Nr. 165. 1901 W WZ! nser Herz ist eine Harfe, K Eine Harfe mit zwei Saiten; v* In der einen jauchzt die Freude Und der Schmerz weint in der zweiten. Und des Schicksals Finger spielen Kundig drauf die ew'gen Klänge: Heute frohe Hochzeitslieder, Morgen dumpfe Grabgesänge. _____ P. K. Rosegger. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) So schnell war der Ausdruck der Bestürzung ivicder aus den Mienen der Amerikanerin verschwunden, daß Hilde ihn gar nicht beinerkt hatte. Aber es war doch noch -immer ein etwas gezivungenes Lächeln, mit dem Felicia fragte: „So? Sind es deren wirklich so viele? Wer nun weiter! Ich bin schrecklich begierig, noch reicht viel von Deinem Doktor Müller zu erfahren." „Diesen Wunsch kann ich leider nicht erfüllen; denn ich hüt beinahe schon am Ende. Er war, wie Du Dir denken kannst, -in Westerland der Held des Tages, aber die schlichte Bescheidenheit, mit der er sich allen ihm zugedachten Huldigungen entzog, war fast ebenso bewunderungswürdig wie seine schöne That. Ich hatte ihn mir natürlich auch zeigen lassen, um ihn von weitem anzustaunen. Und nie werde ich die schreckliche Verlegenheit vergessen, in die ich geriet, als mein Vater ihn am zweiten Tage nach dem großen Ereignisse mit in unser Strandzelt brachte, um ihn der Mutter vorzustellen. Ich hätte ihm so gerne etwas recht Schönes gesagt; aber ich glaube, bei diesem ersten Zusammentreffen brachte ich überhaupt keine fünf Worte über die Lippen. Und später wurde es auch nicht viel besser, sodaß er von mir sicherlich keinen anderen Eindruck empfangen hat als den, daß ich eine richtige Gans sei. Ich fühlte oas selbst recht gut und schämte mich immer in tiefster Seele, wenn er trotzdem so gütig und liebenswürdig gegen mich war," Trotz ihrer wiederholt betonten Teilnahme für das Erlebnis der Freundin hatte Felicia nur noch mit halber Aufmerksamkeit zugehört. „Er war selbstverständlich furchtbar interessant", fiel sie Hilde ins Wort. „Das sind solche Helden ja immer. Und gewiß auch ein wunderschöner Mann?" „Darüber habe ich wohl kein Urteil", sagte die Kleine zögernd. „Mir kam er allerdings so vor; aber ich weis nicht, ob er auch Dir gefallen hätte. Denn sein Haar wa» schon beinahe ganz grau und er hatte außerdem ein steife» Bein, sodaß er sich beim Gehen immer auf einen Slot stützen mußte." Felicia atmete tief auf. Nun erst war der peinlich« Eindruck, den der Klang jenes Namens auf sie hervor gebracht hatte, völlig überwunden. „O weh!" rief sie lachend. „Ein hinkendes Ideals Das ist allerdings nichts für Dich, meine süße, kleine Hilde! Und es wird schon am besten sein, ivenn Du es auch weiter« hin nur aas der Ferne bewunderst. Wann wird er dem hier aus der Bilbslüche crfttjciiien ?" „Ich weiß es nicht genau; denn ich mochte den Bake» nicht danach fragen. Aber ich habe früher einmal gehörst die Heilstätte solle noch im Laufe des kommenden Winter, eröffnet werden. Und er muß doch wohl schon einige Zeh vorher in M. eintreffen." „Nun, bei der Gelegenheit ivird ja hoffentlich auch mir das Glück zu Teil werden, ihn kennen zu lernen. Abe» ich sage Dir schon jetzt, daß ich ein scharfes Auge auf Euch beide haben werde. Eine mäßige kindliche Verehrung wil ich allenfalls gelten lassen; zu etwas Weiterem aber dar es nicht kommen. Denn ich gönne Dich nur einem richtiger Königsfohn, nicht einem steifbeinigen Graukopf, der oben drein noch den widerwärtigen Beruf eines Arztes hat." Hilde war wieder sehr rot geworden, und obwohl fr, gern mit allem Nachdruck erklärt hätte, daß sie den Beruf eines Arztes wunderschön und durchaus nicht widerwärtig finde, verschloß ihr doch die Befangenheit die Lippen Zum ersten Mal ivar sie ein klein wenig unzufrieden mst der vergötterten Freundin, und es regte sich in ihren Herzen die Reue über die Offenheit, mit der sie ihr dst Ursache ihrer freudigen Stimmung anvertraut hatte. Abe» Felicias gewinnende Liebenswürdigkeit hatte den kleines Schatten bald verscheucht. Sie plauderten noch eine Weih von allerlei anderen, minder verfänglichen Dingen, mit als dann die Köchin den Kopf zur Thür hereinsteckte, un, zu melden, der Fleischer sei endlich mit dem bestelltes Braten gekommen, erinnerte sich Hilde mit lebhaftem Bec dauern der Hausfrauenpflichten, die in Abwesenheit bei Mutter auf ihren zarten Schultern lagen. „Ich muß in die Küche", sagte sie, „und ich kann Dick unmöglich einladen, mir da Gesellschaft zu leisten. Abef Du kommst doch am Nachinittage ivieder — nicht wahrA „Nein, heute und morgen mußt Du schon ohne mick fertig zu werden suchen, mein lieber Schatz! Ich! habe mi) einer anderen Amerikanerin, die ebenfalls bei meinem Pro-! fessor ftubiert, einen Ausflug nach N. verabredet, von dessen altertümlichen Schönheiten drüben bei uns alle Europw reisenden schwärmen. Für mein Leben gern würde ich Dick mitgenommen haben; aber ich weiß ja, daß es nach hiesige- Begriffen unschicklich ist, ivenn junge Mädchen ohne Väter» 658 — lichen, mütterlichen oder tantenhaften Schutz derartige Ent- tz»ckungsreisen unteryehmen. Und Du sollst durch mich nicht in üble Nachrede geraten." Es gab einen sehr herzlichen Abschied; denn Hilde war ausrichtig betrübt, die innig geliebte Base auf mehrere Tage entbehren zu sollen, und erst die erneute Mahnung der Köchin machte der Trennungsszene ein Ende. Als Felicia den untersten Treppenabsatz erreicht hatte, fiel ihr Blick aus citte schlanke Mädchengestalt, die eben in das Haus eintrat.'Sie erkannte sie sofort als die Braut des Assessors, mit der sie seit jenem ersten Abende noch nicht wieder zusannnengetrofsen war, da Margarete die Familie ihres Verlobten stets nur auf besoudere Einladung und deshalb nicht allzu häufig besuchte. Trotz des grauen Schleiers, hinter dem die Tochter des Rendanten ihr Gesicht verborgen hatte, sahen Felicias scharfe Augen doch, daß fie sehr blaß war und daß es wie ein Ausdruck tiefer Betrübnis auf ihrem Antlitze lag. Die Amerikanerin grüßte freundlich und blieb stehen, in der Erwartung, daß die andere ihrem Beispiele folgen und ein Gespräch beginnen würde. Aber Margarete beschränkte sich darauf, deu Gruß zu erwidern, und ging rasch vorüber, in das obere Stockwerk hinauf. Abermals zogen sich Felicias dunkle Brauen unmutig zuiamnien. Sie wandte ein wenig den Kovf, und ibre Augen folgten der aufwärts Eilenden mit einem funkelnden Blicke leidenscbaftlichen Haffes. Dann fetzte sic ihren Weg fort; aber noch lange blieben ihre Lippen wie im Zorne sest zusammengepreßt und eine scharf eingeschnittene, harte Linie trat an den leicht herabgezogencn Mundwinkeln zu Tage. Achtes Kapitel. Es war keine Täuschung gewesen, als Felicia vorhin während ihres Verweilens im Arbeitszimmer des Stadtrats hinter sich das Knirschen eines menschlichen Schrittes und das schwere Atmen einer menschlichen Brust zu vernehmen glaubte. Ludwig Ignatius selbst war es gewesen, der sie wider seinen Willen überrascht hatte. Unfähig, in der Gemütsstimmung, in welche die Geständnisse des Rendanten ihn versetzt batten, nach dem öJatijaufc war er in die erste ihm begegnende Droschke gestiegen und hatte sich nach seiner Wohnung fahren lassen, da er naturgemäß kein dringenderes Bedürfnis fühlen konnte als das nach ungestörtem Alleinsein. Er hatte nicht geklingelt, sondern die Entreethür mit seinem Schlüssel geöffnet, und so war ebensowenig sein Kommen bemerkt worden, als er selbst etwas von der Anwesenheit Felicias erfahren hatte. In dem Augenblick erst, da er die Thürvorhänge auseinandergeschlagen hatte, um sein Arbeitszimmer zu betreten, war er ihrer ansichtig geworden und hatte zugleich wahrgenommen, einer wie seltsamen Beschäftigung sie sich da drinnen hingab. Er hatte in dem Bilde, auf das sie so leidenschaftlich wieder und wieder ihre Lippen Preßte, sofort das Porträt feines Sohnes erkannt. Und wie so oft ein scheinbar geringfügiger äußerer Anlaß hinreicht, eine Fülle von Vorstellungen, Plänen und Hoffnungen zu wecken, die eine Sekunde zuvor nicht einmal in ihren ersten Keimen vorhanden schienen, so hatte er plötzlich wie im grellen Lichte eines aus tiefster Dunkelheit aufzuckenden Blitzstrahls den Weg zur Rettung vor sich zu sehen geglaubt. Nicht so klar und scharf freilich, daß er ihn sogleich freudigen Mutes hätte betreten können, aber doch immerhin deutlich genug, um all seinen Gedanken mit einem Schlage eine völlig veränderte Richtung zu geben. Leise hatte er sich zurückgezogen, damit Felicia die Beschämung erspart bleibe, sich bei der unvorsichtigen Preisgabe ihres intimsten Herzensgeheimnisses belauscht zu sehen, und da er gleich darauf die Stimmen der beiden jungen Mädchen aus dem Salon klingen hörte, war er mit behutsamen Schritten in das Wohnzimmer hinübergegangen, um dort den Aufbruch der Amerikanerin abzuwarten. Beinahe eine Stunde mochte vergangen sein, als er endlich das Zufallen der Entreethür vernahm und den leichten Schritt seines in die Küche eilenden Töchterchens. Nun konnte er in seine Schreibstube zurückkehren, um dort die schwere und so bitter unerfreuliche Gedankenarbeit fortzusetzen, mit der er seit dem Augenblicke der entsetzlichen Enthüllung unablässig sein Gehirn abgemartert hatte. Aber er hatte sich noch raum in den geschnitzten Armstuhl fallen lassen, als die elektrische Wohnungsglocke anschlug. Der wohlbekannte scharfe Klang, der ihm bis zu diesem Tage stets so gleichgiltig gewesen war, ließ ihn heute aufschrecken, als wäre es ein in seiner unmittelbaren Nähe abgefeuerter! Kanonenschuß gewesen. Unwillig fuhr er sich im nächsten Momente mit der Hand über die Stirn. „Ah, ist es schon so weit, daß ich nervös werde wie ein Weib? Da hätte ich ja dann in der That alle Aussicht, das Schicksal zu zwingen." Und er richtete seine htinenhafte Gestalt mit einem energischen Ruck empor, als wolle er sich auch körperlich stark machen für den Kampf, den es mit allen Mitteln des Geistes gegen das furchtbar drohende Verhängnis zu führen galt. Er hörte, daß das Hausmädchen kam, um zu öffnen, er erkannte die Stimme Margaretens, die nach ihm fragte, und vernahm, wie ihr der Bescheid wurde, daß er nicht anwesend sei. Da stand er auf und ging in fester Haltung zur Thür. „Wie Sie sehen, bin ich doch da. Wenn Sie mich; zu sprechen wünschen, Margarete, so treten sie ein." Alle Gedanken des Stadtrats hatten sich während der letzten Stunden mit diesem Mädchen beschäftigt, und er war geneigt, es für einen Wink des Schicksals zu nehmen, daß Margarete gerade jetzt aus freien Stücken hierher kam. Warum auch sollte uicht auf der Stelle geschehen, was doch unfehlbar und bald geschehen mußte, wenn der Weg zur Rettung frei werden sollte! Mit einer einladenden Haudbewegung deutete er auf das Sopha und setzte sich wieder in seinen Schreibstuhl, nachdem er zuvor die in den Salon führenden Thüren geschlossen hatte. „Sie kommen von Ihrem Vater?" „Ja. Auf dem Umwege über das Rathaus; denn ich glaubte, Sie dort zu treffen." „Und Sie haben mir einen Auftrag auszurichten?'< „Nein. Ich möchte Sie vielmher inständig bitten, Herr Stadtrat, mir eine Frage zu beantworten. Ich bin in so schrecklicher Angst und Sorge um meinen armen Vater. Nicht wegen seines körperlichen Befindens allein, obwohl ce gomist vrol fräntcc ist, als er zugeben will. Aber es muß noch etwas anderes sein, was ihn quält — etwas Schlimmeres — irgend ein großer Kummer, an dem er mich nicht teilnehmen läßt, tote innig ich ihn auch, darum gebeten habe. Ich habe es schon lange vermutet, heute aber ist es mir zur vollen Gewißheit geworden." „Und wenn ich Sie recht verstehe, erwarten Sie, von mir eine Auskunft über die Ursache dieses Kummers zn erhalten?" „Ich hörte von der Aufwärterin, daß fie heute früh gleich nach meinem Fortgehen einen an Sie addressierren Eilbrief hätte besorgen müssen, und daß Sie bald nachher erschienen seien, um fast eine Stunde bei meinem Vater zuzübringen. Darin wäre ja gewiß nichts Auffallendes gewesen; aber die Frau sagte mir auch, daß sie Sie mit lauter und heftiger Stimme im Schlafzimmer hätte sprechen hören. Und als sie nach Ihrer Entfernung hineingegaugeN sei, hätte sie meinen Vater in einem so schrecklichen Zustande gefunden, daß sie geglaubt habe, einen Sterbenden vor sich zu sehen. Bei meiner Heimkehr ging es ihm ja wieder etwas besser, und er bestand sogar darauf, das Bett zu verlassen. Aber ich hatte doch die Empfindung, daß er etwas sehr Aufregendes erlebt haben müsse. Und wenn Sie mir sagen wollen, Herr Stadtrat, was es gewesen ist, so werde ich Ihnen dafür sehr dankbar fein. Selbst die schmerzlichste Mitteilung kann mir kein größeres Leid bereiten als diese Unwissenheit, die mich jeder Möglichkeit beraubt, ihm zu helfen oder ihn zu trösten." Der Stadtrat hatte sie nicht unterbrochen. In seinen Stuhl zurückgelehnt, spielte er mechanisch mit einem blanken, metallenen Lineal, während seine Augen beharrlich an dem Kupferstich über seinem Schreibtisch hingen. Nun, ba Margarete geendet hatte, gab es ein langes Schweigen, eine drückende, unheilschwangere Stille, bis Ludwig Ignatius endlich sagte: „Sie wissen nicht, um was Sie mich da bitten, liebes Kind! Was ich Ihnen offenbaren müßte, wenn ich aufrichtig sein soll, würde Sie viel härter treffen, als Sie es ahnen können. Und doch erscheint es mir fast wie eine unabweisbare Pflicht, Sie nicht länger in Unkenntnis darüber zu lassen." „So sagen Sie es mir, Herr Stadtrat — noch einmal 659 bitte ich Sie darum auf das Allerherzlichste! Was es auch sei — nachdem ich! es erfahren habe, werde ich ruhiger sein als jetzt." , . . , „Sie versprechen mir also, sich wie em tapferes und vernünftiges Mädchen zu benehmen, für das ich Sie immer gehalten habe, und weder hier noch nachher bei Ihrem Vater eine Szene zu machen, die doch keinen anderen Erfolg haben könnte als den, die Sache zu verschlimmern?" „Ich verspreche es", erwiderte sie mit halb erstickter Stimme. „Aber ich beschwöre Sie, lassen Sie mich nicht länger darauf warten!" Noch einmal wirbelte Ludwig Ignatius das Lineal zwischen den Fingern herum, dann, ohne der in banger Erwartung Zitternden sein Gesicht zuzuwenden, sagte er: „Nun denn — Ihr Vater hat die ihm anvertrauten Kassen bestohlen — seit Jahren schon — und die veruntreuten Summen sind so groß, daß es keine Hoffnung mehr für ihn giebt, sie jemals zu ersetzen." (Fortsetzung folgt.) Heröstschauer. Skizze von Herr» Max. Nachdruck verboten. Schon fließt der wilde Wein so rot Wie Blut herab von der Gartenmauer — Die Farbe der Freude verhüllt die Trauer, Denn alle Sommerlust ist tot. Stille Tage sind es, die der Herbst über das kleine Thüringer Thal trägt. Kein toller Knabe ist er hier, der jauchzend den Dionysosstab über den Bergen schwingt zur Weinlese, dessen Lieder von Lust und Uebermnt an den Rebhängen 'widerhallen und hinaufsteigen in die blaugrüne Amethystluft, in den goldenen Sonnenschein empor wie jubelnde Frühlingslerchen ... . Still-freundliche Ergebung trägt er hier auf seinen Zügen und wischt mit leiser, schonender Hand über das Sommergemälde, ehe er seine bunten sprühenden Farbentöne austrägt. Tie Sonne steht über'm Bergesrand und streift mit ver- güldenden Fingern über den Wetterhahn auf dem Turme. Drunten in den Büschen im Pfarrgarten fängt es schon an zu düstern. Das ist ein ganz anderes Dämmerigwerden wie imSommer; nicht mehr verheißungsvoll flimmernd, funkelnd, blütenkosend, heimlich webend und werbend von Zweig zu Zweig ... es kommt langsam, beharrlich, träge. Kaltweiß, wie Dotenschleier, schleicht es von drunten über Bach! und Wiese her. Dem jungen Mädchen, das im Pfarrgarten am Zaun lehnt, legt es sich wie ein Dodesschauer übers Herz. Sie senkt den Kopf — ein feiner 'Defreggerkopf mit braunem Flechtenkranz — nur das sonnig-heitere Sommerlächeln jener köstlichen Gestalten fehlt heute auf diesem Gesicht. Die Herbftstimmnng des Abends ruht wie ein trüber Schleier! über ihm — thränenumslort blicken die Augen. Rüth wartet. Sie wartet dort wie der Verurteilte, der den letzten Sonnengruh seines letzten Tages scheiden sehen will. Am Garten zieht sich die Landstraße vorbei, die aus dem Thal zur nächsten Bahnstation und von dort hinausführt in die weite Welt. Ruth will hier noch einmal des Geliebten hohe Gestalt sehen, im Vvrübergehen, wenn er den Ort verläßt; einmal noch in seinen Augen lesen, daß sie glücklich, selig geträumt hat, und — daß es nun vorbei sein muß für immer, will sie sich dabei Vorhalten in harter unerbittlicher Ehrlichkeit. Abschied genommen hat er ja schon am verflossenen Wend von ihr; das letzte Lebewohl ist gesprochen. Sie wissen beide, daß sie sich trennen müssen fürs Leben, daß ihr letzter Kuß den Todesbund eines glücklosen Lebens besiegelt hat. Einsam wird jeder seinen Weg gehen müssen; er draußen, sie daheim. Ruth preßt in heißaufquellender Verzweiflung die Hände auf die Brust. Doch wozu jammern, wozu weinen? Es muß sein. Das Schicksal will's. Er muß seine Bahn, mit der Armut kämpfend, wie ein Held gehen. Glänzend wird sein Genie später vielleicht emporsteigen, ein neues Gestirn am Kunsthimmel der Musik. Und sie wird daheim einsam vergehen unterdessen, verblühen wie die Rosen im Garten. Herbst wird von nun an ihr Leben sein! Eampauula senkt bleich die Glocken , Am Wiesenhang und klingt nicht mehr > Aus wilden, wirren Blätterlocken Blickt müd' die letzte Rose her. . . Es ist das trübe Lied vom Entsagen, das durch ihrs Seele tönt. Nachdem die Liebe leuchtend wie ein Sommerwunder aufgeblüht war, sollten sie die kalten Nebel ersticken, ermorden. Aber die Liebe hat ein so heißes, wildes Leben! sie ringt so qualvoll und stirbt so schwer! O, welche leichte Frühlingslust lag über den Tagen, dq sie knospte und aufblühte! Vom ersten Sehen an, als er zurückgekehrt war in die Heimat, der Lehrerssohn, bis znm ersten verstohlenen, schüchternen Händedruck draußen im Wald! Bon dem fragenden, erglühenden Hinüber- und Herüberblicken in der Kirche, während Ruths Vater eins Trauung einsegnete. — „Bis der Tod uns scheidet!" hatte es damals aV stummes Liebesgelübde auch in ihren Herzen wiedergeklungen — bis zum ersten, heißen selbstvergessenen Umschlingen, während die Sommersterne hoch droben über der Welt strahlten und die Glühwürmchen tief im Grase 'flimmerten, wie leuchtende Boten eines seligen, ewigen! Glückes! Da hatte sie ihm zugeflüstert, daß sie an seinen Stern glauben werde, unerschütterlich. Er aber hatte sie den Stern seines Lebens genannt, ohne dessen Licht er feine Bahn nicht wandeln könne... Und nun war sie doch gekommen, die graue, häßliche Abschiedsstunde. Die eiserne Notwendigkeit hatte es verlangt von ihnen — von ihr. Ruths edles Herz wollte den Bund nicht zur drückenden Fessel für den Geliebten werden lassen, sie wollte lieber einsam vertrauern und sterben an ihrer Liebe, als ihm hinderlich sein auf seiner kampfvollen Künstlerlaufbahn. Kleine Verhältnisse, das bittere Ringen ums tägliche Brot, die Sorgen des Alltags sind ein Hemmschuh für die Künstlerseele beim stolzen Flug in die Höhe! Nach diesem letzten Abschied durfte es für ihn kein Zurück mehr in kleine beengende Verhältnisse geben, bis er sein Ziel errungen. Wie er das lockige Haar so kühn von der Stirn zurückwarf, wie seine Augen aufblitzten, wenn er, den Blick dann plötzlich wieder wie verloren in weite Ferne gerichtet, seine Geige im Arm hielt und spielte! 'Die würde nun seine einzige Geliebte sein müssen, hatte er gesagt... Ruths Herz zog sich krampfhaft zusammen vor Weh. In der fremden Menschen Gunst würde er sich wohl bald hineinspielen und sie und das stille Thal vergessen im Triumph des Tages, der für ihn aufftieg. Ein lauter Gruß draußen auf der Straße schreckte sie auf aus ihrem schmerzvollen Sinnen. Aber er war es nicht — es war nur der alte Briefbote, der ins Torf hineinging. Ihr Blick überflog die Bergeshöhen, wo die sinkende Sonne noch wie ein vergehendes Feuer durch die Fichten ausloderte . . . Die Sonne klimmt mit müdem Schritt Nur über die Höhen durch Wolken und Wetter, . * ’ Und unter dem Rascheln der fallenden Blätter Verhallt des Sensenmannes Tritt. . . Sv würde nun auch ihr Leben verglühen, wenn ihre Sonne untergegangen, von Tag zu Tag trüber und stiller und stumpfer werdend ■— überschattet von dem Schleier der Ergebung ■. . . Und dann — Vergessenheit — Vergessen- !? .. . . - Die Schatten auf dem Wege wurden dunkler und kälter^ Er kam nicht. . . Sollte er den Fußweg über die Wiese gegangen fern, um den letzten Abschiedsblick ans ihr Fenster zu vermeiden? Eine dumpfe Angst überfiel sie. Schwere Tropfen vom letzten Spätnachmittagsregev schlugen noch immer draußen von den Aesten der Obstbäume, wenn der Wind sie bewegte. Es äffte fte — es klang immer wieder wie ein Tritt auf dem Fahrweg. Ta endlich... Tie Glocke schlug dröhnend die Stunde an. Die da sein Zug abgehen mußte von der Station, war vorbei Er war fori — fort, ohne den lebten Abschieds grüß. 660 —< r: Ruths Schmerz löste sich in Thränen. Und unter dem Weinen scholl es wieder wie Schritte, VH er hinter ihr im Garten. Sie suchte sich mühsam zu fassen. Gewiß war das der Water, der auf dem Abendspaziergana seine Predigt für den Sonntag vorbereitete. Er durfte ihren Schmerz nicht sehen. Wer der Vater ging nicht so rasch, so fest, so . . . ihr Herz pochte plötzlich, zum Zerspringen . . . das, was ja nicht möglich, es war ein Spiel ihrer Sinne — und doch — Immer näher und näher klangen die Schritte — jetzt kam der Schnellschreitende hinter der hohen Bohnenwand hervor, und im nächsten Augenblick umschlang sie sein Arm fest, leidenschaftlich. „Ruth! Ruth!" tönte es an dem Ohr der staunenden Ueberraschten. „Heinz! Heinz!" jubelte sie, an seinem Halse hängend, „Tu bist nicht fort?!" „Nicht ohne Dich! Jetzt nicht mehr! Lies, lies! o, welches Glück!" x Er riß ein Schreiben aus der Brusttasche, und eng aneinander geschmiegt lasen sie im letzten Abendschimmer das Schriftstück. Es war ein glänzendes, schmeichelhaftes Angebot für den jungen Künstler znr Teilnahme an einer großen Konzertrundreise jenseits des Ozeans. Der Kontrakt lag zur Unterzeichnung vorbereitet dabet. „So ist die Sorge um Deine Zukunft mit einem Schlag vorbei, Heinz, o Glück! v welches Glück!" „Und glaubst Du, ich gehe allein da hinüber, dem Sieg entgegen, und lasse mein Glück hier im Thal zurück? Nimnierrnehr! Ich muß das Glück an meiner Seite haben, wenn ich siegen soll!" Zärtlichkeit und Entschiedenheit leuchteten aus seinen Augen. „Da nimm es!" rief nun auch Ruth entschlossen, „wo Du hingehst, da will ich auch hingehen." <■ _ Ihre Stimme klang wie erstickt von innerer Glückseligkeit. Tie Freude, die aus trübem Verzagen aufblüht, ist [o überwältigend süß. Er küßte ihr stürmisch die Worte von den Lippen. „Und nun komm zu Deinem Vater, zu meinen alten Eltern —" Die Nebel schleichen immer dichter wie weiße, kalte Totenschleier von der Wiese her, am Boden kriechend, demütig, lauernd, damit sie den letzten Tagesfunken auslöschen. Aber im Pfarrhaus ist im Dunkel eine neue Sonn« ausgegangen — die Sonne reinen Liebesglückes — und über diese haben die Totengeister des Herbstes keine Macht,__ Gemeinnütziges. Reinigen von T büren und F en st er n. Das Reinigen von Thüren uno Fenstern, welche mit Oelfarbe gestrichen sind, wird vielfach in ganz' unrichtiger Weise vorgenommen. Man bedient sich mit Erfolg einer Mischung von Salmiak mit kaltem Wasser im Verhältnis von 1 : 20. Etwas umständlicher ist folgendes Verfahren: Man kocht etwa 500 Gramm Weizenkleie mit 5 Liter Wasser unter Zugabe von 50 Gramm Schmierseife. Die gewonnene Lösung filtriert man kochend durch ein Leinentuch, wäscht hiermit nach dem Erkalten die Thüren, Möbel usw. ab und reibt mit einem weichen Leder trocken. Das Resultat ist ein durchaus zufriedenstellendes. Aber auch polierte Möbel, welche beschmutzt sind, kann man mit dem Kleienwasser reinigen, indem man dieselben mit einem angefeuchteten Schwamm abwischt, und dann mit einem Weichen reinen Leder nachpoliert. N. E- Hilfe beim Verschlucken. Das übliche Schlagen auf den Rücken nützt oft wenig, kann mitunter sogar leicht dem Organismus des Kindes schaden. Da giebt es kein besseres Mittel, der kämpfenden Lunge beizustehen, als die Arme gestreckt nach oben zu halten, als ob man nach der Zimmerdecke greifen wollte. Durch diese einfache Manipulation wird der ganze Brustkorb gehoben und die Lunge wird befähigt, sich der fremden Eindringlinge leichter zu entledigen. Oft kommt auf diese Weise schon beim ersten kräftigen Husten alles zu tage, was in den Weg der Lunge, statt in den der Speiseröhre geraten ist, und der Patient ist erlöst. Auerbachs deutscher Kmderkaleuder. Auerbachs Deutscher Kinderkalender auf das Jahr 1902. Eine Festgabe für Knaben und Mädchen jeden Alters. Begründet von Dr. Aug. Berth. Auerbach, 20. Jahrgang. Herausgegeben von Georg Bötticher. Verlag von L. Fernau, Leipzig, Thalstraße 15. Preis geb. 1 Mk. Als Kinder- und Hausfreund, der das halbe Schwabenalter erreicht hat, besitzt er genügend Vorzüge, um fremder Empfehlung entraten zu können; wir lassen ihn darum sich selbst einführen: Der „Kalendermann" kommt. Ein „Gott zum Gruß!" du junge Schar Im braunen und im blonden Haar! Hier kommt ein Freund, — kein neuer. Sein Name ist gar wohl bekannt, Und längst wird er von euch genannt Ein Eckart, ein getreuer. Geschichten weiß er ohne Zahl, Und einen ganzen Bildersaal Bringt er zum frohen Schauen. Er macht die Köpfe klar und hell Und füllt die jungen Herzen schnell Mit fröhlichem Vertrauen. Es kommt, der Lenz mit Duft und Sangs Tann macht er manchen Blütengang Mit euch und vielen andern. Und naht die schöne Ferienzeit, Tann ist mit Freuden er bereit Turch Feld und Wald zu wandern. Es führt euch seine Freundeshand Durchs große, schöne Vaterland. Euch wird das Herz sich weiten, Schaut ihr der hehren Berge Pracht, Ter Städte Glanz, des Meeres Macht, Der stolzen Ströme Schreiten. Zur Winterszeit beim Lampenschein Stellt er sich traulich wieder ein. Er füllet eure Herzen Mit Weihnachtslust und Weihnachtsglück, Und tritt dann stillbewegt zurück Beim Glanz der Weihnachtskerzen. Ein „Gott zum Gruß!" du junge Schar! Nun reiche deine Hände dar Dem Eckart, dem getreuen! Er will dir Lehrer, Führer sein, Der Freund, der Spielgefährte dein, Und will mit dir sich freuen. Was der Kalendermann will, konnte er treffender nicht sagen; daß er's erreicht, gilt uns für sicher. Bdt- Schachaufgabe. Von M. David. abedef g h abedef g h 8 6 5 4 3 3 2 ■ iö i Ä > %.....MrW . - Weiß. (9 +11) Weiß zieht und setzt mit dem zweiten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: Nietzsche, Inez, Essen, Tisch, Zinn, Seine, Chinese, Hessen, Ente. Redaktion: E. Burlhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruüerei (Pietsch Erben) in Gießen.