(Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) „Kapitän Fowler hat mich hergeschickt", sagte ich, „damit ich mich überzeuge, wie es Ihnen hier geht. Sie wissen ja, daß er selber nicht im stände ist, nachgusehen, ob Sie es sich so bequem gemacht haben, wie die Umstände es gestatten." „Es geht uns ganz ausgezeichnet", antwortete Snow. „Ein gutes Teil besser, als in dem großen Boot, nicht wahr, Kameraden?" „Ja, darauf kannst Du Gift nehmen, Jim", meinte Craig. „Ist der Proviant gut?" fragte ich. „Ja, Madame, es ist alles gut", sagte Craig. „Es ist ein wahrer Genuß, 'mal wieder ein ordentliches Stück Fleisch zu essen." „Es ist schade, daß Sie nicht mit Kleidern versehen sind", meinte ich; „sonst, denke ich, könnten Sie sich hier ganz behaglich fühlen, wenn Sie auch nur Segel statt Matratzen haben." „Achtern im Proviantraum ist eine Slogkiste, Madame", rief Spence. „Um so besser", sagte ich „Ich werde es meinem Manne mitteilen, und er wird jedenfalls anordnen, daß die Sachen verteilt werden. Soll ich ihm sonst noch etwas bestellen? Oder kann iäy, irgendwie dazu beitragen, es Ihnen ein bißchen bequemer zu machen?" Ich bemerkte, daß Quill sein Gesicht abwandte. Meine freundlichen Worte hatten also den Eindruck bewirkt, den ich beabsichtigt hatte. Es war sicherlich ein gutes Zeichen, daß der Rädelsführer der Meuterei soviel Schamgefühl und Reue zu empfinden schien, daß er mich nicht gerade ansehen konnte. 1901. prühregm und Märzenstaub Fallen herab auf das grüne Laub, Auf das junge Laub und die Blümlein bunt, Und sie bleiben frisch und sie bleiben gesund; Denn es stirbt sich nicht sogleich. Trag' du in der Jugendzeit Immer getrost dein junges Leid. Und meinst du, daß dir das Herze bricht, Junge Leiden, die toten noch nicht; Denn e§ stirbt sich nicht sogleich. O. Roquette. „Nein, Madame, wir danken schon; wir haben nichts weiter nötig", sagte Snow nach einer kleinen Pause. „Nur etwas, gnädige Frau", rief Craig. „Daß Sie nämlich nicht glauben, daß auch nur ein Mann in diesem Hause ist, der seine Zustimmung dazu gegeben hätte, Sie und den Kapitän an Bord der Bark zurückzulassen, wenn der Steuermann nicht geschworen hätte, daß Sie beide tot wären, und daß es unmöglich sei, vor Feuer und Rauch heranzukommen." „Ja, das ist die Wahrheit", rief Quill, indem er sicb plötzlich nmwandte. „Die ganze faule Geschichte geschah nur, weil der Steuermann fortwährend trieb und schrie." „Mein Mann sagte Ihnen schon, daß er Ihnen glaubt", versicherte ich. „Am besten ist es, wenn wir gar nicht mehr davon reden. Herr Heron ist tot, und ich bin sicher, daß Sie alle Ihre Ansichten über Kapitän Fowler gründlich geändert haben, und daß Sie ihm, der jetzt ein hilfloser Invalide ist, helfen werden, das Schiff sicher nach England zu bringen." „Darauf können Sie sich verlassen", rief Snow, und schlug mit der flachen Hand auf das Kuie. „Das thäten wir schon Ihretwegen; denn gegen Sie hat keiner von uns jemals etwas gehabt. Der junge Spence hat uns erzählt, wie Sie Wache gehalten, und Matrosenarbeit verrichtet haben, als der Kapitän sich das Bein brach. Mit einer Frau, die sich so benommen hat, wo die meisten Damen in Ohnmacht gefallen wären, mit der kann man um die Welt segeln." Ein allgemeines Beifallsgemurmel folgte auf diese Rede, und da nichts weiter zu sagen war, nickte ich den Leuten zu, und entfernte mich wieder. Inzwischen war auch für uns die Zeit des Mittagsmahles herangekommen. Richard hatte seine Berechnungen beendet, und den Schiffsvrt in die Karte eingetragen. In der Meinung, daß der augenblicklich wehende Wind bereits der Passat sei, hatte er dem Zimmermann aufgetragen, sobald die Leute gegessen hätten, die Raaen scharf zubrassen, damit das Schiff im stände wäre, einen möglichst nördlichen Kurs zu machen. „Ob es nun der Passat ist, oder nicht", meinte er, „so wollen wir ihn doch so benutzen, als ob er es wäre. Wir wollen nach Norden und nicht nach Westen, und ein einziger Breitegrad ist mehr wert für uns, als sämtliche Längengrade." Snows Bemerkungen über mich, und die Beistimmung der Leute gefielen ihm sehr, und er sagte, daß er die Anerkennung, die mein Benehmen bei ihnen gefunden hätte, für den besten Beweis ihrer guten Vorsätze hielte. „Wenn sie uns auch betrogen haben", fügte er hinzu, „es sind doch immer Seeleute, und wenn sie Dich in ihr Herz geschlossen haben, werden sie auch treu bleiben." 154 zulaufen." . , I „Wie lange brauchen wir von jetzt an noch, um nach! | Hanse zu kommen?" . I „Nun", meinte er, „wenn die Brigg nicht gerade ent | alter Krebs ist, so müssen wir bei einigermaßen günstigem I Wetter doch in sechs Wochen im Kanal sein." I Sechs Wochen! Eine Ewigkeit, wenn ich bedachte, I daß er noch immer Schmerzen erdulden mußte, und vorher 1 keine ärztliche Hilfe zu erlangen war. Doch wollte ich ihn nicht sehen lassen, wie diese Nachricht mich niederschlug. Wenn es jemals die Pflicht einer Frau war, durch zuver- I sichtliches und mutiges Wesen ihren Mann auszuheitern, so war es die meinige. Mein armer Schatz hatte ja niemand, uni mit ihm zu reden als mich. Beschäftigt mußte er aber werden, sonst hing er zu trüben Gedanken nach — nicht nur über seinen Unfall, und alle die überstandenen Gesahreu, sondern auch über den Verlust seiner Bark, der chm nut vollem Recht die Stimmung verdüsterte, wenn er an die Aussichten in seinem Berufe für die Zukunft dachte. Sechsnndzwanzigstes Kapitel. I n h e i m i s ch e n Gewässern. Brigg „Bolama". Auf See, d. 8. Mai 1860. 38 Grad N. Br. 19 Grad W. L. Liebster Vater! Die „Aurora" ist auf See verbrannt. Richard und ich und die übrigen Leute der „Aurora" — mit Ausnahme des Steuermanns — kamen an Bord dieser Brigg, deren Besatzung bis auf einen einzigen Mann am Fieber gestorben war, und bringen nun das Schiff nackjHause. Wir ind ganz wohl und guter Laune. Ein Schiff überholt uns sehr schnell, und ich schreibe in größter Eile, tn der Hoffnung, daß wir den Bries an Bord werfen können. Es scheint ein Schnellsegler zu sein, und wird alpo diese Nachricht wohl schon ein paar Tage vor unserer Ankunft Dir zukommen lassen. Bitte, uns in Sunderland zu erwarten. Das ist unser Bestimmungshafen, ^ch habe kerne Ahnung, wann wir dort ankommen können, habe Dir aber oben unseren augenblicklichen Schisfs-ort angegeben. Unsere Fahrt beträgt ungefähr sechs Knoten. Mit den besten Grüßen Deine Dich liebende Tochter Jessie Fowler. „Wirst Du sie bestrafen lassen, wenn wir nach Hause , kommen?" , , „ , < _ Nein, wenn ich nicht etwa von den Reedern der „Aurora"' dazu gezwungen werde. Selbst wenn ich fte gerichtlich verfolgen wollte, sehe ich nicht rechst weshalb Soviel ich weiß, giebl es kein Gesetz, das der Mannichast I verbietest ein brennendes Schiff zu verlassen, während der Schiffer und seine Frau schlafen. Auch habe ich kein I Journal, das ich, vorlegen könnte. Ferner mußte ich er- I klären, daß ich versprochen hatte, ihnen zu verzeihen, sobald sie wieder ihren Dienst verrichten würden, und daß sie das auch gethan haben, toeitn auch, mürrisch und wider- tol(It,%anit würde ich ans der Not eine Tugend machen, und ihnen deutlich zu verstehen geben, daß Du von einer | gerichtlichen Verfolgung Abstand nimmst." „Sie wissen es schon; ich habe es dem Zimmermann gesagt", erwiderte er. „Er bat mich um Verzeihung, und schwor, es sei alles nur Herons Schuld. Er hofft, wenn er und die anderen ihre Arbeit ordentlich und ehrlich verrichteten, würde ich sie ihrer Wege gehen lassen, wenn wir in den Hasen kämen. Eine Gefängnisstrafe der Kerl hat die Seemannsordnung gelesen — würde ihn rutmerem „Wenn Du das versprochen hast, haben wir auch kerne weiteren Schwierigkeiten zu fürchten/' ,Neiii, darüber sei ruhig, Jessie. Ware mente Verletzung nur leichter. Wenn ich das Bein bewege, ist der Schmerz „Thut es auch, weh, wenn die Leute Dich mit dem Gestell aufheben?" .. . „Gar nicht. Nur toeitn ich vergeste, daß dav Bern gebrochen ist, und es herumdrehe. Wenn tch ganz ruhtg liege, schmerzt es gar nicht, daher glaube tch auch, daß die von Dir angelegten Schienen den gebrochenen Knochen wieder in die richtige Lage gebracht haben. Dann wird er auch gut zusammenwachsen, und ich brauche spater nicht mit einer kurzen und einer langen Spiere herum- Diesen in größter Eile geschriebenen, und adressierten Bries übergab ich „Herrn" Snow. Als dienstthuender Steuermann hatte er jetzt Anspruch daraus, so genantu. zu werden. Er hatte mir versprochen, den Brief an Bord eines eisernen Klipperschisfes zu befördern, das uns mA großer Schnelligkeit einholte, und das wir bereits durch Flaggensignale über unsere Absicht aufgeklärt hatten. Brausend und zischend kam das stolze Schiss heran. Snow hatte den Brief inzwischen mit einem Scheuerstein beschwert, mit Segeltuch umwickelt, verschnürt und nach Art einer Schleuder zugetakelt. Wie ein Pfeil sauste der Stein durch die Luft, als das Schiff uns in Lee passierte. Er traf das Großmarssegel, und fiel dann auf Deck. An der Luvreeling stand der Kapitän, und rief uns zu: „Wir werden den Brief zur Post befördern." Zn weiterer Unterhaltung blieb keine Zeit übrig. Im nächsten Augenblick hatte der Schnellsegler uns passiert, und in kaum einer Stunde war er außer Sichst „Ich wünschte nur, das Schiff hätte uns ins Schlepptau genommen, Jeß", seufzte Richard, als die Leute ihn wieder in die Kajüte getragen hatten. „Aber es schadet nichts. Es hat wenigstens Deinen Brief, und in ein paar Tagen wird Dein Vater wissen, daß die „Aurora" sich auf dem Grunde des Meeres befindet, und daß ferne hübsche Tochter auf der Heimreise ist, und in zehn Wochen mehr vom Seeleben gesehen hat, als viele Leute in viermal | soviel Jahren: Meuterei, Feuer, offenes Boot, afrikanisches Fieber, und ein gebrochenes Bein." Inzwischen hatten wir, mit Ausnahme eines Sturmes bei Kap Finisterre, fortwährend das schönste Segelwetter, und eines Tages eröffnete mir mein Mann, daß wir aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb der nächsten vierund- I zwanzig Stunden die englische Küste tn Sicht bekommen würden Dies war auch sonst noch ein denkwürdiger Tag I für mich. Es ereignete sich etwas, das ich niemals er- | wartet hatte, und das mir, hätte ich es vorher gewußt, 1 viele Sorgen erspart haben würde. Seit ungefähr vierzehn Tagen hatte mein Mann nie mehr über Schmerzen am Bein geklagt. Ich bemerkte, daß er sich bewegte, ohne das Gesicht vor Schmerz zu verzerren, und nahm an, daß ine Schmerzen nicht mehr so häufig seren, tote zuerst. Heute, als wir zu Mittag gespeist hatten, und tch chm Wasch^ wasser brachte, sagte er plötzlich: „Weißt --n, was ich glaube, Jessie? Mein Bein ist wieder zusammengeheilt. „Wie kommst Du darauf?" fragte ich, „Nun, zunächst kann ich es bewegen, ohne daß es mir weh thut. Die letzten Tage habe ich Versuche damit anqestellt. Zuerst fühlte ich dabei einen heftigen Schmerz. Ich sagte daher noch nichts, um nicht voreilige Hoffnungen bei Dir zu erwecken. Jetzt aber kann ich es frei bewegen. Sieh!" Damit hob er das Bein, und bewegte es mit großer Leichtigkeit. . , ., „Fühlst Du gar keine Schmerzen bubet ? fragte ich '„Nicht im geringsten." Nun, Richard, das scheint mtr aber höchst wunderbar. Dann ist das Bein am Ende gar nicht gebrochen gewesen. Er schnitt ein Gesicht, und erwiderte: „Das ist es ganz entschieden gewesen, so entzwei wie ein zerbrochener Pfeifenstiel. Aber ich will Dir sagen, was ich glaube, Jeß: Du hast eine glückliche Hand, und entweder, hat sich i der Knochen durch einen wunderbaren Zufall selbst tn | die richtige Lage gebracht, oder Du hast mit Deinen lieben Händen unbewußt das Bein ebenso kunstgerecht geschren wie der geschickteste Chirurg. Das ist meine Ansicht. Der Knochen ist wieder zusammengewachsen, und zwar, wie es sein muß. Wäre das nicht der Fall, so konnte ich das Bein nicht hin und her bewegen, ohne vor Schmerz z schreien, so wenig tote ich ein Ferkel tn einen Sack stecken I kann, ohne daß die Nachbarn es merken." Ich war außer mir vor Freude, und fragte, tom er nun zu thun gedenke. „Aufstehen, natürlich!" rief er. Das schien mir doch zu gewagt; dadurch konnte er I die Sache womöglich noch schlimmer machen, ^ch beichwor I ihn also, vorläufig noch nicht an Aufstehen zu dmiken. ’ „Wenn ich Krücken hätte, könnte es mtr doch nicht schaden", meinte er. ,, „Nein", sagte ich. „Dann brauchtest Du mtt dem 155 einen Fuß ja nicht aufzutreten. Wo willst Du aber Krücken herbekommen?" „Der Zimmermann kann mir in einer Stunde ein Paar machen. Zwei Besenstiele mit Krücken für die Arme würden schon genügen." (Fortsetzung folgt.) Das Ungesprochene. Novellette von E. Am een. Aus dem schwedischen Manuskript von Elsbeth Schering. (Nachdruck verboten.) Das Charakteristischste an dem Revisor Ek war seine „Korrektheit". Niemand konnte von ihm sagen, daß er sich jemals übereifert, sich vergessen oder unüberlegt gehandelt hätte. Ein strenger Prinzipmensch, unbestechlich rechtlich, pedantisch Ordentlich mit klarem Verstand und einer gleichmäßigen, ausdauernden Arbeitskraft — so war er als Jüngling gewesen und so lebte er weiter als Mann von 40 Jahren. Steif ih seinem Wesen, im allgemeinen alle Vertraulichkeit ablehnend, Trubel und flottes Leben verabscheuend, war er zwar ein hochgeachteter, aber nicht besonders beliebter Kollege in der Bank, an der er seit vielen Jahren angestellt war. Was er in seinem Innern eigentlich dachte oder fühlte außerhalb seines Berufslebens, toar für jedermann ein Rätsel. Man nahm an, daß er wenig Gefühle unter seinem rauhen Aeußern barg, und wenn er sich in Gesellschaften zeigte, mochte es- nun im intimen Familienkreise oder bei größeren „Abfütterungen" sein, wurde er für langweilig und unverwendbar gehalten, außer wenn am Spieltisch ein leerer Platz war, den er bisweilen ausfüllte, ohne ein eifriger Spieler zu sein. Daß er irgendwelche Liebesgeschichten der einen oder anderen Art gehabt hätte, hatte man auch nie gehört. Er wurde im Gegeuteil ein klein wenig für einen Weiberhasser und für einen unabänderlichen alten Junggesellen gehalten, dessen Hause seit langer Zeit dieselbe zu Jahren gekommene Haushälterin vorstand, die sich, auch der Gewißheit hingab, bis zu seinem Tode Alleinherrscherin in seinem Heim zu bleiben. Es rief darum große Verwunderung hervor, als man eines Tages, ohne daß jemand vorher eine Ahnung davon gehabt hatte, die Verlobung des Revisors in der Zeitung las, während fünf Wochen nachher Aufgebot und Hochzeit stattfanden. Die Verwunderung war noch größer, daß der Gegenstand ein junges Mädchen von 18 Jahren war, dessen Vater er ganz gut hätte sein können. , Maria Brunn hieß sie. Er hatte im Hause ihrer Eltern verkehrt, die fast sein einziger intimer Umgang gewesen waren. Zu ihnen war er ungebeten gekommen, und dort hatte er ungeniert gesprochen, wenn er wollte, und geschwiegen, wenn er wollte. Es war nicht wahrscheinlich, daß diese ihn in seinem innersten Wesen kannten, er blieb auch ihnen gegenüber verschlossen und zurückhaltend, wie er von Natur war, aber sie hatten ihn seiner vielen vortrefflichen Eigenschaften wegen hochgeachtet. Wenn sie mit andern von ihm sprachen und nicht recht wußten, wie sie ihn beurteilen sollten, schlossen sie immer damit, daß er so „korrekt" sei — und darin schlossen sie seinen ganzen äußern und innern Menschen ein. Marias Eltern starben beide gleichzeitig an einer ansteckenden Krankheit, und der Revisor sah sich seiner besten, ja seiner einzigen, wirklichen Freunde beraubt. Statt dessen aber hatte er ein 18 jähriges Mündel bekommen, da der Vater ihn zum Vormund des einzigen Kindes und zum Verwalter des kleinen. Vermögens, das er hinterlassen, ausersehen hatte. Ernst, steif, feierliche aber mit etwas blasserem Gesicht als sonst, übernahm der Revisor seine neuen Pflichten, von denen die erste war, dem trostlosen, in eine grenzenlose Trauer versenkten Kinde ein Heim zu schaffen. Er wußte nicht, wie er dazu kam, sein eigenes Haus für ihr sicherstes, friedvollstes Heim zu halten, wo er sie vor den Gefahren und Stürmen des Lebens beschützen und be- .hüten wollte. Er vermochte sich selbst nicht Rechenschaft zu geben über seine Gefühle, über diese unendliche Zärtlich^- keit, diesen Wogenschwall von Glück, Berauschung, Jubel, der ihn ergriff, und ihn gleichsam in für ihn bis dahin unbekannte und ungewohnte Regionen schleuderte. Er glaubte, daß es nur das sei, daß dieses hilflose, verlassene, weinende Kind ihn rührte und seine Fürsorge und seinen Schutz anrief. Er wollte dem erst nicht den Namen von Liebe geben, er wehrte sich dagegen wie gegen etwas seiner Unwürdiges, dessen er sich schämte. Seine Lebensbahn lag so sicher abgesteckt da, jede Stunde darin hatte gleichsam ihr wohlgeordnetes Fach, aber eins mit der Aufschrift „Liebe" war nicht dabei. Als er es aber vor fich selbst nicht mehr leugnen konnte, daß dieses Gefühl gekommen war, und darauf pochte, auch seinen Platz in seinem Dasein zu erhalten, ergriff ihn eine große Angst, die jedoch mit einem überschwellenden Jubel gemischt war. Aber er schloß es in sich ein, wie alles andere, und er hütete es so ängstlich, wie der Gefangenenwärter den gefährlichen Gefangenen, dessen Entspringen Aufruhr und Verwirrung im Gefolge haben würde. Auch zu ihr sprach er nicht von Liebe, dies Wort gab es nicht in seinem Wörterbuche, und es sollte nie über seine Zunge kommen. Sie, das arme, unerfahrene Kind, das Thränen im Blick und Lächeln auf den Lippen hatte, wie würde er sie erschrecken, wenn er ihr dies sagte — er hätte sie ja für immer verscheucht. Er bat auch! sie nicht um Liebe, wie hätte sie die gehen können und noch dazu ihm er bat nur, daß sie verttauensvoll ihre Hand in die seine legen und an seinen ernsten Vorsatz, ihr eine väterliche Stütze, ein ergebener Freund, ein guter Gatte zu werden, glauben möge. Als Vergeltung möge sie ein wenig Sonnenschein in seinem einsamen Heim verbreiten, es mit ihrer Gegenwart verschönen und vielleicht, wenn er es einst benötigte — er mußte ja so viel früher altern als sie - ihm die Pflege widmen, die er sonst von gemieteten, unsanften Händen würde kaufen müssen. So glaubte er, daß sie glücklich werden und ihr Leben zusammen in Friede-,t und Eintracht genießen könnten. Sie begriff sehr gut — daß es nur Mitleid war, was ihn vermocht hatte, sie zu seiner Frau zu machen. Aber sie hatte nicht genug Stolz, ihn zurückzuweisen, nicht genug Kraft, die Hand, die er ihr reichte, loszulassen — weil sie ihn.liebte, ihn liebte mit der ganzen ''Glut ihres Herzens und all ihrer Sehnsucht. Es war über sie gekommen wie ein zündender Blitz, als sie, allein und elternlos, niemand hatte, an den sie sich halten konnte, als ihn. Sie war so gewohnt, gestreichelt und geliebt und umschtvärmt zu werden, daß- sie nicht ohne das leben konnte, und als sie sich ohne Heim und ohne ihre Lieben sah, streckte sie ihre Hände in hilfloser Angst nach einem Ersatz aus für das, was sie verloren — und da war er ihr der nächste, bereit ihre Hände mit festem Griff zu erfassen und ihr nach Möglichkeit zu ersetzen, was sie verloren. Sie hätte unter Thränen und Lächeln in seine Arme sinken und ihm ins Ohr flüstern mögen, wie sehr sie ihn liebe. Aber seine gemessenen, wohl überdachten Worte, die wie eine auswendig gelernte Lektion klangen, und sein steifes, abweisendes Wesen, und sein fast strenges Gesicht hielten sie zurück. „Mitleid und Barmherzigkeit, das ist alles, was er zu geben jhat", sagte sie Zu sich selbst. „Dankbarkeit und häusliche Gemütlichkeit ist alles, was er zurückverlangt. Er soll sich nicht in mir täuschen, ich will sein, was er wünscht, und niemals soll er mit den Gefühlen geplagt werden, die ich vor ihm und der ganzen Welt verbergen will." Sie legte die Hand auf ihr stark klopfendes Herz, um seinen Schlag zu stillen und es zu beruhigen, und wenn sie ihres Gatten gleichmütigem Blicke begegnete, hatte ihr eigener eine stille Ruhe in sich, wie sich über ihr ganzes Wesen etwas Gedämpftes, Ersticktes, Ergebenes legte. Aber der früher lächelnde Mund hatte einen anderen Ausdruck" bekommen, einen Zug von Bitterkeit und Herbheit. Der Revisor schlug auf seinem Mittagsspaziergang den Heimweg durch den Schloßgarten ein. Es war Herbst, und der Park entwickelte all seinen prachtvollen Reichtum an wechselnden Farben, die sein Auge entzückt und seinen Sinn gefangen genommen hätten, wenn er poetisch veranlagt gewesen wäre. Aber das war er durchaus nicht. Er liebte Spaziergänge als eine wohlthuende Bewegung nach stundenlangem Stillsitzen, und er empfand die klare kühle Herbstluft als etwas Erfrischendes für seinen Körper. Im übrigem 156 war er jedoch so ganz und gar von seinen eigenen Gedanken und Phantasien in Anspruch genommen, daß er weder das Gold der Sonne auf rotem, gelbem und grünem Laub noch das Glitzern und Plätschern des Wassers bemerkte. Der korrekte, nüchterne Revisor phantasierte. Um sie spannen seine Gedanken und Träume ihr luftiges, goldenes Gewebe, an sie dichtete er diese Worte, unausgesprochen, aber doch in seiner Seele lebend. Nie aber sollten sie über seine Lippen kommen. „Sie saß vor einigen Tagen da, den Kopf halb äb- gewandt. Ich betrachtete sie, und ich! dachte so viel Süßes und Dummes und Thörichtes. Da mußte sie meinen Blick gefühlt haben; denn sie wandte sich hastig um, und ihr Blick begegnete dem meinen. Sie wurde zuerst rot wie Purpur und dann blaß wie eine Leiche, und sie führte die Hand plötzlich ans Herz und sah aus wie ein zum Tode erschrockener kleiner Vogel. Arme kleine weiße Taube — und ich, ich liebe sie so! Hätte ich ihr da etwas gesagt, so würde ich sie für immer verscheuch-t haben. Sie versteht die Liebe und Leidenschaft nicht, möchte sie nie zur Kenntnis derselben erwachen! Schlaf, schlaf, Herz, in Ruh — denn erwachst du, so muß ich dich! ihm lassen, der dich zum Leben erweckt hat — nicht einen Tag würde ich dich zurückhalten, aber der Tag, an dem du fortgingest, würde auch meinen Tod sehen. „Manchmal ist meine Sehnsucht, ihr alles zu sagen, unwiderstehlich; aber wenn ich es auch wagte, meine Zunge- könnte doch niemals Worte finden. Es giebt keine Worte dafür, es ist zu mächtig und groß für die alltägliche Sprache, und mir ist die Gabe des Wortes auch nicht gegeben." „Aber eines Tages wird die Verzauberung gehoben, das Band meiner Zunge gelöst werden, und die Worte werden ungehindert kommen, hervorströmend wie gewaltige Wogen — an dem Tage, da ich sterben muß. Sie wird an meinem Bette sitzen und meine Hand in der ihren halten, und ihre großen, herrlichen Augen werden mit Thränen gefüllt sein — Thränen des Mitleids und der Dankbarkeit und vielleicht des Vermissens. Ich weiß nicht, ob sie selbst dann mich verstehen wird — ich werde doch sprechen, weil es dann gesagt werden muß — sterbend werde ich ihr meinen jubelnden Liebes-Schwanengesang singen. Sie kann nicht mehr erschrecken, wenn ich sterben muß und es zu spät ist, etwas zurückzufordern von all dem Mächtigen und Reichen und Seligen, das ich empfunden, und das sie mir nie hat wiedergeben können. Aber so wird meine Todesstunde der glücklichste Augenblick meines Lebens werden. . . und sie wird meiner gedenken und über mich weinen. . ." Das Unergründliche, das Unfaßliche, das Entsetzliche ist geschehen. Sie ist tot und nicht er. Sie war nur ein paar Tage krank, und noch an dem Morgen, als er nach seiner Bank ging, ahnte niemand, daß das Ende so nahe sei. Es war ein Herzschlag und kam ganz plötzlich, während er fort war. Niemand war bei ihr gerade da, niemand hielt ihre Hand, als ■ der Lebensfunke erlosch, und auch niemand wußte, was ihr letzter Gedanke gewesen. . . In einer Schublade ihres Schreibtisches fand der Revisor ein versiegeltes Couvert mit der Aufschrift: An meinen Gatten. Nach meinem Tode zu öffnen. Er erbrach das Couvert und fand einen kleinen Brief darin. Er entfaltete ihn und las: „Wenn ich tot bin, wird dieses in Deine Hände kommen. Es soll Dir sagen, was meine Zunge niemals hat aussprechen dürfen — daß ich Dich liebte, Dich immer geliebt habe mit der brennenden/ ungeteilten Liebe meines ganzen Herzens! Du nahmst miä) aus Barmherzigkeit, aus Mitleid, und Du bist immer gut zu mir gewesen, aber es war eine Güte, die mein Herz hungern und frieren ließ. Es war etwas anderes, etwas viel Größeres, nach dem mein Wesen sich sehnte, nicht nur dieses Matte, Achtungsvolle, Beschützende. Ich hätte Dich darum bitten mögen, aber etwas hielt mich immer zurück — ich fürchtete Deinen mißbilligenden Blick oder ein Wort, das uns von einander entfernen würde, statt uns näher zu bringen. Manchmal glaubte ich eine Erwiderung meiner Gefühle in Deinem zögernden Blick oder im Beben Deiner Stimme zu lesen, und mein Herz hörte auf zu schlagen, in atemloser, entzückter Erwartung — aber es war nur meine eigene Sehnsucht, die mich betrog. Deine Natur ist so, daß Du die rote, zündende Flamme der großen Liebe nicht verstehen kannst, die alle Gefühle in sich schließt. Keiner anderen Frau hast Du mehr gegeben als mir, das weiß ich; alles, was Deine kühle Natur geben konnte, wurde mein, aber, o Robert, wie arm und wenig war es gegen die brennende, bebende Sehnsucht meines Wesens! Und gleichwohl danke ich Dir und segne den Tag, der mich zu Deiner Frau machte und mir Dich! zum Freund, zur Stütze und zum Gefährten gab. Hab Dank für alle Erinnerungen, für alles, was unser Gemeinsames wurde — daß das Tiefste, Wesentlichste fehlte, dafür konntest Du nicht. . . Ich bin froh, daß Du es nun weißt, und daß ich es Dir gesagt habe. Du wirst mild von der Toten denken deswegen, und Du wirst oft nach meinem Grabe gehen und Blumen darauf streuen, aber es sollen die roten Rosen der Liebe sein, Robert! • Wenn dieses in Deine Hände fällt, ehe ich begraben bin, so gehe und lege Deine Hand auf mein Herz, unb es wird sie vielleicht fühlen, und flüstere meinen Namen, wie Du es uie gethan hast, so lange ich lebte, und mein Ohr wird es vielleicht vernehmen..." Das Papier entfiel seiner Hand, er barg das Gesicht in den Händen und brach in gewaltsames Weinen aus, zum ersten Male seit seiner Kindheit. Blumenpflege. DasAb st erben derNelkenstöcke von der Wurzel an aufwärts wird durch, mikroskopisch kleine Aelchen verursacht, welche massenhaft in der rohen Lehmerde unter der Rasenfläche vorkommen. Daher ist es angezeigt, als Nelkenerde niemals Lehm in frischem Zustande zu verwenden, sondern denselben vor der Benutzung erst längere Zeit liegen zu lassen und ihn von allen Pflanzenüberresten zu säubern. „Prakt. Wegweiser", Würzburg. Biideerätsel. (Nachbildung verboten). Auflösung in nächster Nummer. W Auflösung des Geographischen Rätsels in voriger Nummer: Kiel, Halberstadt, Parma, Italien, Sachsen, Magdeburg, Transvaal, Rußland — Karlsbad. Mr Bmenfmmde! Anfang und Mitte April werden die „Familienblätter" ein Preisrätsel bringen. Die Einsender der ersten vier richtigen Lösungen erhalten als Preis je ein gebundenes Exemplar des von der Kritik als eine Erscheinung allerersten Ranges gekennzeichneten Buches Siegen oder Sterben. Die Helden des Bnrenkrieges. Bilder und Skizzen nach eigenen Erlebnissen von Fred. Rompcl, Parlamentsberichterstattcr und Kricgskorrespondcnt der „Volksstimmc" in Pretoria. Die Namen der Gewinner werden seinerzeit in den „Familienblättcrn" veröffentlicht, und sind die Preise gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in unserer Geschäftsstelle Schulstraße 7 in Empfang zu nehmen. »edalrion: ®. Burkhardt. — Bruck und «erlag der Brühl'schen Umserfi-Stl^uch- und ©tetabruderei (Pietsch »rde«) tx Meße»