 Jahren hat die Karpsenzncht an Ausdehnung derart zugenommen, daß dieser Fisch in ganz Deutschland verbreitet ist, und überall zum Weinachtsfest und Sylvesterabend der übliche „Bierfisch/' genossen wird. — Bon Binnenfischen sind Aale, Barsche, Brassen und Hechte noch vorzüglich. Sehr feine Tafelfische find jetzt: -Zander, Steinbntt, Saibling, sowie Rhein- nnd Ostseelachs. Schellfisch: Kabeljau, Rotzunge, Scholls sind die billigen Seefische, und da sie sich auch in brauner Biertunke zubereiten lassen, finden auch sie allmählich in der einfachen bürgerlichen Küche — wenn von der symbolischen Bedeutung des Rogens abgesehen wird — als Weihnachts- und Shlvesterfische Verwendung. Man bereitet zu ein einhalb Pfund Schellfisch folgende Soße. 15 Gramm Mehl röstet man mit 20 Gramm Butter, fügt etwas Snppengemüse, einen Eßlöffel Zitronensaft, etwas Zitronenschale, eine kleine Brotkruste, ein halbes Liter Braunbier, 40 Gramm geriebenen Fischpfefserkuchen, ein Viertelliter Brühe ans 5 Gramm Liebig's FleisäfiExtrakt bei, und kocht das in Stücke geschnittene Fischfleisch darin gar. Dann gießt man die Tunke durch, giebt noch 30 Gramm Butter hinzu, schmeckt sie mit Salz und Pfeffer ab, und giebt sie über die Fischstücke. Feine Fischkonserven, Hummern und Suppenkrebse sind preiswert. Gut find Sardinen, und Kaviar wird in den feinsten Marken an der unteren Wolga, dem Ton, Bug, Dnjestr, und von dem adriatischen Meer gewonnen. Der Gemüsemarkt bietet trotz der vorgerückten Jahreszeit noch viel und mancherlei; in erster Linie Grün- und Braunkohl, Weiß- und Rotkohl, Wirsing, italienischen Blumenkohl, und auch noch guten Spinat, weiße und Teltower Rüben, Kohlrüben, rote Rüben oder Bete, Karotten, sehr schöne Schwarzwurzeln, Sellerie, Petersilie, Porree und Zwiebeln. Dabei bemerken wir, daß man eine angeschnittene Zwiebel nicht verwerten soll, da sie mitunter schädlich wirken soll. Für Salat giebt es Endivien, Rapunze, feinen Treibsalat, Erfurter Kresse, Eskarol und Treibgurken. Ferner sieht man gute Radieschen, seine Treibgemüse, der seltene rind feine Palmkohl, Cardy, Arti- schoken, Süßfenchel, sowie ausgezeichnete Gemüse-Kon- serven und Präserven. Auf dem Obstmarkt sind vorherrschend Aepfel, aber leider nicht billig. Birnen verschwinden fast gänzlich, dafür ist die Nußernte gut, und reich ausgefallen. Tie Auslagen der Telikateßhandlungen stellen in rhrer Mannigfaltigkeit fast eine Heine Ausstellung vor. Da liegen saftige Granatäpfel, aromatische Ananas, Treibhaus- tranhen, spanische Mandeln, Apfelsinen, Mandarinen und ^■721 andere Rasch fruchte neben feinen PuusHexstakteu und Bowlenessenzen in eleganten Krügen und Flaschen, die unter den bestechendsten Bezeichnungen für, tzen Sylvester- trimk au gebotet! werden. Rex, ein neues Brettspiel. Preis je nach Ausstattung 4, 6, 12, 25, 100, 220, - 4ÖÖ Mk. Im Rex-Verlag, Rudolf Schilling, Homburg v. h. erschien vor kurzem ein neues, in seiner Art nicht minder anregendes Spiel als das Schachspiel, das indes auf Grund der sehr e i n f a ch e n Spielregeln, die wir hier folgen lassen, ohne umfassende- Vorübungen von jedermann leicht begriffen und gespielt werden kann. I. Erläuterung: Brett- Ter Spielplan zerfällt in 3 Abteilungen und zwar: die beiden sich gegenüberliegenden La g e r st e llun g e n mit je 35 und das Gefechtsfeld (in der Mitte) mit 48 Feldern oder Punkten. Jede der beiden Parteien hat 35 Figuren. Aufgabe. Tie Aufgabe besteht darin, unter Beachtung der nachstehenden Spielregeln mit möglichst geringem Verlust an Truppen das feindliche Lager zu erobern. Die Bewegungen, welche zu diesem Zweck auszuführen sind, setzen sich zusammen aus Sprung und Schritt. Sprung- Der Sprung erfolgt von einem Feld einer Abteilung nach einem Feld der unmittelbar davorgelegenen Abteilung und kann über eigene und fremde Figuren hinweg ausgeführt werden. Es darf also aus dem eigenen Lager nur in das Ge- fechtsfeld und ans dem Gefechtsfeld nur in das feindliche Lager gesprungen werden, (nicht-aber aus dem eigenen direkt in's feindliche Lager). Schritt- Als Schritt gilt das Fortbeivegen einer Figur von einem Feld auf einer von diesem aus g eh en den Linie in gerader Richtung nach dem nä chst en Feld.. Der Schritt kann sowohl vor-, rück- als seitwärts ausgeführt werben. Durch Sprung avancieren die Truppen, während sie durch Schritt gleichsam eine nächstgelegene Deckung erreichen. II. Spielregeln: 1- Bei Beginn des Spieles stellt jede Partei ihre 35 Figuren im Lager auf die für die einzelnen Figuren bestimmten Felder auf. 2- Fede Partei hat abwechselnd einen Zug. Weiß beginnt- Vor rücken. 3. Das Vorrücken aus dem Lager in's Gesechts- seld erfolgt durch: 1 Spruug — aus dem Lager nach einem beliebigen freien Punkt im Gefechtsfeld und unmittelbar daran anschließend 1 Schritt —' von diesem aus in gerader Richtung auf ein nächstes freies Feld. (Sprung —Schritt gleichlZug.) Einrücken. 4. Das E i n r ü ck e n aus dem Gefechtsfeld in's feindliche Lager erfolgt durch: 1 Schritt — (aus Deckung auf ein nächstes freies Feld); 1 Sprung — aus dem Gefechtsfeld auf ein freies Feld im feindlichen Lagers 1 Schritt — von diesem Feld aus auf ein für die betr. Figur bestimmtes freies Feld. (Schritt—Spruug — Schritt gleich 1 Zug, sind stets in dieser Reihenfolge unmittelbar nach einander auszuführen). Im feindlich en Lager darf nur auf ein solches Feld gesprungen werden, von welchem aus durch 1 Schritt ein für die betr. Figur bestimmtes Feld zu erreichen ist. Schritt. 5. Kann eine Partei lange keine Figur in's Gefechtsfeld oder in's feindliche Lager vorführen, so hat sie innerhalb des Gefechtsfeldes einen Schritt zu machen. Zug oder Schritt. 0- Hat eine Partei sämtliche Figuren aus dem eigenen Lager herausgebracht, dann steht es ihr bei den ferneren Zügen frei, entweder eine Figur aus dem Gefechtsfeld in's feindliche Lager vorzuführen (eiuzurücken) oder innerhalb des Gefechtsfeldes einen Schritt zu machen. III. Entscheidung: Sieg. Das Spiel ist zu Ende, wenn beide Parteien keine Figur mehr int Gefechtsfeld oder tut feindlichen Lager unterbringen können. Siegerin ist diejenige Partei, welche (mit Rücksicht auf die Bewertung der Figuren) das feindliche Lager am stärksten besetzt hat. Gefangennahme- Falls die den Zug habende Partei weder eine Figur in's Gefechtsfeld ober feindliche Lager vorführen, noch innerhalb des Gefechts- feldes einen Schritt machen kann, gelten ihre im eigenen Lager und im Gefechtsfeld sich befindenden Truppen als gefangen, und das Spiel ist beendigt. Armee aufgerieben. Wird mit 6er Mehrzahl der Truppen zugleich der König gefangen, so daß die verlorenen Points (einschließlich König) mehr als 72 betrügen, so gilt die ganze feindliche Armee als auf gerieben. IV. Berechnung: Sieg- Alle nicht in's feindliche Lager gelangten Truppen gelten als verloren. Z. B- Es haben in's feindliche Lager hineingebracht: Weih 110 Points, Schwarz 87 Points, gewinnt Weiß mit 23 Points. Gesänge n u a h nt e- Die unterliegende Partei verliert sämtliche im eigenen Lager und im Gefechts- felb sich befindenden Truppen, während für den Sieger die in seinem Lager zurückgebliebenen Truppen als Verlust zählen. Z. B. Weiß (unterliegende Partei), Verlust: Truppen im Gefechtsfeld 27 Points, Truppen im eigenen Lager 50 Points, Summa 77 Points; Schwarz (siegende Partei), Verlust: Truppen im eigenen Lager 14 Points, gewinnt Schwarz mit 63 Points. Armee auf gerieben. Ter Sieger rechnet sich die volle Pointszahl mit 124 (gleich Wert der feindlichen Armee) als Gewinn an, wovon jedoch seine im eigenen Lager verbliebenen Truppen als Verlust in Abzug zu bringen sind. Z- B. Weiß (Armee aufgerieben), Verlust: die ganze Armee 124 Points, Sch w a r z (Sieger), Verlust: Truppen im eigenen Lager 14 Points, gewinnt Schwarz mit HO Points. Naturstudien in Wald nnd Feld. Spaziergangs-Plaudereien. Ein Buch für die Jugend von Dr. KarlKraepelin. Mit Zeichnungen von O. Schwind- razheim. (VIII und 96 H.) 1902. Groß-Oktav. In ge- schmackv. Original-Leinwand geb- n. Mk. 3,40. Verlag von B. G, Teubner in Leipzig. Gleich den „Naturstu dien im Hause" und „Naturstudien im Garten" desselben Verfassers wendet sich das vorliegende Werk an die Heranwachsende Jugend, deren Interesse für die mannigfachen Erscheinungen und Geschehnisse da draußen in Wald und Feld es gewinnen will. Es paßt sich dem Jdeeittreis der jugendlichen Forscher' meisterhaft an, erweitert ihre Anschauungen über die Vorgänge der Natur, regt sie zu eigener Beobachtung und eigner geistiger Arbeit an, und leitet ganz unvermerkt zu allgemeinen Gesichtspunkten über das gesetzmäßige Walten in der Natur hin. Die Darbietung geschieht wie früher in der Form des Zwiegesprächs, das allein die Phantasie zur vollen lebendigen Anschauung fortzureißen vermag. Der Bilderschmuck, den auch diesmal O. Schwindraz- heim mit großer Liebe entworfen hat, trägt zur Ver> anschaulichung des Vorgeführten ivesentlich bei. Alles in allem teilt das neue Buch in vollem Maße die Vorzüge der alten, wie diese kann es als ein Meisterwerk der belehrenden Jugend- litteratur bezeichnet werden. Gemeinnützrges. Billige Suppen von übrig gebliebenen Gemüsen bereitet man schnell und rationell, wenn man Ueberreste von Wirsingkohl, Gelbrüben, Blumenkohl/ Spinat oder anderen grünen.Gemüse, ebenso von Erbsen, Linsen oder Kartoffelpüree mit heißem Wasser verdünnt, dann gut durchkochen läßt, richtig salzt, unmittelbar vor . dem Anrichten je nach Menge mit 1—2 Theelöffeln Maggi- Würze im Geschmack kräftigt, und ein verquirltes Ei em- rührt. Eine Zugabe von in Butter gerösteten Semmel- würfelchen ist sehr empfehlensioert. Ist das übrig gebliebene Gemüse etwas knapp zu einer Suppe, so bereitet man zuerst eine ganz Helle Mehlschwitze, rührt mit dem nötigen Quantum-, Wasser glatt, giebt das Gemüse hinein, läßt alles gut durchkochen, und vollendet die Suppe wie'«oben an-, gegeben. Th. H. Merkrätsel. Nachdruck verboten. Demokratie — Freiheit—Birnen—Magister—Koralle—Esra—W ein. Von jedem Wort ist eine Gruppe von drei nebeneinander stehenden Buchstaben zu merken. Diese Gruppen müssen im Zusammenhang gelesen ein Sprichwort ergeben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: W. Kf5; LeS, h4; Saß, c5, Ba7, c6, e4. Schw. K<16; Ta8, 848, Bc7, e5, g4. 1. Kf6, Ta7 i; 2, Lei, Ta6:: 3. Lb4, beliebig. 4. S gibt matt. 2. Tb7 oder Sc6:; 3. Lei—gg und matt im nächsten Zug. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der BrüLl'l-Sen UniverMtS-Buch- und Eteindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen,