(Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) lieber meine Schwermut wurde nicht mehr gesprochen; ich hörte überhaupt mehr zu, als ich sprach. Es war ein kalter, rauher Abend, ich saß neben meinem Vater am Feuer, Herr Fowler, uns gegenüber, erzählte von seinem Seeleben und von seinen Eltern. Er sprach mit so mannhafter Zärtlichkeit von den Heimgegangenen Lieben, daß man ihn von Herzen lieb gewann. Ich lauschte seinen Worten und wünschte, dieser Abend möge nie enden. Mein Vater beschränkte sich ebenfalls auf das Zuhören, was mir fast auffallend erschien, da es sonst nicht seine Art war. Herr Fowler bemühte sich wiederholt, ihn in die Unterhaltung zu ziehen, aber es gelang ihm nicht. Er war so zerstreut, daß es mir wohl noch mehr ausgefallen wäre, wenn ich nicht so sehr beschäftigt gewesen wäre, in Herrn Fowlers hübsche Augen zu blicken. Als unser Gast sich um elf Uhr erhob, schüttelte mein Vater ihm zum Abschied die Hand, und sagte: „Nun, Fowler, kennen Sie hoffentlich den- Weg zu uns. Wir haben's nötig, daß man uns aufheitert, und Sie sind der Mann, der das versteht. Sie bleiben doch noch einige Zeit an Land und thun ein gutes Werk, wenn Sie einem alten Manne Gesellschaft leisten, der sich um so einsamer fühlen muß, da sein Mädel sich überall herumtreibt." „Nur in Gedanken, Vater", sagte ich lachend. Herr Fowler dankte herzlich für die Einladung. „Ich nehme Sie beim Wort, uni) werde sehr ost kommen", sagte er, indem er mich dabei anfah, — vielleicht, um sich 'zu überzeugen, wie ich diese Absicht aufnähme. , Ich schwieg und glaube, daß er in meinem Gesicht keine Veranlassung zum Fernbleiben finden konnte. Dann reichte er mir die Hand, und verließ das Haus. Mein Vater trat ans Fenster, und folgte mir aufmerksam mit den Augen, als ich den Tisch abdeckte. „Also, Jessie", sagte er ein wenig traurig, „Du findest unser Leben langweilig? Nun, ich glaub's." „Ich kam niedergeschlagen nach Hause", antwortete ich, „und sagte mehr, als ich wollte. Ich fühle mich nur einsam. 1901. - Nk. 9 1 H • Ehr' und Reichtum treibt und bläht, Hat mancherlei Gefahren, Und vielen hat's das Herz verdreht, Die weiland wacker waren. M. Claudius. wenn Tu fort bist; denn das Haus ist so düster ohne die ibitttter. „Ich muß mich aufrasfen", sagte er, „und Freunde zu uns einladen. Viele würden gern kommen — meistens Seeleute; die hast Du doch gern, Jessie?" Ich lächelte. „Wie denkst Du über Fowler?" fragte er, gleichfalls lächelnd. „Er ist ein schmucker Bursche, Vater", sagte ich, „ein schneidiger Seemann." Unwillkürlich sprach ich mit einem Anhauch von Wärme, und der Ausdruck in meines Vaters Gesicht zeigte mir, daß dieser warme Ton Eindruck auf ihn gemacht hatte. „Ich sagte Dir ja, daß er ein netter Mensch ist. Ich glaube, der bringt es noch einmal weit. Der würde Dir schon die Schwermut austreiben, Jessie, was meinst Du?" Es wurde mir schwer, eine Antwort darauf zu geben, und so fuhr mein Vater fort, mir von seinem jungen Freunde zu erzählen, und in zarter Weise anzudenten, daß derselbe an mir Gefallen fände. Siebentes Kapitel. Richard Fowler erklärt sich. Ob der Gedanke, Richard Fowler und ich könnten uns liebgewinnen, verloben und verheiraten, schon damals im Geiste meines Vaters lebte, weiß ich nicht. Aber nachdem wir uns gute Nacht gesagt hatten, und ich allein war, konnte ich doch den Gedanken nicht vermeiden, daß meines Vaters dringende Einladung an Herrn Fowler, er möge uns täglich besuchen, nicht ganz ohne Nebenabsichten war. Er hatte ja früher schon davon gesprochen, daß ich nun alt genug sei, an einen Gatten zu denken, und vielleicht hielt er es auch für seine Pflicht, mich zu versorgen, ehe er meiner Mutter nachfolgte. Als wir uns am nächsten Morgen beim Frühstück trafen, schloß ich aus seinem Wesen, daß er ernsthaft mit mir reden wollte, und mein Herz schlug heftig. „Ich versprach jemand", begann er, „ihn heute in Süd-Shields zu besuchen; ich soll sogar mit ihm speisen. Dich kann ich nicht mitnehmen, Jessie, und möchte Dich doch auch nicht gern wieder den ganzen Tag allein lassen. Ich denke also, wir bleiben tn Newcastle und machen zusammen einen langen Spaziergang. „Nein", sagte ich, „wenn Du eine Verabredung hast, so mußt Du sie auch halten." „Glaubst Du?" sagte er ganz vergnügt; denn sein Herz hing an den alten Seebären in Shields. „Ueber- dies kann ich Herrn Fowler mit nach Hause bringen. Wenn ich ihn nicht abhole, wird er wohl nicht zwei Tage nach einander kommen." „Ich glaube, Du bist in Herrn Fowler verliebt. 34 - Gewiß will ich das thun", antwortete er entschlossen, „sobald er kommt. Ueberlaß ihn nur mir." „Er wird glauben, Du Nullst mtch gern los sem, Vater", entgegnete ich und fühlle tote ich errötete. „Du sprichst nur noch von ihm." , ~ P „Nun, wie soll ich's machen?" fragte er lachend, „soll ich zu Hause bleiben, oder soll ich nach Shtelds gehen, und Mach/,"was Pu willst", antwortete lch^^acheinem kleinen Streit bekam jeder von uns semen Willen, und der «equawr^e^ fcenn das so genau?" fragte ich „Woher^tch's weiß? Woher weiß ich, wenn ein Sturm droht, wenn mein Schiff falschen Kurs steuert? Aus eigner Wahrnehmung. Wozu hat mir der liebe Gott meme zwei Augen ugegeben?ihn ettoa fragen, ob er mich liebt?" sagte ich ganz verwirrt, und wußte nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Vater ging nach Shields. I . Als er abends, tote ich gehofft hatte. Mit Herrn I Fowler zurückkam, blieb ich eine ganze Stunde tn meutern 1 Schlafzimmer, kleidete mich um, und steckte ntetn Haar aus. I Ich trug natürlich Trauerlleider, aber tch sah des- I halb nicht schlechter aus. Wenn ich heute an dtese madchen- I haften Vorbereitungen zurückdenke, so muß tch lachen. ^ I Mein Vater bemerkte augenblicklich, welche Muhe tch 1 mir mit meinem Anzug gegeben hatte. Darmbltckte er 1 verstohlen nach Herrn Fowler, um zu sehen, welchen Em- druck meine Erscheinung wohl machen wurde. 1 Von diesem und den folgenden Wenden tst ntcht vtel I zu erzählen. Herr Fowler blieb noch fünf Wochen an Unb und besuchtemns fast jeden Abend. Als es endltch sogar mm, I die ich doch keine Erfahrung in solchen Dtngen hatte, ntcht mehr zweifelhaft war, daß ich sem ganzes Herz besah, I da schenkte ich ihm auch das meme. Aber noch tmmer I hatte keines von uns beiden etwas merken lassen. I Mein Vater machte nie die llemste Ansptelung auf dte I Dinge, die sich vor seinen Augen entwtckelten, und schten I ihnen keine Beachtung zu schenken. i Am letzten Tage vor Herrn Fowlers Abretse faß tch I nachmittags mit meinem Vater zu Hause. Es hatte den I ganzen Tag geregnet. Ich hatte tn der Nahe des Kamm- I feuers genäht; als ich nichts mehr sehen konnte legte ich die Arbeit in den Schoß und lehnte mich m den I Stuhl zurück. An was ich dachte, kann man ftch vorstellen, ich liebte einen Seemann, der am folgenden Tage abretsen wollte. Er nahm mein Herz mit stch, und lteß nur dafür nicht ein einziges Liebeswort zuruck, nut dem tch mtch in ’S SSSfffW? dSweastler T^es-Chronik versenkt. Er hatte allmählich beigedreht, wte dte Seeleute zu sagen pflegen, und ließ den Feuer sch,em auf dte Zettung fallen. Endlich warf er das Blatt hm, gähnte lomt, stellte sich vor das Feuer, und warf etnen langen Bltck zum Fenster hinaus. Dann fragte er mich: „Schläfst Du, Jessie?" „Nein", antwortete ich. „Weißt Du, Mädel", sagte er gedankenvoll, „wenn Du Dich verheiratest, ziehe ich nach Shtelds; wentgstens glaube ich daß ich es thun würde. Ich habe tmmer gescha tltch dort ztt thun, und dieses Hin- und Herretsen tst sehr lasllg. „Aber Du würdest Dich doch schwer von dem alten Hause trennen", wandte ich ein. Ich habe doch dem Meere Valet sagen können, das ein viel älteres Heim ist", antwortete ntetn Vater. Er sah sich im Mmm« um. - torWitieu s-ngm uitch zu langweilen. In Shields wurden ste besser aussehen. An sich sind sie ja nicht häßlich, aber ste gehören tu eine andere Umgebung." _ . . Wenn Du etwa vermutest, daß Herr Fowler mtr emen Antrag gemacht hätte", erwiderte ich sehr ernsthaft, „so rrrft Dich . mit eine ehrliche Antwort geben, wenn ick Dich etwas frage. Liebst Du Dick Fowler?" Diese Frage konnte ich nicht mit Worten beantworten, weil ich nicht Nein sagen konnte. Ich saß schwetgend mtt gebeugtem Haupte da. Endlich sagte er: „Das tst sovtel, wie Ja Der junge Herr wird deutltcher mtt der Sprache herausrückens Un ?dj mit l»mR-1° °n Eurem eignen Liebesfeuer tote ein Stuck Wachs unter dem SSÄ ihn für einen solchen Esel hielte" antwortete er, „so möchte ich ihn ntcht haben, und Ware er der Erbe des englischen Thrones. Es wurde nicht weiter darüber gesprochen, und der Nachmittag verstrich. Wir saßen beim Thee, als es tlmgelte. '-ick war überzeugt, daß es Herr Fowler sei, und sagte aus- SLn” „toÄter, roirft md)t mit ihm ’ («Ptnifc wi>rde ick es thun", erwtderte er. ''®ann wirst Du mich heute abend nicht mehr sehen", sagte ich und eilte fort. Er rief mtr nach, tch solle doch bleiben, und meinen Thee austrinken. Was er sonst voch sagte, "weiß ich nicht, da ich hinausstürzte/ ehe düs Mädchen bte die’Thür meines Schlafzimmers offen.stand,konnte ich deutlich Herrn Fowlers und vtemes Vaters Sttmtne unterscheiden. Ich zündete Licht an und setzte mtch. Nach dem warmen Wohnzimmer kam mtr das Schlafgemach seh kalt vor, und ich wollte schon zu Bette gehlen, um ntcht binunter zu müssen, falls mein Vater mtch rufen sollte. Ein Blick auf die Uhr belehrte mich jedoch, daß es zumerk- i würdig aussehen würde, wenn tch um halb steben Uhr I at>^Fast’dretwertet"Stunden war ich nun schon oben und trn*. sqü t(f-i aans vergaß, was unten im Wohnztmnter SVuktt Ä9 ®« »s-t°7ch Eich ein wn.es Steh» im Korridor, und darauf ein merkwurdtges Geräusch, das man wäre nicht das Stöhnen vorhergegangen, für unterdrücktes Gelächter hätte halten können. Es war unzweifelhaft Vaters Stimme. In demselben Augenblicktrat das Dienstmädchen ein: „Bttte, kommen Ste I doch nach unten, Fräulein'." I „Was giebt's denn", rtef tch aus. Aber schon wa I sie die Treppe hinuntergestürzt, ohne mtr etne Antwort Da^ich ernstlich fürchtete, daß mein Vater sich irgendwie verletzt habe, überwand ich sogar ntettte Scheu bo I einem Zusammentreffen mtt Herrn Fowler, ^ch dachte n an menten Vater und stürmte hinunter. Unten tn d« Thür des Wohnzimmers stand Herr Fowler; wemVatei war nicht zu sehen. Klopfenden Herzens fragte tch, w° j mein Vater wäre und was ihm Angestoßen Jet. I Wenn Sie hineinkommen, und Platz nehmen wollen^ I antwortete er mit halbem Lächeln, „so werbe tch ^hne. I die ®^,tourj)e ^eueIrot. penn ich durchschaute den Streich den man mir gespielt hatte. In meiner Wut, - so erzahv I er mir später — hätten meine Augen formltch Funket S Äun Sie einmal hier sind, werden Sie hoffentlt-l auch "bleiben", meinte er. „Ich habe Ihnen etwas zu saW Ich gehe morgen in See, wie Ste wtssen, und.werde St- wenn überhaupt je, so doch etntge Monate ntcht toteber ’^^Das wußte ich nur zu gut, und wußte doch auch daß, wenn ich jetzt Herrn Fowler verlteß, tch dtesen Schrt« nach zehn Minuten bereuen würde. , ,.nf( Ich wollte mich nicht setzen; allmahltch aber beruhtgt! er mich, indem er mir erzählte, daß er an dem Schlach. plan des Vaters ganz unbetetllgt Jet. Der Stretch war nur in der Wsicht ausgesührt worden, mtch herunter 8» l°^",Äuf ihn können Sie doch nicht ärgerlich sein", sagt' er. „Er liebt Sie so zärtlich, Jessie, und denkt ja nut daran, Sie glücklich zu machen." . „Das weiß ich wohl", antwortete tch. Es Jtel tm auf, daß er mich Jessie nannte; denn btsher hatte a mich stets Fräulein Suowdou genannt - und doch tlans mir der Name, als er thu aussprach, so fuß, wte n guöoe. er mit (eifer Stimme, „Sie wissen was'Seemanns Art ist. Ich kann nicht viele Worw mach und will gerade heraus reden, und Ihnen offen sagen was mir das Herz bewegt. .Ich nenne Ste Jesste, oen unter diesem Namen denke ich fortwährend an St , I er macht mir das, Was ich zu sagen habe, um so letcy 35 — gossen, sein", ; ant- d wäre ad der ingelte, sie auf- rechen." sehen", [le doch ist noch Rädchen , konnte Stimme h. Nach ach sehr m nicht n sollte, zu merk- ben Uhr »den und uzimmer Stöhnen sich, das r unter emselben amen Sie chon wm Antwort ) irgend- -cheu vor achte nui : in d« ?tn Vater ich, too : wollen" ch Ihne« n Streich o erzählt! ) Funker hosfentliei zu sagen jerbe Sie t wieder »och auch en Schritt beruhigt! t Schlacht- reich wa« runter z» ein", sagt" Et ja niu z fiel tnit hatte er doch klan? j, wie ui! ie wisse», rte machen fett sage» ssie; den« Sie, u»t so leichte» Ich habe Sie geliebt, Jessie, vom ersten Tage an, wo wir uns begegneten, — als Sie weinten und der Tod in dieses alte, trauliche Haus eingekehrt war. Oft schon wollte ich Ihnen sagen, daß ich Sie liebte, aber ich fürchtete. Sie würden sagen, daß Sie mich noch nicht genügend rennen gelernt hätten. Das mag in Bezug aus Sre richtrg sein, nicht aber in Bezug auf mich. Ich habe Sie damals kennen gelernt, als Ihre selige Mutter starb, obgleich ich kaum eine Minute mit Ihnen zusammen war, und seitdem habe ich Sie geliebt. Ihr Vater ist ein einfacher Seemann, wie ich. Als ich kam und ihn allein fand, fragte ich nach Ihnen. Er verriet mir seine Unterredung mit Ihnen, und den Grund, weshalb Sie fortliefen, als Sie mich die Klingel ziehen hörten". Hier hielt er inne, und ich fühlte; — denn ich bückte mit gesenktem Kopse von ihm weg — wie er meine Hand ergriff und sie drückte. „Was sagte mein Vater?" fragte ich flüsternd. „Er sagte, daß Sie mich anhören, und nicht böse werden würden, wenn ich Ihnen von meiner Liebe spräche". Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er sah es und fragte: „Hat er recht gehabt?" — „Er hätte mit Ihnen überhaupt nicht von mir sprechen dürfen", sagte ich mit abgewendetem Gesicht. „Ich sprach aber zuerst" meinte er. „Ich fragte, wo Sie wären, und das führte uns auf dieses Thema. — Setz' Dich, Jessie, mein Lieb. Run Du einmal hier bist, darfst Du nicht wieder fortgehen und Dich verstecken. Deine Hand ist eiskalt." Dabei streichelte er zärtlich meine Hand. Ich setzte mich und that alles was er verlangte. Ich war eben so froh, wie vorher befangen und niedergeschlagen. Wie ost hatte ich daran gedacht, ob mir wohl sein Herz gehörte, und nun saß er neben mir und bat mich, seine Gattin zu werden. (Fortsetzung folgt.) Nachtwandler. (Nachdruck verboten.) Ein bedeutender Nervenarzt äußerte sich kürzlich dahin, daß das Nachtwandeln in der Zunahme begriffen sei. Er betonte, daß er vor 10 oder 15 Jahren viel weniger Fälle dieser Art behandelt habe, und andere Nervenärzte werden dies vielleicht bestätigen können. ist in der That eine recht ernste Krankheit; denn die Nachtwandler sind sehr häufig großen Gefahren ausgesetzt. Andererseits bestehen sie im schlafwandelnden Zustand mancherlei Prüfungen und vollführen waghalsige Künste, mit denen sie wachend, [mit allen Geisteskräften ausgestattet, kaum zurecht kotnmen würden. So hatte z. B. ein englischer Nervenarzt einen Patienten zu behandeln, welcher sehr häufig zur Nachtzeit aus seinem Bette zu steigen pflegte, um Ausflüge zu machen. Um ihn vor Gefahren zu schützen, ließ man einen Wächter in seinem Zimmer schläfern Änes Nachts schlief aber dieser sehr fest, und der Patient konnte sich, ungestört von seinem Lager erheben und sich ankleiden, um wieder auszugehen. Als er nun aber die Thür verschlossen sand, stieg er durchs Fenster und ließ sich- am Regenrohr hinab, um schlafwandelnd durch die Stadt zu streichen. Bald darauf wurde seine Abwesenheit bemerkt, und man sandte Uun nach verschiedenen Richtungen Boten aus, von denen einer den Nachtwandler zurückbrachte. Dieser Vorgang war deshalb besonders merkwürdig, weil das Regenrohr nicht vertikal abwärts geführt war, sondern in verschiedenen Bogen und Windungen verlief, so daß es schon einer katzenartigen Geschicklichkeit bedurfte, um daran abwärts zu klettern. Ms ich noch die Schulbank der Quarta drückte, hatte ich selbst einen Keinen Kameraden, der schlafend durch die Zimmer wanderte. Er schlief mit seinem Vetter in einem Zimmer; und dieser hatte es zwei- oder dreimal beobachtet, ehe er seinen Eltern davon Mitteilung machte. Ter kleine Nachtwandler wurde zur Rede gestellt, er glaubte jedoch, daß man sich einen Scherz mit ihm mache und behauptete, sein Bett oder vielmehr das Sofa, auf dem er schlief, nicht verlassen zu haben. Man stellte ihm nun einen schweren Tisch vor sein Lager und glaubte, ihn dadurch von seinen Exkursionen zurückhalten zu können. Auch der Vetter war beruhigt und schlief besfer als zuvor. Eines Nachts wurde er jedoch durch ein kleines Geräusch geweckt; er richtet sich auf und bemerkt mit nicht geringem Schrecken, daß sein kleiner Kamerad leicht und behende über den Tisch springt, um dann wie früher seine Wanderungen durch die Zimmer zu unternehmen. Neugierig was nun geschehen werde, verhielt er sich ganz still. Ter Patient kehrte zurück, stützte die Hand auf den Tisch, schwang sich hinüber, um darauf ruhig seinen Schlaf fortzusetzen. — Ich will noch bemerken, daß der Knabe keineswegs krankhaft aussah, aber ungewöhnlich lebhaft war, was sich auch in der hastigen Sprache kundgab. Es ist bekannt, daß viele Schlafwandler ihre gewöhnliche tägliche Beschäftigung fortsetzen, während sie fest schlafen; am anderen Morgen sind sie sehr erstaunt über den bedeutenden Fortschritt, den ihre Arbeit während der Nacht gemacht hatte, während sie fest schliefen. Einer diesen Fälle ist ziemlich drollig. Ein bemittelter Herr machte gern Holzschnitzereien, und hatte sich eine beträchtliche Geschicklichkeit darin erworben. Einmal war er mit einer riesigen Truhe beschäftigt, die er zu einem bestimmten Datum vollenden wollte. Ws er eines Morgens in seine Werkstatt ging, war er erstaunt, zu sehen, daß während der Nacht irgend jemand ein großes Stück seiner Truhe geschnitzt hatte, und genau nach seinem Muster. Da er nicht einen Augenblick vermutete, daß er Nachtwandler wäre und selbst, die Arbeit im Schlaf ausgeführt hätte, machte er einen schrecklichen Lärm darüber, daß jemand so dreist gewesen wäre, sich in seine Arbeit zu mischen, und drohte, alle Dienstboten zu entlassen, wenn der Schuldige nicht gestehen würde. Keiner gestand jedoch, und die Dienstboten erhielten ihre Kündigung. Als er aber am nächsten Morgen seine Werkstatt betrat, war die Truhe ganz vollendet, und zwar drei Tage früher, als er berechnet hatte; diesmal war die Arbeit des geheimnisvollen Schnitzers nicht so gut, wie die [einige. Tie Truhe wurde aber trotzdem an denjenigen abgesandt, dem sie zuge- chrcht war. Am folgenden Morgen war das Haus in Aufregung. Tie Diener entdeckten in der Werkstatt des Herrn eine massive Kommode, welche unbarmherzig nach dem Muster der Tags zuvor weggeschickten Truhe ausgeschnitzt war. Das ging natürlich über alle Begriffe. Ein zuverlässiger Diener sollte die Nacht hindurch wachen. Er entdeckte nichts. Der Herr glaubte, dieser Mann könnte eingeweiht fein, und beschloß, eine Nacht lang selbst zu wachen. Aber er hatte zu gut gespeist, und schlief auf seiner Wacht in der Werkstatt ein. Nach einiger Zeit schlich einer der Diener herab, um den geheimnisvollen Schnitzer bei der Arbeit zu überraschen. Seine Erwartung erfüllte sich. Da stand der Hausherr in Hemdsärmeln, und schnitzte an feiner Kommode mit allergrößtem Fleiß. Seine Demütigung am nächsten Morgen kann man sich leicht vorstellen. — Er begab sich sofort in die Behandlung eines Nervenarztes, und diesem verdanke! ich diese Mitteilung. Der Patient wurde vollständig, geheilt. ' 1 Hdt Die Verfälschung des gebrannten und gemahlenen Kaffees. Von A. Rohde.