Samstag bett 17. August. $w V' ss -1 ^iSw» k uch ein guter Seemann fällt wohl einmal über Bord. i Sprichwort. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Der Doktor zauderte ein wenig, dann trat er an die Seite des Freundes und legte die Hand auf seine Schulter. .„Nun laß mich einmal ein aufrichtiges Wort zu Dir reden, mein Junge, und fahre, bitte, nid)[t gleich- auf wie ein angeschossener Löwe. Worin bestehen denn nun eigentlich! Deine Beweise für die Schuldlosigkeit des Fräulein Willisen?" Tie Mahnung zur Ruhe war gewiß feine überflüssige gewesen; denn Rudolf Irnbergs Antlitz färbte sich bis über die Stirn hinauf mit dunkler Röte. Beinahe heftig schüttelte er die beschwichtigende Hand des Freundes von sich ab. „Soll das heißen, Volkmar, daß auch Du —" „Pst! — nicht so hitzig ! Fordere mich meinetwegen nachher auf Pistolen, aber höre mich- erst eine Minute lang geduldig an. Daß Dein Vater sich- bei der Abgabe seines Zeugnisses geirrt hat und daß die Ueberbringerin des Brillantschmetterlings eine andere gewesen ist als Margarete Willisen, glaube ich Dir natürlich ohne jeden Vorbehalt. Aber damit iü doch noch nicht bewiesen, daß sie ihn nicht genommen hat. Die Aussage der Frau Haller läßt sich; nicht aus der Welt schaffen, und diese Frau hatte nicht das geringste Interesse daran, ihre Gesellschafterin schwerer zu belasten, als es ihrer Ueberzeugung nach- den Thatsachen entsprach. Abgesehen von dem einzigen Fall, wo sie sie auf wenige Minuten dem Fräulein Willisen anvertrante, hat sie die Schlüssel zu dem Wandschrank und der Kassette nicht aus der Hand gegeben. Bei der Begehung des Diebstahls ist offenbar weder ein Nachschlüssel gebraucht, noch Gewalt angeivenbet werden. Die beiden Dienstmädchen sind den vorliegenden Umständen nach! gänzlich außer allem Verdacht, und eine fremde Person hätte sich weder bei Tage noch bei Nacht unbemerkt in das Schlafzimmer einschleichen können. Muß nicht jeder nüchterne Beurteiler in Erwägung aller dieser Momente zu dem Schluß kommen, daß Margarete Willisen in einem schwachen Augenblick der Versuchung unterlegen ist, und daß sie dann irgend eine Bekannte oder Freundin damit beauftragt hat, den Schmuck zu verwerten? Es ist ja denkbar, daß diese Person ihr Vertrauen getäuscht und das erlangte Geld gar nichst au sie abgeliefert hat. Jedenfalls aber wird es Dir kaum gelingen, der Welt eine andere Meinung von der Sack)« beizubringen, so lange nicht die llteberbringerin des Brillantschmetterlings ermittelt ist, und so lauge sie sich nicht zu dem Diebstahl bekannt oder den wirklichen Verbrecher genannt hat." Mit wachsender Ungeduld hatte Rudolf Jmberg ihm zugehört, aber er hatte sich! bezwungen, und er bezwang sich auch noch jetzt. Scheinbar ruhig fragte er: „Bist Du nun zu Ende?" „Ich denke, ja. Und wenn Du wirklich- der vernünftige, klar denkende Mensch bist, für den ich Dich- bis zu diesem Augenblick gehalten habe, so muß es Dir genug fein, um Dich- von der Unausführbarkeit dieser tollen Heiratsidee zu überzeugen. Du würdest Dir mit einem solchen Schritt Deine ganze Zukunft zerstören und Dich grenzenlos unglücklich machen. Ist aber Margarete Wil- lisen wirklich das feinfühlige Geschöpf, das Dein Mitleid Dich in ihr erblicken läßt, so müßte die Erkenntnis, Dein Dasein verdorben zu haben, sie doppelt elend machen, auch wenn sie sich jetzt natürlich leicht genug überreden lassen wird, 'die Hand zu ergreifen, die sie aus ihrer Bedrängnis und aus ihren dürftigen Verhältnissen emporzieht." „Deine Gründe sind, wie ich! annehme, damit erschöpft. Und wenn Du noch weitere in Bereitschaft haben solltest, so erspare es, bitte, Dir und mir, sie vorzubringen. Ich habö meinen Entschluß nickt so plötzlich- und nicht so kampflos gefaßt, daß er jetzt von dem bloßen Hauch eines Mundes wieder über den Hausen geworfen werden könnte. Zum letzten Male erkläre ich Dir, daß ich- von Margaretes Schuldlosigkeit felsenfest überzeugt bin, wie ich- zugleich noch immer an die Schuldlosigkeit derjenigen glaube, die meinem Vater den Schmuck überbrachte. Du magst mich darum in Deinem Herzen einen Narren schelten, aber ich erwarte, daß Du meine Ueberzeugung achtest. Wenn Deine schlimmen Prophezeiungen für meine Zukunft in Erfüllung gehen, so werde ich eben, gleich manchem Besseren vor mir, ein Opfer des Kampfes geworden fein,. den ich um der Gerechtigkeit willen führe. Ich kann unterliegen, wie jeder Streiter unterliegen kann, dafür aber, daß es nur mit Ehren geschehen wird, dafür stehe ich- Dir ein. — Und nun laß diesen Gegenstand zwischen uns für immer abgethan fein. Ich weiß, daß Deine Warnung wohlgemeint war, und ich danke Dir dafür. Ihre Wiederholung aber könnte mich nur beleidigen und kränken. Willst Du nach meiner Verheiratung unser geschäftliches Verhältnis auflösen, so erkläre ich- mich jederzeit bereit, von dem Vertrage zurlick- zntreten. Du wirst ja in diesen drei Monaten Zeit genug haben, -es Dir zu überlegen. Gute Nacht!" 462 Er eilte rasch hinaus, ohne eine Erwiderung des Doktors abzuwartcn. Der aber sah ihm kopfschütterlnd nach. „Er ist wahrhaftig tut stände, es zu thun", sagte er bei sich selbst. „Daß Doch gerade die besten Menschen so oft wie toll und blind in ihr Verderben rennen müssen!" Sechstes Kapitel. DieAbcndschatten eines trüben Augusttages senkten sich nieder, als Rudolf Jmberg langsam und in müder .Haltung wie jemand, der auf einem schweren Gange begriffen ist/ dem alten Hause in der Johannesstraße zuschritt. Er hatte sich in diesen wenigen Monaten sehr verändert. Sein Gesicht war bleich utid hager geworden, ein bitterer, schmerzlicher Zug hatte sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herab darin eingezeichfltet. In seinen Augen aber und auf seiner Stirn war die Festigkeit eines unerschütterlichen Entschlusses. Er verharrte nicht in ungewissem Zaudern vor der Thür der Frau Willisen, sondert- er zog mit fester Hand die Glocke. Als ihm geöffnet wurde, und als er die schlaitke Mädchengestalt im Halbdunkel des Ganges erkannte, trat er rasch über die Schwelle. „Sie sind es, Fräulein Margarete? — Gott sei Dank! Sie haben es gesund überstanden, nicht wahr?" „Wie Sie sehen, Herr Rechtsanwalt", erwiderte sie, ihm die Hand zum Gruße reichend. „Man stirbt nicht so leicht, wenn man den Willen und die Pflicht hat, zu leben. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, näher zu treten? Meine Mutter ist ausgegangen, um sich in einem Geschäft wo man Handarbeiten zu vergeben hat, persönlich! vorzustellen. Aber ich erwarte sie in jedem Augenblick zurück." Sie sprach mehr und hastiger als sonst, wie um dadurch Herrin ihrer Verlegenheit zu werden, die Rudolf doch unmöglich entgehen' konnte. Als sie einander in dem erleuchteten Zimmer gegenüberstanden, erschraken sie beide vor der Veränderung, die mit ihnen vorgegangen war, seitdem sie sich zutn letzten Male gesehen hatten. Margarete fragte im Tone aufrichtiger Besorgnis: „Wie angegriffen Sie aussehen, Herr Jmberg! Sie waren doch nicht krank?" „O nein — etwas überarbeitet vielleicht. , Aber das hat durchaus nichts zu sagen. Ich will Sie nicht fragen, Fräulein Margarete, wie Sie diese entsetzlichen drei Monate --" „Nein, nein", unterbrach sie ihn flehend, „prägen Sie mich nicht! Lassen Sie uns nicht davon sprechen — niemals —ich bitte Sie darum!" „Gewiß nicht, wenn Sie es so wollen. Ich kam ja auch, um von etwas anderem mit Ihnen zu reden, und ich! nehme es für eine glückliche Fügung, daß die Abwesenheit Ihrer Mutter mir gestattet, es ohne Umschweife zu njutt. Glauben Sie an die Aufrichtigkeit meiner Freundschaft, Fräulein Margarete?" „Wie dürfte ich daran zweifeln nach, alledem, was Sie für ntidj1 — was Sie für uns gethan haben!" „O, es war wenig genug, und Ihre Mutter hatte wohl recht, als sie mir vorwarf, daß es Ihnen mehr zum Schaden als zum Heil gereicht habe. Nun aber, nun möchte ich etwas thun, das Ihnen--- — nein, nicht so! Haben Sie Nachsicht mit mir, wenn ich es nicht auf die rechte Weise vorzubringen verstehe." Es wurde ihm nun doch unendlich viel schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Darüber, daß er seine Werbung nicht in das Gewand einer feurigen Liebeserklärung kleiden dürfe, war er ja keinen Augenblick tut Zweifel gewesen. Aber er hatte sich über die geeignete Form sticht viel den Kops zerbröckelt, weil er meinte, der entscheidende Augenblick werde ihn schon die passenden Worte finden lassen. Nun erkannte er mit Bestürzung, wie arg er sich darin getäuscht hatte. Wieviel magerer und blasser sie auch in diesen drei Monaten geworden war, nie war ihm Margarete doch so lieblich erschienen , als in dieser holden Verwirrung, die seine ungeschickte Einleitung verschuldet hatte. Und er fühlte, daß er diesem anmutigen Geschöpf, das sonst so ganz dazu geschaffen gewesen wäre, einen liebenden Mann zu beglücken , feine Hand nicht wie ein großmütiges Gnadengeschenk anbieten dürfe. Er liebte sie nicht, davon fühlte er sich auch jetzt noch im innersten Herzen überzeugt — liebte sie wenigstens nicht so, wie er einst geträumt hatte, das Weib zu lieben, das seines Lebens Glück und Inhalt ausmachen sollte. Aber die Vorstellung, den ganzen Rest! seines Daseins mit dem ihrigen zu verschmelzen, hatte jetzt, seitdem er sie in all ihrer zarten, sanften Schönheit vor sich, sah, doch alles Beängstigende und Bedrückende für ihn verloren — alles, was ihn berechtigt hätte, seinen Entschluß noch länger für ein entsagungsvolles Opfer zu halten. Ja, es regte sichj in ihm zunt ersten Male etwas wie eine dunkle Empfindung, daß vielleicht sie es sei, die hier das schwerere Opfer bringen ntüsse, und dieses unbestimmte Gefühl ließ ihn zaghaft und unsicher sekundenlang vergebens nach Worten suchen. Aber er sah die Pein, die sie bei seinem Zaudern litt, und darum machte er ihr mit raschem Entschluß ein Ende. „Ich bin gekommen, Fräulein Margarete, um Ihnen eine Frage vorzulegen, die bedeutsamste, die von einem Manne an ein junges Mädchen gerichtet werden kann. Wollen Sie mir vor aller Welt das Recht einräumen, Ihnen schützend und schirmend zur Seite zu stehen? Nicht bloß bis zu dem Tage, an dem Ihre Rechtfertigung erfolgt sein wird, sondern für immer — und nicht als Ihr Freund, sondern als Ihr Gatte?" Es war geschehen, und er atmete auf. Eine seltsame Freudigkeit war über ähn gekommen in demselben Moment, da er das entscheidende Wort gesprochen hatte. All die schweren Kämpfe dieser letzten Monate, er vermochte sie gar nicht mehr zu begreifen. War auch das Glück, nach, dem er da seine Arme ausstreckte, nicht berauschend und überschwenglich, sondern still und bescheiden, so war es doch ein Glück — das ließ ihn die Stimmung dieses Augenblicks voll und überzeugend empfinden. Da Margarete schwieg, wollte er auf sie zutreten, um ihre Hände zu ergreifen, aber sowie sie seine Absicht erkannte, blickte sie auf, und die stumm beredte Bitte in ihren Augen ließ ihn betroffen von seinem Vorhaben abstehen. „Sie antworten mir nicht?" sagte er. „War m meiner Frage etwas, das Sie gekränkt oder verletzt hat, Fräulein Margarete?" „Nein", erwiderte sie leise. „Ich empfinde dte ganze Hochherzigkeit dessen, was Sie da thun, und Sie dürfen mir glauben, daß ich Ihnen bis an mein Lebensende dafür dankbar bleiben werde, aber--" „Aber?" — Er hätte das Wort nicht erregter und ängstlicher wiederholen können, wenn er mit den Hoffnungen eines wirklichen Liebhabers hierher gekommen wäre. „Aber Sie weisen meinen Antrag zurück?" „Könnten Sie mich denn stpch länger achten, Herr Jmberg, wenn ich etwas anderes thäte?" _ Darauf war er nicht gefaßt gewesen. Er stotterte wohl ein paar Worte, aber es war keine Erwiderung auf thre Frage. Und sie kam seiner Ratlosigkeit zu Hilfe. „Sie haben sich meinetwegen mit Ihrem Vater entzweit", fuhr sie fort. „Stellen Sie es nicht in Abrede; denn ich weiß es, wenn auch erst seit heute. Und da Sie in dem Irrtum besangen sind, daß Sie etwas an mir gut zu machen hätten, wollen Sie nun selbst vor dem schwersten, verhängnisvollsten Schritt nicht zurückMecken, dem letzten, den Sie nach Lage der Dinge überhaupt noch für mich thun können. Das ist -edel und großmütig — aber es ist viel zu edel und großmütig, Herr Jmberg, als daß ich es annehmen dürfte." „Aber Sie täuschen sich — die Deutung, die Ste meiner Handlungsweise geben, ist falsch — ich versichere Sie —" Ihr ruhiges Kopfschütteln machte ihn verstummen. „Lassen Sie uns doch auch- heute aufrichtig gegeneinander fein, wie wir es zu meiner Freude bisher tmntier waren. Wenn ich Sie jetzt auf Ehre und Gewissen fragte, ob Sie mich, aus Liebe, aus echter, wirklicher Ltebe zur Frau begehren, dürften Sie mir dann ins Auge sehen und mir mit Ja antworten?" ‘ Es war eine Stimme in ihm, die thm zurtef, zu thun, was sie da heischte — eine Stimme, die gewiß nicht aus dem Kopfe, sondern aus dem tiefsten Herzen 463 kam. Aber er gewann es nicht über sich, ihr zu gehorchen. Denn welchen Namen er immer dem Gefühl geben mochte, das er für Margarete Willisen hegte — die große gewaltige Liebe , die Liebe, an die sie selbst bei ihrer Frage ohne allen Zweifel dachte, war es nicht. So sah er ihr nicht ins Ange und blieb stumm. Sie aber spracht mit einem kleinen Lächeln und mit einer plötzlichen Munterkeit, die er in seiner Thorheit für echt nahm, weiter: „Nun, wollen Sie jetzt noch länger behaupten, daß ich mich täusche? Wahre Freunde sollen vor allem ehrlich! sein, und ich weiß, daß Sie viel zu sehr mein Freund sind, um mich zu belügen. Damit Sie sich aber nachher nicht etwa mit ganz grundlosen Vorwürfen quälen, will ich Inen noch etwas sagen. Wenn Sie mir jetzt mit den heiligsten Eiden geschworen hätten, daß es gar nicht Ihr Wunsch sei, mir etwas Gutes zu erweisen, sondern daß Sie selbst an gebrochenem Herzen sterben würden, wenn ich Sie mit einem Korbe fortschickte — Sie hätten diesen Korb trotzdem bekommen. Und Sie wären mir darum nicht böse gewesen, nicht wahr?" „Wie könnte man Ihnen böse sein, Fräulein Margarete!" sagte er verwirrt und mit einer Empfindung aufrichtigen Kummers im Herzen. „Ich hatte gehofft, daß diese Unterredung anders ausgehen würde; aber Sie haben mir ja allen Mut genommen, weiter in Sie zu dringen." „Nein, das sollen Sie auch nicht. Es würde Ihnen ja ebenso viel Verlegenheit bereiten wie mir. Wir wollen denken, daß wir diese Viertelstunde nur im Traum erlebt hätten, und wollen sie vergessen wie irgend einen närrischen Traum." „Und wie soll unser Verkehr sich! nun künftig gestalten? Ihre Frau Mutter hat mir sozusagen das Haus verboten —, und so empörend ihre Gründe an und für sich auch sind — kann ich ihnen doch nach! dem, was sie mir mitgeteilt hat, eine gewisse Berechtigung leider nicht absprechen." „Wir werden uns dann eben nicht mehr so häufig sehen dürfen wie früher — vielleicht nur, wenn der Zufall uns einmal an einem dritten Orte zusammenführt. Aber ich meine, wir brauchen darum nicht minder herzlich und freundschaftlich aneinander zu denken." „Sie finden sich leicht in die Veränderung, Fräulein Willisen", sagte er mit einem Anflug von Bitterkeit. „Und Sie werden dem Zufall, der uns an einem dritten Orte zusammenführen könnte, natürlich so behutsam als möglich aus dem Wege gehen. Ich aber werde keine ruhige Stunde mehr haben; denn unablässig wird mich die Sorge peinigen, daß Sie sich in dem grausamen Kampfe ums Dasein aufreiben, daß Sie vielleicht der Not und der Verzweiflung preisgegeben sind, während ich! Ihnen nichts als das für mich Ueberflüssige zu geben brauchte, um Sie davon zu befreien." Jetzt war sie es, die ihm freiwillig ihre Hände reichte. „Bon solcher Sorge sollen Sie sich! nicht beunruhigen lassen, mein Freund! Ich bin gar nicht so stolz, wie Sie es zu glauben scheinen. Wenn es uns wirklich jemals so schlecht gehen sollte, wie Sie es da ausmalen — dann — ich verspreche es Ihnen — dann werde ich. mich gewiß an keinen andern um Beistand und Hilfe wenden als an Sie." .Wirklich? — Werden Sie das thun? — Sie geloben es mir feierlich, Fräulein Margarete?" „Ich! gelobe es. — lind nun — zürnen Sie mir darum qicht — nun ist es doch vielleicht besser, wenn Sie gehen, ehe meine Mutter zurückkommt. Sie ist in manchen Dingen ein wenig sonderbar, und ich möchte ihr bei ihrem leidenden Zustande so gern jede Aufregung ersparen. Sie verstehen muty, nicht wahr? — Und Sie verübeln es mir nicht?" „Nein", sagte er. „Sie haben recht — es ist am besten, wenn ich gehe." Aber er hielt ihre Hände noch immer fest und sah ihr ins Gesicht, als wäre doch das letzte Wort noch nicht zwischen ihnen gesprochen. Er war bitter unzufrieden mit sich selbst; denn er fühlte, daß die Art, wie er seine Werbung vorgebracht und wie er ihre Abweisung hingenommen hatte, gar nicht der wahre Ausdruck seiner Empfindungen gewesen war. Es drängte ihn, ihr etwas recht Warmes und Herzliches zu sagen — etwas, das sie davon überzeugte, wie geru und freudig er ihr Ja em» pfangen hätte. Aber das herzliche Wort wollte ihm nicht einfallen, solange es noch Zeit dazu gewesen wäre, und als sie ftd)' dann mit einem freundlichen: „Leben Sie denn wohl, Herr Irnberg!" von ihm losgemacht hatte, war es zu spät. Bis an die Wohnungsthür gab sie ihm das Geleit, und auf der Schwelle sagte er ihr, was er allenfalls jedem gleichgiltigen Bekannten hätte sagen können, von dem er auf längere Zeit Abschied nahm. Enttäuscht und niedergeschlagen ging er von dannen. Margarete Willisen aber lauschte hinter der geschlossenen Thür, bis der Klang seiner Schritte auf der Treppe verhallt war. Dann flüchtete sie in das Zimmer zurück, schob den Riegel des Schlosses vor und sank, das Gesicht in den Händen verbergend, auf den nächsten Stuhl. In schier übermenschlicher Selbstbeherrschung hatte sie sich so lange aufrecht erhalten und hatte dem Manne, den sie mit der ganzen Kraft ihres jungen unberührten Herzens liebte, bis zum letzten Augenblick eine freundlich lächelnde Miene gezeigt. Nun aber war es mit ihrer Fassung vorbei, und in heißen Thränen strömte sie den Jammer ihrer armen, gemarterten Seele aus. (Fortsetzung folgt.) Der Herr Direktor. Eine lustige Geschichte von Alwin Römer. (Nachdruck verboten.) „Na, nun geh' mit Gott, alter Freund, gestärkt bist Du!" sagte Dr. Schwennecke zu seinem Studienfreunde Emanuel Grasmüller, der in untadelhaftem Besuchsanzug auf dem Sopha saß, und soeben den letzten Rest Rheinwein" hinuntergoß, den ihm der Doktor trotz seines Widerstrebens noch eingeschenkt hatte. „Nochmals: Die Hauptperson bleibt der Bärenwirt. Wenn der seine Tatzen über Dich breitet, hast Du gewonnen. Alle die anderen sind Dir sicher! Aber dessen Anhang giebt den Ausschlag bei der Wahl. Sei also tiiig. Laß Dich durch seine Grobheit nich!t abschrecken, und verschlucke jeden Widerspruch, wenn er irgend etwas Verrücktes behauptet! Das ist einmal seine Schwäche!" „Ich danke Dir, Heinrich!" sagte Grasmüller, der sich! in dem Städtchen, wo Schwennecke Praktizierte, um das Direktorat der „Höheren Töchterschule" bewerben wollte. „Vielleicht erringe ich seine Gunst." „Wollen's hoffen! Daß Du im „Löwen" abgestiegen bist, wird ihn natürlich kränken. Aber umziehen darfst Du, wie gesagt, nicht mehr! Der Löwenwirt hat schließlich auch seinen Einfluß!" „Und wenn die Wahl am letzten Ende davon abhängt, ob ich mich dem „Bär" oder „Löwen" überantwortet habe, so mag die ganze Geschichte die Katze holen! Ich müßte ja ein Kamel sein, wenn ich mir darüber dann ein graues Haar wachsen lassen wollte!" „Hm. . .," meinte der Doktor, „mit Deiner Zoologie scheint es just nicht weit her zu sein, alter Freund! Kamele mit grauen Haaren? . . - §m . . . wenn sich das die Zöglinge Deiner Privatschule in Winkelhausen haben aufbinden lassen: schön! . . • Unsere höheren Töchter würden Dich auf solch Kennzeicheu hin eher unter die Einhufer Solidungula und zwar als Equus asinus einreihen . . • Und nun mach Dich auf! Meine Kranken wollen mild} auch genießen, obwohl ich sicher bin, von manchem vielleicht "zu derselben Gattung gezählt zu werden, die Du in Deinem zoologischen Unverstand für Kamele ausgeben möchtest!" Emanuel Grasmüller machte sich auf den Weg. Sein Herz war voll Hoffnung, trotzdem er in anderen Städten schon verschiedentlich! um ähnliche Aemter sich beworben hatte, und durchgefallen war. Hier in Lachnitz standen, wie ihm der Doktor verraten hatte, von den Bewerbern keine in verwandtschaftlichen Beziehungen zu den entscheidenden Personen. Ta wollte er auf Grund seiner Zeugnisse, die er eingereicht hatte, seines Lehr-Geschicks, das er morgen in einer Lehrprobe beweisen konnte, schon Eindruck machen! Mochte der behaupten, was er wollte! Seine Parole war: Ter dumme Bärenwirt soll mich nicht — 464 -- lautlos auf den Tisch im 1 6 ein Sprichwort. Arithmogriph. Nachdruck verboten. 8 4 Teil des Körpers. Nummer: XI XII R 0 Mode. A k SchöneFrauen sind d er M ens ch heit Z 1erd e, besonders, wenn sie in gewählter Toilette einhergehen. Sich gut und schick zu kleiden, ist eine Kunst. Die „Wiener Mode" ist da ein aufrichtiger Berater. Die Mamiigfaltig- feit an Toiletten, feschen §üten, Haus-, Strand-, Reise- und Sportkleidern, Herren- und Kindergarderobe, berück,ichtigt den gemäßigten wie den verfeinerten Geschmack der | Damenwelt. Der Handarbeitsteil des Blattes bildet erne Vorlagen- und Mustersammlung von unübertroffenem Reichtum, und der Unterhaltungsteil „Im Boudoir" enthalt stets sehr interessante Aufsätze bildenden und belehrenden Inhaltes. Für Haus und Küche sind Kochrezepte und Speisezettel sür jeden Tag des Jahres gegeben und dies alles für den unglaublich billigen Preis von Mk. 2.j0 I vierteljährig. Probeabonnements für die Monate August und September sür Mk. 1.70 nimmt jede Buchhandlung, I jede Postanstalt sowie der Verlag, Wien VI/2, entgegen. 2 9 9 2 5 6 3 männlicher Vorname. 3 2 5 6 4 litterarisches Erzeugnis. 4 6 7 8 9 Zeitbestimmung. 5 12 4 4 6 weiblicher Vorname. 6 3 19 gelehrter Beruf. 7 8 12 4 6 Land in Asien. 8 6 8 4 Vogel. 9 12 1 12 6 4 berühmter Maler. 10 6 7 8 Gewässer. 11 12 10 6 4 2 4 Gebirge in Syrien. 12 3 6 4 Land in Asien. 4 12 11 Fluß in Afrika. 13 12 6 4 6 römische Göttin. Die Anfangsbuchstaben ergeben im Zusammenhang Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zifferblatträtsels in voriger I II III IV V VI VII VIII IX X SEIDEL L ENE Seide, Seidel, Ei, Eid, EUe, Ellen, Lena, Nero, Eros, Rose. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UuiversttätS-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. ärgern! Schweigen ist Gold! Wenn er nur erst die , Mann, feierlich und ganz glatt rastert, der ^schon lange Leitung dieser entsetzlichen Privatschule in Winkelhausen > auf Dich wartet. Das ist der Herr Direktor, stimmt s? los war! Ach, da war jeder der Väter, die zu den Unter- I „So? Wenn Du Dich nur nicht tauschst? Haltungskosten beitrugen, eine Art Bärenwirt! Alles! „Er hat's dem Oberkellner sttbst erzählt ■ ■ • wußten sie besser, vom I-Punkt angefangen! ... I „Und Tu weißt s wieder vom Oberkellner. Hör , h . I Ich mag das nicht! „ . Die Zechbrüder Sebastian Mahlmanns, des Wirtes zum I „sRa, der wär' auch der letzte!" sagte empört Fraulem „Schwarzen Bären" in Lachnitz, hatten in der verflossenen I Anna. „So ein lackierter . - ." Nacht tapfer ausgehalten. Es war daher kein Wunder, I Ein Klopfen an der Thür unterbrach sie. daß sich Vater Sebastian erst zu einer Stunde den Schlaf I „Herr Mahlmann!" tönte die Stimme des Lackierten, aus den Augen rieb, wo seine Mitbürger schon ein tüchtig I ücm den, soeben die Rede gewesen. „Unten wartet ein Teil ihres Tagewerks' hinter sich hatten. „ | Herr auf Sie!" Er schob die roten Gardinen vom Fenster zurück, und I „Soll warten!" brummte Mahlmann. „In einer halben gähnte herzhaft in den trüben Novembervormittag hinein. I Stunde komme ich! Erst muß ich frühstücken! Geben Sie Dann griff er nach den Postsachen, die ihm die Tochter I ejn Glas Bier und ein Butterbrot mit Schinken! Auf lautlos auf den Tisch im Zimmer gelegt hatte. Es waren I meine Rechnung!" Preislisten, Geschäftsempfehlungen und Zeitungen. Nur I „Schön!" rief der Oberkellner und entfernte sich eiligst, ein einziger Brief fand fid) dazwischen, dessen Adresse mit I um dem Auftrag' seines Gebieters nachzukommen, kühn verschnörkelten Schriftzügen prunkte. Er betrachtete I (Schluß folgt.) sie kopfschüttelnd, gähnte erst noch einmal und öffnete I Gemeinnützige». „Hochverehrter und hochwohlgeborener Herr Hotel-I Es kommt Besuch, und zwar solcher, dem man besitzer!" las er. „Würden Sie wohl die große Gnade haben, I eine Erfrischung anbieten kann; da habe ich (so erzählt eine und mir Ihre Scheune für eine Reihe von Vorstellungen I erfahrene Hausfrau) die Beobachtung gemacht, daß, wenn überlassen? Ich habe eine ausgezeichnete Truppe, lauter I man u a. Bouillon anbietet, gerade diese letztere gern erste Kräfte, und hoffe in Lachnitz Aussehen zu erregen. I gewählt wird, „wenn es nicht zu viele Umstande macht. Möchte besonders darauf aufmerksam machen, daß ich | Das thut's auch nicht. Wasser ist schnell zum Kochen ge- ueben den bewährten alten klassischen Stücken auch die | bracht; zu ein Fünftel Liter Wasser: 5 Gramm (gleich einer neuesten Sachen 'geben werde, wie z. B. das in Berlin so I Messerspitze) echtes Liebigs Freisch-Extrakt, 1 Theelöffel ganz großartig ausgenommene „Weiße Röß'l." Auch „Kapitän I kleingehacktes Suppengemüse, 3 Gramm Salz, 2 Gramm Treyfus". Nicht wahr, Sie weisen mich nicht ab, überaus I frische Butter, eine halbe Prise Muskatnuß; dies alle^ in geschätzter Schützer der Künste? Was sollte auch aus uns I einem Topf.5 Minuten langsam unter stetem Rnhren ge- allen werden, wenn uns nicht das theaterliebende Publi- I iod)t, alsdann 1 Gramm Kartoffelmehl, das mittlerweile kum von Lachnitz wieder ans einen grünen Zweig hilft? I |n einem Eßlöffel aufgelöst worden, hinzugesügt, nochmals Denn hier in Peterau ist. gar kein Sinn für die Knnst. I aufgekocht; das, durch ein Sieb gegossen, grebt eine koMuy Wir müssen thatsächlich hungern, alle, auch meine Frau | schmeckende Bouillon, die nur auf 9 Pfennige zu liehen und meine vier Kinder. I kommt, und mit der ich stets hohe Ehre eingelegt habe. Wenn ich abkommen kann, werde ich mir morgen I erlauben, in Lachnitz zu erscheinen, und Ihnen, hochver- I ehrter Gönner, meine Aufwartung zu machen. In tiefster Hochachtung Ihr ganz ergebener Diener I Theobald Lickefett I genannt: Theo von Linkfeld." I „Gottvoller Stieglitz!" lachte der Bärenwirt, als er I die Lektüre beendet hatte. „Na, meinetwegen kann er los- legen! Die Scheune steht ja leer! Und ein bischen Leben kommt dadurch anch in die Bude!" Sebastian Mahlmann war nämlich ein großer Theaterfreund, der ehedem selbst die weltbedeutenden Bretter betreten hatte. Freilich nur als Dilettant, aber doch mit vielem Beifall; in dem Neste nämlich, wo er Geschäftsführer war, und auch seine Frau kennen gelernt hatte. Er nahm sich vor, Herrn Theobald Lickefett nach. Kräften | zu unterstützen nnd ihm auch bei Feststellung des Spiel- planes mit seiner Erfahrung zur Seite zu stehen. In der Thür erschien jetzt Anna, seine Siebzehnjährige, und brachte ihm den Kaffee. „Guten Morgen, Väterchen!" sagte sie und bot ihm die frischen Lippen zum Kusse. „Hier ist Dein Frühstück. Mutter ist schon auf dem Trockenplatz wegen der Wäsche. Und ob ich auch hinausgehen dürfte?" „Vorläufig nicht. Ich weiß noch! nicht, ob ich nicht selbst ansgehe. Dann mnß doch wenigstens einer nach der Wirtschaft sehen!" „Wohin willst Du denn?" „Geht Dich nichts an, Gelbschnabel!" „Aber, Väterchen!" „Na, nach der Scheune dranßen! Bist Du nun klüger?" „Die ist doch leer?" „Eben deswegen!" „Ah, ich weiß schon! Schauspieler kommen!" „Woher „Ja, siehst Tu. Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen !" „Willst Du mir gleich sagen . . " „Ja doch, ja doch! Unten im Gastzimmer sitzt ein