(Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) In Nachdenken versunken blieb Irma am Tisch sitzen. In solch ernster, energischer Weise hatte Eitel Fritz noch niemals zu ihr gesprochen. Was hatte ihn dazu bewogen? Was hatte diese Sinnesänderung in ihm hervorgebracht? Aus ideale Beweggründe legte Irma kein Gewicht. Tiefe gab es nicht für sie; sie suchte mithin nach einem wirklichen Grunde, und mit dem seinen Spürsinn des Weibes glaubte sie in einem weiblichen Wesen, das ihres Gatten Interesse erweckt hatte, diesen Grund seiner Sinnesänderung finden zu sollen? — Eine frühere Bekannte aus der Jugendzeit ihres Mannes! Tie Tochter oder die Frau eines benach!- Larten Gutsbesitzers — dieser frühzeitige Spazierritt hing gewiß damit zusammen — konnte er seiner früheren Liebe nicht auf diesem Ritte begegnet sein? Auf dem Lande stehen ja auch die Tomen früh auf, wie ihr Ruscha noch gestern erzählt hatte. Ja, ja, das mußte es sein! Sie lächelte vor sich hin der Gedanke, daß ihr Mann mit einer anderen Frau geheime Zusammenkünfte haben könnte, berührte sie weiter Nicht schmerzlich, sie empfand nur eine gewisse Befriedigung, das Geheimnis ihres, Gatten, wie sie meinte, entdeckt zu haben. 6 „Befehlen gnädige Frau Baronin, daß ich den Tisch abdecke?" fragte der alte Friedrich, der wieder eingetreten war. Jrmä erhob sich-. „Ja, Sie können abdecken." Tann trat sie an ein Fenster und ließ die Augen um W 1901. — Mr. 148. Donnerstag den 17. Moder. "MA a L, Ai> mich die Huld des Geschickes Mit weiser Einfalt verseh'n, Ließ ich die Kugel des Glückes, So wie sie rollete, geh'». Bei kleiner Güter Genüsse Verschmäht' ich, was mir gebrach, Und sah dem eilenden Flusse Der Jugendtage nicht nach. Frei vom verzehrcndm Neide, Von Unvergnügsamkeit frei, Wußt' ich, daß heutige Freude Ein Quell der morgenden sei. Joh. Nikolaus Götz. über die weite Landschaft schweifen, die sich zu Füßen, des Schlosses ausbreitete. „Nennen Sie mir doch die nächstliegenden Güter und Ortschaften, Friedrichs, wandte sie sich an den alten Tiener. „Dort sehe ich einige Türme aus den Baumgruppen hervor^ ragen..." * „Tas ist Schloß Zehren, gnädige Frau."' „Ein schöner Besitz?" „Fast viertausend Morgen, gnädige Frau." „Lebt der Besitzer auf dem Schloß?" „Ja gnädige Frau. Der alte Herr Graf Zehren mit Frau Gräfin und zwei Fräulein Töchter. . •" „Ah, Töchter? —. Wie alt find die Damen? Jung —- hübsch?" „Halten zu Gnaden, Frau Baronin — die jüngste Komtesse ist wohl schon vierzig Jahr. . •" „Ein hübsches Alter", lochte Irma. Also das war un gefährlich. Sie mußte weiter fragen. „Jenes Torf da hinten?" „Jesewitz, gnädige Frau, wo das, Gut des Herrn von Sannow liegt. . ■“ Also auch nichts! Und jener kleine Gebäudekomplex dort — ich glaube wir sind gestern daran vorbeigefahren, als Wir Von der 93ci.fin feinten.z/ „Allerdings — cs ist das Gut Jägerhof. In früherer Zeiten gehörte es zu Schloß Petershagen."- „Wer ist jetzt der Besitzer?" „Herr Breymann, früher Inspektor auf Petershagen. Gnädige Frau entsinnen sich vielleicht noch des alten Mannes vom Begräbnistage des seligen gnädigen Herrn. Er trüg' einen langen weißen Bart —" „Ja, ja . . . hat er Familie?"- „Eine Tochter, gnädige Frau. . ." „Ah" — sie blickte den alten Tiener scharf an, übe' dessen Gesicht ein psisfiges Lächeln zuckte. „Sie lachen! Was ist's mit dieser Tochter?" „O — nichts, gnädige Frau Baronin. — Fräuleir. Else Breymann ist eine vortreffliche junge Dame — jetzt bewirtschaftet sie fast allein das Gut — sie reitet selbst aus den Feldern umher und beaufsichtigt die Arbeiter — mar sagt, sie soll mich mal mit der Reitpeitsche. . •" Der Alte machte die Bewegung des Schlagens unk kicherte vor sich hin. „Also eine interessante Dame. — Hübsch?", „Wenn ich mir ein Urteil erlauben darf —: ja. — Abe» etivas — robust, gnädige Frau." „So. — Wie alt?" „Ich weiß es nicht genau. Sie kann einige Jahre jünge' als der gnädige Herr sein — als Kinder haben sie zusammer gespielt — und man sagte. . ." Er hielt erschreckt inne. „Was sagte mail?" forschte Irma weiter. 590 „Gnädige Frau Baronin verzeihen = es war so ein Dienstbotenklatsch. . c „ „Nur heraus damit. Also was sagte man von dieser interessanten Dame?" „Daß — nein, daß der gnädige Herr — als er noch Fähnrich war — sich für dies schöne Fräulein Else — aber, gnädigste Frau Baronin, verzeihen mir altem schwatzhaften Mann , . . es war wirkliche nur Dienstboten- tmtfdji.. /' „Mhon gut — schon gut", beruhigte Irma lächelnd den Alten, der über seine eigenen Worte sehr erschreckt that. „Derartige Kindereien kommen ja überall vor. — Ich danke Ihnen. Ich bedarf Ihrer nicht mehr..." Der Alte schlich sich aus dem Zimmer. Irma blteb noch eine Weile am Fenster stehen und blickte nach den roten Ziegeldächern von Jägerhof hinüber. Jetzt glaubte sie den Schlüssel zu der Sinnesänderung ihres Gatten gefunden zu haben! „Ich werde Dir denn Willen thün, mein Freund", murmelte sie mit spöttischem Lächeln, „und einige Zeit hier bleiben. Die Entwickelung eines solchen Romans zu beobachten, ist stets von Interesse. Das soll mir die Zeit hier vertreiben . . ." XV. Pünktlich um sechs Uhr stellte sich Arthur Wedemeyer im Schlosse ein und wurde durch den alten Friedrich, der den Inspektor mit scheelen Augen ansah, in den Speisesaal geführt. , ~~ Herr Wedemeyer hatte Frack und weiße Halsbinde angelegt und trug seiueu Klapphut mit einer gewissen Nachf- lässigkeit, wie der erste Stutzer einer Weltstadt. Herr Wedemeyer gab sehr viel auf seine äußere Erscheinung, die in der That auch der Aufmerksamkeit wert war. Er sah nicht wie ein ländlicher Inspektor aus, sondern tote ein adeliger Junker, der zu seinem Vergnügen Landwirtschaft treibt. Sein gesellschaftliches Auftreten war durchaus tadellos, und eine Unterhaltung konnte er führen, um die ihn mancher Gigerl der Residenz beneiden mußte. Tie Baronin war daher angenehm überrascht, als Eitel Fritz ihr Herrn Wedemeyer nochmals vorstellte. Sie hatte den hübschen jungen Beamten bei ihrem Einzuge bereits benterkt, aber die Begegnung war nur sehr flüchtig gewesen. Jetzt erst lernte sie Herrn Wedemeyer derart kennen, daß sie beschloß, ihn für ihre Pläne auszunutzen. Zu Anfang des Diners sprach sie nicht viel, sondern beschäftigte sich damit, von Zeit zu Zeit Herrn Wedemeyer forschende Blicke zuzuwerfen, unter denen er jedesmal leicht errötete. Dann lächelte Irma ein wenig — und doch hämisch gefallsüchtig, daß das Blut Wedeuteyers in Wallung geriet. Zum Diner war außer dem Inspektor noch der Förster Werner geladen, ein schweigsamer, hagerer, rotbärtiger Waidmann, der mit einer gewissen Gier dem Essen und namentlich den guten Weinen zusprach. Nachdem der erste Gang vorüber war, wandte sich Eitel Fritz an die beiden Beamten. „Ich ° habe mir das Vergnügen gemacht, Sie einzuladen", sagte er, „einmal um Sie näher kennen zu lernen, dann aber auch, um Jhueu eine Mitteilung zu machen, die Sie anfangs vielleicht überraschen wird. Ich habe mich nämlich entschlossen, meinen ständigett Wohnsitz in Peters- Hagen zu nehmen, und mich der Bewirtschaftung des Gutes zu widmen . . ." Ter Förster brummte etwas in den Bart, Herr Wedemeyer blickte mit einem leichten Erschrecken auf. Ta begegneten seine Augen dem lächelnden Blick der Baronin, um deren Lippen es leicht spöttisch zuckte. Sofort hatte er die Lage überschaut. Er lächelte ebenfalls, verbeugte sich gegen Eitel Fritz und sagte zuvorkommend: „Eine ganz vortreffliche Idee, Herr Baron! Wir alle haben schon oft bedauert, daß sich der Herr Baron so selten in Petershagen zeigten. Petershagen ist ein prachtvoller Besitz, je mehr man sich mit ihm beschäftigt, desto lieber gewinnt man ihn, desto schwerer kann man sich von ihm trennen. Auch der gnädigen Frau Baronin wird es hier gewiß mit der Zeit sehr gefallen." „Ich hoffe es", sagte Irma mit freundlichem Lächeln. Eitel Fritz warf ihr einen erstaunten Seitenblick zu. „Meine Frau war allerdings heute morgen anderer Meinung . . „Bitte, mein Freund", unterbrach! sie ihn, „wenn ich Dir widersprach, so wollte ich nur ans die Schwierigkeit Hinweisen, daß Du bislang Dich! um die Landwirtschaft noch wenig gekümmert hast. Wenn Du selbst aber diese; Schwierigkeit nicht scheust und Dich einzuarbeiten getraust^ dann stimme ich! Dir gerne zn, daß wir hier unseren stäu-t digen Wohnsitz nehmen." „Ich danke Dir, Irma — mehr verlange ich nicht. —j Was das Einarbeiten in die Landwirtschaft anbetriffh so ist das nicht so schlimm — nicht wahr, meine; Herren?" Ter Förster brummte wieder eine unverständliche Ant-, wort in den Bart und trank ein großes Glas Rheinweiul auf einen Zug aus. Wedemeyer aber erwiderte lebhaft: „Herr Baron haben vollkommen recht, es ist das für jemanden, der auf dem Lande groß geworden ist, nicht allzuschwer, — allerdings ein sachkundiger Berater müßte dem Herrn Baron zur Seite stehen . . ." „Nun, — wozu sind Sie denn da, Herr Wedemeyer? Ich hoffe, Sie werden mir Ihre schätzbaren Dienste nicht ent», ziehen. Und was den Wald anbetrifft, so haben wir ja! unseren braven, alten Werner hier, der meinem Vater schon zur Seite gestanden hat." „Das heißt", brummte der Förster, „ich habe mit Ihrem Herrn Papa manchen Hasen und Rehbock geschossen — um anderes bekümmerte sich Ihr Herr Papa wenig." Eitel Fritz lachte. „Ja, der gute Papa! — Auf Holz-, rechuungen und Anweisungen znm Äbholzen oder Auf-, forsten verstand er sich nicht. Aber ein pirschgerechter Jäger war er." /Das stimmt", pflichtete der rotbärtige Förster bei, indem er abermals sein Glas leerte. Eitel Fritz entwickelte nunmehr seine ZnkunftsplänS in lebhafter Weise. Eine frohe, thatenlnstige Stimmung! beseelte ihn, seit langer Zeit hatte er sich nicht so frei, so glücklich gefühlt. Die Aussicht auf eine geregelte, ihm zusagende Arbeit beglückte ihn und verscheuchte die trüben Gedanken, die früher tote ein Alp auf ihm gelastet hatten. In dieser Arbeit würden Geist und Körper gesunden! Wedemeyer hörte ihm scheinbar sehr aufmerksam zu. Weit mehr beschäftigte ihn aber der wechselnde Ausdruck in dem schönen Gesicht der Baronin; bald lächelte sis spöttisch, bald nahm ihr Antlitz einen finsteren Ausdruck an, bald warf sie ihm einen Blick zu, der deutlich ihre Zweifel an den Worten ihres Gatten verriet, bald schüttelte! sie leicht das Haupt, blickte sinnend vor sich nieder, um plötzlich aufschauend Wedemeyers Augen zu begegnen — mit einem Blick, der ihm die heiße Glut in die Wangen trieb. Als man sich erhob, um auf der Gartenterrasse bett Kaffee zu nehmen, war Herr Wedemeyer Feuer und! Flamme für den Plan seines Chefs. Unbedingt müsse der Baron hier bleiben, er, Wedemeyer, werde alle seine Kräfte aufbieten, um der Herrschaft den Aufenthalt so an-, genehm tote nur möglich zu machen und den Herrn Baron so' rasch tote möglich in die Geschäfte einzuführen. Dabei ruhten seine Blicke in begeisterter Verehrung auf der schlanken, vornehmen Gestalt Irmas, die in nach^ lässiger Haltung in einem amerikanischen Schaukelstuhl! ruhte und den blauen Wölkchen ihrer Zigarette nach-, blickte. Ihr schmaler Fuß in den niedrigen Schuhen aus feinstem Glanzleder und dem schwarzseidenen Strumpf, durch den die zarte Haut rosig durchschimmerte, sah unter dem Saume des Kleides hervor, der linke Arm hing schlaff nieder, während von dem rechten, der sich auf bte Lehne; bes Stuhles stützte und in den schlanken Fingern bis Zigarette hielt, ber weite Aermel zurückgesallen war ,sodaß er in seiner feinen, weichen Rundung bis über den Ellenbogen sichtbar wurde. Herrn Wedemeyer flimmerte es vor den Augen. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche reizvolle Er-t scheinung gesehen. „Wollett Sie nicht neben mir Platz nehmen, Herr Wed^ melier", sagte nach; einer Weile Irma. „Ich möchte mich gern über meine Pflichten als Landwirtin belehren lassen.^ Es zuckte spöttisch! um ihren Mund, aber unter bett langen bunklen Wimpern hinweg traf ihn ein heißer, rascher, auffordernder Blick, ber ihn bis in bie Tiefe seines Herzens erbeben machte. „Gehen. Sie nur, Wedemeyer", lachte Eitel Fritz, „und suchen Sie in meiner Frau bie Lust am Landleben zu er- wecken. Ich! habe mit Herrn Werner noch! einiges zu besprechen." Und dann saß Herr Wcdemeyer der verführerischen Gestalt der Baronin auf einem niedrigen Sessel gegenüber^ und sie schaukelte hin und her, ihre seidenen Kleider rauschten, und ein feiner Duft umschwebte sie, der seine Sinne betäubte und verwirrte, daß er keine Worte sanch sondern sie nur immer anschauen mußte. Sie ließ wieder ihr kleines hämisches Lächeln spielen. „Weshalb sehen Sie mich so forschend an?" fragte sie dann in leisem Tone. „Verzeihung, gnädige Frau Baronin . . . ich — ich bin erstaunt — daß — Frau Baronin. . ." Er stockte. Er wußte nicht, ob er sortfahren durfte. „Nun?" fragte sie. „Vollenden Sie nur ohne Scheu Ihren Satz! Sie sind erstaunt, daß ich. . . ?" „Daß Frau Baronin hier die ländliche Hausfrau spielen wollen, da Sie doch so ganz und gar nicht dazu geschaffen scheinen." Sie lachte. „Sie haben einen scharfen Blick. Aber ich will Ihnen Ihr Kompliment zurückgeben: auch Sie scheinen mir nicht zu der Stellung eines Inspektors geschaffen." Er seufzte. „Was soll man machen, gnädige Frau? Man muß doch leben." „Freilich, — Waren Sie denn immer Landwirt?" „Nein. . ." „So erzählen Sie mir doch — Haben Sie Vertrauen zu mir — ich denke, wir werden iroch öfter mit einander plaudern." „Oh, Frau Baronin sind sehr gütig — gewiß, ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, gnädige Frau! — Es ist ja schrecklich, als gebildeter Mensch hier in der Einsamkeit zu sitzen, zu verbauern — zumal als Inspektor, der mit den Herrschaften so wenig in Berührung kommt. Noch dazu wenn man früher in der besten Gesellschaft verkehrt hat." „So waren Sie nicht immer Landwirt?" „Nein — ich! — ich war Kadett und stand als Fähnrich in einem Husaren-Regiment. . ." „Ah! Und weshalb gaben Sie Ihre militärische Karriere auf?" Herr Wedemeyer senkte die Augen. „Ist es Ihnen peinlich, darüber zu sprechen, so verzeihen Sie meine Frage. Aber ich meine es gut mit Ihnen . . ." „Tausend Dank, gnädige Frau!" (Fortsetzung folgt.) List und Klugheit im Tierleben. Bon F. C l e nt c n s. (Nachdruck verboten.) Die Listen, welche die Tiere anwenden, um sich Vorteile zu sichern oder vor Gefahren zu schützen, stellen eins der interessantesten Kapitel des tierischen Seelenlebens dar. Tie Frage: „Instinkt oder Ueberlegnng?" ist nirgends mehr am Platze als gerade hier und findet nirgends eine so nnzwei- deutige, zu Gunsten der Ueberlegung sprechende Antwort. Wie kann eine Handlung auf Instinkt beruhen, die, durch Umstände erzeugt, in die ein Tier nur durch! Zufall geraten ist, und in denen sich seinesgleichen noch nie befunden hat, direkt als aus Erfahrung und Nachdenken hervorgegangen zu erkennen ist? Dann ist es ebenfalls nichts weiter als Instinkt, wenn wir uns durch Scharfsinn aus Gefahren retten, oder uns mit List irgend einen Vorteil verschaffen. Ein schönes Wort spricht in Bezug auf die Intelligenz der Tiere der beste Kenner der Tierseele, Brehm, in seinem Tierleben. „Das Tier, sagt er, zeigt Unterscheidungsvermögen, Zeit-, Ort-, Farben- und Tonsinn, Erkenntnis, Wahrnehmungsgabe, Schlußfähigkeit, Urteil; es bewahrt sich, gemachte Erfahrungen aus und benutzt sie; es erkennt Gefahren und denkt über Mittel nach;, sie zu vermeiden; es beweist Neigung und Abneigung, Liebe gegen Gatten und Kind, Freunde und Wohlthäter, Haß gegen Feinde und Widersacher, Dankbarkeit, Treue, Achtung und Mißachtung, Freude und Schmerz, Zorn und Sanftmut, List und Klugheit, Ehrlichkeit und Verschlagenheit. Das kluge Tier rechnet,_ bedenkt, erwägt, ehe es handelt, das gefühlvolle setzt mit Bewußtsein Freiheit und Leben ein, um seinem inneren Drange zu genügen Das Tier hat von Geselligkeit sehr hohe Begriffe und opfert sich^zum Wohle der Gesamtheit; es pflegt Kranke, unterstützt Schwäck)!ere und teilt mit Hungrigen seine Nahrung. Es überwindet Begierden und lernt sich beherrschen ... Es erinnert sich der Vergangenheit jahrelang und gedenkt sogar der Zn- knnft, sammelt und spart für sie." Wer wie Schreiber dieses seit laugen Jahren die Tiere mit Liebe und Sorgfalt beobachtet hat, kann diese Ausführungen nur Wort für Wort unterschreiben. Als das listigste Tier galt von jeher der Fuchs, dessen Name sogar mit dem Begriff der List unzertrennlich verbunden ist. Und doch wird er weit übertroffen vom Affen, dem unstreitig die Krone unter den Tieren gebührt, und der nicht nur schlau und listig seinen stützen wahrzunehmen, sondern sogar mit erstaunlicher Geschicklichkeit die Kunst der Verstellung auszuüben versteht. Ein Beispiel dieser Art erzählt Dr. Friedrich! Knauer von dem Chimpansen Eongo im Vivarium zu Wien. Eongo bekam alle Stunden einen Schluck Kroudorfer Wasser, er hätte aber am liebsten immer gleich die ganze Flasche geleert. Damit sie nicht in feine Hände falle, sah sich der Wärter daher genötigt, diese immer sorgfältig zu verstecken, vorher überzeugte er sich jedoch, daß er von Eongo nicht bemerkt wurde. Der Affe stellt sich nun, als sei er ganz in sein Spiel vertieft oder mit dem Stochern der Zähne beschäftigt, beobachtete aber dabei mit schlauen Seitenblicken ganz genau, wohin die Flasche gelegt wurde. So lange der Wärter anwesend war, that er gar nicht dergleichen und setzte sein Spiel ruhig fort, sobald sich derselbe aber nur einen Augenblick entfernte, war er im Nu bei der Flasche, entkorkte sie und trank sie aus. Bon dem Orang-Utang Bobi berichtet Brehm, daß dieser von feiner Lagerstätte aus dem Schiffe, Ivo er sich befand, den Kellner beim Umpacken der Rumflaschen beobachtet hatte. In der Nacht hört der Besitzer des Orangs in der Kajüte Geräusch, und als er nachsieht, erblickt er den Affen am Weinlager beschäftigt, gerade im Begriff, eine Rumflasche auszuleeren. Die leeren Flaschen hatte er behutsam wieder in Stroh gewickelt. Die erste volle, die er fand, hatte er entkorkt und fast ausgeleert. Seine Naschhaftigkeit kostete ihm das Leben, er verfiel in ein Nervenfieber, von dem er nicht wieder genas. Bewundernswert ist die Schlauheit des Tieres, die sich in dem Umstande offenbart, daß er sich des Nachts, während er alles in festem Schlaf wußte, an den Weinvorrat heranmachte. Die Schlauheit des Elephanten ist nach neueren Beobachtungen sehr überschätzt worden, nicht zu leugnen ist aber seine große Dressurfähigkeit. Dagegen kommt dem Hunde neben anderen rühmenswerten Eigenschaften auch die der List in hohem Maße zu, selbst ein Mitglied der nicht gerade für sehr gescheit verschrieenen Mopsrasse versteht sich aus die Anwendung von Listen, um seinen Herrn zu täuschen, wenn er es zu seinem Nutzen für erforderlich hält. Wenn der Mops, den ich vor Jahren besaß, auf die Straße wollte und nicht durfte, so verkroch er sich zunächst ganz ruhig unter das Sopha. Nach einer Weile kam er plötzlich wieder hervor, alle Symptome der Unruhe an den Tag legend, und winselte und geberdete sich!, wie er es zu thun Pflegte, wenn das Hinuntergelafsenwerden unvermeidlich war. Tie ersten Male täuschte er mich! auch vollständig, ich öffnete ihm die Thür, durch die er seelenvergnügt auf die Straße entsprang. Derselbe Mops bediente sich, um den Zweck zu erreichen, ohne den verhaßten Maulkorb auf die Straße zu kommen, noch einer anderen List. Gab er sein Begehren, hinauszukommen, kund, so wurde ihm regelmäßig der Maulkorb umgelegt, in den meisten Fällen blieb er aber dann lieber im Zimmer oder kehrte, wenn er nunmehr, gezwungen wurde, sich zu entfernen, nach wenigen Minuten zurück. Bei jeder Gelegenheit suchte er sich dann —. nachdem der Maulkorb wieder entfernt war — heimlich hinauszuschleichen. Gelang ihm dies nicht, fo versteckte er sich unter dem Sopha und harrte des Augenblicks,, wo ein Besuch ins Zimmer trat. Diesem sprang und bellte er noch! hindernd entgegen, und ehe der Besucher nur Zeit hatte, die Thür wieder hinter sich! zu schließen, war. mein Mops pfeilschnell hinausgehuscht. Und wie weit überlegen sind ihm erst die Pudel und Schäferhunde. Ein Pudel war mit einer Menge anderer Hunde im Stall des Abdeckers eingeschlossen, dir Thür war nur eingeklinkt, da man es nicht für nötig hielt, sie zu verschließen. Trostlos hockten die anderen Hunde herum, der Pudel aber beobachtete schlau die Art imb Weise, wie der Ab- 592 decker die Thür öffnete, und als dieser sich entfernt hatte, drückte er die Klinke auf und setzte sich und alle seine Kollegen in Freiheit. Der Fuchs gilt als Sinnbild der List und Verschlagenheit. Schon seine Wohnung verschafft er sich oft auf höchst listige Weise, indem er, um sich die Mühe eigener Arbeit zu sparen, einen Dachsbau bezieht, dessen rechtmäßigen Bewohner er dadurch vertreibt, daß er den Eingang verunreinigt, und so den Dachs, einen großen Freund der Reinlichkeit, zum Auszug veranlaßt. Seine Jagdbeute verschafft er sich ebenfalls durch seine List, ja, es wird von glaubhaften Forschern bestätigt, daß er sich tot oder schlafend stellt, um feine Opfer sicher zu machen, und die Arglosen, wenn sie sich nahe genug an ihn herangewagt haben, plötzlich zu überfallen und zu erwürgen. Auch die Katze zeigt sich bei der Verfolgung der Mäuse als höchst verschlagenes Raubtier; unbeweglich und totenstill sitzt sie vor dem Mauseloch und macht sich klein, bis die Maus sicher geworden ist und sich herauswagt. Und selbst die letztere entbehrt nicht ganz aller List, wie sie bei ihrer Verfolgung beweist. Verlegt man einer im Zimmer befindlichen Maus ihr Fluchtloch und rückt bcmn Schränke und Möbel ab, um sie zu verfolgen, so scheint sie oft spurlos verschwunden. Geräuschlos und still harrt sie in einem Versteck, bis man sie entdeckt, aber sie entflieht nicht etwa bei unserer Annäherung aus demselben; denn dadurch würde sie sich verraten, sondern erst, wenn man sie direkt ertappt, etwa das Papier, unter dem sie harrt, beiseite schiebt, oder in die Ecke leuchtet, in die sie sich drückte. Durch diese List bewirkt sie, daß man oft dicht an ihrem Versteck vorübergeht, ohne sie zu entdecken, selbst Stockschläge an dasselbe. Pochen usw. treiben sie erst dann heraus, wenn eine unmittelbare Gefahr für sie vorliegt. Die Beispiele aus der Vogelwelt sind nicht seltener als die aus der Käugetierklasse. Mit welch ungeheure« List gehen viele unserer gefiederten Sänger bei der Wahl ihres Nistplatzes gu Werke, und ist es nicht ebenfalls ein Beweis von List, wenn das brütende Vogelweibchen uns bis dicht an das Nest heraniommen läßt und sich dann erst in Sicherheit bringt, wenn man direkt nach ihm greift? Unter den Vögeln sind als besonders listig Raben, Elstern und Papageien bekannt. Erstere beiden gehen nicht nur mit großer Verschlagenheit bei der Ausführung ihrer Spitzbübereien zu Werke, sondern sie üben auch die Kunst der Verstellung in raffinierter Weise aus. Gefangene Raben flicken Personen oder Tieren, die sie nicht leiden mögen, gern etwas am Zeuge; heimlich versetzen sie den Nichtsahnenden von hinten einen scharfen Schjnabelhi-eb und nehmen dann rasch wieder ihren Platz ein, auf dem sie mit so ernster Miene dasitzen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Von Papageien wird gleichfalls berichtet, daß sie sich oft schlafend stellen, um Personen, denen sie nicht hold sind, heranzulocken und sie dann mit Schnabelhieben zu traktieren, i Das Rebhuhn stellt sich) wenn es mit seinen des Fliegens noch! recht kundigen Jungen verfolgt wird, flügellahm, um die Aufmerksamkeit des Verfolgers auf sich zu lenken. Mühsam vor ihm herflatternd, bringt es ihm die Meinung bei, als könne er es mühelos Haschen, dadurch läßt er von den gefährdeten Jungen ab und läuft hinter der Alten her, die ihn so lange und so weit fortzulockeu weiß, bis ihre Kinder sich nach einer entgegengesetzten Richtung in Sicherheit gebracht haben. Die Kohlmeise lockt im Winter durch List die im Stocke verborgenen Bienen heraus, indem sie mit dem Schnabel anpocht, bis einige der Insassen Herausrommen, um nach dem Störenfried Ausschau zu halten. Die erste sich zeigende Biene wird ihr zur Beute; wenn sie diese auf einem in der Nähe befindlichen Aste verzehrt hat, fetzt sie ihr Spiel fort. Unter allen aber triumphiert der sogenannte Honiganzeiger in Afrika, welcher die Bienennester aufsucht, um sie dann dem Menschen zu verraten. Sobald er ein Bienennest gefunden hat, setzt er sich an die Landstraße und erregt durch Singen, Rufen und Schlagen mit den Flügeln die Aufmerksamkeit des ersten besten Daherkommenden, ihn dadurch einladend, ihm zu folgen. Sobald sich jemand hierzu bereit zeigt, führt er ihn, indem er von Baum zu Baum fliegt, zu dem Bienenstock, von dessen Ausbeute ihm der dankbare Besitzer sodann einen guten Teil zu-, kommen läßt. Mit der Klugheit der Schlangen ist es nicht weit her, und ist es nicht einzusehen, wie sie bei vielen Völkern als Sinnbild der List, und Klugheit haben gelten können. Auch bei dem Dotstellen der Käfer hat man es wohl nur mit einem Anflug des Instinkts, nicht aber mit einem Akte überlegter List zu thun. 'Dagegen erscheint es mir nicht angebracht, in diesem Sichtotstellen in allen Fällen eine rein mechanische Wirkung des bloßen Erschreckens zu erblicken. Mit dieser Erschreckens- und Gehirnerschütterungstheorie versucht man neuerdings analoge Erscheinungen! auch des höheren Tierlebens zu erklären, aber — einzelne Fälle ausgenommen, — gewiß mit Unrecht. Dir Maus, die sich bis .zum entscheidenden Augenblick in! ihrem Versteck hält, bannt gewiß nicht der Schrecken hinein, sie würde sonst im rechten Moment nicht so blitzschnell davonzulaufen vermögen. Ebensowenig hält das Entsetzen das brütende Vogelweibchen aus ihrem Neste fest — auch dieses würde sonst nicht den entscheidenden Moment zur Flucht ausnützen können. Sieht man bcifji duch, wie es mit gespanntem Auge jeber unserer Bewegungen folgt, um zuletzt mit sicherem Fluge zu verschwinden, nachdem es sich bie rechte Richtung bereits vorher klüglich auswählt. So habe ich auch von Käfern, bie sich, sobald man sich ihnen nähert, vom Zweig auf die Erde fallen lassen, be- obachtet, daß sie, sobald sie unten angelangt waren, blitzschnell davonliefen oder sich tiefer in die Löcher des Bodens verbargen. Das spricht ooch sicherlich nicht für eine Art Lähmung durch Schrecken? Weiter beobachtete ich an Käfern, welche ich beim Laufen über den Weg stellte, daß diese sich eine Zeit lang totstellten, d. h. still und! bewegungslos verharrten, und sobald . sie sicher geworden, davonjagteu. Stellte ich sie von neuem, so wiederholte sich der Vorgang. Warum sollte hier nicht der Instinkt eine mindestens ebenso häufige Rolle spielen wie das Erschrecken? Man thut immer gut, in allen derartigen Fällen die Wahrheit in der Mitte zu suchen. Die Originalitäts-i haschieret der Forscher spielt ihnen gar zu gern einen Streich,- T-er Eine hat sich in eine Idee verrannt, und da er nur nach Beweisen für diese sucht, erblickt er in allen möglichen; Vorgängen nur unterstützende Momente für seine Idee. Einwanderer will gerade dadurch von sich reden machen, daß er das Gegenteil nachweist, und fein Verfahren ist genau das gleiche. Beide sind in gewissem Sinne Fanatiker vorgefaßter Meinungen. Der vorsichtige Forscher mißtraut beiden, bis der Beweis für die Wahrheit unzweifelhaft erbracht worden ist, Mode. „W ienerMod e". Tas vorliegende zweite Oktoberheft dieser beliebten Mod-e- und Frauenzeitung beweist wieder, daß dem alten, vornehmen Blatte - hervorragende Mit-^ arbeiter zur Seite stehen. Schpn bei flüchtiger Durchsicht fällt der Reichtum an neuen Toiletten und Hutmodellen günstig aus. lieber das Tragen von Pelzsachen bringt das Heft einen ausführlichen Modebericht, und die entzückenden! Handarbeitsmuster werden gewiß überall willkommen sein. Dem Unterhaltungsteile widmet die Leitung der „Mienen Mode" besondere Pflege, und da das Journal in allen! Stücken den höchsten Anforderungen zu genügen bestrebt ist, gewinnt es beständig neue, dankbare Leserinnen. — Abonnementsbestellungen nimmt jede Buchhandlung, jede Postanstalt, sowie der Verlag in Wien, VI. Gumpendorser- straße 87, zum Preise von 2.50 Mk, vierteljährlich entgegen, __ Delphischer Spruch- Nachdruck verboten. Heldentaten besing ich, doch legst du das Haupt mir zu Füßen, Trägt mich der Vogel, und gern wendet der Mime mich an. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Pyramide in vor. Nr.: G RAD MINNA BRESLAU Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schM UniverfltätS-Bnch- und Steindrnckerci (Pietsch Erben) i.> Gießen.